Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band.
Part 8
Der Fremde hob die Arme flehend empor und wimmerte »Gnade!« Leslie aber schien wenig geneigt, ihm diese angedeihen zu lassen; denn seine hammerartige Faust sollte eben auf seinen Schädel niederfallen, und wer weiß, ob der Sheriff dann nicht bei der ganzen Verhandlung unnütz gewesen wäre; der eine Constabel aber lenkte den Schlag des Erzürnten zur Seite, daß er machtlos an der Schulter des Knieenden niederglitt, und rief:
»Schämt Euch, Leslie -- wollt uns Leute vom Gericht um das Unsrige bringen -- der ist dem Strick verfallen -- so gönnt ihm den auch.«
Ehe aber noch Leslie ein Wort darauf zu erwidern vermochte, drängte sich die übrige Masse der Männer und Frauen herbei, die es nicht länger ausgehalten hatten, das Resultat in Ungewißheit zu erwarten. Den Gefangenen führten sie in ihrer Mitte und schon von weitem riefen einzelne Stimmen:
»Ist er es? ist es der Mörder, den Mac Ferson im Traum gesehen?« Kaum aber hörten sie das antwortende »_Ja_« -- das »kommt schnell -- wir haben ihn -- er fleht um Gnade!« da stieg ein wildes Jubelgeschrei in die Luft und Alles drängte jetzt in wilder Eile vor, den zu sehen, der durch Gott selbst den Gerichten überliefert worden. Den bisherigen Gefangenen beachtete Keiner mehr; nur ein Knabe von zehn oder eilf Jahren, auch ein Irländer, der mit Mac Ferson auf einem Schiff herübergekommen war, hatte sich bis jetzt dicht zu ihm gehalten, und als er nun, von Allen zurückgelassen, allein stehen blieb, da ihm seine auf den Rücken zusammengebundenen Hände nicht verstatteten, so schnell fortzukommen, glitt er schnell hinter ihn, schnitt ihm mit einem haarscharfen Messer die Bande durch, drückte ihm in der nächsten Secunde den Griff des Stahls in die Hand und folgte dann in flüchtigen Sätzen den Übrigen. Mac Ferson aber, ohne die mindeste Neugierde zu bezeigen, wie der Mann im wirklichen Leben aussähe, den er schon einmal im Traum erblickt, warf sich, als er kaum seine Hände frei und zugleich bewaffnet fühlte, hinter einem umgestürzten Baumstamm, der ihn den Blicken der Übrigen entzog, lief gebückt, aber so schnell er konnte, hinter diesem hin, kroch über den Kamm der Anhöhe hinweg, bis er diese zwischen sich und seinen bisherigen Feinden wußte, rannte dann, so schnell ihn seine Füße trugen, den Abhang hinunter in das angrenzende Dickicht, sah sich hier einen Augenblick etwas ängstlich um, schien aber bald das, was er suchte, gefunden zu haben -- ein Pferd, das hier gesattelt und aufgezäumt, wie des Reiters harrend, stand, schwang sich auf dessen Rücken und sprengte, ihm die Hacken in die Seiten bohrend, in vollem Carriere gen Süden.
Wie eine zürnende Fluth ergoß sich jetzt die wogende Menschenmasse der Stelle zu, wo der so wunderbar Entdeckte noch immer wie in gräßlichster Angst und Verzweiflung auf den Knieen lag. Man riß ihn vom Boden auf und aus den wildverworrenen Fragen, die fast von jeder Lippe an ihn gerichtet wurden, schien er nicht eine einzige verstehen zu können oder zu wollen, denn er warf zuerst einen scheuen Blick im Kreis umher, und barg dann auf's Neue das Antlitz in den Händen.
Der Sheriff drängte die ihm zunächst Stehenden ein wenig zurück, bat sie ihm Raum zu machen, um den Gefangenen zu examiniren, und das Volk, willig gehorchend, beobachtete tiefes Schweigen.
»Hast Du den Kentuckier erschlagen?« war jetzt des Sheriffs erste Frage, der es nach all dem Vergangenen für ganz unmöglich hielt, daß der, den sie hier so mitten im Walde gefunden, vielleicht gar Nichts von der Sache wisse. »Hast Du den Kentuckier erschlagen? Gestehe es, und vielleicht kann Dir noch Gnade werden!«
»Gnade?« unterbrach ihn Leslie entrüstet, ehe der Gefangene auch nur eine Sylbe zu erwidern vermochte -- »Gnade? den möcht' ich sehen, der Hills Mörder begnadigen wollte. Tod und --«
»Ruhe!« tönte es von allen Seiten. »Stört den Sheriff nicht und laßt ihn thun, was seines Amtes ist -- Ruhe!«
Eine augenblickliche Todtenstille folgte dem früheren Lärmen, und der Sheriff berührte auf's Neue die Schulter des Unglücklichen und sagte mit ernster und doch milder Stimme:
»Hast Du den Kentuckier erschlagen, so gestehe es -- nur durch ein offenes Geständniß kannst Du noch auf Gnade oder Mitleiden hoffen. Bist Du der Mörder?«
»Gnade -- Gnade!« schrie der Knieende und umklammerte die Knie des Sheriffs -- »Gnade -- ich will Alles gestehen.«
»Ein Wunder -- ein Wunder!« riefen die Baptisten im jubelnden Chor, und der Prediger stimmte mit voller, lauttönender Stimme ein Loblied des Herrn an, in das sämmtliche Mitglieder seiner Gemeinde jauchzend einfielen.
»Wo ist Mac Ferson?« sagte jetzt der Sheriff -- -- »bringt ihn her, daß wir sehen, ob dies derselbe ist, der ihm im Traum erschienen.«
Die Constabel sahen sich etwas verblüfft einander an, denn Keiner von ihnen hatte mehr an Mac Ferson gedacht. Der war ja unschuldig, der in Erfüllung gegangene Traum bewies das so sonnenklar wie nur möglich. Schnell durcheilten sie jedoch die Menge, den Verlangten aufzufinden und ihn, eigentlich im Triumph, zu dem hinzuführen, für dessen Schuld er beinah hätte büßen müssen; aber vergebens schauten sie sich zu ihrem Erstaunen nach dem bisherigen Gefangenen um, der war und blieb verschwunden und sie sahen sich endlich genöthigt, dem Sheriff Anzeige davon zu machen, der dann augenblicklich nach allen Richtungen hin Botschafter ausschickte, den vermuthlichen Flüchtling zurückzubringen, ihm aber zu sagen, daß er ohne Furcht folgen möge -- er sei frei; der, den ihm Gott im Traum gezeigt, habe die Schuld schon gestanden.
»Alle Wetter!« rief da der ehrliche Leslie aus, »jetzt läuft der fort, weil er dem Frieden doch nicht so recht traut, und ist ein ehrlicher Mann und ich habe ihm Unrecht gethan. Nein, Sheriff, der soll nicht lange in der Welt umherirren und sich fürchten, einem ordentlichen Kerl in's Auge zu schauen -- den müssen wir wieder finden, und mein bestes Pferd soll er haben, wenn er's annehmen will, nur deshalb, weil ich ihn für einen Schurken und Mörder gehalten. Gebt Ihr aber indessen wohl auf den zitternden Hallunken acht -- gnade Gott dem, der ihn entspringen läßt. Nun fort, Ihr Leute, laßt uns Mac Ferson wiederfinden -- er kann noch nicht weit sein, und drüben an der Straße stehen ja alle unsere Pferde.«
Der ehrliche Backwoodsman suchte jetzt, von seinen Freunden gefolgt, den ganzen Bezirk ab, und bald entdeckten auch ihre scharfen geübten Augen die Fährten des Entflohenen; Andere waren indessen nach den Pferden abgesandt, und Leslie schwang sich bald auf seinen feurigen Rappen und sprengte mit verhängten Zügeln dem nach, dem er so entsetzliches Unrecht gethan zu haben glaubte. Die Übrigen folgten zwar noch ebenfalls eine Strecke, gaben aber die Jagd bald auf, da sie einsahen, daß sie mit dem besser berittenen Leslie nicht Schritt halten konnten.
Indessen hatte sich um den auf so wunderbare Art gefangenen jungen Mann eine ganz eigene Gruppe gebildet; noch immer barg dieser nämlich sein Gesicht in den Händen und die Frauen, die gar zu gern gewußt hätten, was er denn eigentlich für Augen habe und wie er überhaupt aussähe, drängten immer näher und näher herzu und hielten den Sheriff und den zitternden Mörder fast allein umzingelt, während die kräftigen Gestalten der zurückgebliebenen Hinterwäldler den äußeren Kreis um diesen Zirkel bildeten. Der Sheriff aber winkte jetzt dem einen Constabel, den Verbrecher aufzuheben, um ihn in die Stadt und seinem richterlichen Verhör zuzuführen; erst nach langem Sträuben gehorchte der Unglückliche aber seinen Wächtern, und mehre Male mußte ihm der Baptistenprediger zureden, sich zu ermannen, seine Sünden zu bereuen und Gott wenigstens mit seinem entsetzlichen Verbrechen auszusöhnen.
»Wo ist Mac Ferson?« flüsterte dieser endlich mit leiser, kaum hörbarer Stimme.
»Hol' mich der Henker -- ob er den Namen nicht kennt,« sagte der Constabel -- »der ist fort, sie werden ihn aber wohl wieder holen!«
»Fort?« rief der Gefangene mit lauter freudiger Stimme und richtete sich schnell und plötzlich hoch auf -- »fort? ist er wirklich fort?«
»Jesus von Nazareth!« schrie die Frau des Presbyterianischen Geistlichen, die dicht neben dem jungen Manne stand, und sich bis jetzt vergeblich bemüht hatte, sein Gesicht zu sehen, während ihr dieser jetzt starr in's Antlitz sah -- »Jesus von Nazareth, das ist ja Missis Mac Ferson.« --
»Missis Ferson?« rief Alles erstaunt durcheinander; »die Frau des Iren? seine eigene Frau? und das der Mörder?«
Judith Mac Ferson aber, denn es war in der That die Frau des jetzt glücklich Befreiten, sank wieder thränenden Auges auf ihre Kniee nieder und sandte zu dem Allerbarmer ein heißes Dankgebet empor, daß ihr die Rettung ihres Mannes so glücklich gelungen sei.
Der Sheriff sammelte sich zuerst wieder, denn die Übrigen standen wirklich alle so stumm und starr vor Überraschung, als ob sie der Schlag getroffen habe; mit blitzenden Augen trat er der schönen jungen Frau, die jetzt die entstellende Binde und den Strohhut von der dunklen Lockenfülle abwarf, entgegen und rief mit finsterem Blick und drohender Stimme:
»Unglückliche, Du hast einem Verbrecher zur Flucht verholfen und mußt nun selbst dafür seine Strafe leiden -- Du kanntest die Gesetze des Landes nicht und bist in Dein eigenes Verderben gegangen. Ich verhafte Dich hiermit im Namen der Gesetze -- Mrs. Mac Ferson,« fuhr er dann mit ernster, tiefer Stimme fort, indem er seine Hand nach ihrer Schulter ausstreckte -- »Mrs. Mac Ferson -- Sie sind meine Gefangene!«
Judith Mac Ferson hatte aber, wenn auch erst kurze Zeit in Amerika, die Charaktere der Frauen kennen gelernt, unter denen sie lebte und auf deren Schutz vertrauend sie das gefährliche Spiel gewagt. Mit schnellem Druck des Constabels Arm zurückschiebend, trat sie zwischen die erstaunt zu ihr aufblickenden Frauen und rief:
»Weg von mir, Sir -- weg von mir! Ihr habt keinen Theil an mir. Habe ich ein Verbrechen begangen? Es war mein Mann -- der Vater meines Kindes, den ich befreite; ist eine hier unter den Frauen von Pensylvanien, die nicht unter gleichen Verhältnissen ein Gleiches gethan hätte? Ist Eine hier von Müttern oder Weibern, die nicht willig ihr Leben daran setzen würde, den Geliebten zu befreien? _Keine_ -- ich weiß es, und kein Gericht des Landes wird mich deshalb strafen können. Werden aber die Frauen von Pensylvanien zugeben, daß ich einem Gericht ausgeliefert werde?«
»Nein -- nimmermehr -- den wollen wir sehen, der ihr etwas zu Leide zu thun sollte,« rief es von allen Seiten, und um das junge, heldenmüthige Weib schaarten sich besonders die Presbyterianischen Frauen, voller Freude, daß den Baptisten ein solcher Sieg mißlungen sei.
»Ladies -- auf Ihre Verantwortung,« rief der Sheriff -- »Sie müssen mir für die Dame haften, übrigens wird ihre Gefangennehmung wohl nicht nöthig sein, denn Leslie ist mit seinem Rappen auf Mac Fersons Fährten, und wir kennen Alle miteinander Leslie genug, um nicht zu wissen, daß der nimmer zurückkehrt, ehe er den Flüchtigen eingeholt hat. Einen besseren Renner giebt's in ganz Pensylvanien nicht, als sein Rappe.«
Judith erbleichte, die Frauen aber ließen ihr gar keine Zeit sich zu besinnen, nahmen sie in ihre Mitte und führten sie im Triumphe fort. So eifrig sie früher die Hinrichtung Mac Fersons gewünscht hatten, so sehr interessirten sie sich jetzt für seine Flucht, und selbst die Baptistinnen konnten die Frau nicht tadeln, die ihren Mann befreit habe.
Um so mehr eiferte der Baptisten_prediger_, der jetzt mit mehren Anderen, mit denen er Mac Fersons Spuren aufgesucht, zurückkehrte, dagegen. Er sah in dieser lügenhaften Eingebung eines rettenden Traumes, zu dem sich die beiden Eheleute verabredet hatten, eine Blasphemie des Göttlichen und forderte ernst und bestimmt die Auslieferung beider Gotteslästerer. Der eine war aber, Niemand wußte wo, und die Andere wurde, nun sich der Baptist so fest dagegen erklärte, von den Presbyterianerinnen nur um so mehr vertheidigt und in Schutz genommen. Bald erreichte man die Stadt wieder, und hier erboten sich augenblicklich drei junge Leute, Mrs. Ferson mit ihrem Kinde, das indessen bei einer Landsmännin geblieben war, hinzubegleiten, wohin sie gebracht zu sein wünsche. Das nahm Judith mit herzlichem Danke an, verschwieg aber natürlich den verabredeten Ort, wo sie ihren Mann wieder zu treffen hoffte, denn der kleine Irländer, der Mac Fersons Bande durchschnitten, hatte ihr ebenfalls zugeflüstert, wie dieser auf schnellem Roß seine Flucht bewerkstelligt, und sie verlangte nur an den Ohiofluß gebracht zu werden, von wo aus sie ihre Bahn selbst verfolgen wolle. Das geschah denn auch noch an demselben Nachmittage, und während der Sheriff mit den zwei Constabeln und dem Baptistenprediger berieth, was in diesem Falle zu thun sei, und ob man erst die Rückkunft Leslie's mit dem Entflohenen abwarten solle, sprengte Judith Mac Ferson, auf einem schlanken Zelter, das Kind im Arm, die Begleiter an ihrer Seite, die Fahrstraße hinunter, die dem schönen Ohioflusse zuführte.
Doch jetzt wollen wir Mac Ferson folgen, der, sobald er das Pferd erreicht und sich hinaufgeschwungen hatte, mit kaum unterdrücktem Jubelschrei einen kleinen Holzpfad entlang flog, welcher ihn endlich zu der Hauptstraße führen mußte. Er ritt ein wackeres Thier, und hatte gegründete Ursache zu glauben, daß der von seinem treuen Weibe so glücklich erdachte Plan gelingen müßte. Einige Meilen vom Ohio noch entfernt, wollte er nämlich absteigen, das Pferd laufen lassen, um etwaige Verfolger irre zu führen, und dann seinen eigenen Weg bis zu einer Stelle am Ohiofluß fortsetzen, wo er früher schon einmal zwei Nächte mit seiner kleinen Familie gelagert hatte. Dort sollte er Judith erwarten, und dann konnten sie von da aus leicht eine neue Heimath im fernen Westen aufsuchen, wohin ihre Verfolger schwerlich vordringen würden, selbst wenn sie den Aufenthaltsort erfahren sollten.
Fröhlich gallopirte daher Mac Ferson, von diesen Gedanken erfüllt, die Straße entlang, und mochte etwa sechs oder sieben englische Meilen zurückgelegt haben, als sein Pferd, das über einen im Wege liegenden, umgestürzten Baumstamm wegsetzen wollte, in einer trockenen aber noch zähen Schlingpflanze hängen blieb, stürzte, den Reiter weit ab gegen einen Baum schleuderte und dann, unfähig sich wieder zu erheben, liegen blieb.
Wie lange diese Bewußtlosigkeit Mac Fersons gedauert haben konnte, wußte er selber nicht, als er aber nach ziemlich langer Zeit wieder zu sich kam, fühlte er, wie ihm Jemand die Schläfe mit kaltem Wasser wusch und erkannte, als er die Augen aufschlug, _den_ Mann, der, wie er wußte, sein grimmigster Feind war.
Mit einem leisen Schmerzensruf sank er wieder zurück, Leslie aber, der wohl ahnen mochte, was den Armen erschreckt habe, bog sich zu ihm nieder, faßte seine Hand und sagte:
»Fürchtet Nichts, Mac Ferson -- wir haben Euch Alle Unrecht gethan; der, den Euch Gott im Traum gezeigt, hat das Verbrechen gestanden; Ihr könnt frei zurückkehren, ich selbst bin Euch aber nachgeritten, um Euch abzubitten, daß _ich_, vor allen Anderen, Euch so feindlich gesinnt war; aber seht, Hills war mein Freund, und wenn auch sonst ein etwas roher Gesell und vielleicht in manchen Stücken tadelnswerth genug, so mußt' ich mich doch seiner im Tode annehmen, da er ja sonst fast Niemanden in Seneka hatte, der seinen Mord rächen konnte. Kommt -- steht auf -- gebt mir Euere Hand und laßt uns Freunde sein. Ihr habt Euch doch keinen Schaden gethan?«
Mac Ferson wußte kaum, ob er seinen eigenen Ohren trauen sollte. War dies vielleicht ein Traum, der ihn befangen hielt, oder hatte er den früheren wirklich geträumt? Die durch den Sturz angegriffenen Sinne vermochten nicht gleich klar und deutlich seine jetzige Lage zu fassen, und er schloß wieder auf mehrere Sekunden die Augen, um sich erst ganz zu sammeln. Mac Ferson war übrigens nicht der Mann, einen sich ihm bietenden Vortheil leicht hintanzusetzen. Leslie wußte augenscheinlich noch nicht, daß der vermeintliche, von ihm im Traum gesehene Verbrecher sein eigenes Weib, und das ganze ein abgekarteter Plan gewesen war; dieser mußte ihn daher auch für unschuldig halten, und er beschloß nun, seine Maßregeln darnach zu ergreifen.
Er öffnete die Augen, richtete sich mit des Amerikaners Hülfe, indem er sich schwächer stellte, als er wirklich war, vom Boden auf, und ließ sich nun mit kurzen Worten erzählen, wie sie den von ihm so genau bezeichneten Fremden gefunden hätten. Ehe er sich aber noch selbst über seine eigene Flucht entschuldigen konnte, trat Leslie, der darauf weiter gar nicht einging, zu Mac Fersons Pferd und fand, daß dieses das linke Vorderbein gebrochen hatte. Jetzt war guter Rath theuer. Der Irländer erklärte, er könne keine hundert Schritte weit gehen, alle seine Glieder seien ihm wie zerschlagen, und ein Haus war ebenfalls nicht in der Nachbarschaft, wo man vielleicht ein Pferd hätte borgen können; hier blieb also keine andere Wahl, Leslie bot dem Irländer sein Pferd zum Reiten an, versicherte ihm dabei nochmals, er könne unbesorgt mit ihm zurückkehren, er würde von Allen auf das Freundlichste empfangen werden, und half ihm dann selbst in den Sattel. Ob er aber dem Erschöpften doch noch nicht so recht trauen mochte, oder ob ihm der scheue Blick mißfiel, mit dem sich dieser nach der Straße umsah, als ihm Leslie den Sattel und Zaum seines eigenen Thieres hinaufreichte, kurz, der Amerikaner nahm eine lange Leine, die er in der Tasche trug, hervor, befestigte sie in einer Schlinge um den Hals des Pferdes und trieb dieses nun langsam den Weg zurück, den er eben gekommen war.
Mac Ferson wußte aber, daß seine List jetzt entdeckt sein mußte -- jeden Augenblick konnte ihnen ein neuer Bote begegnen, der den wahren Sachbestand verkündete und ihm dann _jede_ Aussicht auf Rettung abschnitt; sein Entschluß war also auch deshalb schnell und ohne weiteres Zögern gefaßt, und eben, als sie auf die oben beschriebene Art vielleicht eine Meile zurückgelegt hatten und an eine Stelle kamen, wo der Pfad so schmal wurde, daß Leslie nicht mehr nebenher gehen konnte, sondern voraus mußte, wobei er jedoch das Seil nicht losließ, zog Mac Ferson schnell aber vorsichtig das von dem Knaben erhaltene Messer aus dem Gürtel -- trennte mit raschem Schnitt die hänfene Schnur, die ihn bis jetzt noch immer zum Gefangenen gemacht, riß in demselben Augenblick den Rappen auf den Hinterfüßen herum, und ehe sich der bestürzte Amerikaner nur besinnen konnte, ob er seine Büchse gebrauchen sollte oder nicht, war der auf's Neue Befreite schon im dichten Gebüsch seinen Blicken entschwunden.
Acht Tage später erhielt Leslie, der vergebens den Räuber seines Eigenthums zu Fuß verfolgt hatte und die Fährte gegen Abend, da ein ziemlich starker Regen fiel, nicht mehr erkennen konnte, sein Pferd durch einen, etwa zwanzig Meilen von Seneka wohnenden Farmer zurück, der ihm auch zugleich einen kleinen Brief von Mac Ferson einhändigte, worin ihm dieser für die geleistete Hülfe herzlich dankte, sich aber nochmals entschuldigte, daß er zu einem frommen Betruge seine Zuflucht habe nehmen müssen.
»Da er jedoch,« so schloß er seine Zeilen, »bei weitem lieber in dem kühlen Schatten der stolzen Eichen des Westens lagere, als -- mit zugeschnürter Kehle an einem Chestnutast in Pensylvanien hänge -- so sei ihm das wohl nicht so sehr zu verdenken gewesen.« Über den Mord sagte er weiter Nichts. Sein wirklicher Aufenthaltsort wurde nie näher bekannt, doch hieß es allgemein und vielleicht nicht unrichtig -- Mac Ferson ist nach _Texas_.
Eine Pantherjagd.
Heulend und bellend liefen und sprangen drei kräftige, schlankgebaute Hunde vom Geschlecht der Bracken, die Nasen im eifrigen Suchen dicht am Boden haltend, durch den dicht verwachsenen Wald, oft die Spur in den dürren Blättern verlassend und auf umgestürzten Bäumen und alten, halbverfaulten Stämmen schnoppernd, auf denen sie hinliefen und von da wieder kläffend ihre Verfolgung erneuerten; ein sicheres Zeichen, daß ihre Jagd einem wilden Thier, sei es nun Bär oder Panther, und nicht dem schnellfüßigen Hirsch galt, der sie wohl, wenn er ihre Bahn durchschnitt, auf kurze Zeit von ihrer Fährte ablocken, nie aber ganz der einmal aufgenommenen Spur untreu machen konnte.
Jetzt hatten sie einen Platz erreicht, auf dem ihr Feind offenbar eine Zeitlang verweilt, und seine Fährten gekreuzt haben mußte, denn heulend standen sie oft einen Augenblick still und durchsuchten dann, mit wildem Winseln hin und herspringend, desto eifriger den, von dicht herabhängenden Schlingpflanzen fast wie mit einer lebendigen Mauer umgebenen Raum, immer wieder zum Mittelpunkt zurückkehrend, um ihr Heulen und Wehklagen dort wie früher zu beginnen.
Plötzlich theilten sich die Büsche, und ein junger Mann auf einem kleinen, schwarzen, indianischen Pony setzte, mit seinem breiten Jagdmesser, das er bloß in der Hand trug, ein paar Schlingpflanzen in kräftigem Zuge durchhauend, die ihn vom Pferde zu reißen drohten, gerade zwischen die Hunde hinein, die bei seinem plötzlichen Erscheinen ihn für einen Augenblick freundlich wedelnd umgaben, und dann wieder, mit erneutem, durch die Nähe ihres Herrn belebten Eifer in ihrem Suchen fortfuhren.
»So recht, meine braven Thiere,« rief der junge Jäger, indem er sein Pferd anhielt, das Messer in die Scheide zurücksteckte und die lange Büchse, die er auf der linken Schulter trug, vor sich auf den Sattelknopf legte, »so recht, -- sucht, sucht -- ihr seid einmal auf der Fährte, und ich denke doch, daß wir dießmal den Ferkeldieb erwischen, der mir schon so oft entgangen ist!«
»Huhpih!« rief er, sich hoch im Sattel aufrichtend und seinen Jagdruf ausstoßend, als er sah, daß der älteste der Hunde plötzlich die wieder gefundene Fährte aufnahm und von den andern gefolgt, augenblicklich im Dickicht verschwand.
»Huhpih!« und die Büchse zurück auf die Schulter werfend, ergriff er jetzt mit der rechten den Zügel, rannte dem hochaufbäumenden Pony die Hacken in die Seite, und flog in wilden Sprüngen seinen dahineilenden Hunden nach.
Im Wege liegende Stämme, dicht verwachsenes Gebüsch, Sumpflöcher und schlammige Canäle, Nichts konnte ihrem Eifer Schranken setzen, vorwärts ging's, und schnaubend und schäumend folgte der Rappe mit seinem in freudiger Lust hochaufjauchzenden Herrn.
Da hielten die Hunde aufs Neue; dießmal hemmte aber nicht Ungewißheit über die Richtung des Weges, den der verfolgte Feind eingeschlagen haben konnte, die Wüthenden, nein, bellend und heulend sprangen sie an einer starken Eiche in die Höhe, und bissen vor Grimm in die Wurzeln und die rauhe Rinde des mächtigen Baumes, daß er ihrem Feinde Schutz verlieh, und ihn seinen Verfolgern vorenthielt.
Jetzt erschien auch der Jäger auf dem Wahlplatz, und sprang, ohne nur das Anhalten seines feurigen Thieres abzuwarten, mit einem Satz aus dem Sattel, das seiner Last enthobene Thier sich selbst überlassend; mit spähendem Blick aber untersuchte er den dichtbelaubten Baum, an dem die Hunde jetzt wieder jauchzend emporsprangen, und erkannte bald, zwischen ein paar Ästen eingeschmiegt, die Gestalt eines lebendigen Wesens, das dort sich, fest an einen der Äste angedrückt, versteckt und unbemerkt glauben mochte.
Zwar war es im Schatten des dichten Laubes ziemlich dunkel, und ein weniger geübtes Auge als das unseres jungen Waldbewohners möchte wohl lange über den Namen und die Art des Thieres, das sich so angelegentlich den Blicken der Untenstehenden zu entziehen suchte, in Ungewißheit geblieben sein; _Wistons_ scharfer Blick erkannte aber bald in der zusammengepreßten Gestalt das Junge eines Panthers, das der lange Schweif, den es nicht ganz verbergen konnte, leicht verrieth.
Schon hob er die Büchse, um das sich sicher Glaubende aus seiner Höhe herabzuholen, und athem- und lautlos schauten die Hunde ängstlich und erwartend bald nach dem Lauf der Büchse, aus dem sie mit jedem Augenblick den Feuerstrahl herausblitzen zu sehen hofften, bald nach dem Gipfel der Eiche, in deren Laub sie ihren Feind wußten.