Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band.
Part 5
Von den Tausenden aber, die dort zurückbleiben, und hierzu nur zu oft durch den Mangel an Mitteln, die zweite Seefahrt zu bestreiten, gezwungen werden, sind doch auch, zur Ehre der Deutschen, recht Viele, die mit männlichem Muthe das ertragen, was ihnen ihr Schicksal oder sie vielmehr sich selbst aufgebürdet. Der englischen Sprache nicht mächtig oder wenigstens nicht vertraut genug damit, um ihre Geistesfähigkeiten geltend zu machen, sehen sie sich gezwungen zu Handarbeiten ihre Zuflucht zu nehmen, und daher kommt es, daß man oft an Canälen, Chausseen und Eisenbahnen, in Kohlengruben und auf Dampfbooten, Doctoren und Geistliche, Offiziere und Kaufleute mit Hacken, Spaten oder Schürstange, mit Schiebkarren und Handtrage beschäftigt findet, ihr »tägliches Brod« zu verdienen.
In Pennsylvanien hatten sich z. B. in frühern Jahren in einer der dortigen einträglichen Kohlengruben viele wissenschaftlich gebildete Männer zusammengefunden und duldeten, um die gewöhnliche Classe der Handarbeiter von ihrer Gesellschaft und Unterhaltung fern zu halten, keinen zwischen sich, _der nicht lateinisch sprach_ oder wenigstens einige zu diesem Zweck an ihn gerichtete Fragen befriedigend beantworten konnte. Jene Grube hieß in damaliger Zeit »die lateinische Kohlengrube!«
Sehr natürlich findet sich am leichtesten jene Classe in die neuen Verhältnisse, die schon im alten Vaterlande durch harte Arbeit ihr Brod verdienen mußte, und nun in den Vereinigten Staaten einen etwas höhern Lohn so wie bessere Nahrung erhält und doch freier und selbstständiger dasteht. Diese Leute sammeln sich durch Fleiß und Sparsamkeit einige hundert Dollars, kaufen nachher entweder ein Stückchen Land oder gerathen in eine der größern Städte und beginnen hier ihre Carriere als »Schenkwirth und Gastgeber;« daher die ungeheuere Menge dieser Trink- und Wirths-, oder sogenannten Boarding-Häuser, von denen man, besonders in Cincinnati, fast in jeder Straße einige findet, und die, ohne dem Reisenden oder Fremden die geringste Bequemlichkeit zu bieten, ihm eigentlich nur des Nachts in einem harten Bett ein Obdach gewähren und ihn dreimal des Tages zu bestimmten Stunden abfüttern.
Da diese Leute nun hauptsächlich auf deutsche Einwanderer angewiesen sind, die, der englischen Sprache nicht mächtig, durch das deutsche Wirthshausschild angezogen bei ihnen einkehren, so verlieren sie auch gar bald das Mitgefühl, das sie vielleicht noch für ihre Landsleute gehegt hatten; sie fragen nicht darnach, was der Neuangekommene treibt, was er anzufangen gedenkt, sie wollen nur wissen, ob er noch genug Eigenthum besitzt, für die nächste Woche das »Boarding-Geld« pränumerando bezahlen zu können oder an dessen Statt wenigstens einen Koffer in Versatz zu geben vermag.
Überhaupt irrt man sich in Deutschland gewaltig, wenn man glaubt, der Deutsche freue sich, im Ausland einen Landsmann zu finden. Im Anfang, ja; noch nicht an die fremdtönenden Laute gewöhnt, klingt die Muttersprache dem Ohre wie Musik; das verliert sich aber, man lernt durch einen langen Aufenthalt unter den Fremden mit deren Augen sehen, mit deren Gefühlen empfinden und legt nur zu oft mit den vaterländischen Sitten auch das Gefühl für die ab, die diesen noch anhängen.
Nirgends zeigt sich aber diese Entfremdung unter Landsleuten stärker, als gerade in Cincinnati, wo der Parteigeist oft in die bittersten Feindseligkeiten ausartet; und doch sollten sich gerade hier die Deutschen durch Einigkeit und festes Zusammenhalten enger an einander anschließen, da ihnen in jener Stadt die arbeitende Classe der Amerikaner besonders gram ist, und in ihrer Art und Weise auch wohl nicht so ganz Unrecht hat, denn die das Land überströmenden Deutschen, von denen in jedem Jahre Tausende nach Cincinnati kamen, um dort Arbeit und Beschäftigung zu finden, waren zuletzt genöthigt jedes Anerbieten, das sich ihnen darbot, zu ergreifen, um nur Obdach und Nahrung zu erhalten, und arbeiteten um einen Lohn, der ihnen zwar, noch mit den deutschen Preisen im Gedächtniß, hoch schien, in der That aber die bisher gegebenen »=wages=« oft auf ein Drittel herabsetzte. Statt also nun in der fremden, sie umgebenden Welt unter Leuten, von denen sie nicht geliebt werden, brüderlich bei einander zu stehen, spalten sie sich nicht allein in politischer, sondern auch in religiöser Hinsicht in vier Hauptparteien, die selbst wieder unter sich ihre eigenen Zwiste und Streitigkeiten haben.
Vor allen Dingen trennen sie sich in Katholiken und Protestanten, und Nord- und Süd-, oder den dortigen Ausdrücken gemäß, »Hoch- und Plattdeutsche,« die dann wieder als Whigs und Demokraten einander feindlich gegenüberstehen, wobei die Protestanten noch ihre besondere Malice als Lutheraner und Reformierte und Methodisten auf einander haben, und sich aus diesen allen als letzter Kern ein Häufchen Rationalisten aussondert. Als Organe dieser verschiedenen Parteien dient den Katholiken der »Wahrheitsfreund,« ein ächt ultramontanes Blatt, den Methodisten dagegen der »Christliche Apologete,« der mit schwärmerischem Eifer seine Blitze gegen die Anhänger des Papstes, aber auch zu gleicher Zeit gegen die Protestanten schleudert, aus deren Mitte im Jahre 1840 »der Lichtfreund,« dem Rationalismus Bahn brechend entstand, und nun die Zornausbrüche des Wahrheitsfreundes sowohl als des christlichen Apologeten auf sich concentrirte. Selten oder nie religiöse Gegenstände berührend, vertheidigte indessen das »Volksblatt« die Sache der Demokraten und warb mit regem Eifer für den demokratischen Präsidenten, bis nahe vor der Wahl die deutschen Whigs, von den amerikanischen dabei unterstützt, den »deutschen Amerikaner« herausgaben und augenblicklich als die erbittertsten Feinde des Volksblattes auftraten. Zu jener Zeit hatte also Cincinnati fünf sich einander feindlich gegenüberstehende deutsche Zeitungen, doch ging der »deutsche Amerikaner« nach der Wahl, die bekanntlich zu Gunsten des Whigpräsidenten, General William Harrison ausfiel, wieder ein. Später wurde auch der »Lichtfreund« wegen Übersiedlung des Redacteurs, Herrn Eduard Mühls, nach Hermann in Missouri verlegt, dafür entstand aber, als Opposition des Volksblattes »der deutsche Republikaner.«
Feinden sich aber in Cincinnati die Deutschen gar oft an und schimpfen und schmähen sie einander, so existiren doch wenigstens nicht jene Blutsauger unter ihnen, denen der eben von Deutschland Kommende in den Seestädten nur zu oft in die Hände fällt. Ich selbst habe während eines sehr kurzen Aufenthalts in New-York mehrere Deutsche kennen gelernt, welche davon lebten, sich freundschaftlich an die in der fremden Stadt unbekannten Landsleute anzuschließen, bis sie entweder den letztmöglichen Cent aus ihnen herausgepreßt, oder von den wiederholt Getäuschten durchschaut und gemieden worden waren. In Cincinnati gehen sie offener und ehrlicher zu Werke, entweder mit der Feder oder -- geht das nicht -- mit dem Munde, denn der Deutsche hat gewöhnlich noch vom alten Vaterlande her eine Aversion gegen das »Zuschlagen.«
Der später angelegte Theil Cincinnati's, welchen der westliche Canal von der eigentlichen Stadt und dem Ohiofluß trennt, ist größtenteils von Deutschen bewohnt und wird auch von den Amerikanern »Little Germany« genannt. Fast über jeder Thür hängen Schilde deutscher Wirthshäuser, Schuster, Schneider und anderer Handwerker, die, wenn sie auch wirklich dann und wann englisch geschrieben sind, den deutschen Meister doch stets verrathen. Besonders können sich die vaterländischen Schuster mit ihrem gemalten Stiefel in der Mitte und einem rothen Schuh an der einen, einem schwarzen Schuh an der andern Seite nimmermehr verläugnen, eben so wenig die Leute selbst mit ihren langen, blauen, schmalkragigen Röcken und den weißleinenen Taschen, mit dem hochausgeschweiften Hut und dem rothgeblümten Halstuch.
Das Elend aber, welches leider so oft unter jenen armen Familien herrscht, die eben eingewandert, von allen Hülfsmitteln entblößt, in kleinen, nackten, Kämmerchen mit großen Familien zusammengepreßt, hungern und frieren, und vergebens nach Arbeit und dem verheißenen hohen Lohn jammern, ist fürchterlich. Glücklich noch die, denen ein Freund oder Verwandter im Anfang das Nothwendigste reichte, da nur zu oft schon gerade _jene_ Stadt und Staat verlassen mußten, um irgendwo anders ein Unterkommen zu suchen, die solch lockende, einladende Briefe, häufig nur um zu prahlen, in die Heimath schrieben; der arme Einwanderer, welcher fest auf die versprochene Hülfe baute, sieht sich nachher in dem fremden Lande schutz- und freundlos, und ist nicht vermögend, sich selbst, viel weniger seine zahlreiche Familie vor Mangel und Elend zu bewahren.
Schwere und drückende Noth herrscht dann oft unter den armen Leuten, und dieß mag wohl auch die Ursache sein, daß die wohlhabenderen Landsleute endlich abgestumpft gegen ein mit jedem Jahre wiederkehrendes Elend werden, dem sie doch nun einmal nicht abhelfen können. Durch diese übergroße Anzahl von arbeitsfähigen Männern verringert sich natürlich auch mehr und mehr der Lohn, den die dortigen Ansiedler in früheren Zeiten gezwungen waren zu geben, weil sie nicht Leute genug bekommen konnten. Im Jahre 1840 bezahlten die Farmer fünf bis sechs Dollar den Monat für einen kräftigen Mann, was, wenn man die dortigen Verhältnisse bedenkt, entsetzlich wenig ist; und dennoch boten sich ihnen viele, sehr viele an, welche nur um die Kost zu erhalten bei ihnen arbeiten wollten. Mit dem Kaufmannsstande ist es dasselbe, und am allerschlimmsten befinden sich Gelehrte, die, vielleicht mit tüchtigen Kenntnissen ausgestattet, geglaubt haben, dort verstanden oder anerkannt zu werden. Die armen Leute finden sich, besonders in Cincinnati, arg getäuscht.
Für die heimatliche Literatur sterben die Deutschen in Amerika ab. Die gebildeteren Klassen lernen das Englische, und vernachlässigen schon aus dem Grunde die Muttersprache, da sie zu selten Gelegenheit bekommen, deutsche Schriften zu erhalten; die arbeitenden Classen aber lesen einzig und allein Zeitungen, und nichts ist leichter, als eine solche Zeitung zu redigiren. Der Redacteur muß nur dann und wann einen Aufsatz schreiben, in welchem er aus Leibeskräften gegen die politische Opposition zu Felde zieht; dabei dürfen natürlich die Wörter »deutscher Freiheitssinn,« »deutsche Treue und Biederkeit« u. s. w. nicht fehlen. Um das Blatt nachher zu füllen, erscheint im Anfang irgend ein Gedicht, sei es von Goethe oder Schiller oder eignes Fabrikat, -- selbst eingesandte werden mit Dank angenommen, -- dann eine kleine Novelle oder Erzählung aus einer alten, vorsündfluthlichen Didascalia, hierauf einige aus englischen, oder, ist es möglich, auch deutschen Blättern entnommene Notizen, dann die Marktpreise und Ankündigungen, und die Nummer ist versehen. Honorar ist nie zu fürchten.
Nun ist das Blatt freilich gedruckt, muß aber auch noch an die verschiedenen Subscribenten herumgetragen werden; zu diesem Zwecke schließt der Redacteur einen Contract mit irgend einem Mann ab, dem er wenigstens die einzucassirenden Wochengelder anvertrauen kann, und der von jeder Zeitung, die er austrägt, etwas Bestimmtes per Woche erhält, dessen Vortheil es also neben dem Austragen auch ist, noch so viel neue Abonnenten als möglich zu seinen alten zu bekommen, indem sich durch eine Vermehrung des Absatzes auch sein Gehalt oder Einkommen vermehrt, wobei er für die täglichen Blätter an jedem Sonnabend, für die wöchentlichen jeden Monat das Geld eincassirt, weil überhaupt in Amerika nichtansässige Leute selten lange an einem Platze bleiben, und ein Verfolgen der Schuldner, da keine Controle weder über Fremde noch Reisende geführt wird, unmöglich ist.
Cincinnati selbst liegt am nördlichen Ufer des Ohio, der von Pittsburg aus, wo dieser durch den Zusammenfluß des Alleghany und Monongahela seinen Namen erhält, sich östlich nach einem Lauf von circa 1000 englischen Meilen in den Mississippi ergießt. Es ist ein stattlicher Strom, dessen malerische Ufer ihm den Namen des »amerikanischen Rheines« gewonnen haben; bei Cincinnati mag er etwa eine englische Meile breit sein und trägt im Winter und Frühjahr die größten Dampfboote, wird jedoch im Sommer und Herbst, nicht mehr durch die Bergströme der Alleghany-Gebirge genährt, an mehreren Stellen sehr seicht und die Schifffahrt hört dann für die größern Boote auf. Durch diesen »schönen Strom« aber (der indianische Name der Senecas ist Oh-ey-o oder der schöne Strom) erhielt Cincinnati seine Bedeutung und wuchs schnell zu einer der größten Städte der Union an; zwar versuchten Speculanten am gegenüberliegenden Ufer in Kentucky am Ausfluß des Licking, Oppositionsstädte zu erbauen, und New-Port wie Covington entstanden: Cincinnati aber überflügelte sie schnell und wurde die »Königin des Westens.«
Die eigentliche Stadt, -- denn sie zählt außer dem Städtchen Mohawk noch mehrere Anbaue, -- liegt am Fuß einer Hügelreihe, die das Thal des kleinen Miami einschließt, und hat mehrere Eisengießereien; dabei versorgt sie fast die ganzen Vereinigten Staaten mit geschnittenen eisernen Nägeln, die überall statt der geschmiedeten gebräuchlich sind. In und um Cincinnati befinden sich auch die bedeutendsten Brauereien und Whiskeybrennereien Amerika's, besonders aber Schlachthäuser, wie sie auf keinem zweiten Platz in der Welt existiren; denn von hier aus werden nicht allein die Vereinigten, sondern auch die südlich gelegenen Staaten, Texas und Mexico, mit eingepökeltem Schweinefleisch versehen, das sogar bis nach Südamerika verschifft wird.
Nichts schildert den Charakter eines Menschen deutlicher als kleine Anekdoten und Angewohnheiten aus seinem Leben; eben so ist es mit einer Stadt, die man wohl am leichtesten durch kleinere Züge ihres innern Treibens und Verkehrs kennen lernt und von denen ich versuchen will, dem Leser einige, wie sie mir noch frisch im Gedächtniß sind, mitzutheilen.
Der Markt.
Durch ganz Nordamerika haben die Marktplätze ein ziemlich ähnliches Aussehen; ein sogenanntes »Markthaus« bildet den Mittelpunkt und besteht aus einem auf einer doppelten Säulenreihe ruhenden Dach, unter dessen Schutz die Fleischhauer oder Metzger den innern Raum einnehmen; um diesen reihen sich die ein höheres Standgeld bezahlenden Gärtner an der Außenseite, aber ebenfalls noch unter dem Schutz des Vorbaues an. In Cincinnati sind drei solcher Marktplätze: der obere oder Flymarket, der mittlere und der untere Markt; Montag und Donnerstag wird auf dem ersten, Dienstag und Freitag auf dem zweiten und Mittwoch und Sonnabend auf dem dritten Markt gehalten. Dort prädominiren die Deutschen besonders, denn sie bilden nicht allein die Mehrzahl der Fleischer, sondern haben auch mit wenigen Ausnahmen den alleinigen Verkauf der Gartenfrüchte, und zwar schon aus dem Grunde, weil der Amerikaner in dieser Hinsicht nun einmal ein Vorurtheil zu Gunsten der Deutschen hat, die, wie er glaubt, Alle geborene Gärtner sind. Will ein Amerikaner im Frühjahr seinen Garten herstellen lassen, so ruft er den ersten besten Deutschen dazu und überträgt ihm die Arbeit, er fragt aber nie: »weißt du mit einem Garten umzugehen?« sondern denkt, das verstehe sich von selbst. Dabei haben unsere Landsleute das Monopol des Sauerkrautes, mit dem es ihnen wie den Creolen mit ihrem Lieblingsgericht Gumbo geht: es ist zum Spottnamen und zur Bezeichnung der Nation geworden, und nicht selten hört man unter den niedern Classen der Amerikaner, wenn jemand eine gemischte Versammlung bezeichnen will, den Ausdruck: »Es waren Amerikaner, Gumbos und Sauerkrauts dort.«
Da übrigens die meisten der zu Markte Kommenden ihre Producte von meilenweit entfernten Farmen herbeischaffen, so lassen sie dieselben auf ihren kleinen einspännigen, mit Leinwand überzogenen Fuhrwerken, und fahren diese auf beiden Seiten des Marktplatzes so auf, daß die Einkäufer an der Außenseite umhergehend den im Hintertheil des Wagens ausgelegten Inhalt sehen und prüfen können. Oft stehen Hunderte derselben in langer, die Straßen weit hinausreichender Reihe beisammen und geben dem Ganzen ein eigenthümliches Ansehen; was aber dem Europäer besonders auffällt, sind die Einkäufer selbst. Wie ich zum erstenmal auf einen amerikanischen Markt kam, traute ich meinen Augen kaum, als ich nicht allein anständige, sondern sogar elegant gekleidete Männer, oft in schwarzem Frack, mit Ringen an den Fingern, goldenen Uhrketten und blendend feiner Wäsche großmächtige Körbe am Arm tragend zu Markte gehen oder gar reiten sah; es war etwas unsern deutschen Sitten und Gebräuchen so ganz entgegengesetztes, daß ich nur mit vieler Mühe das Lachen verbeißen konnte. Nichts macht sich dann komischer, als wenn es anfängt zu regnen und der »Gentleman« den schon zur Vorsorge mitgenommenen Regenschirm aufspannt, dem kleinen Poney die Hacken in die Seiten setzt und mit kurzen Steigbügeln, daß die Knie fast den Sattelknopf berühren, zu Hause galoppirt.
Die Fleischer schmücken besonders bei feierlichen Gelegenheiten, als am 4. July, dem Tage der Unabhängigkeitserklärung, an Washingtons Geburtstag, an verschiedenen Dank- oder Bußtagen etc., ihre Stände und das ausgeschlachtete Vieh auf das zierlichste, wobei sie etwas darin suchen, alle möglichen Fleischarten zum Verkauf auszustellen; daher findet man nicht selten bei einem Einzelnen neben den gewöhnlichen Thierarten ganze Bären, Hirsche, Waschbären, Opossums und Eichhörnchen, die durch Blumenguirlanden auf das freundschaftlichste mit einander verbunden sind.
Den Gemüseverkauf besorgen, wie schon gesagt, fast ausschließlich die Deutschen, denen auch die besten und einträglichsten Farmen in der Nähe von Cincinnati gehören und von welchen sogar schon Einige Weinberge angelegt und einen erträglich guten Wein gekeltert haben. Die Amerikaner schaffen hingegen mehr Käse, Eier, Butter und Geflügel zu Markt, während die farbige Bevölkerung von Cincinnati meistens gedörrtes Obst, Pfirsiche und Äpfel feil hält. Im Ganzen ist Cincinnati die billigste Stadt des Westens, und ein einzelner Mann kann mit 400 Dollars (1 Dollar 1 Thlr. 10 Ngr.) das Jahr anständig leben.
Boardinghäuser.
Das Wort »=boarding-house=« ist fast das erste, welches der Einwanderer in Amerika lernt -- er muß ein Obdach und Nahrung haben, und dieß alles findet er für einen verhältnißmäßig billigen Preis in solchen Kost- oder Boardinghäusern. Ich rede hier nicht von den besser eingerichteten Wirthschaften und Hotels, die dem Reisenden alle möglichen Bequemlichkeiten bieten, und von denen, in Cincinnati besonders, eine große Anzahl existirt, sondern von den Häusern, in welchen der Fremde, dessen finanzielle Umstände ihm nicht erlauben sechs, acht, ja zwölf Dollar die Woche für Kostgeld zu bezahlen, einkehrt, und wo er, wie der deutsch-amerikanische Ausdruck ist, »boardet!«
Diese Anstalten werden fast ausschließlich von Deutschen gehalten, sind sich im Ganzen ziemlich ähnlich, und wir wollen dem Leser eines dieser »Kaffeehäuser,« wie sie sich fast alle nennen, näher vorführen. Es ist ein schmales, zweistöckiges, grün angestrichenes Brettergebäude, das, selbst etwas windschief, zwischen zwei große Backsteinhäuser hineingepreßt, scheinbar von diesen aufrecht gehalten wird. Ein breites Glasfenster zeigt drei über einander angebrachte Reihen von Flaschen mit Liqueur oder wenigstens einer liqueurfarbigen Flüssigkeit gefüllt, zwischen denen, um den sonst etwas zu leeren Raum auszufüllen, einzelne Citronen liegen, während in der unteren Reihe mehrere Glasgefäße mit Candiszucker und anderen Näschereien prangen. Über der mit einer rothen Gardine verhangenen Thür steht auf einem grünlackirten Schild mit grellrothen Buchstaben, daß die Augen kaum das Verschwimmen der Farben ertragen können, »=Battle of Bunkershill Coffee house=,« und darunter »Deutsches Kosthaus von N. N.«
Doch wir wollen hineingehen und das Innere des Heiligthums betrachten. Es ist ein kleines, wahrscheinlich früher zum Vorsaal bestimmt gewesenes Zimmer, das jetzt aber zur Schenkstube benutzt wird und zugleich das Entrée des Hauses bildet. Rechts sind bis zur Decke hinauf Regale angebracht, die mit Flaschen, Caraffen, Gläsern, Apfelsinen und Zuckerwerk ausgeschmückt, die eine Wand verdecken, während Thür und Fenster die zweite einnimmt, und riesenhafte Zettel, Ankündigungen von Seiltänzern und Kunstreitern, mit Abbildungen der merkwürdigen Sachen, welche diese auszuführen gedenken, die andern beiden überziehen. Besonders hervorstechend zeigt sich noch, gerade am mittelsten Regale befestigt, ein kleines Schild, auf dem mit größtmöglichen Buchstaben die Worte »=No Credit!=« »Kein Credit!« zu lesen sind, und mit dem eine zweite unter Glas und Rahmen gebrachte Tafel correspondirt, durch welche dem Eintretenden in zierlichen Versen kund gethan wird, daß der Eigenthümer seine Weine und Liqueure, seine Flaschen und Gläser, ferner Hausrente und Taxen _bezahlen_ müsse, und deßwegen unendlich bedaure, seinen geehrten Gästen unter keiner Bedingung borgen zu können. Eine Art Ladentisch trennt den Ausschenker oder »Barkeeper« von den Gästen, zu deren Bequemlichkeit nur eine kurze, grünlackirte Gartenbank an der gegenüberstehenden Wand angebracht ist, die aber für den Augenblick leider nicht benutzt werden kann, da ein Irländer, der ein wenig zu schwer geladen, langgestreckt darauf liegt.
»Wer tractirt?« ruft jetzt der Barkeeper, welcher sich schon fast eine Viertelstunde lang die Anwesenden ungeduldig betrachtete. »Wer tractirt? Boy's -- ihr steht ja so trocken da, wie die Pulverfässer -- wollen wir drum würfeln?«
Er hat bei den letzten Worten einen kleinen Lederbecher unter dem Ladentisch vorgeholt und schüttelt denselben ein wenig; der Klang wirkt wie bezaubernd, alle treten hinzu, und die drei niedrigsten Würfe müssen den Trunk à Person mit einem Picayune (6¼ Cent. oder 2 gGr.) bezahlen. Obgleich der Barkeeper selbst mitspielt, so ist es doch eher zu erwarten, daß der niedrigste Wurf leicht einen der Gäste, von denen sechse gegenwärtig sind, als ihn treffen wird, und schon auf solche Art und Weise verdienen die Wirthe manchen Dollar. Jetzt öffnet sich aber die Thür, und ein anständig gekleideter Mann tritt herein und erkundigt sich bei dem Ausschenker, ob er hier eine oder mehrere Wochen »boarden« könne.
Dieser beschaut ihn zuerst sehr aufmerksam vom Kopf bis zum Fuß, und fragt ihn dann vor allen Dingen, »ob er Gepäck bei sich habe?«
»Nichts als dieses!« antwortete der Fremde und zeigt auf ein kleines, in ein rothseidenes Schnupftuch eingeschlagenes Päckchen.
»Hm,« sagt der Ausschenker, »dann müssen Sie pränumerando bezahlen, ich kann Ihnen nicht helfen!«
»Und wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich das nicht werde,« entgegnete pikirt der Fremde.
»=Oh well!=« sagt der Ausschenker, keineswegs dadurch außer Fassung gebracht, »dann ist alles in Richtigkeit.«
»Und der Preis?« fragt der Fremde.
»Drei Dollar die Woche!«
Der Mann bezahlt und bittet den Barkeeper nun, ihm sein Zimmer zu zeigen; dieser steigt mit ihm eine kleine, schmale Treppe hinauf, öffnet die sich fast an der obersten Stufe befindende Thür, und weist den Ebengekommenen hinein.
Es ist ein ziemlich großer Raum, der die ganze Breite des Hauses einnimmt, mit drei Fenstern und einem gewaltigen Kamin an der Seite, das Ganze hat aber ein unfreundlich kaltes Aussehen, denn in dem Kamin liegen Stiefeln, Stöcke, Hutschachteln, Pfeifen etc. etc., und beweisen zur Genüge, wie wenig von dieser Seite auf ein gutes, erquickendes Feuer zu hoffen sei. Des Fremden, den Raum schnell durchfliegende Augen zählen fünfzehn zweischläfrige Betten, die eines neben dem andern an den Wänden hin und in der Mitte stehen, und eine ziemlich zahlreiche Schlafgenossenschaft versprechen. Nur ein Tisch und etwa acht oder neun Stühle dienen dem Worte »Mobilien« zur Entschuldigung, und die umherhängenden verschiedenartigen Kleidungsstücke sind nicht gerade geeignet, dem Ganzen ein freundlicheres Aussehen zu geben.
»Und hier soll ich schlafen?« fragt mit gerade nicht freudiger Überraschung der Fremde.