Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band.
Part 4
»Ja, wenn Sie darüber noch nicht mit sich im Reinen sind,« unterbrach ihn schnell der Farmer, »dann lassen Sie's lieber beim Alten -- ich sehe schon wie's steht -- die Sachen mögen also unten bleiben und gefällt Ihnen unsere Gegend gut genug, ei nun, dann wird auch Rath werden, die paar Habseligkeiten mit Allem, was ein Farmer hier sonst noch im Walde brauchen könnte, heraufzuschaffen. Morgen sollen Sie ein Stück von unserer Gegend kennen lernen, und daß ich Ihnen nicht das schlechteste zeigen werde, darauf mögen Sie sich ebenfalls verlassen.«
Der Indianer, der indessen mit Speise und Trank und einem tüchtigen Glase Whiskey hinlänglich gestärkt war, von Sechingen auch die Bezahlung für seine Mühe empfangen hatte, rollte nun die an dem Feuer getrocknete wollene Decke wieder zusammen, in deren Falten er vorher noch ein paar, nicht unansehnliche Stücke Maisbrod und Speck barg, warf einen letzten, sehnsüchtigen Blick nach der, wieder auf das Wandbret gestellten grünen Flasche hinauf, murmelte einen kurzen Abschiedsgruß und schlug bald darauf den schmalen, an der Fenz hin führenden Fußpfad ein, der der Countystraße zulief. Über die Berge hin war er so im Stande, Little Rock trockenen Fußes zu erreichen.
Sechingen sah sich bald häuslich eingerichtet, und wider alles Erwarten wurde sein, wenn auch etwas hartes Nachtlager, so vortheilhaft, und selbst dem verwöhnten Körper des Europäers genügend hergestellt, daß er -- vielleicht auch noch durch die ungewohnten Anstrengungen mehr als je ermüdet -- sanft und ruhig bis zum nächsten Morgen schlief, und sich bei seinem Erwachen zum ersten Male gestehen mußte, es sei doch eigentlich recht wenig, mit dem ein Mensch glücklich und zufrieden leben könne, wenn er nur mit sich selbst im Reinen und ein freier Mann, seinem freien Willen auch frisch und fröhlich folgen dürfe.
Ein nach amerikanischer Art zubereitetes Frühstück wurde jetzt verzehrt, und Sechingen glaubte, daß sie gleich nach Beendigung desselben aufbrechen wollten; Klingelhöffer hatte aber die Absicht, seinem Gast, ehe er ihn auf das Land selbst führe, auch die Schwierigkeiten zu zeigen, die eine Urbarmachung desselben mit sich bringe. Unter dem Vorwande also, noch Feuerholz schlagen zu müssen, nahm er den jungen Mann etwa hundert Schritte mit in den Wald, zeigte ihm eine, hier unter jenen Stämmen keineswegs stark aussehende Eiche von circa drei Fuß im Durchmesser, und bat ihn, »den kleinen Stamm,« da er das doch Alles lernen müsse, einmal zu fällen, er wolle dann in einem Viertelstündchen wiederkommen, um ihn abzuholen.
Von Sechingen, der sich lange danach gesehnt, einmal seine Kraft an den Riesen des Waldes zu versuchen, griff freudig nach der schweren Axt, und seine Schläge -- als ihm der Farmer erst gezeigt hatte, wie er das Werkzeug am vortheilhaftesten halten müsse -- suchten sich bald ihr Echo in den nahen Hügeln.
Klingelhöffer, der wohl gemerkt, daß dem jungen Mann die Romantik des Waldlebens noch zu sehr im Kopfe lag, und der ihn daher gern zu der derben, hausbackenen Wirklichkeit zurück führen wollte, schritt, still vor sich hinlächelnd, dem eigenen Hause wieder zu. Was er aber vorausgesehen, traf auch und zwar in sehr kurzer Zeit ein; Sechingen hackte allerdings eine ziemliche Weile an dem gewaltigen Baum herum, das zähe Holz wollte jedoch seinen ungleich geführten Hieben nicht weichen, nur hie und da sprang ein, durch einen Kreuzhieb gelöstes Spänchen ab und er mußte sich endlich -- todesmüde und die Hände voller Blasen -- gestehen, das Wort _urbarmachen_ klänge wohl ausgezeichnet und nehme sich auch sehr schön auf dem Papiere aus, passe jedoch in der Wirklichkeit ganz und gar nicht für ihn. So viel sah er ein, und wenn er den ganzen Tag hier stehen geblieben wäre -- den Baum hätte er doch nicht umgebracht.
Klingelhöffer fand ihn ziemlich verstimmt am Fuß der Eiche sitzen, und so versunken schien er im Anblick seiner Blut unterlaufenen Hände, das er den Kommenden gar nicht hörte, bis er dicht neben ihm stand. Dieser aber suchte ihn nun auch über das noch nicht Glücken und Vorwärtsschreiten der Arbeit zu trösten und meinte, »es fiele kein Meister vom Himmel und gut Ding wolle Weile haben -- solche Arbeit fände ein Jeder schwer, der erst in den Wald zöge, und selbst Leute, die ihr Lebelang Nichts gethan hätten als schwere Werkzeuge geführt, müßten sich an die Führung der Axt gewöhnen, ehe sie im Stande wären, etwas Tüchtiges zu leisten -- er solle deshalb auch ja nicht muthlos werden, denn Lust zur Sache sei halb gewonnen Spiel, und wenn ein Mann einmal recht ernstlich _wolle_, so könne er es auch durchführen, trotz allen Schwierigkeiten und Hindernissen.«
Das waren eine Menge Thatsachen und unbestreitbare Wahrheiten, die Sechingen nicht gut wegläugnen konnte, das harte Eichenholz stand aber auch wieder auf seiner Seite als ein _unfällbarer_ Beweis, und nur froh, für jetzt durch eine gute Ausrede der fatalen Arbeit enthoben zu sein, folgte er seinem freundlichen Wirth zum Haus, bestieg eines von den Pferden und ritt nun mit ihm in den Wald hinein.
Jetzt aber hatte auch das heitere Sonnenlicht all die dunklen, trüben Regenschatten verscheucht und seine behebenden Strahlen fielen frisch und fröhlich durch die glänzenden, glizernden Blätter der leise rauschenden Wipfel zur Erde nieder -- der ganze Wald duftete so lieblich, der klare Himmel hing so rein und lächelnd über der wunderschönen Welt, daß Sechingen schon fast die überstandenen Mühseligkeiten vergaß und endlich auch seinem Begleiter nicht länger verschweigen konnte, welchen so ganz verschiedenen Eindruck der Urwald _gestern_ und _heute_ auf ihn gemacht habe.
»Das alte Lied,« lachte dieser, »bei trübem Wetter sehn wir auch die ganze Welt mit trüben Gläsern an, und scheint dann die liebe Sonne und zwitschern die muntern Vögel ihr Lied dazu, dann hängt der Himmel gleich wieder voller Geigen. Wir wollen die Mittelstraße wählen -- ja -- es ist schön hier im freien Wald, so schön, daß ich glaube, das Herz würde mir brechen, müßt ich ihm einmal wieder ade sagen, aber -- er hat auch seine großen Schattenseiten, von denen Sie bis dahin allerdings erst _sehr_ wenige kennen gelernt haben. Vollkommen ist jedoch Nichts auf der Welt, und so lange die guten Eigenschaften nicht von den bösen überdeckt werden, ei nun, so lange dürfen wir uns dann auch nicht sonderlich beklagen. Jetzt sehen Sie sich das Land erst einmal ordentlich von allen Seiten an, und dann können Sie sich nach bestem Urtheil frisch und frei entschließen, was Sie zu thun beabsichtigen.« --
Mehrere Stunden lang ritten die Beiden im Wald umher und Klingelhöffer gab sich besondere Mühe, dem neuen Ankömmling die verschiedenen Landarten und die Vegetation, durch welche sie sich unterscheiden, zu zeigen; dieser aber, der sich in seinem ganzen Leben noch nicht um Land oder Ackerbau bekümmert hatte, widmete dem Gegenstand keineswegs die Aufmerksamkeit, die er verdiente, und die jener zu finden erwartete, sondern sah sich jetzt vielmehr fortwährend nach Wild um und kam dadurch nicht selten in die unangenehmsten Berührungen mit vorstehenden Ästen und niederhängenden Schlingpflanzen. Dabei übersprang sein kleines muthiges Pferd alle Augenblicke vor ihnen liegende Stämme und Äste, oder Wassergräben und Sumpflöcher, und brachte den Reiter mehrere Male sogar aus allem Gleichgewicht, daß er sich kaum noch im Sattel erhalten konnte.
Die Mittagszeit rückte so heran, noch immer aber machte Klingelhöffer keine Anstalt heimzukehren, denn er behauptete, und auch ganz mit Recht, sie wären nun doch einmal draußen im Wald und es sei nicht allein für den Fremden gut, das Land und die Vegetation kennen zu lernen, sondern er selbst wolle auch die Gelegenheit gleich benutzen, nach seinem Vieh zu sehen, das hier in der Nähe seine Weideplätze hätte, denn apart deswegen hierherzureiten, nähme ihm zu viel Zeit weg.
Sechingen hatte nach und nach einen merkwürdigen Hunger bekommen, und die Glieder schmerzten ihn ebenfalls von der so ganz ungewöhnlichen Bewegung, Klingelhöffer schien aber von dem Allen Nichts zu spüren, ritt durch tiefe Gräben, die steilen Ufer hinab und herauf, wich keinem Dickicht aus, gallopirte an Stellen, wo Sechingen lieber abgestiegen wäre und das Pferd geführt hätte und zeigte sich hier in dem wilden pfadlosen Walde so zu Hause, als ob er in seiner eigenen Stube umherginge.
Da -- er hatte eben davon gesprochen, den Heimweg anzutreten, und der müde Reiter athmete schon hoch auf -- schlugen nicht weit von ihnen entfernt die Hunde an und der Farmer, sich hoch dabei im Sattel emporrichtend, horchte den, ihm so wohl bekannten Tönen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. -- Mehre Secunden lang war jetzt Alles still -- da plötzlich ertönte der Lärm auf's Neue und der Farmer, der jetzt wußte, daß seine Hunde irgend etwas im Walde gestellt oder wenigstens aufgejagt hatten, fühlte im Nu den alten Jagdeifer in sich erwachen.
»Hurrah!« rief er, und wandte sich im Sattel nach seinem Begleiter um -- »die Hunde sind fleißig, wir wollen die Pferde einmal laufen lassen, das Bischen Bewegung wird ihnen Nichts schaden.« Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, drückte er dem eigenen Thiere die Sporen in die Seite und dieses, der Aufforderung nur zu gern Folge leistend, flog in muthigen Sätzen der Richtung zu, aus der das Bellen und Toben der Hunde jetzt immer deutlicher zu ihnen herüberschallte. Sechingen mußte, wollte er hier nicht allein im fremden Wald zurückbleiben, folgen und sein eigenes Pferd, das schon ungeduldig den Kameraden hatte davon gallopiren sehen, fühlte kaum den leichten, fast unwillkührlichen Schenkeldruck, als es fröhlich wiehernd hinten ausschlug und nun in tollen, unaufhaltsamen Sätzen den Spuren des Vorangegangenen folgte.
Nun war Sechingen zwar ein geübter Reiter, und saß besonders schön und kunstgerecht im Sattel, verstand auch die Behandlung eines zugerittenen Pferdes aus dem Grunde, durch solch wildverwachsenen Wald aber zu gallopiren und noch dazu mit allem möglichen Schieß- und Jagdgeräth behangen, das war mehr als er je versucht hatte, und bald blieb er mit dem locker befestigten Pulverhorn, bald mit dem Griff seines Hirschfängers, bald mit dem Gewehrriemen in den Zweigen und Schlinggewächsen hängen, und endlich wurde er gar bei einem schnellen Seitensprung des Pferdes, das einer vor ihm liegenden Schlange auszuweichen suchte, unter einen vorragenden Ast gerissen und -- mit Blitzesschnelle aus dem Sattel gestreift. »Das Roß, des Reiters ledig,« schien weiter gar keine Notiz von ihm zu nehmen, und von Sechingen befand sich bald darauf, als auch das Bellen der noch fernen Hunde nachgelassen hatte, mitten im Wald, ohne Weg, ohne Steg -- jeder Richtung, jeder Himmelsgegend unkundig -- allein.
Eine volle Stunde wohl irrte er jetzt, mit immer steigender Angst und jenem entsetzlichen beengenden Gefühl, das sich stets des Verirrten bemächtigt, in der Wildniß umher -- seine feine Tuchpikesche war in den scharfen Dornen zerrissen, die Pulverhornschnure abgesprengt und das Pulverhorn verloren, den Hirschfänger hatte ebenfalls wahrscheinlich irgend eine Ranke erfaßt und herausgerissen -- die Scheide hing ihm leer an der Seite -- die Mütze mochte Gott weiß wo sein, Gesicht und Hände bluteten ihm und die Rippen thaten ihm alle mit einander im Leibe weh. Erschöpft warf er sich endlich unter einer alten Eiche nieder -- er konnte nicht mehr vorwärts, er _mußte_ erst ausruhen.
»Und hier soll man den Urwald sehen?« rief er endlich in vollem Unmuth aus -- »hier wo man den Kopf nicht heben darf, ohne mit dem Gesicht in irgend einem verwünschten Dornenbusch hängen zu bleiben -- und die Bäume -- großer Gott, es nähme ja ein Lebensalter, um nur ein halbes Dutzend von diesen Kolossen umzuwerfen; und dann ist die Erde hier so mit Wurzeln verwachsen, daß man kaum einen Stock hineinstoßen, geschweige denn einen Pflug hindurchziehen könnte. Nein -- ich passe nicht zu solchem Geschäft -- ich habe mir das viel romantischer gedacht. Blüthenbäume -- blumige Ranken -- duftenden Wald -- zum Himmel strebende Riesenstämme -- hol' sie alle mit einander der Teufel -- ich will Gott danken, wenn ich erst wieder an einem gedeckten Tisch sitze, und eine heiße Tasse Kaffee trinken kann -- und jetzt gar verirrt -- in dieser fürchterlichen Wildniß. --«
Er sprang in aller Verzweiflung wieder auf, um nur wenigstens einen gangbaren Pfad zu finden, der ihn zu einer menschlichen Wohnung führe; da hörte er plötzlich, nicht weit von sich entfernt, das laute »Hallo« Klingelhöffers. Vor lauter Freude schoß er rasch die Büchse ab, das verhinderte ihn aber nicht auch seiner, leider schon sehr angegriffenen Kehle, noch eine letzte, außerordentliche Anstrengung zuzumuthen, um ja die Stelle anzudeuten, wo er sich befinde.
Klingelhöffer stand bald an seiner Seite, und wenn er auch im ersten Augenblick nicht umhin konnte, recht herzlich über das tragikomische Aussehen seines etwas arg mitgenommenen Gastfreundes zu lachen, so that ihm dieser doch auch wieder, da er ja fremd und ein Neuling im Walde war, leid, und er bot nun Alles, was in seinen Kräften stand, auf, um ihn zu trösten und ihm Muth einzureden.
Es war ein erster, wenn auch etwas böser Anfang, wie er sagte, und hatte wenigstens das Gute, ihn alles Nachkommende so viel leichter und bequemer ertragen zu lassen. Von Sechingen schien übrigens gar nicht geneigt, irgend etwas _Nachkommendes_ abzuwarten, und zum Tode matt ließ er fast willenlos mit sich geschehen, daß ihn der Farmer auf sein eigenes Pferd setzte. Er hatte, seiner Versicherung nach, keinen ganzen Knochen mehr im Leibe, dafür aber Hunger wie ein Wehrwolf, Kopf- und Zahnschmerzen und noch außerdem verloren, was an seinem Körper nicht niet- und nagelfest gewesen.
In Klingelhöffers Wohnung endlich angelangt, stärkte er seinen ermatteten Körper durch Speise, Trank und Ruhe. Nichts in der Welt hätte ihn aber am nächsten Morgen vermögen können, eine zweite Tour zu unternehmen, um erstlich die verlorenen Sachen wieder zu suchen und dann auch, wie der Farmer lächelnd bemerkte, »das Land noch etwas besser kennen zu lernen.« Er verschwor sich hoch und theuer, vom Lande mehr zu wissen, als ihm lieb sei, und war, als der Morgen graute, fest entschlossen nach Little Rock zurückzukehren. Als Ausrede meinte er zwar, er wünsche erst die östlichen Städte und den Osten überhaupt zu bereisen, ehe er sich ganz fest im Walde niederlasse; was aber die Ursache dieser schnellen Sinnesänderung gewesen, ließ sich wohl leicht genug erkennen.
Weiteres Zureden blieb auch nutzlos, und Klingelhöffer erbot sich also, ihn wenigstens mit einem Handpferd eine Strecke auf der Countystraße hin zu begleiten, damit er nicht die ganze Strecke, etwa 44 englische Meilen, zu marschiren hätte. Nach Mittag, als sich sein Gast von den erduldeten Strapatzen ein wenig erholt, brachen sie auf, und der wackere Farmer ritt so weit mit ihm, daß er eine, am Wege liegende deutsche Ansiedelung noch bequem vor Dunkelwerden erreichen konnte, und nahm erst dann, den Dank des Fremden für die ihm gewordene so freundliche Aufnahme und Gastfreundschaft leicht übergehend, herzlichen Abschied von diesem.
»Leid thut mir's nur,« sagte er, als er ihm noch vom Pferde herunter derb und gutmüthig die Hand schüttelte, »daß Ihre Lust zur Ansiedelung gleich beim ersten Anlauf einen solchen Stoß erhalten hat, aber -- ich gebe noch nicht Alles verloren, suchen Sie den schönen Westen doch später einmal wieder auf. Von Deutschland gleich ohne weiteres nach Arkansas hineinzufallen, ist allerdings ein etwas zu großer Abstand, haben Sie sich aber erst einmal eine Zeitlang in den östlichen Städten herumgetrieben, so wird Sie's schon wieder in die gesunde Waldluft zurückziehen. Vergessen Sie dann nicht, daß Sie in meiner Hütte immer herzlich willkommen sind. So leben Sie denn wohl -- grüßen Sie mir die Deutschen in Little Rock, und halten Sie sich nicht länger dort auf als Sie müssen -- es giebt bessere Plätze in den Vereinigten Staaten.«
Damit hatte er den Zügel des Handpferds um seinen Arm geschlungen, winkte noch einmal einen letzten Gruß herüber, stieß dem eigenen Thiere die Hacken in die Seite, und trabte pfeifend waldeinwärts.
Von Sechingen blieb aber noch lange sinnend auf dem Wege stehen und sein Auge ruhte schweigend auf den grünen Waldesschatten, hinter denen sein Gastfreund soeben verschwunden war. Kopfschüttelnd dachte er dabei an Alles, was er in so kurzer Zeit erlebt, zurück.
»Das also,« sagte er endlich tief aufseufzend, »das ist das stille freundliche Farmerleben -- _das_ ist die patriarchalische Zurückgezogenheit der Wälder. Kaum zweimal vier und zwanzig Stunden bin ich drin, und wie seh ich aus? Meine Kleider sind zerfetzt, den alten Hut, den mir Klingelhöffer zum Nothbehelf gegeben hat, würde bei uns zu Hause kein Lumpensammler aufheben, und ich muß noch froh sein, daß ich ihn nur habe und nicht im bloßen Kopfe zu rennen brauche; Hirschfänger -- Taschentuch, Pulverhorn, Zündhütchenaufsetzer -- Alles bin ich losgeworden, im Gesicht und an den Händen sehe ich so zerkratzt aus, als ob ich die Nacht in einer Dornenhecke geschlafen hätte. Dazu schmerzen mich alle Knochen -- ich habe einen fürchterlichen Schnupfen, und von dem harten Lager Hühneraugen am ganzen Leibe. Nein, guter Sechingen, so viel merk' ich, für den Wald paßt Du nicht -- ja, der Urwald sieht sich recht gut an -- wenn man sich nicht gerade Bäume zum Umhacken aussucht -- es liest sich auch recht gut darüber, schläft sich aber nur höchst mittelmäßig darin, und was das Reiten anbelangt, so soll mich Gott vor einem zweiten Versuch bewahren. Nein, Du _mußt_ ja kein Farmer werden -- Du kannst Coopers Romane lesen, für Indianer schwärmen -- wenn Dir Dein _Schuster_ nicht die Ideale verdirbt -- und kannst auch meinetwegen -- heißt das im Geist -- den wilden Bär und Büffel verfolgen -- so lange es aber keine Chausseeen und Hotels hier giebt, gehe ich nach New-York oder Philadelphia.«
»Und meine jetzige Reise?« fuhr er leise murmelnd in seinem Selbstgespräch fort, als er sich langsam dabei wandte und auf der Countystraße hinschritt -- »ih nun -- es war doch immer eine ganz gute Erfahrung und -- wenn weiter Nichts -- ein _Versuch_ zur _Ansiedelung_.«
Cincinnati.
Cincinnati, »die Königin des Westens,« wie sie in den Vereinigten Staaten von Nordamerika allgemein genannt wird, liegt in der südwestlichen Ecke Ohio's, dessen schönste und bedeutendste Stadt sie ist. Erst seit einigen sechzig Jahren entstanden (denn noch leben Männer, welche 1791 die erste Blockhütte dort bauen halfen), zählt sie jetzt schon über 100,000 Einwohner und hat im Westen dieselbe Bedeutung erlangt, deren sich New-Orleans im Süden und New-York im Osten rühmt. Da Ohio selbst schon seit etwa 30 Jahren besonders von deutschen Auswanderern angebaut wurde, so breitete sich auch Cincinnati immer mehr und mehr aus, vertheilte nicht allein von dort die den Mississippi und Ohio heraufkommenden Fremden in dem Staat, sondern ward auch zum Mittelpunkt des Binnenhandels, der die Producte des Nordens, als Mais, Mehl, Whiskey, eingepöckeltes Schweinefleisch, getrocknete Früchte, Kartoffeln etc., nach dem Süden versandte und dafür die Erzeugnisse der wärmeren Landstriche, als Zucker, Baumwolle, Tabak, Seesalz, Kaffee und die übrigen Früchte der Tropenländer in Empfang nahm. Zur Erleichterung dieses Zweckes stand es nicht allein durch den Ohio, einem großen, schönen Strom, mit dem Osten, sondern auch durch den westlichen Canal mit Buffalo und den nördlichen Seen, Erie, Michigan und Ontario in Verbindung, und gute, nach europäischer Art angelegte Chausseen zweigten sich durch das ganze Land. Durch die Erbauung eben dieser Wege und Canäle, wie durch die gesunde Lage des Ortes selbst, wurde eine sehr große Menge von Deutschen, meistens aus den ärmern Classen, veranlaßt, die blühende Stadt aufzusuchen und sich in ihr oder wenigstens in der Nähe derselben eine Existenz zu gründen.
Besonders strömten von Norddeutschland, Oldenburg und Hannover dem Eldorado des Westens Schiffsladungen voll Auswanderer zu. Die natürliche Folge aber war, daß, wo so viele zusammentrafen, die den Platz nur in der Hoffnung aufgesucht hatten, nicht allein »Geld zu verdienen,« sondern auch »reich zu werden,« der größte Theil derselben sich getäuscht sehen und entweder unter nicht gerade glänzenden Verhältnissen ausharren, oder weiter westlich einen geeigneteren Wirkungskreis suchen mußte.
Natürlich war ein solcher Zusammenfluß von Menschen, die meistentheils von allen Hülfsmitteln entblößt in Cincinnati eintrafen und nun, da sie ihre Hoffnungen nicht realisirt, sich selbst obdach- und hülflos fanden, sehr wenig dazu geeignet, den Amerikanern einen guten Begriff von Deutschen und durch diese von Deutschland selbst zu geben, daher denn auch wohl mancher, der mit dem schönen Glauben das fremde Land betritt, schon durch sein Vaterland allein, wenn nicht freundlich angenommen, doch geachtet zu werden, seinen Irrthum einsehen wird, wenn er findet, daß der Name »Dutchman« nicht bloß bei den niedern Classen ein Spott-, ja oft Schimpfname geworden. Das kann übrigens nur von den Städten gelten, wo sich die rohe Hefe des Volkes concentrirte, im Lande selbst ist der deutsche Landmann wegen seines eisernen, unermüdeten Fleißes geschätzt und geachtet, wie denn auch die deutschen Ansiedlungen in den nördlichen Staaten fast stets die bessern sind. Und doch muß eben der Deutsche, selbst wenn er im alten Vaterlande den Ackerbau getrieben hat, in Amerika wieder von vorn zu lernen anfangen, indem nicht allein Boden und Erzeugnisse, sondern auch Ackergeräthschaften, wie die in jenem Lande nöthigen Behandlungsarten der Felder ganz verschieden von den unsern sind. Da die Arbeit dort aber leichter, der Humus selbst, besonders in den westlichen Staaten so viel vorzüglicher als in den alten, seit langen Jahren angebauten Landstrichen ist, so unterzieht sich der Deutsche auch stets mit Lust und Liebe einer Lehrzeit, die einen so reichhaltigen Erfolg verspricht, und sieht seinen Fleiß und seine Ausdauer, welche letztere dem Amerikaner gänzlich fehlt, in kurzer Zeit durch blühende Felder und üppige Vegetation belohnt.
Der Amerikaner, d. h. der nördliche Amerikaner (denn der südliche Pflanzer in den Sklavenstaaten ist wieder ein ganz anderer Mensch), ist auch fleißig, und arbeitet mit einer Schnelle und Gewandtheit, in der ihm der Ausländer vergebens gleichzukommen sucht, aber nur kurze Zeit hält er aus, das Gleichförmige ermüdet ihn, eine schlechte Ernte macht ihn gegen sein Land mißtrauisch; er hört von fruchtbarerem, ergiebigerem Boden, von besserer Weide, üppigerer Vegetation und augenblicklich führt er den schnell entworfenen Plan aus. Gerade in dem Zeitpunkt, in welchem der ruhige Deutsche anfängt, die Früchte seines Fleißes zu ernten, verkauft der Amerikaner den Platz, der seine Heimath war, packt sein bewegliches Eigenthum auf Karren und Wägen, treibt sein Vieh zusammen und zieht gen Westen.
Etwas aber ist, was so vielen, ja man könnte sagen fast _allen_ Deutschen den Anfang einer zu gründenden Existenz erschwert: die zu großen Erwartungen, mit denen sie gewöhnlich das neue Vaterland betreten. Durch Briefe oder Reisebeschreibungen von dem schnellen, fast fabelhaften Glückswechsel Einzelner in Kenntniß gesetzt, malt sich ihre Phantasie die dortigen Verhältnisse mit den buntesten, heitersten Farben aus; das Wenige, was von Noth und Sorgen, von getäuschten Erwartungen und vernichteten Hoffnungen zu ihnen herüberdringt, verliert durch die große Entfernung die scharfen, schroffen Conturen, wird gemildert oder tritt vielleicht ganz in den Schatten zurück; kein Wunder denn, daß Viele, nach kurzem Aufenthalt in Amerika, von dem sie oft nur eine der östlichen Städte gesehen haben, das erste heimwärts segelnde Schiff benutzen, in ihr altes Vaterland zurückkehren, und nun nicht sich selbst, sondern das Land anklagen, das so war, wie es einmal ist und nicht wie sie es sich dachten.