Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band.
Part 3
Der kleine Doktor hatte sich indessen des großen unbehülflichen Sacks entledigt, den er auseinander wickelte, dann das Beil und Brecheisen hervornahm, um später, wenn der Sarg erst einmal zu Tage gefördert war, nicht weiter aufgehalten zu werden, und wandte sich nun an seinen Gefährten, der noch immer keine Anstalt machte, zu beginnen.
»Patrik -- =honey=!« sagte der würdige Mann, während er den Spaten aufnahm und den Hügel rasch hinanschritt, »Patrik mein Herzchen, komm und lass' uns munter an's Werk gehen. -- Je länger hier, je später dort -- hier ist das Grab und der rothe Bursche liegt starr und steif d'rin -- denk' an den Whiskey, Paddy!«
»Und ist es nicht der Whiskey, der mich bis jetzt lebendig gehalten hat« -- sagte Patrik und that einen herzhaften Zug aus der jetzt fast geleerten Flasche, die er aber sorgfältig in seine eigene Tasche zurückschob -- »war es nicht die liebe Himmelsgabe, die mich getränkt und gewärmt hat -- aber Misther Doktor -- segne unsere Seele -- ich wollte es wäre vorbei -- s'ist schauerliche Arbeit, den verkehrten Todtengräber zu spielen -- hallo, was war das?«
»Was war _was_?« rief der Doktor erschreckt, und sah sich nach allen Seiten um. »Was war _was_, Sir?«
Beide horchten aufmerksam in den dunkeln Wald hinein, aber nur das leise Rauschen der Bäume, das melancholische Quaken der Frösche konnten sie hören -- sonst lag Alles still und ruhig um sie her, wie das Grab zu ihren Füßen. Der Doktor gewann dadurch wieder Muth und rief mürrisch:
»Nun hab' ich's satt -- Sirrah -- hack' ein und mach' ein Ende -- wir wollen doch nicht die ganze _Nacht_ hier auf dem Grabe zubringen.«
»Mit Gott denn« -- sagte Patrik, zog seinen Rock aus, warf den alten Filz auf die Erde, streifte sich die Hemdsärmel auf, spuckte sich in die breite sehnige Hand, ergriff die Hacke und holte eben zum ersten Schlage aus -- da krachten und brachen -- gar nicht weit von ihnen entfernt, die Büsche -- durch die kleine Lichtung strich, von irgend etwas im Walde aufgescheucht -- eine große Eule, und in kurzen Zwischensätzen war es den beiden, jetzt starr wie Bildsäulen dastehenden Iren, als ob irgend Jemand -- ob Hirsch, ob Mensch, ließ sich nicht unterscheiden -- durch das vorjährige gelbe Laub springe, mit dem der Boden in den amerikanischen Wäldern das ganze Jahr über bedeckt bleibt.
»Doktor -- was war das?« flüsterte Patrik leise, während er die Hacke bedächtig wieder zu seinen Füßen niedersetzte.
»Weiß der Teufel,« brummte Mac Botherme, »ob's bloß ein Hirsch war, der durch einen fallenden Ast aufgescheucht wurde -- das _muß_ es auch gewesen sein, -- wer, zum Henker sollte denn jetzt --«
»Doktor -- Misther Doktor,« zischelte Patrik und blickte sich scheu, bald über die rechte, bald über die linke Schulter -- »Patrik O'Flaherti ist's, dem's unheimlich zu Muthe wird -- Jäses -- ich wollte ich läge in Waterton im Bett und hätte im Leben keine Hacke in der Hand gehabt.« --
Beide Männer blieben eine kurze Zeitlang wie angewurzelt stehen, und horchten mit gespannter Aufmerksamkeit auch dem leisesten Geräusch -- aber Alles lag wieder todtenstill und ruhig -- selbst der Wind schien erstorben -- kein Lüftchen regte sich.
»Patrik,« sagte der Doktor, aber mit so leiser Stimme, daß er selbst kaum vernahm was er sprach -- »Patrik -- wir wollen unsere Arbeit schnell vollenden, und dann machen daß wir zu Hause kommen -- es ist unheimlich hier auf dem freien offenen Fleck mit dem dunklen Wald rings herum.«
Patrik erwiederte kein Wort, sondern warf nur noch einen Blick zurück gegen das Dickicht und einen Blick nach vorn, hob dann die Hacke und schlug sie, bis zu dem Stiel, tief in den weichen lockeren Boden ein. Als ob aber der Schlag eine Zauberformel gewesen wäre, die alle bösen Geister der Unterwelt mit Blitzesschnelle heraufbeschworen hätte, so schien in demselben Moment der ganze Wald einen einzigen wilden Schrei auszustoßen, und zugleich raschelten die Büsche -- knackten und brachen die Zweige, und heraus aus dem Dickicht -- Gespenstern gleich, mit den fast übernatürlich gellenden Tönen, brachen sechs, in fliegende Decken gehüllte Gestalten vor, und stürmten gerade den flachen Hügel hinan auf die beiden starr und entsetzt dastehenden Leichenräuber ein.
Starr und entsetzt dastehenden -- ja -- im ersten Augenblick der Überraschung -- als noch Jeder von ihnen glaubte er träume, da so etwas Fürchterliches ja gar nicht wahr sein könne -- plötzlich aber -- wie der erste Gedanke an Indianer ihr Hirn durchzuckte, gewannen auch die Glieder ihre ganze frühere Gelenkigkeit, wenn nicht in einem zehnfach vermehrten Grade wieder. Patrik schrie: »O Jäses!« ließ die Hacke fallen und war mit zwei Sätzen im entgegengesetzten Theile des Waldes verschwunden, der Doktor aber, keineswegs gesonnen, seinen kräftigen Beistand so enteilen zu sehen und allein zurück zu bleiben um dessen Rückzug zu decken, war kaum weniger behende auf seinen Fersen, und rief ihm zu, doch nur um Gotteswillen stehen zu bleiben und ihn mitzunehmen.
Patrik, der in dem eigenen Rascheln der Zweige wohl die Stimme hinter sich hörte, doch keineswegs einzuhalten gedacht, um die Leute zu unterscheiden -- glaubte natürlich nicht anders als es sei Einer seiner rothhäutigen Verfolger -- beflügelte also deßhalb seinen Lauf um so mehr, warf Alles, was ihn an schneller Flucht hindern konnte, von sich, und erreichte nach kurz zurückgelegter Strecke den kleinen Fluß, den er übrigens erst bemerkte, als er bis an den Hals im Wasser stack, aus dem er sich nur mit größter Anstrengung zum anderen Ufer hinüberarbeiten konnte. Das nun, obgleich es steil und schlüpfrig war, erklomm er in ungeheuerer Schnelle, und trotz dem, daß hier Mac Botherme mit wirklich zärtlichem Tone seinen Namen rief -- wandte er nicht einmal den Kopf, sondern stürzte sich in wahrer Todesverachtung auf's Neue in Dornen und Schlingpflanzen hinein.
Der Doktor wäre ihm allerdings von Herzen gern gefolgt, konnte aber nicht schwimmen, und hatte nur noch so viel Geistesgegenwart, daß er begriff, wie ihm hier, wenn er nicht gerade von den Indianern ausdrücklich verfolgt werde, keine weitere Gefahr drohe. Da er auch, um in die benachbarten Ansiedlungen auf Krankenbesuche zu reiten, den Wald schon nach allen Richtungen hin durchschnitten hatte, so wußte er doch wenigstens ungefähr, wo er sich befand, und wollte jetzt am Fluß hinab gehen, um dort zuerst die Brücke, und mit dieser die Stadt in vielleicht einer Stunde zu erreichen. Durch die bestandene Gefahr waren aber seine Sinne geschärft und er vernahm jetzt zu seinem Entsetzen, daß gerade in der Richtung, die er einschlagen wollte, ebenfalls irgend etwas in den Büschen raschelte.
Was es sei, sollte ihm nicht lange verborgen und eben so wenig Zeit zum Besinnen bleiben -- im nächsten Moment theilten sich die Sträucher und eine dunkle Gestalt, mit -- wie er damals glaubte -- weißbemaltem Gesicht sprang in wilden Sätzen auf ihn zu.
* * * * *
Um aber nun erst wieder zu unseren beiden Leichenräubern zurückzukehren, so hatten Patrik O'Flaherti und Doktor Mac Botherme auch übrigens, als sie sich in so kitzlicher Lage auf dem Grabe befanden, alle Ursache gehabt zu erschrecken, denn so plötzlich und ohne weitere Warnung von allen Seiten angegriffen zu werden, wo ihnen noch überdies ihr Gewissen sagte, daß sie im Begriff wären etwas Unerlaubtes und äußerst Gefährliches zu thun, mußte sie das Schlimmste fürchten lassen, wenn sie besonders in die Hände ihrer wilden Feinde fielen, die sich Patrik gar nicht anders denken konnte, wie Menschenfresser; die Eile, mit der sie alles Hierhergebrachte zurückließen, war also vollkommen zu entschuldigen. Jubelnd und lachend rannten indessen die Amerikaner, keineswegs gesonnen, ihnen weiter zu folgen, bis zu dem Gipfel des Hügels vor, von dem sie die Resurrectionisten vertrieben hatten, und Sip, der mit den wunderlichsten Sprüngen und Grimassen nebenher getanzt war, stieß eben noch, als Schluß- und Kraftakkord, und gleichsam um der Sache die letzte Politur zu geben, den markdurchschneidenden Kriegsschrei aus, der in die Ohren der beiden Flüchtlinge gellte und sie zu immer wilderer Eile antrieb.
»Gentlemen!« rief da Shark und schwenkte seinen alten Filz -- »der Sieg ist gelungen -- die Festung erstürmt -- die Besatzung mit Zurücklassung ihrer Fahnen und Geschützstücke entflohen und ich stimme dafür, daß --«
Wie von einer Natter gestochen, fuhr er zurück, denn dicht vor ihm stand, den blitzenden Tomahawk in der Hand -- die wollene Decke leicht von den Schultern geworfen, die wehenden Federn noch schwankend von der raschen Bewegung -- ein wirklicher, lebendiger Häuptling -- ein »scalpsüchtiger« Wilder -- ein Rächer der geschändeten Grabstätte.
Die Übrigen mußten ihn, da sie ihre Aufmerksamkeit bis dahin nur den Flüchtigen zugewandt hatten, noch gar nicht bemerkt haben, und Shark blieb mehrere Secunden lang marmorgleich vor der wie aus dem Grabe herausgestiegenen Gestalt stehen, Sip aber -- vom vielen Schreien ordentlich blauschwarz im Gesicht -- wollte eben über den Hügel wegspringen, um wahrscheinlich im Walde selbst die Entflohenen noch mit einem »allerletzten« Male zu beglücken, als er fast gegen den Indianer stieß, der jetzt seinerseits ebenfalls staunend dastand, und nicht zu wissen schien, ob die Männer, die er im ersten Ansturm und im Dunkel der Nacht gleichfalls für Indianer gehalten, jetzt aber als Weiße erkannte, Freunde oder Feinde wären.
Sip war übrigens nicht der Mann, der einem wirklichen Indianer lange Stich gehalten hätte -- denn _daß_ es einer war, erkannte er auf den ersten Blick. Mit flüchtigem Rücksprung warf er seinen Nachbar, den entsetzten Shark, zur Seite, und floh nun, so schnell ihn seine Beine trugen, in das ihm nächste Dickicht.
Sip's Geistesgegenwart gab aber auch Shark sich selbst wieder -- kaum sah dieser nämlich in der Flucht des Negers seine eigene Furcht bestätigt, als er, ohne seine Gefährten weiter mit Blick oder Wort zu warnen, dem Beispiel des Negers folgen wollte, leider aber in der ihm im Wege liegenden und in das Grab eingehauenen Hacke hängen blieb, und mit gellendem Angstruf zu Boden stürzte, da er sich in diesem Augenblick schon wenigstens für scalpirt hielt.
Weppel -- auch den Kopf von Indianern voll, sah kaum die Angst der Gefährten, als er sich gar keine weitere Mühe gab, den Grund ihres Schrecks zu erforschen, sondern nur seine eigenen Gliedmaßen eben so schnell in Sicherheit zu bringen suchte, und Josy -- sonst der Muthigste von Allen und einer jener kräftigen Pioniere, die oft mitten in der Wildniß ganzen Schaaren von Wilden Trotz geboten, wurde hier förmlich überrumpelt. Ein Theil der Seinen floh -- Einer brach, mit dem Angstschrei auf den Lippen, vor seinen Füßen zusammen -- hoch auf dem Grabe erkannte er in den dämmernden Umrissen den indianischen Krieger -- was blieb ihm da anderes zu glauben übrig -- als sie wären von irgend einem hier verborgenen Stamme überlistet, und er selbst -- waffenlos mitten zwischen ihnen -- konnte jetzt nur noch hoffen, durch schnelle verzweifelte Flucht sein eignes Leben zu retten.
Mit der Gewandtheit eines aufgescheuchten Panthers sprang er zur Seite, um einem etwa auf ihn abgeschossenen Pfeil, oder gar der tödtlichen Kugel zu entgehen, und suchte nun, wie die Übrigen, das schützende Dunkel zu erreichen.
Shark, der sich nur das Schienbein ein wenig aufgeschlagen hatte, sprang indessen ebenfalls wieder empor, und brach in wilder Verzweiflung in das Dickicht, wobei er sich wenig darum kümmerte, welcher Richtung er folgte, so er nur für den Augenblick seinen Scalp in Sicherheit brachte. In tollen Sätzen drängte er sich oft in so dicht verwachsene Dornmassen hinein, daß er nur mit zerfetzten Kleidern und blutig gerissenen Gliedern einen Ausweg finden konnte; übersprang dabei Gräben und umgestürzte Stämme, fiel in Sumpflöcher und Bäche, rannte gegen Bäume und Büsche an, und erreichte endlich das Ufer des kleinen Flusses, an dem er, rücksichtslos wohin ihn das führe, hinaufstürmte, diese Bahn mehrere hundert Schritte verfolgte, und plötzlich -- großer Gott, so muß er in blinder Flucht dem Feinde gerade in den Rachen rennen -- vor einer dunklen Gestalt stand, die eben im Begriff schien ihn zu erfassen.
Einen Schrei ausstoßen und seitab in den Fluß springen, wurde zum Werk eines Augenblicks, aber auch Doktor Mac Botherme, denn dies war der Gefürchtete, wartete den vermutheten Angriff nicht ab -- mit Blitzesschnelle wandte er sich und da er in dem Moment auch noch das nahe Plätschern im Wasser hörte, was ihn natürlich gar nicht anders glauben ließ, als daß die Feinde beabsichtigten, ihm die Flucht abzuschneiden und deßhalb jetzt den Strom durchschwömmen, so brach er wieder zurück in den Wald, floh hier noch einige hundert Schritt gerad'aus, und warf sich dann zum Tode matt und jedem weiteren Rettungsversuch durch eigene körperliche Anstrengung entsagend, neben einer umgestürzten, halbverfaulten Eiche nieder, an deren weichen Stamm er sich dicht hinanschmiegte, um vielleicht dadurch noch der Aufmerksamkeit der Verfolger zu entgehen. Er hatte etwas Ähnliches einmal in einem Buche gelesen.
Nach allen Richtungen hin durchtobten die Flüchtigen den Wald, und auf dem bedrohten Grabe, vom düsteren Lichte der Sterne matt beschienen, stand ernst und feierlich die hochaufgerichtete Gestalt des indianischen Kriegers, und sang mit leiser, monotoner Stimme das Todtenlied des Verblichenen. --
Am nächsten Morgen war Waterton in fürchterlicher Aufregung. -- Josy traf zuerst ein, und die Aussage des sonst so ruhigen und von Allen als nichts weniger als ängstlich gekannten Mannes, daß sie, die Waffenlosen, gestern Abend von Indianern überfallen worden seien, versetzte Alle in die peinlichste Bestürzung. Die Ursache wurde ebenfalls bald bekannt und ließ sie das Schlimmste fürchten.
Was sollten sie jetzt thun? einen Courier nach Vincennes senden und von dort Hülfe holen? -- Auf jeden Fall hatten die schlauen Wilden das vorausgesehen und hielten den Weg besetzt. Der Bote also, hätte sich wirklich Einer zu solch gefährlicher Aufgabe gefunden, wäre rettungslos verloren gewesen. Weppels und Glassys Aussagen, die fast zusammen und bald nach Josy eintrafen, vermehrten nur noch die Bestürzung, da sie die erstgehörte Unglückskunde nicht allein betätigten, sondern sogar noch hinzufügten, daß sie den ganzen Stamm und zwar mit den Kriegsfarben bemalt gesehen hätten, -- wonach Waterton also das Äußerste erwarten durfte.
Shark betrauerte man als erstes Opfer der Rache, denn Josy hatte ihn, wie er fest und bestimmt behauptete, fallen sehen, sich aber natürlich nicht weiter um ihn bekümmern können. Auch die beiden Irländer wurden noch vermißt und man konnte nicht anders glauben, als daß sie ebenfalls in die Hände der im Hinterhalt lauernden Feinde gefallen wären, welche Befürchtung sich um so mehr bestätigte, da bis Sonnenuntergang am nächsten Tage keiner der Dreie in Waterton erschien, während die Bewohner des kleinen Städtchens in wahrhaft fieberhafter Aufregung Alles hervorsuchten, was nur irgend als Waffe dienen konnte, um dem in jeder Secunde erwarteten Angriff und Überfall zu begegnen. Besonders steigerte sich gegen Tagesanbruch am zweiten Morgen ihre Angst auf das Höchste, da sämmtliche Stämme gewöhnlich in dieser Zeit aus ihrem Hinterhalt hervorbrechen. --
Aber siehe da, kein Überfall erfolgte, die Sonne stieg still und majestätisch über den rauschenden Wipfeln der Bäume empor, und ihr Strahl fiel auf kein wildes Blutvergießen, ihr freundliches Licht leuchtete keinem mörderischen Angriff -- ihr heiteres Auge sah auf keine rauchenden Trümmer und zuckende Leichen hernieder.
Die Zurückhaltung der Indianer wurde räthselhaft -- der Mittag verging -- die Sonne neigte sich schon wieder ihrem Untergang -- kein Laut ließ sich hören, kein fremdes Wesen näherte sich der Stadt. Da endlich -- es fing schon an zu dämmern, -- wankte mit bleichem Antlitz und zerfetzten Kleidern, zum Tode matt vor Hunger und Angst, Doktor Mac Botherme herbei, und er, der noch gestern ein Gegenstand der höchsten Entrüstung gewesen, da man nur auf seine Schultern die entsetzliche Gefahr sämmtlicher Watertonisten wälzte, erschien ihnen jetzt wie ein Erlöser, der sie von Furcht und Noth befreien konnte.
Mac Botherme konnte ihnen aber auch nur wenig Auskunft und Trost geben -- das, was er bezeugte, klang eben so schrecklich, als sie es sich in ihren wildesten Träumen gedacht. -- Er hatte den ganzen Wald voll Wilder gefunden -- hinter allen Bäumen waren sie vorgesprungen, im Fluß wie die Fische herumgeschwommen, und nur durch ein Wunder konnte er ihnen entgangen sein. Halbverhungert und im Walde verirrt war ihm zuletzt das Leben selbst eine Last geworden, und er hatte, als er endlich einen bekannten Weg fand, beschlossen, nach Waterton zurückzukehren, mochten es nun die Indianer zerstört haben oder nicht.
Da -- während noch Alle um den Doktor geschaart standen und mit ängstlicher Spannung seinen Worten lauschten, meldeten die indessen ausgestellten Wachen einen auf dem Fahrweg herankommenden einzelnen Wanderer, in dem Josy bald darauf zu seinem unbegrenzten Erstaunen den für todt gehaltenen Shark erkannte. Aber großer Gott, wie sah der aus -- beinahe sechsunddreißig Stunden hatte er den Wald in wilder Angst durchstreift, und brach auch, als sich die Freunde um ihn sammelten, erschöpft und bewußtlos zusammen. Unter guter Pflege erholte er sich zwar in kurzer Zeit wieder, seine Aussage stimmte dann aber auch haarklein mit der des Doktors überein, und es blieb nun keinem Zweifel mehr unterworfen, daß ihre Stadt und sie selbst von Indianern bedroht gewesen, diese jedoch wahrscheinlich aus Furcht vor der Rache der Weißen einen ernstlichen Überfall unterlassen hätten.
Der Doktor wollte nun allerdings wissen, wie es käme, daß so viele Männer von Waterton an jenem Abend im Wald gewesen seien, darüber beobachteten aber die dabei Betheiligten ein wirklich musterhaftes Schweigen, und da auch Patrik O'Flaherti verschwunden blieb, so dauerte es eine geraume Zeit, ehe man es wagte, die Häuser und Familien wieder zu verlassen, um jenen Grabhügel zu besuchen, auf dem fast ein Jeder die Überreste eines vollständigen indianischen Lagers zu finden erwartete. --
Allerdings staunten sie, als sie hier keine Spur mehr von Indianern entdecken konnten, denn sie waren mit Wehr und Waffen ausgezogen, den Feind zu bekämpfen. -- Der Platz lag noch so öde und still da, wie an jenem Abend, selbst Spaten und Hacke und die Kleidungsstücke der beiden Leichenräuber deckten, wie sie von ihren Eigenthümern hingeworfen worden, den Boden -- nur der Hügel selbst zeigte eine Veränderung. Das Grab des Indianers war geöffnet -- der Sarg erbrochen -- die Leiche -- fort. --
Wie die Wilden so spurlos verschwunden sein konnten und was aus dem von ihnen selbst begrabenen Indianer geworden, blieb Allen ein undurchdringliches Geheimniß -- nur am Fluß fand Josy die tief eingetretene Spur eines Moccasins, und die an dieser Stelle weit hinausgewachsene Wurzel einer alten Sycomore machte es möglich, daß hier ein Canoe gelegen haben konnte. Das blieb freilich Alles nur Vermuthung, und da sämmtliche an jener Scene betheiligte Personen in ihrer Schilderung einen ganzen indianischen Stamm gesehen zu haben übereinstimmten, so zweifelte von dem Augenblick an Niemand mehr an der Wahrheit des Berichteten. Patrik O'Flaherti und Sip wurden für todt gehalten.
Patrik O'Flaherti und Sip waren aber keineswegs todt, sondern hatten nur nach verschiedenen Richtungen hin ihre Flucht genommen, und die Ansiedelungen, die sie zufällig erreichten, durch ihre entsetzlichen Erzählungen in Furcht und Schrecken versetzt. Sip kehrte erst nach vierzehn Tagen nach Waterton zurück, Patrik aber wanderte, so schnell ihn seine Gliedmaßen trugen, nach Vincennes und von da nach den östlichen Staaten zurück, da er erklärte »sein goldenes Haar nicht nach Illinois getragen zu haben, daß so ein verdammter rothfelliger Schurke Staat damit machen sollte.« Was aber Waterton anbetraf, so erwähnte er von der Zeit an nie den Namen der Stadt, ohne dabei zu bemerken, das wäre auch noch ein Ort, in dem er sein Glück könnte gemacht haben, wenn ihn nicht die Indianer bei Nacht und Nebel überfallen, alles Lebende scalpirt, und die Wohnungen niedergebrannt hätten, wobei er selbst nur noch durch ein Wunder dem Tode entgangen wäre. --
Den tief beschatteten Foxriver hinab steuerte indessen ein einsamer Krieger der Winnebagoes sein leichtes Canoe, während vorn, zwischen den Rippen, die dem schwachen Fahrzeuge Festigkeit gaben, in seine wollene Decke eingehüllt, der starre Körper des alten Indianers lag. Der junge Häuptling aber sang leise, indeß sein Ruder still und geräuschlos die leichte Barke über die spiegelglatte Fläche trieb, und den Takt schlug zu dem wehmüthig monotonen Lied:
»Früher warst Du ein Häuptling -- Der Wald hier gehörte Dein, Jetzt führ ich Dich leise und heimlich Hinunter den stillen Strom -- Und früher warst Du ein Häuptling.«
»Früher warst Du ein Häuptling Die Erde gehörte Dein, Jetzt mußt' ich Dich daraus stehlen Sie gönnten Dir selbst kein Grab -- Und früher warst Du ein Häuptling.«
»Früher warst Du ein Häuptling Und zähltest der Krieger viel, Jetzt flüchtet mit Deiner Leiche Dein einziger Sohn -- allein -- Und früher warst Du ein Häuptling. --«
Weiter und weiter glitt der Rindenkahn auf dem leise murmelnden Fluß hin -- weiter hinab, zwischen Weiden und Erlen, und den schwankenden silberbehangenen Birken; und der Whippoorwill sang in den Sträuchen sein wehmüthig-klagend Lied, und der Nachtfalke stieg kreischend empor von dem knorrigen Ast, auf dem er geruht. -- Der Tag dämmerte und das leckere Mahl wollte er sich noch suchen vor der Morgenröthe. Auch die Eule wurde wieder lebendig und ihr antwortete -- weit weit aus der fernen Prairie herüber -- der graue Wolf, der seinen Rundlauf beendet und jetzt zu dem heimlichen Versteck mit unhörbarem Tritt zurückschlich. -- Und dort -- dicht hin unter den thaubehangenen Zweigen, die sich tief hinabbeugten zu der klaren Fluth, und von ihr erfaßt, unruhig erzitterten und bebten, -- dicht hin, unter dem feierlichen Rauschen der jungfräulichen Eichen, in denen der Morgenwind seine Riesenakkorde griff -- glitt das Canoe des Indianers und sein Todtensang mischte sich mit dem fröhlichen Lebensgruß des jungen Tages.
Nordamerikanische Jagd.
Jagd auf Hirsche. -- Auf Truthühner. -- Ein amerikanischer Jäger. -- Bärenjagd. -- Der Panther. -- Der Wolf. -- Der Fuchs. -- Der Waschbär. -- Das Opossum. -- Schnepfen in Louisiana. -- Ausrüstung des amerikanischen Jägers. --
Die vereinigten Staaten von Nordamerika, vor noch nicht gar langer Zeit das unbegränzte Jagdgebiet der wilden Indianerstämme, sind jetzt zwar von diesen geräumt und der weiße Jäger durchzieht nur mit wenigen Ausnahmen, allein die ungeheuren Wälder und Steppen des gewaltigen Reiches; aber auch die zahlreichen Büffelheerden und Rudel von Riesenhirschen (=Elks=), die sonst das Land belebten, sind von den sicheren Büchsen der Amerikaner und eingewanderten Ausländer erlegt, oder mit den rothen Söhnen der Wildniß weiter nach Westen zurückgetrieben worden; immer aber schreitet noch manch stattlicher Hirsch im Schatten des mächtigen Urwaldes einher und Bären und Panther, wie verschiedene andere kleine Raubthiere, zwingen den Ansiedler der westlichen Niederlassungen, fast auf jeder Farm, -- so nennt man die einzeln liegenden Häuser und Felder der Amerikaner, -- eine Meute Hunde zu halten, um seine Hausthiere vor der Mordgier derselben zu schützen.