An geöffneter Tür

Part 1

Chapter 13,637 wordsPublic domain

An geöffneter Tür

von

Clara Sudermann

Dritte Auflage

Felix Lehmann Verlag / Berlin =W=

Alle Rechte vom Verleger gewahrt =Copyright 1914 by Felix Lehmann= =Verlagsbuchhandlung Berlin W 35=

An geöffneter Tür

Wie das sonderbar ist, ... eigentlich wie ein Traum. Ich sitze ganz allein in einem Passantenzimmerchen des Glarner Hofs in Glarus. In den Gartenanlagen vor meinem Fenster plätschert hinter dickblätterigem Buschwerk das Wasser eines Springbrunnens. Das wird heute mein Wiegenlied sein und mir einen guten Schlaf bringen. Aber noch will ich nicht schlafen. Ich habe das Herz so voll.

Es ist ganz still im Hause und auf der Straße. Als ich vorhin am Fenster stand, kam der Mond gerade hinter dem Glärnisch vor und schüttete schimmernde Streifen über Schroffen und Halden und Wasserfäden, die sich hinunterringeln. Da wurde der Riese lebendig und bekam eine Stimme.

Ach, du lieber, geliebter Riese, ich verstehe ja deine Sprache, ich fühle sie, und als Antwort möchte ich mich an dich hinanschmiegen, dich ganz umfassen mit all deinen Gipfeln, deinen Abgründen und den stillen, grünen Matten ...

Ich bin frei, und ich glaube an das Leben, an mein Leben, über dem Jahre hindurch das Schwert hing!

Als heute vor vierzehn Tagen in Davos Dr. Herholz in mein Zimmer kam und mir ganz ohne Vorbereitung sagte: »Fräulein Lydia, wir sind so weit, rüsten Sie sich zur Heimfahrt,« ... da stand mir das Herz still vor Schreck.

Wie oft hatte ich mir diesen Augenblick ausgemalt, in dem der lächelnde Henker vor mich treten und mir sagen würde wie schon so vielen vor mir: »Sie sind als geheilt entlassen.«

Wie hatte ich in voller Fassung und Würde dieses Todesurteil entgegennehmen wollen, auch lächelnd und dem Anschein nach den lügnerischen Worten Glauben schenkend. Und nun ...?

Ich fühle jetzt noch die eiskalte Leere, die plötzlich um mich war. Meine Jugend, meine armen vierundzwanzig Jahre schrien jammernd um Hilfe. »Wie lange also noch, Doktor?« brachte ich endlich vor.

Doktor Herholz, übrigens einer der wenigen unter der Herde von Ärzten, die mein Leben durchzieht, der mir immer gleichmäßig freundliche Teilnahme gezeigt hat, nahm meine Hand und fühlte gewohnheitsmäßig den Puls.

»Ruhig, ruhig -- es ist Ernst, Fräulein Lydia,« sagte er und sah mich treuherzig und froh an. »Sie brauchen nicht mißtrauisch zu sein. Ich habe das aber bei Ihrer skeptischen Veranlagung vorausgesehen und Ihnen den Krankheitsbericht seit der drittletzten Injektion mitgebracht. Kommen Sie, sehen Sie selbst.«

Es flimmerte mir vor den Augen. Ich las wohl mechanisch ... Gewicht ... Temperatur ... Sputum ... usw. Diese ganze entsetzliche Reihenfolge, die tagaus, tagein Gedanken und Gespräche beherrscht hatte, und ich mußte mich von dem günstigen Ergebnis überzeugen, das ja meinen eigenen Wahrnehmungen entsprach. Aber hinter der leise aufdämmernden Hoffnung sprangen die schwarzen Kreuzchen auf, die in meinen Erinnerungsbüchern bei so vielen Namen stehen, -- Namen von armen Menschenkindern, mit denen ich ein Stückchen Weg gemeinsam gemacht hatte, und denen fast allen einmal, wie heute mir, verkündigt worden war: »Sie sind als geheilt entlassen.«

»Sie dürfen das nicht, Doktor,« sagte ich dann. »Es ist eine überflüssige Grausamkeit. Das ist alles Täuschung, ein vorübergehendes Aufflackern, ... ich weiß zu genau Bescheid, und ich will mich nicht selbst betrügen und mir auch keine falschen Erwartungen einimpfen lassen ...«

»Ich gebe Ihnen die ehrliche Versicherung, daß es Ihnen verhältnismäßig gut geht, Fräulein Lydia. Natürlich sind Sie kein Riese, -- dürfen sich nie für ganz gesund halten, -- müssen vorsichtig und maßvoll in jeder Beziehung leben, -- körperlich und geistig ...«

Und nun begann er einen ganzen Strom ärztlicher Weisheit über mich zu ergießen. Mir war wunderlich dabei zumute. Ich widerstrebte innerlich, aber hier und da fing etwas in seinen Auseinandersetzungen an mir einzuleuchten, und endlich, als er von den Gefahren eines Rückfalls, ja des »letalen Ausgangs« sprach, die durch Erkältungen, Anstrengungen oder Erregungen herbeigeholt werden könnten, denen aber durch Willenskraft und Überlegung vorzubeugen war, -- da schwankte ich schon in dem festen Vornehmen, mich trügerischen Hoffnungen zu verschließen, und die Möglichkeit, daß er die Wahrheit sprechen möchte, hob sich zaghaft und verlangend in mir.

»Doktor, Sie begehen eine schwere Sünde, wenn Sie mich betrügen. Sie könnten mich ruhig so weiter dämmern lassen. Es ist ja gerade in Ihrem Sanatorium ganz vergnüglich. Man lebt so von der Hand in den Mund und täuscht sich über vieles hinweg in der schönen Natur ... Und Sie wissen ja, verlangen nach mir, um mich noch pflegen und lieben zu können, wie das so üblich ist, tut zu Hause niemand ...«

»Das weiß ich gar nicht,« sagte der gute Doktor etwas verlegen, »aber es spricht auch gar nicht mit. Hören Sie doch zu. Wenn's so wäre, wie Sie annehmen, wie es leider ja auch oft geschieht und aus Menschlichkeit und tausend anderen Gründen geschehen muß -- erinnern Sie sich nicht an den Gebrauch in solchen Fällen? -- Dann führe ich den betreffenden Patienten doch zum Chef, und der weiß mit seiner exorbitanten, sachlich scheinenden Beredsamkeit jedes Bedenken ganz anders totzuschlagen als ich. Das wäre ihm auch bei Ihnen eine Kleinigkeit gewesen. Sie kennen doch die leuchtenden Augen, mit denen die vollkommen Überzeugten dann aus dem heiligen Arbeitszimmer zu kommen pflegen, auch wenn Sie vorher noch so mißtrauisch waren.« Das stimmte. Wie eine Bestätigung dieser Worte glitt das Bild des Einen, Unvergeßlichen durch meine Gedanken, der sich auch nie durch die berüchtigte Endunterhaltung hatte täuschen lassen wollen, der dann doch beglückt dahergekommen war wie alle die anderen und doch denselben Weg gegangen war wie sie ...

»Sehen Sie, Fräulein Sargent,« sagte der Doktor weiter, »wir zwei haben uns doch ganz hübsch eingelebt miteinander, der Chef weiß das. Und als wir bei der letzten Konferenz gestern endgültig feststellten, was wir eigentlich schon seit Monaten wissen, daß von uns aus, im Augenblick nämlich, nichts mehr für Sie zu tun ist, sagte er mir großmütigerweise: »»Sie können dem Wurm die Nachricht bringen. Sie stehen ihr ja näher als ich, und wenn Sie wollen, besorgen Sie auch die Korrespondenz mit den Angehörigen,«« -- was, nebenbei gesagt, bereits geschehen ist« ...

Nun wurde mir doch schwindlig, und -- was soll ich es vor mir selbst nicht eingestehen -- eine ungeheure Freude brannte wie eine Flamme in mir auf. Fassungslos warf ich mich dem guten Doktor an den Hals und weinte, -- weinte bis zum Vergehen ...

.... Und dann sind die Reisevorbereitungen gekommen, vor allem der Briefwechsel mit den Meinen, der mich nicht sonderlich enttäuschte, weil dieses brausende Glück, das aus dem Hinterhalt über mich hergestürzt ist, ihm das Gegengewicht hielt.

Im Grunde benahm man sich genau so, wie ich es mir hatte vorstellen können. Eine matte, etwas ungläubige Freude und Verlegenheit, viel Verlegenheit. Man weiß augenscheinlich nicht, was mit mir anfangen. Die ganze Familie sitzt in Gastein. Ob ich dorthin kommen wolle, ob es ein geeigneter Ort als Übergang für mich wäre. Die Kur könnte man nicht unterbrechen, Papa hätte sie so nötig gebraucht, und meine Mutter dürfte ihn nicht verlassen.

Natürlich bin ich ihnen mit der Idee entgegengekommen, daß ich zuerst noch ein wenig für mich bleiben wolle, in einer gut empfohlenen Schwarzwaldpension vielleicht, jedenfalls meine Kräfte erst einmal erproben und die Welt mit den Augen der Gesundenden sehen lernen. Und dieser Wunsch traf auch auf keinen Widerspruch. -- Seit ich mündig bin, habe ich mir ohnedies die sonst nötig und standesgemäß gefundene Begleitung abgeschafft. -- Und mein Stiefvater schrieb mir sogar einen ganz herzlichen Brief. Er wolle mit seinem vollen Titel -- »der Ministerialdirektor imponiert auch in der freien Schweiz« meint er irrtümlicherweise -- mein Zimmer in dem Züricher Hotel bestellen, in dem ich die erste Station machen sollte.

Und Mama? ...

Jedenfalls ist ihr eine Last von dem hin und her gezerrten Herzen gefallen, und sie wird sicher mit der frohen Steigerung ihres Wesens, die sie immer so liebenswürdig macht, die nächsten Wochen in Gastein genießen.

Ich aber bin nach fröhlichem Abschied von Davos, -- von dem Hofrat, den ich gar nicht, dem Doktor Herholz, den ich sehr gern mochte, heute früh abgereist und, einer plötzlichen Eingebung folgend, in Weesen ausgestiegen und anstatt in Zürich in Glarus gelandet.

Das ist so gekommen:

In meinem Coupé sprachen zwei Herren von einer gewaltigen Arbeit, die man eben im Glarnerland, im Klöntal, unternähme. Man staue einen großen Bergsee, mache sein Gefälle höher und gewänne durch eine Leitung, die bis nach Zürich ginge, eine ungeheure Kraft, die industriell verwertet werden solle.

Nie im Leben hatte ich etwas Ähnliches gehört und, ich weiß nicht, als mir der Gedanke durch den Kopf schoß, was es nun alles für mich auf der Welt zu sehen und zu erleben gäbe, war ich auch schon entschlossen, mir diese Sache, die mir ganz ungeheuerlich erschien, zu betrachten.

Vielleicht hat bei diesem plötzlichen Entschluß auch ein klein wenig die Abneigung gegen das in Zürich von dem »Ministerialdirektor« bestellte Zimmer mitgesprochen, jedenfalls sitze ich hier in Glarus mit meinem glücklicherweise ausreichenden Handgepäck, während das große nach Zürich weitergereist ist.

Und ich freue mich ... Freue mich des einfachen Zimmers, das man der einzelnen Dame ohne Koffer angewiesen hat, freue mich meiner Selbständigkeit und meiner Einsamkeit. Ich möchte die große, gierige Lebensfreude, die in mir rumort, hinausschreien, und doch ist mir's gerade recht, daß kein Mensch da ist, in dem sie wiederhallt.

Ich brauche niemand auf der Welt, wie mich niemand braucht.

Ich stelle mich ans Fenster, und der Glärnisch mit dem Mondgeriesel über seiner machtvollen nächtigen Schönheit gibt mir, was ich in diesem Augenblick nötig habe -- so an der geöffneten Tür zu Leben und Welt....

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Nach traumlos durchschlafener Nacht ein halbes Erwachen voller Beklemmung und Bangen. Vergebliches Suchen nach der heißen Milch ... Die Hand greift nach dem Fieberthermometer ... Schwester Marie ist nicht da ...

Ach, und dann die Seligkeit! ... Das ist ja alles vorbei für immer oder -- seien wir vernünftig -- für lange Zeit ...

Ich habe gefrühstückt, einen Wagen bestellt, um ins Klöntal zu fahren, und warte nur noch auf meinen grünen Schirm, dessen Stock mir der Portier gestern zerbrochen hat, und den ich heute repariert zurückerhalten soll.

Die Sonne liegt schon mit voller Glut auf den Bergen und in den breiten, nüchternen Straßen der Stadt. Die Stimmung von gestern abend ist's nicht, aber dafür zittert eine satte Sommerfreude in der klaren Luft. Wär' ich nur schon draußen! ... Nein, so gut ist mir's nicht geworden.

Eine Depesche. Da liegt sie neben mir auf dem Tisch und mahnt: hinter den Bergen wohnen Leute, die sich wie ein Keil in das drängen, was sich eben in mir zusammenfügen will aus dem Durcheinander, das Krankheit und Einsamkeit in mir geschaffen haben ... Natürlich Mama -- natürlich sehr lang -- das spart einen versprochenen Brief, der nicht geschrieben wird, was der Ärmsten dann doch wieder ein paar schlaflose Nächte macht....

»Warum Glarus? Bitte jetzt jedenfalls dortbleiben. Kommerzienrat Hillmann, Jugendfreund deines Vaters, mit Sohn wollten dich Zürich aufsuchen, kommen nun Glarus. Bitte herzlich aufnehmen. Näheres brieflich. Soll ich Edina schicken? Treue Grüße. Mama.«

Unglaublich ..., unerhört ... Hätte ich doch auf den Schirm nicht gewartet -- dann wäre ich jetzt unterwegs, erst übermorgen zurückgekommen, und die eiligen Herren, die die Familie mir auf den Hals schickt, hätten das Nachsehen gehabt. Was können sie denn von mir wollen? Ich habe zwar eine Verbindung mit »Hillmann«, aber nur eine in Geldsachen, und ich weiß im Augenblick nicht einmal, welcher Art.

Was hindert mich übrigens auch jetzt noch, einfach meiner Wege zu gehen?

Mamas Bitte?

Nein ... Mama ist eine liebe, fremde Frau, die sich bereitwillig unter das Joch des »Ministerialdirektors« geduckt hat und nur manchmal aus ihrem behaglichen Nest nach ihrer verlassenen Ältesten angstvoll hinüberstarrt ... Ach ..., ich klage sie nicht an. Ich klage niemand an, aber ich habe sie mir alle abgewöhnt -- jeden einzeln und die ganze Familie zusammen.

Eine dunkle Erinnerung aus einem anderen Leben rührt hier und da an mein Herz.

In einem schönen Lande am blauen Meer, an dem Palmen stehen -- die Riviera -- San Remo, wo mein armer Vater an der Schwindsucht gestorben ist und auch begraben -- war ich ein geliebtes und vergöttertes Kind. Unzertrennlich von meiner traurigen Mutter, die vor Sehnsucht und Gram um den Heimgegangenen fast verging. Mein kleines Bett stand neben dem ihren, ich kletterte zu ihr, wenn ich sie weinen hörte, kuschelte mich an sie, und dann schliefen wir zusammen ein. Sie war sehr schön und gut, meine Mama -- und liebte mich sehr. Vielleicht ist das Übermaß an Liebe, das sie damals auf mich geschüttet hat, das gewesen, was sich sonst auf ein ganzes Leben verteilt.

Als ich sieben Jahre alt war, lernten wir den Ministerialdirektor kennen, der aber damals noch Regierungsrat war. Ich begreife es ganz gut, daß der energische, herrische Mann mit seiner schnurgeraden, unanfechtbaren Korrektheit und meine weiche, hochgestimmte und haltbedürftige Mutter sich so gut zusammengefunden haben. Auch mein kleines Herz jubelte ihm damals entgegen, denn Mama wurde zusehends heiter und glücklich im Verkehr mit ihm, und ich selbst war sein großer Verzug ... Blieb es auch eine kurze Zeit -- in der neuen Häuslichkeit in Berlin sogar noch, -- bis der Alltag und eine große Geselligkeit mich allmählich von ihm und auch von der Mutter abzudrängen begannen ... Zu meinem maßlosen Erstaunen....

Edina erschien auf der Bildfläche. Mit ihrem Schweizer Französisch, ihrer peinigenden Ordnungsliebe und der barbarischen Strenge, wenn ich allein mit ihr war, doch -- um gerecht zu sein -- auch mit einem im Grunde liebevollen Herzen und dem heißen Wunsch, die ratlose kleine Entthronte zu entschädigen. Mama wurde sogar ein ganz klein wenig eifersüchtig und wollte sie fortschicken.

Die gute Mama! Heute ist Edina ihr im Hause alles, und daß sie sie mir herschicken will, ein Opfer, das die ganze Wirtschaft aus dem Gleichgewicht brächte, wenn ich es annähme. Aber das tue ich nicht. Ich brauche Edina nicht mehr, wenn ich mich auch damals an die zankende kleine Französin klammerte. Damals, als sich das Herz meiner Mutter langsam von mir abwendete, weil die Vergangenheit versank -- versinken sollte, und ich mit dem Gesicht eines, der auch nicht mehr da sein durfte, als Mahner daran dastand.

Das ist ja wohl ganz einfach und nur menschlich, aber die junge, heiße Kinderseele konnte sich in diesem wirren Rätsel nicht zurechtfinden und wußte nicht wohin mit aller unerwünschten Liebesfähigkeit. Dann kamen die kleinen Geschwister, und die habe ich mit einer Seligkeit in mein banges Herz geschlossen, die ich zuweilen heute noch nachempfinden kann. Und eine kurze Zeit frohen Kinderglücks ist mir ja dann auch noch beschieden gewesen unter den süßen, strampelnden Geschöpfchen, die die Arme nach Liddy ausstreckten und sich heiser nach ihr schrien.

Und -- da ich einmal diese alten Erinnerungen zurückrufe -- mein Stiefvater fing in dieser Zeit an, sich mehr als je mit mir zu beschäftigen. Wohl seiner im Grunde gerechten Natur folgend -- um dann mit gutem Gewissen seine eigenen zwei mit der ganzen echten Liebe zu überschütten -- die er für mich natürlich nicht empfinden konnte. Und noch einmal ist mein Herz für ihn aufgeglüht mit unbeschreiblicher Anbetung. Ich habe wahrhaftig den =bon Dieu=, zu dem ich abends meine =prières= sagen mußte, abgeschafft und den heißgeliebten Papa an seine Stelle gesetzt.

Gott, Gott, was kann solch ein kleiner Mensch lieben und leiden, und wie gut ist es, daß ich das alles in so jungen Jahren habe abstreifen müssen! Wie hätte ich wohl mein hartes Schicksal, wie dieses schwerste des letzten Jahres, tragen können, wenn Liebes- und Leidensfähigkeit mit dem Alter noch gewachsen wären! ...

Als die erste Lungenentzündung kam, ist wohl das bißchen bleiche Sonne aus meinem Kinderleben ganz verschwunden. Natürlich bin ich sorgsam gepflegt worden, aber als ich genesen war, fiel mir das blasse Entsetzen, von dem meine arme Mutter bei meinem leisesten Hüsteln oder dem leichtesten Unwohlsein geschüttelt wurde, doch als etwas Ungewöhnliches auf.

Bei dem nächsten Katarrh, wie ihn Annie und Mia auch eben durchgemacht hatten, wurde mein Bett aus dem Kinderzimmer geschafft und meine Arbeitsstunden so gelegt, daß sie in die Zeit fielen, in der die Kleinen wach waren und sonst mit mir gespielt hatten. Ich durfte sie auch nicht mehr herzen und küssen wie früher, und es schien mir, daß man mir aus dem Wege ging, wo ich mich zeigte.

Natürlich war das eine übertriebene Ängstlichkeit und wohl auch noch Sorge um mich dabei, aber das konnte ich nicht begreifen, und eine furchtbare Verdüsterung kroch in mich hinein. Sie wuchs zu einer grenzenlosen Verzweiflung an, die mich heute noch in der Erinnerung erbeben läßt, als eines Tages mein Stiefvater mich unsanft beiseite stieß, wie ich, das Verbot vergessend, die kleine Mia in die Arme nahm und sie lachend und tollend abküßte.

Ach, dieser Blick, dieser eisige, böse Blick, der sich in mein Herz bohrte, den ich nie, nie vergessen werde, wenn mein Stiefvater und ich auch auf dem angenehmsten Verkehrsfuße stehen!

Ich glaube, jenes kleine Ereignis ist die Veranlassung gewesen, daß man mich fortbrachte.

In ein Pensionat für lungenleidende Kinder. Nach Davos -- mit einer jungen, sanften, freundlichen Erzieherin. Man erwies dem armen Ding damit zugleich eine Wohltat, denn sie war eine schwer Leidende, und sie ist auch die erste geworden, deren Namen mit einem schwarzen Kreuz in meinem Fremdenbuch den langen Zug des Todes eröffnet hat, der von da an mein Leben geleitet.

Eine Heimat habe ich seitdem nicht mehr gehabt. Bis zur Konfirmation das Pensionat mit seinen leidenden Insassen, meist Waisen oder Halbwaisen wie ich. Daß man mich durch die Übersiedelung aus dem Hause nach einem verseuchten Orte, -- mich und manche andere vermutlich in bester Absicht -- erst aus der Welt des Blühens in die des Vergehens gestoßen hat, ist mir übrigens feste Überzeugung geworden. Ich habe mich wenigstens ohne die Anzeichen der furchtbaren Krankheit, die ich ererbt haben sollte, gehalten, bis ich vierzehn oder fünfzehn Jahre alt war. Die ersten Fieberanfälle bei den rasch aufeinander folgenden Katarrhen waren ein Geschenk für die erwachende Jungfrau.

Und damit hat das Wandern von Sanatorium zu Sanatorium und jenen Hotels, in denen man Lungenkranke aufnimmt, begonnen -- unterbrochen durch einen kurzen Aufenthalt in der jeweiligen Sommerfrische der Eltern, in Begleitung der eben lebenden Erzieherin oder später Gesellschafterin, unter sorgfältiger Beobachtung aller nur denkbaren Desinfektionsveranstaltungen, unterbrochen durch einen mehrtägigen Besuch der Mutter, zuweilen auch des Vaters, in meinem Winterasyl.

Ich kenne sie alle -- Andreasberg, Badenweiler, Wehrawald -- Ospedaletti, Mentone, Nervi, San Remo -- Davos und wieder Davos. -- Im Grunde, wenn das Fieber schlief, ein sorgloses Leben voll äußeren Behagens. Ich bin nur in den teuersten und vornehmsten Anstalten und Hotels gewesen, dank dem Reichtum von meinem verstorbenen Vater her. Um mich herum ein buntes, internationales Treiben, eine verzärtelte Kultur, viel unbeschützte Jugend neben den lebenserfahrenen reiferen Leidensgenossen. Allen gemeinsam eine gesteigerte Lebens- und Liebesgier und allen gemeinsam der Tod im Nacken. Ich habe von allem gekostet, innerhalb der Grenzen, die ein gewisses, wohl ererbtes Schicklichkeitsgefühl meinem Temperament immer gezogen hat, und der Gesamtinhalt dieser Jugendjahre ist überhitzter Flirt, überhitzte Fröhlichkeit, überhitzte Trauer und Einsamkeit -- Einsamkeit -- Einsamkeit....

Mit einer kurzen Unterbrechung.

Ich taste jetzt manchmal mit scheuen Händen in dieser Erinnerung herum, die mich noch vor einem Jahre bis dicht vor den Abgrund der Selbstvernichtung riß.

Heute, in diesem Augenblick, ist es mir sogar beinahe Bedürfnis, mir Walter Hertog hierher zu rufen, ihn vor mir zu sehen, wie ich ihn in Arosa zuerst sah. Groß, schmalschulterig, damals noch sehr aufrecht -- ein Römerkopf mit brennenden Augen und einem Zug so verbitterten Leidens um den schmallippigen Mund, daß mir jetzt noch bange wird, wenn ich daran denke.

Wir haben uns sehr bald zusammengefunden.

Ich war der rechte Kamerad für einen, dessen schmerzvoller Kampf gegen das Sterbensollen ein viel härterer war als der der vergehenden Kreatur, den ich so oft mit angesehen hatte, denn bei meinem neuen Freunde wurde er verschärft durch einen fressenden Ehrgeiz, dem die Todeskrankheit plötzlich das Ziel entrissen hatte.

Hertog, obwohl auf dem Boden der bestehenden Staatsformen stehend, hielt sich -- wohl nicht mit Unrecht -- für einen großen sozialen Reformer. Er hatte eben als junger Assessor den ersten Schritt getan, der ihn der Verwirklichung seiner Pläne zuführen sollte, er war ins Ministerium berufen, und das Feld für seine offene und heimliche Arbeitsgier lag frei vor ihm. Da hatte ihn die Familienkrankheit, der er mit seinem eisernen Willen zu entwischen hoffte, nach einer starken Influenza gepackt und niedergeworfen.

Zwei Jahre lang sind wir Weggenossen gewesen im Schwarzwald, in den Schweizer Bergen und am Mittelländischen Meer.

Mein Gott -- welch ein wildflackerndes Leben! -- Und dabei Liegestuhl an Liegestuhl!

Er hielt mich natürlich ganz und gar in seinem Bann. Er war ja so weise wie niemand, den ich kannte. Er hatte den Dingen dieser Welt auf den Grund geschaut. Er konnte das anscheinend Gute, mit dem sie sich umkleideten, von ihnen reißen und ihr nacktes Skelett offenbaren.

Alles war Moder -- alles, was leuchtete, Verwesungserscheinung. Der Tod beherrschte sein ganzes Denken, weil _er_ sich ihm verfallen sah. Und mich mit ....

Oft sprachen wir über das alles, bis sich das Fieber über uns warf. Dann waren wir für Tage getrennt, und wenn wir uns wieder trafen, fingen wir auch wieder an, das Leben zu zerteilen und zu verhöhnen. Wir verspotteten jedes Gefühl, unser eigenes zuerst.

Denn natürlich -- trotz allem -- liebten wir uns.

An Frühlingsabenden, wenn in der Halle die Italiener »=vorrei morire=« heruntertremolierten, dann kam es wohl, daß uns Jugend und Rausch doch packten.

Wir liefen hinunter zu den Bambusbüschen oder zu den roten Rosensträuchern, die eben aufblühen wollten, und lagen uns in den Armen und küßten uns voller Leidenschaft.

An die Zukunft zu denken, hüteten wir uns. Wenn wir am Tage über das süße Erlebnis der schwachen Stunde sprachen, fanden wir großartige Worte, bald der Entsagung, bald des Hohnes.

Manchmal gingen wir in unseren Gesprächen auch bis auf das Äußerste -- die gänzliche Vereinigung in Rausch und Glut....

Einmal ganzes, volles Menschenglück ... einmal vor dem Tode....

Aber dann kam jedesmal eine große Abkühlung. Wir höhnten wohl über die höhere Tochter und den Regierungsassessor -- aber aus ihnen herauskriechen konnten wir doch nicht....

Nach einer längeren Sommertrennung trafen wir uns in Davos wieder.

Da fing es plötzlich an, ihm besser zu gehen. Ach wie hab' ich jeden kleinen Fortschritt mit ihm erlebt und genossen! Wie hab' ich für ihn gejubelt! Er selbst blieb lange Zeit ungläubig.

Bis eines Tages Dr. Herholz ihn zum Professor rief.

Da kam er denn glühend und mit leuchtenden Augen zu mir, setzte sich an meinen Liegestuhl und sagte in staunender Glückseligkeit nur immer vor sich hin: »Geheilt entlassen -- geheilt entlassen.«