Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band.
Part 8
Doch ich bin weitläufiger geworden, als im Anfang meine Absicht war, und muß schließen, um nicht zu breit und dadurch langweilig zu werden, glaube aber in dieser kleinen Skizze einen ungefähren Umriß von der nordamerikanischen Jagd, wie ich sie durch sechsjährige Erfahrung und fast vierjährigen, ununterbrochenen, praktischen Betrieb kennen gelernt, gegeben zu haben. Die Jagd ist jedoch in den endlosen, wilden Wäldern des noch neuen Landes kein Vergnügen mehr, das man sich zur Erholung gestattet, sondern es ist eine Arbeit, die, weil man einmal darin ist und leben muß, vollzogen sein will, verliert daher vieles von ihrer Annehmlichkeit.
Dabei verringert sich, durch das rücksichtslose Jagen, das Wild mit jedem Jahre, die Mühe wird daher immer größer, der Erfolg immer weniger belohnend; dennoch aber ist's ein eigenes herrliches Gefühl, ganz so auf sich und seine eigene Kraft angewiesen zu sein und frei, ungehindert wie der Vogel in der Luft, den Wald durchziehen zu können. Hat dann der einsame Jäger Abends sein Feuer angezündet, sein schnell errichtetes Dach über sich ausgespannt, so ist er auch zu Hause, denn der Wald ist ja seine Heimath und jedes dichte Laubdach seine Schlafkammer.
Wer freilich mit der Idee nach Amerika geht, dort Geld zu verdienen, ja der soll um Gottes willen die Flinte an den Haken hängen, denn wenn er auch hören mag, daß die Gallone Bärenfett 1-1/2 Dollar gilt und ein recht tüchtiger, feister Bursche oft funfzehn, ja zwanzig Gallonen mit sich trägt, so ist das Alles recht schön und gut -- er trägt sie eben mit sich und der Jäger kann ihn vielleicht -- wenn er rechtes Glück hat -- nach Monate langer Jagd auffinden und erlegen, und dann ist er gewöhnlich immer in einer Gegend, wo er vor allen Dingen, wenn er das Fett wirklich auslassen kann, dieses in erst gemachte Hirschhautschläuche füllen und dann noch, wer weiß wie weit, zum Verkaufe transportiren muß; Hirschdecken gelten im Sommer kaum acht bis zwölf gute Groschen -- das Wildpret hat fast gar keinen Werth.
Nein, zu verdienen ist nichts auf der Jagd; wer jedoch einmal ein Paar Jahre seines Lebens dran wenden will, nun dem bleibt in späteren Zeiten wenigstens die Erinnerung. Es ist aber auch recht so, denn wollte man das edle Waidwerk nur um schnöden Gewinnstes willen treiben, wie im Norden und Westen Amerika's die großen Pelzcompagnieen thun, so würde es zum schändlichsten Morden herabgewürdigt und verlöre all das Schöne und Männliche, das ihm jetzt solch unendlichen Reiz verleiht. --
Doch genug hiervon; ich habe aus meinem Leben, nicht wie ich es von Anderen erzählen gehört oder in Büchern gelesen, sondern wie ich es selbst erfahren und beobachtet, das beschrieben, was in den Urwäldern Nordamerika's innerhalb der vereinigten Staaten lebt und gejagt wird, und bin ich ein wenig weitläufiger dabei geworden, als es Manchem recht erscheint, so mag er bedenken, daß ein Jäger, der von seinen erlebten Jagden erzählt, selten das Ende finden kann.
Curtis Brautfahrt
An dem kleinen Flüßchen »Fourche la fave,« das sich dreißig Meilen überhalb Little Rock in den Arkansas ergießt, lebte im Jahre 1841 ein Mann Namens Jeremias Curtis.
Er war noch, wie er selber sagte, in den besten Jahren, etwa zwischen sechs und dreißig und vierzig, und hatte erst vor zwei Jahren seine Frau an einem hitzigen Fieber verloren, was Wunder also, wenn es ihn mit dem erwachenden Frühling ebenfalls trieb, die heiligen Bande der Ehe auf's Neue zu knüpfen, da noch überdies drei unerzogene Kinder von vier, sechs und sieben Jahren ihn mahnten, daß sie der Mutterpflege bedürfen.
Zur Wartung der Kleinen, wie zur Besorgung der Wirthschaft, lebte indessen eine entfernte Verwandte, ein armes, aber braves und auch wirklich recht hübsches Mädchen, Namens Nancy, in seinem Hause, und schon mehrmals war ihm der Gedanke durch den Kopf gefahren, dieses zu heirathen und dadurch jeder weiteren Sorge überhoben zu sein. Jeremias Curtius war aber ein Mann, der nicht blos für die Gegenwart lebte, sondern auch hinaus in die Zukunft schaute, und da glaubte er denn vernünftiger und zweckmäßiger zu handeln, wenn er sich eine Frau wähle, die ihm nicht allein sich selbst, sondern auch noch eine kleine Aussteuer zuführe, auf daß er seine irdischen Güter, wenn er auch keinen Reichthum begehrte, doch um ein Weniges vermehren könne.
»Zwar bedurfte er dessen nicht« (wie er sich selbst vor seiner Hausthür auf- und abgehend, herzählte), »er hatte, was er brauchte im Überfluß; hier stand ein recht wohnliches Blockhaus, 18 bis 20 Fuß, wasserdicht gedeckt (die nordwestliche Ecke ausgenommen, wo es hineinregnen _wollte_, er mochte auch thun was in seinen Kräften stand) mit einem guten Boden gelegt; daneben eine kleine Küche und ein Rauchhaus mit »Massen von Fleisch«; dabei neun Acker urbar gemachtes und eingefenztes Land, und dicht daneben noch ein kleines Eckchen für Rüben angefangen; zwei ausgezeichnet gute Pferde; sieben und dreißig Stück Rindvieh, groß und klein (und die viere eingerechnet, die ihm im vorigen Frühjahr in die Arkansas Rohrbrüche gegangen und noch nicht wieder gekommen waren); einige vierzig Schweine (oder nur neun und dreißig, wenn das _seine_ Sau gewesen, die der Bär in letzter Nacht gefressen); eine vorzügliche Stahlmühle; vier Hemden, fünf paar Socken und drei paar Beinkleider (zwei für den Sonntag und noch ganz neu); einen Frack von Kenntucky Jeannet[5], die beste Büchse im ganzen Revier, fünf Hunde, und -- die Hauptsache, einen kleinen Negerjungen von circa neun Jahren, wie hundert und fünfzig Dollar in baarem, harten Gelde -- _harten Gelde_!«
5: Ein grobes wollenes, meist selbstgewebtes Zeug.
Curtius wiederholte besonders die letzten Worte verschiedene Male »_hartem Gelde_ -- keines von Euerem lumpigen Arkansas-Papier-Geld -- Arkansas-Real-Estate -- 72 pro Cent Discount -- Puh!«
»Aber Mr. Curtis, was haben Sie denn nur heute vor? Sie wollen wohl bei der nächsten Wahl eine Rede halten?« frug Nancy, die schon seit mehreren Minuten in der Thür gestanden und ihm leise kichernd zugeschaut hatte, wie er mit gewaltigen Schritten am Ufer des kleinen, vor seinem Hause vorbeifließenden Baches auf und abging, und lebhaft dazu mit den Händen gestikulirte.
»Hat der Braune gefressen?« frug aber Mr. Curtis dagegen, indem er stehen blieb und sich nach seiner Haushälterin umsah, ohne die lächelnde Bemerkung weiter einer Antwort zu würdigen.
»Vierzehn Kolben Mais habe ich ihm gegeben,« erwiederte Nancy, »und Bob ist bei ihm stehn geblieben, die Hühner vom Troge zu scheuchen; ich kann übrigens noch einmal hingehn und zusehn, ob er fertig ist und mehr verlangt.«
Dabei sprang sie leicht über die dem Hause als Stufen dienenden Klötze hinweg, und hüpfte mit fröhlichen Schritten dem Futterkasten zu, wo das Pferd, ein schönes, braunes Thier, die schon abgenagten Kolben, die sogenannten _Kobs_, zerkaute, und ungeduldig mit dem Vorderfuße den Boden scharrte.
»Nun Bill, bist du noch hungrig?« frug das Mädchen, ihm dabei freundlich den Hals klopfend, während Bill, dem die schmeichelnde Hand der Pflegerin zu behagen schien, nur stärker scharrte und mit dem schönen Kopfe auf- und niederfuhr -- »nun warte -- ich hole dir noch ein paar Kolben« und damit wandte sie sich dem Hause wieder zu, wobei der Braune, ihre Absicht wahrscheinlich ahnend und als Zeichen freudiger Beistimmung, hellauf wieherte.
Curtis hatte der schlanken, behenden Gestalt des hübschen Kindes mit wohlgefälligem Blicke nachgeschaut, aber ein ernstes, bedeutsames Kopfschütteln verrieth doch, daß er seine ganz absonderliche Bedenken dabei haben mußte, und auf's Neue trat er seinen, kaum unterbrochenen Spaziergang an, wiederum vor sich hinmurmelnd »einen kleinen, neunjährigen Neger und hundert fünfzig harte Dollars -- harte, silberne Dollars.«
»Gieb ihm nichts mehr zu fressen, Nancy,« rief er da plötzlich, als er zum Hause aufblickte und Nancy mit dem nachträglichen und dem Braunen extra versprochenen Mais aus der Thüre treten sah -- »ich will fortreiten -- hol' mir einmal die Decke aus dem Rauchhaus -- und reich' mir den Zügel heraus -- er liegt unter meinem Bett.«
Nancy that wie ihr befohlen, und bald darauf hatte Jeremias Curtis seinem keineswegs ganz damit einverstandenen Pferde den Zügel an und den Sattel aufgelegt, schnallte sich dann einen äußerst blank gescheuerten Sporn an den linken Fuß, fuhr einige Male mit dem Ellenbogen über den etwas abgetragenen Biber, und schien bei dieser Beschäftigung wieder in tiefes, tiefes Nachdenken zu versinken. Plötzlich aber mußte ein großer Entschluß in seiner Seele gereift sein, denn mit gewaltiger Energie drückte er sich den Hut -- fast etwas zu tief -- in die Stirn, schwang sich in den Sattel, trabte bis vor die Hausthür, und blieb hier halten, wo er Nancy, die ihn verwundert betrachtete, genau fixirte.
»Nancy«, sagte er endlich -- »ich will ausreiten.«
»Und in Ihren »Geh-zur-Kirche-Kleidern«?«
»Ja Nancy, und -- wenn ich vielleicht -- es könnte sein, daß ich -- ich setze den Fall ich käme -- nun Nancy«, brach er kurz ab, »räume das Haus hübsch auf und kehre Alles fein sauber ab; -- wir -- wir bekommen vielleicht -- Besuch!« und dem Thiere den linken Hacken einbohrend, setzte er über den Bach, und trabte schnell die am Fluß hinaufführende Straße, am Fuß der mit Kiefern bedeckten Hügel, fort.
Nancy schaute ihm, bis er hinter den Bäumen verschwunden war, lächelnd und kopfschüttelnd nach, dann aber drehte sie sich lachend auf dem Absatz herum, und schmunzelte, in das Haus zurücktretend:
»Nun wenn _der_ nicht Freiersgedanken im Kopfe hat, dann will ich nicht Nancy heißen. Viel Glück, Mr. Curtis, viel Glück! Neugierig bin ich aber doch, wo er hinreitet; dort oben wohnen zwar viele Mädchen, am Fluß hinauf -- sollte er wohl nach Trumbells? die haben zwei Töchter -- ih« -- lachte sie kurz abbrechend und ihre Arbeit am Baumwollen-Spinnrad wieder beginnend -- »ich werd's schon erfahren; morgen führt er ja wahrscheinlich seine Auserwählte heim.«
Jeremias Curtis ritt indessen mit leichtem, fröhlichem Herzen die Straße entlang, und stimmte endlich, in einem Ausbruch seiner nicht mehr zu bändigenden und zurückzuhaltenden Gefühle, eine weit hinausschallende Hymne an, so daß mehrere Hirsche, die friedlich an der Straße geäßt, entsetzt und mit mächtigen Sprüngen in's Dickicht flohen. Wenig aber kümmerte dies den Freiersmann; er war Einer von den Menschen, die sich Monate, Jahre lang mit einem Plan oder Entschluß herumquälen können, ohne ihn zur Reife oder Ausführung zu bringen, die aber, nur erst einmal mit sich selbst im Klaren, ruhig in die Zukunft hinaussehen und den lieben Gott für das weitere sorgen lassen.
Im besten Mannesalter, sah er -- Nancy hatte ihm das selbst mehr als einmal versichert -- gar nicht so übel aus; besonders wenn er Sonntags seine »reinen Sachen« angezogen. Nun wollte ihm zwar seine übergroße Bescheidenheit den Einwurf machen, daß ihn Nancy mit ein wenig zu partheiischen Augen betrachte, dann aber blickte er links am Pferd hinunter auf seine stattlichen, wohlproportionirten Gliedmassen, dann wieder rechts, nickte dazu lächelnd mit dem Kopf, murmelte »einen kleinen Neger und hundert und fünfzig Dollars in baarem, harten harten Geld,« und begann mit lauterer, stärkerer, ja recht herzfreudiger Stimme den geistlichen Gesang auf's Neue.
Mehrere Stunden mochte er also in der reinen, klaren Frühlingsluft fortgetrabt sein, als ihm aus der Ferne das helle Dach eines Blockhauses entgegenschimmerte, und er sich dem Ziele seiner Wanderung näherte; anstatt aber dem Pferde den Sporn einzudrücken, und im fröhlich kühnen Galopp vor die Thür der Auserwählten zu sprengen, ritt er langsam seitwärts vom Wege ab in das Gebüsch hinein; stieg ab und begann jetzt mit außerordentlicher Sorgfalt seine Toilette in Ordnung zu bringen.
Ein kleiner Spiegel wurde mit seinem spitzen Messer -- das er in einer ledernen Scheide im Gürtel trug -- an einem Baum befestigt, dann förderte er einen Kamm und eine kleine Bürste ebenfalls aus der Tiefe der fast unergründlichen Rocktasche zu Tage und striegelte und bügelte nun das widerspenstige Haupthaar sorg- und aufmerksam.
Mr. Trumbell, auf dessen Land und unfern von dessen Haus er sich jetzt befand, hatte zwei allerliebste Töchter, zwar noch ein wenig jung für einen Mann in seinem Alter, denn die älteste zählte erst achtzehn Jahr; leicht überredete er sich aber, daß sein noch so rüstiges, jugendliches Aussehen, und sein »kleiner neunjähriger Neger, wie die hundert und fünfzig Dollars« sehr zu seinen Gunsten sprechen würden, ja sprechen mußten, und mit wirklichem Wohlgefallen nahm er jetzt den Spiegel in die Hand und hielt ihn bald dicht vor die Augen, bald in etwa Armeslänge von sich entfernt, um ungefähr den Eindruck zu berechnen, den, wie er hoffte, sein erstes Erscheinen auf die Mädchen hervorbringen sollte.
Aber gar nicht mit seinen Plänen harmonirend, stahlen sich hie und da einzelne graue Haare sowohl aus dem Backenbart als auch aus den Schläfen hervor, und emsig war er eben bemüht, die unwillkommenen Boten eines ehrwürdigeren Zeitalters mit sicherer Hand und spitzen Fingern zu erfassen und herauszureißen, als plötzlich das helle Gelächter zweier silberreinen Mädchenstimmen an sein Ohr schlug, und er, entsetzt sich wendend, in die vor ausgelassener Freude funkelnden Augen eben dieser beiden Schönen blickte von denen er sich Eine zum ehelichen Gemahl ausersehen.
Hätte das ruhig neben ihm grasende Pferd ihn mit einem freundlichen »guten Morgen Mr. Curtis« angeredet, oder der Spiegel, der jetzt seiner zitternden Hand entfiel, ihm ein scheußliches Fratzengesicht gezeigt, als er hineinschaute und seine eigenen, wohlgebildeten Züge darin zu finden erwartete, oder die alte Eiche, unter der er stand, die Riesenarme über den Kopf zusammengeschlagen und sich die Wurzeln selber wie einen Zahn ausgezogen, er würde nicht so starr vor Schrecken, so völlig wie eine ungesalzene Madame Lot dagestanden haben. Nicht einmal die unbedeutendste Begrüßungsformel wollte über die Lippen, und mit weit aufgerissenen Augen und noch weiter geöffneten Lippen blieb er in der einmal eingenommenen Stellung, und blickte bald auf diese, bald auf jene Schwester.
»Aber Mr. Curtis,« begann jetzt die Älteste der Beiden, die sich zuerst wieder genug gesammelt hatte, um reden zu können, »läßt Ihnen denn Nancy zu Hause gar keine Ruhe, daß Sie soweit in den Wald hinein müssen, um Ihre Toilette zu machen?«
»Mr. Curtis will unter die Indianer gehen,« fiel die Schwester, immer noch mit vom Lachen unterbrochener Stimme ein -- »er übte sich schon im Bartausraufen, und ich bin fest überzeugt, daß er in derselben Tasche, aus der er schon so viele andere Sachen hervorgeholt hat, auch noch die Kriegsfarben trägt.«
»Das ist möglich,« kicherte Lucy -- »dort im Baum steckt sein Scalpirmesser.«
»Aber bester Mr. Curtis,« sagte Betsy mit scheinbarer Besorgniß, »dann müssen Sie ja auch _tanzen_, und da Sie doch jetzt erst zu den Methodisten --«
»Miß Lucy -- Miß Betsy,« stammelte in höchster Verlegenheit der arme Curtis -- »ich -- ich habe einen kleinen Neger und hundert fünfzig Dollar --«
»Ah Sie werden ein Häuptling!« jubelte Betsy, »ich sehe Sie schon im Geist mit der Scalplocke und dem blutigen Tomahawk im Gürtel -- buntbemalt, wehende Adlerfedern auf dem Haupte, die ausgefranzten Leggins von dem flatternden Haarschmuck der erlegten Feinde umweht -- Brrrrr« fuhr sie schaudernd fort, »was Sie schon für wilde Blicke nach uns schießen;« und wiederum fingen die Mädchen an zu lachen, daß der Wald tönend das helle Echo zurückgab.
Der arme Curtis aber, die Zielscheibe dieses unerbittlichen Spottes, stand keineswegs mit wildem Blick, sondern mit höchst kläglicher, erbarmenswerther Miene da, und überlegte eben, mit welcher Wonne er in einen zwei hundert und fünfzig Fuß tiefen Brunnen oder in eine unergründliche Felsspalte hineinfahren könne, um nur hier, von dieser für ihn zum Marterpfahl gewordenen Stelle fortzukommen, denn aller Muth, auch nur eine Sylbe über die Absicht seines Besuches laut werden zu lassen, war ihm jetzt entfallen. Endlich aber faßte er sich ein Herz, hob mit einer schnellen und geschickten Bewegung den ihm vorhin entfallenen Spiegel wieder auf, ließ ihn in die Tasche gleiten, und frug jetzt, mit halb trotzigem, halb kläglichem Gesicht die Schwestern, was sie um des Himmels willen im Walde, hier an dieser einsamen Stelle allein zu thun hätten.
»Wenn wir nun grausam wären,« sagte Lucy, »könnten wir Ihnen das zu rathen aufgeben, so aber wollen wir Mitleiden mit Ihnen haben, und Sie in unser Geheimniß einweihen. Sehen Sie den Waschkessel da unten? sehen Sie das freundliche Gesicht Jessina's?«
Und Curtis sah das freundliche Gesicht Jessina's, denn nicht zwanzig Schritt von da entfernt, grinste ihm, zwischen ein paar blühenden Dogwoodbüschen hindurch, das breite, schwarze Antlitz eines kleinen, vierschrötigen Negermädchens entgegen, das seine Arbeit verlassen hatte und kichernd zwei Reihen der reinsten, weißesten Perlzähne zeigte, die je unter einer Negerin Lippe hervorschimmerten.
»How de do, Massa?« nickte ihm die Kleine freundlich zu, und der fromme Curtis hatte schon einen höchst gotteslästerlichen Fluch auf den Lippen, doch unterdrückte er ihn noch zur rechten Zeit, starrte einen Augenblick vor sich nieder, und war im Begriff, sein Pferd zu besteigen und den Ort zu fliehen, wo er unter für ihn so mißlichen Umständen empfangen worden. Da aber siegte der Verstand des ruhigen besonnenen Mannes.
Nein -- Mr. Trumbell war sehr wohlhabend, und nicht allein hier, sondern auch im Oiltrovebottom, am Whiteriver, hatte er nicht unbeträchtliche Strecken Land, das am Fourche la fave jedoch, seiner gesünderen Lage wegen, zum Aufenthaltsort gewählt. Dabei viel Vieh -- sehr viel Vieh und -- was das bedeutendste war, eine ganze Colonie von Negern und besonders von sehr hübschen Negermädchen. Jeremias dachte an seinen eigenen jungen Sprößling aethiopischer Race -- romantische Gebilde von fabelhaft großen Baumwollenplantagen mit unzähligen Negersclaven jagten an seiner inneren Seele vorüber -- jedes der beiden vor ihm stehenden Mädchen war wenigstens zweitausend Dollar werth -- er drückte sich den Hut etwas fester auf den Kopf. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. Die Mädchen schienen ihr Betragen zu bereuen -- sie flüsterten leise und ernst zusammen -- sie wußten, daß sie ihm durch ihren Spott weh gethan haben mußten -- Reue kam vielleicht dem, was er ihnen sonst noch bieten konnte, zu Hülfe; auf keinen Fall dürfte die kostbare Zeit versäumt werden, und Lucy sollte erfahren, daß es in ihrer Macht stehe, ihn zum Glücklichsten der Sterblichen zu machen.
Er setzte den rechten Fuß vor und hob den linken Arm auf -- der Augenblick der Entscheidung war da.
Lucy wandte sich gegen ihn und sagte bittend:
»Nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn --«
»Mein Fräulein,« unterbrach sie mit freudiger Stimme der neue Hoffnung schöpfende Freier, -- wie können Sie nur glauben, daß ich -- ich habe --«
»Wenn ich eine Frage an Sie richte --« fuhr Lucy, ohne die Unterbrechung zu beachten, fort -- »Betsy und ich haben miteinander gestritten -- Betsy meint, Sie hätten sich die einzelnen Haare aus Verzweiflung ausgerissen, ich behaupte aber, Sie wollten ihrer Geliebten eine Locke mitbringen. Nicht wahr, ich habe Recht?«
Das war zu viel für den armen Curtis! er verschluckte die schon halb begonnene Anrede, steckte das Messer in den Gürtel, faßte sein Pferd am Zügel, hielt aber noch einmal und warf einen letzten, fragenden Blick auf die Schönen. Diese aber waren indessen in ein lautes Kichern ausgebrochen, das in dem blühenden Dogwoodbusch ein schallendes Echo fand, und ein paar blaue Heher, die gerade über der kleinen Versammlung auf dem jungen Aste eines jungen Sassafras saßen, stimmten mit ihren schmetternden, plappernden Stimmen ein in den Lärm. Curtis saß mit einem Sprung im Sattel.
»Good bye Ladies!« rief er mit lauter, trotziger Stimme, und als ob er hinter einem alten Bären her auf flüchtiger Hetze den Wald durchrase, so flog er, über mehrere gestürzte Stämme hinweg, der mit so frohen Hoffnungen verlassenen Countystraße wieder zu.
Vergebens riefen ihm jetzt die Mädchen nach, zum Hause zu reiten und bei ihren Eltern zu übernachten, vergebens versprach Lucy ihn nicht zu necken und keine Sylbe des Vorgefallenen zu erwähnen, er hörte nichts von ihren versöhnenden Worten, und nur das spöttische (ihm _teuflisch_ vorgekommene) Lachen tönte und klingelte ihm noch in den Ohren, als er schon mehrere Meilen in scharfem Trabe zurückgelegt, und nun endlich anfing, die Sache ruhig zu überdenken.
»Verdammt!« rief er, und zügelte den Eifer des schäumenden Thieres ein wenig, indem er sich zugleich erschrocken umsah, ob Niemand den gotteslästerlichen Fluch gehört habe, »kann ein einzelner Mensch größeres Unglück auf der weiten Gotteswelt haben, als ich an diesem gesegneten Morgen genossen? Aber gut -- gut -- spottet nur, lacht nur, meine Miß Lucy und meine Miß Betsy, verhöhnt nur den aufrichtigen Freier, der sich Euch mit treuem Herzen naht, Ihr werdet's schon noch einmal bereuen und dann will ich triumphiren; dann ist mein kleiner Neger groß geworden, mein baares Geld, meine hundert und fünfzig harten Dollars haben sich vermehrt, und die Zeit möchte kommen, wo Ihr Euch lieber Mistres Curtis als Miß Lucy oder Miß Betsy nennen hörtet.«
Er hatte sich bei den letzten Worten im Sattel umgedreht, und hob drohend den rechten Zeigefinger nach der Richtung hin auf, aus der er eben gekommen war. Seine Selbstliebe trug aber endlich den Sieg über die gekränkte Eitelkeit davon, ein mitleidiges, fast höhnisches Lächeln umspielte für einen Augenblick seine Mundwinkel, und sich dann fester im Sattel setzend, preßten seine Schenkel auf's Neue die Flanken des edlen Thieres, das mit ihm in langen Sätzen über die felsige Straße dahinflog.
Das nächste Haus, das jetzt in seinen Augen einigen Werth hatte -- denn diejenigen Farmen, auf denen keine jungen Mädchen lebten, existirten gegenwärtig gar nicht für ihn -- gehörte einem Leidensgefährten, einem Wittwer, Namens Ewis; der Magnet aber, der ihn dorthin zog, war des alten Ewis einziges Töchterlein, ein liebes, holdes Mädchen, schlicht und einfach, doch brav und häuslich erzogen, und eine amerikanische Jungfrau im reinsten und vollsten Sinne des Wortes. Darum war übrigens Curtis nicht gleich von allem Anfang hierhergeritten, weil -- die Neger fehlten. Ewis konnte mit zu den wohlhabenderen Farmern gerechnet werden, seine Heerden weideten in allen Theilen der weitverbreiteten Rohrbrüche, sein Land trug herrliche, reichliche Frucht, und es gab in einem nicht geringen Umkreis keinen gutmüthigeren und zugleich rechtlicheren alten Mann, als eben ihn; aber die Neger fehlten, und Curtis hatte deßhalb Lucy und Bet -- aber nein, er wollte gar nicht mehr an die Mädchen denken -- sie verdienten es nicht.
Jetzt hatte er die äußersten Fenzen erreicht; im Osten wurden schon an dem erdunkelnden Nachthimmel einzelne, blitzende Sterne sichtbar, und nur im Westen verrieth ein schmaler bleicher Streif die geschiedene, schlummernde Sonne; aber dort wirkte und schaffte noch reges Leben; die Hunde bellten, die Kühe blökten, eine feine Kindesstimme rief das lockende »Huph -- huph« in den Wald hinaus, und dazwischendurch schallten die eintönigen Schläge der Axt, die noch Feuerholz für die kühle Nacht herbeischaffen mußte.
Gleich darauf betrat er den inneren, von den verschiedenen Feldern und Gebäuden eingeschlossenen Raum, der gewissermaßen als Hof gelten konnte, und fand sich bald darauf, von fünf bellenden heulenden Rüden umgeben, vor einem einstöckigen, aber ziemlich hochgiebligen Blockhaus, aus dessen Innerem ihm schon ein freundlich gemüthlicher Lichtglanz, Wärme und Geselligkeit versprechend, entgegenleuchtete.