Amoralische Fabeln

Part 4

Chapter 43,756 wordsPublic domain

Viele Tiere sehen Flocken vom Himmel fallen, andere sehen sie nie.

In der Welt bringt jemand den Tieren Futter ... usw.

Als der Storch fertig vorgelesen hatte, mußten die Kinder es durchbuchstabieren, und dann mußten sie es auswendig lernen.

Der Uhu hatte es sich lange überlegt, welche der verschiedenen Ansichten der Tiere er bringen wolle, denn sie stimmten ja durchaus nicht überein. Er wollte keinen seiner Freunde ärgern, indem er etwas wegließ, auch war ihm alles gleich wertvoll und schien ihm unentbehrlich für sein Buch.

Zuletzt fand er einen Ausweg. Er machte Zettelchen, schrieb sämtliche Beobachtungen von Maulwurf, Hahn und Schwalbe einzeln darauf, warf sie dann in eine Schüssel, schüttelte sie tüchtig und fing an zu ziehen. Den ersten Zettel, den er zog, gebrauchte er für das Buch, den zweiten nicht, den dritten wieder für das Buch, den vierten nicht, und so weiter, bis er den letzten gezogen hatte.

Das war gerecht und einfach und konnte ihm keinerlei Unannehmlichkeiten zuziehen. Und so entstand das Buch.

Der Storch stattete dem Uhu einen Besuch ab und dankte ihm begeistert im Namen der heranwachsenden Jugend für das interessante Werk.

Die lieben Nachbarn

»Habt ihr es schon gehört, der Nachbar von nebenan will eine Stadtmaus heiraten!« sagte eine Feldmaus zu ihren Besucherinnen. Sie glättete ihr braunes Pelzlein und ringelte zierlich den Schwanz.

»Eine Stadtmaus? Doch nicht die Weiße mit den roten Augen, die neulich hier auf Besuch war?«

»Gerade die!«

»Jetzt hört aber doch alles auf!« jammerte eine der drei, eine fette braune Feldmaus. »Also die Weiße! Nun, der Nachbar kann sich gratulieren!«

»Warum? Was wissen Sie von der weißen Maus?« schrien aufgeregt die andern.

»Ich weiß nichts, und ich sage nichts; aber denken tue ich mein Teil.«

»Woher wissen Sie es, Frau Feldmausin?« fragten die drei und rückten näher zusammen.

»Das darf ich nicht sagen. Aber die Person, die es mir mitteilte, ist zuverlässig, durchaus zuverlässig. Wenn das unser Nachbar wüßte! Der würde sich schwer hüten, so eine zu heiraten.«

»Man sollte ihn warnen,« riefen alle; »das ist beinahe unsere Pflicht!«

»Jawohl, es ist eigentlich unsere Pflicht!« Alle nickten mit den Köpfen und sahen sich bedeutungsvoll an. Es glänzte unternehmungslustig in den beerenschwarzen Äuglein. Und die vier machten sich eilig auf, und gingen zum Nachbarn hinüber.

»Herr Nachbar, wir kommen in einer delikaten Angelegenheit.«

»Liebe Freundinnen, ihr kommt gewiß, um mir zu gratulieren. Es ist ja kein Geheimnis mehr, gar nicht.« Die vier lächelten sauersüß und wünschten Glück.

»Meine Braut ist reizend,« rief der Verliebte. Die vier nickten.

»Das ist sie, gewiß; dagegen ist nichts zu sagen.«

»Und tugendhaft,« betonte nochmals der Nachbar.

Die langen Schnurrbarthaare der Feldmäuse zitterten vor Erwartung.

»Jetzt!« sagte leise die eine, und stieß ihre Nachbarin an, damit sie reden solle.

»Herr Nachbar,« begann die Fette und räusperte sich, »es ist leider unsere Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß Ihre Braut ...«

»Daß meine Braut?«

»Das Lob, tugendhaft zu sein, nicht ganz verdient.«

»So,« sagte der Nachbar, »was wissen Sie denn von ihr?« Die fette Maus kam etwas aus der Fassung: Der Bräutigam blieb gar zu gelassen.

»Sie ist ... sie hatte ... kurz, man hat sie mit einer braunen Maus im Mondschein spazieren sehen!« Erleichtert setzte sich die Feldmaus; es war eben keine Kleinigkeit, einem Bräutigam so etwas zu sagen.

»So!« sagte der Nachbar.

»So! So, sagen Sie, Herr Nachbar? Und mit diesen Grundsätzen wollen Sie in die Ehe treten? Bei so etwas bleiben Sie gelassen? Die beiden haben sich nämlich auch geküßt!« Triumphierend sah die Feldmaus im Kreise herum.

Der Nachbar lachte. Da erhoben sich alle vier würdevoll.

»Wir haben unsere Pflicht getan,« sagten sie. »Das Weitere ist Ihre Sache!« Steif wandten sie sich zum Gehen, ihre Schwänzchen fuhren aufgeregt hin und her. Sie waren schwer enttäuscht. »Wir bedauern gestört zu haben!«

»Gar nicht, aber gar nicht!« rief der Nachbar. »Die große, dunkelbraune Maus bin ich nämlich selber gewesen. Übrigens lade ich Sie alle zur Hochzeit ein.«

Und er öffnete die Türe und machte eine tiefe Verbeugung ...

Wie der Binsenteich erforscht wurde

In einem Wald, der noch wenig bekannt war, wurde ein Teich entdeckt. Er war viereckig, und seine Ufer waren mit Binsen bewachsen, deshalb wurde er von seinen Erforschern der »Binsenteich« genannt. Mehr wußte man noch nicht über den interessanten Ort. Bald beschloß der »Verein strebsamer Amphibien«, drei wissenschaftlich gebildete Mitglieder auszurüsten und hinzusenden in den unbekannten Wald.

Es meldeten sich eine Kröte, eine Ringelnatter und ein Enterich. Letzterer war zwar nicht Mitglied des Vereins, hatte aber doch schon öfters Vorträge gehalten, und da er Fachmann in allem, was Tiefteicherforschung hieß, war, so hatte man sein Anerbieten gern angenommen.

Die Expedition begann ihre Reise gemeinsam, beschloß aber bald, sich zu trennen, um ja recht verschiedene und subjektive Resultate zu gewinnen. Die Kröte sollte die Ufer und die Flora des Teiches als ihr zu erforschendes Gebiet betrachten, die Ringelnatter die Fauna, der Enterich aber die Tiefen, sowie die allgemeine Bodenbeschaffenheit usw. Sie trennten sich, nachdem sie den Zeitpunkt der Rückreise bestimmt hatten.

Die Kröte hüpfte langsam vorwärts, ruhte sich von Zeit zu Zeit aus, wartete, bis sich irgendein Insekt dicht vor ihre Nase setzte, und hüpfte, wenn sie gegessen und verdaut hatte, weiter. Sie brauchte lange Zeit, bis sie endlich beim Binsenteich ankam.

Am ersten Tag erholte sie sich von ihren Strapazen.

Am zweiten fragte sie eine Ameise, die vorüberlief, was es denn hier für Blumen gäbe?

»Blumen?« fragte diese verwundert, »Blumen gibt es keine hier! Ich wenigstens habe noch keine gefunden.«

»Schön, schön,« sagte die Kröte bedächtig, »da kann ich es mir ja bequem machen.« Sie setzte sich in den Schatten eines großen Klettenblattes und schlief ein. Am dritten Tage machte sie sich an die Erforschung des Teiches und seiner Ufer. Sie hockte auf einem Stein, ließ sich von der Sonne bescheinen und sah sich rings um. Aber sie sah nichts. Es schien ihr ein Teich zu sein wie ein anderer. Als sie dies alles in ihr Notizbuch eingetragen, schlief sie wieder ein und wachte nur des Abends auf, um etwas Nahrung zu sich zu nehmen.

Die Ringelnatter war indessen auch nicht müßig gewesen. Sie war bald beim Teich angekommen und schlüpfte nun eifrig, ihrer hehren Aufgabe eingedenk, durch die Binsen.

Sie begegnete einer Wildente, die sich eben auf die Jagd begeben wollte, und nahm diese sofort in ihre Dienste.

»Wie steht es hier mit der Fauna, meine liebe Ente?« fragte leutselig die Ringelnatter.

»Ausgezeichnet,« berichtete diese, »ganz ausgezeichnet. Die Frösche sind so zart wie nirgends sonst, auch Wasserschnecken gibt es in Menge, ebenso Fischlein, und der Sand, den man zum Verdauen braucht, ist weiß und fein. Vor Hunden und Menschen ist man durchaus sicher.«

Der Ringelnatter lief das Wasser im Maul zusammen.

»Wie wäre es, meine liebe Ente, wenn wir erst ein wenig jagen würden?«

»Um der größeren Wahrheit meines Berichtes willen wäre das sogar dringend notwendig.« Und die beiden begannen die Jagd. Lautlos glitt die Natter am Ufer hin, erhaschte da einen armen Frosch, der sich an dem schönen Sommermorgen seines Lebens freute, packte dort eine ahnungslose Schnecke, oder ein unerfahrenes Fischlein, und bereicherte ihr Wissen auf diese Weise rasch und angenehm.

Auch der Enterich war beim Teich angekommen. Als er sich von seinen Kollegen getrennt hatte, fiel ihm ein, er könne doch seine Braut, eine reizende schneeweiße Pekingente, mit auf die Reise nehmen, und kaum war der Gedanke in ihm wach geworden, als er sich auch schon auf dem Weg dorthin befand.

Die junge Ente war entzückt, daß sie an einer so interessanten und hochwichtigen Expedition teilnehmen sollte, packte rasch das Nötige -- Öl zum Schmieren ihrer Federn und einen Lappen zum Reinigen -- zusammen, und machte sich mit ihrem Enterich auf den Weg.

Als sie beim Teich angekommen waren, stürzten sie sich alle beide in das Wasser, tauchten, schwammen, bespritzten einander, und ruderten zuletzt friedlich Seite an Seite, sich mit den Schnäbeln zärtlich berührend und die schwarzen Augen verliebt verdrehend. Dann suchten sie sich ihre Mahlzeit, was nicht schwer war, da es von fetten Tieren aller Art wimmelte. Nachher schliefen sie, und dann gingen sie in den Wald spazieren.

So trieben sie es den ganzen Tag, und fingen am nächsten Morgen von vorne an. Daß der Enterich den Binsenteich erforschen sollte, hatten sie ganz vergessen. Endlich fiel es ihnen ein, gerade am letzten Tag. Aber der Enterich verließ sich auf alles, was er schon wußte und gelesen hatte, und auf seine Gabe, zu improvisieren.

Darum machte er sich fröhlich und guter Dinge auf die Heimreise, und traf an dem vereinbarten Ort mit der Kröte und der Ringelnatter zusammen. Letztere war dick und fett geworden, konnte sich nur langsam fortbewegen und litt an Verdauungsstörungen. Die Kröte aber sah ganz schlaftrunken aus. ... Sie hatte sich das Datum ihrer Abreise aufgeschrieben, das Papier an einen Baum geheftet, und eine junge Haselmaus gebeten, sie zu wecken, wenn sie etwa schlafen sollte. Dann hatte sie weitergeschlafen.

Die drei fingen nun an, sich zu unterhalten über alles, was ihnen am Teich aufgefallen war. Der Enterich sprach sehr geschickt, begeistert, erfüllt von seiner Mission, ließ auch merken, daß ihm viel Neues und Wunderbares aufgefallen und vorgekommen sei, und daß es manche Überraschungen geben werde.

Die Ringelnatter fühlte sich etwas bedrückt. Es wollte ihr nun doch scheinen, als ob die großen Hoffnungen, die der Verein strebsamer Amphibien auf sie gesetzt, nicht so recht erfüllt würden. Sie durchlas deshalb zu Hause sämtliche Bücher, die über Teichfauna handelten, notierte sich mancherlei, und ging nun ziemlich getrost dem Augenblick entgegen, wo sie in öffentlichem Vortrag dem Publikum ihre Entdeckungen mitteilen sollte. Die Kröte aber machte sich keinerlei Gedanken.

Der wichtige Tag war gekommen. Dicht zusammengedrängt saßen die Zuhörer. Erwartungsvoll wisperte und piepste und summte und quakte es. Vorne saßen die Schnellschreiber mit gespitztem Stift. Auch ein ganzes Pensionat junger Entlein war da, um ihren verehrten Lehrer, den Enterich, sprechen zu hören. Die schwarzen Äuglein glänzten.

»Er wird himmlisch sprechen!« sagten sie.

Die Kröte betrat zuerst die Rednerbühne. Langsam und schwerfällig begann sie: »Der von mir erforschte Teich ist viereckig. Es ist ein Teich wie alle andern. Blumen wachsen keine dort.« Darauf sagte sie noch einiges über ein paar Wasserpflanzen, die zufällig in der Nähe ihres Klettenblattes gewachsen, dann verließ sie ihren Platz.

Der Beifall war sehr mäßig.

»Eigentlich ist das nichts Neues,« sagten die ganz gewöhnlichen Leute. Die von der Wissenschaft schüttelten die Köpfe, sagten aber nichts.

Der Präsident des Vereins strebsamer Amphibien dankte ziemlich kühl im Namen des Vereins.

Die Kröte setzte sich auf die erste Bank und schlief ein.

Darauf kam die Reihe des Sprechens an die Ringelnatter. Sie richtete sich gerade auf, züngelte nach rechts, und begann ihren Vortrag. Sie sprach sachlich und fachgemäß über alles, was sie in ihren Büchern gelesen, brachte Daten und Zahlen, nannte die Länge des Teiches in Metern, und konnte genaue Schilderungen machen über die Eßbarkeit sämtlicher im Teich sich aufhaltenden Tiere.

Als sie geendet, klatschten die Zuschauer, und riefen Bravo.

»Recht interessant,« meinten die ganz gewöhnlichen Tiere.

»Kommt uns bekannt vor,« kritisierten die akademisch gebildeten, aber dem Publikum sagten sie das natürlich nicht.

Nun erhob sich der Enterich. Er verneigte sich gegen das Publikum, glättete eine widerspenstige Feder und begann:

»Tief versteckt im unerforschten Wald liegt ein Teich. Wie schlafend liegt er da, Binsen flüstern an seinen Ufern, Ulmen rauschen darüber hin und Seerosen träumen an seinen Wassern!«

»O Gott wie schön!« flüsterten die jungen Entenfräulein.

»Seine Ufer sind bevölkert mit uns gänzlich unbekannten Tieren. Sie sind grün, weißbäuchig, hocken zum Teil auf Blättern und schwimmen zum Teil im Wasser. Abends singen sie mit lauter Stimme merkwürdige Lieder.«

»Höchst interessant,« nickten die ganz gewöhnlichen Leute zufrieden. Die Schnellschreiber schrieben mit Windeseile.

»Das Wasser selbst wimmelt von einer sonderbaren Art von Lebewesen. Sie jagen blitzschnell dahin, glitzern wie Silber, schnellen oft in die Höhe, um nach Insekten zu schnappen, und verstecken sich unter den Steinen.« Der Enterich schwieg einen Augenblick, und das Publikum benützte die Pause, um seinen Gefühlen Luft zu machen. Dann fuhr der Redner fort, die Ufer, die Blumen und den Boden des Teiches zu schildern. Eine interessante Mitteilung folgte der anderen, das entzückte Publikum meinte im Walde zu sein und die neu entdeckten Tiere, die wunderbaren Blumen zu sehen, das Liebesgeflüster der Insekten zu hören, sie glaubten, hinunterzutauchen in die Tiefen und die seltsamen Gebilde zu bewundern, die auf dem Boden des Binsenteiches ruhten, und brachen, als der Redner geendet, in unermeßlichen Jubel aus.

Sämtliche jungen Enten weinten vor Freude. Das ganze Komitee des Vereins strebsamer Amphibien drängte sich um den Enterich und machte ihn zum Ehrenmitglied. Bescheiden dankte der also Gefeierte, verbeugte sich und verließ mit seiner Braut den Versammlungsort.

Kröte und Ringelnatter sahen ihm voll Neid nach.

»Merkwürdig, was der alles gesehen hat,« sagte die Kröte, »es muß auf der anderen Seite des Teiches gewesen sein, denn ich habe nichts bemerkt!«

»Ich auch nicht«, dachte die Ringelnatter, aber sie war klüger als die Kröte und sagte es nicht laut.

Das Begräbnis

Eine sehr angesehene Maus war tot und sollte begraben werden. Um das Lager des Verstorbenen war die Familie versammelt, und wartete auf die Eingeladenen. Zwei Mäuse standen abseits, eine graue und eine weiße. Die Weiße hatte einst die tote Maus geliebt, und die graue war von dem Verstorbenen geliebt und verlassen worden.

»Er hat die Seinen genug gequält,« sagte sie; »ich habe jahrelang zugesehen, und seine Witwe wird ihm nicht manche Träne nachweinen.«

»Sie war auch darnach,« sagte giftig die Weiße; »ich habe sie in ihrer Jugend gekannt. Gefallsüchtig und faul und ... Guten Abend, lieber Freund! Es freut mich, Sie zu sehen, wenn auch der Anlaß ein trauriger ist.«

»Ein sehr trauriger, liebe Cousine. Wir alle verlieren viel an ihm. Die ganze Gesellschaft trauert mit der Familie.« Der Vetter der weißen Maus trat beiseite, und sprach mit einem Neueingetretenen.

»Sehen Sie dort die weiße Maus,« sagte der. »Sie hat in ihrer Jugend den Verstorbenen geliebt und trauert nun um ihn, als wäre sie seine Witwe.«

»Vielleicht mehr als die Witwe selbst,« meinte bedeutungsvoll der Angeredete; »ich könnte Ihnen Dinge erzählen, an denen der Tote keine Freude gehabt hätte!«

»Was Sie nicht sagen.«

»Ein ander Mal; hier könnte man uns hören.«

Eine kräftige braune Maus trat zu der Witwe. »Im Namen sämtlicher Mäuse unserer Gesellschaft spreche ich Ihnen mein tiefstes Beileid aus. Wir alle trauern mit Ihnen. Da ist keiner und keine, die nicht an Ihrem Schmerz Anteil nehme, und die nicht die Hochherzigkeit, die Freigebigkeit und die Güte des Verstorbenen priese.«

»Der und freigebig!« sagte verächtlich die graue Maus zur weißen. »Ja, wenn es alle wußten und ihn dafür lobten, da gab er; aber frag' die Maus, seine Frau, die könnte dir erzählen. Ein Geizhals war er, ein gemeiner.«

»Er wird auch nicht allein schuld sein,« sagte aufgeregt die Maus, die ihn unglücklich geliebt hatte. »Da hätte ich seine Frau sein sollen! Ich hätte anders sparen und zu seiner Sache sehen wollen! Die Äpfel ließ sie im Keller verfaulen und die Würmer fraßen den halben Weizen! Begreifst du überhaupt, daß er sie nahm? Aus einer solchen Familie? Arm! Und nicht einmal hübsch!«

»Nicht hübsch! Sie war doch sehr hübsch!«

»Der Geschmack ist verschieden,« sagte schnippisch die weiße Maus.

»Ja leider,« wisperte die Graue.

»Ich möchte eigentlich wissen, woher er die Mittel hatte, so großartig zu leben,« sagte der Vetter zu seinem Nachbarn; »er war doch nicht eigentlich reich.«

»Oho! Reich war er schon! Ganze Haufen Weizen lagen da und Kerzen und Speck. Wie er dazu kam, ist freilich eine andere Sache.«

»So, so! Aha! Ja, ich habe auch schon etwas munkeln hören.«

Mehr und immer mehr Trauernde waren gekommen. Arme Mäuse waren keine da. Aber viele Mäusevereinsvorsteher. Sie alle lobten den Verstorbenen, seinen wohlwollenden Sinn, seine Freigebigkeit. Die junge schöne Maus, die dort am Lager des Toten stand, hörte gar nicht mehr, was die vielen redeten. Alle hatten dasselbe gesagt, und allen hatten sie dasselbe geantwortet.

»Nun kann ich von unseren Vorräten nehmen, soviel ich will; es hat mir keiner mehr darein zu reden!« dachte sie. »Und geben kann ich davon, wem ich will!« Sie versank in Luftschlössern. Auch die kräftige braune Maus, die so schön an der Bahre gesprochen hatte, machte solche.

»Vielleicht wäre es ganz klug, wenn ich die Witwe heiratete. Dann ist all der Weizen mein.« Und die braune Maus drückte die Pfoten der verwitweten Maus und sah ihr mitleidig und bedeutungsvoll in die Augen.

»Verfügen Sie ganz über mich.«

»Mit dem hätte ich ein anderes Leben führen können,« dachte die Witwe und fragte sich, wann die braune Maus wohl kommen werde, um sie zu trösten.

»Vielleicht gleich nach dem Begräbnis. Ich wollte, es wäre schon vorbei.«

Die reiche Maus wurde begraben. Der Verstorbene lag nun still da und konnte alles das nicht mehr tun, was er bei Lebzeiten so gerne getan hatte: Seine Frau ärgern, seinen Freunden sagen, er könne ihnen -- leider! -- nicht helfen, vor seinem Weizenhaufen sitzen und sich freuen, daß er ihn gestohlen, die armen Mäuse anfahren, wenn sie bettelten, und den Reichen geben, wenn es nachher im Mäuse-Tagblatt stand. -- Das alles konnte die tote Maus nicht mehr. -- Der Mäuseverein-Vorsteher sprach aber sehr schön an des Verstorbenen Grab. Die weiße Maus, die ihn in ihrer Jugend geliebt hatte, weinte, aber freute sich, daß die Witwe, die sie ihr ganzes Leben lang beneidet, ihn nun auch nicht mehr habe.

Die braune kräftige Maus freute sich, daß der Verstorbene solche Haufen Weizen hinterlassen, und ihm nun durch seine Witwe Gelegenheit gebe, die Haufen zu genießen.

Die Witwe sogar trauerte dankbar. Dankbar dafür, daß er nun tot war. Und zierlich führte sie ihr Schwänzchen an die Augen -- sie waren ihr wahrhaftig feucht geworden.

Die Ratgeber

Trübselig saß eine Henne im Sand, und blinzelte müde mit den runden Augen. Sie fühlte sich krank, mochte nicht mehr Eier legen, auch nicht spazieren, und nahm die fette Kellerassel, die der Hahn ihr bot, nicht an.

Er stand vor ihr, schön und stolz, und schüttelte seinen blutroten Kamm.

»Du hast dich überfressen,« sagte er, »faste, und morgen bist du wieder gesund.« Er muß es wissen, dachte die Henne, denn er ist der Hahn.

»Wie du meinst,« sagte sie ergeben. Sie hatte keinen Appetit, daher ließ sie die Assel sich vor dem Schnabel vorüberspazieren. Der Hahn stolzierte der Wiese zu.

Die alte Pekingente, bei der sich jung und alt Rat und Weisheit holte, hörte von dem Hahn, daß seine Lieblingshenne krank sei, und kam eilig angewatschelt, den vom Alter braunen Schnabel in die Brustfedern gedrückt.

Sie sah das Huhn durchdringend an.

»Öffne den Schnabel.« Das Huhn riß ihn auf. »Wackle mit dem Schwanz.« Das Huhn wackelte. »Plustere dich.« Das Huhn plusterte sich. »Du hast den Pips,« sagte die Ente, deren Bauch bis auf die Erde hing, bestimmt. »Äußerlich reibst du den Hals mit frischen Schnecken ein, innerlich trinkst du angemachtes Ameisenwasser. Tue, was ich dir sage, und morgen bist du wieder gesund.«

»Wie du meinst, Entenmutter,« sagte das Huhn. Es war überzeugt, daß die Ente alles wußte, denn alle glaubten an sie. Es machte sich auf die Suche nach Ameisen und Schnecken, mußte aber oft in die Furchen sitzen, denn es war recht schwach. Die Alte wackelte schnatternd davon.

Die Pute des Nachbarn, die ebenso dumm als abergläubisch war, trippelte heran, gluckte und sprach dem Huhn von einem unfehlbaren Sympathiemittel, an das sie unverbrüchlich glaubte.

»Suche drei Federn des Hahns, die er an einem Sonntag verloren hat, nimm die Schale von einem Erstlingsei, auf das die Henne nicht stolz war, und einen Engerling, der noch nichts im Magen hat, verbrenne das alles und laß den Tau darauf fallen. Die Asche wird dich heilen, so wahr ich schön bin.« Sie schritt gespreizt, sich verneigend und immerfort glucksend, davon. Das Huhn hatte seine rotgeränderten Augen aufgerissen und sich bei der Pute bedankt. Es glaubte an ihre Kunst, und fing mühsam an, die Erde nach Engerlingen zu durchwühlen.

Da kam zufällig die Hauskatze daher, die mit dem Huhn auf gutem Fuße stand, und fragte, was es da mache.

»Dummes Zeug,« sagte sie, als die Henne sie über ihre Bestrebungen aufgeklärt, »das ist alles Narretei. Daran glaubt kein kluges Huhn. Nein, in Honig gekochter Mäusedreck ist gut für dich, der hilft über Nacht.« Die gutmütige Katze strich sich den Schnurrbart und schob das entkräftete Huhn der Scheune zu. »Dort finden wir, was wir suchen,« sagte sie.

Aber an dem Scheunentor stand der Hund und lachte Huhn und Katze aus, als er hörte, was sie wollten.

»Was weiß die Katze! Die versteht nichts von Medizin,« sagte er verächtlich. »Ich hole dir den Doktor, der hilft dir sicher.« Böse lief die Katze davon, und der Hund geleitete die Kranke nach Hause.

»Wie du meinst,« sagte die Henne mit ihrer letzten Kraft. Im Hühnerhof streckte die Bedauernswerte beide Beine von sich und atmete mühsam und stoßweise.

»Sie muß besser genährt werden,« sagte eine gefräßige, grünschillernde Ente, »gebt ihr doch zu essen.« Sie stopfte so viele Regenwürmer, Käfer und Erde in den Schnabel des Huhnes, als hineingehen wollte. Das gute Tier behielt den Schnabel gleich offen, damit die Ente weniger Mühe habe. Die mußte es verstehen, einen Kranken zu nähren, denn sie fraß selber den ganzen Tag. Alle Hühner, Puten, Perlhühner und Truthähne standen im Kreis um das Huhn herum. Jedes tat sein Bestes mit guten Räten. »Wie du meinst,« sagte das Huhn zu einem jeden. Zuletzt konnte sie auch das nicht mehr sagen.

Da kollerte der Truthahn, blies sich auf, wurde rot und trommelte: »Fieber hat sie. Ihr Leib ist zu heiß, sie hat zu viel Federn,« und er und seine Henne ließen es sich angelegen sein, dem Huhn die Brustfedern auszurupfen. Es zitterte heftig, wehrte sich aber nicht und sagte nichts. Sie mußten ja wissen, was sie taten.

Da kam der Hund mit dem Doktor.

Er fühlte an der Kranken herum, sah ihr in den Schnabel, untersuchte ihr die Augen, sah nach, ob es ihr am Vermögen zum Legen fehle und wollte eben seine Verordnungen zum besten geben.

Da wurde das geduldige Huhn plötzlich wütend. Es hatte genug. Es schrie und gackerte gellend und heiser, rannte, als hätte es den Verstand verloren, im Kreise herum, sprang in die Höhe, schlug sich den Kopf an die Baumstämme, tobte und wütete, daß alle die Umstehenden entsetzt und in großer Angst zurückwichen.

»Sie ist verrückt geworden,« dachte der Hahn und ergab sich in das Schicksal, eine andere Henne zu seinem Lieblingshuhn ernennen zu müssen.

»Warum hat sie nicht getan, was ich ihr riet,« schnatterte die alte Ente erbost. Sie vertrug alles, nur nicht, daß man ihren Rat mißachtete.

»Geschieht ihr recht,« brummte der Hund, »warum holt sie den Doktor nicht und glaubt jeder dummen Katze.«

»Hätte sie Sympathie angewendet,« sagte die Pute leise zu einem Perlhuhn. »Sie wäre munter wie ein Fisch im Wasser.«