Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band.

Part 2

Chapter 23,669 wordsPublic domain

»Ach nein -- hier ist's herrlich,« betheuerte Jener, der, von seinen Plagegeistern für den Augenblick befreit, wieder das so lang gehegte und genährte romantisch wilde Sehnen in sich erwachen fühlte -- »hier ist's so wundervoll, mit dem grünen Laubdach über uns, dem blauen sternbesäeten Himmel als Decke, und dem dunkelen, rauschenden Wald um uns her; wozu da noch ein Dach, was uns doch nur den Anblick des prachtvollen Firmamentes entziehen würde; kommen Sie hierher, Bob, legen Sie sich neben mich und erzählen Sie mir etwas aus Ihrem Leben.«

»Bob ist hungrig,« war die lakonische Antwort.

»Nun ja, da es einmal erwähnt wird,« meinte der Deutsche, »so wäre mir auch ein Bissen Warmes nicht so unerwünscht, ein Tasse Thee könnte besonders gar Nichts schaden.«

»Viel Thee im Wald,« sagte Bob.

»Thee? grüner Thee?«

»Gewiß grüner Thee -- will der Weiße Thee haben?«

»Das wäre nicht so übel,« erwiederte Sechingen, »auf alle Fälle können wir es versuchen.«

Bob riß hierauf einen kleinen, neben ihm wachsenden grünen Strauch aus der Erde, wischte die Wurzel so rein als möglich mit seinem Jagdhemd ab, schnitt sie in dünne Spähne, that sie in den Blechbecher, den er an seiner wollenen Decke hängend trug, füllte diesen dann voll Wasser und setzte ihn auf die Kohlen.

»Und das wird Thee?« frug Sechingen ungläubig.

»Ahem,« war Bob's Antwort, der nur mit dem Kopfe nickte.

»Es ist aber doch sonderbar,« sagte der Deutsche nach einer wohl viertelstündigen Pause, in der er träumend zu den funkelnden Sternen hinaufgeschaut hatte, »daß wir jetzt schon über eine Stunde durch den dichtesten Wald gegangen sind, ohne eine Spur von Wild gesehen zu haben.«

»Sonderbar?« entgegnete die Rothhaut, »Bob hat drei Tage hier gejagt und keine Klaue gefunden.«

Das stimmte nun freilich nicht mit Charles Fischers Aussagen überein, doch blieb ihm für den Augenblick keine weitere Zeit zu ferneren Erörterungen, denn der Thee war fertig und wurde Sechingen dargereicht.

»Etwas Zucker und Milch wäre jetzt sehr an seinem Platz,« meinte dieser -- »aber halt -- ich habe ja Rum bei mir; der mag den Dienst versehen,« und aus einem kleinen Fläschchen, das er aus dem Jagdranzen nahm, goß er etwa ein Spitzglas voll in den Becher, und reichte die Flasche dann an Bob hinüber, der sie schon mit gierigen, verlangenden Blicken betrachtet hatte und jetzt einen langen, langen Zug that. Mit augenscheinlichem Widerwillen mußte er zuletzt absetzen, um Athem zu holen und Sechingen schob sie wieder in den Ranzen zurück. Der Thee war indessen etwas kühl geworden, -- aber welch entsetzliches Gebräu.

»Pfui Teufel!« rief der junge Deutsche aus, indem er den Becher zurückschob und aufsprang. »Bob, das können Sie allein trinken, das schmeckt ja abscheulich.«

»Indianer trinkt nur Thee, wenn krank ist.«

»Ich bin aber nicht krank,« rief Sechingen.

»Ich auch nicht,« sagte Bob und begann mit großer Ruhe die Lederriemen aufzubinden, die seine Decke zusammenhielten.

»Daß mich auch der Böse plagen mußte, mit keiner Sylbe an Lebensmittel zu denken,« murmelte Sechingen ärgerlich vor sich hin, -- »ich glaubte aber sicher, noch vor Dunkelwerden irgend ein Stück Wild erlegen zu können.«

»Bob kann warten,« brummte dieser und rollte die jetzt gelöste Decke auf.

»Nun so erzählen Sie mir wenigstens etwas,« bat ihn der Deutsche, »ich möchte gar so gerne einige Skizzen aus dem Leben der Indianer, von den Lippen eines Indianers hören, und da wir doch nun einmal im Wald sind, so lassen Sie mich auch einige Anekdoten von Ihren Jagden mit Büffeln oder Bären, von den Kämpfen mit anderen Stämmen, dem nächtlichen Überfall, dem Schlachtschrei und den genommenen Scalpen hören -- was hilft mir denn der Wald und der Indianer, wenn wir schlafen wollen?«

»Weiß Nichts zu erzählen,« sagte Bob, indem er seine Decke nahe zum Feuer ausbreitete und dieses dann wieder von Frischem aufschürte -- »habe nie einen Büffel gesehen und noch keinen Bären geschossen; -- kam vor sechs Jahren von Georgien mit ganzem Stamm.«

»Und was haben Sie in den sechs Jahren getrieben? -- Jagd?«

»Nein -- Schuhmachen!«

»_Schuhmachen_?« frug Sechingen entsetzt -- »Schuhmachen? ein Indianer -- in Arkansas? aber Ihr Vater war doch ein Jäger und Krieger? fiel vielleicht in der Schlacht -- in einem nächtlichen Überfall.«

»Mein Vater starb in Georgien an den Blattern -- war ein Korbmacher.«

Bob schien jetzt zu glauben, daß er über sich und seine Familienangelegenheiten hinlängliche Auskunft gegeben habe, denn er rollte sich in die Decke, und war wenige Minuten später, wie sein lautes, regelmäßiges Athmen bewies, sanft eingeschlafen. Sechingen aber spießte, auf den linken Ellbogen gelehnt, mit seinem Genickfänger höchst mißvergnügt die vor ihm liegenden, gelben Blätter auf.

Er hatte sich Alles so romantisch gedacht -- das Heulen der Wölfe, das Geschrei des Panthers, die Erzählungen eines rothhäutigen Kriegers von Jagden und Kriegszügen, und dazu das Rauschen des mächtigen Urwaldes -- Ja! Der Urwald umgab ihn, in all seiner Pracht und Herrlichkeit, mit seinen Riesenstämmen und wild durchwachsenen Dickichten, mit den gigantischen Weinreben, die sich von Stamm zu Stamm schlangen, und im unzerreißbaren Netze die gewaltigen verbanden, den einzigen Laut aber, den er vernehmen konnte, war das Summen der Mosquitos, die, von der kühlen Nacht nicht eingeschüchtert, nach dem warmen Blute des Fremdlings lüstern, dessen Lager umschwirrten.

Höchst verdrießlich schob er sich endlich die Jagdtasche unter den Kopf, und wollte ebenfalls schlafen, als er, wie von einer Natter gestochen, wieder emporsprang, und nach der Büchse griff, denn dicht neben ihm -- es konnte kaum zwanzig Schritte entfernt sein -- vernahm er den sonderbarsten, wildesten Laut, den sich seine Phantasie nur je gedacht, nur je geträumt hatte.

»Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h!« tönte es so klagend, so schauerlich, daß er, sprachlos vor Jagdeifer und innerem Entsetzen, den Arm seines schläfrigen Gefährten ergriff, und den Ruhenden mit aller Macht schüttelte, während er dabei in der Rechten die schnell gespannte Büchse fertig zum Schuß hielt.

»Bob, -- Bob, -- Bob!« -- flüsterte er dabei mit unterdrückter Stimme -- »ein Panther -- _Bob_!«

»Ein was?« rief dieser, und sprang schnell auf die Füße, ergriff seine Büchse und sah den Fremden groß an. »Wo? wo Panther?«

»Pst!« winkte Sechingen -- »dort war's -- gleich in dem Busch da -- er muß auf einen Baum geklettert sein, mir kam es hoch vor.«

»Huhu, huhu -- -- huhu, huhu -- a -- h!« riefen die schauerlichen Töne auf's Neue, diesmal aber auf der entgegengesetzten Seite.

»Horch -- horch -- er hat uns umschlichen -- erst war er hier.«

»Das der Panther?« frug Bob.

»Nun? was soll es sonst sein? ein Wolf steigt doch nicht auf die Bäume?«

»Eule!« sagte Bob, und legte sich wieder, ohne ein Wort zu verlieren, nieder.

»Teufel!« murmelte Sechingen ärgerlich vor sich hin, indem er den Hahn seiner Büchse in Ruhe setzte, »das nur eine Eule, und hat eine Stimme wie das stärkste, gewaltigste Thier.« Bob hatte aber ganz recht, es war wirklich eine Eule, die ihr einsames Nachtlied krächzte, und unwillig warf sich der in seinen schönsten Erwartungen Getäuschte in das gelbe Laub zurück.

Durch die ungewohnten Anstrengungen ermattet, schlief er lang und fest, sein Erwachen war aber ein sehr trauriges, unbehagliches, denn, als er von kalten Schauern durchschüttelt die Augen aufschlug, strömte von dem dunkelen, nur dann und wann durch einzelne grelle Blitze erhellten Nachthimmel der Regen in Fluthen hernieder, und fern grollender Donner murmelte seinen gewaltigen Segen dazu. Das Feuer war niedergebrannt und ausgelöscht, und tiefe Nacht umgab ihn.

»Bob?« rief er -- »Bob! -- Bob!« wiederholte er stärker und ängstlicher, als ihn auf einmal der Gedanke durchzuckte, sein rother Führer könne ihn im Stiche gelassen haben -- »_Bob_!« -- kein Bob antwortete und »_Bob_« schrie er jetzt in die Höhe springend aus Leibeskräften, daß er selbst vor dem dumpfverhallenden Nothruf zurückbebte, der gar so schauerlich in dem öden Walde wiederklang.

»Ja!« sagte der Wilde, der, nur wenige Schritte von ihm entfernt und in seine Decke gewickelt, unter demselben Baume mit ihm stand -- »wir werden nassen Morgen bekommen.«

»Warum antworten Sie denn gar nicht? ich glaubte Sie wären fort. --«

»Und wohin!« frug Bob, »ein Baum so gut wie der andere -- ich schlief!«

»Im Stehen?«

»Bob kann überall schlafen.«

»Was fangen wir denn jetzt um Gotteswillen an? ich bin durch und durch naß, und muß mich erkälten -- wenn ich nur wenigstens eine Decke hätte.«

»Wenn der Weiße Bob's Decke haben will,« sagte gutmüthig der Indianer, -- »so mag er sie nehmen, Bob kann ohne Decke naß werden.«

Sechingen schämte sich im Anfang, den armen Burschen seines fast einzigen Schutzes zu berauben, da der dünne Kattunlappen, den jener noch darunter trug, sicherlich als kein wärmendes Kleidungsstück angesehen werden konnte, doch überwog bald die Sorge um die eigene Gesundheit jede andere Bedenklichkeit, und fest in die, wenn auch etwas feuchte doch warme Umhüllung eingeschlagen, warf er sich wieder, die Waidtasche unter dem Kopf, an der Wurzel der alten Eiche nieder, deren Blätter ihnen, wenigstens jetzt noch, einigen Schutz gegen die immer stärker und stürmischer niedertobenden Schauer gewährten.

Bob kauerte sich dicht daneben, einen möglichst kleinen Raum einnehmend, zusammen und ließ den Kopf auf die Brust hinuntersinken, wachte aber, denn dann und wann lauschte er aufmerksam den Athemzügen des Weißen, ob dieser schlafe oder nicht, bis er sich endlich von dessen Bewußtlosigkeit hinlänglich überzeugt zu haben schien, und nun leise an ihn hinkroch.

Immer tobender raste indessen der Sturm, darum aber ganz unbekümmert, befühlte Bob mit vorsichtiger Hand und geräuschlosen Bewegungen die Waidtasche, und nach und nach, fast unmerklich seine Finger unter des Schlummernden Kopf bringend, gelang es ihm nach mehreren Minuten, die Flasche der Ledertasche zu entrücken.

Wäre es Tageshelle gewesen, so hätte man des Indianers Gesicht wohl ein triumphirendes Lächeln überfliegen sehen können, als er geräuschlos und mit geübter Hand den Kork abzog, so aber ward nur gleich darauf der leise, gluckende Laut gehört, wie der heiße erquickende Trank die Kehle des Durstigen hinunterglitt, und lange, lange sogen seine Lippen an dem engen Hals der Korbflasche. Endlich war auch der letzte Tropfen geleert, und Bob setzte, tief Athem holend, ab, versuchte dann zwar noch einmal, dem Boden einen vielleicht zurückgehaltenen Rest zu entziehen, die Nachlese fiel aber wenig ergiebig aus, und er bemühte sich jetzt, die entwendete Flasche wieder an ihren früheren Platz zurück zu schaffen. Um jedoch keinen unnützen Verdacht zu erregen, schob er sie vorsichtiger Weise verkehrt, mit der Öffnung nach unten, in die Tasche und ließ den Kork daneben in das Laub fallen, dann kroch er auf seinen alten Standpunkt zurück, und war bald ebenfalls, trotz stürmenden Unwetters und heulender Windsbraut, sanft und ruhig eingeschlafen.

Kalt und schaurig brach der Morgen an, die Gewitter hatten sich verzogen, aber schwere, dunkele Wolkenschichten schienen in an einander gepreßten Massen auf den Wipfeln der Bäume zu ruhen; ein feiner, dünner Regen stäubte nieder und einzelne Windstöße schüttelten in Schauern die großen Tropfen auf das fest an den Boden geschmiegte gelbe Laub hernieder.

Sechingen, obgleich schon seit längerer Zeit erwacht, fürchtete fast, sich in den naßkalten Falten der Decke zu bewegen, und lag regungslos in einander gekrümmt, bis es heller Tag geworden war; endlich ermannte er sich, sprang, die Hülle von sich werfend, auf die Füße, und schaute mit trostlosem, mattem Blick auf die ihn umgebende, keineswegs lächelnde Natur.

»Das also ist Urwald!« seufzte er leise vor sich hin, indem er einige der, trotz der kühlen Morgenluft auf ihn einstürmenden Mosquitos von sich abzuwehren suchte -- »das ist Urwald? -- eine sehr schöne Gegend -- daß mich der Böse auch plagen mußte, dem Rath des Narren in Little-Rock zu folgen; der Indianer schläft dabei in seinem dünnen, baumwollenen Jagdhemd, als ob er im weichsten Federbett läge.«

Die Wahrheit zu gestehen, schlief Bob aber eigentlich nicht, sondern war schon, um sich zu erwärmen, seit einer Stunde hin- und hergelaufen, hatte sich aber, um wegen der Flasche nicht befragt zu werden, schnell wieder unter den Baum geworfen, sobald er das Munterwerden seines Marschgefährten bemerkte.

»Bob!« wollte dieser jetzt rufen, aber Du lieber Gott, keinen Ton brachte er aus der Kehle, der Hals war ihm wie zugeschnürt und er konnte sich selbst kaum vor Heiserkeit reden hören; nochmals versuchte er »Bob!« zu sagen, aber vergebens und seine Worte wurden zu einem kaum hörbaren Hauch. Er trat daher dicht neben den Indianer, und schüttelte diesen, bis er auf die Füße sprang und sich nun langsam, wie eben erst aus tiefem Schlaf erwacht, nach den Bäumen und Wolken umschaute.

»Wie weit haben wir noch bis zum nächsten Haus?« frug Sechingen jetzt mit seiner leisen, röchelnden Stimme.

»Könnt laut reden,« sagte der Indianer, das Schloß seiner Büchse abtrocknend und frisches Pulver auf die Pfanne streuend, »kein Wild hier, finden aber welches; dieser Morgen guter Jagdtag.«

»Ich _kann_ nicht laut reden -- ich habe mich ja erkältet,« flüsterte Sechingen ärgerlich.

»Erkältet!« rief verwundert die abgehärtete Rothhaut -- »erkältet? was ist das?«

»Wie weit haben wir noch bis zum nächsten Haus?«

»Fünf Meilen!« sagte Bob.

»So lassen Sie uns wenigstens eilen, daß wir dort hinkommen, ich bin halb todt vor Hunger und Erschöpfung -- Pest!« rief er aber zu gleicher Zeit, mit dem Fuße stampfend, aus, als er bei diesen Worten in die Jagdtasche gegriffen hatte, und die jetzt leere Flasche hervorzog, »auch das noch -- ausgelaufen -- bis auf den letzten Tropfen -- die einzige, letzte Stärkung fort.«

»Wie schade!« sagte Bob, und sah traurig die Flasche an. Doch hier half kein weiteres Besinnen, beide Männer schulterten also ihre Gewehre, Bob hing seine alte, nasse Decke, die er jedoch vorher so gut wie möglich ausgerungen hatte, wieder auf den Rücken, und fort ging's auf's Neue in den Wald hinein, oder eigentlich, besser gesagt, im Walde fort, denn unbestreitbar waren sie darinnen.

Hier zeigte sich übrigens der Nutzen, den des Indianers Ortssinn, ein gewisser ihm angeborener Instinkt, dem Deutschen gewährte, denn ohne Jenen hätte er sich im Leben nicht wieder aus den Dickichten und Sümpfen herausgefunden, die, einander so ganz ähnlich, ihn nicht begreifen ließen, wie man in einem solchen Labyrinth eine wirklich gerade Richtung beibehalten konnte, ohne bei jeder Wendung irre zu werden. Immer unwegsamer wurde hier der Wald, häufiger und häufiger kreuzten sie schmale, kleine tiefe Bäche, und standen plötzlich an einem kleinen Flusse (oder einer _Slew_, wie es der Indianer nannte), der seine schlammigen Fluthen dem Fourche la fave zudrängte.

»Bob!« sagte Sechingen erschrocken, als dieser ohne weiter eine Sylbe zu äußern, hineintrat und durchwaten wollte, wobei ihm das Wasser bis unter die Arme reichte -- »ist denn keine Fähre hier? wir sollen doch nicht mitten durch?«

»Ist der Weiße hungrig?« frug Bob, stehen bleibend.

»Sehr!«

»Und naß?«

»Durch und durch!«

Bob erwiederte nichts weiter, sondern badete gerade durch, während ihm die Fluth bis zu den Schultern stieg, und war in wenigen Minuten am anderen Ufer. Wehmüthig schaute ihm Sechingen nach, überzeugte sich aber bald, daß hier nichts Anderes zu thun übrig bliebe als zu folgen, denn allein zurück zu bleiben, ging doch auch nicht an. Das also, was er nicht zu durchnässen wünschte, als Brieftasche, Zündhütchen, Pulverhorn und Uhr in die Jagdtasche steckend und diese, nebst der Flinte, über dem Kopf haltend, trat er seine unfreiwillige Wasserfahrt an, kam auch glücklich hinüber, schüttelte sich hier, ließ das Wasser aus den Wasserstiefeln laufen, indem er sich auf den Rücken legte und die Beine an einem Baum in die Höhe reckte (im Anfang freilich etwas zu hoch) und folgte dann dem Führer, der schweigend voranschritt.

So großen Jagdeifer Sechingen aber beim Anfang ihrer Wanderung gezeigt hatte, so abgestumpft war er jetzt gegen alles ihn Umgebende geworden und schaute kaum vom Boden auf, um nicht fortwährend über die unzähligen, überall umhergestreuten Äste und Stämme zu stolpern und zu stürzen; die Flinte hing ihm, Hahn in Ruh und Sicherheit aufgesetzt, über die Schulter, die Mütze saß ihm tief in der Stirne und der einzige Laut, den er von sich gab, war dann und wann ein leise gemurmelter Fluch, wenn ihm die nassen Zweige in's Gesicht schlugen, oder sich sein Fuß, trotz aller Vorsicht und Aufmerksamkeit, in dem dichten Schlingpflanzengewebe fing, das an vielen Stellen den Boden wie mit einem festen Netze überzog.

Da blieb Bob plötzlich stehen und hob schnell und lautlos die Büchse an den Backen, und wie mit einem magischen Feuer durchgoß diese einzige Bewegung den Körper des bis jetzt in fast gänzlicher Apathie versunkenen Deutschen; blitzschnell riß er das eigene Gewehr von der Schulter und schaute, hochaufgerichtet, die Augen in dem alten, keineswegs erstorbenen Jagdeifer erglühend, spähend umher, das Wild zu entdecken, das der Indianer auf's Korn genommen. Aber erst, als er der Richtung von Bob's Büchse folgte, von deren Pfanne das Pulver schon zweimal abgeblitzt war, sah er einen stattlichen Hirsch, der ruhig äste und die Nähe zweier menschlichen Wesen gar nicht zu ahnen schien. Vor Eifer zitternd, hob Sechingen das Doppelrohr, das, noch mit guten, deutschen Zündhütchen versehen, dem Wetter Trotz geboten, und der Schuß krachte dröhnend durch den stillen Wald.

Hochauf sprang der Hirsch und setzte über einen, vor ihm liegenden Baumstamm, blieb dann aber augenblicklich wieder stehen, äugte verwundert umher, witterte zu gleicher Zeit die Feinde und sprang eben in ein benachbartes Dickicht, als ihm Sechingens Rehposten nachsausten. Wohl schüttelte er den schönen Kopf ein wenig, als ihm das Blei um's Gehör pfiff, unverletzt aber warf er den Wedel in die Höhe und war mit wenigen Sätzen verschwunden.

»Ich muß ihn getroffen haben,« rief Sechingen, der dem Anschuß in wilder Jagdlust zusprang; Bob folgte ihm jedoch sehr ruhig und bemerkte, die Fährten keines Blickes würdigend:

»Hirsch merkwürdig wohl, wenn er den weißen Fleck zeigt -- weiße Mann Bockfieber!«

Gar sehr wider Willen mußte es sich Sechingen zuletzt selbst gestehen, daß er, auf kaum funfzig Schritt, mit beiden Läufen das Wild gefehlt habe, denn auch nicht ein einziger Tropfen Schweiß war auf dem Laube zu sehen. In hierdurch nicht gerade verbesserter Laune setzten also Beide, nachdem der Deutsche zuerst wieder geladen, ihren Weg weiter fort, und erreichten, nach etwa zweistündigem Marschiren, das Haus, von dem Bob gesprochen, und Sechingen mehr todt als lebendig, begrüßte mit freudigem Herzklopfen das trauliche, Schutz und Wärme versprechende Dach, aus dessen Lehmschornstein eine dünne, blaue Rauchsäule emporwirbelte.

Nachdem die beiden Männer zuerst noch eine niedere, die Wohnung umgebende Fenz überklettert hatten, näherten sie sich dem Gebäude, dessen Thür, nach Art all der andern fensterlosen Blockhäuser, offen stand, um Licht und Luft zu gleicher Zeit einzulassen, und betraten den inneren Raum, vor dessen breiten Kamin sie eine, dem Auge Sechingens wenigstens, sehr sonderbar erscheinende Gruppe versammelt fanden.

Es waren zwei Frauen und drei Kinder, die in malerischen Stellungen das Feuer umsaßen und umlagerten, und durch den Eintritt der Fremden in ihren verschiedenen Beschäftigungen weiter nicht gestört wurden, als daß die eine der Frauen, wahrscheinlich die Wirthin, mit ihrem Sessel ein wenig zur Seite rückte und sagte:

»Nehmt einen Stuhl!«

Nun wäre das zwar an und für sich schon eine recht freundliche Einladung gewesen, denn das Feuer flackerte mächtig und erwärmend mit rother Zunge die schwarz geräucherte Esse empor, wenn -- nur ein Stuhl dagewesen wäre, vergebens schaute sich aber der Deutsche nach einem derartigen Möbel in dem kleinen Raume um, lehnte daher vor allen Dingen die Büchsflinte in die Ecke, legte die Jagdtasche daneben, welchem Beispiel der Indianer ohne weitere besondere Einladung folgte, und trat dann in den für sie freigemachten Raum an die linke Kaminecke.

»Nehmt den Stuhl!« sagte die Frau zum zweiten Male, und winkte dabei mit dem Kopf nach der gegenüber liegenden Ecke, aber kein Gegenstand, der auch nur die entferntere Familienähnlichkeit mit einem derartigen Hausgeräth gehabt, oder zu solchem hätte benutzt werden können, zeigte sich dem Auge; die Ecke war, ein schmales, langes Bret was darin lehnte ausgenommen, leer. Bob schien jedoch mit den Gelegenheiten der Wohnung und ihren Gebräuchen schon etwas besser bekannt, oder ein gewisser Instinkt mußte ihn leiten, denn kaum hatte er sich seiner nassen Decke entledigt, als er eben jenes Bret vorholte, dieses dann, dicht neben dem Kamin, zwischen zweien der die Wand bildenden Stämme hindurch, und auswendig unter den, zu diesem Zweck in einen Pfirsichbaum geschlagenen Pflock schob, und dem Deutschen mit der Hand zuwinkte, darauf Platz zu nehmen, was dieser denn auch nach einigen, etwas ängstlichen Versuchen zwar, befolgte, während Bob neben ihm stehen blieb und sich wie ein am Spieße steckender Braten, langsam vor der Gluth im Kreise herumdrehte, um seinem ganzen Körper einen gleichen Antheil von Wärme zukommen zu lassen. Bald stieg von ihren nassen Kleidern der feuchte Dampf wie eine Wolke zur Decke hinauf und drängte sich dort, durch aufgehangene Schinken und Speckseiten, in's Freie.

Die Beschäftigung der beiden Frauen zog jetzt, als das erste frostige Schütteln vorüber war, was Jeden erfaßt, der naß und kalt zu einem erwärmenden Feuer tritt, Sechingens neugierige Blicke auf sich. Die Herrin des Hauses saß nämlich auf einem kleinen Sessel, dem Feuer gerade gegenüber, hatte zwei Karden oder Wollkämme in der Hand, mit welchen sie die klargezupfte Baumwolle spinngerecht in lange Streifen rollte und nur dann und wann ihre Arbeit unterbrach, um eine kleine, kurze Pfeife aus dem Mund zu nehmen und den Kopf derselben, diese am Stiel fassend, durch die glühende Asche zu ziehen, wonach sie die dadurch herausgehobene kleine Kohle in die Höhe hielt, und in langen Zügen den verlöschten Tabak wieder zu entzünden suchte. In ihrem ganzen Wesen lag aber eine gewisse Reinlichkeit und Ordnung, die, mit dem freundlichen, offenen Gesicht der Matrone, einen höchst wohlthuenden Eindruck auf den jungen Deutschen machte, denn er war durch seine letzte Wanderung besonders empfänglich für alles Das geworden, was Behaglichkeit und häuslichen Sinn verrieth. Sie war sehr einfach, aber höchst sauber in selbstgewebte Stoffe gekleidet, und die größte Ordnung schien auch in dem kleinen, wenn gleich ärmlich ausgestatteten Raume zu herrschen, den sie bewohnte.

Keineswegs so günstig sprach ihn die Erscheinung der zweiten Gestalt an, deren Haar, nach Art der irländischen Frauen, in einem breiten Scheitel von dem rechten nach dem linken Ohr, quer über die Stirn hinüber gelegt war, und die durch ihre, nichts weniger als reinliche Kleidung auf eine um so auffallendere Art gegen die neben ihr sitzende Amerikanerin abstach. Ihr Anzug bestand aus grell buntem Kattun, der seine besten Tage schon gesehen hatte, und dessen große Pfauenaugen wehmüthig nach einer Stange Seife hinüber zu blinzen schienen, die auf einem kleinen Bretchen in der rechten Ecke des Zimmers ruhte. Sie kreuzte den einen Fuß über den andern und stützte sich mit dem linken Arm auf das rechte Knie, mit dem rechten Ellenbogen wieder auf den linken Arm, und paffte, ohne die eben Angekommenen weiter viel zu beachten, den Rauch aus ihrer kurzen Pfeife nach Herzenslust in den Kamin hinein.