Ameisenbüchlein; oder, Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher
Part 2
_A._ ~Anrede an Hermann.~ Aufforderung an denselben, sich der Erziehung zu widmen und zwar aus folgenden Gründen:
_a_) Die Erziehung schafft die Gelegenheit, ~für Menschenwohl recht thätig sein~ zu können;
_b_) die gewissenhafte Ausübung der Erziehungskunst verschafft dir die Seligkeit, einst Männer, ~durch dich gebildete Männer~, zu sehen, die mit Kraft und Nachdruck für alles Gute thätig sind;
_c_) das Erziehungsgeschäft ist ~nicht so mühsam~, als es von denen, die es nicht verstanden haben, geschildert worden ist;
_d_) die Fröhlichkeit, welche ein wahrer Erzieher unter den Kleinen hervorzubringen vermag, hat einen wohlthätigen Einfluß auf denselben;
_e_) kein Geschäft ist ~belohnender~ als das Erziehungsgeschäft. Als Lohn wird dem Erzieher:
1) Frohsinn, Gesundheit und ein heiteres Alter,
2) eigene Veredelung,
3) materieller Gewinn.
_B._ ~Vorbericht~ über den Titel. In ihm setzt Salzmann auseinander, warum er:
_a_) diesen Titel gewählt und
_b_) dem Büchlein diesen Inhalt gegeben habe;
_c_) Entschuldigung über die etwas starke und schneidige Art des Vortrags.
_C._ ~Die Schrift selbst~: 5 Teile:
_I._ ~Symbolum~: »~Von allen Fehlern und Untugenden seiner Zöglinge muß der Erzieher den Grund in sich selber suchen~;« denn
_a_) vielen Lehrern fehlt das Lehrgeschick;
_b_) viele Erzieher und Lehrer lehren die Kinder die Fehler
1) durch schlechtes Beispiel,
2) durch falsche Behandlungsart,
3) durch den Mißbrauch des Zutrauens, das ihnen vom Kinde entgegengebracht wird,
4) durch Nichtbefriedigung des Thätigkeitstriebes;
_c_) viele Erzieher dichten ihren Zöglingen Fehler und Untugenden an, da sie nicht die kindliche Natur berücksichtigen.
_d_) oft nehmen die Erzieher eine willkürliche Regel an, nach der sie die Zöglinge richten wollen, und rechnen diesen jede Abweichung von derselben als Untugend an.
_e_) indem die Erzieher Eigenheiten ihrer Zöglinge zu den Fehlern und Untugenden rechnen, vergrößern sie dieselben.
_II._ ~Was ist Erziehung? Sie ist Entwickelung und Übung der jugendlichen Kräfte.~ In diesem Kapitel giebt Salzmann einen kurzen Abriß der Erziehung und der allmählichen Entwickelung der jugendlichen Kräfte.
_III._ ~Was muß ein Erzieher lernen?~
_a_) Er muß sich und seine Zöglinge ~gesund~ zu erhalten suchen und zwar:
1) durch einfache Kost,
2) durch Abhärtung,
3) durch Bewegung.
_b_) Er muß die kindlichen Kräfte an ~sinnlichen~ Gegenständen üben und durch nützliche und unterhaltende Beschäftigungen für die ~Befriedigung des Thätigkeitstriebes~ (durch Handarbeiten) sorgen.
_c_) Er muß sich bemühen, ~mit Kindern umzugehen~.
_d_) Er muß die Kinder zur ~Sittlichkeit~ gewöhnen, und zwar:
1) durch Wahrhaftigkeit,
2) durch Vorhalten von Vorbildern,
3) durch Ermahnung unter vier Augen,
4) dadurch, daß das Kind selbst das Gute einsieht und will.
_IV._ ~Plan zur Erziehung der Erzieher.~ Hier giebt Salzmann denjenigen, die sich dem Erziehungsgeschäfte widmen, eine Anweisung zur ~Selbsterziehung~; seine Hauptregel ist: Erziehe dich selbst! 11 Regeln:
1) sei gesund;
2) sei immer heiter;
3) lerne mit Kindern sprechen und umgehen;
4) lerne mit Kindern dich beschäftigen;
5) bemühe dich, dir deutliche Kenntnisse der Erzeugnisse der Natur zu erwerben;
6) lerne die Erzeugnisse des menschlichen Fleißes kennen;
7) lerne deine Hände brauchen;
8) gewöhne dich mit deiner Zeit sparsam umzugehen;
9) suche mit einer Familie oder Erziehungsgesellschaft in Verbindung zu kommen, deren Kinder oder Pflegesöhne sich durch einen hohen Grad von Gesundheit auszeichnen;
10) suche dir eine Fertigkeit zu erwerben, die Kinder zur innigen Überzeugung von ihren Pflichten zu bringen;
11) handle immer so, wie du wünschest, daß deine Zöglinge handeln sollen!
_V._ ~Schlußermahnung~: _Non ex quovis lignofit Mercurius_. ~Prüfe dich~, ob du die Gabe hast, auf Kinder zu wirken und sie zu lenken.
Salzmanns ~Ameisenbüchlein~ verdient auch noch jetzt trotz der vielen pädagogischen Schriften, die alljährlich auf den Büchermarkt gelangen, gelesen und studiert zu werden. Ist heutzutage auch das meiste von dem, was es giebt, wenigstens theoretisch allgemein anerkannt, so ist der Inhalt des Buches noch nicht als veraltet zu betrachten. ~Moller~ sagt in Schmids Encyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens: »Es giebt in der neueren pädagogischen Litteratur vielleicht kein Werk, das die Pflicht des Erziehers, sich selbst zu vervollkommnen und den Grund jedes Mißerfolgs vor allem in sich selbst zu suchen, so eindringlich mit mildem Ernst und erfahrungsreicher Weisheit ans Herz gelegt hätte, wie das ~Ameisenbüchlein~.« Ist nun auch diese Salzmannsche Schrift besonders für Erzieher von Fach und für diejenigen geschrieben, die es werden wollen, so finden doch auch die Eltern manchen beherzigenswerten Wink in demselben. Klarheit und Wahrheit, Frische und Natürlichkeit spricht sich auf jeder Seite dieser Schrift aus, so daß ihre Lektüre auch jetzt noch reichen Genuß bietet. Möge deshalb auch die von mir veranstaltete Ausgabe freundliche Aufnahme bei Deutschlands Lehrern und in deutschen Familien finden.
* * * * *
Das »~Ameisenbüchlein~« erschien im Jahre 1806 in Schnepfenthal in der Buchhandlung der Erziehungsanstalt. Veranlaßt dazu ward Salzmann durch den Mangel an Anweisungen zur Erziehung der Erzieher, während an Büchern, die Anweisungen zur Erziehung der Kinder enthalten, Überfluß war. Salzmann schreibt: »Was helfen aber diese, wenn jene nicht da sind? Wozu nützen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die sie ausführen können? Statt darauf zu denken, das Wahre und Gute, was wir von der Erziehung bereits wissen, in Ausübung zu bringen, fährt man fort, neue Theorien aufzustellen, denen, so gut wie jenen, die Ausführung fehlen wird. Wir gleichen theoretischen Baumeistern, die die Ideale zu den vollkommensten Gebäuden mit der Reißfeder entwerfen können, die aber immer nur Risse bleiben, mit denen man etwa die Wände bekleiden kann, da ihren Verfertigern die Geschicklichkeit fehlt, das Entworfene zur Wirklichkeit zu bringen.«
Dem nachfolgenden Abdrucke ward die Originalausgabe von 1806 zu Grunde gelegt. Diese erschien doppelt, nämlich in einer auf besserem Papier, in größerem Drucke und mit dem oben erwähnten Bilde auf dem Titelblatte hergestellten Ausgabe und in einer »wohlfeilen Ausgabe« ohne Titelbild. Hinderlich waren der Verbreitung der Schrift die bald nach ihrem Erscheinen in Deutschland auftretenden Kriegsunruhen, die auch auf die Schnepfenthaler Anstalt nachteilig wirkten. Ein Nachdruck des »Ameisenbüchleins« erschien 1807 in der J.J. Mäckenschen Buchhandlung in Reutlingen. Wieder abgedruckt ward es in der 1845 von der Hoffmannschen Verlagsbuchhandlung in Stuttgart verlegten und zum hundertjährigen Geburtstage Salzmanns von dessen Familie veranstalteten Ausgabe seiner Volks- und Jugendschriften. Benutzt sind von mir auch, soweit es meinen Zwecken entsprach, die Ausgabe der Salzmannschen Schriften von Karl Richter, sowie diejenige von Richard Bosse und Johs. Meyer.
~Hannover~, am Todestage Salzmanns, den 31. Oktober 1887.
#Ernst Schreck.#
Ameisenbüchlein.
An Hermann!
So nenne ich dich, lieber junger Mann, der du in deiner Brust ein Streben fühlst, durch Thätigkeit für Menschenwohl dich in der Welt auszuzeichnen.
Gieb mir die Hand! Wenn du nicht vorzügliche Talente und entschiedene Neigung zu einem andern Geschäfte in dir fühlst -- so widme dich der Erziehung!
Diese schafft dir Gelegenheit, für Menschenwohl recht thätig zu sein. Wer Moräste austrocknet, Heerstraßen anlegt, Tausenden Gelegenheit verschafft, sich ihre Bedürfnisse zu verschaffen, Gärten pflanzt, Krankenhäuser stiftet, wirkt auch für Menschenwohl, aber nicht so unmittelbar und durchgreifend als der Erzieher. Jener verbessert den Zustand der Menschen, dieser veredelt den Menschen selbst. Und ist der Mensch erst veredelt, so geht aus ihm die Verbesserung von selbst hervor, und der Zögling, dessen Veredelung dir gelungen ist, hat Anlage, auf dem Platze, wohin ihn die Vorsehung stellt, den Zustand von tausenden seiner Brüder angenehmer und behaglicher zu machen.
In keiner Klasse von Menschen findest du so viel Empfänglichkeit für alles Gute, als bei Kindern. Ihr Herz ist die wahre Jungfernerde, in welcher jedes Samenkorn schnell Wurzel schlägt und emporwächst; es ist ein Wachs, das sich willig in jede Form schmiegt, in die du es drückst. Das Herz der Erwachsenen gleicht einem Lande, das schon mit Gewächsen besetzt ist, die darin tiefe Wurzeln schlugen, und die erst mit vieler, oft vergeblicher Mühe ausgerottet werden müssen, wenn der Same, den du in dasselbe werfen willst, gedeihen soll; einem Marmor, der mit großer Behutsamkeit bearbeitet sein will, und in dem man, nach langer mühseliger Arbeit, oft auf eine Ader stößt, die alle fernere Arbeit zwecklos macht. Wenn du die Erziehungskunst wirklich gründlich erlernst und mit Gewissenhaftigkeit ausübest, so verschaffst du dir gewiß die Seligkeit, einst Männer, durch dich gebildete Männer, zu sehen, die mit Kraft und Nachdruck für alles Gute thätig sind.
Wende mir nicht ein, das Erziehungsgeschäft wäre so mühsam. Wo ist denn ein gemeinnütziges Geschäft, das nicht mühsam wäre? Und wenn es ein solches, wie z. B. das Zerlegen einer Pastete, gäbe, wolltest du dich wohl demselben widmen? Aber glaube mir, das Erziehungsgeschäft ist nicht so mühsam, als du denkst. Erzieher, die die Erziehung nicht verstanden, haben es in einen übeln Ruf gebracht. Merke nur auf die Winke, die dir in diesem Buche gegeben werden, ~und befolge sie~, so wirst du bei der Erziehung zwar Mühe, aber fast immer solche finden, die durch einen baldigen glücklichen Erfolg belohnt wird, und deswegen kaum den Namen der Mühe verdient. Und diese kleine Mühe -- durch wie mannigfaltige Freude wird sie versüßt werden! Sieh', was für ein harmloses, fröhliches Völklein die Leutchen sind, in deren Kreise der Erzieher wirkt! Wird, wenn du ein wirklicher Erzieher wirst und dich zu ihnen herabstimmen lernst, ihre beständige Fröhlichkeit nicht einen wohlthätigen Einfluß auf dich haben?
Die Erfahrung lehrt, daß Männer, die in der jugendlichen Atmosphäre leben und weben, gemeiniglich alt werden, unterdessen daß von denjenigen ihrer Jugendfreunde, die in dem Dunstkreise der Erwachsenen arbeiteten, einer nach dem andern dahin welkt.
Man hat diese unleugbare Erscheinung oft den jugendlichen Ausdünstungen zugeschrieben, die solche Männer einatmen, und damit ihre zähwerdende Blutmasse verdünnen. Ob es wahr sei, kann ich nicht entscheiden, da mir hierzu die nötigen ärztlichen Kenntnisse fehlen.[1] Sicher trägt aber die beständige Munterkeit und Fröhlichkeit der Jugend das ihrige dazu bei, wenn man ihr nur nicht durch Eigensinn und üble Laune entgegenarbeitet. Will man sich in den Lehnstuhl setzen, um des Marasmus Ankunft ruhig abzuwarten, so kommt ein munterer Knabe gehüpft, bittet, einen seiner jugendlichen Wünsche zu befriedigen, und reizt uns, den Lehnstuhl zu verlassen. Dort beginnen einige frohe Knaben ein munteres Spiel, das auch uns zum Frohsinn stimmt. Nun ruft uns die Glocke in das Lehrzimmer, wo man, soll anders der Unterricht einen guten Erfolg haben, der üblen Laune entsagen und zum Frohsinn sich stimmen muß. So verjüngt der Erzieher, der seiner Bestimmung gemäß lebt, sich täglich, und hält das Alter mit seinen mannigfaltigen Beschwerden von sich entfernt.
Die Erziehung, denkst du vielleicht, wird aber so schlecht belohnt.
Das glaubst du wirklich? Mir deucht, kein Geschäft ist belohnender als dieses. Sind denn Frohsinn, Gesundheit und ein heiteres Alter, die gewöhnlich dem ~wahren~ Erzieher zu teil werden, eine Kleinigkeit?
Nächstdem kann er noch auf eine andere Belohnung rechnen, dies ist -- die eigene Veredelung. Der Erzieher, der sein Geschäft nicht als Broterwerb treibt, den die Veredelung seiner Pflegebefohlenen Hauptzweck ist, muß schlechterdings ein guter, edler Mensch werden. Wie? er sollte stets die Pflicht mit Wärme empfehlen können, ohne über dieselbe täglich nachzudenken und ihren Wert zu fühlen? ohne sich selbst als Muster der Pflichterfüllung darzustellen? Er sollte unter jungen Leuten leben können, deren scharfes Auge jeden Fehler bemerkt, deren Freimütigkeit jeden Fehler bemerkbar macht, ohne dieselben abzulegen? Das so wahre Sprichwort: _docendo discimus_ ist auch in moralischer Hinsicht wahr. Wenn wir uns ernstlich bestreben, unsere Pflegebefohlenen zu veredeln, werden wir selbst veredelt.
Und nun, mein guter Hermann! wenn du bei dem Erziehungsgeschäfte gesund und froh wirst, wenn dabei dein innerer Mensch gedeihet und immer mehr edlen Sinn bekommt, bist du nicht belohnt genug? Gesetzt, du müßtest deine Tage in niedriger Dürftigkeit verleben, bist du nicht belohnt genug? Oder, wolltest du wohl dies alles dahin geben, um eine glänzende Rolle zu spielen? wolltest lieber an einer reichlich besetzten Tafel krank, als bei einer einfachen Mahlzeit mit gutem Appetite sitzen? wolltest lieber Jubel um dich und in dir Gram, als in dir Frohsinn und um dich Stille haben? wolltest lieber einen Schwarm feiler Seelen befehlen, als dich selbst beherrschen? Nun, so triff den Tausch, aber -- mein Hermann bist du nicht -- dir ist dies Buch nicht geweihet.
An dich wende ich mich, der du den Wert dieser großen Belohnung fühlen kannst. Erlangtest du auch keine als diese, so wirst du jede andere entbehren können.
Aber gewiß, wenn du dich bestrebst, kein mittelmäßiger, sondern ein ausgezeichneter Erzieher zu werden, wird dir auch andere Belohnung nicht fehlen. Die Zeiten sind vorbei, da das Erziehungsgeschäft verächtlich war. Die Familien werden immer zahlreicher, denen ein ~guter~ Erzieher das höchste Bedürfnis ist, die sich denselben um jeden Preis zu verschaffen suchen; die ihn nicht als ersten Bedienten, sondern als ersten Freund des Hauses betrachten. Fürstenfamilien sehen sich nach dem Manne um, dessen Leitung sie ihre Kinder mit vollem Zutrauen übergeben können. -- Und du wolltest nicht Erzieher werden?
Vorbericht.
Als ich mich bei Ausfertigung des ~Krebsbüchleins~[2] in das Kerbtierfach warf, war meine Meinung, eine Reihe von Schriften auszuarbeiten, die ihren Namen von Kerbtieren haben sollten. Allein die Geschäfte, in die ich von diesem Zeitpunkte an verwickelt wurde, hielten mich immer davon ab, und nun läßt mir das herannahende Alter wenig Hoffnung übrig, meinen Vorsatz ausführen zu können. Das Skorpionbüchlein, oder Anweisung zu einer unvernünftigen Regierung der Völker, sowie das Spinnenbüchlein, oder Anweisung zu unvernünftiger Führung der Ehe, wird also nicht zur Wirklichkeit kommen. ~Das Ameisenbüchlein oder die Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher~ erscheint aber hier.
Wozu der sonderbare Titel? wird man fragen. Erstlich dazu, daß dadurch Leser herbeigelockt werden. Der Inhalt dieses Buches scheint mir so wichtig, daß ich wünsche, es möchte von allen, die erziehen oder erziehen lassen, gelesen und beherzigt werden. Gleichwohl ist zu besorgen, daß es unter der Flut von Schriften, mit welchen Deutschland in jeder Messe überschwemmt wird, nicht möchte bemerkt werden, wenn es nicht eine Auszeichnung bekommt, die in die Augen fällt, und es unter den tausenden, von welchen es umgeben ist, bemerkbar macht. Was ist hierzu aber wohl schicklicher als der Titel? Ein anderer würde dazu vielleicht einen griechischen oder französischen Namen, oder den Namen einer Gottheit oder eines Weisen des Altertums gewählt haben; mir aber gefiel der Titel: ~Ameisenbüchlein~.
Zweitens wählte ich gerade diesen Titel, weil das Krebsbüchlein so gut ist aufgenommen worden, daß es noch nach 24 Jahren gelesen und hier und da empfohlen wird, und ich daher hoffen durfte, daß die Ähnlichkeit des Namens diesem Buche einen ähnlichen Beifall im Publikum verschaffen würde.
Endlich liegt auch wirklich ein Grund zu der Wahl dieses Titels im Ameisenhaufen selbst. Die Eltern der Ameisen, nachdem sie ihr Geschlecht fortgepflanzt haben, schwingen sich in die Luft, und sind, nach menschlicher Art und Weise, um ihre Brut unbekümmert, deren Pflege und Erziehung sie jenen Ameisen überlassen, die durch die Natur zu einem niederen Wirkungskreise bestimmt sind. Diese nun besorgen ihr Geschäft auch recht gut; sie bringen die junge Brut täglich an die Sonne, laufen herbei und suchen sie zu retten bei jeder Gefahr, von welcher sie bedroht wird[3] -- und der Erfolg bürgt für die Güte der Erziehung, da jeder Ameisenhaufen der Wohnsitz der Gesundheit, Reinlichkeit, Thätigkeit und Folgsamkeit ist, die in vielen menschlichen Gesellschaften vermißt werden, zu welchen man aber die jungen Ameisen gleich nach ihrem Entstehen gewöhnt. So wie also Salomo den Faulen zum Ameisenhaufen verweist, könnte man auch in anderer Rücksicht den Erzieher auf denselben aufmerksam machen.
So viel vom Titel! Was den Inhalt betrifft, so scheint er mir von großer Wichtigkeit zu sein. Wir haben einen Überfluß von Büchern, die Anweisung zur Erziehung der Kinder enthalten, aber an Anweisungen zur Erziehung der Erzieher scheint mir noch Mangel zu sein. Was helfen aber jene, wenn diese nicht da sind? Wozu nützen alle Theorien, wenn die Leute fehlen, die sie ausführen können? ~Die Revision des Schul- und Erziehungswesens~[4] stellt gute Theorien auf, wo sind sie aber ausgeführt worden? Statt darauf zu denken, das Wahre und Gute, was wir von der Erziehung bereits wissen, in Ausführung zu bringen, fährt man fort, neue Theorien aufzustellen, denen, so gut wie jenen, die Ausführung fehlen wird. Wir gleichen theoretischen Baumeistern, die die Ideale zu den vollkommensten Gebäuden mit der Reißfeder entwerfen können, die aber immer nur Risse bleiben, mit denen man etwa die Wände bekleiden kann, da ihren Verfertigern die Geschicklichkeit fehlt, das Entworfene zur Wirklichkeit zu bringen.
Ach, gebt uns gute Erzieher! gebt uns Leute, die die Neigung, Geschicklichkeit und Fertigkeit haben, Kinder vernünftig zu behandeln, sich die Liebe und das Zutrauen derselben zu erwerben, die Kräfte zu wecken, ihre Neigungen zu lenken, und durch ihre Lehre und ihr ~Beispiel~ die jungen Menschen zu dem zu machen, was sie, ihren Anlagen und ihrer Bestimmung nach, sein können und sein sollen, und die Erziehung wird gelingen, ohne daß wir neue Theorien nötig haben. So geht aus der Dorfschule manches verständigen, rechtschaffenen und treuen Schulmeisters, der nie etwas von reiner Pflicht hörte[5], noch neue Theorien über den Unterricht im Lesen studierte, nach und nach eine Gemeinde hervor, die durch ihre Rechtschaffenheit, helle Einsichten, Ordnung, Thätigkeit und Lesefertigkeit sich im ganzen Umkreise zu ihrem Vorteile auszeichnet, und alle hinter sich zurückläßt, die nach den neuesten Theorien von Männern erzogen wurden, die nicht zu erziehen verstanden.
Was ist z. E. vernünftiger, als die Forderungen der Erzieher, die Kinder mehr durch Vorstellungen, als durch Belohnungen und Strafen zu lenken? Allein zu dem Lenken der Kinder durch Vorstellungen gehört eine ganz eigene Geschicklichkeit. Derjenige, dem sie fehlt, kann den Kindern sehr viel Vernünftiges und Gutes sagen, das sich recht gut lesen läßt, und wird damit doch nichts ausrichten, unterdessen daß ein anderer, der die Erziehung versteht, mit weit weniger Worten zu seinem Zwecke kommt.
Es ist unter den Erziehern allgemein angenommen worden, daß zur Erziehung auch eine gewisse Abhärtung des Körpers gehöre; wenn der Erzieher aber selbst weichlich ist, wie will er andere abhärten? u. s. w.
Was die Art meines Vortrags betrifft, so wird man manches daran auszusetzen finden, das aber doch wegen meiner Eigenheit verdient entschuldigt zu werden. Bisweilen werde ich etwas stark und entscheidend sprechen, und fordern, daß dies und jenes so und nicht anders sein müsse. Dies ist eine Folge von der Lebhaftigkeit meiner Überzeugung. Ich bin kein Jüngling mehr, der sich mit Idealen beschäftigt, von denen er noch zweifelhaft ist, ob sie außer seinem Gehirne gedeihen werden; ich habe einige und zwanzig Jahre selbst erzogen, die Eigenheiten der Kinder in mancherlei Verhältnissen kennen gelernt, manchen Versuch mit ihnen gemacht, der mir mißlang, und andere, von denen ich die gesegnetsten Wirkungen verspürte. Was ich also weiß, das weiß ich aus vieljähriger Erfahrung; ist es mir daher zu verdenken, wenn ich davon mit eben der Zuversicht spreche, mit welcher ein alter Arzt die Heilart einer gewissen Krankheit, deren Güte ihm eine vieljährige Erfahrung bestätigte, zu empfehlen pflegt?
Auch werde ich wenig oder gar nicht dessen Erwähnung thun, was andere Erzieher geleistet haben. Dies rührt keineswegs von der Geringschätzung anderer her, sondern ist bloß eine Folge meiner Eigenheit. Ich habe wenig gelesen, desto mehr gedacht, beobachtet und gehandelt. Will man dies als Unvollkommenheit ansehen, so mag man es; so viel ist aber doch gewiß, daß es einem Manne, der die Arbeiten anderer nicht hinlänglich kennt, nicht geziemt, darüber zu urteilen.
Besonders auffallend wird man es finden, daß ich der Pestalozzischen Lehrart, die die Augen von Europa auf sich gezogen hat, nicht oft Erwähnung thue.
Es geschieht dies aus eben diesem Grunde. So viel ich in einem flüchtigen Blicke von der Lehrart dieses verdienten Mannes gefaßt habe, scheint es mir, als wenn wir in der Hauptsache mit einander übereinstimmten, und nur im Ausdrucke voneinander verschieden wären. Manches aber, das mir bei ihm neu war, habe ich angenommen und benutze es mit Dank.
Dahin gehören seine Linearzeichnungen, die Übungen des Gedächtnisses, die Rechnungsmethode und das laute Aussprechen von mehreren Schülern zugleich.
Möge dies kleine Buch den Zweck, zu welchem es aufgesetzt wurde, ~ganz~ erreichen! Mögen viele deutsche Jünglinge dadurch für das wichtige, wohlthätige Geschäft der Erziehung gewonnen, mögen sie dadurch auf den einzig wahren Weg, den die Natur uns vorzeichnet, geleitet, möge dadurch das Vorurteil zerstört werden, als wenn die Erziehung eine lästige Arbeit und das Gelingen derselben äußerst zweifelhaft sei, damit unsere Nation den Ruhm, den sie sich durch ihre Erziehungskunst im Auslande erwarb, noch ferner behaupte und begründe.
~Schnepfenthal~, im Oktober 1805.
#C.G. Salzmann.#
Symbolum.
Denen, die sich entschließen, das Christentum anzunehmen, wird gewöhnlich bei Einweihung zu demselben eine Formel vorgelegt, zu deren Annahme sie sich bekennen müssen, die man Symbolum nennt. Damit ist nun freilich großer Mißbrauch getrieben worden, und manches Symbolum scheint mehr in der Absicht gegeben zu sein, um Haß gegen Andersdenkende, als Anhänglichkeit an die Partei, mit welcher man sich vereinigen will, einzuflößen. An sich ist diese Gewohnheit aber doch gut und nötig. Jede Gesellschaft muß doch einen gewissen Zweck haben, zu welchem sie sich vereinigt, und gewisse Grundsätze, durch deren Befolgung sie den vorgesetzten Zweck erreichen will; diese können in eine kurze Formel verfaßt, und die Annahme derselben von denen verlangt werden, die mit der Gesellschaft sich verbinden wollen.