Amoralische Fabeln

Part 3

Chapter 33,905 wordsPublic domain

»Genug, meine ich. Die Welt bewundert uns und braucht uns. Ohne uns schritte der dürrbeinige Hunger durch das Land. Ohne uns stürbe, was Odem hat. Was ich davon habe? Dumme Frage: Wir sind die Ernährer der Welt.« Zornig schnellte sie ihren Stachel gegen den samtnen Schmetterling.

Er wiegte sich jetzt auf einer frühen Narzisse, die weiß wie er, ihr goldenes Krönchen auf der Stirne, ihren zarten Duft verbreitete.

»Arbeitstiere ihr,« sagte er verächtlich. »Ihr braucht auf euren Stand auch noch stolz zu sein. Grobes Volk, aller Schönheit bar. Wir Schmetterlinge sind der Zweck der Schöpfung. Wir sind das Schöne. Wir tragen den blauen Himmel, die bunten Blumen, die durchsichtigen Steine und den Schimmer des Goldes auf unsern Flügeln. Wir baden uns im flirrenden Sonnenstrahl und nähren uns von glitzerndem Tau. Wir leben um zu genießen. Ohne uns wäre die Welt öde, glanzlos, traurig.«

Er berührte den silberschimmernden Atlas der Narzisse mit den zarten Flügeln. Die Biene flog mürrisch summend davon, dem Garten zu, wo ihr Korb stand. Sie flog mit ihren beschwerten Füßen langsam an der blauen Roßfliege vorüber, die eben heimkehrte in der Mitte ihrer Anbeter.

»Faulenzer,« brummte die Biene.

In der Nacht kam ein Frost. Am Morgen lagen sie alle starr und steif am Boden, die Fliegen, die Biene und der Schmetterling. Auf dem Rücken lagen sie und streckten die Beine gen Himmel. -- Über ihnen lächelten die Sterne.

Der Gesangverein

Mitten in einem Steinbruch lag ein Tümpel, der von großen Blättern beschattet war, und wo der Gesangverein »Froschenia« seine Übungen abhielt. Jeden Donnerstag Abend.

Es war ein feiner Gesangverein, und nur feine Leute sangen mit. Waren andere Elemente eingetreten, so wurden sie rechtzeitig hinausgeekelt. Sämtliche Mitglieder hatten Grün als ihre Farbe erwählt, und so erschienen bei den Übungen die Damen in grünen Roben, die Herren in ebensolchen Fracks, mit weißen oder gelben Piquéwesten*.

* Die Verpflichtung, nur grün gekleidet den Übungen beizuwohnen, hielt auch Unbemittelte fern. Sie waren nicht erwünscht.

Es war kurz vor acht Uhr. Man fand sich immer ein paar Minuten vor der Zeit ein, teils um des notwendigen, sehr beliebten Flirts willen, teils um die ebenso berechtigte Medisance zu Wort kommen zu lassen.

Nur die ganz jungen Fräuleins kamen naiv um des Singens willen, sie schwärmten aber für den Kapellmeister. Daß er verheiratet war, tat nichts zur Sache, da die Backfische gänzlich wunschlos schwärmten.

Der Meister kam und bestieg sein Pult.

»O Gott!« sagten die ganz jungen Fräuleins und sahen sich errötend an.

Die älteren Damen warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu; denn der Musiker hatte mit einer unter ihnen einen kurzen Gruß getauscht. Man wußte, daß sie einander sehr genau kannten.

»Ekelhafter Patron,« näselte ein Student, »glaubt sich hier Hahn im Korb.« Die Studenten waren wütend, weil sie von den Backfischen nicht beachtet wurden; die hatten nur Augen für den verehrten Meister.

Der Kapellmeister gab das Zeichen zum Beginn. Man übte aus Carmen.

»Ich bitte die Bässe gefälligst beginnen zu wollen!« rief der Dirigent. Alle erhoben sich, und: Mut in der Brust, siegesbewußt! erscholl es unter den großen Blättern.

»Halt! Etwas mehr Feuer, muß ich bitten!« rief der Kapellmeister. Also noch einmal: Mut in der Brust, siegesbewußt! Diesmal wurde der Chor zu Ende gesungen.

»Meine Herren,« schrie der Musiker, »ich habe Sie singen lassen, um einmal den vollen Eindruck eines derartigen Singsangs zu bekommen! Meine Herren! Ist das gesungen? Das ist geleiert. Haben Sie denn keine Ahnung, was das ist: Mut in der Brust? Hat denn noch keiner von Ihnen Siegesbewußtsein empfunden! Mut ist -- --«

Da patschte es im Wasser, ein roter Schnabel wurde sichtbar, und ein paar lange Beine traten mitten zwischen die grünen Herren und Damen.

Eine Sekunde lang war alles starr; dann sprangen, huschten, schwammen und quiekten sie durcheinander und waren im Nu verschwunden. Der Storch hatte das Nachsehen und schrie höhnisch: »Jawohl! Mut in der Brust! Ihr seid mir die Rechten!« Dann suchte er sich anderswo sein Nachtessen.

Es dauerte eine lange Weile, ehe sich einer der Herren Frösche hervorwagte, dann ein zweiter und dritter. Endlich war die ganze Gesellschaft wieder beisammen. Sie waren noch ganz aufgeregt von dem Abenteuer. Der Dirigent begab sich an sein Pult, bedeutend milder gestimmt, klopfte dreimal mit seinem Stab und rief: »Meine Herren und Damen! Ich bitte um das Lied: Ein Veilchen auf der Wiese stand!« Das Lied wurde mit Empfindung gesungen, und mußte nur ein einziges Mal wiederholt werden.

Da aber der Meister beim Schluß des Liedes die Augen jedesmal nach der vorerwähnten Dame verdrehte, begann ein Backfisch zu kichern, andere fielen ein, es lachten die älteren Fräuleins, es lachten die Damen, die Herren, zuletzt alle.

Wütend klopfte der Kapellmeister.

»Ich bitte die ungezogenen Backfische den Saal zu verlassen!« schrie er.

»Was! Ungezogenen Backfische!« brüllten die Studenten, »das lassen wir uns nicht gefallen!« Sie stürmten das Dirigentenpult, packten den armen Musiker an den Beinen, und in hohem Bogen flog er ins Wasser.

Die Übung war aus. Arm in Arm verließen die Studenten mit den Backfischen das Lokal. Diese schwärmten nun für ihre Verteidiger, die ihren Vorteil wahrnahmen. Hinter jedem Blatt saß ein Pärchen.

Die Damen waren vorsichtiger; sie trafen sich mit den betreffenden Herren erst weit draußen und benutzten die Schatten der Binsen.

Die älteren Herren aber zogen in den »Goldenen Frosch«, um den heutigen Abend durchzusprechen. Die Stimmung war sehr animiert, es wurde viel getrunken. Nach Mitternacht schwankte eine Reihe grünbefrackter Gestalten nach Hause und sang: Mut in der Brust, siegesbewußt! mit so viel Verve und Feuer, daß auch der Kapellmeister zufrieden gewesen wäre!

Das kluge Huhn

Im Hühnerhof war große Gesellschaft. Von überall her waren die Hühner und Enten eingeladen. Zu einem Gericht frischer Maikäfer hieß es, in Wahrheit aber um die neue Nachbarin in Augenschein zu nehmen. Es ging das Gerücht in der Gegend, daß sie eine Andalusierin sei. Und das mußte wahr sein, denn tief schwarz war das Gefieder, und blau die Bäcklein, wirklich blau. Andere Spanier, Minorka zum Beispiel, hatte man ja auch schon gesehen, aber Andalusier noch nie.

Die Fremde benahm sich wirklich nett. Sie begrüßte jede der Hennen einzeln, und nur ganz kurz den Hahn.

Sie beantwortete sämtliche Fragen mit »Ja« oder »Nein«. Selber fragte sie nichts.

Nur bei den Hennen, die Junge hatten, forschte sie eifrig, ob alle die Kleinen gesund seien, und fügte hinzu, daß sie selten so hübsche Jungen gesehen habe.

Diese weise Frage hatte sie von ihrer Großmutter.

»Kücken,« hatte die gesagt; »du gehst nun in die weite Welt. Klug bist du nicht. Also gibt es für dich nur zweierlei zu beobachten: Begegnet dir ein Hahn, so sei schweigsam, und begegnet dir ein Huhn, so lobe seine Jungen. Beide werden deine Klugheit preisen.«

Die einzige Klugheit des spanischen Kückens war aber die, daß es seiner Großmutter gehorchte. Und auch diese Klugheit verdankte es nur seiner Dummheit. Es fiel ihm leichter zu gehorchen, als selbst zu denken.

Der Rat des alten spanischen Huhnes bewährte sich.

»Es ist wirklich eine gescheite Henne,« sagten die mütterlichen Hühner.

»Das ist sie,« bestätigte der Hahn und fügte anzüglich hinzu: »Wenigstens gackelt sie nicht den ganzen Tag wie gewisse andre. Sie muß klug sein.«

Nun war die Parole ausgegeben. Die kluge Spanierin wurde sie überall genannt.

»Sie kann reizend zuhören,« sagten die guten, schwatzhaften Hühner und merkten nie, daß die Fremde bei ihren Erzählungen die Augen geschlossen hatte und träumte.

»Und so bescheiden ist sie,« sagte die alte Ente. Sie konnte es nicht leiden, wenn ihr jemand widersprach, ganz besonders wenn es junge Leute waren. Die Jungen hatten »Ja« zu antworten, und damit basta.

Und »Ja« antwortete die Spanierin immer, warum hätte sie »Nein« sagen sollen? Es war ihr ja ganz gleichgültig, was die Alte da behauptete.

Der Hahn aber liebte seine schwarze Andalusierin sehr. Sie bewunderte ihn schweigend. Mit kindlichen, runden Augen sah sie zu ihm auf. Sie schwieg, wenn die anderen gackelten. Sie lief immer dicht hinter dem Hahn und ging nie eigene Wege. Auch hatte sie nie eine eigene Meinung.

Später hatte die Spanierin Junge. Reizende, schwarze, kleine Geschöpfe. Sie hütete und fütterte sie und lief nie von ihrer Seite. Das tut ein Huhn aus Instinkt, dazu braucht es keinen Verstand.

Als sie aufwuchsen, gab es freilich Hindernisse.

»Was muß ich tun, um in der Welt fortzukommen?« fragte einer der jungen Gockel.

»Du mußt »ja« und »nein« sagen und die Kücken der Hennen loben,« sagte das Huhn. »Das hat mich meine Großmutter gelehrt, und ich bin gut damit ausgekommen.«

Das Huhn sah nicht, daß hinter dem Zaun eine schöne, bunte Katze saß, mit feurigen, gelben Augen, die das Gockelchen unverwandt anstarrte. Es lief auf sie zu. Die Katze packte es und trug es im Maul davon.

»Was muß ich tun, um in der Welt fortzukommen?« fragte auch eines der jungen Hühnchen.

»Du mußt dem Gockel gefallen, das hat schon meine Großmutter mich gelehrt,« sagte das spanische Huhn und warnte das Hühnchen nicht vor dem Habicht, der mit gierigen Augen über dem Hühnerhof kreiste. Er schoß herab und packte das Hühnchen mit seinen scharfen Krallen.

Auch die andern Kücken kamen gelaufen.

»Was ist das Schönste in der Welt?« fragten sie.

»Das Schlafen,« sagte die Andalusierin und schloß ihre Augen. Die Kücken schlossen auch ihre Augen.

Sie sagten des ganze Leben »ja« und »nein«. Sie fraßen und schliefen.

Als das spanische Huhn starb, hielt der Hahn die Grabrede. Er nannte die Andalusierin die Klügste des Hühnerhofes.

»Des Hühnerhofes,« nickte klappernd der Storch und flog davon.

Der alte Schafbock

In der Schafherde lebte ein alter Bock. Er war nicht liebenswürdig gewesen, als er jung war, und er glaubte nun das Recht zu haben, noch viel weniger liebenswürdig zu sein, da er alt geworden. Um seines Alters willen mußte die ganze Herde sich ihm beugen. Einzig gegen die jungen Schäfchen war er freundlich, und die hätten es lieber gehabt, wenn er weniger artig gewesen wäre. Dies fanden auch die jungen Böcke. »Das Recht des Alters« nannte es der Schafbock, wenn er an den Lämmern herumschnüffelte.

Er hatte aber noch andre Eigenschaften.

Meistens erzählte er lange, langweilige Geschichten, und vergaß im Laufe der Erzählung das Ende. Er fing dann von vorne an und erzählte die Geschichte noch einmal. Aber dann passierte es ihm leicht, daß er die Pointe einer andern Erzählung dieser anfügte. Das merkten aber nur die andern, er selbst nie.

Man sah es ihm immer an, wenn er erzählen wollte, er hatte dann einen matten, in sich gekehrten Blick. Wer ihn bemerkte, nahm Reißaus. Nur die ganz Jungen nicht, die sahen nie, was ihnen drohte; noch nicht einmal merkten sie es, wenn der Alte sie zu sich rief.

»Laßt euch einmal erzählen, wie zu meiner Zeit die Alten behandelt wurden,« sagte er dann, und die Helden seiner Geschichten wurden jedesmal tugendhafter, und die Böcklein, die zuhörten, kamen sich jedesmal gemeiner vor, wenn sie sich mit den Altersgenossen des alten Schafbockes verglichen. Aber wieder nur die ganz Jungen.

Die andern kannten die Form, nach der die schönen, moralischen Lügen geprägt wurden.

Der alte Bock hatte aber nicht nur Belehrendes zu erzählen. Stand er unter den Schafen, so ging es nach einer andern Melodie, und hatte er sich gar an die Jungen herangeschlichen, so hörte er überhaupt mit Erzählen auf, und die Lämmlein mußten sich von ihm lecken lassen, so sehr ihnen vor seinen kahlen Stellen im Pelz und seinen roten Augen ekelte.

»Denkt, ich sei euer Großvater, meine Lämmchen,« sagte er. Aber das dachten sie nicht und sprangen bei der ersten Gelegenheit davon.

Der alte Schafbock hörte nicht mehr gut, deshalb mußte jedes Wort, das in seiner Gegenwart gesprochen wurde, wiederholt werden, auch das gleichgültigste.

»Das ist das Recht des Alters,« behauptete er auch da. Zudem nahm er alles übel, und die Jungen mußten um Verzeihung bitten, wenn sie es schon nicht böse gemeint hatten.

»Das ist die Pflicht der Jugend,« sagte er. Er hatte auch ein schlechtes Gedächtnis und wiederholte fortwährend dasselbe. Wenn den andern die Geduld ausging, und sie über ihn weg zusammen redeten, wurde er wütend.

»Nie wäre so etwas zu meiner Zeit möglich gewesen,« schrie er. »Die heutige Jugend ist entartet, der Respekt vor dem Alter ist tot!«

»Warum soll man eigentlich gerade vor dem Alter Respekt haben?« fragte ein kräftiges Böcklein.

»Warum? Warum?« Der Alte schnappte nach Luft. Er erstickte fast vor Zorn. Er schnaufte und nieste und schäumte und bespritzte die Umstehenden. Aber als er fertig war, fand er doch keine Antwort.

»Darum!« mähte er endlich heiser. »Ich verlange Respekt von euch, das ist mein Recht! Ihr habt zu schweigen, wenn ich rede, ihr habt zuzuhören, wenn ich erzähle, ihr habt stillzuhalten, wenn ich euch liebkose. Ihr habt mir nicht zu widersprechen, wenn ich etwas behaupte, und ihr habt mich zu ehren und zu lieben und zu achten.« Erschöpft schwieg er.

»Warum?« fragten sie wieder. »Wir wollen wissen warum!«

»Weil ich alt bin!« Der alte Schafbock ging seinem Stalle zu, um zu schlafen.

»Wenn er freundlich wäre,« sagten die Schafe, »wir wollten ihm gerne helfen und ihm dienen!«

»Wenn er würdevoll wäre,« sagten die jungen Böcklein, »wir wollten ihm gerne gehorchen.«

»Wenn er weise wäre,« sagten die alten Schafe, »wir hörten gerne seine Lehren. Aber er ist nur alt. Hat er darum ein Recht auf unser aller Wohlbehagen?«

»Nein,« schrien alle, »er hat keines! Wir wollen ausziehen und uns belehren über die Rechte des Alters.« Die ganze Schafherde ging über Land.

Sie fanden ein altes Pferd auf der Weide. Still und ruhig graste es. Sprangen unerfahrene, junge Pferde zu nahe an den Fluß, so hielt es sie auf. Den Füllen wehrte es die Fliegen. Wollten die Pferde in wildem Jagen ihre Glieder üben, so stand es beiseite, und freute sich der tollen Sprünge und gedachte dabei der eigenen Jugend. Und die jungen Pferde suchten die saftigsten Kräuter und führten das alte Pferd dorthin. Sie rieben sich schmeichelnd an ihm und scherzten mit ihm. Sie liebten es, denn es freute sich ihrer Jugend.

»Hat das alte Pferd von seinen Rechten gesprochen?« fragte der Leiter der Schafherde.

»Kein Wort!« riefen alle. Darauf fanden sie einen rissigen, uralten Baum. Hohl war sein Stamm, und dürre Äste ragten traurig zum Himmel auf. Aber fröhlicher Efeu war am Stamme in die Höhe geklettert und schmiegte sich schmeichelnd an die Eiche.

»Kann der Baum den Efeu zwingen, ihn zu schmücken, darum weil er alt ist?« fragte der Leitbock die Herde.

»Niemals,« antworteten die Tiere.

Am Bache lag ein alter, grauer Stein. Er lag mitten im Flußbett und störte den Lauf des Bächleins. Aber er hatte sich mit grünem Moos bedeckt, er hatte seine scharfen Kanten und Ecken vom lustigen Wässerlein abschleifen lassen und hörte freundlich auf sein Murmeln und Plätschern, und freute sich des munteren Gefährten, der sein Alter erheiterte.

»Warum kräuselt sich der Bach so gerne um den alten Stein?« fragte der Bock die Herde.

»Weil der Alte ihn nicht hemmt!« rief die Herde.

»So brauchen wir nicht weiter zu ziehen,« sagte der Bock. »Wir wissen nun, was wir wissen wollten.« Und sie zogen heimwärts bis zu ihrer Weide, wo der alte Bock mürrisch an der Sonne lag und schalt, daß man ihn so lange allein gelassen.

»Ich habe ein Recht, zu verlangen, daß man bei mir bleibe,« rief er und stieß die Nahestehenden mit den Hörnern.

»Fort mit dir,« schrie nun die ganze Herde. »Du hast kein Recht auf uns, nur weil du alt bist! Gehe zu Pferd, Baum und Stein und lerne von ihnen, wie man sich Liebe erwirbt.« Und sie ließen den Bock stehen und rannten leichtfüßig hinauf in die Berge, in die Sonne, zu duftendem Tymian und Vergißmeinnicht.

Vom bescheidenen Hähnchen

»Frau Mutter, wir möchten uns ein wenig in der Welt umsehen,« sagte das jüngste Hähnchen zu der Henne.

»Ja, das möchten wir,« sagte auch das älteste.

»Was heutzutage die Kinder nicht alles wollen!« Die Henne schüttelte den Kopf. »So geht! Ihr werdet bald genug wieder da sein. Und was ich sagen wollte: Seid ja recht bescheiden und drängt euch nirgends vor. Das können die Erwachsenen nicht leiden.«

Die Hähnchen machten sich eilends davon und krähten heiser und vergnügt in die Welt hinaus. Die Henne sah ihnen nach.

»Um den Ältesten ist mir nicht bange,« sagte sie zum Hahn, »aber der Jüngste.«

»Jugend hat keine Tugend,« bedeutete sie der Hahn.

Die Hähnchen zogen über das Feld, und das jüngste wurde hungrig.

»Hast du etwas zu essen?« fragte es seinen Bruder.

»Nein,« sagte der Älteste; »aber da kriecht eine fette Raupe.«

»Danke!« sagte das Jüngste, und fraß sie auf. Verblüfft sah der andere zu.

»Eigentlich hätte sie mir gehört. Ich habe sie zuerst gesehen.«

»Aber ich habe sie zuerst gefressen,« sagte ruhig das Hähnchen.

Sie liefen weiter und liefen manchen Tag, und die Welt hatte immer noch kein Ende. Es wurde ihnen fast unheimlich zumute.

»Ich wollte, ich wäre wieder daheim bei der Frau Mutter!« sagte das Älteste.

»Das glaube ich!« lachte der Fuchs, der plötzlich vor ihnen stand. »Welches von euch beiden möchte nun zuerst gefressen werden?«

»Bitte, Herr Fuchs, ich warte gerne,« sagte das jüngste Hähnchen bescheiden.

Da packte der Fuchs den Ältesten und zerriß ihn. Das Jüngste aber lief über das Feld heimwärts, so schnell es konnte. Es rannte und flog und krähte, bis es endlich bei seiner Mutter war.

»Frau Mutter,« schrie es schon von weitem, »oh, wie recht haben Sie gehabt. Bescheidenheit ist eine schöne Sache.«

»So,« sagte die Henne und sah ihren Jüngsten mißtrauisch an, »und wo hast du denn deinen Bruder?«

»Den hat der Fuchs gefressen, Frau Mutter. Und hätte ich nicht auf Sie gehört und mich unbescheiden vorgedrängt, so hätte die Sache schief ablaufen können.«

Das neue Buch

Es war einmal ein alter Uhu, der nicht mehr auf die Jagd gehen konnte, und sich von seinen Söhnen füttern lassen mußte. Da dachte er, daß er ein Buch schreiben wolle, und zwar ein Buch, in dem man sehen konnte, wie es in der Welt zugehe. Er wollte es drucken lassen für die Schulkinder.

Er ließ seine drei Freunde kommen: Den Maulwurf, den Hahn und die Schwalbe; die sollten ihm berichten, was sie von der Welt wüßten.

Es waren Leute, die viel erfahren hatten, zudem wichen sie nie von der Wahrheit ab, und dem Uhu lag besonders viel daran, daß in dem Buch nur die reine Wahrheit gesagt würde.

Sie begaben sich zusammen an den Rand des nächsten Waldes, um ungestört verhandeln zu können. Der Uhu saß im Stamm einer alten, hohlen Eiche, der Hahn ging gravitätisch davor auf und ab und der Maulwurf grub sich ein Loch, aus dem er nur den Kopf herausstreckte. Die Schwalbe aber flog auf den untersten Zweig des Baumes, unter dem sie beraten wollten.

Der Uhu nahm sein Notizbuch, spitzte seinen Bleistift, und bat den Maulwurf anzufangen. Der setzte sich in Positur und begann:

»Die Welt ist dunkel.«

»Dunkel?« fragte die Schwalbe verwundert.

»Ja, dunkel,« antwortete der Maulwurf bestimmt. »Dunkel und eng. Lange, schmale Gänge durchziehen sie, in denen man bequem gehen kann. Man macht die Gänge selbst, und hat viel Arbeit damit. Nahrung gibt es in Menge. Die Tiere besitzen alle einen schwarzen samtnen Pelz.«

»Einen schwarzen Pelz!« rief der Hahn. »Was für ein Unsinn!«

»Jawohl, einen schwarzen Pelz! Es gibt auch Maulwürfe, die einen weißen Pelz haben. Aber zum Glück sind sie sehr selten. Man verachtet sie, weil sie nicht sind wie alle andern.«

Der Uhu schrieb alles, was der Maulwurf gesagt, in sein Notizbuch. Zu einigen Mitteilungen machte er Bemerkungen. Er sagte aber nichts, sondern fragte höflich den Maulwurf, ob er noch etwas mitzuteilen habe.

»O ja,« sagte der Maulwurf, »die Hauptsache! In der Welt ist es sehr langweilig. Ein Tag ist wie der andere, und man hat nur zwei Zerstreuungen. Die eine ist das Essen. Die andere ist, daß man alle anderen Tiere über die Achsel ansieht, die nicht in der Welt wohnen und nicht leben wie die Maulwürfe. Und das ist die feinste Freude für einen Maulwurf.«

Der Uhu notierte alles. Darauf bat er den Hahn, nun auch seine Erfahrungen mitzuteilen.

»Die Welt,« begann der Hahn, »ist meistens eine lustige Sache. Genug zu essen, genug zu trinken und Hühner, soviel man will!«

»Soviel man will!« stöhnte entsetzt der Maulwurf.

»Jawohl! Soviel man will! Die Welt ist viereckig und hat einen Zaun aus Draht rings herum. Die Welt hat ein Licht am Himmel, dann ist es warm. Manchmal fallen aber weiße Fetzen vom Himmel und dann ist es kalt.«

»Weiße Fetzen?« fragte erstaunt die Schwalbe.

»Ja, und wenn die herabfallen, wird die ganze Welt weiß davon. Kein Tier legt dann Eier. Es gibt in der Welt jemand, der einem alle Tage Futter bringt. In der Welt haben die Tiere Federn und einen roten Kamm.«

»Einen Kamm?« riefen Maulwurf und Schwalbe. »Das ist nicht wahr.«

»So! Nicht wahr!« krähte heftig der Hahn. »Ich habe doch einen, und unsere Kücken haben einen, wenn sie zur Welt kommen, meine Hühner haben einen, und dann: nicht wahr! Jedes Wort ist wahr, das ich sage! Ich habe alles selbst beobachtet, ich lebe mitten in der Welt und betrachte sie von morgens bis abends.«

Der Uhu bat höflich den Hahn, sich nicht zu ärgern. Es zweifle niemand an der Wahrheit seiner Behauptungen, nur nehme eben nicht jedes denselben Standpunkt ein. Da gebe es dann leicht Differenzen.

»Das Schönste in der Welt,« fuhr der Hahn besänftigt fort, »ist der Misthaufen. Das ist eine wahre Fundgrube. Würmer, Käfer, Körner, kurz alles, was man sich wünschen kann, ist vorhanden. Das ist eine Lust, wenn alle da kratzen und scharren, picken und gackern, und nie fühlt man sich so als Mann, als wenn man auf seinem Mist steht inmitten seiner Hühner und stolz in die Welt hinauskräht.«

Ganz ergriffen hörte der Uhu zu. Zu der letzten Bemerkung des Hahns machte er ein Kreuz, damit er sie besonders sorgfältig ausarbeite.

Dann bat er die Schwalbe, nun auch ihre Beobachtungen und Erlebnisse zum besten zu geben.

»Die Welt,« fing die Schwalbe an, »ist unendlich groß. Sie besteht aus Meeren und Ländern, aus Bergen und Tälern. Das Schönste in der Welt ist, wie ein Pfeil die Luft zu durchmessen, von einem Land ins andere, Meere zu überfliegen und seine Brust dem Sturme preiszugeben.«

»Ein gräßliches Vergnügen!« wimmerte der Maulwurf, und der Hahn und der Uhu schüttelten ihre Köpfe. Der Uhu fragte nicht weiter. Es kam ihm gar zu phantastisch vor, was die Schwalbe erzählte, gar zu unwahrscheinlich und übertrieben. Jedenfalls würde er sich in seinem Buch mehr an die beiden andern halten.

Der Uhu dankte den Dreien sehr für die nützlichen Mitteilungen, und versprach jedem ein Exemplar des Buches, wenn es erscheinen würde. Er sagte, daß die Ansichten der drei Freunde weit auseinander gingen, daß aber, da alle drei ehrenwerte Leute seien, an ihrem Worte nicht zu zweifeln sei. Er werde alles sorgfältig prüfen und aus allen Darstellungen dasjenige nehmen, was ihm für die Kinder das Passendste scheine.

Nach einigen Monaten kam das Buch für die Schulkinder heraus. Lehrer Storch las in der Schule daraus vor. Es hieß da:

Die Welt ist dunkel. Oft ist eine Sonne da, doch scheint sie nicht immer. Wenn sie scheint, sehen sie nicht alle.

In der Welt haben die Tiere einen Kamm, manchmal aber einen schwarzen Pelz. Die Welt ist unendlich groß, und alles ist mit einem Zaun umgeben. Sie ist viereckig.

Das Schönste in der Welt ist der Misthaufen. Einige fliegen darüber weg und geben ihre Brust dem Sturme preis, die meisten aber krähen und suchen Würmer.

In der Welt sind enge, dunkle Gänge und darinnen verachtet man die andern Tiere. In der Welt ist es sehr langweilig, manchmal auch lustig, besonders wenn man Hühner hat, soviel man will und genug zu essen.