Ameisenbüchlein; oder, Anweisung zu einer vernünftigen Erziehung der Erzieher
Part 10
[9] ~Charakter~ ist -- wie ~Lindner~ sagt -- die bleibende Art und Weise, zu handeln und zu wollen; sein Kennzeichen ist innere Übereinstimmung und Konsequenz. Fassen wir den Begriff Charakter noch schärfer, so ist er die vollständige Konsequenz des sämtlichen Wollens und Handelns durch Unterordnung desselben unter praktische Grundsätze und dieser wieder unter einen obersten praktischen Grundsatz. Das letzte Ziel aller Erziehung ist nach ~Herbart~ die ~Heranbildung des sittlichen Charakters~ oder, wie er es nennt, ~Charakterstärke der Sittlichkeit~. Sittlichkeit und Charakter stehen im engen Verhältnis zum ~Wollen~. Ohne Wollen keine Sittlichkeit, kein Charakter, da wir mit Charakter die Konsequenz des Denkens und Handelns, angeregt von bewußten Beweggründen und geleitet von bewußten festen Grundsätzen, bezeichnen. Von einem Charakter ist deshalb beim Kinde nicht gut zu sprechen; es läßt sich vielmehr durch die Eingebung des Augenblicks und der Umgebung, durch Beispiel und Überredung bestimmen. Es soll erst zum Charakter erzogen werden. Zur Entwickelung eines guten und großen Charakters ist _a_) eine ~günstige Naturanlage~, _b_) die ~Vielseitigkeit~ und ~Einheitlichkeit des Unterrichts~, welcher kenntnisreich macht und gleiche Gedanken mit möglichst vielen verschiedenen Vorstellungen verknüpft, sie aber alle einer Einheit, der ~Sittlichkeit~, unterordnet, nötig; ferner ist _c_) namentlich die richtige ~Gewöhnung~ notwendig. Die letztere ist für die Entwickelung des sittlichen Charakters sehr wichtig, da sie die Individualität veredelt, die Geisteskräfte, besonders das verständige und vernünftige Denken stählt, das Gedächtnis des Willens bildet und so die Schnelligkeit und Konsequenz des Entschlusses und Handelns fördert, und viele Tugenden zur Gewohnheit macht. Was Salzmann hier unter Charakter meint, nennen wir jetzt nach heutigem psychologischen Sprachgebrauch ~Individualität~, d. i. die Summe der allgemeinen und besonderen Merkmale oder die Eigentümlichkeiten eines Menschen. Die Individualität wird bestimmt: _a_) durch die ~körperliche Beschaffenheit~ nach Alter und Geschlecht, Gesundheit oder Kränklichkeit, Naturell u. s. w., _b_) durch das ~Temperament~, _c_) durch die besondere Richtung der ~natürlichen Anlagen~, _d_) durch die ~Erziehung~. ~Comenius~ unterscheidet in seiner _Didactica magna_ sechs Haupttypen von Schülerindividualitäten: _a_) die Scharfsinnigen, Lernbegierigen, Bildsamen, _b_) diejenigen, die zwar scharfsinnig sind, aber langsam und hierbei gefügig, _c_) die Scharfsinnigen und Lernbegierigen, aber dabei Trotzigen und Verstockten, _d_) die Willfährigen und zugleich Lernbegierigen, aber Langsamen und Schwerfälligen, _e_) jene, die schwachsinnig und überdies nachlässig und träge sind, _f_) die Schwachköpfe, die überdies noch von verkehrter und bösartiger Beschaffenheit sind. -- Es ist eine Hauptaufgabe der Erziehung, die Individualität des Zöglings soviel als möglich unversehrt zu erhalten. Es ist deshalb Pflicht des Erziehers, die Individualitäten seiner Schüler zu erkennen und diese bei seiner Erziehung und seinem Unterrichte zu berücksichtigen. Doch darf er der Individualität nicht einen allzu freien Spielraum einräumen, da sonst leicht Sonderlinge, Hartköpfe und Egoisten erzogen werden. Deshalb ist in Hinsicht auf die Beachtung der Individualität der richtige allgemeine Grundsatz der: »~Der Erzieher erforsche die Individualität seiner Zöglinge und bilde sie so, daß sie sich stets in Übereinstimmung mit der Mehrheit des gebildeten und edleren Teiles der menschlichen Gesellschaft befindet.~« (Petzold.)
[10] »~Erkenne dich selbst!~« war der Wahlspruch des Lakedämoniers ~Chilon~, eines der sieben griechischen Weisen. Es war ferner die Inschrift des delphischen Apollotempels. ~Sokrates~ stellte dieses Wort jedem Einzelnen seiner Schüler als Lebensaufgabe, damit er gut handeln lerne.
[11] ~Aristoteles~ ward 385 v. Chr. zu Stagira in Thrazien geboren; in seinem 17. Jahre ward er Schüler ~Platos~ zu Athen, bei dem er 20 Jahre blieb. 343 ward er vom makedonischen Könige ~Philipp~ zur Erziehung seines dreizehnjährigen Sohnes ~Alexander~ berufen. Als Alexander später seinen Feldzug gegen Persien unternahm, gründete Aristoteles in Athen eine Philosophenschule. Er starb 323 v. Chr. zu Chalcis auf Euböa. Aristoteles ist nicht nur praktisch als Erzieher thätig gewesen, sondern er hat sich auch in seinen Schriften theoretisch vielfach mit der Erziehung beschäftigt, so in seiner »~Nikomachischen Ethik~« und in der »~Politik~«. Eine besondere von ihm verfaßte Schrift über die Erziehung ist verloren gegangen. Aristoteles betrachtet die Erziehung als die schwierigste Aufgabe, die gestellt werden, und auch als die höchste, deren Lösung versucht werden kann. Das Ziel der gesamten menschlichen Thätigkeit ist nach ihm die ~Glückseligkeit~ (Eudämonie), die sich auf die Tugend gründet. Im Unterrichte betont er vor allem das Notwendige und zum Leben ~Nützliche~ (Utilitätsprinzip), wie später auch die Philanthropen.
[12] Die ~Aufgabe der Erziehung~ ist die ~Entwickelung und Übung aller Kräfte des Kindes~, der ~leiblichen~ sowohl als auch der ~seelischen~. Damit ist aber noch nicht das ~Ziel der Erziehung~, wie auch das ~Wesen~ derselben festgesetzt. Dieses liegt vielmehr darin, daß das Ebenbild des Schöpfers in dem Zöglinge wieder hergestellt werde, oder in der Erreichung nicht nur der ~irdischen~, sondern auch der ~himmlischen Glückseligkeit~.
[13] Die ~Laufbänke~ und ~Laufzäume~ (Laufbänder) wurden früher und werden auch noch jetzt angewandt, um die Kleinen eher zum Laufen zu bringen. Durch die gutartig vor die Brust gelegten Bänder bei den Laufzäumen und durch die Leisten bei den Laufbänken wird die Brust zum Schaden der Gesundheit eingeengt bezw. gedrückt. Mit Recht eifert deshalb Salzmann in seinem »Ameisenbüchlein«, wie auch im »Konrad Kiefer« und in »Noch etwas über Erziehung« gegen solche unnatürliche Mittel. Schon ~Rousseau~ sagt im zweiten Buche seines »Emils«: »Man lehre den Kindern nichts, was sie von selbst lernen; ~so~ z. B. nicht das Gehen. Gängelbänder als Laufkorb, Fallhut und andere Hilfen taugen nichts.« Auch ~Kant~ zieht gegen die Leitbänder und dergl. zu Felde.
[14] Sinnlichkeit = ~Sinne~. Über die Übung der Sinne s. Anm. 21.
[15] Für die Erreichung des Unterrichts- und Erziehungszieles ist zwar die ~Gesundheit~ des Kindes ein wesentlicher Faktor; doch ist es von Salzmann zuviel behauptet, wenn er sagt, daß bei ungesunden Kindern ~alle~ Erziehung mißlinge. Wohl erschwert die Kränklichkeit oder die Schwäche eines Kindes die Arbeit des Erziehers, da er ja bei derselben die physische Natur des Zöglings berücksichtigen muß, und von einem schwächlichen Kinde nicht das fordern darf, was er von einem gesunden verlangt. Die physische Schwäche wirkt auch oft nachteilig auf Geist und Gemüt ein, aber von einem gänzlichen Mißlingen der Erziehung bei ungesunden Kindern darf doch nicht die Rede sein. Es erfordert aber die schwächliche Beschaffenheit der physischen Natur des Schülers eine besondere Berücksichtigung seitens des Lehrers und eine gediegene pädagogische Durchbildung desselben.
[16] Wenn Salzmann hier gegen die ~Ärzte~ eifert, so hat dieses seinen Grund in dem niederen Standpunkte, den die Arzneikunde im vorigen Jahrhundert einnahm. Seitdem sich aber die Medizin und ihre Hilfswissenschaften zu wirklichen Wissenschaften erhoben, und berühmte Gelehrte der Neuzeit als Virchow, Stromeyer, Koch, Schrötter, Bock, Klencke, Esmarch, Fürst, Freerichs u. a. zu ihren Vertretern zählt, ist es damit anders geworden. Dies schließt aber nicht aus, daß der Lehrer selbst verstehe, die Gesundheit seiner Zöglinge zu fördern, und sie auch in der ~Gesundheitspflege~ zu unterweisen. Als einschlägliche Schriften seien genannt: ~Kirchhoff~: »Gesundheitspflege«; ~Bock~: »Bau, Leben und Pflege des menschlichen Körpers«; ~Correus~:»Der Mensch«; ~Katz~: »Fürs Auge«; ~Reclam~: »Gesundheitsschlüssel«, »Gesundheitslehre für Schulen«; ~Zwick~: »Körperpflege und Jugenderziehung«; ~Reimann~: »Die körperliche Erziehung und die Gesundheitspflege in der Schule«; ~Kohler~: »Die Gesundheitslehre in der Volks- und Fortbildungsschule«; ~Gauster~: »Die Gesundheitspflege im allgemeinen und hinsichtlich der Schule im besonderen«; ~Scholz~: »Leitfaden der Gesundheitslehre«; ~Siegert~: »Die Schulkrankheiten«. -- Schon ~Comenius~, ~Montaigne~ und ~Rousseau~ forderten die Schulhygieine; diesen tritt auch ~Salzmann~ bei. Jetzt wird sogar von mehreren Seiten gefordert, daß in jeder Schulkommission ein Arzt Sitz und Stimme haben solle. Wohl ist die Mitarbeit des Arztes in der Schule wünschenswert, da die Schule weder die körperliche Gesundheit noch die geistige Frische des Schülers schädigen darf. Den Ärzten aber jeder Zeit freien Zutritt in die Schule zu gestatten, würde viele Störungen des Unterrichts herbeiführen. Dagegen ist zu fordern, daß der Gesundheitslehre der ihr gebührende Platz im Unterrichte eingeräumt werde, und daß die Seminare die angehenden Lehrer in der Schulhygieine unterweisen, diese auch bei den Prüfungen der Lehrer Prüfungsgegenstand sei, damit die Lehrer zur Erhaltung der Gesundheit der Kinder in der Schule beitragen können. Denn »gerade während der Schulzeit ist die ~körperliche Kultur~ sehr wichtig: erstens, weil der jugendliche Körper des Schülers allen Schädlichkeiten der Umgebung mehr offen steht und unter den Folgen übler Angewöhnungen mehr leidet, als der abgehärtete Körper des Erwachsenen, und zweitens, weil der Unterricht durch den Zwang des Stillsitzens in dicht besetzten Schulstuben, sowie durch die andauernde geistige Anstrengung auf die Gesundheit des Kindes leicht ungünstig einwirken kann.« (Lindner.) Daß die Forderung Salzmanns und der anderen Philanthropen: die Schule habe das leibliche Wohl der Schüler zu berücksichtigen und zu fördern, so wichtig ist, geht daraus hervor, daß der Körper die ~Wohnung~ und das ~Werkzeug der Seele~ ist. Deshalb spricht auch ~Rückert~:
»Ein gutes Werkzeug braucht zur Arbeit der Arbeiter, Und gute Waffen auch zum Waffenstreit ein Streiter. Du Streiter Gottes und Arbeiter, merk's, o Geist, Daß deines eignen Leibs du nicht unachtsam seist Das ist dein Arbeitszeug, das ist dein Streitgewaffen, Das halte wohl im Stand, zu streiten und zu schaffen! O, wie du dich bethörst, wenn du den Leib zerstörst, Der dir so angehört, wie du Gott angehörst. Wie du Gott angehörst, so hört dein Leib dir an, Und ohne deinen Leib bist du kein Gottesmann.«
[17] Hier tritt Salzmann in Gegensatz zu ~Pestalozzi~, der in seiner Schrift: »Wie Gertrud ihre Kinder lehrt« (Univ.-Bibl. Nr. 991. 992) die Behauptung aufstellt: »Der Mensch ist selbst der erste Vorwurf der Anschauung« und diesem Satze gemäß den ~Körper des Kindes und seine Glieder~ zuerst als Betrachtungsobjekt behandelt wissen will, wozu er im »Buch der Mütter« Anleitung gab. Die neuere Pädagogik stellt sich dagegen auf den Standpunkt Salzmanns und stimmt den Worten ~von Türks~, der 1808 in Ifferten bei Pestalozzi weilte, bei. Türk sagt: »Ich hatte schon früher die Idee des Buches der Mütter als gut anerkannt, aber die Wahl des Gegenstandes der dort aufgestellten Übungen: des menschlichen Körpers gemißbilligt; ich erachte die Umgebungen des Kindes im Hause und in der Natur für weit mehr dazu geeignet.«
[18] Mit Recht tadelt Salzmann das Verfahren, ~Naturgeschichte~ zu lehren, ohne die Kinder selbst in die Natur einzuführen. Schon ~Rousseau~ sagte: »Eure Philosophen lernen die Naturgeschichte in den Naturalienkabinetten, sie besitzen Flitterkram, wissen Namen und haben durchaus keine Idee von der Natur.« Auch in seiner Schrift: »Noch etwas über die Erziehung« zieht Salzmann gegen den naturgeschichtlichen Unterricht, der sich nicht auf ~Anschauung der Natur selbst~ stützt, zu Felde. Gewiß ist es jetzt bedeutend besser damit geworden; doch wird der naturgeschichtliche Unterricht noch vielfach in zu wissenschaftlicher Weise erteilt, indem man sich zu sehr an das System hält, während doch die ~Einführung der Kinder in die Natur~ selbst die Hauptsache sein sollte. Verbesserungsbestrebungen machen sich in neuester Zeit geltend. Es sei in dieser Hinsicht hingewiesen auf die Schriften von ~Junge~: »Der Dorfteich«; ~Baade~: »Zur Reform des naturgeschichtlichen Unterrichts«; ~Twiehausen~: »Der naturgeschichtliche Unterricht in ausgeführten Lektionen«; ~Vögler~: »Präparationen für den Naturgeschichtsunterricht«; ~Kießling~ und ~Pfalz~: »Methodisches Handbuch für den Unterricht in der Naturgeschichte«. Was Salzmann weiter vom naturgeschichtlichen Unterricht sagt, gilt auch namentlich vom ~ersten Schulunterricht~. Seine Lehrbeispiele, die er im Nachfolgenden giebt, beziehen sich besonders auf diesen Unterricht. Hier ist gerade die ~Anschauung~ an ihrem Platze. Namentlich findet die Anschauung ihre Pflege in dem sog. ~Anschauungsunterrichte~, dessen Ziel sein soll, das Kind mit der heimatlichen Umgebung, ihrer Natur und Lebewesen bekannt zu machen, weshalb er vielfach auch als »~Heimatskunde~« bezeichnet wird. Der angehende Lehrer, dem bekanntlich gerade dieser so wichtige Unterricht obliegt, sei auf folgende Schriften hingewiesen: ~Wernecke~: »Praxis der Elementarklasse«; ~Strübing~: »Sprachstoffe«; ~Harder~: »Anschauungsunterricht«; ~Jütting-Weber~: »Anschauungsunterricht und Heimatskunde«; ~Wiedemann~: »Präparationen«; ~Wagner~: »Entdeckungsreisen in Haus und Hof, in Wald und Feld &c.«; ~Breiden~: »Der Anschauungsunterricht«; ~Fuhr~ und ~Ortmann~: »Anschauungsunterricht«; ~Niedergesäß~: »Anschauungsunterricht«; ~Stieber~: »Anschauungsunterricht im Anschlusse an die Pfeifferschen und Winkelmannschen Bilder«; ~Heinemann~: »Handbuch für den Anschauungsunterricht und die Heimatskunde«; ~Seidel~: »Materialien für den Anschauungs- und Sprachunterricht im ersten Schuljahre«; ~Fischer~: »Sprachstoffe zu Leutemanns fünfzehn Tierbildern«; ~Richter~: »Der Anschauungsunterricht«.
[19] Die ~lateinischen Namen der Pflanzen~ sind für die Kinder der Volksschule nur toter Ballast. Auch hier gilt das Wort: »_Res, non verba_.« Was nützen den Kindern die ~Namen~ der Naturdinge, zumal die lateinischen, wenn ihnen die ~Kenntnis der Naturkörper~ selbst abgeht? ~Hauptsache ist die Betrachtung der Natur~ selbst; dann mag der Name hinzutreten, aber nur der deutsche. Man hüte sich, den Naturgeschichtsunterricht in bloße Nomenklatur aufgehen zu lassen; die Gefahr liegt aber bei dem bloßen Angeben der Namen sehr nahe. Viel ist in dieser Hinsicht auf dem Gebiete des naturgeschichtlichen Unterrichts gesündigt worden, weshalb die Reformbestrebungen, von denen die Arbeiten von Junge, Kießling und Pfalz, Twiehausen, Baade und Vögler zeugen, freudig zu begrüßen sind.
[20] In Bezug auf dieses ~Erraten der Pflanzen~, wie Salzmann es will, sei erinnert an das ~Versteckspiel~, das ~Wolke~ mit den Zöglingen beim großen Examen am Dessauer Philanthropin aufführte, von wo es Salzmann entlehnt hat (s. Schummel: Fritzens Reise nach Dessau).
[21] Unter ~Empfindungsvermögen~ versteht Salzmann, was wir nach dem heutigen psychologischen Sprachgebrauche ~Sinnesvermögen~ nennen. Salzmann nennt dieses Empfindungsvermögen, weil die ersten einfachen Eindrücke, die uns durch die Sinne zugehen, ~Empfindungen~ genannt werden, aus denen dann die ~Wahrnehmungen~, ~Anschauungen~ und ~Vorstellungen~ hervorgehen. Die ~Übung der Sinne~ des Kindes ist sehr wichtig. Deshalb fordert auch ~Rousseau~: »Erst Übung der Sinne, dann Übung der Geisteskräfte! Sinnenvernunft vor intellektueller Vernunft! Denn die ersten Vermögen, die sich in uns bilden und entwickeln, sind die Sinne. Übt nicht bloß die Kräfte der Kinder, übt alle Sinne, welche die Kräfte regieren, benutzt möglichst jeden Sinn, prüft die Eindrücke des einen Sinnes durch die anderen. Meßt, zählt, wägt, vergleicht!« Und ~Comenius~ sagt: »Anfangs übe man die Sinne, dann das Gedächtnis, hierauf den Verstand, zuletzt das Urteil. Denn die Wissenschaft beginnt mit der sinnlichen Wahrnehmung.« Und ~Salzmann~ schreibt in seiner Schrift: »Über die Erziehungsanstalt zu Schnepfenthal«: »Da wir alle unsere Kenntnisse durch die Sinne bekommen, die den Stoff liefern, aus dem die Vernunft ihre Begriffe abzieht, so ist es wohl sehr nötig, daß zuerst die Sinne geübt werden,« und in seinem »Himmel auf Erden«: »Das richtige Empfinden wird am besten in der ersten Jugend gelernt, wenn die mit der Welt noch unbekannte Seele auf die Dinge, die um sie sind, aufmerksam gemacht und angeleitet wird, sie selbst zu beobachten und darüber selbst zu urteilen.« Wie vorteilhaft es für den Schulunterricht ist, wenn die Sinne der Kinder bereits im vorschulpflichtigen Alter durch den ~Kindergarten~ geübt und geschärft worden sind, habe ich in meiner Schrift: »Der Einfluß des Fröbelschen Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht« nachgewiesen. (Verlag von Siegismund & Volkening, Leipzig.) Daß die Übung der Sinne auch auf den oberen Schulstufen zu pflegen ist, ist selbstredend.
[22] Mit Eifer tritt Salzmann gegen das bloße ~Wortlernen~ auf und betont, wie es nachher auch von ~Pestalozzi~ geschah, die ~Anschauung~, besonders auf den unteren Stufen. Auch ~Basedow~ verlangt in seinem »Methodenbuche«: »keine Worte und Sätze zu lehren, mit denen die Kinder noch falsche Begriffe verbinden.« ~Locke~ sagt: »Nicht durch Worte, sondern durch Dinge und Abbildungen der Dinge erhalten die Kinder die ersten Vorstellungen.« Bei ~Comenius~ heißt es: »Alles muß der sinnlichen Anschauung unterstellt werden.« Gegen Salzmanns Forderung, daß man bei dem Sprachunterrichte z. B. anfänglich lauter solche Bücher gebrauchen müsse, bei deren Lesung nur Vorstellungen in den jungen Seelen erzeugt werden, die sie entweder selbst durch die Anschauung bekommen haben, oder die doch mit denselben in Verwandtschaft stehen, verstoßen z. B. die meisten unserer ~Fibeln~. So bringt z. B. eine viel gebrauchte Fibel in ihren Übungsgruppen Wörter, deren Inhalt den Kindern ganz fern liegt. Ich nenne nur: Domino, Delta, Indien, Tiber, Xerxes, Xantippe, None u. a.
[23] Auch der ~fremdsprachliche Unterricht~ muß, wie Salzmann mit Recht bemerkt, die ~Anschauung~ zur Grundlage haben. Wie viele Vokabeln, Sätze u. s. w. müssen die Kinder aber lernen, deren Inhalt ihnen ganz fremd ist. Auch die heterogensten Übungssätze werden ihnen vorgeführt. In der französischen Sprache hat man nun schon angefangen, dieselbe auf ~Grundlage der Anschauung~ zu lehren. So ~Lehmann~ in seinem »Lehr- und Lesebuche der französischen Sprache nach der Anschauungsmethode«, ~Ducotterd~ und ~Mardner~: »Lehrgang der französischen Sprache auf Grund der Anschauung«. In seiner Schrift: »Noch etwas über die Erziehung« giebt Salzmann seine Lehrweise der fremden Sprachen an: »Erst wird über die verschiedenen Produkte der Natur, die zusammengebracht werden, lateinisch (französisch) gesprochen, das Gespräch diktiert und niedergeschrieben, dann werden zweckmäßig gewählte Schriftsteller gelesen und dabei die grammatikalischen Regeln gegeben, endlich lateinische (französische) Aufsätze gemacht.« Salzmann will also die sog. ~direkte Methode~ angewandt wissen.
[24] Schon ~Rousseau~ tritt in seinem »Emil« gegen das ~zu frühe Bücherlesen~ der Kinder ein. Emil soll vor seinem 12. Jahre kein Buch in die Hand bekommen. Wenn Salzmann auch mit Recht nicht so weit geht, so sind seine Worte, mit denen er im »Ameisenbüchlein« und im »Konrad Kiefer« gegen den zu frühzeitigen Beginn des Lesenlernens eifert, wohl beherzenswert. Er sagt mehrmals: »Kinder müssen erst gewöhnt werden, aus der ~Natur~ sich zu unterrichten, bevor man ihnen ~Bücher~ in die Hände giebt.« Das Kind muß erst den Übergang finden aus dem lustigen Spielleben der Kinderstube zu der ernsten Arbeit der Schule. Mit Recht fordern deshalb namhafte Pädagogen, als ~Türk~, ~Denzel~, ~Graßmann~, ~Graser~, ~Lüben~, _Dr._ ~K. Schmidt~, ~Kehr~ u. a., daß dem Lesenlernen ein ~Vorkursus~ vorangehen müsse; ja einige von ihnen wollen erst das Lesenlernen ins ~zweite~ Schuljahr verlegt wissen. Auch die »acht Schuljahre« von ~Rein~, ~Pickel~ und ~Scheller~ wissen von einem Leseunterrichte im ~ersten~ Schuljahre nichts. Was soll man aber sagen, wenn Kleinkinderschulen und Kindergärten den Kindern die Fibel in die Hand geben, und wenn ~Therese Focking~ die Lehrerwelt sogar mit einer »~Fröbelfibel~« beehrt hat?! Vgl. meine Schrift: »Der Einfluß des Fröbelschen Kindergartens auf den nachfolgenden Schulunterricht.«
[25] ~Pestalozzi~ widmete dem ~Vorsagen~ und ~Nachsprechenlassen~ langer und verwinkelter Sätze, deren Inhalt den Kindern oft ganz unverständlich war, viel Zeit und Kraft (vgl. »Wie Gertrud ihre Kinder lehrt«, Univ.-Bibl. Nr. 991. 992). Er wollte die Kinder dadurch im Sprechen üben und ihre Sprachkraft stärken. ~Salzmann~ anerkennt auch den Wert des ~Nach-~ und des ~Chorsprechens~, will aber nur einen beschränkteren Gebrauch davon zu machen wissen. Die heutige Pädagogik steht auf Salzmanns Seite. Auch sie betreibt das Chorsprechen, aber nur von dem, was den Kindern verständlich ist. ~Wiedemann~ führt in seinem »Lehrer der Kleinen« als Gründe für das Chorsprechen an: 1) das Chorsprechen löst vor allen Dingen die Zunge; 2) es kultiviert die Aussprache; 3) es giebt auch den Schüchternen Mut; 4) es hält bei der Stange; 5) es schützt die Kinder vor langer Weile, belebt den Unterricht. Siehe auch: ~Haushalter~: »Das Sprechen im Chor«.
[26] Zur Verbesserung des ersten Leseunterrichts schrieb Salzmann »~Konrad Kiefers ABC- und Lesebüchlein~«. Es erschien 1806.