Chapter 9
Glaubt nicht den Trägen und Selbstgerechten, die sagen, es sei anderwärts nicht besser. Die Tugenden der anderen sind nicht unser Vorbild, deshalb sind ihre Laster uns keine Entschuldigung. Es ist niedrig, das eigene Ideal an fremder Wirklichkeit zu messen.
Glaubt nicht den Schulweisen, den ohnmächtigen Schriftgelehrten, die verkünden: »Alles bleibt beim alten, es gibt keine Entwicklung.« Alle Eigenschaften, die wir haben, sind erworben, es gab eine Zeit, da keine unserer Tugenden war, und jede unserer Sünden ist eine veraltete Tugend. Die unterworfene Menschheit hat den Weg von der Sklaverei zur Hörigkeit, von der persönlichen Hörigkeit zur anonymen Unfreiheit des Standes durchlaufen, sie wird vor der Freiheit und Solidarität nicht Halt machen. Mit der Erscheinung reift das Erlebnis, im Parallelismus der Gestaltung und Entfaltung liegt die Synthese des Rationalen und Irrationalen.
Freilich fehlt es am führenden Geist, am menschlichen Vorbild, denn wir leben in der Zeit geistiger Anarchie, die nicht die Wahrheit, sondern sich selbst hören will. Kämen die Propheten wieder, man wiese ihnen Unwissenschaftlichkeit und mangelnde Logik nach, und geigte ihnen heim von Kanzeln und Kathedern. Doch je mehr wir uns sträuben, desto härter werden wir geführt, und müssen, wie der Krieg es zeigt, aus unseren Torheiten die Geißeln flechten, mit denen der Dämon uns lenkt.
Ein tiefes Gefühl sagt mir: Ihr schreitet freiwillig den Weg, den wir gezwungen schreiten. Denn wozu wären euch die seltenen, köstlichen Dinge gegeben: das schwere Erlebnis der Jugend, das Suchen nach der Verheißung, die erwachende Liebe zum Menschen? An Macht aber wird es euch nicht fehlen, denn Macht wird dem Volke geschenkt, das die Idee trägt, in dem Idee und Dasein verschmelzen. Ein Volk, das für sich selbst Geschäfte, Ausdehnung, Lebensgüter will, kann Erfolge haben. Dauernde Macht kann nur der schenkende Geist, die adlige Verantwortung, die Autorität der Idee erwerben, erhalten und ertragen.
Lebt wohl, wir scheiden. Die Fackel ruht in euren Händen, die leuchtende und zündende, die verheerende und verklärende.
Seid gesegnet und seid ein Segen unserem Volke. Seid gesegnet mit Härte und Unerbittlichkeit. Die soll euch fest machen gegen euch selbst und gegen den Versucher. Sie soll euch Not und Sorge machen, damit ihr den göttlichen Anspruch nicht leicht gewinnt.
Seid gesegnet mit stolzer Demut, adliger Entsagung und dienendem Herrentum. Die sollen euch niederdrücken und euch erheben, euch zu Dienenden und Schenkenden machen, damit die Welt von euch empfängt und sich euch hingibt.
Seid gesegnet mit suchendem Geist und ruhelosem Herzen, damit ihr durch alle Zweifel und Finsternisse stürmt und den Frieden der glaubenden Seele erringt.
Seid gesegnet mit verzehrender Liebe, die soll als ein Feuer aus euch schlagen, soll euch und das Land läutern von den Schlacken der Zeit und Vorzeit, und auffahren als eine Opferflamme zum Thron des Segnenden.
Zieht in den Kampf um die Seele unseres Volkes.
_Geschrieben im Juli_ 1918.
_Druck der Roßberg'schen Buchdruckerei in Leipzig._
_Werke von Walther Rathenau:_
_Zur Kritik der Zeit_ Fünfzehnte Auflage
_Zur Mechanik des Geistes_ Neunte Auflage
_Von kommenden Dingen_ Fünfundsechzigste Auflage
_Deutschlands Rohstoffversorgung_ Neununddreißigste Auflage
_Probleme der Friedenswirtschaft_ Fünfundzwanzigste Auflage
_Streitschrift vom Glauben_ Vierzehnte Auflage
_Vom Aktienwesen_ Zwanzigste Auflage
_Die neue Wirtschaft_ Sechsundvierzigste Auflage
_Zeitliches_ Zwanzigste Auflage
_Gesammelte Schriften in fünf Bänden_
[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf Grundlage der 1918 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den Anfang gestellt, das Verzeichnis der Werke Rathenaus nach hinten verschoben. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal S. 049: [Komma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß S. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel S. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß S. 083: [vereinheitlicht] die Wagnersche Geberde -> Gebärde S. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
[Transcriber's Notes: This ebook has been prepared from the first print edition published in 1918 by S. Fischer. The table of contents has been moved from the back of the book to the front, the list of Rathenau's other works has been moved to the back. The table below lists all corrections applied to the original text.
p. 009: zum ersten- und zum letzenmal -> letztenmal p. 049: [fixed comma] wer einigermaßen überzeugt ist. daß -> ist, daß p. 059: neben jedem Halm des Glaubens wird in Büschel -> ein Büschel p. 063: so wissen wir aus innerer Gewißheit, das jedes -> daß p. 083: [normalized] die Wagnersche Geberde -> Gebärde p. 098: geistigen und seelichen Besitzstand -> seelischen
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End of Project Gutenberg's An Deutschlands Jugend, by Walther Rathenau