Amerikanische Wald- und Strombilder. Zweiter Band.
Part 10
Ich war übrigens selbst einst Zeuge, wie mehrere Kleiderhändler in New-Orleans eine wenn auch komische Art Lynchgesetz in Anwendung brachten, um einen Pedlar zu bestrafen, der fünfe von ihnen, die sich später alle zufällig in New-Orleans zusammengefunden und festgesetzt hatten, in verschiedenen Städten der vereinigten Staaten um eine nicht unbeträchtliche Summe in Waaren betrogen. Die Schuld war verjährt und in einer Versammlung vor die er berufen, wurde ihm als Strafe von jeder Hand (es hatten sich etwa 18 eingefunden, und ich war eigentlich nur ein zufälliger Zeuge) zwanzig Stockschläge zuerkannt, denen er sich auch im Gefühle seiner Schuld, geduldig unterwarf. Als aber der vierte, an dem er vorzüglich gesündigt, seinen größern Verlust auch durch stärkere Schläge, als sie der Delinquent wohl erwartet, wieder einzubringen gedachte, lehnte sich dieser höchst unvorhergesehenermaßen gegen die Gewalt auf, und faßte den Strafenden mit so schlauem Griff, daß dieser erschreckt aufschrie, den Stock fallen ließ und froh war, dem kräftigen Schuldner wieder entrissen zu werden. Das schreckte die andern ab, und der Pedlar ward in Gnaden, aber mit entsetzlichen Schimpfworten entlassen.
Zwei Arten von Waaren giebt es übrigens, mit denen sich die Deutschen nie oder wenigstens sehr selten befassen: es ist dies der Verkauf von Wand- oder Standuhren und Medicinen. Zum ersten Geschäft sind sie nicht gewandt, zum zweiten nicht unverschämt genug. Diesen Handel haben also die Amerikaner fast allein an sich gerissen, vorzüglich die Yankees, d. h. die Bewohner der nordöstlichen Staaten, als Maine, New-Hampshire, Connecticut, Vermont, Massachusetts und Rhode-Island, deren »Clock pedlar« oder Uhrenkrämer in der ganzen Welt berühmt sind.
Sam Slick hat einen tiefen Blick in ihre Verhältnisse thun lassen und ich will sie, da sie doch einmal in diese Rubrik gehören, nur kurz erwähnen.
Mit einem kleinen Wägelchen, vor das ein ziemlich gut aussehendes, sonst aber gewöhnlich höchst nichtsnutziges Pferd gespannt ist, zieht der Uhrenhändler oder Clockpedlar in die weite Welt, und zwar am liebsten in die westlichen und süd-westlichen Staaten hinein; sein Zweck und Ziel ist Uhren zu verkaufen und er verkauft sie auch, mag er nun willige oder zähe Käufer finden. Leute, die früher nie auch nur an die Möglichkeit gedacht haben, je eine Summe, die für sie ein Capital ist, an die Anschaffung eines so leicht entbehrlichen Gegenstandes zu wenden, finden sich plötzlich als Eigenthümer eines solchen Werkes, von dem es ihnen fast wie Zauberei und schwarze Kunst erscheint, wie sie eigentlich und so ganz gegen ihren positiv ausgesprochenen Willen zum Besitz desselben gelangt sind. Da steht es aber jetzt, oben auf einem groben, unbehobelten Bret zwischen dort aufgehangenen Hirsch- und Waschbärenfällen so ruhig und gemüthlich mit seinem stillen, selbstzufriedenen Ticktack, als sei es etwa 1500 Meilen von dort ganz besonders zu dem Zweck angefertigt worden, in möglichst kurzer Zeit hierher geschafft zu werden, und durch die Augen einer holdselig lächelnden Dame in wunderbar schimmerndem, feuerfarbenem Kleid, die, auf der Klappe der Uhr befindlich, in der einen Hand eine außergewöhnlich große Rose, in der andern einen chinesischen Fächer hält, dem wirklich verblüfften Farmer seine volle Zufriedenheit mit dessen trefflicher Wahl zu erkennen zu geben.
Der Yankee, eine stets sehr lange und sehr sorgfältig bis hoch hinauf an die Schläfe rasirte Gestalt mit glatt gestrichenen Haaren und grauen, lebhaften Augen, etwas vorstehenden Backenknochen und etwas schiefgezogenen Gesichtszügen, wovon jedoch größtentheils ein in der linken Backe ruhendes entsetzliches Stück Kautaback die Schuld trägt, versichert indessen den Farmer schon zum drittenmal, daß er ihn erst binnen Jahresfrist und vielleicht selbst dann noch nicht wiedersehen solle, läßt sich jedoch »um Lebens oder Sterbens willen« einen kleinen Wechsel nach Sicht schreiben, setzt sich am nächsten Morgen in sein kleines, grün lackirtes Wägelchen, nickt noch einmal einen freundlichen Gruß herüber und verschwindet in den Biegungen der durch den dichten Wald führenden Straße. Er hält Wort -- er selbst kommt weder in Jahresfrist noch jemals wieder in dieselbe Gegend, aber nach zwei Monaten erscheint sein »Partner« oder Compagnon, präsentirt den Wechsel und dringt auf die Bezahlung. Von jähriger Frist weiß er nichts, sein College »hat ihm nichts davon gesagt,« der Wechsel lautet auf augenblickliche Bezahlung und muß, wenn er unter 50 Dollar ist, dem Vorzeiger bezahlt werden. Der arme Backwoodsman weiß das und schafft seufzend Rath, der Pedlar aber, oder Einkassirer vielmehr, zieht heimlich lachend von dannen.
Die Hinterwäldler sind sonst so schlau und gewandt, im Geschäft sowohl wie im wirklichen Leben; in den Händen eines Yankees aber ist es ordentlich, als ob sie ihre bisherige That- und Denkkraft verlieren; sie erkennen seine geistige Überlegenheit an und geben sich rettungslos verloren. Kehrt der Händler in seine eigene Heimath zurück, so hat er auch stets ein ausgezeichnet gutes Pferd vor dem Wagen, denn das vortheilhafte Vertauschen desselben gehörte mit zu seinem Geschäft.
Nur ein Beispiel weiß ich, wo ein Yankee und noch dazu einer der pfiffigsten, von einem Backwoodsman mit seinen eigenen Waffen geschlagen wurde und sehr betrübt abziehen mußte. Es war in Arkansas, und Jackson, ein Ansiedler, der erst kürzlich von Tenessee herübergekommen, sein letztes baares Geld für 40 Acker Land, zwei Milchkühe und ein Pferd, da ihm das alte krank geworden und gestürzt war, ausgegeben hatte, saß Abends in der ärmlichen Blockhütte beim frugalen Nachtmahl von Speck, Maisbrod und Milch, als das kleine Fuhrwerk eines solchen Clockpedlars vor seiner Thür hielt.
Freundlich lud er den Krämer ein, bei ihm die Nacht und mit seinem Mahl vorlieb zu nehmen, und dieser ließ sich auch nicht lange bitten, besorgte sein Pferd selbst, trug, wobei ihm Jackson half, die Uhren unter Dach und Fach und begann hier nun auf den Verkauf einer derselben hinzuarbeiten; Jackson war aber »=an old hand=,« wie sie in Amerika sagen, und durchschaute nicht allein seinen Plan, sondern hatte ihn schon von dem ersten Anblick an vorausgesehen, sagte daher dem Pedlar ganz freundlich, er sei zu arm eine Uhr zu kaufen, denn wenn er sie wirklich kaufen wolle, könne er sie nicht bezahlen. Dies war übrigens eine zu alltägliche Ausflucht, als daß sich der Yankee dadurch hätte sollen abschrecken lassen; im Gegentheil gab ihm das ruhige Betragen des Mannes die besten Hoffnungen zu einem guten Geschäft, und nicht eher ruhte er, bis sämmtliche Uhren in Reih und Glied vor dem still vor sich hin lächelnden Backwoodsman aufmarschirt standen, und jetzt handelte es sich nach des Krämers Meinung nicht mehr darum, ob er eines der herrlichen Kunstwerke, sondern nur _welches_ er kaufen solle. Vergebens erwähnte der Arkansaner, daß er arm sei und keine Uhr kaufen könne, der Pedlar ließ nicht locker, und jener richtete sich endlich entschlossen auf und sagte:
»Gut -- ich nehme eine -- Ihr bekommt aber kein Geld.«
»Im ersten Jahr nicht,« lächelte der Krämer, »habt die Uhr nur einmal ein Jahr, Ihr laßt sie nicht wieder fort.«
»So will ich diese wählen -- was ist der Preis?«
»Achtundvierzig Dollar.« (Er wußte recht gut, daß er bei einer Klage auf mehr als 50 Dollar Jahre lang hinausgehalten werden konnte.)
Jacksons Frau sah ängstlich zu ihm empor, er winkte ihr aber lächelnd zu, ruhig zu sein, und ließ es, behaglich auf ein Bärenfell ausgestreckt, geschehen, daß der Fremde die aufgedrungene Uhr über dem Kamin auf einem durch hölzerne Pflöcke gehaltenen Bret befestigte und aufzog.
»Ihr bekommt aber kein Geld dafür,« sagte er dem Yankee.
»Ich weiß es wohl,« erwiederte dieser, »aber doch Euern Wechsel, Ihr wißt wohl, das ist so Sitte.«
»Gut, dagegen habe ich nichts, den sollt Ihr haben,« sagte der Farmer, und unterschrieb das schnell ausgestellte Papier.
Der Pedlar zog am nächsten Morgen weiter, aber ehe sein Collecteur mit dem fälligen, natürlich nach Sicht ausgefüllten Wechsel erscheinen konnte, hatte Jackson die Uhr auf sein Pferd genommen, nach der nächsten Stadt gebracht und dort verkauft.
Der Compagnon des Yankees kam endlich nach drei Monaten, und erstaunte zwar, keine Uhr in der Hütte des Farmers zu finden, äußerte jedoch hierüber nichts, sondern präsentirte nur seinen Wechsel. Der Farmer bedeutete ihn aber sehr kaltblütig, daß er dem Uhrenhändler aufrichtig gesagt habe, er bekäme nie sein Geld und das wäre in der That wahr, denn er sei nicht allein nicht gesonnen, sondern auch nicht im Stande, die 48 Dollars jetzt oder jemals zu bezahlen; er hätte die Uhr nehmen müssen, um den Krämer nur loszuwerden, und der Collecteur möge ihn jetzt, wenn er sonst glaubte, etwas dabei verdienen zu können, verklagen.
Als dieser endlich wirklich sah, der Farmer sei fest entschlossen, sein Wort zu halten, so ging er zum nächsten Friedensrichter und klagte; der gute Mann war jedoch zum erstenmal in Arkansas -- er hatte gut klagen, das Erlangen seiner Schuld stand aber auf einem anderen Blatt, denn der Farmer war -- nicht zahlungsfähig.
Vergebens warf der Yankee ein, daß er eine Menge Hausgeräth, eine Büchse, ein Pferd und zwei Kühe habe, es half ihm nichts; in Arkansas kann einem Farmer weder die Büchse noch Handwerkszeug, weder zwei Kühe noch zwei Pferde, noch alles nöthige Hausgeräth als Pfand weggenommen werden, denn es giebt ein gewisses Eigenthum, welches er besitzen muß, ehe das Gesetz ein Recht auf das übrige erhält, und da er das, was ihm der Staat als unantastbar zugestand, noch nicht einmal alles besaß, denn er hatte nur _ein_ Pferd und kaum die Hälfte des ihm verstatteten Hausgeräthes, so war natürlich an eine gewaltsame Bezahlung gar nicht zu denken. Als dies dem Yankee endlich in all seiner entsetzlichen Wahrheit einleuchtete, versuchte er die Uhr zurückzuerhalten, aber auch das war zu spät, und seit jener Zeit ist Jackson nie wieder eine Uhr zum Verkauf angeboten worden.
Ein anderer Handelszweig und keineswegs der unbedeutendste, mit dem die Yankees fast gänzlich Monopol treiben, ist der Medicin-Handel. Ein alter Yankee, der seine Söhne in die Welt schickt, damit sie Erfahrungen -- die wichtigste Schule im menschlichen Leben -- sammeln, und einmal von den Zwiebelbeeten erlöst werden, an die sie bis zu ihrem einundzwanzigsten Jahr gefesselt gewesen, stellt ihnen die Wahl frei, ob sie Clockpedlar oder -- _Doctor_ werden wollen, und wählen sie das letztere, so bedarf es noch nicht einmal so vieler Warnungen und Ermahnungen, als bei dem ersten Geschäft, um den jungen Mediciner mit der Wirkung seiner Heilkräfte, die er in einem kleinen Felleisen bei sich führt, bekannt zu machen.
Die Mittel, deren er sich bedient, sind sehr einfach. Calomel ist die Hauptcur, und macht, nebst irgend einer großnamigen Patentmedicin, den Mittelpunkt, um den sich alles übrige dreht; sonst gebraucht er noch etwas Opium (aufgelöst), Ricinusöl, Glaubersalz, etwas Ipecacuanha, Chinarinde und Brechweinstein, und er hat alles, was er zu einer ausgebreiteten Praxis bedarf.
Schon fünf Meilen von seinem Heimathsort, wo er dem ersten fremden Menschen begegnet, erhält er den Namen »Doctor,« und die können von Glück sagen, die noch mit Salz oder andern unschädlichen Medicinen abgefertigt werden, denn wo der junge Doctor Geld wittert, da müssen die Leute von seiner Patent-Medicin kaufen, und Gnade ihnen Gott, wenn sie das rothe, zusammengeknetete Zeug verschlucken. Sind sie vollkommen gesund, so kommen sie vielleicht mit einer heilbaren Kolik oder einigen gelinden Krämpfen und einem schwachen Anfall von Apoplexie davon; sind sie aber ohnedies kränklich, dann ist ihnen selten mehr zu helfen, und sie vermehren die Zahl der Schlachtopfer, die jährlich dem so scheußlichen Götzen »Quacksalberei« geopfert werden.
Manchmal betreiben auch diese wandernden Krämer oder »Doctoren,« wie sie sich am liebsten genannt hören, ihr Geschäft humoristisch, im Fall sie entweder zu gewissenhaft sind, den Farmern ihre Latwergen aufzudringen oder darin eine leichtere und schnellere Art sehen, Geld zu verdienen; so durchzogen z. B. im Jahre 1843 zwei Yankees die nördlichen oder nordwestlichen Staaten mit solchem Glück, daß sie in wenigen Monaten eine bedeutende Summe Geldes erübrigt hatten. Ihr Plan, oder vielmehr ihre List, war die folgende gewesen.
Der Eine von ihnen, ohne Waaren oder Gepäck, mit nur einer gewöhnlichen amerikanischen Satteltasche von seinem kleinen, feurigen Pferde getragen, war der erste auf der unter ihnen ausgemachten Marschroute, und hielt bei jedem Haus, das auf seinem Wege lag, an, stieg ab, schüttelte den Bewohnern desselben sehr freundlich und lang die Hand, ging an den Wassereimer und trank aus dem langstieligen Flaschenkürbis, der neben demselben an einem Haken aufgehangen war, unterhielt sich dann noch eine Weile mit den Leuten, sprach über dies und jenes, schüttelte ihnen noch einmal zum Abschied die Hand, kehrte wieder um und entdeckte nun irgend einem der Männer, den er bei Seite nahm und um Verschweigen des ihm Anvertrauten bat, daß er -- an einer sehr bösartigen Hautkrankheit leide und frug ihn, ob er nicht irgend eine dieser abhelfenden Salbe habe. Er hielt dabei die Hand des Farmers fest in der seinen und sah ihm bittend in's Auge, bis dieser plötzlich den Sinn der Worte begriff und schnell zurücktrat. Gewöhnlich wurde er hierauf schnell und mit einigen kurzen, nicht besonders freundlichen Worten abgefertigt; das that aber nichts, er hatte seinen Zweck erreicht, schwang sich in den Sattel und trabte, wehmüthig zurückgrüßend, langsam der nächsten Ansiedlung zu, um hier seine List zu wiederholen.
Die Farmerfamilie blieb aber in größter Aufregung zurück -- was mußten hiervon die Folgen sein? Der Mann mit der ekelhaften Krankheit hatte allen und höchst warm und freundschaftlich die Hand gedrückt, hatte aus demselben Trinkgeschirr mit ihnen getrunken und es war jetzt fast unvermeidlich, daß sie angesteckt werden mußten. Da nähert sich auf hohem, starkknochigem Roß ein Fremder, hält und steigt ab; die Familie ist noch so bestürzt, daß sie kaum seiner achtet, er nimmt aber ohne weiteres das kleine Felleisen, welches er hinter sich am Sattel trägt, geht in's Haus und fragt, ob niemand etwas von seinen Medicinen bedürfe.
Medicin? das war ein Wink des Himmels -- der Mann kam wie von Gott gesandt, und welch ein Glück, daß er auch eine solche gerade für diese Art Hautkrankheiten nützliche Salbe bei sich führte. Es ist seiner Aussage nach das letzte, und wenn auch etwas viel für die _eine_ Familie, so kann man ja doch nicht wissen, ob die Krankheit nicht wirklich zum Ausbruch kommt und wie sie sich zeigen wird, gut oder bösartig. Auch ist der Preis gerade für diesen Artikel sehr hoch, aber was schadet das, beugt man denn nicht damit dem Unangenehmsten vor? Der schlaue Krämer hat aber in der That seinen Mantelsack _nur_ mit dieser Arznei gefüllt, welcher blos oben darauf zum Schein noch einige andere beigefügt sind; er streicht daher fröhlich das Geld ein und folgt schnell dem Compagnon, der indessen auf seiner Schrecken verbreitenden Bahn weiter gegangen ist und neue Opfer gesammelt hat. Da sie ihren Weg natürlich immer weiter und stets durch fremde Gegenden fortsetzten, so war auch eine Entdeckung gar nicht zu befürchten, und nie haben wohl zwei Yankees in so kurzer Zeit solche brillante Geschäfte gemacht, als diese beiden wandernden Medicinkrämer.
Zu dieser Menschenclasse gehören auch noch eigentlich streng genommen die unzähligen Kiel- und Flatboote, welche mit den größeren Strömen hinabtreiben; nur eine gewisse Art derselben legt aber an den einzelnen Farmen und Plantagen an, die Mehrzahl schwimmt dem großen Markt des Südens, dem gewaltigen New-Orleans zu. Diese Krämerboote zeichnen sich vor den ersteren Kameraden durch eine kleine Stange und einen flatternden Wimpel aus; sie landen an jeder größeren Ansiedlung und führen theils Producte des Nordens, theils Ausschnitt- oder Blechwaaren, ja manchmal sogar Schaubuden und Theater mit sich. Ist an dem einen Ort ihr Geschäft beendet, so lösen sie das Tau und treiben weiter hinunter zum nächsten Platz, wobei sie, wie schon oben erwähnt, besonders in den südlichen Staaten vorzüglich gute Geschäfte machen, indem sie heimlich an die Negersklaven Whiskey ausschenken und dafür von diesen Feldfrüchte und selbstgezogenes oder gestohlenes Vieh eintauschen.
Der amerikanische Urwald.
Der deutsche Jäger, der Abends seine Jagdgeräthschaften für den nächsten Tag in der freundlich-gemüthlichen Stube zurechtlegt, Pulverhorn wie Korbflasche füllt und nun mit Tagesgrauen nichts weiter zu thun hat, als den Hund zu füttern und für sich selbst ein Paar Butterbröde zu schneiden, wenn nicht auch das die Frau schon besorgte; der dann sein Schießzeug umhängt und mit dem klugen Ponto durch offene Felder sucht, oder durch lichte Waldung pürscht, Nachts aber wieder ruhig in seinem warmen, weichen Bette liegt: der weiß freilich nicht, wie es einem armen Streifschützen zu Muthe ist, der, weit von jeder menschlichen Wohnung entfernt, in Regen und Sturm, vielleicht in Schnee und Eis draußen im Walde campirt, und hungert und friert.
Das Leben in den amerikanischen Urwäldern hat aber stets einen geheimnißvollen Reiz für den Europäer gehabt; schon der Name klingt romantisch, man denkt dabei an die gewaltigen, riesigen Bäume, an das schaurige Rauschen der mächtigen Wipfel, an die Schlingpflanzen und an den wilden Wein, der in schweren, dunklen Trauben von den Ästen herniederhängt, an das Wild, das leisen, bedächtigen Schrittes hindurchzieht, an den finstern Bären, den stattlichen Hirsch, die zahlreichen Völker wilder Truthühner, vielleicht gar an einen in den Zweigen lauernden Panther; ja das ist Alles sehr schön und gut -- existirt auch wirklich, nur ist es schlimm, daß die Sache, so recht in der Nähe, aus der Mitte heraus, betrachtet, sehr, sehr viel an Reiz und romantischem Zauber verliert. -- Es ist damit gerade so, wie mit einer weidenden Heerde.
Welch einen lieblichen Anblick gewährt es, wenn man, auf einem Hügel gelagert, in der Ferne, auf grüner blumiger Wiese eine Heerde weiden sieht, wo die einzelnen buntscheckigen Kühe nach dem duftigen Futter umhersuchen, wo der Hirt, dessen Hund ihn spielend umspringt, an seinem Hirtenstabe lehnt; wenn man das melodische Läuten der Glocken, das weiche Blöken des Viehes selbst, das freundliche Klaffen des Hundes hört -- ein unendlicher Zauber liegt über dem anmuthigen Bilde; -- steigt man aber von dem Hügel herunter und kommt in die Nähe, so wird aus der blumigen Wiese ein mit ganz anderen Gegenständen als Blumen bedecktes Brachfeld, die Glocken klingen nicht rein, die eine besonders, die einen Sprung hat, und die man in der Ferne nicht hören konnte, vernichtet den ganzen günstigen Eindruck. Der Hund läuft Einem schon von weitem entgegen und weist knurrend die Zähne -- und kommt man nun gar noch näher -- riecht erst die Heerde -- und den Hirten -- ja dann ist's mit dem idyllischen Wesen vorbei -- der Zauber schwindet und wir haben eine Heerde Rindvieh, mit Jürges Gottlieb, der daneben steht und an einem außergewöhnlich schmutzigen Strumpfe strickt.
Nun ist es freilich nicht ganz so arg mit dem Urwald; das einzelne Schöne, aus dem er besteht, bleibt immer, ja gewinnt sogar noch in der Nähe an Großartigkeit, wenn man es nämlich blos anzusehen brauchte; muß sich aber der Jäger durch die Schlingpflanzen mit Messer und Tomahawk Bahn brechen, dann findet er zu seinem Schrecken, daß jene malerischen Geflechte voll Dornen und giftiger Blätter sind, die, wenn ihr Saft die Haut berührt, Blasen ziehen und das Fleisch entzünden; der mit Blumen und Kräutern bedeckte Boden giebt nach, und zäher Schlamm umschließt Fuß und Knöchel, umgestürzte Riesenstämme versperren den Weg und sie zu umgehen, ist unmöglich, denn in ihrem Sturz haben sie alles Danebenstehende mit niedergerissen und undurchsichtige Brombeerhecken sind aus den Wurzellöchern aufgewachsen; -- Schaaren von Mosquitos stürmen auf den Geplagten ein, zahllose Holzböcke peinigen ihn auf eine fast unerträgliche Art, und ist er im flachen Lande -- (denn nur dort findet er den Urwald noch in seiner ganzen Majestät, da in den Hügeln das dürre, trockene Laub zu oft angezündet wird, was die jungen Bäume tödtet und die älteren im Wachsthum hindert), so darf er den Blick kaum zu den herrlichen Stämmen aufheben, weil er fortwährend fürchten muß, auf eine der zahlreichen Schlangen zu treten, die überall dort, wo die Sonne durch's dichte Laubdach bricht, zusammengerollt liegen und dem Unvorsichtigen leicht gefährlich werden können.
Im Winter fallen nun allerdings eine Menge dieser Übelstände weg, die giftigen Schlingpflanzen sind unschädlich, die Insekten fort, die Schlangen liegen in Erdlöchern und hohlen Bäumen; -- das ist etwas; -- damit aber der deutsche Jäger einen Begriff davon bekommt, wie ein amerikanischer Urwald im Winter beschaffen ist, so will ich hier ein Paar Tage, freilich nicht die angenehmsten, aus meinem Jagdleben, aus den Niederungen von Arkansas, beschreiben.
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Im Januar 1840 hatte ich den Theil dieses Staates wieder aufgesucht, der östlich vom Mississippi und westlich vom Whiteriver, zwischen diesen beiden Strömen einen wohl hundert englische Meilen breiten und viele hundert langen Landstrich einschließt und von zahlreichen anderen, aber kleineren Flüssen durchschnitten wird. Wild gab es in den mächtigen Wäldern genug, das entsetzlich ungesunde Klima aber hatte mich im Sommer aus den Sümpfen getrieben, wo ich das kalte Fieber nicht los wurde, jetzt jedoch, bei Frost und Schnee, war das nicht mehr, wenigstens nicht anhaltend, zu befürchten, und ich beschloß, wo möglich eine Büffeljagd auf meine eigne Hand anzustellen, denn dort ist der einzige Platz in den vereinigten Staaten, wo sich noch Büffel aufhalten.
Nun waren die Aussichten zur Jagd freilich nicht die lockendsten, denn ich bekam die letzten Tage des Januar gar Nichts zu schießen und mußte halb verhungert, als ich endlich nach einer glücklichen Schneenacht einen Hirsch erlegte, den mich von meiner Beute trennenden, schmalen Fluß durchschwimmen um diese zu erreichen, wo ich dann ein paar Tage krank oder wenigstens unwohl im Schnee liegen blieb; das ist aber immer noch nicht das Schlimmste aus jener Zeit, ich hatte wenigstens ein gutes Feuer, eine wollene Decke und Hirschwildpret -- was will ein Jäger mehr?
Am 2. Februar endlich brach ich auf, warf meine Decke zusammengerollt, über den Rücken, und schritt südlich in den mächtigen Wald hinein, oder besser gesagt, darin fort, denn ich war schon recht eigentlich im strengsten Sinne des Worts darin. Bald kreuzte ich mehrere Hirschfährten; das war aber das Wild nicht, dem ich zu begegnen wünschte, und ich verfolgte meinen Weg.