Part 11
»Also bei dir auch?« sagte Doktor Ender. »Ich wollte es mir anfangs gar nicht zugeben. Auch war ja die Sehnsucht nach dir oft groß ... Keine Liebessehnsucht -- nein --. Aber du hattest ja das Wundermittel der Erlösung in Händen -- ein mutiges Wort von dir, und der unglückliche Kellner -- den sie schuldig sprachen, als der Mord, trotz der unzugänglichen Stelle am Fluß, bekannt wurde -- während der wirkliche Mörder als Hauptbelastungszeuge auftrat -- -- und er ist ja dann auch bis an sein seliges Ende frei herumgelaufen ...«
»Ach, es war ja alles verlorenes Volk, lieber Freund. Selbst die unglückliche, ermordete Hausiererin mußte ihr Leben wegen einer Diebsbeute lassen ... Wir dagegen hatten alles zu verlieren, Kinder, Stellung ... Sagen Sie selbst: wie hätten wir weiter leben sollen, wenn wir öffentlich bekannt hätten? ... O Gott, nein -- so furchtbar das alles war, käme es heute noch einmal -- ich würde genau so handeln wie vor zwanzig Jahren -- oder, besser gesagt, mich gerade so treiben lassen ...«
»Das ist doch aber das Schrecklichste von allem gewesen -- dies sich gegen seinen Willen Treibenlassenmüssen,« sagte Doktor Ender. »Da stehen die Gerechtigkeit und die Wahrheit. Man ist ein anständiger Kerl, kann sich eine Weltordnung ohne die nicht vorstellen -- und man schleicht an ihnen vorbei. So ins Nichts, ins Dunkle ... Ich kann Ihnen sagen, Irmgard Splettner, keine Stunde hab' ich meinen Jungen in der Klasse mehr geben können -- mittendrin kam's über mich -- so einer wie du, der Mitwisser einer scheußlichen Tat -- der ganz ruhig zusieht, wie ein armer, unschuldiger Mensch seiner Ehre, seiner Freiheit beraubt wird -- mit welchem Recht will der Jugend belehren und erziehen? Ich hatte ja keinen Grund mehr unter den Füßen -- ich hab' ihn nie wieder erobern können ...«
»Leiser ... man wird sonst aufmerksam auf uns,« sagte die Geheimrätin ängstlich ... »Ich begreife es ja nicht, daß Sie innerlich nicht ruhiger wurden, als es bei den Verhandlungen herauskam, was für ein Verbrecher dieser Kellner Hake auch ohne diesen Raubmord war -- aber sagen Sie mir eins. Wenn Sie mich schonen wollten, und das mußten Sie natürlich -- warum meldeten Sie sich nicht allein zur Zeugenschaft? Niemand wußte von mir -- kein Mensch hatte mich gesehen ...«
Doktor Ender beugte sich zu ihr hinüber.
»Das ist's ja eben, was Sie nicht wußten, und was ich Ihnen auf keine Weise mitteilen konnte ... Er hat Sie gesehen, und er hat auch mich gesehen, wenn ich auch den Kopf gleich wieder in den Busch zurückzog und er ganz ruhig blieb ...«
»Wer -- um Himmels willen, wer? ...«
Starr und leichenblaß saß Frau von Betzwold da.
»Der Passinner, der Mörder,« flüsterte Ender. »Als du davonliefst und ich dir wenigstens schutzbereit nachsah, raschelte es am Zaun, und ich sah ihn, schwer auf den Querpfahl gelehnt und mit seinen Glotzaugen dir folgend und auch mich streifend, als ich tödlich erschreckt vortrat, um dir zu Hilfe zu eilen ...«
»Und?«
»Nichts weiter. Er ließ den Kopf hängen, ich zog mich in unüberlegtem, feigem Abwarten zurück und sah ihn dann sich nach dem Haus schleppen.«
»Und hast ihn nie gesprochen?«
»Nie ... Es war ja alles wie ein quälender Traum, und ich konnte mir manchmal auch denken, daß meine vernichteten Nerven mir das vorgespiegelt hätten -- nur ...«
»Mein Gott, wir wollen jetzt nicht mehr alle Möglichkeiten erwägen ... er ist ja lange tot ... Gott sei Dank, lange tot ... Und welch ein Glück, daß ich dies letztere nie erfuhr ... Ach, alle längst vergessene Bangigkeit und herzbeklemmende Sorge war in einem Moment wieder aufgewacht ... Lassen Sie uns anderes reden ... Wissen Sie, daß mein Interesse für ähnliche Vorgänge mich eigentlich mit meinem Gatten zusammengeführt hat? ...«
»So, weiß er also? ...« fragte Doktor Ender freudig interessiert.
»Um Gottes willen! ... Aber ich habe doch über alles, auch das Juristische Bescheid bekommen -- und ich bin ganz, ganz ruhig geworden ...«
Doktor Ender sank wieder zusammen.
»Aber es steht doch alles für Sie auf einem schwankenden Boden. Haben Sie das nie bedacht? Das Wirkliche an sich, das ganz einfach Wahre haben wir doch verschleiern geholfen. Damit haben wir unseren Anteil an der einzig allgemeinen Kulturaufgabe, die zugleich das einzige Bindeglied zwischen Mensch und Mensch ist, fortgeworfen -- das einzige Steuer, mit dem man an der Bosheit und Dummheit der Welt vorüberkommen kann, zerbrochen. Im Licht wandeln ... Haben Sie nie daran gedacht, welch ein Glück es sein muß, nichts zu verbergen zu haben? ... Im Licht wandeln ...«
»Sind Sie ein Frommer?« fragte Frau Irmgard ängstlich mit der unbestimmten Erinnerung an ein Bibelwort und drückte seine gestikulierende Hand auf den Tisch.
»Was ich bin? Weiß ich das? Jedenfalls ein Lügner, einer, der das Weltgefüge zerstören helfen wollte, und dabei, wie alle seinesgleichen, sich selbst zerstört hat.«
»Das werden Sie tun, wenn Sie mit solchen Grübeleien fortfahren, die Sie ja unglücklich machen müssen ... Ich verstehe Sie ja nicht und bin froh, daß ich all das so anders auffasse ... Mein und der Meinen Leben hab' ich dabei nicht verdunkelt, im Gegenteil ...«
»Und das wieder ist mir ein unlösbares Rätsel,« sagte Doktor Ender müde. »Das gleiche Schicksal, der gleiche Sturm faßt uns, und Sie treibt er in ein stilles friedliches Leben -- mich in eine wüste Einsamkeit, in die keine warme Menschenstimme mehr dringt -- nichts als die Schreie der unschuldig Verurteilten aller Zeiten.«
»Lieber Freund, Sie haben sich in böse Phantasien eingesponnen, und ich bin nicht stark genug, um Ihnen diese gefährlichen Entstellungen der klaren Wirklichkeit zu zerstören.«
»Entstellungen der klaren Wirklichkeit? ... Mir? ... Und das sagen Sie -- Irmgard Splettner, deren ganzes Leben sich wie hinter einer getrübten Scheibe abspielt?«
Die Geheimrätin lächelte halb nachsichtig, aber doch mit einem kleinen, ungeduldigen Blick in den noch immer schönen, ruhigen Augen.
Doktor Ender zuckte darunter zusammen. Er stand auf. Sein eben noch in Bewegung zuckendes Gesicht nahm einen starr höflichen Ausdruck an.
»Meine gnädige Frau, unser Zusammentreffen hat mir die allerletzte Illusion genommen, daß es einen Menschen auf dieser Welt gibt, mit dem gemeinsam ich eine gleich schwere Last trage. Im Grunde müßte ich in Ihrem Interesse wohl froh darüber sein ... Leben Sie wohl. Hoffentlich tauche ich mit der Vergangenheit in die Verdunklung zurück, die Ihnen das Leben so leicht gemacht hat.«
Frau von Betzwold streckte ihm die Hand entgegen. »Das sicherlich nicht. Ich will an das Liebe und Schöne denken, das unsere Jugend uns beschert hat und ...!«
Doktor Ender beugte sich fremd über die gebotene Hand, und mit bitterem Lächeln um den zusammengekniffenen Mund ging er hinaus, ohne noch einmal in das Gesicht zu sehen, das ihm doch einst das liebste gewesen war.
Die Geheimrätin blieb noch einen Augenblick in ihrem Erker. Anfangs als sie sich wieder allein sah, hatte sie das Gefühl, die letzte Viertelstunde geträumt zu haben.
Dann schäumte ein wildes Durcheinander von Stimmen, Bildern, Ängsten, -- ein beklemmendes Entsetzen in ihr auf, peitschte ihr Blut und ließ ihr Herz jagen ... Was war das? Wie hatte sie das erleben können? ... Wie durfte sie das erleben? ... Dieser arme Phantast, -- was war aus dem lachenden Jungen geworden? Jetzt waren ihre Zwillinge so alt wie er damals.
Dieser Gedanke riß sie wieder in die gewohnte Bahn.
Nicht mehr diesen verschollenen Geschichten nachhängen, nicht mehr daran denken -- nie mehr. Das war man sich und dem Leben mit seinen großen und kleinen Anforderungen als pflichttreue Gattin, Mutter und Frau von Welt schuldig ...
Heute abend machte man Kammermusik bei ihr. Brahms H-Moll. Ihr Gatte war ein vorzüglicher Cellist -- ihre Tochter Eva fast Meisterin auf der Geige.
O, es tat gut, in diese Welt der Harmonie zurückzukehren, die vor schreienden und klagenden Stimmen, vor schuldvollen Erinnerungen, vor begrabenen Jugendsehnsüchten und Ängsten ihre klingenden Tore schloß.
Todesbotschaft
Der alte Sandsteinheilige stand auf dem Hügel und breitete über das lachende, sonnengebadete Tal segnend seine Armstümpfe. Die Hände waren ihm nämlich in Wirklichkeit vor Jahrhunderten gerade an diesem Fleck abgehauen worden, ehe man ihn erschlug. Daß er nun schon lange in steinernem Bilde seinen Segen gerade von dem Ort her spendete, der sein Blut getrunken hatte, schien dem blühenden Lande, wie es da vor und unter ihm lag, wohl zugute zu kommen.
Es war, als ob es alle Sonne auffinge. Die gelben Ährenfelder leuchteten, die harzigen Spitzen der jungen Fichtenpflanzungen funkelten wie kostbare Steine, das Wässerchen, das sich durch die saftgrünen Wiesen wand, glitzerte und sprühte mit blausilbernen Funken -- kurz, es war ein Lachen und Leuchten in dem ganzen Gesichtsfeld des heiligen Mannes, das ihm wohl gefallen konnte. Dafür sah es hinter seinem Rücken ganz anders aus. Da führte ein schmaler Weg in einen mächtigen, düsteren Wald. An dem schien die Sonne abzuprallen. Seine uralten Buchen wehrten sich gegen die heiße Flut, die draußen das Tal überströmte, und nur ärmliche, grüngoldene Wellchen zitterten über den Weg, der, langsam ansteigend, sich in grüner Dämmerung verlor.
Am Eingang dieses Weges stand eben eine einsame Frau, die aus einem der großen Sanatorien des Badeortes drüben hierhergekommen und im Vorübergehen mit dem alten Steinbild und all der goldenen Lebendigkeit ringsherum gut Freund geworden war.
Sie stand auch noch ein Weilchen da und sah mit den stillen Augen, aus denen das Leben Lachen und Weinen herausgeholt hatte, voller Verwunderung über so viel Glanz und Fülle um sich. Zu ihren Füßen standen Blumen in unbeschreiblicher Mannigfaltigkeit.
Als ob sie einen Teil der Sommerschönheit für sich bergen wolle, bückte sie sich trotz ihres kranken Herzens, dem, wie sie wohl wußte, hastige Bewegungen verderblich werden konnten, und fing an, eifrig davon zu pflücken ... Rote Kuckucksnelken und tiefblaue Glockenblumen, weißglänzende Schafgarben, Wicken, Windengeranke, den gelben Steinbrech, der so stark und schwül duftet, und mancherlei anderes buntes und liebliches Sommergewächs.
Ehe sie sich dessen versah, hatte sie einen ganzen Armvoll. Und den Kopf mit dem schon silbern schimmernden Haar hineingedrückt, schlug sie nun in Gedanken den düsteren Waldweg ein.
Kühle und Dämmerung unter den hohen Bäumen strichen wie liebkosende Hände über ihren heißen Leib. Ein paar blasse, huschende Lichter tauchten in dem dunkeln Laub auf oder kletterten zitternd an den Stämmen empor. Ein Specht pochte in der Ferne, sonst war alles still ... Die Wirklichkeit schien in dem Sonnental geblieben. Hier im Schatten standen die Träume auf ...
Zuerst ging die Frau mit dem Arm voller Blumen weiter und weiter, unbewußt sich ihres Alleinseins freuend, ohne um sich zu hören und zu sehen. Allmählich aber sprangen aus dem Walddunkel Töne und Worte über sie her, ohne Zusammenhang -- hier eines und dort eines, und plötzlich war es ein altes Studentenlied, das ihr in den Sinn kam.
Vor vielen Jahren hatte sie es von einem gehört, der schon lange tot war und der ihr auch eine Geschichte dazu erzählt hatte, die sie nicht mehr wußte. Aber die Worte waren nun da, und sie summte sie vor sich hin, im Takt danach schreitend:
Wo seid ihr Zur Zeit mir Ihr Lieben Geblieben, Die einen -- Sie weinen -- Die andern -- Sie wandern, Die dritten -- Noch mitten Im Strome der Zeit. Gestorben -- Verdorben -- Zu den Toten Entboten -- Ach alle, wie weit ...
Im Gehen dämmerte ihr auch der Sinn der gedankenlos hingemurmelten Verse auf, und damit kam eine flüchtige Erinnerung angeschlichen. Dahinter eine andere und dann mehr und immer mehr, bis zuletzt nichts als ein großes Fragen in ihrer Seele war: »Ja, wo seid ihr alle, mit denen ich einmal wanderte, ich, die ich jetzt so allein bin?« Sie setzte sich auf eine Bank, die sich in ein Erlengebüsch schmiegte und von der aus man endlos weit in den grün dämmerigen Weg sehen konnte, lehnte den Kopf an den Stamm hinter sich und machte die Augen zu.
Aus den Fragen wurde eine große Sehnsucht und aus der Sehnsucht ein Rufen:
»Ach, wenn ihr doch wiederkämt -- wenn ihr doch wiederkämt -- du -- und du -- und du!« Und wie sie dann aus halbgeöffneten, traumverschleierten Augen aufsah, schien es ihr, als ob Schatten um sie her aufstiegen und langsam vorüberglitten. Sie fürchtete sich nicht.
»Ja, kommt nur,« sagte sie und suchte, ob sie nicht liebe entschwundene Gestalten unter den gleitenden zu erkennen vermöchte.
Fast war es ihr auch, als ob sie einen und den andern von ihren Heimgegangenen den dunkeln Weg heraufziehen sähe. Hier und da tauchte ein wohlbekanntes Gesicht hinter einem Baumstamm auf, aber es zerfloß, und ein anderes erschien, das irgend eines Weggenossen kurzer Stunden.
Und niemand von ihnen machte vor ihr Halt. Niemand hauchte ihr im Vorüberstreifen ein gutes Wort zu, auch die Liebsten glitten mit weit offenen und doch blicklosen Augen an ihr vorbei und zerflatterten in dem grünen Dämmer.
»Ich habe nicht Kraft genug, euch zu rufen oder zu halten,« dachte sie traurig, »sonst sprächt ihr wohl mit mir.«
Sie senkte die Blicke und drückte das Gesicht in die lebendigen Blumen ...
»Was machst du mit all dem blühenden Unsinn?« fragte da aus dem Schattenzuge her eine spöttische Stimme.
Ja, was macht man mit blühendem Unsinn? -- Man freut sich daran -- man hebt ihn auf -- man wirft ihn weg.
»Doch -- wer fragte mich denn? -- wer war das?«
Sie schaute auf, und da sah sie dicht vor sich den, der sie vor langer, langer Zeit jenes Lied gelehrt hatte, mit dessen Versen sie diesen Weg gegangen war.
»Wie kommst denn _du_ her zu mir? An dich hab' ich kaum gedacht -- und gerade _du_ bist da?«
Ein leises Lachen. Und wie der Schatten immer körperlicher wurde! Zum Erstaunen lebendig, gar kein Traum mehr ... die große, gedrungene Gestalt mit der nachlässigen Haltung ... die breiten, festen Hände -- das Gesicht, häßlich mit seinen hervortretenden Backenknochen, dem grausamen Munde, um den Zärtlichkeit und Hohn spielten ... Und die Augen. Ja auch diese merkwürdigen grauen Augen mit dem rasch wechselnden Blick ...
»Es ist kaum zu glauben, wie deutlich ich dich sehe,« sagte die Frau. »Dich ... dich? ... Ja, hab' ich dich denn noch »du« genannt, als wir uns zuletzt sahen?«
»Ja, sage nur >du.< Dein Mann ist ja nicht da. Auch keine beste Freundin ... Und vergißt du ganz, daß ich schon lange gestorben bin?«
»Du lebst ja -- du lebst vor mir in diesem Augenblick wie in jenen Jahren, als ich, kaum erwachsen, zu meiner alten Pate Stephany kam und wir in eurem Haus über eurer Schlosserwerkstatt wohnten ... Und du Student auf Ferien, zum Examenarbeiten ... Und wenn ich konnte, lief ich hinunter in den Garten über dem Moor ... in dem der Kibitz schrie ... und die Wasserhühner pfiffen ... Und wir saßen zusammen und sahen zu, wie die Sternschnuppen fielen, und wünschten uns tausenderlei ... so lebst du ... jetzt mit einem Male, und warst doch so lange tot ...«
»Ich lebe von _deinen_ Gnaden. Ich feiere meine Auferstehung auf _deinen_ Ruf.«
»Ich rief dich nicht; du warst gar nicht in meinen Gedanken.«
»Dein Sehnen rief mich, du weißt's nur nicht.«
»Wie sollte das wohl zugehen?« fragte sie. »Ich weiß, daß ich träume. Ich bin im Walde eingeschlafen. Du hast dich in meinen Traum geschlichen.«
»Soll ich wieder fortgehen?« fragte er, und es war, als ob er in das Gebüsch hinüberflösse.
»Nein, nein, bleibe. Und sprich. Es ist ein so merkwürdiger Ton in deiner Stimme. Keine hat je wieder so geklungen. Und dabei hast du mir nicht einmal viel Gutes gesagt damals.«
»Es war aber alles wahr. Und darum hast du es in deinem Herzen aufbewahrt. Darum ist anderes, was deinem Sinn schmeichelt, was du gerne hörst und doch innerlich nicht anerkennst, verklungen. Heute sind die Lebendigen tot, und ich, der Tote, lebe ...«
»Du mußt nicht sagen, daß du tot bist. Wenn wir hier nebeneinander sitzen, sollst du diese Stunde ganz leben und mit mir reden ...«
»Wie einst im Mai ...« höhnte er.
»Geradeso war es immer mit dir,« sagte sie. »Wenn man ernst oder eindringlich mit dir sprechen wollte, fingst du an zu spotten.«
»Ich konnte Sentimentalität nie vertragen,« sagte er. »Du hattest immer Anlage dazu. Sonst hättest du auch später den langen Erwin, genannt >Latte<, nicht genommen, als er nach seiner auseinandergegangenen Verlobung Trost bei dir suchte.«
»Laß doch meinen Mann aus dem Spiel. Hat er nicht das Leben gezwungen?«
»Jawohl ... Leiter so einer großen Bank ist eine schöne Sache ... Ich wäre jetzt höchstens Justizrat irgendwo in Posemuckel -- wenn ich nicht zugrunde gegangen wäre.«
»An den Weibern ...«
»Sag: am Weibe, das ist präziser ... Aber freilich Präzision und du! -- Du mit den huschenden Gedanken und den phantastischen Reden ... Wie hat mein vielgeliebter Korpsbruder Erwin, die präzise Klarheit in Wort und Wandel, da wohl gestaunt! Kennen tat er dich ja kaum, als ihr heiratetet ...«
»Das ist auch nicht nötig. Dazu ist das gemeinsame Leben lang genug ... Und dann -- schließlich -- nach allen Versuchen, sich kennen lernen zu wollen, ist doch jedes Menschen Los die Einsamkeit ...«
»Ja -- wenn der Lebensweg des sogenannten Gefährten in der Börse mündet, während die Frau Traumwege sucht und mit Toten geht ...«
»Hätte ich Kinder, wäre das anders. Aber -- es ist auch so gut. Ich bin jetzt längst jenseits aller Wünsche -- ich gräme mich nicht mehr -- ich freue mich nicht mehr -- aber ich bin zufrieden.«
»Ist das deine Endweisheit, Sonntagskind? Als deine Haare noch dunkel waren, verlangtest du andres.«
»Sonntagskind?« sagte sie. »Das hab' ich vergessen in meinem langen Leben. Es hat auch keiner mehr danach gefragt, seit damals -- seit wir unter der großen Birke -- dein Vater hatte sie an deinem Geburtstag gepflanzt, erzähltest du« -- er nickte und sah sie an wie damals, schien es ihr -- »als wir unter jener Birke saßen an einem schönen Sonntagvormittag, an dem ich die Kirche geschwänzt hatte. Meine Pate und ihre Tochter waren fromm hingegangen. Da kamst du den langen Gang hinter eurer Schlosserwerkstatt her und wolltest mir Gedichte vorlesen. Aber die Sonne brannte, und darum gingen wir in eure Kaprifoliumlaube, in die du mir jeden Morgen ein paar schöne Verse legtest. Schade, daß ich sie nie zu nehmen wagte.«
»Ja ... ich, ich, ich, den das Weib schon damals in den Fängen hielt, ich dichtete ein unreifes Mädel an ...«
»An diesem Sonntag aber sagtest du eins aus dem Kopf, das ich schon kannte: >Es war ein Kind in Avelun.< Und da erzählte ich dir, daß ich auch ein Sonntagskind wäre, und du sagtest, das hättest du längst gewußt.«
»Und jetzt müßte ich armer heraufbeschworener Schatten wohl den hübschen Schlußvers sagen: >Wer Liebe singt, der singet Leid -- o Sonntagskind -- o Sommerzeit! ...< Übrigens sprachen wir damals von Liebe noch wenig ... wir sprachen von Wagner und Raabes Abu Telfan, von Genie und Charakter, von Ruhm und Zukunft ...«
»Ja, ja, und von einem Roman, den du schreiben wolltest, haben wir viel geredet ... Wahrhaftig, ich besinne mich ... =Vitium cordis= sollte er heißen ... Ach, wie war ich stolz auf ihn! ... Wenn ich's mir recht überlege, war er naturalistisch vorempfunden ...«
»Erlaube, das ist eine Bemerkung, die in das Reich der Lebendigen gehört. Vergiß nicht, daß ich da nicht mehr zu Hause bin.«
»Denk doch nicht an die Lebendigen,« sagte sie eifrig; »ich bin ja so froh, da nun all diese Bilder und Gedanken kommen, die ganz verschüttet in mir waren. Sprich weiter, sprich! ...«
»Ich spreche ja eigentlich nicht ... _du_ bist es ...«
»Ja, und weißt du, ich vergesse ganz, daß ich eine alte Frau bin und ein krankes Herz habe. In diesem schönen Traume schlägt es so stark wie in der Jugend.«
»Schlug es stark? Ja,« sagte er in dem halb nachdenklichen, halb spöttischen Ton, den sie so gut an ihm gekannt hatte, »ja, für allerhand Kinkerlitzchen -- für den Sultan Abdul Hamid -- für du-Bois-Reymonds Grenzen des Naturerkennens.«
Sie lachte hell und froh.
»Geradeso sagtest du damals und wolltest, ich sollte mich mit meinen Gefühlen auf meine Umgebung konzentrieren ... Es lag wohl nahe, auf wen!«
»Glaubst du, daß dir das Schaden an deiner Seele getan hätte? Glaubst du, daß deine Lebenden von heute zu kurz gekommen wären, wenn? ...«
»Nichts von den Lebenden. Das Leben liegt in diesem Augenblick so farblos hinter mir. Dieser Traum wird so schnell vergehen, und das Leben ist noch so lang ...«
»Glaubst du?« fragte er.
»Glaubst du?« klang es wie ein leiser Widerhall in allen Büschen, von allen Seiten.
Sie drehte sich um.
»Aus dieser Frage kommt es wie ein kalter Hauch,« sagte sie erschauernd. »Was willst du damit sagen? Sollte mir der Abschied von der Erde so nahe sein? Willst du _das_ damit sagen?«
»Hast du nicht schon Abschied genommen, als du sagtest, das Leben läge farblos hinter dir? Schlägt dein Herz, sonst so kraftlos und müde, nicht stark und jung, wenn du den alten Garten, wenn du mich siehst, und wenn du alles mit dem vergleichst, was dir da vorn in Tag und Sonne lebt?«
»Wenn ich Kinder hätte,« seufzte sie, »dann ginge ich mit in die Zukunft und brauchte meine Seele nicht an die Vergangenheit zu haken.«
»Du wolltest ja keine. Was überhaupt wolltest du je mit dem starken Willen, der schon Tat ist?«
»Bist du wiedergekommen, um mich zu quälen? Glaubst du, ich weiß nicht, daß ich mich verirrt habe? Zu den Höhen wollte ich ...«
»Und bist in die fruchtbaren Niederungen der guten Diners gekommen, aus denen Rangordnung die Kraft des Empfindens und Handelns verjagt hat.«
»Ich höre dich sprechen wie einst, ich sehe dich blicken ... ach, wie habe ich diesen Blick vergessen können? Wie sich die wehtuende Kälte darin löste -- zu Weichheit, zu Liebe, zu bedingungslosem Aufgehen ...«
»Wunder auch!« sagte er. »Du machtest mir ja damals meine Seele gesund. Und zweimal gab es in unserm fernen gemeinsamen Leben dieses heiße, geheimnisvolle Überströmen von Zusammengehörigkeit, das noch keine Weisheit erklärt hat ... Weißt du? Ruf es dir ins Gedächtnis das erste Mal. Frau von Stephany hatte Gäste geladen und bewirtete sie in dem Garten. Für den Hauswirtssohn, dem sie sonst wohlwollte, war diesmal unter den vielen adligen Verwandten und Freunden kein Platz gewesen. In Erbitterung darüber hatte ich mich in die Laube, _unsre_ Laube, gesetzt, von wo aus ich ungesehen alles beobachten konnte. Und ich sah dich mit einem Gefolge von dreien herumschwirren, sah, wie der alte Wüstling, der Landrat, in falscher Väterlichkeit deinen Arm drückte und dich um die Taille faßte ... Und ich hörte dein Lachen, und ich fühlte einen großen Haß gegen dich. Aber da -- wie ich wieder aufsah, standest du ganz allein, mit herabhängenden Armen und suchenden Augen, und dann kamst du langsam auf mein Versteck zu ... und wußtest doch nicht, daß ich drin war.«
»Ach, ich hab's dir ja später gesagt -- ich wußte es -- ich weiß nicht, woher ... Und als ich vor dir in der Laube stand, gaben wir uns die beiden Hände und sahen uns an.«
»Und da war es -- das selige, glückselige Fühlen -- du und ich -- eins sind wir -- _eine_ unendliche Welt wir beide -- _ein_ starkes, heißes Gefühl -- über den Worten stehend -- weißt du?«
»Ich weiß, wie ich stumm und erschüttert fortging zu den Gästen, und mich bewegte und sprach und wußte nicht, wie und was ... Und dann die Nacht durch saß ich auf meinem Fensterbrett, bis der Morgen zu dämmern anfing, und fragte mich immerzu: Was war das in der Laube? Was hatte mich da gepackt? Was ist über mich gekommen? Ich kann doch diesen Mann nicht lieben, der Jagd auf die Dienstmädchen der Nachbarschaft macht, der über Ehre und Recht lacht, der keine Gnade hat mit der Schwäche und keine Achtung vor der Kraft.«