Amerikanische Wald- und Strombilder. Erster Band.

Part 10

Chapter 103,692 wordsPublic domain

»Es wird spät, Mr. Curtis,« flüsterte endlich das holde Mädchen, indem sie leise die Hand entzog und von ihrem Stuhl aufstand -- wie mit Purpur übergossen war ihr liebes Angesicht -- »wir müssen uns für heute Abend trennen -- sprechen Sie Morgen mit meinem Onkel.«

»Fanny,« sagte Curtis noch ein Mal und wollte seinen Arm um ihre Taille legen, »Sie haben mich zum Glücklichsten --«

Fanny stieß einen leisen Schrei aus, denn mit fürchterlichem Gepolter kam ein großer Stein zu dem niederen Kamin herunter, daß Funken und Asche weit umherstiebten; gleich darauf schlugen die draußen gelagerten Rüden an, und umbellten wüthend das Haus.

»Was um Gotteswillen?« rief Curtis.

»=Sick' em=!« sagte der alte Peterson im Schlaf die Hunde antreibend.

»Gute Nacht!« flüsterte Fanny dem Glücklichen zu; »gute Nacht, Mr. Curtis.«

»Gute Nacht, theuere, theuere Fanny!« rief dieser entzückt, drückte noch einen heißen Kuß auf die nicht widerstrebende, zierlich kleine Rechte und suchte dann ebenfalls das für ihn bereitete Lager.

Aber an Einschlafen war nicht zu denken, wie mit Schmiedehämmern tobte es ihm in den Schläfen, und wenn er sich auch unruhig bald auf diese, bald auf jene Seite warf, kein Schlummer kam in seine Augen; die Hähne krähten schon wieder, draußen im Walde kullerte der wilde Truthahn und die Eule heulte ihr Morgenlied, als er endlich in einen leisen Schlaf der Ermattung sank, aus dem ihn bald wieder das Holzschlagen des alten Peterson weckte, der gleich darauf mit einem schweren Klotze auf der Schulter in das Haus trat, und diesen, als Rückstück, in's Feuer warf.

Er sprang auf, kleidete sich an und folgte dem Alten vor die Thür. Hier gestand er ihm denn seine Liebe für dessen Nichte, behauptete ihrer Einwilligung gewiß zu sein und bat um seinen Segen und seine Zustimmung.

Peterson hatte es, nach Allem was er am vorigen Abend gesehen, erwartet, sprach sich aber recht herzlich gegen den Farmer aus, wie er sich freue, daß seine Nichte so vernünftig gewesen, eine so kluge Wahl zu treffen, und versprach ihm dafür zu sorgen, daß es ihm fortan recht gut und wohl gehen solle, da Fanny keineswegs unvermögend, dem Manne ihrer Wahl nicht allein ihre liebreizende Gestalt, sondern auch ein recht ansehnliches Grundeigenthum wie verschiedenes anderes bewegliches Besitzthum mitbrächte.

Noch an demselben Morgen ward Alles geordnet und Curtis wünschte nun mit seiner jungen Braut den Fourche la fave hinunter zu Mr. Houston, dem nächsten Friedensrichter, zu reiten, um dort mit ihr für immer vereinigt zu werden; Fanny aber bat den Bräutigam, ihr den Gefallen zu thun, und sie den Fluß hinauf zu dem etwa fünfzehn Meilen entfernten Richter Welmot zu begleiten, der, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, stets den innigsten Antheil an ihr genommen und jetzt auch dem wichtigsten Schritte ihres Lebens beiwohnen solle.

Hiergegen ließ sich Nichts einwenden, Curtis war sehr gern damit zufrieden, und seinem Wunsche nach wären sie augenblicklich aufgebrochen; Fanny hatte aber noch so viel zu ordnen, so viel zu besorgen, daß der Nachmittag heranrückte, und erklärte nun, als der Vater vorschlug, den nächsten Morgen abzuwarten, »sie wünsche bei einer Freundin, die etwa auf der Hälfte Weges zwischen hier und dem Richter wohnte, zu übernachten, wo auch Mr. Curtis gern gesehen sein würde, da sie dort schon viel von ihm gesprochen.«

Wie hätte Curtis dem holden Mädchen die erste Bitte abschlagen können? was Fanny wünschte, geschah; um drei Uhr etwa brachen sie, herzlichen Abschied von Allen nehmend, auf, und der alte Peterson gab noch, da er der dringenden Arbeiten wegen nicht selber mitreiten konnte, der Nichte einen Zettel[6] für den Friedensrichter, der -- freilich etwas unorthographisch, doch hinreichend war, jenen mit seinen Wünschen bekannt zu machen.

6: Der Zettel lautete wörtlich: »=Plees Sir -- merry the too young peepel; yoors M. Peterson.=«

Wohl noch eine Stunde vor Dunkelwerden erreichten sie die Farm, in welcher Fanny die Nacht zu bleiben wünschte, wurden hier auf das Freundlichste bewillkommt, und schienen sogar erwartet zu sein, obgleich Curtis nicht begreifen konnte, wie das möglich war; die Unterhaltung ward übrigens sehr lebhaft geführt und Fanny ließ sich besonders viel von einem jungen Deutschen erzählen, der eben aus den Ozark-Gebirgen zurückkam und hier ebenfalls eingekehrt war, weil schwerdrängende Wetterwolken eine stürmische Nacht verkündeten.

Curtis fühlte sich übrigens sehr abgespannt; drei Nächte lang hatte er fast jedes Schlafes entbehrt, und die fortwährende Aufregung, in der er sich befunden, mußte überdies noch dazu beitragen, die Ermattung und Erschlaffung seines ganzen Nervensystems zu entschuldigen. Der Farmer bemerkte auch bald seine Müdigkeit, winkte ihm seitab, und führte ihn in die Ecke zu seinem Lager von weichgebreiteten Hirschfellen, auf das er sich warf, und hier bald dem Schlummergott, der ihm so lange treulos gewesen, in die Arme sank.

In der Nacht machten die Hunde einmal einen fürchterlichen Lärmen, und Curtis träumte, es fiele wieder ein Stein im Kamin herunter; er wachte aber nicht davon auf, und erst ein unruhiges Umherlaufen im Haus, und ein Auf- und Zuschlagen der Thüren erweckte ihn.

Es war schon heller Tag, die Sonne schien durch die Seitenspalten des Blockhauses, als sie eben die dunkelwogenden Fichtenwipfel überstieg, und der Deutsche schnürte vor dem Kamin die wollene Decke zusammen, um seine Wanderung, den Fluß hinunter, fortzusetzen; Fanny konnte aber auch noch nicht auf sein, denn er sah sie nirgends.

Mit außerordentlicher Geschicklichkeit, die auch wirklich nur dem daran gewöhnten Hinterwäldler eigen ist, kleidete er sich jetzt unter der Bettdecke soweit an, daß er aufstehen und seine Toilette vor den übrigen Mitgliedern der Familie vollenden konnte und trat nun ebenfalls zum Feuer.

Fanny ließ noch immer Nichts von sich sehen.

»Mr. Curtis,« sagte endlich der alte Farmer, als er die ungeduldigen Blicke bemerkte, die der feurige Liebhaber nach den Gardinen warf, hinter denen die Geliebte noch immer weilte; »Mr. Curtis, wissen Sie es schon?«

»Wissen Sie?« frug Curtis überrascht -- »wissen? was?«

»Sie wissen also Nichts davon?« sagte jener kopfschüttelnd.

»Von was denn, um Gotteswillen?«

»Hm!« sagte der Alte --

»Mr. Peterson, Sie bringen mich in Verzweiflung; was ist vorgefallen? was soll ich wissen? so reden Sie doch -- wo ist Fanny?«

William, Petersons ältester Sohn, winkte dem Ungeduldigen auf bedeutungsvolle Art und verließ das Haus. Curtis drückte sich den Hut auf den Kopf und folgte ihm schnell -- ihm ahnte Schreckliches.

»Mr. Curtis,« sagte William, als er hinter der Fenz, da wo sie das Haus nicht mehr sehen konnten, stehen blieb -- »Mr. Curtis, ich habe einen Auftrag an Sie auszurichten?«

»Auftrag -- von wem?«

»Von Miß Fanny Lowland!«

»Von meiner Braut?«

»Von Miß Fanny Lowland.«

»Mann Gottes, ist sie denn nicht mehr im Hause? ist sie wieder heimgekehrt?«

»Nein; sie ist zum Friedensrichter,« sagte William.

»Zum Friedensrichter?« rief Curtis plötzlich beruhigt, »ja das ist was anderes; aber so lange hätte sie doch noch warten können, bis ich mich angezogen hatte. Ja da muß ich gleich nach --«

»Bitte,« sagte William und hielt den Forteilenden zurück -- »ich habe auch noch ein kleines Briefchen an Sie abzugeben.«

»Einen Brief? von wem?«

»Von Miß Fanny Lowland!«

»Von meiner Braut?«

»Von Miß Fanny Lowland.«

»Der Mensch macht mich noch wahnsinnig,« dachte Curtis, und riß dem Lächelnden das zusammengefaltete Papier aus der Hand. Es war versiegelt, und enthielt, mit Bleistift geschrieben, die folgende, tröstliche Nachricht.

»=Dear Sir= -- Kaum darf ich hoffen, daß Sie mir eine List verzeihen, zu der mich freilich nur die Nothwehr gezwungen hat. Ich liebe einen jungen Mann, einen Advocaten aus Cincinnati, und mein Onkel hätte mir noch Jahrelang seine Einwilligung versagt, da hörte ich von Ihrer Ankunft. Schon am Tag vorher, ehe Sie unser Haus betraten, war die Nachricht gekommen, daß Sie bei Smeiers um die Hand der Tochter angehalten, und da zwischen dort und unserem Hause nur drei Farmen lagen, von denen nur auf zweien heirathsfähige Mädchen lebten, so konnten wir mit Gewißheit darauf rechnen, Sie gestern bei uns zu sehen. Mein Plan war augenblicklich gefaßt; durch Sie mußte ich die schriftliche Erlaubniß meines Onkels bekommen, mich zu verheirathen -- ich sandte meinem Bräutigam durch einen sicheren Neger Kunde, und versuchte nun selbst, Ihr Herz für mich zu gewinnen. Ich will aber nicht eitel sein, ich will es nicht meinen Reizen zuschreiben, die mir das Ihrige so schnell eroberten; doch sei dem wie ihm wolle, mein Plan gelang, ich erhielt das Papier; Sie selber führten mich in die Arme meines Bräutigams, der Sie am vorigen Abend erst mit dem Stein erschreckte, und dann gegen Morgen kam, mich abzuholen. Ich bin, wenn Sie diese Zeilen erhalten, -- sein Weib.«

Curtis starrte mehrere Secunden verblüfft in das Antlitz seines Begleiters -- dann fuhr er fort zu lesen.

»Zürnen sie mir nicht, aber ich war stets ein wildes, unfolgsames Kind, und verdiente weder Sie noch ihren kleinen Neger, noch die hundert und fünfzig Dollar -- leben Sie wohl und machen Sie eine Andere glücklich.«

»=P. S.= Meine Cousinen wußten Nichts von meiner List, auch Peterson's haben es nicht erfahren, nur William, der junge Mann, der Ihnen diesen Brief übergiebt, ist im Geheimniß -- ihm können Sie vertrauen. Er hat zwei liebenswürdige Schwestern; und da Sie gerade an Ort und Stelle sind -- doch einem Manne von Ihrer Erfahrung --«

Curtis warf den Brief auf die Erde und trat ihn so lange mit den Hacken seines Stiefels in den weichen Erdboden hinein, bis er auch nicht die Spur mehr davon entdecken konnte; dann wandte er sich wild gegen den jungen Mann und wollte seinem Grimm in tobenden Worten Luft machen; dieser legte jedoch warnend und beschwichtigend den Finger auf den Mund, trat lächelnd näher und sagte leise, des Ärgerlichen Arm ergreifend:

»Pst, Mr. Curtis -- Blatt vor den Mund -- um Gottes Willen Blatt vor den Mund; bis jetzt weiß die Sache keiner als wir Beide, denn Miß Fanny oder -- Mrs. Grey kommt, wenn sie zurückkehrt, wahrscheinlich nicht hier wieder vorbei -- also _stillgeschwiegen_, das ist das Gescheidteste, was Sie unter den Verhältnissen thun können. Mit einem Mädchen, das Sie nicht liebt, wären Sie überdies nie glücklich geworden.«

»Ich will ihr nach« knirschte Curtis.

»Um ausgelacht zu werden?« meinte William. »Wollen Sie einen guten Rath annehmen, Mr. Curtis?«

Curtis sah fragend zu ihm auf.

»Sie suchen eine Frau, und werden überall abgewiesen --«

»Sir!«

»Ich meine es gut, Mr. Curtis, bei Gott, ich meine es gut, aber -- gehen Sie in einen anderen Staat, wenigstens in ein anderes County. Sie wissen nicht, wie schwer es hält, Vorurtheile zu besiegen.«

»Mr. Peterson, ich werde Sie um Ihren Rath ersuchen, wenn ich dessen bedarf,« rief Curtis entrüstet, eilte zum Hause zurück, warf dort seinen Sattel auf das höchst unmuthig wiehernde Pferd, dem es gar nicht behagen wollte, einen neuen Ritt ohne vorhergenossenes Frühstück anzutreten, drückte ihm den Zaum in's Gebiß, den er sich nicht einmal die Zeit nahm festzuschnallen, schwang sich hinauf und sprengte, ohne auch Jemanden »good bye« oder ein sonstiges Abschiedswort zu sagen, wie besessen die Straße hinauf, dem Hause des Friedensrichters zu.

Der frühe Ritt aber, der kalte Nordwind, der durch den Wald dahin strich, und die noch von den Zweigen träufelnden Regenperlen, die der nächtliche Sturm in dem Nadelholz zurückgelassen, kühlte seine Wangen und -- seinen Jähzorn. Er hatte zuerst im Sinn gehabt, wie ein zürnender Gott vor das Mädchen zu treten, das ihn so schändlich hintergangen, aber des jungen Peterson's Worte: »Sie werden nur ausgelacht,« schallten noch immer in seinen Ohren.

»_Ausgelacht_?« er hielt sein Pferd an, und blickte nachdenkend auf die Straße nieder; »_ausgelacht_ -- und hat jenes -- Geschöpf -- verdient, daß ich mich so um sie ärgere?« Sein Auge fiel auf die frisch eingedrückten Spuren zweier Pferde, von denen er die einen augenblicklich als die Spuren des Poneys erkannte, das Fanny gestern geritten.

Curtis -- der fromme Curtis fluchte -- er schwur, er wolle verdammt sein, wenn er nicht Rache -- »nein -- er wolle _nicht_ verdammt sein« -- sagte er plötzlich, indem er den Zügel losließ, den Hut abnahm und sich mit der Hand hinter dem Ohre kratzte.

»Curtis!« sprach er dann nach kleiner Weile vor sich hin, »Curtis, bist Du nicht ein rechter strafwürdiger Narr gewesen?«

Das Pferd nickte ein paar Mal mit dem Kopfe auf und nieder und wieherte -- es hatte Hunger. »Hast Du Dich nicht in der Ansiedelung zweck- und ziellos umhergehetzt?« fuhr der Reiter fort, ohne des Pferdes Bewegung weiter zu beachten, »hast Du nicht nach Glaskorallen draußen im Weiten gesucht, während Du einen Diamant im eigenen Hause hegst? Curtis -- Du hast diese Strafe verdient -- lange hättest Du merken müssen, daß Dir Nancy gut sei, und -- gestehe es Dir nur ein, Du _hast_ es gemerkt, Du hast es gefühlt, daß sie Dich heimlich liebe, aber von schnöder Geldgier, von dem Drang mehr und mehr Dein eigen zu nennen getrieben, verachtest Du ein Herz, das Dir mit treuer Liebe entgegen schlug, und das in Leid und Freud' bei Dir ausharrte, nur um Dich zu trösten und zu pflegen.«

Er schwieg und sah wohl mehrere Minuten lang sinnend vor sich nieder, dann aber, wie von einem unwiderruflichen festbeschlossenen Gedanken durchglüht, setzte er den Hut wieder auf, ergriff den Zügel, lenkte den Braunen herum, der mit der größten Bereitwilligkeit Folge leistete, und sprengte dann »daß Kies und Funken stoben« -- zurück, der eigenen Heimath zu.

Aber nicht an Peterson's Hause wollte er vorüber, deshalb verließ er bald die breite ausgehauene Countystraße und trabte durch den Wald dem Flusse zu, den er an einer bekannten Furth kreuzte; die Niederung dann durchschneidend erreichte er bald den Fuß der südlich liegenden Hügel, wo er wußte, daß er, ohne an einer Ansiedelung vorüber zu kommen, seine eigene Farm erreichen konnte, und sprengte dann mit verhängtem Zügel und so schnell ihn des Braunen Füße tragen konnten, weiter.

Unterwegs aber überdachte er in zürnendem Sinnen die Körbe -- die ganze Korbhandlung, die er erhalten, und grollte mit dem Schicksal, das ihn dazu verdammt habe, überall seine Hoffnungen zertrümmert, seine Pläne untergraben zu sehen. War es aber das Schicksal, das Alles dieses verübt? war es ein böses Fatum, das über seinen Handlungen wachte und die schönsten Keime noch in der Blüthe erstickte? -- nein -- er hatte sonst in Allem Glück, seine Erndten gehörten stets zu den besten, sein Viehstand wuchs mit jedem Jahre stärker, als er es selber zu hoffen wagte; keinem anderen Ansiedler am Fourche la fave zerriß der Panther weniger Kälber oder der Bär weniger Schweine, und kein Haus war weniger vom kalten Fieber heimgesucht gewesen, als gerade Curtis; dabei war er ein ordentlicher, fleißiger und braver Mann, nicht streitsüchtig, aber tapfer und unerschrocken, wo es galt, seinen Mann zu stehen, und bei der Arbeit unermüdlich.

Woher nun konnte es kommen, daß er von allen Mädchen, um die er anhielt, verschmäht wurde, die noch überdies zu all den obigen Eigenschaften seine Verhältnisse kannten, die in diesen anspruchslosen Gegenden wirklich an Wohlhabenheit grenzten. Kaum glaublich ist es, aber die Ursache lag einzig und allein in jener Angewohnheit, von seinem kleinen Neger und seinem baaren Gelde zu sprechen; er war _verlacht_ und _verspottet_ worden, und irgend Eines der Mädchen hätte lieber einen anerkannten _Schuft_ geheirathet, als einen Mann, der sich einmal -- _lächerlich_ gemacht.

Curtis fühlte das jetzt selbst, und er beschloß hinfüro die Aufzählung seines Eigenthums zu verschieben, bis er darum gefragt werde -- »doch« -- fuhr er dann in seinem Selbstgespräche fort -- »was bedarf ich dessen weiter -- Nancy liebt mich auch mit meinen Schwächen, denn sie kennt meine guten Eigenschaften ebenfalls, und ich werde jetzt das Glück zu Hause finden, das ich, Thor der ich war, vergebens unter Fremden suchte.«

Diese Nacht lagerte er bei einem alten Jäger, der, ziemlich abgeschieden von anderen Ansiedelungen, sich dicht am Flussesufer eine kleine Hütte gebaut hatte, Viehzucht trieb und dabei jagte. Er fand dort gastliche Aufnahme und Nahrung für sich und sein Pferd; schlief auch, da er die Gewißheit hatte, der Alte könne Nichts von seinem Unglück erfahren haben, sanft und ruhig die Nacht, und war am andern Morgen, als die Sonne eben erst den äußersten Hügelsaum vergoldete, schon wieder unter Weges.

Ihn trieb jetzt die Sehnsucht heim, wie sie ihn vor wenigen Tagen fortgetrieben, und freudig und stürmisch klopfte sein Herz, als er endlich das eigene Dach hinter den maigrünen Maulbeerbäumen, die dem Hofe Schatten gaben, hervorschimmern sah.

Der Braune wieherte ebenfalls vor Freuden, als er den heimischen Trog erblickte, und Curtis streichelte ihm im Mitgefühl den schöngeformten Hals. -- Ha -- da war Nancy -- sie hatte das bekannte Wiehern des Braunen gehört, und war in die Thür gesprungen, das heimkehrende Paar zu begrüßen, das heißt, nicht etwa den Braunen und dessen Herrn, sondern den Herrn und dessen -- Frau; sie blieb auch etwas überrascht in der Thüre stehen, als sie Mr. Curtis allein zurückkehren sah; dieser aber drückte dem treuen Thier die Hacken in die Seite, sprengte bis dicht vor die Pforte, blieb dort plötzlich mit einem Ruck halten, und sagte:

»Guten Morgen, Nancy?«

»Ei guten Morgen, Mr. Curtis,« rief das fröhliche Mädchen, »Sie scheinen ja heute gewaltig guter Laune zu sein; ich dachte aber Sie brächten Gesellschaft?«

»Wie gehts Nancy?« frug Mr. Curtis, ohne jedoch auf die letzte Bemerkung weiter zu achten, indem er immer noch vor dem Hause hielt, und zu ihr aufsah -- »wie ist es die Tage über gegangen?«

»Danke -- gut, Mr. Curtis -- sehr gut -- aber warum steigen Sie denn nicht ab? wo bleibt denn der Besuch? ich habe das ganze Haus gescheuert und gekehrt.«

»Schadet Nichts, Nancy,« sagte Mr. Curtis, und sah sinnend auf den -- kleinen Neger nieder, der höchst bedeutungsvoll vor ihm stand und dem Pferde nach dem Zügel griff -- »ja Bob,« rief er diesem dann zu, »führ ihn fort und füttere ihn gut, ich reite nun sobald nicht wieder aus, der Braune soll sich eine Woche pflegen, denn zu Richter Houstons nebenbei können wir zu Fuße gehn. Höre Nancy,« wandte er sich dann an das junge Mädchen -- »ich hab Dir viel zu erzählen, und muß Dich um etwas fragen.« --

»Mich? -- ei um was denn?«

»Sollst es gleich erfahren, aber -- Du hast Dir ja all Deine Sonntagskleider vorgeholt? ist ein Tanz in der Nähe?«

»Ach Mr. Curtis -- ich hätte Ihnen auch viel zu erzählen,« sagte Nancy, und wurde feuerroth.

»Nun Nancy? heraus mit der Sprache,« lächelte dieser, »heraus mit der Sprache -- was ist's?«

»Ach, Sie werden mich auszanken!«

»Ich Dich auszanken, Nancy? habe ich Dich jemals ausgezankt?«

»Ach Gott ja, wissen Sie wohl das eine Mal, wo ich über den kleinen Neger« --

»Oh -- Unsinn,« sagte Mr. Curtis.

»Es war Jemand hier während Ihrer Abwesenheit,« fuhr Nancy fort.

»So? wer denn? aber was wolltest Du mir denn erzählen?«

»Mr. Pelter, Sir, -- der junge Mr. Pelter.« --

»So? wollte er das Joch Ochsen kaufen, wegen dem er sich schon fast die Füße abgelaufen hat?«

»-- Nein -- er -- er hat,« sagte Nancy zögernd und bis in die Haare hinauf erröthend -- »er hat um meine Hand angehalten.«

Curtis zuckte wie von einem Blitzstrahl getroffen zusammen, und blickte dem Mädchen so wild, so stier in's Auge, daß dieses erschreckt einen Schritt zurücktrat und ausrief:

»Mr. Curtis!«

Es war aber auch nur ein Moment, dann geschah ihm das, was uns armen Sterblichen nicht selten geschieht, wenn ein Unglück so schnell dem andern folgt, daß wir kaum Zeit behalten, über das erste nachzudenken, während schon das zweite und dritte nachbricht -- die ganze Sache kam ihm komisch vor -- er schlug ein fürchterliches Gelächter auf und fing dann wie wahnsinnig an zu pfeifen.

Nancy sah ihn erschrocken an -- was konnte dem Manne wohl fehlen? sein ganzes Benehmen war ihr schon sonderbar erschienen -- sollte er -- es wäre schrecklich -- übergeschnappt sein? --

»Bob!« rief Curtis seinen kleinen Neger an --

»Jes Massa.«

»Sattle den Rappen, der Braune mag sich ausruhen, ich muß fortreiten.«

»Aber Mr. Curtis« -- sagte Nancy.

»Und wann wollt Ihr Euch verheirathen, Nancy?«

»Sobald Sie zurückkamen -- heute« -- stotterte Nancy.

»Willst Du mir einen Gefallen thun, Nancy?«

»Gern -- von Herzen gern -- welchen?«

»Willst Du noch bei den Kindern bleiben und auf das Haus acht geben, bis ich, vielleicht in acht Tagen, zurückkehre?«

»Das will ich mit Freuden, aber -- wo wollen Sie denn hin?« --

»Nach Tenessee hinüber, vielleicht nach Kentucky,« sagte Curtis, und trat vor die Thüre, denn in diesem Augenblick brachte Bob den Rappen.

»Good bye Nancy« -- sagte Jeremias, als er sich in den Sattel schwang.

»Good bye Mr. Curtis,« sagte Nancy, als sie ihm kopfschüttelnd nachblickte. Jeremias aber setzte wieder, wie vor einigen Tagen, über den Bach weg und pfiff sich ein munteres Lied, bog aber diesmal anstatt links, rechts in die Countystraße ein, und murmelte, als er dem feurigen Rappen den Hacken fester in die Seite drückte:

»Das müßte doch mit dem Henker zugehen, wenn ich keine Frau kriegen könnte.«

* * * * *

Jeremias Curtis zog nun über den Arkansas, und wie es hieß, sogar über den Mississippi hinüber.

Nancy aber, die allerdings versprochen hatte, bei den Kindern, keineswegs aber ledig zu bleiben bis er zurückkehre, schloß nicht mit Unrecht, daß dies wohl noch eine Zeit lang dauern könne, und da es, wie sie schon mehrere Sonntage gehört hatte, nicht gut wäre, daß der Mensch allein sei, besonders in den dichten Wäldern des fernen Westens, so verband schon am zweiten Tage nach Curtis plötzlicher Abreise der benachbarte Friedensrichter die beiden Liebenden, und »der junge Mr. Pelter« zog, da »die Heerden doch unmöglich so lange ohne männliche Aufsicht bleiben konnten,« indessen als Verwalter auf Curtis Farm.

Hoffentlich bekomme ich recht bald und recht günstige Nachrichten über Curtis zweiten Zug, und werde dann sicherlich nicht ermangeln, dem freundlichen Leser mitzutheilen, ob _Curtis eine Frau bekam_.

Schulen in den Backwoods.

Schulen und Urwald sind eigentlich zwei einander sehr entgegengesetzte Begriffe. Die wild und schauerlich rauschenden Baumwipfel und das Erlernen von Gegenständen, die gerade in ihrem Schatten am wenigsten anwendbar sind, stehen sich einander fast zu unvereinbar und schroff gegenüber; es ist aber hiermit wie mit der Fabel von dem Baume, der dem Menschen erlaubte ein kleines Stück Holz, nur so viel als er zum Stiel einer Axt gebrauchte, zu nehmen, und sich bald darauf durch diesen ihm so gering erschienenen Span angegriffen und gefällt sah. So ist es mit den Schulen im Urwald: zuerst sammeln sich in roh aufgeschlagener Hütte, im Schatten und unter dem Schutz der Wildnisse, die Kinder und jungen Leute aus den vereinzelten Ansiedlungen und Jägerwohnungen; aber ihre Fähigkeiten wachsen -- bald stehen ihnen die sie umstarrenden Riesenstämme zu beengend und hemmend im Weg und die herrlichen Bäume fallen, der Wald wird gelichtet, das Land urbar gemacht, Farmen und Städte springen auf und der Pflug durchfurcht den Platz, Lastwagen knarren über die Stelle wo noch vor wenigen Monden der Bär sein stilles und ungestörtes Lager aufgeschlagen, wo kein Laut das feierliche Waldesschweigen gebrochen hatte, als der gellende Schrei des Panthers und der schauerliche Ruf der Eule und des Whip-poor-will.