Ameisenbüchlein; oder, Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher
Part 11
[27] In seiner Schrift: »Über die Erziehungsanstalt in Schnepfenthal« läßt sich Salzmann eingehend über die Ausbildung der ~Handfertigkeit~ aus. So sagt er: »Zur Erziehung des Menschen ist unumgänglich nötig: Übung seiner Hände und Gewöhnung, von den Werkzeugen, die der menschliche Verstand erfand, Gebrauch zu machen.« In Schnepfenthal fand der Handfertigkeitsunterricht eingehende Pflege. Die Zöglinge wurden unterwiesen in Papparbeiten, Schreinerarbeit, Drechseln, Korbflechten. Besonders widmete sich der Lehrer ~Blasche~ diesem Unterrichte. Die Handfertigkeitsunterrichtsfrage ist zur Zeit eine brennende, noch unentschiedene. In zahlreichen Schriften wird für und gegen den Handfertigkeitsunterricht gestritten. Nach unserer Ansicht ist Salzmann in vollem Rechte, wenn er die Betreibung von Handarbeiten zur Kräftigung des Körpers fordert. Für eine Eingliederung derselben, zumal wenn der Handfertigkeitsunterricht nur praktisch-formalen Nutzen gewährt und mit der Schularbeit in gar keiner Verbindung steht, können wir uns nicht begeistern. Stellt er sich aber in den Dienst des theoretischen Unterrichts, wie es z. B. die Schrift vom Seminarlehrer ~Magnus~: »~Der praktische Lehrer~« für die Seminare thut, so ist die Sache eine andere. Wenn der Handfertigkeitsunterricht dagegen in selbständigen Kursen, wie in den ~Knabenhorten~, erteilt wird, so haben wir nichts dagegen zu erinnern. Wer sich eingehender über diese heutige Tagesfrage unterrichten will, der sei verwiesen auf die Schriften: ~von Schenckendorff~: »Der praktische Unterricht, eine Forderung der Zeit an die Schule, sein erziehlicher, volkswirtschaftlicher und sozialer Wert«; ~Eckardt~: »Die Arbeit als Erziehungsmittel«; ~Hanschmann~: »Die Handarbeit in der Knabenschule«; ~Salomon~: »Arbeitsschule und Volksschule«; ~Gelbe~: »Der Handfertigkeitsunterricht«; ~Rauscher~: »Der Handfertigkeitsunterricht, seine Theorie und Praxis«; ~Barth~ und ~Niederley~: »Des deutschen Knaben Handwerksbuch«; ~Elm~: »Der Handfertigkeitsunterricht in Theorie und Praxis«; ~Michelsen~: »Die Lehr- und Arbeitsschule zu Alfeld«; ~Karl Friedrich~ (Professor Biedermann): »Die Erziehung zur Arbeit, eine Forderung des Lebens an die Schule«; ~Rißmann~: »Geschichte des Arbeitsunterrichtes in Deutschland«; ~Johs Meyer~: »Die geschichtliche Entwickelung des Handfertigkeitsunterrichts«; ~von Schenckendorff~: »Über Bedeutung und Ziel des Handfertigkeitsunterrichts«; ~Johs Meyer~: »Der Handfertigkeitsunterricht und die Schule«; ~Seidel~: »Der Arbeitsunterricht, eine pädagogische und soziale Notwendigkeit«; ~Bütow~: »Die Volksschule und der Handfertigkeitsunterricht«; ~Kreyenberg~: »Handfertigkeit und Schule«.
[28] In Bezug auf sein ~anthropologisches Prinzip~ stand Salzmann wie die anderen Philanthropen auf dem Boden des ~Rationalismus~. Sie huldigten dem Grundsatze der ~Naturalisten~: ~Der Mensch ist von Natur durchaus gut~. (_Pelagianismus._) So sagt ~Rousseau~ am Anfange des »Emil«: »Alles ist gut, wie es aus den Händen des Urhebers aller Dinge hervorgeht; alles entartet unter den Händen des Menschen.« An einer anderen Stelle heißt in derselben Schrift: »Stellen wir als unantastbaren Grundsatz fest, daß die ersten Regungen der Natur immer gut sind; ~es giebt keine ursprüngliche Verderbtheit in dem menschlichen Herzen~.« Auch ~Salzmann~ läßt in seinem »Konrad Kiefer« den Pfarrer sprechen: »Lieber Herr Kiefer, es giebt eine Erbsünde, eine Regung zum Bösen und eine Abneigung vom Guten, die die Kinder von ihren Eltern bekommen; sie wird ihnen aber nicht sowohl angeboren, als ~anerzogen~.« Dagegen behaupten die strengen Supranaturalisten, daß die menschliche Natur zum Guten aus eigener Kraft absolut unfähig ist. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, so auch hier, in der Mitte. In der Natur des Menschen kann kein Absolut-Böses, wohl aber die Anlage zum Relativ-Bösen sein. Die gemäßigteren Supranaturalisten beschränken ihre Ansicht auch dahin, daß dem Menschen eine Neigung zum Bösen angeboren sei, die sich in der frühesten Jugend mit Übergewicht äußere.
[29] Wohl enthalten die nachfolgende Worte Salzmanns über die ~sittliche Erziehung~ manches Beherzigenswerte, wollen aber mit Vorsicht aufgenommen sein. Wenn Salzmann Verbote und Gebote als »moralische Gängelbänder« verwirft, so folgt dieses aus seinem anthropologischem Prinzipe, das auf den Naturalismus beruht. Das Kind muß den Anordnungen des Erziehers nicht folgen, weil es von deren Vernünftigkeit überzeugt ist, sondern aus ~Gehorsam~, der in der Autorität und in der Liebe zum Lehrer beruht. Das erste Haupterfordernis der Zucht ist der Gehorsam. So fordert auch ~Jean Paul~, daß alle Erziehung beim Gehorsam anfangen müsse. Erst auf die Stufe der Zucht folgt die Stufe der Freiheit des Willens. Doch ist die keimende Selbständigkeit des Kindes zu beachten.
[30] Die Schrift: »~Erster Unterricht in der Sittenlehre für Kinder von 8-10 Jahren~« erschien 1803.
[31] Siehe Salzmanns Anmerkung S. 52. ~Locke~ und ~Rousseau~ hatten das ~Baden~ im Freien zur Abhärtung des Körpers sehr empfohlen. Ihnen folgten die Philanthropen, indem sie dasselbe praktisch ausführten. So hatte auch Salzmann das Baden in den zu seinem Besitztume gehörigen Teichen eingeführt. Man hielt diese Neuerung vielfach als für die Gesundheit nachteilig, namentlich gab man an, daß das Baden im »kalten« Wasser die Nerven aufrege. Hierauf beziehen sich Salzmanns Worte. In neuester Zeit beginnt man ~Schulbäder~ in den Schulanstalten einzurichten wie z. B. in Göttingen, Hannover, Frankfurt am Main.
[32] Die Schrift: »~Heinrich Gottschalk oder erster Religionsunterricht für Kinder von 10-12 Jahren~« erschien 1804; ihr folgte 1808 der »~Unterricht in der christlichen Religion~«.
[33] Nach diesen Worten scheint Salzmann wenig von einer ~Vorbildung zum Lehrerberufe~ auf einer Pflanzschule zu halten, nachdem er doch selbst kurz vorher den Umriß zu derselben entworfen hat. Als einfacheren Weg stellt er die Regel: »~Erziehe dich selbst!~« auf. Der Grund liegt, wie ~Karl Richter~ bemerkt, wohl darin, daß er bei seinem Plane nicht sowohl Dorfschulen und ihre Lehrer, sondern junge Theologen als Lehrer in Familien und an Privatinstituten im Auge hatte. Schon zu Salzmanns Zeit bestanden an vielen Orten Seminare, wie das Berliner Seminar, von Hecker gegründet, und die von Friedrich d. G. in Schlesien eingerichteten Seminare. Die von Salzmann gegebenen Regeln sind von den Erziehern wohl zu beherzigen; sie genügen aber durchaus nicht zur Bildung derselben. Wer selbst den Lehrerberuf nicht theoretisch und praktisch erlernt hat, wozu sich am besten unsere heutigen Lehrerbildungsanstalten mit ihren Übungsschulen eignen, kann kein tüchtiger Erzieher sein. Deshalb wird auch bei den Prüfungen der Lehrer auf die pädagogische Ausbildung und auf die Lehrprobe das Hauptgewicht gelegt. Zu fordern ist auch, daß die Schulaufseher und Schulleiter sowohl theoretisch als praktisch pädagogisch geschult sind, was leider bis jetzt noch nicht stets der Fall ist.
[34] »~Der Himmel auf Erden~« erschien 1797. Salzmann zeigt in dieser Schrift, daß der Mensch die Glückseligkeit nicht erst im Jenseits erwarten solle, sondern daß er sich schon hier auf Erden das Leben zu einem Himmel gestalten könne und zwar durch sittliches Handeln und treue Pflichterfüllung, durch lebendige Erkenntnis Gottes und im Umgange mit ihm, durch fromme Betrachtung seiner Werke. Eine neue Ausgabe dieser Schrift ist 1885 von ~August Roth~ besorgt worden (Minden, J.C.C. Bruns' Verlag).
[35] Das Original des ~Robinson~ (Univ.-Bibl. Nr. 2194. 2195) hatte der Engländer ~Daniel Defoe~ (1661-1731) 1719 nach den Erlebnissen eines Matrosen, namens ~Alex. Selkirks~ frei bearbeitet. ~Campe~ gab dieses Buch mit vielfach eingestreuten Betrachtungen und langweiligen Belehrungen 1779 unter dem Titel: »Robinson der Jüngere« heraus. Mit dieser Zeit hat dasselbe viele Auflagen erlebt und gehört noch jetzt zu den beliebtesten und vielgelesensten Jugendschriften. Neue treffliche Bearbeitungen lieferten ~G.A. Gräbner~, ~Ferd. Schmidt~, ~Mensch~, ~Höcker~. Schon ~Rousseau~ wies in seinem »~Emil~« auf den Robinson hin. Er sagt: »Ein gutes Buch ist es, das mein Emil zuerst lesen soll; es wird lange Zeit ganz allein seinen Bücherschatz bilden und wird jederzeit den vornehmsten Rang in diesem einnehmen. Es soll der Text sein, von dem unsere Unterhaltung über die menschlichen Erfindungen und Wissenschaften ausgeht; es soll der Prüfstein sein, an dem ich die Fortschritte in der Urteilskraft meines Zöglings erproben will; und so lange sein Geschmack einfach und natürlich bleibt, weiß ich, wird die Lesung desselben ihm ein immer neues Vergnügen bereiten. Und was ist dies für ein wunderbares Buch? Ist es Aristoteles? Ist es Plinius? Ist es Buffon? Nein! Es ist ~Robinson Crusoe~.« ~Hettner~ sagt von dem Buch: »Es entrollt sich darin ein Bild vor uns, so groß und gewaltig, daß wir hier noch einmal die allmähliche Entwickelung des Menschengeschlechts überschauen.« Und in der Vorrede der Ausgabe von ~Gräbner~ heißt es: »Der Held hat Fleisch und Blut, er tritt in voller Wahrheit vor uns hin; er zeigt sich in den Stunden der Schwäche wie in denen der Größe, wie er vom leichtsinnigen Knaben zum gottlosen Jünglinge wird, wie er zur Erkenntnis gelangt und wie oft er abermals strauchelt, ehe er das wird, was ihm die sittlich-religiöse Bedeutung für die Zwecke der Charakterbildung giebt.« Die ~Herbart-Zillersche Schule~ legt den Robinson dem Gesinnungsunterrichte des zweiten Schuljahres (zweite kulturhistorische Stufe) unter. Siehe ~Rein~: Zweites Schuljahr.
[36] Das ~Guts-Muthssche Spielbuch~ ist mehrfach, neu bearbeitet, herausgegeben worden. Zuletzt ist es 1884 in sechster Auflage vom Seminar-Oberlehrer ~O. Schettler~ unter dem Titel: »Guts-Muths' Spiele zur Übung und Erholung des Körpers und Geistes, gesammelt und bearbeitet für die Jugend, ihre Erzieher und die Freunde unschuldiger Jugendfreuden«(Hof, Grau & Co.) erschienen. Ihm sind seit dem Erlasse des preuß. Kultusministers 1882 über die Jugendspiele eine Menge neuer Sammlungen von Turnspielen gefolgt. Es seien genannt: ~Ambros~: »Spielbuch 400 Spiele und Belustigungen für Schule und Haus«; ~Köhler~: »Bewegungsspiele des Kindergartens«; ~Wagner~: »Illustriertes Spielbuch für Knaben«; ~Stangenberger~: »Spiele für die Volksschule«; ~Schettler~: »Turnspiele für Knaben und Mädchen«; ~Jacobs~: »Deutschlands spielende Jugend«; ~Bräunlich~: »Kinderspiele und Liederreigen für Mädchen«; ~Leske~: »Illustriertes Spielbuch für Mädchen«; ~Lier~: »Turnspiele für Deutschlands Jugend«; ~Kohlrausch~ und ~Marten~: »Turnspiele«; ~Bruns~: »Illustriertes Kinderspielbuch«; ~Wießner~: »Fest- und Freizeit-Spielbüchlein«; ~Kümpel~: »Das Spiel der Jugend und seine Bedeutung für die Volksschule«; ~Lausch~: »134 Spiele im Freien für die Jugend«; ~Matz~: »Über die Spiele der Kinder«; ~Wolter~: »Das Spiel im Freien«; ~Zander~: »Über die Bedeutung der Jugendspiele für die Erziehung«.
[37] Die hier genannten Schriften sind jetzt veraltet, doch an ihre Stelle neue getreten. Es seien genannt: ~Leunis~: »Synopsis der 3 Naturreiche«; ~Brehm~: »Illustriertes Tierleben«, »Leben der Vögel«; ~Lenz~: »Gemeinnützliche Naturgeschichte des Tierreichs«; ~Lüben~: »Anweisung zu einem methodischen Unterrichte in der Pflanzenkunde«; ~Auerswald~: »Botanische Unterhaltungen«; ~Teller~: »Wegweiser durch die 3 Reiche der Natur«; ~Cürie~: »Anweisung zur Bestimmung der Pflanzen«; ~Garcke~: »Flora von Deutschland«; ~Thomé~: »Lehrbuch der Botanik«, »der Zoologie«; ~Roßmäßler~: »Die 4 Jahreszeiten«, »Flora im Winterkleide«, »der Wald«; ~Postel~: »Führer durch die Pflanzenwelt«; ~Polack~: »Illustrierte Naturgeschichte«; ~Dietlein~: »Tierkunde«; ~Scholz~: »Tierkunde«; ~Eiben~: »Schulnaturgeschichte des Tierreichs«, »des Pflanzenreichs«; ~Vogel~: »Erster Unterricht in der Naturgeschichte«; ~Twiehausen~: »Der naturgeschichtliche Unterricht in ausgeführten Lektionen«; ~Schleiden~: »Die Pflanze und ihr Leben«; ~Grube~: »Biographien aus der Naturkunde«, »Naturbilder«; ~Wagner~: »Pflanzenkunde«, »In die Natur«; ~Lüben~: »Anweisung zu einem methodischen Unterrichte in der Tierkunde«; ~Masius~: »Naturstudien«, »Die gesamten Naturwissenschaften«; ~Taschenberg~: »Was da kriecht und fliegt«; ~Schubert~: »Naturgeschichte«.
[38] Gewiß ist das ~unmäßige Lesen~, namentlich, wenn es nur geschieht, um zu lesen, von großem Schaden. Der Lehrer lese alles nur in Beziehung auf seinen Beruf und seine Lehrfächer. Namentlich gewöhne er sich daran, mit der Feder in der Hand zu lesen. Er merkt sich dadurch nicht allein das Gelesene besser, sondern er verbessert auch seinen Stil. Er achte aber auch auf das Lesen seiner Zöglinge. Er bewahre sie vor dem verderblichen Viellesen; deshalb ist die Benutzung der Schülerbibliothek wohl zu kontrollieren, und man halte darauf, daß der Schüler über den Inhalt des aus derselben entnommenen Buches Bericht erstatte.
[39] Schon im Dessauer Philanthropin gab es ~Meritentafeln~. Von hier aus führte Salzmann sie auch in seiner Anstalt ein. Die Meritentafeln bestanden bei Salzmann aus einer schwarzen, im Betsaal aufgehängten und mit den Namen sämtlicher Schüler versehenen Tafel. Für jede Leistung und Arbeit erhielten die Zöglinge je nach dem Werte derselben »~Billette des Fleißes~«. Hatte einer 50 von diesen, so ward hinter seinem Namen auf der Tafel ein gelber Nagel eingeschlagen = er hatte einen »~goldenen Punkt~« erworben. Wer deren 50 hatte, erhielt den »~Orden des Fleißes~«, der bei feierlichen Gelegenheiten auf der Brust getragen ward. Er bestand aus einem goldenen Kreuze, das in der Mitte ein rundes Schildchen hatte, auf dem sich ein erhaben gearbeitetes Grabscheit mit den Buchstaben _D. D. u. H._ (= Denken, Dulden und Handeln) befand. Durch diese Auszeichnungen ward der Fleiß des Schülers wohl angespornt, aber auch ein falscher Ehrgeiz und die Selbstüberschätzung großgezogen. Das Lernen ward dadurch zum Mittel zum Zwecke herabgewürdigt, anstatt selbst Zweck zu sein. Nicht äußerliche Auszeichnung, sondern der Unterricht des Lehrers soll das ~unmittelbare Interesse~ des Lernenden, mit dem dieser sich ganz dem Wissensstoffe hingiebt, erwecken. Wenn Salzmann gegen die ~körperliche Züchtigung~ redet, so hat er diese Ansicht nicht immer gehabt. In »Noch etwas über die Erziehung« und im »Konrad Kiefer« empfiehlt er sie noch. Unserer Ansicht und Erfahrung nach muß der Lehrer die körperliche Züchtigung nur als letztes Strafmittel ansehen, zu dem er erst dann greifen darf, wenn alle anderen nichts gefruchtet haben. Auch ~Luther~ empfiehlt einen »eichenen Butterwecken« als »geistige Salbe«. Der Pädagoge ~Ludw. Döderlein~ sagt: »Es kann eine Schule bestehen ohne körperliche Züchtigung, aber nicht ohne die Möglichkeit derselben, nicht ohne die Berechtigung zu derselben.«Gegen die körperliche Züchtigung schrieb Schuldirektor _Dr._ ~Th. Mertens~ in Hannover (¿ 1887) in seiner Schrift: »Schläge in der Schule?«
[40] »~_Non est quovis ligno fit Mercurius_~« = »Nicht aus jedem Holze läßt sich ein Merkur schnitzeln.« Dieses Wort soll von ~Pythagoras~ herrühren. Dem ~Comenius~ ward auf seine Forderung: ~jeder~ Mensch müsse unterrichtet werden, dies Wort entgegengehalten. Seine Antwort war: »Aber aus jedem Menschen ein Mensch.«
Ende.
Fußnoten:
[A] Ich gebrauche hier und in der Folge das Wort Knaben, weil ich bei Ausarbeitung dieses Buches freilich immer die Behandlungsart der Knaben vor Augen hatte. Das meiste wird aber auch auf die Mädchenerziehung, mit einigen Abänderungen, können angewendet werden.
[B] Seit zwanzig Jahren bin ich Vorsteher einer Erziehungsanstalt, in welcher Kinder von allerlei Familien und Nationen zusammen leben; ihre Zahl beläuft sich seit einiger Zeit beinahe auf 70. Unter diesen lebe und webe ich vom Morgen, bis ich ins Schlafzimmer gehe. Wären nun die Kinder so schlimm, wie sie von manchen Erziehern geschildert werden, wie könnte ich das aushalten? Müßte ich nicht schon einigemal ein Gallenfieber bekommen haben? Das geschieht aber nicht; vielmehr befinde ich mich in ihrer Gesellschaft sehr wohl. Dies kommt nicht daher, weil sie so vollkommen, so musterhaft wären; sie geben mir vielmehr beständig Beispiele von Leichtsinn, Unbesonnenheit u. dergl. Nach geendigter Lehrstunde spielen, laufen, springen, jauchzen sie; ich trete unter die jubelnde Gesellschaft, und meine Gegenwart macht weiter keine Veränderung. In diesem allen finde ich nun nichts Beleidigendes, weil ich glaube, Kinder sind Kinder, denken und handeln wie Kinder. Daher gehen Wochen hin, ehe ich durch sie einmal geärgert werde. Geschieht dies, und ich prüfe mich genau, so finde ich gemeiniglich, daß der Grund davon doch in mir selbst liege, weil entweder in meinem Körper Unordnung ist, oder weil ein anderer unangenehmer Vorfall mich verstimmt hat, oder weil ich mit Geschäften zu sehr überladen bin. Je aufmerksamer ich auf mich selbst werde, desto seltener werden auch die Beleidigungen. Ja ich kann versichern, daß in den 20 Erziehungsjahren, die ich hier verlebt habe, ich mich nicht erinnern kann, daß einer meiner Zöglinge mit Überlegung etwas in der Absicht gethan habe, um mich zu kränken. Man verzeihe mir dieses offenherzige Geständnis. Es kann mir dasselbe ebensowenig als Ruhmredigkeit angerechnet werden, als dem Baumgärtner, wenn er in seinem Buche über die Baumzucht bisweilen etwas von seiner eigenen Baumpflanzung sagt. Übrigens gestehe ich gern ein, daß von meinen Pflegesöhnen der Schluß nicht sogleich auf alle Kinder gemacht werden kann. Denn ob sie gleich aus verschiedenen Häusern und Ländern zusammengeführt sind, so leben sie doch in einer gewissen Absonderung von der übrigen Welt, und das Beispiel der Erwachsenen, das Entgegenwirken der Eltern, Tanten, des Gesindes u. dergl., die Verführung der Knaben, die ohne Aufsicht und Erziehung aufwachsen, hat auf sie keinen Einfluß.
Ein anderer Erzieher, dem von allen Seiten entgegen gearbeitet wird, hat freilich mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen.
[C] Da mehrere Leser diese Behauptung für zu kühn erklären werden, so erlaube man mir, daß ich wieder eine Thatsache aus meinem Wirkungskreise aufstelle. Ich bin jetzt der Pflegevater von beinahe 70 jungen Leuten, die in ganz verschiedenen Himmelsstrichen, von Lissabon bis Moskau, geboren wurden, in deren erster Erziehung also notwendig eine große Verschiedenheit war. Diese jungen Leute sind ~alle~ gesund, auf ihren Köpfen ist nicht der geringste Ausschlag sichtbar, es gehen bisweilen drei Jahre hin, ohne daß einer bettlägerig wird, und in den 21 Jahren, in denen ich meiner Anstalt vorstehe, ist kein einziger gestorben. Gleichwohl bin ich kein Arzt. In den ersten zehn Jahren, die ich hier lebte, betrat nie ein Arzt mein Haus. Erst dann, da sich die Zahl meiner Zöglinge sehr vergrößerte und zu besorgen war, daß ich etwas bei ihnen übersehen möchte, fing ich an, mich ärztlicher Hilfe zu bedienen.
Von der Gesundheit deiner Zöglinge, wird man sagen, sind deine gesunde Luft und dein gesundes Wasser die Ursachen.
Diese sind freilich viel wert, allein wenn wir das gesunde Wasser nicht tränken, uns darin nicht badeten, uns in der gesunden Luft nicht herumtummelten, so würden beide uns wohl wenig helfen.
Die Art, wie wir hier junge Leute behandeln, ist die wahre Ursache, warum sie sich so sehr durch Gesundheit auszeichnen und der Tod bisher noch nicht zu ihnen kam.
Sollte einmal von den Grundsätzen, nach welchen bisher hier erzogen wurde, abgewichen werden, sollte man sich mehr an die in vornehmen Häusern gewöhnliche Lebensart anschmiegen, so würde man in Schnepfenthal, ebenso wie in anderen Anstalten, Krankenstuben errichten müssen; statt des blühenden Rots, das die Wangen der jungen Schnepfenthäler auszeichnet, würde Blässe sich einfinden, und unser Gottesacker würde Grabmäler von jungen hoffnungsvollen Knaben bekommen, die in der Blüte ihrer Jahre ein Raub des Todes wurden.
Dies alles schreibe ich ~bloß~ in der Absicht nieder, um die Leser zu überzeugen, daß es allerdings möglich sei, seine Zöglinge gesund zu erhalten, ohne sich der Heilkunde beflissen zu haben.
[D] Einige behaupten, die Nervenkrankheiten, die in unseren Tagen so gewöhnlich sind, wären eine Folge der kalten Bäder. Deshalb will ich nun mit niemandem streiten. Das sage ich aber ganz freimütig und laut, daß von den jungen Leuten, die ich erzogen habe und noch erziehe, deren mehrere Hundert sind, kein einziger eine Nervenkrankheit bekommen hat (wenn auch einmal ein hier erzogener nervenkrank würde, so folgte doch daraus noch nicht, daß dies vom kalten Bade komme), daß von alle den nervenkranken Personen, die ich kannte, nicht eine einzige sich kalt badete, und daß es mir nicht recht glaublich ist, daß die Nervenkrankheiten, an welchen die Frauenzimmer in N. leiden, von den kalten Bädern der Zöglinge zu Schnepfenthal herrühren sollten.
[E] Ich bemerke ein für allemal, daß ich in diesem Buche mich vorzüglich mit Jünglingen unterhalte, die sich zur Erziehung bilden wollen. Sollte also dieser und jener bereits gebildete Erzieher manches Bedürfnis haben, gegen welches ich hier spreche, manche Fertigkeit nicht besitzen, welche ich dem sich bildenden Erzieher empfehle, so soll ihm durch meine freimütigen Äußerungen kein Vorwurf gemacht werden. Dies wird mir aber jeder zugestehen, daß der Erzieher mit mehr Nachdruck wirken kann, wenn er von den Bedürfnissen frei ist, an welche er seine Zöglinge nicht gewöhnen, und die Fertigkeit selbst besitzt, die er ihnen beibringen will. Was soll nun aber der Erzieher thun, bei dem dies der Fall nicht ist? Freimütig heraussagen: diese Angewöhnung, dieser Mangel ist eine Unvollkommenheit, die von meiner ersten Erziehung herrührt, gegen welche ich euch auf das beste zu verwahren suchen will.
[F] Der aufgesetzte Entwurf ist einen Bogen lang. Um den Raum zu schonen, füge ich davon nur dieses Bruchstück bei, das aber hinlänglich sein wird, den denkenden Erzieher zu belehren, wie viel an den gewöhnlichsten Dingen des gemeinen Lebens bemerkt und unterschieden werden kann.
[G] Dieses laute Nachsprechen der ganzen Versammlung hat gewiß seinen sehr großen Nutzen. Es erhält die Kinder in Thätigkeit, reizt sie zum Lautsprechen und prägt den Vortrag ihrem Gedächtnisse ein. Man muß aber von dieser Übung mit Vorsicht Gebrauch machen. Will man gewisse Wörter und Sätze dem Gedächtnisse seiner Kleinen einprägen, so ist das öftere laute Aussprechen derselben von der ganzen Versammlung hierzu gewiß ein wirksames Mittel. Will man aber durch ~eigenes~ Urteil den Verstand üben, so halte ich das chormäßige Aussprechen für zweckwidrig, weil die Kinder dadurch vom Selbsturteilen abgezogen und zum Nachbeten gewöhnt werden.[25]
Wie man bei den sonst so verdrießlichen ABC-, Sillabier- und Leseübungen die Kinder in einer angenehmen Selbstthätigkeit erhalten kann, glaube ich in Konrad Kiefers ABC- und Lesebüchlein hinlänglich gezeigt zu haben.[26]
[H] Da die Erzieher so selten sind, die in ihren Händen Geschicklichkeit besitzen, etwas zu arbeiten, so hat es mir Mühe gekostet, den Unterricht in einigen Handarbeiten in meiner Anstalt einzuführen. Jetzt lernen meine Zöglinge folgendes: anfänglich Verfertigung von allerlei Spielereien aus Papier und Netzstricken, ferner allerlei Dinge aus Holz zu schnitzen, Korbflechten, Papparbeiten, Lackierern, Schreinern und Drechseln.
[I] Wer mit der Einrichtung meiner Erziehungsanstalt bekannt ist und weiß, daß in derselben sich Meritentafeln befinden, an welchen die Namen meiner Zöglinge geschrieben, und denselben gelbe Nägel beigefügt sind, durch welche der Grad ihres Fleißes bemerkbar gemacht wird, der wird sich wundern, daß ich dieses Erziehungsmittels hier gar nicht Erwähnung thue. Es ist also wohl nötig, mich hierüber zu erklären, zumal da es seit einiger Zeit anfängt gewöhnlich zu werden, daß man, um eine Erziehungsanstalt zu empfehlen, mit einem hämischen Seitenblicke auf die meinige, von ihr rühmt, sie habe keine Meritentafeln.