Part 12
»Von allem war etwas in mir, gerade wie du es dir dachtest. Und heute weißt du aus Erfahrung: das Leben ist eine Mischung von unendlich Rohem, Brutalem, Gemeinem und zierlichen Gebilden, die in unschuldiger und unbegreiflich zarter Schönheit dazwischen aufblühen. Solch ein schillerndes Ding war jene Minute.«
»Selig, wem sie beschieden war! ... Leben, wo bist du? ... Weiter -- sprich weiter ...«
»Ich wiederhole es dir -- _du_ bist es, die alle Worte aus mir quellen läßt. Dem Tode die Hand hinstreckend, empfängst du die Macht, die Toten in dir zu erwecken und sie zu dir zu rufen -- zum Selbsterkennen -- und zum Gericht ...«
»Gericht?«
»Welcher Lebende, an den dich schmerzende Fäden binden, könnte richten über ein Wesen seiner Art, das noch mit ihm im Drang des Wollens, des Kämpfens und Unterliegens steht?«
»Wir wollen nicht von Kämpfen und Unterliegen sprechen. Nur noch einen Blick in das Versunkene und Vergessene, ehe ich aufwache. Laß uns davon reden, wie wir uns wiedertrafen.«
»Drei Jahre später. Über die scheuen und reinen Tändeleien der alten Zeit hatten sich Erfahrungen aller Art gehäuft ... Auch bei dir ... Weißt du, wie wir uns am Tage meiner Ankunft zufällig in der kleinen Buchhandlung am Markte trafen? Wie wir uns mit kühlen Blicken maßen und uns dann doch mit einem Frohgefühl die Hände drückten?«
»Ja, ja -- und doch störtest du mich und beunruhigtest mich, wo wir zusammenkamen auch später. Und dazu gab es viel Gelegenheit. Man feierte so viele Feste bei uns.«
»Niemand wußte, daß wir uns mehr als flüchtig kannten. Und es kümmerte sich auch eigentlich einer um den andern nicht, aber das Geheimnis unserer Geißblattlaube koppelte uns aneinander. Und manchmal ohne irgendeine Veranlassung gab's ein plötzliches Zucken hinüber und herüber, und ein Wort, ein Blick tauchte in die versteckten Seelen ... War's nicht so? Und dann kam ja auch wieder ein Sommertag ...«
»Ja, es war wieder Sommer. Du solltest nun bald fort. Oft stand mir das Herz still, wenn ich daran dachte, aber dann schien es mir auch wieder, als ob ich mich freuen würde, wenn ich dich nicht mehr zu sehen brauchte -- damit ich endlich zur Ruhe käme.«
»Als eine Art Abschiedsfest für mich war ein Ausflug in den Stadtwald, den »Wolfswinkel«, verabredet worden ... Man ging zu zweien und dreien durch reifende Felder, über Wiesen, auf denen Heu ausgebreitet lag. Wir beide schlenderten zusammen dahin, von diesem und jenem sprechend, dann wurden wir stiller und stiller, gaben zerstreute Antworten, und zuletzt schwiegen wir ganz, benommen von Sonne und Sommerduft und hin und her schwirrenden Gedanken.«
»Mir war ganz verstört und seltsam zumute, und ich wachte aus meiner Versunkenheit erst auf, als du weit weg von mir warst. Jeder lachte und sprach nun doppelt so viel mit den andern, und unsere Blicke, die sich zuweilen streiften, sagten sich: Siehst du, wie wohl ich's mir hier sein lasse ohne dich.«
»Du trugst eine weiße Rose an deinem blauen Sommerkleid und spieltest damit. Sie fiel zur Erde.«
»Du sprangst hinzu und hobst sie auf, und unsere Hände kamen zusammen ... Und da war's wieder wie vor Jahren ... Aber jetzt wußte ich, was es bedeutete ... Ein sekundenlanger heißer Traum voller Sehnsucht, voller Wonne, voller Glut und Erfüllung ... Du warst ganz blaß, und deine Augen brannten ... Keiner merkte etwas -- die jungen schwatzten und liefen durcheinander, und die alten saßen auf den langen Holzbänken und waren mit sich beschäftigt.«
»Und wir standen mitten darunter und doch auf einer außerweltlichen Insel, an der berghohe Wellen heißesten Sehnens brandeten. Unter all dem zahmen Hausgetier zwei wilde Vögel, denen die Natur ein brausendes Lied von der höchsten Lebensvollendung in die Herzen schrie ...«
»Still -- still -- ich hab's nie wieder gehört.«
»Dann liefen wir auseinander und machten die kindlichen Scherze und Spiele der anderen mit und sorgten dafür, daß wir uns nicht trafen.«
»Bis der Abend kam und ein glücklicher Zufall uns für den Heimweg zusammenführte. Erst sagtest du viel Böses und Höhnisches über den Zwang der öden Stunden -- dann --«
»Deine Hand in meiner, jede mit Zucken sich wehrend, so gingen wir über das Waldmoos, den anderen weit voran ... der Mond stand groß und rötlich hinter der alten heiligen Eiche ... ein feuchtschwerer Nachtwind raschelte durch ihre Blätter ... die alten Heidengötter sprachen.«
»_Du_ sprachst ... _du_ ... deine Worte brannten. Ein Glück so voller Glut, daß seine Seligkeit in den göttlichsten Schmerzen ersterben muß. Vernichtung des Menschen und Aufwachen des Gottes. Wo hast du die Töne hergenommen, woher quollen diese Worte, die mich mit Entsetzen und Wonne durchschüttelten?«
»Ich glaubte, du wärest eine Feuerseele, aber du warst nur ein zahmes Hausfrauenseelchen. Du ersticktest den kleinen Widerhall, den meine Glut in dir löste, du warfst dich nicht dem verschuldeten Referendar in die Arme und sagtest: Sturm, nimm uns und trag uns fort, gleichviel wohin ... Du starrtest zitternd in die raschelnden Bäume am Wege und horchtest schon halb auf die näherkommenden Schritte des biedermeiernden Justizrats und des langen Erwin ... die Schritte deines Schicksals ...«
»Ja ... ist es denn ein so schlimmes geworden? Habe ich Erwin nicht liebgehabt? Bin ich nicht glücklich gewesen? Hab' ich nicht lachen und weinen können, als ich noch nicht müde war? Hab' ich an dich und all die tollen Sehnsüchte und Träume gedacht, die du in mir erwecktest und die doch sterben mußten?«
»Sie sind nicht gestorben. Sie schliefen nur in dir, wie ich. Solange das Leben fließt und die Alltagswellen darüberströmen, so lange schläft das Unterdrückte, das Innerste. Aber es kommt der Tag, an dem der Strom einen anderen Lauf nimmt und den Lebenswillen nicht mehr trifft, es kommt die Stunde, die euch in den Schattenweg führt, wie eben dich. Dann wacht das auf, was widerrechtlich zum Schweigen gebracht war, und es ruft stärker und stärker, bis es uns Tote in euch auferweckt ... dann stehn wir mit der vergewaltigten Natur zusammen richtend vor euch und heulen euch in die Ohren: »Was habt ihr aus euerm Leben gemacht? -- -- --«
Mit einem hellen Schrei sprang die Frau auf.
Es war niemand da -- alles leer, nur die Sommerblumen lagen verstreut um sie herum.
Das Blut jagte mit tausend Stichen durch ihren Körper, das kranke Herz flatterte, ein eisiges Grauen kroch über sie hin und verzehrte ihre Gedanken. Sekundenlang stand sie da und starrte um sich. Aber es blieb alles totenstill in der grünen Dämmerung. Nur der Specht hämmerte in der Ferne ... Da stürzte sie den dunkeln Weg zurück, über Wurzeln stolpernd, mit versagendem Atem, bis zu dem Waldeingang, wo in der leuchtenden Sonne der Heilige das Tal bewachte.
»Sonne, Leben ... haltet mich, behaltet mich!« stöhnte die Erschöpfte und sank bei dem Bildnis in die Knie ...
»Welche Wirrnis, welches Grauen!« dachte sie, sich allmählich beruhigend. Diese verschollene kleine Liebesgeschichte! Wie ein Todesgruß!
Und doch -- erhob sich in allem Fürchten und Verwundern nicht schon wieder eine schwache Stimme, die sie in das Versunkene zurücklocken wollte, dem sie eben in Todesangst entflohen war?
»Is Ihna net recht?« fragte da ein altes Weibchen, das mit seinem Rückenkorb den Weg heraufkam. »Se schaun aber schlimm us!«
Die Frau nickte ihr mit mühsamem Lächeln zu. »Es geht schon, ich habe mich übermüdet und war im Wald da eingeschlafen.«
Das Weibchen schüttelte den Kopf.
»Oh, oh, das is aba nimma gut in den sprindigen, kalten Wald. Wenn ma kann, soll ma schon in de Sonn bleibe.«
Und sie ging langsam weiter.
»Ja, solange man kann, soll man in der Sonne bleiben,« dachte die Frau, von heißen und kalten Schauern überrieselt.
Und dann schlich sie mit stechend schlagendem Herzen den lieblichen Weg hinab zu ihresgleichen -- Menschen, die lebten und atmeten. Wie heute auch sie noch.... Heute noch! ...
G. Pätz'sche Buchdr. Lippert & Co. G. m. b. H., Naumburg a. d. S.
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Seite 14: "nächttigen" geändert in "nächtigen" (über seiner machtvollen nächtigen Schönheit)
Seite 14: ".." geändert in "..." (Schwester Marie ist nicht da ...)
Seite 17: "Re-,gierungsrat" geändert in "Regierungsrat" (der aber damals noch Regierungsrat war)
Seite 34: "«" hinter "unterwarf." entfernt (daß etwas in mir sich ihm unterwarf.)
Seite 43: "«" eingefügt (Gestern mit Ihrem Vater, und ...«)
Seite 64: "«," geändert in ",«" (»Ich wollte doch in die Prangsche Apotheke,« stammelte er)
Seite 73: "«" eingefügt (wir erkennen uns nicht mehr ...«)
Seite 86: "«" an das Satzende verschoben (wenn Herr Hauptmann mich noch beurlauben könnten ...«)
Seite 89: "«" eingefügt (jedermann weiß, wess' Geistes Kind sie ist ...«)
Seite 90: "." eingefügt (edle Hunde gnadenlos niederknallte.)
Seite 91: "näherlageu" geändert in "näherlagen" (obgleich ihm doch andere Gedanken näherlagen.)
Seite 92: "Einqartierungsgäste" geändert in "Einquartierungsgäste" (Adalisa von Terkuhn erwartete die Einquartierungsgäste)
Seite 111: "«," geändert in ",«" (»Jungfräuliche Königin,« entfuhr es dem Hauptmann)
Seite 114: "«?" geändert in "?«" (und seiner Eiche?« fragte sie)
Seite 123: " ...«" eingefügt, die Textzeile endet im Original unvermittelt (Dein Sklave will ich ...«)
Seite 138: "«" eingefügt (Käthe ist nun also ganz bei dir, schreibst du? ...«)
Seite 147: "," eingefügt (Ein dunkles Bild, von laufenden Abendschatten überhuscht)
Seite 165: "«" eingefügt (»das war wirklich ... ich? ...«)
Seite 169: "Exzellens" geändert in "Exzellenz" (dem lahmen Mädchen für Exzellenz Berens)
Seite 185: "»" eingefügt (»Aber? Nun? ...«)
Seite 197: "Haltestellte" geändert in "Haltestelle" (an der Haltestelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche)
Seite 204: "," eingefügt (so viel erlebt und erfahren, Schlimmes und Gutes)
Seite 205: "«" eingefügt (und schließlich auch _mich_ so? ...«)
Seite 208: "«" eingefügt (Denkst du daran? ...«)
Seite 211: "«," geändert in ",«" (»Ich sterbe, wenn du nicht schweigst,« unterbrach)
Seite 217: "«" eingefügt (das unsere Jugend uns beschert hat und ...!«)
Seite 223: "unb" geändert in "und" (sprach und wußte nicht, wie und was)
Seite 235: "«" hinter "warst." entfernt (als du weit weg von mir warst.)
Seite 235: "«" eingefügt (wie wohl ich's mir hier sein lasse ohne dich.«) ]