Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band.
Part 6
Der Anblick war so komisch, daß ich unwillkürlich stehen blieb und ihm freundlich guten Tag bot; er dankte, schien sich aber sonst nicht weiter um mich zu kümmern, sondern steckte seine Nadel und Zwirn, da er seine Arbeit gerade beendigt hatte, in die Kugeltasche, zog das ausgebesserte Kleidungsstück wieder an, hing sich die Tasche um, setzte den alten Filz, der ihm ein merkwürdig antikes Aussehen gab, auf, nahm das Bündel in die linke Hand und dann den Büchsenlauf mit der rechten ergreifend, warf er sich diese, den Kolben nach hinten, über die rechte Schulter, indem er zu mir sagte: »Nun, Fremder, wenn Ihr mit wollt, so kommt!«
Es lag etwas so ernst Drolliges in seinem Wesen, das mich unwillkürlich anzog, und wir plauderten, neben einander herschlendernd, über vielerlei. Endlich erreichten wir den Fluß; mein Begleiter reichte mir die Hand und wollte sich verabschieden, ich bat ihn aber, mir zuerst den Weg nach des alten Coltert Haus zu zeigen, weil ich diesen aufzusuchen wünschte.
»Kennt Ihr den alten _Coltert_?« fragte er mich und wechselte mit der Büchse auf die andere Schulter.
»Nein, ich kenne ihn nicht, wünschte ihn aber kennen zu lernen!«
»Nun,« sagte er, »wenns weiter nichts ist, das Vergnügen habt Ihr die letzten zwei Stunden gehabt!«
Ich staunte nicht wenig, unter dem alten Filz und in dem hellblauen, wollenen Frack meinen Bärenjäger zu finden, der noch dazu so ächt waidmännisch die Büchse, Kolben nach hinten, trug, folgte aber nichtsdestoweniger seiner freundlichen Einladung, die Nacht bei ihm zuzubringen, und wurde für den kleinen Umweg reichlich durch einige der delikatesten Bärenrippen und viele romantische Erzählungen aus dem thatenreichen Leben des Alten belohnt. In mancher Hinsicht sehr befriedigt verließ ich ihn am andern Morgen. -- Hatte mir einen amerikanischen Jäger aber doch anders gedacht.
Die Erzählungen des Alten hatten aber die Jagdlust um so mächtiger in mir aufgeregt und ich beschloß, was ich auch später redlich gehalten habe, Arkansas nach allen Richtungen zu durchstreifen und die Bärenhetzen, von denen ich ihn jetzt nur reden gehört, selber mitzumachen.
Der Bär gehört unstreitig zur edelsten und dabei auch einträglichsten Jagd Amerika's, und ist der Kampf mit ihm auch manchmal gefährlich, nun so verleiht das der Sache ja auch wieder ein so viel frischeres, gewaltigeres Interesse; denn das arme Wild zu erlegen, welches sich nicht widersetzen _kann_, selbst wenn es wollte, und nur in der Flucht sein Heil suchen muß, nun ja, es ist auch schön und der den Männern angeborene Zerstörungsgeist macht es schon anziehend für uns; mir fehlte aber immer etwas bei jener Jagd, es kam mir stets vor, als ob es doch nicht das Rechte sei, nach dem ich mich gesehnt hätte, bis ich das erste Mal »Fuß an Fuß« mit einem der alten, schwarzen Burschen stand, und nun auch wußte, ich trüge das große Messer nicht blos zum Staate an der Seite.
Die Bären fangen übrigens schon an in den vereinigten Staaten sehr selten zu werden, nur noch in den unermeßlichen Sümpfen des Mississippi- und Arkansas-Thales und den steilen, an vielen Stellen fast unzugänglichen Ozark-Gebirgen finden sie sich und werden mit einigem Erfolg von den Weißen, und an dem letzteren Orte auch theilweise von Indianern gejagt; jedes Jahr vermindert sich aber ihre Anzahl bedeutend und die Zeit ist nicht mehr fern, wo eine Bärenfährte in Arkansas eine Seltenheit sein wird.
Die Bärenjagd selber wird in jenen Gegenden auf drei verschiedene Arten betrieben:
Erstens durch _Pürschen_,
Zweitens durch _Hetzen_ mit guten, darin geübten Hunden, und
Drittens durch das _Aufsuchen der Stellen_, in welchen er seinen Winterschlaf hält.
Das Pürschen, so interessant es an und für sich ist, kann übrigens nur im Spätsommer und Herbst geschehen, in welchen Jahreszeiten der Bär seine Nahrung in den Früchten des Waldes sucht und sorglos dabei umhertrollt. In bergigen Gegenden, wo viele Heidelbeeren wachsen, geht daher die Suche schon im Juli an, da er bis Ende August von diesen lebt; dann jedoch, sobald die Eicheln der Weißeiche reifen, aber noch nicht abfallen, ersteigt er diese und bricht oft ziemlich starke Äste herunter, um von ihnen seine Lieblingsnahrung abzulesen. Sind viele Bären in einer Gegend, so ist die Jagd in dieser Jahreszeit sehr interessant, weil man den Bären, sobald er erst einmal anfängt, Zweige niederzubrechen, eine lange Strecke weit hören und sehr leicht an ihn heranschleichen kann. Wo sie aber nur selten angetroffen werden, wäre es freilich ein undankbares Geschäft, nach den wenigen im Walde herumzusuchen; dazu ist die Hetze und mit einer tüchtigen Meute Hunde, sicherer Büchse und breitem, kurzem Stahl an der Seite, auf einem guten, zähen Poney, in gestrecktem Galopp durch den Wald und Sumpf, hinter den klaffenden, heulenden Hunden her, das ist die Jagd, wo einem das Herz warm wird und kühner und freudiger in der Brust klopft. Stellt sich dann der Bär, -- denn nicht immer sucht er auf einem Baum den Feinden zu entgehen, -- und tritt ihm der Jäger mit dem Messer in der Faust entgegen, so wird es doch auch eine Jagd, die Ehre bringt und die einen _Mann_, keinen bloßen Sonntagsjäger erfordert; das Gefühl, mit dem man nachher den schweißbefleckten Stahl in die Scheide zurückstößt, wiegt alle anderen Jagden auf. Die letzte Bärenhetze machte ich in Amerika im Sommer mit.
Wir hatten keinen großen Nutzen von der Bestie; sie war aber zu lüstern nach »ihres Nächsten Schweinen« geworden, die sie den in Unmasse im Walde wachsenden Heidelbeeren vorzog, und mußte daher aus dem Walde geschafft werden. Übrigens zogen wir damals nicht mit der Idee einer Bärenjagd aus, sondern wollten blos ein Paar Hirsche schießen, um das Gehirn derselben zum Gerben einiger Wilddecken zu erhalten (die indianische Art Hirschhäute zu gerben, geschieht nur mit dem Gehirn des Hirsches selbst und später durch Rauch), als wir, von einem alten Jagdgenossen, der seine und meines Begleiters Hunde mitgebracht hatte, überholt wurden. Drei alte Sauen, erzählte dieser, seien ihm in wenigen Nächten weggeholt, und er dürstete nach Rache, die ihm denn auch im reichlichsten Maße wurde. Es war jedoch ziemlich trocken und dürr, und die Hunde, obgleich mit dem rühmlichsten Eifer suchend, konnten in langer Zeit keine frische Fährte finden; wir hatten sie aber in dem dichten Unterholz bald aus den Augen verloren und ritten lachend und erzählend über die Berge; plötzlich riß der Alte sein Pferd zurück und horchte, sich hoch im Sattel aufrichtend, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Ein kurzes, dumpfes Geheul ließ sich hören -- »das war =Muse=,« rief er -- ein scharfes, kurzes Bellen folgte »das ist =Watch=.« -- Gleich darauf schlugen zwei der Lieblingshunde zu gleicher Zeit an. Jetzt aber schwenkte der Alte den Hut -- »sie haben ihn,« jubelte er, und dem Pferde den einen Sporn in die Seite drückend, flog er dem Anschlagen der Hunde zu.
Ich ließ ihn nicht die Büsche für mich theilen, sondern brach mit =Hozart= an seiner Seite ins Dickicht; gleich darauf schlug auch die ganze Meute -- etwa 15 Hunde, an, daß der Wald widerhallte. Wir ließen unsere Stimmen lustig drein schallen, und wie die wilde Jagd gings durch Dorn und Schlingpflanze, über umgestürzte Stämme und losgerissene Steinmassen fort dem Schalle nach, der in Schlucht und Thal das Echo erweckte.
Der Bär sah übrigens bald ein, daß er im offenen Wald der verfolgenden Meute nicht entgehen konnte, und eilte einem alten =Hurricane=[2] zu, wo die Eichen und Fichten wie Kraut und Rüben durch einander lagen und die Dornen und Schlingpflanzen und später aufgeschossener Nachwuchs die Zwischenräume ausgefüllt hatten. Die Jagd wurde toller und toller; die Pferde, die Begeisterung der Reiter theilend, setzten in fast unglaublicher Anstrengung über alte Baumstämme und durch Dickichte, die im ersten Augenblick fast undurchdringlich schienen.
2 =Hurricane=, eine Art Orkan, der in langen Strichen das Land durchzieht und oft meilenbreit jeden Baum umstürzt.
Im Anfang waren wir drei Reiter beisammen geblieben; der fürchterlich verwachsene Wald aber hatte später Jeden den besten Durchweg allein suchen lassen, und bald konnte ich nichts mehr von den beiden Anderen hören noch sehen, sondern vermuthete nur, daß sie, um dem Bären den Weg abzuschneiden, vielleicht eine andere Richtung eingeschlagen hätten; eine plötzliche Wendung des verfolgten Thieres drehte jedoch die Hetze plötzlich nach meiner Seite; kleffend und jauchzend stellte ihn in einem entsetzlichen Dickicht die Meute, und durch eine dichte Brombeerhecke setzend, die das letzte von mir abstreifte, was nicht niet- und nagelfest war, fand ich mich in Schußnähe des Kampfes. Augenblicklich aber warf ich mich vom Pferd und sprang der Wahlstatt zu, wo ein ungeheuerer Bär sich mit der größten Kaltblütigkeit und Tapferkeit gegen eilf der besten Hunde, die je einer Fährte in Arkansas folgten, vertheidigte; mein Anblick brachte ihn jedoch außer Fassung und er wollte Fersengeld geben, die Hunde waren ihm aber zu nahe auf dem Pelz, und vergebens sah er seine Bemühungen, einen Rückzug zu bewerkstelligen.
Ich hatte mich indessen immer noch gefürchtet zu schießen, da zu viele Gefahr war, einen der Hunde mit zu treffen; als ich jedoch noch unschlüssig halb im Anschlag da stand, krachte des Alten wohlbekannte Büchse und, für einen Augenblick wenigstens, schien der Bär die ihn umtobenden Hunde ganz vergessen zu haben, denn stöhnend warf er sich zu Boden und lag im Nu von jenen bedeckt; doch nicht lange verharrte er in dieser Lage, sondern sprang, mit jeder seiner gewaltigen Branten einen der Rüden von sich stoßend, wieder in die Höhe.
Als er stürzte, war mirs klar geworden, daß, im Fall ich noch die mindeste Lust hätte am Gefechte Theil zu nehmen, dies wohl der einzige Zeitpunkt wäre, in dem ich nützlich sein könnte, und das Messer aus der Scheide reißend, sprang ich auf den Gestürzten zu, ihm die Klinge durchs Herz zu jagen. Ich war aber kaum noch zehn Schritte von ihm entfernt, als er sich, wie schon gesagt, mit einer gewaltigen Kraftanstrengung befreite, und das erste, was ihm in dieser gerade nicht liebenswürdigen Situation in die Augen fiel, war meine werthe Person, mit bloßem Messer und allen Zeichen einer böslichen Absicht auf ihn zuspringend. Er kam mir auf halbem Wege entgegen, und ich mag gerade kein ganz freundliches Gesicht geschnitten haben; das weiß ich nur, wie mir der Gedanke durch's Hirn fuhr, ich hätte mich schon in viel behaglicheren Situationen befunden. Aus dem einfachen Grunde jedoch hielt ich Stand, weil ich im ersten Augenblick wirklich gar nichts andres zu thun wußte und begegnete dem Anlauf des Bären, indem ich ihm mit aller Gewalt mein breites Messer in die Brust stieß.
Was weiter geschah, kann ich nicht mehr genau sagen; ein schwerer Schlag, der mich zurückwarf, ein dumpfes, schmerzhaftes Gefühl, ein bekanntes Gesicht, das ich erblickte, ehe ich stürzte, und ein erstickendes Gewicht, das auf mir lag, ist Alles, dessen ich mich noch entsinne.
Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich, wie mir der Alte einen Hut voll Wasser nach dem andern und zwar mit einem Eifer ins Gesicht goß, der bei einer Feuersbrunst äußerst lobenswerth gewesen wäre. Ich erholte mich jedoch bald und fand, mich aufrichtend, daß ich den erlegten Bären zum Kopfkissen hatte. Als dieser auf mich los stürmte, war der Alte glücklicher Weise dicht dabei gewesen, und die Hunde konnten zwar nicht verhüten, daß mich jener zurückwarf, sich aber in grenzenloser Wuth auf ihn stürzend, überwältigten sie bald den schwer Verwundeten, meines Alten Stahl dabei nicht zu vergessen, der die Haut mehr einem Sieb als etwas anderem ähnlich machte.
* * * * *
Es ist übrigens nicht immer der Fall, daß der Bär sich, auf das Äußerste getrieben, den Hunden auf ebener Erde stellt; gewöhnlich erklettert er, mit ausgezeichneter Gewandtheit, im Fall ihm nicht eine Vorderbrante zerschossen ist, wie ich das auch ein Mal gesehen habe, einen Baum, und kann dann mit geringer Gefahr herunter geschossen werden; einen gehörigen Schlag aber thut's, wenn solch ein alter Bursche von zwei bis dreihundert Pfund, achtzig oder hundert Fuß hoch hernieder und zu Boden schmettert, und es ist schon oft der Fall vorgekommen, daß er im Sturz einige, der ihn unten zu eifrig erwartenden Hunde erschlagen hat. Steht er auf ebener Erde, so wirft er sich gewöhnlich, gleich nach empfangener Kugel, zu Boden und ächzt und stöhnt wie ein Mensch; decken ihn aber dann die Hunde, so versucht er nicht sie einzeln zurückzuschlagen, sondern er stemmt wie in diesem letzten Falle erst seine Branten so gegen sie, daß er sich mit einem gewaltsamen Ruck befreien kann, und wehe dann dem Jäger, der ihm in diesem Augenblick zu nahe ist! -- ohne des Alten Hülfe wäre auch ich rettungslos verloren gewesen.
Hat der Bär einen Baum erstiegen und sich oben festgestellt, so können ihn die Hunde nicht wieder hinunter scheuchen; der Anblick eines Menschen aber macht ihn unruhig und versagt das Gewehr, so kommt er gewöhnlich mitten zwischen die Meute hineingefahren und versucht aufs Neue zu fliehen, doch ist das nicht stets der Fall.
Äußerst interessant ist der Pürschgang auf Bären, wenn man unbeachtet an einen derselben herankommen kann. Anscheinend sorglos trollt der schwarze Geselle durch den Wald, und wer ihn so sieht, mit den plumpen, ungeschlachten Knochen, den Kopf unten, fast auf dem Boden, nachlässig, scheinbar auch nicht das Mindeste um sich her beachtend, ahnt wohl kaum, daß eben dieses anscheinend plumpe Geschöpf schneller als ein Pferd laufen und fast so behende als eine Katze klettern kann; in seinen Branten hat der Bär übrigens die meiste Gewalt, und selten benutzt er seine Gefänge, denn ein Schlag mit der Vorderbrante ist hinreichend einen Hund zu tödten und selbst einen Stier zu betäuben.
So fürchterlich er aber, wenn zum Äußersten getrieben, ist, so harmlos und unschädlich zeigt er sich auch, wenn nicht belästigt -- man hat noch nie gehört, daß ein Bär einen Menschen aus freien Stücken angefallen habe, ausgenommen es war eine Bärin, die ihre Jungen vertheidigte. Auch der Schaden, den er dem Landmann thut, wäre nicht so bedeutend, wenn er nicht im Sommer, wo noch keine Beeren im Walde stehen und die Eicheln noch nicht reif sind, sich an die zahmen Schweine hielte; hat er aber erst einmal den Geschmack von diesen weg bekommen, dann thut er auch ungeheueren Schaden, weil er nur gezwungen Aas frißt und sich, wenn er's irgend haben kann, jede Nacht ein frisches Schwein holt. In diesem Fall muß er gejagt und erlegt, oder wenigstens aus der Gegend vertrieben werden, denn nicht immer können die Hunde im Sommer einen mageren Bären einholen, der ihnen oft im offenen Walde durch seine Schnelle entgeht. --
Der Bär hält aber, wie der Dachs, seinen Winterschlaf, liegt mehre Monat fest in seinem gewählten Lager, wo er sogar schwer zu erwecken ist; in dieser Zeit wäre dann Pürschjagd wie Hetze vergebens.
Die Schlafzeit dauert in Arkansas, wo das Klima ziemlich mild ist, von Weihnachten bis Ende Februar; während dieser ganzen Zeit frißt er weder noch säuft er, und in dieser Zeit ist sein Magen inwendig mit einer reinen, öligen Fettigkeit überzogen. Anfang März aber fängt er zuerst an, den nächsten Bach aufzusuchen, um seinen Durst zu löschen und kehrt dann immer wieder in das Lager zurück. Sonderbarer Weise tritt er hierbei stets, so oft er auch gehen mag, in seine zuerst gemachten Fährten, die dann zuletzt breit und deutlich ausgetreten und =stepping path= oder Schrittpfad von den Jägern genannt werden. Finden diese in eben der Jahreszeit eine solche Fährte, so ist der Bär selten weit entfernt.
Sein Bett wählt er aber sehr verschieden; zeigt sich der Winter streng, so sucht er in gebirgigem Lande eine Höhle, in sumpfigem einen hohlen Baum aus, um dort vor der Kälte geschützt zu sein; dabei kratzt und scheuert er mit merkwürdiger Sorgsamkeit den letzteren inwendig so glatt und rein, wie es ihm mit seinen gewaltigen Branten, die hierzu gerade kein schlechtes Handwerkzeug sind, nur irgend möglich ist. Hat er endlich Alles in Stand, so steigt er langsam und besonnen, daß man kaum die Spur seiner scharfen Krallen in der rauhen Rinde bemerken kann, hinauf und dann durch die Öffnung, mit dem Hintertheil zuerst, in sein vorher bereitetes Lager hinab, wo das faule Holz, das er an den Seitenwänden herunter gekratzt hat, gewöhnlich ein sehr weiches Bett bildet. Anders ist es, wenn er von den Hunden verfolgt, einen Baum ersteigt, und im Hinaufspringen, von den stärksten, härtesten Eichen ordentliche Stücke Rinde herunterschlägt.
Ist der Winter gelind, so nimmt er sich all' diese Mühe nicht einmal, sondern geht entweder im sumpfigem Lande in einen Schilfbruch, wo er von dem hohen, grünen Schilf so viel abreißt, als er zu einem bequemen Lager nöthig zu haben glaubt, das er sich dann auch in einer der unzugänglichen Gegenden des Bruches zurecht macht, oder er sucht in bergigem Lande ein unwegsames Dickicht und bettet sich hier, auf einer Streu von zusammengetragenen zarten Zweigen, in den Wipfel irgend eines umgestürzten Baumes.
Die Ranzzeit fällt in den August, und nicht selten gerathen sich dann ein Paar der schwarzen Burschen auf eben keine freundliche Art in die Haare. Einen hübschen Zug erzählen dabei die amerikanischen Jäger von dem männlichen Bären, der, wenn er wirklich wahr ist, einen merkwürdigen Überlegungsgeist kund thut. Sehr häufig fand ich nämlich in den Wäldern, besonders an Sassafrasbäumen und Kiefern, die tief eingerissenen Zeichen des Gefänges und der Krallen von Bären, die stets in größtmöglichster Höhe an den Stämmen hinauf gelangt hatten; auf meine Anfragen erhielt ich folgenden Bescheid, in dem die Jäger von Norden bis Süden übereinstimmen.
In der Ranzzeit folgt der Bär der Fährte der Bärin, wird aber oft, wenn von einem stärkeren überholt, aus dem Felde geschlagen, von einem schwächeren, wenn nicht besiegt, doch wenigstens belästigt; um diesem nun zu begegnen, soll der Bär, so er sich stark und alt genug fühlt einen Kampf mit Seinesgleichen zu wagen, sobald er die warme Fährte einer Bärin angenommen hat, sich an einem dicht daneben stehenden Baum -- am liebsten Sassafras oder Kiefer -- in die Höhe richten und ohne die Hintertratzen von der Erde zu heben, so hoch hineinbeißen und so hoch daran hinauf kratzen, als er möglicher Weise kratzen und beißen kann, worauf er ganz gemüthlich seinen Weg fortsetzt.
Kommt nun nach einiger Zeit ein anderer desselben Weges, auf derselben Fährte, so findet er natürlich die für ihn zurückgelassenen Zeichen und mißt nun, sich eben so am Baume emporrichtend, seinen vorangegangenen Nebenbuhler; -- kann er dessen Merkmale überreichen, oder kommt er ihnen wenigstens gleich, so folgt er und nimmt die Herausforderung an; kann er das aber nicht, ist er vielleicht viel kleiner, so klemmt er das kleine Stückchen Ruthe, was ihm Mutter Natur verstattet hat, zwischen die Beine, oder macht wenigstens die Bewegung damit, als ob er es thun würde, wenn sie lang genug wäre, und trollt den eben gekommenen Weg zurück, um wo möglich eine andere Fährte auszusuchen.
Die Bärin wirft im Februar, oft schon Ende Januar, in einem hohlen Baum oder in einer Höhle, zwei bis vier Junge, die sie bis zur Ranzzeit bei sich behält und die sich auch oft noch nach dieser wieder zu ihr gesellen, doch soll sie dabei die Gesellschaft des alten Bären meiden, dem nachgesagt wird, er fräße manchmal seine eigenen Jungen, was ich jedoch, zu seiner Ehre, nicht glauben will.
Die ungeheuere Aufopferung, mit der die Bärin übrigens ihre Jungen vertheidigen soll, kann nicht als allgemein angenommen werden. Ja, es giebt Fälle, wo sie ihr Leben im Kampf über dieselben gelassen hat; aber mit den Bären wird's wie mit den Menschen sein -- bei denen man oft recht liebe, gute Leute, und dann auch wieder recht schofeles Pack findet. Ich selbst weiß mehre Beispiele, wo eine Bärin, sowohl in der Höhle als auch im freien offenen Walde, ihre Jungen, ohne sich weiter um sie zu bekümmere, schmählich im Stich gelassen hat und nur darauf bedacht schien, ihren eigenen Pelz, der noch dazu in damaliger Zeit kaum einen Dollar werth war, in Sicherheit zu bringen.
Die _Höhlenjagd_ ist äußerst interessant, aber dabei auch gefährlich, und wird etwa folgendermaßen betrieben. In den unwegsamen Gebirgen des Westens, in die sich der Bär bei einbrechender Kälte zurückzieht, geht der Jäger und sucht, zwischen den am tollsten und wildesten umher gestreuten Felsblöcken, an steilen Wänden hinkletternd und Schluchten und Spalten durchkriechend, nach Höhlen, in die er dann mit angezündeter Kienfackel oder mit einem aus wildem Wachs gekneteten Lichte eindringt. Oft verrathen schon die in der Nähe der Höhle abgenagte Büsche den Besuch, der für einige Zeit in ihnen zu wohnen beabsichtigt, oder der =stepping path=, der hinein führt, wenn die Jahreszeit schon weit vorgerückt ist, oder die vor der Höhle umher liegende Losung, den Eingewinterten; am sichersten ist es aber stets, den Ort selbst zu untersuchen, und daß diese Jagd dann nicht zu den leichtesten gehört, ist sehr erklärbar.
Ich weiß mich Tage zu erinnern, in denen ich in funfzehn, sechszehn Höhlen herumgekrochen bin und mich durch Plätze durchgezwängt habe, von denen ich mir eigentlich jetzt noch selber nicht erklären kann, wie ich wieder heraus kommen konnte -- ohne auch nur einer Kralle zu begegnen. Findet man nun an solchen Ort einen Bären, so muß er beim Lichte der Fackel geschossen und nachher entweder ganz, oder wenn das nicht möglich ist, in Stücken zu Tage geschafft werden.
Ich habe übrigens diese Höhlenjagd in meinen »Streif- und Jagdzügen«[3] sehr ausführlich behandelt und will hier nur, um dem Leser einen kleinen Begriff von diesen freundlichen Orten zu geben, das Innere derselben ein wenig beschreiben.
3: Streif- und Jagdzüge durch Nordamerika. Leipzig, Arnoldische Buchhdl.
Von der Natur gebildet scheinen sie fast alle schon so lange wie die Erde überhaupt zu bestehen, und finden sich meistens in Kalksteinfelsen, in die sie manchmal nur zehn bis zwölf Fuß, dann und wann aber auch 4-500 Schritt hinein gehen und an manchen Stellen geräumig genug sind, daß der Jäger aufrecht in ihnen stehen kann, dann aber auch wieder eng genug zusammen laufen, um nur mit größter Anstrengung ein Durchpressen möglich zu machen. Im Innern sind sie an den Seitenwänden glatt, oft von dem Anstreichen der Raubthiere, die seit Jahrhunderten sie bewohnten, spiegelblank, oben aber gewöhnlich mit Stücken Tropfstein behangen, der auch unten, wenn sich nicht weicher, thoniger Boden findet, das Fortkommen sehr erschwert. In diese Höhlen nun ziehen sich nicht allein Bären, sondern auch andere Raubthiere, als Panther, Waschbären und Füchse, wie Schlangen, Eidechsen und Fledermäuse zurück, um ihren Winterschlaf entweder wie der Bär zu halten, oder in den warmen Erdgängen gegen die Kälte geschützt zu sein. Die Fledermäuse besonders hängen an den Hinterbeinen von der Decke herunter und zirpen und zischen, wenn ihnen die Kienfackel zu nahe kommt. Der Bär selber liegt, wenn er schläft, auf dem Bauche und hält die Stirn, die Nase an die Brust gedrückt, mit beiden Tatzen, wie betend, umfaßt. -- Nur wenn er wacht, saugt er und wahrscheinlich blos aus Spielerei, an den Branten, Kinder haben das Daumenlutschen ja auch an sich, wobei er ein leises, winselndes Geräusch von sich giebt.