Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band.

Part 2

Chapter 23,690 wordsPublic domain

Die Thüre war inwendig eingeklingt und Mrs. Glassy öffnete sie schnell, hätte aber fast einen lauten Angstschrei ausgestoßen, als plötzlich, halbgebückt, den rabenschwarzen runden Wollkopf entblößt, ein kleiner, etwa zwölfjähriger Negerknabe in's Zimmer glitt, der, augenscheinliche Angst in den dunklen Zügen, die Männer der Reihe nach ansah, und nicht zu wissen schien, ob er mit der Sprache heraus sollte.

»Jesus im Himmel!« sagte Mrs. Glassy, indem sie überrascht einen Schritt zurücktrat, »habe ich doch wahrhaftig geglaubt, es wäre ein Indianer, der da den Kopf zur Thüre herein streckte. Was willst du denn noch so spät, Sip? schickt dich dein Master?«

Sip war ein freier Negerknabe, der sich bei dem Baptistenprediger vermiethet hatte, und auch dann und wann, besonders wenn sein Herr nach irgend einem benachbarten Flecken zum Predigen gegangen war, allerhand kleine Aufträge und Wege für das Wirthshaus besorgte, wo er sich nur zu gern mit einem paar Centen und einem Schluck Whiskey dafür belohnen ließ. -- Jetzt verrieth sein ganzes Wesen aber mehr Furcht und Besorgniß, und mit leiser, bebender Stimme stotterte er:

»Ne -- ne -- nein, Missus -- Ma -- Massa nicht, a -- aber -- ich ha -- habe wa -- wa -- was gehört --«

»Du hast was gehört?«

»Ja -- Mi -- Missus« -- fuhr der Kleine ängstlich fort -- »w -- w -- wie ich durch Ma -- Ma -- Massa Glassys Me -- Melonengarten ging --«

»Sirrah, du Schuft,« unterbrach ihn hier Mr. Glassy entrüstet -- »was hast du in Ma -- Ma -- Massa Glassys Melonengarten zu suchen? Hab ich dir kleinen schwarzen Hallunken nicht verboten, meine Melonen auch nur über die Fenz herüber anzusehn?«

»Aber so laßt ihn doch nur erst erzählen, was er gesehen hat?« lachte Weppel -- »der arme Bursche bringt ja sonst keine Sylbe mehr vor Angst und Stottern heraus.« Sip schien auch wirklich dadurch, daß er sich hier so urplötzlich selbst verrathen hatte, ganz consternirt zu sein und stotterte eine solche Menge wirres Zeug hervor, daß ihn Mrs. Glassy erst wieder beruhigen mußte, bis er sich nur wenigstens in so weit verständlich machen konnte, daß sie begriffen, was er eigentlich wolle.

Der Inhalt seiner Mittheilung bezog sich übrigens näher auf ihr kaum unterbrochenes Gespräch, als sie im Anfang vermuthet, denn Sip erzählte ihnen jetzt, daß er _durch_ eben den fraglichen Melonengarten, aber blos _durch_gegangen sei, um schneller nach Waterton zu kommen, als er dicht an der Fenz hin zwei Männer gesehen habe, von denen der Eine eine Flinte, der andere aber Hacken und Spaten getragen. Nicht weit von ihm seien sie eine Weile stehen geblieben und er hätte deutlich die Stimme des kleinen irischen Doktors erkennen können, der mit seinem Diener davon gesprochen, den todten Indianer in einen Sack zu stecken und zu Hause zu tragen.

Sip war eben nur deßhalb so erschreckt über das Ganze, weil er seinen eigenen Master schon vor dem Begräbniß des Indianers sagen gehört, sie dürften es unmöglich wagen, die Rache der noch in der Gegend umherstreifenden Indianer zu erwecken, denn solche Menschen, die Nichts weiter zu verlieren hätten, und dabei vielleicht noch gar eine gerechte Vergeltung für erlittene Unbill auszuüben glaubten, seien zu Allem fähig und würden die Weißen nachher ruhig todtschlagen, das, was sie besäßen, rauben, und die Neger -- eine Hauptsache für _Sip_, in Gefangenschaft schleppen.

So unausführbar nun auch das Letztere gewesen wäre, da die Indianer, nach einem ausgeführten Gewaltstreich, nur nach Canada hoffen durften zu entkommen, so glaubte doch Sip, mit der Geographie des Landes wenig bekannt, seine Existenz auf das Äußerste gefährdet, und bat jetzt die Männer mit thränenden Augen, sie möchten doch nur um Gotteswillen nicht zugeben, daß die bösen Menschen ihr Vorhaben ausführten.

»Hm,« sagte nach langer Pause Weppel, als Sip geendet und schüchtern in eine Ecke zurückgetreten war -- »der verwünschte kleine Doktor wird uns am Ende noch zu schaffen machen.«

»Ei potz Hammer und Zangen,« rief Josy -- -- »wir wollen ihm nach -- wer fürchtet sich denn vor seiner alten Muskete, die nie im Leben losgeht, und mit der er oft Stundenlang zwischen den Eichhörnchen draußen herumschnappt. Wir wollen doch einmal sehen, ob der Fremde hier nach Waterton gekommen sein soll, um uns hier, wider Willen, in Gefahr von Leib und Leben zu bringen.«

»Nein, das seh' ich auch nicht ein!« sagte Weppel -- »er hat bei uns um den Leichnam angehalten -- er ist ihm abgeschlagen, und wenn er ihn jetzt _stehlen_ will, so brauchen wir das nicht zu leiden.«

»Leiden?« donnerte der kräftige Schmied dazwischen -- »der Teufel brauchts zu leiden -- aber wir nicht -- hol' doch den ganzen Irländer der Böse -- mag er zu seinem eigenen Land zurückgehen, wo's keine Frösche und Schlangen giebt, wenn er aber _hier_ leben will, so soll er sich auch den Gesetzen des Landes fügen, oder -- ich will ihn mit ein paar Hämmern bekannt machen, zu denen er lieber Alles in der Welt, als zum zweiten Mal den Ambos abgeben sollte. Kommt, wir wollen ihm nach, und wenn _ich_ ihn nicht vom Leichenstehlen curire, so heißt mich einen Holzkopf.«

Der ehrliche Schmied drückte sich den Hut fest in die Stirn, und schien, ohne alle weiteren Umstände, seine Absicht auch ausführen zu wollen; Shark stellte sich ihm aber entgegen, erfaßte seinen Arm und sagte, während er sich mit der Linken leise das glatt-rasirte Kinn strich:

»Gentlemen, die Sache hat zwei Seiten -- der Indianer gehört nicht mehr in den Staat -- er liegt auf _Congreßland_ begraben und _wir_ haben eben so viel und so wenig Recht darauf, als der Doktor -- _gesetzlich_ können wir ihm also gar Nichts anhaben. Treten wir dabei die Sache breit, und fangen wir Streit an, so wird, mehr als nöthig ist, davon gesprochen und die Aufmerksamkeit der Indianer noch stärker nach Waterton gelenkt, als das bis jetzt schon geschehen; -- ließe sich das Ganze nicht auf irgend eine andere Art beilegen?«

»Ist er denn aber auch nach dem indianischen Grabe?« frug Mrs. Glassy -- »das liegt doch gerade in ganz entgegengesetzter Richtung!«

»Nun natürlich wird er nicht bei Nacht und Nebel mit Hacken und Spaten mitten durch die Stadt laufen,« -- sagte der Schulmeister -- »so gescheidt ist er auch. Ich habe mir's aber gedacht, ich habe mir's wahrhaftig gedacht.«

»Ach was _denken_,« fiel der Schmied hier ärgerlich ein -- »hol' der Teufel das Denken, wir gehen hin, hauen ihm die Jacke voll, daß er das Wiederkommen vergißt und machen ihm dadurch begreiflich, daß er sich, wenn er einmal in Amerika leben will, auch so betragen soll, wie's die Amerikaner verlangen.«

»Meine Herrn!« unterbrach ihn hier Shark -- »dagegen muß ich zweierlei einwenden -- erstlich habe ich einen fürchterlich hohlen Zahn, der schon jetzt wieder anfängt wehzuthun, und den ich mir vom Doktor morgen wollte herausreißen lassen, und dann -- könnte die verwünschte Flinte _doch_ einmal losgehen -- _die_ Art Schießeisen wartet gewöhnlich den Zeitpunkt ab, wo sie eigentlich nicht feuern sollte, und dann feuert sie erst recht. In dem einen Falle bräche er mir, um sich zu rächen, vielleicht die halbe Kinnlade aus, im anderen könnte er, was noch schlimmer wäre, einen von uns todtschießen; ich schlage also vor, daß wir uns auf etwas Besseres besinnen. -- Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir ihm den ersten Neger versprächen, der in der Ansiedlung stirbt.«

»Oh Go -- Golly, Ma -- Ma -- Massa!« schrie Sip entsetzt, »was hat a -- a -- arme Nigger gethan, -- N -- nein -- Sip we -- we -- weiß 'was Be -- Besseres!«

»Heraus denn damit, du schwarze Nothflagge du« -- lachte Weppel -- »heraus mit dem Be -- Besseren!«

»Massa Bo -- Botherme, fü -- fü -- fürchtet Indian -- i -- i -- ich schreie ge -- gerad wie Indian« -- und ohne eine weitere Aufforderung abzuwarten, stieß der kleine Neger plötzlich in so täuschender Nachahmung und so scharf und gellend den trotzigen Schlachtschrei der Winnebagoes aus, daß Mrs. Glassy entsetzt zusammenfuhr, und selbst die Männer überrascht, emporfuhren. Shark hatte aber im Augenblick begriffen, was der Knabe meinte, und rief jetzt jubelnd aus:

»Bei Gott, Kinder, ich hab's -- Sip hat recht, das ist ein kapitaler Einfall -- wir wollen Indianer spielen. Dunkel ist's, der Mond ist unter, da brauchen wir nur Jeder eine weiße wollene Decke umzuhängen, und unsere Garderobe ist fertig. Draußen schleichen wir uns denn an das Grab hinan und wenn Sip hier zu schreien anfängt, und wir anderen einstimmen, dann denk' ich, soll der gute Doktor glauben, alle drei ausgewanderten Stämme säßen ihm auf dem Nacken.«

»Da möchten wir aber auch unsere Büchsen mitnehmen,« meinte Josy, dem der Einfall zu behagen schien, denn er schmunzelte ganz wohlgefällig vor sich hin.

»I Gott bewahre!« sagte der etwas ängstliche Krämer, »wozu? der Wald ist dicht verwachsen, und so ein Ding könnte unterwegs einmal losgehen. Es soll ja auch gar kein Ernst aus der Sache gemacht werden.«

»Wenn sich aber der Doktor zur Wehre setzt« -- meinte Weppel.

»Nein, dafür steh' ich,« lachte der Wirth -- »wenn der die Büsche rascheln und nachher den ächten Schlachtschrei hört, dann möchte ich meinen Hals darauf verwetten, daß er Fersengeld giebt, als ob der Böse hinter ihm wäre.«

»Aber reinen Mund müssen wir halten,« meinte Shark -- »sonst holt er ihn später am Ende doch noch.«

»Wenn der _einmal_ verjagt ist, kommt er sobald nicht wieder« -- sagte Glassy -- »übrigens ist's einerlei, ob wir bei _dem_ einen ächten oder unächten Schlachtschrei haben -- der versteht ihn doch nicht zu unterscheiden -- was hilft auch der Kuh Muskate -- doch gleich viel, jetzt nur fort, daß wir nicht zu spät kommen. Er ist, wie Sip sagt, durch die Felder gegangen, da muß er einen weiten Umweg machen, bis er an den oberen Baum kommt, der über den Fluß liegt, sonst kann er nicht hinüber. Wir können indessen hier gleich über die Brücke und auf der breiten Straße fortgehen, dadurch schneiden wir wenigstens eine halbe Stunde Weges ab. Du Frauchen, magst uns aber indessen einen heißen Punsch brauen, wenn wir wieder kommen, werden wir ihn brauchen können, und jetzt ihr Herren -- an's Werk.«

Es war Nacht -- droben vom Himmel blitzten in unendlicher Pracht die schönen herrlichen Sterne vom Firmamente nieder -- ein leiser Südwind strich fast geräuschlos über die weite Prairie daher, nur das schwankende Gras bog er nieder, daß die hellen, daran blitzenden Thauperlen schwer hinab auf den feuchten Boden fielen. -- Sobald er aber das Flußthal erreichte, wo die hohen, kräftigen Bäume standen, da gewann er auch neue Macht, da schien er sich recht fest und trotzig zusammenzunehmen, und hinein warf er sich in die Wipfel, und rauschte und brauste hindurch, als ob er ihnen Wunder was Wichtiges zu sagen habe. Die aber schüttelten leise und altklug mit den Köpfen -- sie wußten recht gut, daß von dort her, aus dem weichlichen Süden, nichts Derbes und Tüchtiges herkommen könne. »Ja,« sagten sie, »wenn er von da drüben herüber, über die Seen her, bliese, von den starren Eisgletschern nieder, dann wär's noch der Mühe werth, sich dagegen zu stemmen, oder einander die Arme zu reichen, zu Hülfe und Schutz, so aber -- laßt ihn weiter ziehen, Schwestern -- es ist ein Südländer -- er tritt patzig auf, flüstert einem Jeden etwas Schönes in's Ohr, und ist dann eben so leicht verschwunden, wie er gekommen.«

So allerlei altkluges Zeug schwatzten die Zweige und der Schuhu saß mitten drinn und schaute gähnend in das noch vom letzten Herbst dort unten liegende gelbe Laub, ob nicht etwa irgend ein leckerer Bissen in Gestalt eines kleinen Kaninchens oder auch einer fetten Maus, vorbeischleiche und ihm die unbequemere Suche erspare.

Die Natur feierte ihren Sabath -- heilige Ruhe lag über der ganzen Welt, sogar die Frösche riefen ihr monotones Lied nur ganz leise und schüchtern ab, anstatt wie sonst so recht aus voller Kehle hineinzuquaken in die stille -- hehre Nacht. Tiefe Dunkelheit lagerte auf dem Walde, selbst die Sterne konnten nicht mit ihrem matten Licht durch die dicht verwachsenen Zweige dringen; nur da, wo sich der kleine Fluß seine unregelmäßige, zickzack laufende Bahn durch den fetten Boden brach, hatten sich die Riesenwipfel getrennt und die freundlichen Himmelskörper spiegelten sich in der klaren Fluth und schienen auf den leichtgekräuselten Wogen zu schwimmen und zu tanzen.

Aber auch noch ein anderer Fleck lag in der waldigen Niederung, wo das blasse Sternenlicht seinen matten, dämmernden Eingang fand -- es war dies eine jener tausend kleinen Waldblößen, die durch die ganzen westlichen Wälder zerstreut sind und nur Gras und Blumen erzeugen, während der sie umschließende Boden die kräftigsten, stattlichsten Bäume trägt, und es schien fast, als ob nur wenige jener ungeheueren Stämme hier herausgerissen seien, und das weite, die enge, nackte Stelle umkreisende Waldmeer schon im Begriff wäre, sich wieder über derselben zu schließen.

Der freie Raum mochte kaum sechzig Fuß im Durchschnitt haben; seinen Mittelpunkt bildete aber ein niederer, vielleicht sieben Fuß hoher Hügel, der, mit dichtem Gras bewachsen, nur auf dem Gipfel eine Wunde trug, wo der Rasen frisch aufgerissen schien und die in spitzem Kamm festgeschlagene Erde den Ort verrieth, unter dem der starre Körper eines Menschen ausruhe von allen irdischen Lasten und Leiden.

Heimlich und still lag der schaurige Platz inmitten des grünenden Waldes, und nur der Wolf hatte ihn, als er seine erste Runde beging, umschlichen, und von dem frischen Grabe aus seinen Nachtgruß hinauf geheult zu den Sternen -- die Spuren seiner scharfen Krallen bezeichneten noch den weichen Grund.

Aber was hob sich dort, dunkel und ungewiß, im matten Licht, dicht zu Häupten des Grabes? War es ein Stein der Erinnerung, den die Bewohner von Waterton dem fremden Krieger gesetzt? -- Hatten sie soweit sein Andenken geehrt, um sogar den Platz zu bezeichnen, wo Einer der von ihnen Vertriebenen sein Haupt berge unter den Bäumen, deren Schatten ihn früher erquickte? Ach nein -- nein -- nicht Liebe war's, die das erkaltete Herz hier einscharrte in seine irdene Urne -- den Leichnam aus dem Weg zu schaffen, hatten sie gemeint; so schnell und bequem das geschehen konnte, so schnell geschah es -- daß sie das indianische Grab dazu gewählt, war die einzige Freundlichkeit, die sie der Race selbst bewiesen.

Und jener Stein? --

Hättest du die dunkelglühenden Augen gesehen, wie sie unter der fest und stolz emporsteigenden Adlersfeder vorfunkelten -- hättest du den leisen monotonen Sang gehört, mit dem er, wie in kaum vernehmbaren Flüstern, die Todtenklage über den Geschiedenen murmelte, du hättest nicht nach einem _Stein_ gefragt -- ein _lebendes_ Monument seines Stammes, kauerte der Häuptling, im vollen Schmuck des Kriegers, über dem Grab -- seines _Vaters_, und während die Linke fast bis zum Handgelenk in den weichen lockeren Boden sank, hielt er die Rechte starr und regungslos zu den Sternen gestreckt, als ob er Körper und Seele des Verblichenen herauf und hernieder ziehen wolle zu sich, dem allein Zurückgebliebenen.

Da plötzlich hob er rasch und lauschend das dunkle Haupt -- die hohe Feder schwankte von der fast unwillkührlichen Bewegung, und mehrere Secunden lang schien er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit einem noch fernen aber seinen scharfen Sinnen nicht entgangenen Geräusch zu horchen.

Es kam näher -- er unterschied Stimmen -- er vernahm das Krachen und Knicken niedergebrochener dürrer Zweige, und sich jetzt vorsichtig erhebend -- das Antlitz fortwährend der Stelle zugewandt, von der die störenden Laute tönten, glitt er leise zurück in den schützenden Schatten der Bäume und verschwand im nächsten Augenblick in ihrem Dunkel.

* * * * *

»Ich sage dir Patrik -- du bist ein Esel!« rief Doktor Mac Botherme, als er wenigstens zum fünfzigsten Mal über die im Wege liegenden Äste gestolpert und gestürzt war, und eben wieder, die Schienbeine reibend, aufstand -- »du schwatzt ja Zeug, was einen vernünftigen Christenmenschen in seiner eigenen Wohnung zur Verzweiflung bringen könnte, geschweige denn hier, in diesem verfluchten Wirrwarr von knochenzerbrechenden Bäumen -- Herr Gott!« unterbrach er sich hier selbst in halbverbissenem Schmerzschrei, als er eben wieder mit dem Gesicht in einer der scharfdornigen Schlingpflanzen hängen geblieben war, und sich nun sorgfältig mit der flachen Hand über Stirn und Backen fuhr, um zu fühlen, ob er nicht blute.

»Aber Doktor Mac Botherme« -- fuhr der dadurch ungerührte Patrik in seinem breiten irischen Dialekte und in der eben erst unterbrochenen Rede fort, indem er stehen blieb, Hacken und Spaten auf die Erde niedersetzte und sich ängstlich dabei nach allen Seiten hin umsah -- »ist es denn nicht meiner Mutter Sohn, den sie alle Augenblicke bald rechts, bald links festhalten, als ob sie sagen wollten: »Patrik, mein Herzchen, mein Juwel, gehe nicht weiter -- gehe keinen Schritt weiter, in dieser gesegneten Nacht -- es kostet sonst deine Seele -- du bist ein verlorenes Schaaf.« --«

»Du bist ein _geborener Ochse_ -- Patrik, mein Herzchen!« rief der Doktor ärgerlich, dem die Angst seines Gefährten keineswegs gelegen kam. »Hab' ich dir nicht schon zehntausend Mal gesagt, daß es die Zweige und wilden Rebenstöcke sind, in denen du hängen bleibst; -- wenn du dich nicht jedesmal bücktest und an zu beten fingst, so könntest du's selber sehen.«

»Arrah Sir« -- seufzte der sich hier höchst unbehaglich befindende Ire, »mag's mir die Mutter Maria vergeben, daß ich mich bei Nacht in solch heidnischen Wald getraut habe; aber so viel weiß ich -- bin ich erst einmal wieder in der Stadt -- keine Seele kriegt mich zum zweiten Mal in eine solche Gegend. -- Und nun auch erst noch Leichen ausgraben« -- fuhr er mit weinerlicher Stimme fort, als der Doktor indessen, sich wenig um seine Klagen kümmernd, die Gegend recognoscirte, in der sie sich befanden; -- »Leichen ausscharren, wie's die wilden Bestien in Afrika machen sollen -- und Leichen zu Haus tragen und kochen, wie ein anderes ehrliches Stück Rindfleisch -- o Jäses, o Jäses, wenn uns heute der Böse nicht holt, dann giebt's gar keinen!«

Patrik hatte in aller Verzweiflung sein Handwerkszeug fallen lassen, und kauerte sich, die Hände über die Knie gefaltet, ängstlich nieder. Mac Botherme kannte aber den Geist, der seine Geister_furcht_ zu bannen vermochte -- aus seiner Tasche holte er die mit Leder überzogene Feldflasche vor, zog den Stöpsel ab und hielt sie mit ausgestrecktem Arm dem Muthlosen entgegen.

»Hier Patrik!« sagte er dabei -- »deine Einbildungskraft wird trocken -- gieß ihr ein wenig Bergthau auf die Wurzeln -- nachher erholt sie sich wieder, und -- bedenke, daß du, wenn du mir jetzt getreulich beistehst, nach glücklich abgelaufenem Abenteuer zwei Dollar baar Geld und -- zwei Gallonen -- sage zwei Gallonen Whiskey erhältst, und den zwar vom besten!«

»=Honey my dear!=« sagte Patrik, der schon bei dem Abziehen des Stöpfels den Kopf gehoben und einen flüchtigen aber sehnsüchtigen Blick nach der Flasche hinübergeworfen hatte. -- »Doktor Mac Botherme ist der Mann, der einem armen gedrückten Menschen wieder Muth einsprechen kann in der Noth. Doktor Mac Botherme ist ein ordentlicher wirklicher Christ, wie Vater O'Rhoole sagte, wenn er Sonntags den Beichtpfennig kriegte.«

»Sei nur jetzt ruhig, Patrik!« beschwichtigte ihn der Doktor, und warf einen scheuen Blick umher -- »wir können nicht mehr weit von der Stelle sein, und je ruhiger wir das ganze Geschäft abmachen, desto besser ists. Es -- es könnte ja doch =per= Zufall so eine verwünschte Rothhaut im Walde herumkriechen, und dann ist's immer besser, man schreit so wenig als möglich. Komm Patrik -- in einer Stunde kann unser ganzes Geschäft abgemacht sein.«

Er war im Begriff seinen Weg fortzusetzen, als Patrik, der indessen die Flasche an sich genommen hatte, plötzlich seinen Arm ergriff, und leise flüsternd, aber mit ängstlicher Stimme sagte:

»Und sind es wirklich die rothen, blutdürstigen Deiwels, die einem rechtschaffenen Christen die Haut vom Kopfe ziehn und Geldbeutel d'raus machen? sinds die rothen Indianer, von denen Doktor Mac Botherme fürchtete, daß sie hier herumschnüffeln und Lust nach Paddy O'Flahertis Goldhaar haben könnten?«

»Rede nicht so albernes Zeug, Pat!« sagte der Doktor, und machte seinen Arm von dem des Dieners los -- »komm lieber, und sei gescheidt -- denk an den Whiskey und an die Dollar, denn nicht der rothe Pfennig oder der klare Tropfen ist's, den Patrik O'Flaherti zu schmecken bekommt, wenn er jetzt noch lange mit Zweifeln und Reden die Zeit vertrödelt!«

Der würdige Doktor hatte sich auf die Art mit Willen in eine Art Zorn hineingeärgert, damit er die eigene Furcht beschwichtige, und ohne eine weitere Einwendung abzuwarten, schritt er rasch vorwärts, und hatte so, wenn auch unbewußt, die beste Methode gefunden, seinen Begleiter folgen zu machen, denn der wäre nicht, um alle Versprechungen der Welt, allein im Walde zurückgeblieben. Nur wenige hundert Schritte brachten sie aber auch an das ersehnte Ziel, und Patrik schüttelte sich leise, da er den stillen heimlichen Fleck erblickte, dessen Ruhe sie mit frechen, unheiligen Händen entweihen wollten.

»Patrik,« flüsterte der Doktor -- »das hier ist die Stelle -- _hier_ ist das Grab -- da gerade in der Mitte. -- So, nun nimm deine Hacke und Spaten herunter und ich will indessen die Flinte laden gieb mir einmal das Pulverhorn -- wir werden's hoffentlich nicht brauchen, aber der Henker traue doch dem Frieden -- besser ist besser -- nun? hörst du nicht, Pat? das Pulverhorn will ich haben!«

»Und ist es das, was Ihr verlangt?« frug Patrik erstaunt, »steckt denn nicht Alles in Eurer eigenen Tasche?«

»Unsinn, Pat!« sagte der Doktor ärgerlich, während er sich jedoch die Taschen befühlte, ob er das Geforderte vielleicht dennoch in Gedanken eingesteckt habe. -- »Unsinn Pat, _hier_ ist's nicht -- und da nicht -- und da vorne auch nicht -- ich hab' es dir ja auch, einen Augenblick ehe wir fortgingen, in die Hand gegeben.«

»Segne Eure Seele Herr!« rief Patrik schnell -- »und ist es weiter Nichts wie das lange Kuhhorn mit dem grünen Bindfaden d'ran, was Ihr sucht?«

»Nein, das gerade -- hast du's? --«

»O Misther -- macht Euch keine Sorge deßhalb, das hängt ruhig am Nagel hinter der Thür.« --

»Holzkopf!« rief der Doktor entrüstet -- »hab' ich dir nicht noch ausdrücklich befohlen -- du solltest dich in Acht nehmen, daß es nicht naß würde.«

»Arrah, Ochone, Herr, und ist das nicht eben die Ursache, weshalb ich's hinter die Thüre hing?« erwiederte der unverwüstliche Ire -- »wie hätt' ich's können trocken halten, wenn's heut' Abend regnete?«

»=O sancta simplicitas!=« murmelte der Doktor -- »da -- jetzt sitzen wir in einer ganz gemüthlichen Patsche -- _wenn_ nun die Indianer kämen, Patrik, _wenn_ sie nun kämen?! -- das war der dümmste Streich, den deines Vaters Sohn seit langer Zeit gemacht -- jetzt hab' ich doch das Schießeisen mit geschleppt, daß mir die ganze linke Schulter so blau ist, wie ein deutscher Sonntagsrock.«

Patrik, der ungefähr eben so viel vom Laden eines Gewehrs wie vom Clavierspielen verstand, konnte gar nicht begreifen, weshalb sein »Misther« so ärgerlich sei -- da sie ja doch den _Whiskey_ nicht vergessen hatten; er begnügte sich deshalb bloß, einfach mit dem Kopf zu schütteln, gehorchte nun aber auch eifrig dem in etwas barschen Ton gegebenen Befehl, »abzuladen« und die Arbeit zu beginnen. Er warf also die mitgebrachten Werkzeuge in's Gras nieder, nahm dann die breite Hacke auf, die er in der Hand wog und sich schüchtern dabei umschaute, als wenn er nicht ganz sicher wäre, wie er das Werkzeug zu gebrauchen hätte, zur Arbeit oder gar zur Vertheidigung, und schritt dann langsam, und augenscheinlich mit schwerem Herzen dem Mittelpunkt der kleinen Lichtung, dem Grabe zu, wo er stehen blieb und nun unruhig den Blick nach allen Seiten umherwarf.