An geöffneter Tür

Part 10

Chapter 103,592 wordsPublic domain

»Ja! ... Wir wollen beten!« ...

Frau Erika antwortete nicht.

Sie richtete sich mühsam auf und flüsterte Unverständliches vor sich hin.

»Das ist ja alles nicht wahr,« sagte sie dann plötzlich ganz klar. »Wenn ich leben bleibe, dann will ich wirklich ... wirklich ... nicht bloß zum Schein ... nicht hindämmern« ...

»Nach der Dämmerung bricht der leuchtende Tag des Herrn an,« sagte die Schwester, »der leuchtende Tag, der Tag der Erlösung. Der Friede ...«

»Finster ... Finster ...« ächzte Frau Erika und griff mit zuckenden Händen um sich.

Dann taumelte sie in den Abgrund, in dem Schein und Sein versinken.

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In dem kleinen Wintergarten, der sich an das grüne Wohnzimmer schloß, unter weißen Rosen und weißem Treibhausflieder ruhte nun die Herrin dieser Räume noch eine kleine Stunde, ehe sie unter die verschneite Erde gebettet wurde.

In einer Stunde nämlich versammelte sich der Bekanntenkreis, und dann kam auch der Geistliche, die Verstorbene für die letzte Fahrt einzusegnen, die sie nach der thüringischen Heimatstadt antreten sollte, um neben ihrem Kinde zu schlafen, wie sie es wohl gewünscht haben würde, wenn ihr in ihrem geräuschvollen Leben der Gedanke an ewige Ruhe je gekommen wäre.

Herr Doktor Lohrer ging durch alle Räume, um mit dem Blick des Herrn festzustellen, ob alles der Sachlage und seinen Anordnungen gemäß auf der Höhe wäre.

Zuletzt kam er in den Wintergarten und warf einen prüfenden Blick auf die Tote, deren leise Stimme noch in diesem Raum zu klingen schien.

Er hatte sich mit dem Ungeheuerlichen, das über ihn hergefallen war, als Mann von Selbstbeherrschung äußerlich abzufinden gesucht. Aber seine Gestalt sah sehr zusammengefallen und das Fuchsgesicht spitz und gelb aus.

Er schloß einen Augenblick die Augen, deren Lider rot und geschwollen waren. Als er sie wieder öffnete, fiel ihm die rötliche Orchidee in den starren Händen der Ruhenden auf, und er überlegte, ob dieser einzige Farbfleck die Harmonie des weißgrünen Bildes herabsetzte oder erhöhte. Er bemerkte auch, daß irgend etwas um das holde, friedvolle Gesicht nicht stimmte, es leer scheinen ließ ... Natürlich! Wie hatte er es übersehen können! Die weiße Locke, die viel bewunderte, fiel ja nicht in die Stirn wie im Leben. Der Friseur hatte sie ungeschickterweise versteckt. Er fuhr mit spitzen Fingern in das Haar und zog sie vor.

Aber sie hatte das Flockige verloren und lag rauh und ohne Glanz da.

Welch ein Glück, daß er im letzten Augenblick das noch ändern konnte!

Er rief nach der treuen Lina, die in angemessener Trauerhaltung nach kurzem Schaudern mit der Brennschere die gewohnte Ordnung herstellte.

Den scheuen Blick, mit dem sie aus zitternden Lidern ihren Herrn streifte, bemerkte er nicht.

Er winkte ihr, hinauszugehen, und dann nahm er doch die blaßrote Orchidee fort, die »wie ein Tropfen Lebensblut das Bild des Todes in seiner Absolutheit störte.« So dachte er.

Er legte sie auf den Kübel der Latanie, die sonst über die Chaiselongue im Nebenzimmer ihre großen Blätter hängen ließ ...

Die Blume fiel auf einen Scherben, ein rotes Ohr mit einem blanken Ring darin. Vor einigen Tagen hatte man ihn der fieberglühenden, jetzt erstarrten Hand entrissen und ihn auf den Platz geworfen, auf dem er achtlos liegen geblieben war.

... Und nun konnte die Trauerfeier vor sich gehen. Die Wachskerzen, die Doktor Lohrer selbst anzündete, legten ihren klaren, gelblichen Schein auf ein Bild von unbeschreiblicher, ruhevoller Schönheit und Poesie.

Er stand davor voller Bewunderung und Rührung. Mit einem Gefühl von Dankbarkeit streichelte er die eisigen Hände und rechnete in Wehmut und Güte mit der Toten ab.

»Sie hat ihren Zweck erfüllt ... sie war der Schmuck meines Lebens ... Vielleicht durfte sie nicht hinwelken ... um mir ein unvergeßliches Bild zu hinterlassen ... Aber auch ich hatte sie weich gebettet nach ihrem traurigen Jugendschicksal ... in Glück und Glanz ... Nicht jeder ... aber gleichviel ... es ist hart ... bitter hart ...«

Nach einem letzten trüben Blick auf die Ruhende richtete Doktor Lohrer sich straff auf und dachte an seine Pflicht.

Aus den Nebenräumen drang Stimmengemurmel. Er schob den Vorhang zur Seite -- -- und mit noch feuchten Augen, war das erste, was er leise befriedigt wahrnahm --, der weiße Spitzbart des Unterrichtsministers ...

Unter gleichem Winde

Gerade als die buntfarbigen Laternen in der nebeligen Dämmerung des Novemberabends die ganze Tauentzienstraße hinunter unnatürlich groß aufflammten, sprang eine Dame an der Haltestelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche von einem Wagen der =A=-Bahn, ehe er noch vollständig stillstand. Ein großgewachsener, hagerer Herr, der anscheinend mitfahren wollte, kam in ihren Weg und streckte höflich den Arm aus, um sie zu stützen. In der Heftigkeit des Sprunges aber taumelte sie gegen ihn, und eine aus dem Mantel herausfliegende Lorgnonkette hängte sich so fest an den Knopf seines Überziehers, daß er sie nicht schnell genug losmachen konnte und den Wagen, den er hatte benutzen wollen, vorüberfahren lassen mußte.

»Pardon -- wie ärgerlich!« sagte die Dame und zog an der Kette.

»Wollen gnädige Frau vielleicht bis zum Schaufenster dort treten, damit wir in dem helleren Licht die Schnur, oder was es ist, lösen können, ohne sie zu zerreißen?«

Die Dame fuhr zusammen und sah ihm ins Gesicht. Sie hatte eine kleine und zierliche Gestalt, rasche, lebendige Bewegungen, und ihre Farben schienen hinter dem Punktschleier jung und rosig, aber die Art ihrer eleganten Straßenkleidung zeigte doch auf den ersten Blick, daß sie mehr auf Würde als auf Jugendlichkeit Anspruch zu machen hatte.

Sie standen nun in der strahlend weißen Beleuchtung der Tapetenhandlung und sahen einander an, ohne an die Kette zu denken, prüfend und voll ängstlichen Staunens.

»Ist das möglich,« sagte die Dame leise und riß mit einem Ruck ihre Kette los, »Doktor Ender?«

Er hob den Hut und fuhr sich über die kahle Stirn. »Ja, gewiß. Und Sie? Wie ich Sie zu nennen habe, weiß ich nicht einmal. Man hat mir vor Jahren erzählt, daß Sie sich nach dem Tod von Major Splettner wieder verheiratet haben.«

Sie nickte. »Frau von Betzwold ... Irmgard Betzwold ...«

Ein nervöser Zug, der wie ein verzerrtes Lächeln aussah, zuckte um seinen Mund.

»Jawohl ... Irmgard! ... Leben Sie denn hier?«

»Ja, seit langem. Mein Mann ist Beamter. Geheimrat -- im Verkehrsressort ... Und Sie?«

»Ich halte mich seit mehreren Jahren hier auf.«

Sie waren ein paar Schritte weitergegangen und blieben nun wieder stehen. Fragende, verstehende, überquellende Blicke senkten sich ineinander.

Die Frau schüttelte zuerst den Bann des Schweigens ab, der sich auf sie gelegt hatte.

»Da vermeidet man sich ein halbes Leben lang, und dann kommt solch ein närrischer Zufall und kettet einen sozusagen wieder aneinander ... Wollen wir eine Viertelstunde zusammenbleiben?«

»Gewiß,« sagte er. »Es wäre unnatürlich, wenn wir uns jetzt mit höflichem Gruß trennen wollten. Wo befehlen Sie?«

»Möchten Sie ein Stück mit mir gehen? Ich wohne in der Leibnizstraße und wollte ohnedies zu Fuß nach Hause.«

Er schwieg erst und deutete dann auf die Menge der Menschen, die beide Seiten des Kurfürstendamms hinauf und hinunter strömte, schwatzend, eilend oder schlendernd und gegeneinander drängend. »Können wir nicht eine Viertelstunde irgendwo ungestört sitzen?« fragte er. »Ich weiß hier in einer Nebenstraße ein kleines Restaurant, in dem man um diese Zeit sicher niemand trifft.«

»Nein,« sagte sie, ein wenig lächelnd. »Es dürfte doch befremdend wirken, wenn zufällig jemand von meinen Bekannten mich in so einem Lokal sähe. Dagegen können wir hier in die Konditorei eintreten. Da kennt man mich -- wir sitzen in dem Erker da -- sehen Sie -- vor aller Augen und doch ganz allein.«

Er musterte sie einen Augenblick verwundert, als ob er fragen wollte: Was fürchtest du denn noch? Sie verstand und antwortete auf die stumme Frage: Nein, nein. Sie mache durchaus Gebrauch von dem Recht ihrer weißen Haare -- aber in dem Beamtenstaat, in dem sie lebe, wäre alles gewissermaßen numeriert, die Leute, mit denen man umginge, die Orte, die man besuche. Übrigens hätte sie auch aus den Erfahrungen ihrer früheren Jahre gelernt, etwas wie Schutz in einer umzäunten Lebensenge zu finden ... Sie könne gut mit einem Jugendbekannten in einer vornehmen, großen Konditorei zusammensitzen -- in einer obskuren, kleinen Restauration, die sie sonst nicht beträte, würde es aussehen, als ob sie mit ihm über wer weiß was zu reden hätte ...

Sie sagte das lächelnd, im Eintreten; und sich geschickt durch die enggestellten Tische windend, dirigierte sie ihn zugleich in den vorhin bezeichneten Erker, der durch zwei Goldsäulen von dem großen Raum geschieden war.

Und nun saßen sie einander gegenüber. Ein Paar Tassen zwischen sich, von dem faden Geruch der süßen Backware, des Kaffees, des Grogs eingehüllt, von dem leisen Rauschen der Zeitungsblätter in den Händen der ringsumher Lesenden, von dem Kommen und Gehen der Gäste, von durcheinanderhallenden Gesprächsbrocken umgeben.

Doktor Ender hatte sich aufgestützt und ließ den kahlen Kopf hängen. Frau von Betzwold nestelte an dem Schleier, musterte zerstreut und unruhig das Publikum und wandte sich dann, in den Schatten der Säule rückend, ganz dem Schweigenden zu.

»Wir müssen aber die kurze Zeit, die wir uns schenken, ausnützen ... Erzählen Sie zuerst von sich, lieber Freund! Was haben Sie in all den langen Jahren angefangen?«

Der verbitterte und traurige Zug um seinen Mund vertiefte sich, und das nervöse Zucken zitterte sekundenlang über eine Hälfte seines Gesichts.

»Ich habe nicht viel Tatsächliches zu erzählen ... Mein Onkel Farrstein -- wenn Sie sich noch erinnern,« Frau von Betzwold nickte -- »starb ein paar Jahre nach -- nach unserer Trennung und hinterließ ein viel größeres Vermögen, als ich erwartet hatte. -- Übrigens machte ich damals den letzten Versuch, mich Ihnen zu nähern -- ich bekam aber meinen Brief, den ich nach Sagan schickte, wohin Ihr Gatte doch gegangen war, als unbestellbar zurück.«

»Das wird wohl in der Zeit gewesen sein, in der ich in Sanatorien herumwanderte -- die Jungen im Korps waren -- mein Mann auf irgendeiner der Probestellungen, die er nach seiner Pensionierung in allen möglichen Branchen suchte ... Schließlich landeten wir ja dann doch wieder in Sagan, wo er auch starb ... Aber zu Ihnen, lieber Freund -- was fingen Sie nun an?«

»Meine Erbschaft ermöglichte es mir, die Last des traurigen Berufs abzuwerfen.«

»Sie waren doch Lehrer aus Passion! ...«

»Nicht mehr nach unserem Erlebnis! ...«

»Und womit beschäftigten Sie sich denn? ... Sie hatten doch einen so ungeheuren Tätigkeitsdrang....«

»Nicht mehr nach unserem Erlebnis,« wiederholte Doktor Ender. »Ich bin in der Welt herumgewesen, habe gesehen und erlebt, was man als Reisender ohne Anhang und ohne Ziel erlebt ... Und zuletzt, als mich das zu ermüden anfing -- ich auch die eine Note begriffen hatte, auf die mein ganzes Wesen -- seit damals -- gestimmt war -- habe ich mich in eine Tätigkeit gestürzt, die nun eine Art Lebenszweck geworden ist ... Ich versuche nämlich, unschuldig Verurteilten zu helfen -- nach meiner Meinung ist ihr Prozentsatz ein erschreckend hoher. -- Alle großen Mordprozesse, bei denen die Täterschaft zweifelhaft ist, durcharbeite ich mit und suche sie mit Aufwand all meiner Kräfte und Mittel aufzuhellen. Hier und da habe ich auch schon einen kleinen Erfolg gehabt, -- die öffentliche Meinung beeinflußt im Sinn der Gerechtigkeit. -- Ich betrachte meine Arbeit als eine Art Sühne ... Sie werden das begreifen, nicht? ...«

Die Geheimrätin sah sehr bestürzt vor sich nieder und erwiderte nichts.

»Und Sie?« fragte er, als sie schwieg.

»Ach, mit mir hat's das Leben schließlich noch gut gemeint. Wohl als Revanche für die schrecklichen Erfahrungen ... Daß ich damals -- nachdem ich Sie verließ, an der See schwerkrank war, und von da gleich nach Jena in eine Nervenheilanstalt geschickt wurde, haben Sie wohl noch erfahren ... Dann haben Sie ja aufgehört, nach mir zu fragen, wofür ich Ihnen übrigens von Herzen dankbar gewesen bin -- denn ich hätte ein Zusammenkommen nicht mehr ertragen, wie ich auch lieber gestorben wäre, als nach Kreuzstadt zurückzugehen ... Nachdem dann die gräßliche Geschichte dort ihre -- Erledigung gefunden hatte und ich wieder fähig war, unter gesunden Menschen zu existieren, bin ich nach Sagan gekommen. Daß der Tod meines Mannes, der bald darauf erfolgte, mich nicht besonders tief traf, werden Sie begreifen ... Zwei Jahre danach lernte ich in Thüringen meinen jetzigen Gatten kennen, und da ist dann alles Böse und Traurige versunken, und ich bin eine recht glückliche Frau geworden ...«

»Und die Buben -- die Zwillinge?!« fragte Doktor Ender.

»Beide vor dem Oberleutnant -- prachtvoll geworden. Und meine beiden Mädel aus _dieser_ Ehe auch liebe, schöne Geschöpfe ... Ich bin eine sehr stolze Mutter -- und, wie gesagt, ich habe allen Grund, zufrieden zurück und wohl auch in die Zukunft zu sehen.«

»Irmgard Splettner,« sagte Doktor Ender nach kurzem Schweigen, »ich bewundere Sie. Ich bewundere Ihre Selbstbeherrschung und Ihre Lebenskraft ... Fast noch jugendlich und blühend an der Schwelle des Alters ... Ich habe mich nicht so bemeistern können. Mir hat unser Erlebnis -- unsere Schuld das Leben zerbrochen, jedes Streben vernichtet ... Dabei habe ich mir noch Vorwürfe gemacht, daß ich dich, das Weib, die schwächere, nicht stützen und trösten konnte -- und nun bist du ...«

Bei diesem »Du« zuckte Frau Irmgard zusammen und machte eine kleine, abwehrende Bewegung.

Doktor Ender bemerkte es nicht. Er saß zusammengesunken da und sah mit den ausgeblaßten, trüben Augen starr vor sich hin.

»Lieber Freund -- wir haben, seitdem das -- das Peinliche sich ereignete, so viel erlebt und erfahren, Schlimmes und Gutes, jedenfalls Ausfüllendes -- Sie doch auch -- daß jenes Erlebnis restlos, man kann wohl sagen -- verschlungen ist ... Warum jetzt noch einmal darauf zurückkommen? ...«

»Haben Sie denn wirklich und wahrhaftig vergessen -- und ohne Gewissensqualen weiter leben können? ...«

Frau Irmgard seufzte ein wenig beklommen.

»Mein Gott, natürlich habe ich seinerzeit viel ausgestanden, tödliche Angst vor allem -- aber es ist doch auch viel geopfert worden -- alle Wünsche -- und -- das, ja -- Sie wissen es ja am besten -- wir haben uns doch nie wiedergesehn seitdem.«

»Ich weiß, daß wir auseinandergegangen und aneinander vorübergeschlichen sind wie zwei Feiglinge, wie zwei Verbrecher, die wir schließlich auch waren ...«

Frau Irmgard wurde weiß bis in die Lippen.

»Ich bitte Sie -- leise! Was wollen Sie mit diesen pathetischen Worten -- mit diesem gewaltsamen Aufwecken längst verschollener Dinge? Das war ein anderes Leben, so weit ab von dem jetzigen ...«

»Natürlich, natürlich.« Er nickte und lachte mit einem gequälten, höhnenden Ton. »So weit ab, wie etwa das Lokal hier -- von der Wirtschaft -- dem Heidekrug ...«

»Schweigen Sie!« befahl Frau von Betzwold. »Sonst gehe ich auf der Stelle ... Ich will das nicht -- ich bin fertig damit ... Wie können Sie nur,« lenkte sie ein, als sie in sein graues, vergrämtes Gesicht mit den trostlosen Augen sah. »Warum quälen Sie _sich_ und schließlich auch _mich_ so? ...«

»Sie haben recht, es ist ganz überflüssig. Aber ich bitte Sie -- bleiben Sie. Sie mögen mich für einen sehr schwachen Menschen halten. Aber bedenken Sie -- das lebenslange Schweigen, das Herumirren in der Welt unter Fremden, immer in der Maske des Ehrenmanns, der man vor sich doch nicht ist -- und nun plötzlich die einzige, die einen kennt, mit der man sprechen kann über all diese verquälte Zeit, weil sie die gleiche Last durch das Leben geschleppt hat ...«

»Nein, nein, ich sagte schon wiederholt, ich habe das längst abgetan ... Mein Gott -- unsere gemeinsame Schuld -- gewiß, es war eine, -- in meiner Welt von jetzt genau wie in der von damals -- ich war sicherlich eine untreue Frau -- aber wenn man die mürrische, grausame Strenge meines Mannes bedenkt -- -- und _wir_ zwei hatten uns lieb -- waren so jung und so froh! ... Was haben wir zusammen gelacht und geschwärmt ... Schöne Zeiten waren es trotz alledem!« ...

Ja, jene Zeiten!

Durch den bläulichen Dunst, das leise Stimmengeschwirr, durch die hastende Unruhe im Kommen und Gehen schlichen sie in den Erker und schütteten die Erinnerungen an harmlose Freuden und Leiden, an verschwiegenes Wünschen und erfülltes Sehnen über die beiden Menschen, die traumverloren da saßen ...

Frau Irmgard sah ein paar längst versunkene Lebensbilder zum Greifen deutlich vor sich aufzucken.

Das kleine Haus der Bezirkskommandantur in der stillen Straße hinter dem Ordenstor, ihr damaliges Heim ... Major Splettner, ihr damaliger Gatte, grämlich und verbittert wegen der zu früh abgeschlossenen Karriere ... Seine ewig scheltende Stimme mischt sich mit dem zwitschernden Jubel der Zwillingspuppen, mit denen sie selbst kindlich froh herumtobt, wenn der Hausherr nicht da ist ...

Wie ein Schatten huscht der lange Adjutant über die Straße, der vierte in dem lustigen Bund, und in der Kaprifoliumlaube des verwilderten Hausgartens kräht er zum Ergötzen seines dankbaren Publikums wie ein Hahn, gackert wie ein Huhn, wenn es ein Ei gelegt hat, und läßt mit dem Mund Champagnerpfropfen knallen ...

Aber das Tollen muß aufhören, die Jungen, noch nicht sechsjährig, sollen zu lernen anfangen, bestimmt der Major. Und da bringt eines Tages der Adjutant seinen Freund Doktor Ender ins Haus. Er ist Reserveoffizier bei dem Infanterieregiment, von dem zwei Bataillone im Städtchen liegen; das legitimiert den jungen Gymnasiallehrer bei dem Major, der ihn sonst nicht ernsthaft genug und bedenklich jung findet ... Mutter und Lehrer bemißtrauen sich im Anfang anscheinend, sind eifersüchtig aufeinander und beklagen sich gegenseitig bei dem gemeinsamen Freunde. Aber auf dem ersten Spaziergang mit ihm und den Kindern, an einem Märztag, längs den abfallenden Ufern der raschfließenden Aller -- beim Kätzchenpflücken -- stehen sie plötzlich voreinander -- tief erschrocken, einander stumm anblickend: das bist du ... das hab' ich ja nicht gewußt ...

»Es ist sonderbar, daß man in einem Augenblick ganze Monate in der Erinnerung durchleben kann,« sagte Frau Irmgard von Betzwold aufatmend ...

»Ja, ich habe eben auch vieles deutlich gesehn und empfunden, was über dem grausigen Abschluß längst vergessen war ... Vieles Schöne und Liebe.«

»Und schließlich war es auch nicht einmal eine Schuld,« sagte Frau Irmgard unbewußt. »Es hätte so aussehen können, wenn es je einer geahnt hätte ... Was nahm ich ihm denn? ... Gar nichts! Ich versteckte unser kurzes Glück vor ihm, wie ich vor seiner Gehässigkeit jede kleinste Lebensfreude verbergen mußte ...«

»Freilich war diese Schuld eine geringfügige gegen das andere,« sagte er. »Sonderbar übrigens, daß das, was uns zum erstenmal einander in die Arme jagte, auch ein Mord war ... Denkst du daran? ...«

Ob sie daran dachte ... An den unvergeßlich grauenhaften und doch schönen Tag ...

Die Nachbarkatze hatte das einzige, was der Major auf der Welt liebte -- seinen Kanarienvogel, gefressen -- und er, mit dem Burschen gemeinsam, sie gefangen und mit einem alten Degen lebendig an die Wand gespießt.

Sie schauderte noch heute, wenn sie daran zu denken wagte. Halb bewußtlos vor Grauen, war sie zitternd aus der Wohnung gelaufen. In der Abenddämmerung durch den Garten über den Wiesenweg zu dem kleinen Haus neben dem Tannenkrug, in dem Doktor Ender allein wohnte ...

Fassungslos war sie ihm um den Hals gefallen und hatte nicht mehr fortgehen wollen -- und war dann doch selig -- als sein Weib -- unempfindlich gegen das, was sie zu Hause erwarten konnte, heimgeschlichen ...

»Hätten wir damals -- nach jenem Maiabend, den Mut gehabt, uns zueinander zu bekennen« -- sagte Doktor Ender nachdenklich.

»Um Gottes willen,« rief die Geheimrätin. »Ohne Existenzmittel -- die Kinder in seinen Händen ... Sie selbst haben das doch damals für unmöglich gehalten ... Ich hätte es ja auch gar nicht überlebt -- Splettner hätte mich wie jene Katze, glaube ich -- doch warum diese überflüssigen Erwägungen? ... Vier Jahre später war er tot ...«

»Und wieder ein paar Jahre später war ich ein wohlhabender Mann -- aber was half uns beiden das? Uns hatte die Nacht vom 8. September auseinandergefegt. Und doch hätte sie uns zusammenkitten müssen, wenn man's recht bedenkt ...«

»Nein, nein, es war schon richtig so, daß wir uns nicht mehr sahen ...«

»Angst war es vor der Welt -- bei mir mißverstandenes Ehrgefühl dazu. Darüber haben wir einen unschuldigen Menschen ins Verderben und in einen frühzeitigen Tod gejagt. Haben Sie daran nie gedacht? ...«

»Dieser Kellner Hake war ohnedies ein verlorener Mensch. Er hatte allerlei Schandtaten auf dem Gewissen. Ich habe mich später erkundigt ...«

»Aber die, wegen der er lebenslänglich verurteilt, wurde und dann auch im Zuchthaus starb, hatte er nicht begangen. Und wir wußten es.«

»Wir konnten es nicht genau wissen -- es war immerhin möglich ...«

»Beschönige es nicht. Sieh noch einmal das Ganze, wie es war ...«

Frau von Betzwold stützte sich auf und sah mit überquellenden Augen in ihre Schokoladentasse, aber sie schwieg. Sie ließ die Worte des Mannes über sich hinstreichen wie einen Wind, dem man schutzlos preisgegeben ist.

»... Wir hatten uns drei Wochen nicht gesehen. Ihr wart an der See -- in Cranz, und wolltet noch den ganzen September dort bleiben. Da warst du auf die Idee gekommen, irgendeine Reparatur in deiner Wohnung vornehmen zu lassen, und kamst für einen Tag herüber. Weißt du es?«

Sie nickte. »Leider ...«

»Am Tage zeigtest du dich im Städtchen. Die Nacht gehörte uns. Du kamst über den Wiesenweg -- ganz feucht von den Abendnebeln kamst du ... Am Morgen schlichen wir hinaus. Auf der schiefen Bank im Ellernbusch, oben am Ufer, dicht neben der Gartenpforte hinter dem Tannenkrug, setzten wir uns nieder. Wir drückten uns schweigend aneinander und sahen glückssatt in die fahle, stumme Welt um uns, und ich weiß noch, wie eine große Eule vor dir aufflog, ohne daß man sie hörte ... Und da schlurrte das Schicksal heran ...«

»O Gott,« seufzte Frau Irmgard.

»Da, es war der Gastwirt Passinner. Er kam über seinen Hof geschlichen, und wir sahen ihn erst, als er mit der Last, die er schleppte, dicht neben unserm Busch stand, so dicht, daß wir durch das Blattwerk auch die wilden Augen sehen konnten, mit denen er um sich spähte, bevor er den blutigen Sack das steile Ufer hinab in das Wasser warf ... Er keuchte und stöhnte -- es war wohl keine leichte Last gewesen, und der schwarze Zopf ...«

»Ich sterbe, wenn du nicht schweigst,« unterbrach Frau Irmgard mit vergehenden Blicken.

»Das war ja alles ... Weiter gab's ja nichts ... Wir rührten uns ja nicht ... Wir sahen einen Mörder davontaumeln und blieben muckstill ...«

»Ja, natürlich ... vor Entsetzen ... Wie gelähmt waren wir, konnten nicht sprechen und saßen wie versteinert da.«

»Aber du mußtest doch nach Hause. Heimbringen durfte ich dich nicht. Ich blieb im Ellernbusch und sah dich wie einen Schatten durch den Nebel gleiten ...«

»Ach, ich in meiner schauerlichen Angst rannte und rannte. Ich riß zu Hause meine paar Sachen zusammen und lief auf den Bahnhof und saß zwei Stunden im Wartesaal und klammerte mich an unseren Kohlenlieferanten, der auch mit dem Morgenzug fahren wollte, und der sich meiner dann später auch angenommen hat. An dich habe ich gar nicht gedacht ... Es war in mir alles wie ausgelöscht, Liebe und alles. Mit einem Mal und für immer ...«