An geöffneter Tür

Part 2

Chapter 23,708 wordsPublic domain

Und dann hat er die Lehne meines Stuhls umklammert. Ich habe mich aufgerichtet, seinen Kopf in meine Hände genommen, -- und habe ihn küssen wollen.... Und da -- Aug' in Auge -- sah ich in dem seinen plötzlich etwas aufblitzen.... Bangigkeit -- Furcht -- Grauen....

Ein Blick, ähnlich wie jener, der meine Kindheit vergiftet hat, damals, als ich mein Schwesterchen küssen wollte, und mein Stiefvater mich zurückriß....

Er hat sich dann rasch losgemacht und allerlei gesprochen -- von der Ehrlichkeit, auf die unsere Freundschaft sich gründete -- -- er hätte in der Tat eben ein wohl entschuldbares Gefühl von Furcht gehabt -- die Furcht des Genesenden vor dem Kranken -- das wäre etwas ganz Animalisches und hätte nichts mit unserem Seelenbund zu tun ... ich solle das richtig und gütig auffassen ....

Nein und tausendmal nein. -- Ich habe ihm äußerlich recht gegeben und bin beherrscht und freundlich geblieben bis zum Abschied. Aber nächtelang habe ich gewinselt wie ein geschlagener Hund -- und hab' ihn gehaßt und verwünscht und bin doch nicht von ihm losgekommen, wie sehr ich auch nach einem Abschluß gejammert habe....

Nun, der war ja bald da, ein ganz radikaler dazu....

Sechs Wochen später kam seine Todesnachricht.... Überarbeitung -- Lebensrausch -- Erregungen -- sagte man uns -- alles vernichtende Dinge für einen »geheilt Entlassenen«....

Gilt das nicht auch mir? Ahne ich nicht jetzt eben schon den langsam aufstechenden Schmerz in den kranken Stellen? -- Steigt mir nicht eben schon der fade, flaue Geschmack des ausströmenden Blutes in die Kehle? ... Nein, ich will nicht.... Ich habe mit dem Tode jetzt nichts zu schaffen --, leben will ich -- unter Lebenden will ich mir meinen Platz suchen. Fort mit den Toten....

Mamas Freunde sollen kommen -- sie haben Fleisch und Blut und werden die Schatten, unter denen ich hause, verscheuchen....

Ich werde keine einsame, mehrtägige Fahrt unternehmen, um ihnen aus dem Wege zu gehen -- ich will Stimmen hören, die nicht aphonisch geworden sind, ich will mir von Dingen erzählen lassen, die in der Welt des Lebens vorgehen.

Ich will auch den beiden Abgesandten der Familie zeigen, daß ich zu den Gesunden gehöre.

Und darum hole ich mir jetzt Frische und Klarheit für meinen etwas schwindelnden Kopf.... Mein Wagen steht vor der Tür -- also hinaus in die Sonne --, und um das neue Leben nicht mit einiger Folgerichtigkeit zu beginnen --, an den schönen Bergsee, den sie zwingen wollen, weitab von seiner heiligen Stille mit 45000 Pferdekräften für sie zu arbeiten.

* * * * *

Also die Begegnung mit dem Kommerzienrat Hillman ist mir geradezu ein Erlebnis geworden.

Meine Gedanken schwirren auf allen möglichen Lebensfeldern umher und praktische, bange, kokette, glückverlangende Erwägungen überstürzen sich in mir. Seit einer Stunde laufe ich in dem kleinen hellen Salon, den ich mir habe geben lassen, hin und her, unstet und ruhelos.

Nur wenn ich an dem blumenumrankten Eckspiegel haltmache, schießt ein Gefühl von -- ich kann nicht anders sagen -- stolzem Entzücken in mir auf. Ich habe eine hohe Freude an meiner Schönheit. Sie ist, mit allem anderen, ein Erbteil meines Vaters. -- Und gerade jetzt, wo die Hoffnung neues Leben in mein Gesicht gezaubert hat, dessen Züge ich so genau und so sachlich studiert habe, -- muß ich selbst staunen, welche Kraft und welchen Glanz meine blauen Augen bekommen haben.

Ich gleiche genau dem vielbewunderten letzten Bilde meines armen Papa, dem das Schicksal die letzte Grausamkeit, den Verfall durch die gräßliche Krankheit ersparte, indem es ihm einen plötzlichen Tod bescherte.

Merkwürdig übrigens, daß Todesnähe und intensives Lebensbewußtsein so gleiche Ausdrucksmittel haben können....

Vielleicht, weil beide die Blicke für noch Ungeschautes weiten?

Ach, ich fühle ja bei jedem Schritt, den ich im Verkehr mit der lebendigen Welt mich vorwärts taste, daß Neues, Wunderbares auf mich wartet, und ich muß für mich immer wieder auf das Bild zurückkommen, daß ich an einer geöffneten Tür stehe, hinter der viele Wege in das schöne, große, unbekannte Leben führen.

Welchen werde ich wählen unter den sonnen- und mondglänzenden, den dämmerigen und den dunkeln? ...

Ob der Freund meines Vaters, der mich vorhin verlassen hat, dieser weltkundige alte Mann mit den jungen, zärtlichen Augen irgendwo als Wegweiser dastehen wird?

Es ist so merkwürdig, wie da plötzlich eine Brücke von dem alten verschollenen Kinderland über die Gegenwart hinweg in die Zukunft führt.

... Als der Kommerzienrat Hillmann pünktlich auf die Minute seiner Anmeldung bei mir eintrat, hatte ich in demselben Augenblick ein ganz deutliches Bild vor mir, dessen ich mir eigentlich nie klar bewußt gewesen bin.

... Ein Balkon, von stark duftenden blauen Blumen überhangen, ein Stückchen grauer Himmel, im Winde raschelnde Wedel einer Dattelpalme, die hoch über das Haus ragt, -- ein Liegestuhl mit einem Kranken darin, der schwer atmet und hüstelt. Über ihn gebeugt -- dieser Mann, der eben eintrat, meine Hand festhielt und mich anstarrte wie ich ihn.

»Es ist geradezu wunderbar wie Sie ihm gleichen, liebes Kind,« sagte er und nahm auch meine andere Hand.

Mir war's, als tauche hinter dem Forschen seiner herrschenden dunklen Augen etwas wie Güte und Teilnahme auf, aber es rührte mich nicht.

»Ich glaube Sie wiederzuerkennen, Herr Hillmann. Ich muß Sie an der Riviera irgendwo, als kleines Kind gesehen haben,« sagte ich. Wir setzten uns, und ein kleines Schweigen entstand....

»Sehr richtig, in San Remo,« sagte er dann, und das menschlich Herzliche verschwand aus seinem Blick. Er war nun ganz der aufs äußerste soignierte, gut erhaltene ältere Lebemann, ein Typ, den ich -- ach wie genau! -- kenne, und mit dem ich immer gut fertig werde.

Diese Art Männer, die ihr Leben auf das Weib gestellt haben, scheinen mir in der gewissen Abendbeleuchtung, die über ihrem Wesen liegt, anziehend und rührend; sie sind dankbar für jedes Lächeln, und nehmen jede Augenblicksstimmung als das, was sie ist, ohne Versprechen für die Zukunft.... Und sie haben so viel von den schauerlich-schönen Lebensgeheimnissen ergründet, die uns Junge so mit Qual und Erwartung füllen -- und sie lieben die Jugend mit einer so schmerzlichen Liebe und wissen ohne Worte darüber zu reden.

Ja, auch mein Gast und ich verständigten uns in diesem Sinne -- und ich will es gar nicht leugnen, daß mir bei seinen Blicken voll sanfter und diskreter Bewunderung sehr wohl war.

Und dann gab er in liebenswürdiger und wohltuender Weise der Freude Ausdruck, mich in so blühender Frische vor sich zu sehen. Welche Überraschung das wohl für die Meinen sein würde, deren noch ganz warme Grüße er mir übrigens zu bringen hätte -- und die schon jetzt ganz fassungslos wären vor Glück -- meine Mutter natürlich am meisten....

»Sie zweifeln doch nicht daran, gnädiges Fräulein?« fragte er vorwurfsvoll auf mein unwillkürliches Lächeln....

»Gott bewahre -- aber -- pardon, ich bin in Gedanken bei der Depesche meiner Mutter, die mich etwas erregt und neugierig gestimmt hat.« So ging ich nun aufs Ziel los.

»Ihre Frau Mutter hat Ihnen Andeutungen gemacht, um was es sich handelt?«

»Nur über Ihre Jugendfreundschaft zu meinem Vater, und daß Sie mich eigentlich in Zürich aufsuchen wollten.«

»Ja, aber merkwürdigerweise waren wir ohnedies auf dem Wege nach Glarus. Ein großes technisches Unternehmen hier -- interessiert uns aus verschiedenen Gründen.«

»Wohl der See?« sagte ich in Gedanken....

»Ah -- Sie wissen also doch, um was es sich zwischen uns handelt?«

Ich war ganz betroffen. Nein, ich wußte gar nichts. War es ein Zufall? -- oder hatte irgendeine unbekannte Strömung mich mit sich getragen? -- Ich konnte mir zwischen den beiden Herren, dem Klönthaler See und meiner armen Person nicht die mindeste Beziehung denken.

Herr Hillmann warf mir wieder einen seiner weichen, schmeichelnden Blicke zu und strich dann mit der feinen, unberingten Hand über die Augen.

»Es ist keine leichte Sache,« sagte er, »mit einer geschäftlichen Angelegenheit über Sie herzufallen. Der Geschäftsmann möchte hinter dem Freund ganz und gar verschwinden.«

»Warum denn? Der Freund kann ja für den Geschäftsmann -- wie Sie sagen -- sprechen.«

»Sie haben recht, liebes Kind -- gestatten Sie mir diese Anrede.... Ihr Vater und ich sind wirklich nahe Freunde gewesen.... Schul- und Studentenzeit hindurch, bis zu seinem frühen Tode.... Und darüber hinaus.... Seine sorgende Freundschaft hat mir mein Leben aufbauen helfen.... Und nun hören Sie gut zu, um was es sich handelt, damit Sie sich überlegen können, ob Sie meine Bitte gewähren wollen.«

Ich habe gut aufgepaßt, und mir, was ich nicht gleich verstand -- denn es war mir alles neu -- wiederholen lassen. Die Sache ist folgende, ich mache sie mir im Aufschreiben noch einmal klar:

Mein Vater hat seinem Freunde Hillmann, der damals ein unbekannter und vermögensloser Ingenieur war, und für dessen Pläne er sich lebhaft interessierte -- es handelte sich um neue Konstruktionen von Brückenträgern und irgendwelchen Maschinen -- kurz vor seinem Tode ein großes Kapital, 200000 Mark auf zwanzig Jahre, mit vier Prozent verzinsbar, geliehen, -- Herrn Hillmann oder seinem Rechtsnachfolger, wie es heißt.

Nachdem er gestorben war, hatte Mama zuerst die Verwaltung des ganzen hinterbliebenen Vermögens, von dem die Hälfte mir gehörte, übernommen, sich aber bei ihrer zweiten Heirat mit meinem Vormund auseinandersetzen müssen. Mein Anteil war auf Wunsch meines Stiefvaters ganz für sich niedergelegt worden. Nur das Kapital, das in den Fabriken des Herrn Hillmann festlag, war von der Teilung ausgenommen geblieben.

Man hat mir, als ich vor drei Jahren mündig wurde, wie ich mich auch ganz dunkel erinnere, davon Mitteilung gemacht. Ich habe aber auf die einzelnen Posten nicht geachtet und alles unterschrieben, was mir auf dem Gericht vorgelegt wurde. Die Zinsen sind nach wie vor an Mama gegangen, die sie dann auf mein Bankkonto eingezahlt hat. Natürlich hat mein Stiefvater das besorgt, denn Mama versteht von diesen Dingen noch weniger als ich.

Nun sind in einem halben Jahre die zwanzig Jahre um, und Herr Hillmann hat auf seine Anfrage von Papa eine Kündigung des Anteils von Mama erhalten. Das ist ihm im Augenblick sehr unangenehm, da er mit seiner ganzen Kapitalkraft auch außerhalb der eigenen Maschinenwerke in großen Unternehmungen festliegt. Er ist darum nach Gastein gegangen, um durch persönliche Rücksprache eine Verlängerung von fünf Jahren zu erwirken.

Mama wäre in Erinnerung an die alte Freundschaft wohl nicht abgeneigt gewesen, seinen Wunsch zu erfüllen, aber mein Stiefvater hätte klipp und klar und mit Gründen, gegen die er, Herr Hillmann, nichts hätte erwidern können, alles abgeschlagen. Meinen Entschluß wolle er in keiner Weise beeinflussen, das Geld seiner Frau müßte er aber unter allen Umständen herausziehen.

Da hätte Mama ihm den Rat gegeben, mit mir zu sprechen, da für mich die Erwägungen, die für sie als Familienmutter ausschlaggebend wären, nicht in Betracht kämen. Vielleicht, so hätte sie gemeint, würde ich gern an die Stelle meines verstorbenen Vaters treten.

Das zu tun, und auch Mamas ihm entzogenen Anteil, wenn irgend möglich, aus meinem anderweitigen Kapital zu ersetzen, wäre, kurz gesagt, seine Bitte an mich. Das Geld stände sicher, ich erhielte es verzinst wie bisher, und ihm erwiese ich eine Gefälligkeit, für die er mir stets dankbar bleiben würde.

»Was soll ich nun antworten?« dachte ich. »Warum stellt man mich vor eine solche Entscheidung? Wer rät mir? Vielleicht ein Rechtsanwalt? Mein Vormund ist tot, mein Stiefvater lehnt es ab, und seine Ansicht liegt ja auch in seinem eigenen Vorgehen.

Dazu brannten die dunklen Augen dieses Mannes -- ich kann nicht anders sagen, als beunruhigend -- in die meinen, und ich muß es vor mir bekennen, daß etwas in mir sich ihm unterwarf.«

»Ich habe ja keine Ahnung, was ich Ihnen antworten soll,« quälte ich mir endlich ab.

Da fing er noch einmal an mit Zahlen und Geschäftsberichten auf mich einzureden, so daß ich fühlte, er machte es wie für ein Kind zurecht.

Ich verstand doch nichts, ich wollte auch gar nicht recht zuhören. Mein Kopf und mein Rücken taten so weh. Und schließlich dachte ich: Wenn du da mit der Hand, die mein toter Vater noch gedrückt hat, meine nehmen oder mein Haar streicheln wolltest, so würde ich wenig nach Zinsen und Kapital, Maschinen, Aktien und Jahresabschlüssen fragen.

»Denken Sie nach, ziehen Sie Erkundigungen ein,« sagte er schließlich, »ich werde Ihnen Adressen dalassen. Sie werden sich ja doch, bis ein Berufener Ihnen diese Sorgen aus der Hand nimmt, damit beschäftigen müssen. Übermorgen bin ich hier und gebe Ihnen selbst noch jede gewünschte Auskunft.«

Dann sah er mich schärfer und voller Mitleid an.... »Ich quäle Sie, armes Kind, Sie sind ganz weiß geworden. Vielleicht hat mein Sohn doch recht gehabt.«

»Ja, Ihr Sohn sollte doch auch mitkommen. Wo ist er?« fragte ich gleichgültig.

Herr Hillmann sah etwas verlegen über mich weg. »Mein Sohn, -- o, -- er ist geschäftlich verhindert, -- das heißt, offen gestanden, -- mein Sohn ist ein wundervoller Mensch, -- aber ein Träumer, -- ein Träumer sage ich Ihnen -- mit dem man sich oft kaum verständigen könnte, wenn man ihn nicht so lieb haben müßte.«

»Und?« fragte ich nun etwas neugierig.

»Ja, als wir über Sie und die Ihren eingehend sprachen, war er schließlich dagegen, Sie in meine Geschäftsangelegenheiten zu ziehen. Es würde zu weit führen, wollte ich Ihnen erklären, warum.«

Ich konnte nur verständnislos die Achseln zucken.

»Und die Meinen?« fragte ich, da er noch nicht aufstand. »Sie haben mir noch nicht erzählt, wie Sie sie fanden.«

»In vollem, fröhlichem Leben, liebes gnädiges Fräulein. Der Anblick, als wir auf die Hotelveranda geführt wurden, gab ein unvergeßliches Bild. Die immer noch schöne Mama, in jedem Arm eins der bezaubernden Mädels, -- alle drei die blonden Köpfe lachend zusammengesteckt, -- dazu der vornehme, schöne Vater -- Herr v. Hasberg ist eine auffallend distinguierte Erscheinung.« ...

Herr Hillmann brach ab. Ich fürchte, er sah, daß meine Augen voll Wasser standen.

»Ich ermüde Sie -- Sie leiden,« sagte er, »vergeben Sie mir. Und noch eins, liebes Kind ... ich weiß nicht, sind Sie ganz allein hier? -- Sorgt man für Sie?«

»O, ich brauche niemand,« sagte ich schnell. »Ich bin sonst ganz frisch, nur das lange Sprechen und Zuhören heute hat mich, ehrlich gestanden, etwas angegriffen.«

»Vergeben Sie mir und hören Sie noch etwas, das mir eben durch den Kopf geht. Ich kenne Ihre Pläne nicht, weiß nur, daß Sie vorläufig noch nicht nach Gastein gehen. Ich kann Ihnen für mich keine Gastfreundschaft anbieten, denn ich führe nur eine Garçonwirtschaft, -- ich bin seit Jahren Witwer. -- Aber, liebes Kind, ich habe in Heidelberg einen großen und anregenden Kreis. Sie fänden da guten Anschluß und auch meine Freundschaft -- von der Sie überzeugt sind, nicht wahr? Ich meine natürlich nur, bis Ihre Verhältnisse geordnet sind ... und wenn Sie nichts Besseres wissen.«

»Bis ich nach Hause gehe,« sagte ich bange.

Er sah merkwürdig ausdruckslos zur Seite.

»Sie sind sehr gut, Herr Hillmann, aber ich fühle selbst, daß ich nach dem langen Sanatoriumleben noch eine Zeit für mich sein muß, ehe ich unter Menschen gehe.«

Dann hat er mich endlich verlassen, mit herzlichen Worten und mitleidigen Blicken.

Und ich habe mich auf meine Chaiselongue geworfen und gegrübelt und in Schlaf geweint.

Dann eine Depesche an Papa mit der Bitte um Rat. Ich will äußerlich nichts versäumen, ich _muß_ ja auch irgend jemand fragen. Was fange ich sonst an? Die Antwort lautet:

»Halte es für unpraktisch, größere Kapitalien in Privatunternehmungen zu stecken, doch will deinen Entschluß und Mamas Wunsch nicht beeinflussen. Adresse tüchtigen Rechtsanwalts Heidelberg, Liepelhausener Straße 21, =Dr.= Pförtner. Alles Gute von uns allen.«

Eine Stunde später noch ein Telegramm:

»Bin mit allen Gedanken und heißer Sehnsucht bei Dir, geliebtes Kind. Mama.«

Ach, ... es schreit wieder etwas in mir ganz jammervoll.

Das Glücksbild, das mir der Fremde geschildert hat, steht vor mir und peinigt mich.

Sie wollen mich nicht -- ich habe es geahnt -- jetzt weiß ich es.

Ich werde wie ein Gespenst in diesem glücklichen Hause auftauchen. Man glaubt nicht, daß ich gesund bin, man will es nicht glauben.

Ach, ich hasse die Familie.... Nein, ich vergehe vor Gram, und Sehnsuchtsschauer machen mich krank.

Was soll ich allein mit dem Gelde? Herr Hillmann soll haben, was er will! Er soll auch wiederkommen, er war gut gegen mich. Ich schreibe ihm gleich und gebe auch der Nationalbank den Auftrag, ihm das Kapital zu überweisen....

So, das wäre geschehen, und ich habe ein leises Gefühl von Erleichterung.... Habe ich es?

Schließlich ... was hat sich denn seit gestern abend geändert?

Gerade um diese Zeit saß ich auch an diesem Tisch und schrieb unter Glückstränen und voll seliger Ahnungen.

Ich reiße meine Fenster auf. Der Mond fließt wie gestern an dem Glärnisch hernieder, und die Bäche funkeln....

Ich will das stolze Gefühl der Einsamkeit wieder haben, wie ich es bei diesem Anblick gestern empfand, als ich noch nicht durch die geöffnete Tür gesehen hatte.

Was ist das nur?!

Ich fürchte mich hinauszutreten -- es kommt niemand, wenn ich rufe....

Diese grausige Leere wird mich wieder krank machen. Ich soll mich nicht erregen, und ich fühle, das Fieber steigt auf....

Ach -- ich habe Sehnsucht nach meinem Bett in Davos -- ja, wahrhaftig, auch nach der Schwester und den Ärzten.

Ich brauche die Gesundheit nicht....

Ach ... meine stolze Einsamkeit heißt ... Verlassenheit....

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»Wie Wasser von Klippe zu Klippe geworfen.« Drei Tage bin ich allein, und jeder hat mich durch Glück, Ängste, Verlangen, Haß und warmes Empfinden gejagt ...

Und jetzt? ...

Ich weiß gar nicht, wie mir zu Mut ist.... So frei -- so gelöst von allem Bitteren und Schweren.... Ob ich Fieber messen soll? Meine Gedanken quirlen so merkwürdig durcheinander, und der Puls jagt....

Vorsicht! ... Jetzt will ich nicht sterben, auch nicht von neuem hinsiechen.

Ich habe einen Weg vor mir, wenigstens die Andeutung eines Weges ... und er führt in heiliges Land. Alles versinkt, was drohend und gespensterhaft vor mir aufgetürmt lag. Ich stehe da wie eine Träumende....

Aber ich will nicht phantasieren. Mich zusammenfassen will ich und mit glücklichem Bewußtsein das Erlebnis der letzten Stunde noch einmal durchleben....

Ich bin ja gesund dadurch geworden. Weg sind die gefährlichen, stechenden Schmerzen nach der furchtbaren Nacht mit ihren Todesängsten, Atemnöten und gierigen Lebenswünschen.

Auch von dem Kummer über Mamas Brief, der mir trotz der Liebesworte doch nur die Bestätigung meiner Verlassenheit brachte, fühle ich mich befreit.

Und war doch so elend. Die öden Stunden den langen Vormittag über, mit beängstigenden Zweifeln ausgefüllt, die ich mit aller Willenskraft nicht bannen konnte, wollten nicht vergehen. Wenn Herr Hillmann doch wiederkäme! So stark, so frisch und so voller Teilnahme!

Nach meinem einsamen Mittagessen lag ich im Halbschlaf und von jagenden Bildern gequält auf meiner Chaiselongue, als meine Madline, das junge Zimmermädchen, eine Karte brachte: Herbert Hillmann, Dr. ing.

Ich fuhr in Enttäuschung auf ... Die Worte Herrn Hillmanns über seinen Sohn fielen mir ein.

Gut, des Vaters wegen wollte ich ihn mir ansehen -- aber über die Geldangelegenheit würde ich mit ihm nicht sprechen. Dieser elende kaufmännische Jargon sollte mir nicht noch einmal eine Stunde verderben.

Müde und so in Gedanken, daß ich nicht einmal einen Blick in den Spiegel warf, schleppte ich mich in den kleinen Salon, und da stand er, eine dunkle Silhouette gegen den hohen, hellen Wandschirm.... Nichts von der Stattlichkeit des Vaters, mich selbst mit seiner schmalen Gestalt nur um weniges überragend. Nichts von dem Fluidum des herrschenden, sieggewohnten Mannes, das gestern von dem Vater wie ein Funke auf mich übergesprungen war.

Ein hageres, durchgearbeitetes Gesicht mit sehr hoher Stirn, ganz beherrscht von hellen Augen voller Stetigkeit und Klarheit -- eine feste, kühle Hand, die meine heiße einen Augenblick herzhaft drückt.

»Sie sehen aber gar nicht so übermäßig frisch aus,« sind die ersten Worte, die ich von der hallenden Stimme höre, deren Klangfarbe mich ganz hinnimmt.

Ich wundere mich über diese Aufrichtigkeit und sage ebenso offenherzig: »Daran ist Ihr Herr Vater schuld.«

»Haben Sie trotzdem ein wenig Zeit für mich?«

»Natürlich.«

Er interessierte mich als völliger Gegensatz zu seinem Vater doch zu sehr, als daß ich hätte Nein sagen mögen.

Und so setzten wir uns, und ich wartete. Nach einer kleinen Pause sagte er:

»Ich komme auf eigene Rechnung und Gefahr....«

»Warum Rechnung, und warum Gefahr?« warf ich in meinem üblichen, flirtbereiten Ton hin, mit dem ich immer Anschluß zu finden pflegte.

Das war hier nicht der Fall.

Mein Besuch schien zu überlegen, sah zur Seite und dann wieder mich an. Sehr ernst und forschend.

»Woraufhin prüfen Sie mich, Herr Doktor Hillmann?«

»Auf die Möglichkeit, von Ihnen ausgelacht oder als zudringlich abgewiesen zu werden....«

»Ja, um was handelt es sich denn?«

»Im Grunde um nichts Positives. Ich wollte Ihnen die Hand drücken, Ihnen sagen, daß Sie mir leid tun, daß ich Sie bedaure.«

Mir wurde etwas unbehaglich zumute.

»Ja, vielleicht bin ich zu bedauern, aber, mein bester Herr Doktor, das pflegt man doch, auch wenn man Grund hat, es anzunehmen, den Leuten nicht so ohne weiteres ins Gesicht zu sagen.«

»Das ist wohl wahr, und wenn es Sie verletzt, muß ich um Verzeihung bitten und meinen Hut nehmen.«

»Nein, das werden Sie nun natürlich nicht. Sie werden mir erklären, warum Sie hergekommen sind und warum Sie mich so offen Ihres Mitleids versichern.«

»Ich konnte doch nicht anders.«

»Das ist mindestens etwas ungewöhnlich.«

»Es weicht von den gesellschaftlichen Regeln ab,« sagte er wie in Gedanken und sah mich unverwandt an.

Und dabei glitt über sein junges, scharfes Gesicht ein so seltsam träumerischer, weicher, liebevoller Ausdruck, daß ich mich plötzlich bis ins Tiefste erschüttert fühlte. Und wußte doch nicht, warum. Aber ich konnte ihn nicht mehr ansehen, ich mußte auf den Fußboden starren, weil ich fürchtete, ich würde anfangen zu weinen....

»Ich hatte mir, offen gestanden, das alles anders gedacht,« sagte er dann etwas freier. »Als ich in Gastein von Ihnen sprechen hörte, habe ich mir ein hilfloses, kränkliches, junges Mädchen vorgestellt, und nun finde ich eine schöne, sichere und heitere Weltdame. Nein, heiter sind Sie doch nicht.«

»Welch ein seltsames Gespräch! Mir ist noch niemals etwas Ähnliches begegnet. Gestern mit Ihrem Vater, und ...«

»Damit habe ich nicht das mindeste zu tun, wie ich schon bemerkte,« entgegnete er eifrig.

»Nun, die Angelegenheit ist auch ein für allemal erledigt,« sagte ich, eigentlich um festen Boden zu gewinnen. »Ihr Vater hat seine Antwort und meine Bank ihren Auftrag.«

»Sehen Sie,« sagte er, mit einem Ruck sich aufrichtend, »das gerade ist nun auch etwas, das mich in Ihrem Interesse beunruhigt und über das ich mit Ihnen sprechen will, weil ich es mir ungefähr so vorstellte.«

»Ich verstehe kein Wort. Sie meinen vielleicht, daß ich das Geld doch verlieren könnte.«

»Dieses Geld nicht. Dafür bürgt mein Vater. Aber wie durften Sie so schnell entscheiden? Wie kann man Sie in solchen Dingen ganz sich selbst überlassen?«

»Man hat mich wohl immer mir selbst überlassen,« fuhr es mir heraus. »Eigentlich aber müßte ich Ihnen antworten: Ich bin mündig, und mein Entschluß hat seine Gründe.«

Er sah mich wieder zweifelnd und traurig an.

»Es wäre ja immerhin möglich, daß ich mich geirrt habe, daß Sie gar nicht so hilfsbedürftig sind und so allein, wie es mir den Anschein hatte« ....

Mir war, als hätte ich einen Peitschenhieb von diesem fremden Mann empfangen.