Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte
Part 4
Wie der Hans-Tonl das sagt, geht er schon wieder über die Straße, springt die Böschung hinab und die Halde -- das Wawrl wird die neue Bier' schon gebunden haben, denkt er, und die Halde mit dem kurzen Gras ist fei glatt wie ein Tanzboden. Da käm' einer schier im Sitzen rascher hinab, als im Laufen.
Da ruft der Hans-Tonl schon wieder dem Wawrl zu, legt sich mit dem Rücken auf das große Bund Heu, fährt mit den Armen unter die Stricke, mit denen das Wawrl die Biere geschnürt, fängt an zu wippen und -- da steht der Hans-Tonl auch schon auf seinen Beinen.
Das Wawrl zupft an den Seiten der Biere das Heu noch ein bißl zurecht und: »Noch zweimal, dann ist's getan!« lacht das Dirnlein. Es ist schon wieder an der Arbeit. Der Hans-Tonl geht kreuz und quer die steile goldene Halde hinan -- bei der trockenen Glätte kommt einer da nicht anders aufwärts, und der grade Weg ist in diesem Falle nicht der beste. Der Schweiß rollt in silbernen Kugeln von seiner Stirn.
»Was willst denn von dem Hans-Tonl?« fragt der Mann vom Sonnenwirbel, der überdem noch eine Scharte dem Sensenblatt ausgeschlagen und bindet den Hammer wieder an den Dengelstock.
»I nun,« meint das Harfenweibl, »dazu muß der Hans-Tonl fei selber her.«
Dabei dreht sich das Weibl um und schaut nach dem Wetter.
»Hui,« macht der Wurzltonl, »Harfenweibl, der Tonl hat die Seinige.«
Dann lachen die beiden. Aber die Luft ist so schwer, daß sie wie eine Last auf der Brust liegt. Der Mann richtet sich mit einem Schnaufer an dem Dengelzeug empor.
Da kommt ein Wind über den Kamm geflogen und weckt die Vogelbeerbäume längs der Straße aus dem Schlaf. Jetzt ist er schon unten an der Halde -- wie das Fanele (Franziska) von der Unruh noch ein kleines Dirnl war, hat es sich mit dem Wind so die Halden hinabgekugelt. Na, na, denkt der Sonnenwirbelmann, fei bloß damals? Das Fanele ist heut noch toll genug, und es könnt einer wetten: wenn kein Mensch in der Nähe ist und das nußbraune Mädl ganz allein mit dem Wind und dem Wald an der Graslehne steht, da klemmt es noch heute das Röcklein zwischen die Knie und kugelt sich kopfüber den Hang hinunter. Da muß der Wind rasch sein, daß er mitkommt. Und drunten im Heuhaufen, in den sie hineinrollen, bleiben sie mitsammen eine Weile liegen und kichern, der Wind und das Fanele. Dann bläst ihm der Wind die Halme aus dem nußbraunen Haar, das dem Dirnl so wild um die Stirne weht, und putzt ihm die Augen wieder blank.
Der Hans-Tonl ist mittlerweile wieder die glühende Halde heraufgeschnauft. Der Vater und das Harfenweibl stehen vorm Haus und gucken gegen den Spitzberg. Zwischen dem und dem Plessen geht von unten her eine Wand empor. Die steigt über den Wald herauf und ist scharf abgeschnitten gegen den Himmel -- der Wald darunter: eine Wand aus schwarz und grün, die Wolkenmauer, die totstill hervorkriecht, eine aus schwarz und blau. Und oben ist ein schmales Rändlein daran, ganz glatt und blank wie eitel Gold.
Der Wind, der über den Kamm gelaufen ist und die Halde hinunter, ist fort, aber man sieht ihn noch. Da schau hin, Harfenweibl, da schau hin! Wo die Wipfel quirlen, über den Bergwald -- da läuft er, läuft immer weiter, und es wogt unter ihm wie dunkelgrüner Bergsee. Und immer, wenn er weg ist, schwankt sich der Wald wieder grollend in die vorige Ruhe. Dann fängt die Sonnenluft über den Wipfeln wieder zu zittern an.
Jetzt ist ein Rumoren drüben in der schwarzblauen Wolkenwand. Das klingt herauf auf den Sonnenwirbel, als lief's unter der Erde, oder: als wär' der Plessen eingefallen und der Spitzberg dazu und wären beide hineingesunken in das blauschwarze drohende Meer.
Der Himmel, der vorhin wie ein blauer Vorhang still hinter den umgoldeten Bergen stand, ist schon ganz silbern und das schwarze Meer, auf dem er ruht, steigt -- steigt. Und ab und zu ist das Rollen darin.
Nun paßt auf!
Aber der Hans-Tonl hat noch keine Zeit zum Hinschauen. Das Wawrl hat die letzte Biere so groß geschnürt, wie noch keine zuvor. Da muß der Tonl, wie er sich mit dem Rücken daraufgelegt hat, einmal mehr wippen -- schau, er kommt aber doch auf die Beine!
Jetzt hebt er an, zu Berg zu schreiten. Das Wawrl zieht das weiße Kopftüchl durchs Gürtelband, nimmt die beiden Rechen über die Schulter und guckt sich noch einmal um auf dem Grasland, ob's auch nichts vergessen hat. Wahrhaftig schaut ein blankes Käpplein aus dem Heidelbeerbusch hervor, der auf der Wiese um den Grenzstein gewachsen ist. »Da ist ja noch mein Kaffeekrügl,« ruft das Wawrl und läuft hinüber zum Rainstein. Es bindet sich das Gürtelband auf und streift das Krüglein daran. Das Band bindet es vorn. Das Krügl hängt ihm hinten. Es ist so besser, als wenn einer mit vollen Händen die glatte Halde hinanschreitet; leicht gehen einem darauf die Beine aus. Das Wawrl tut ein paar Sprünge, damit es dem Hans-Tonl wieder nachkommt. Wenn's auch nicht gut plauschen ist, den steilen Hang hinauf -- Liebesleute gehören zusammen.
Während die beiden so mit der letzten Last duftigen Heus dem Sonnenwirbel zusteuern, hat sich das Harfenweibl auf die Schwelle zum Vorhaus gesetzt und guckt in das schwarze Meer, das vor dem Westhimmel wogt.
Der Wurzltonl hat das Dengelzeug an den Nagel und die Sense über den Balken gehängt. Jetzt geht er durchs Häusl, um fei gemächlich die Lucken zu schließen, oder zu sehen, ob nicht etwa eine Schindel in der Dürre der Tage herausgesprungen oder sonst ein Türlein geschaffen ist, durch welches das Wetter hereinfahren kann. Der Wurzltonl tut die Schiebfensterlein vor und rüttelt da ein wenig und schüttelt dort einmal. Alles ist klapperdürr. Der Regen wird durchlaufen. Die Rähmlein müssen erst wieder ein wenig anziehen.
Aus dem Dachfenster sieht der Wurzltonl: auf dem ›kalten Winter‹ eilen sich der Peterl und die Mahm, daß sie das Heu in Schober kriegen. Dort kann die Sonne nicht den ganzen Tag über im Grase liegen. Da müssen sie halt versuchen, das bißl Wieswuchs vor dem Wetter zu bergen so gut sie können.
Jetzt, während das Wawrl und der Hans-Tonl das Heu in die Panzel drücken und der Hans-Tonl aus Versehen mit der Biere auch das Wawrl packt, ist wiederum ein Kollern und Rollen im schwarzen Meer, daß dem Harfenweibl das Herz stillsteht, weil es hineinhorchen muß in die Drohungen, die da tief zwischen den Bergen branden. Das Harfenweibl faltet die Hände im Schoß und bewegt leise die Lippen. Bewegt auch das Herz. Es hat sich auf ein frommes Sprüchlein besonnen und sagt's leise vor sich hin. Wie's aber noch nicht damit fertig ist, kommt der Wurzltonl wieder um die Hausecke, geht an dem Holzvorbau, auf dessen Schwelle die alte Harfnerin sitzt, vorbei und guckt durch das Fenster, das links zunächst vom Vorhaus ist. Er hebt die Hände zu beiden Seiten des Gesichts, weil er das Licht abdämmen muß; denn er will den Hachtl drinnen sehen. Der Hachtl war doch vorhin noch daheim.
»Wo ist er denn geblieben?« fragt der Wurzltonl von draußen die Gabi (Gabriele), dem Hachtl sein Weib. Die Frau sitzt am Klöppelsack und hat sich die Kattunjacke ausgetan.
»Es ist so viel warm heut,« sagt die Gabi, »und fei gewitterig.«
»Der Hachtl, na, wo wird er denn sein?« -- Die Gabi schaut sich um: im Fenstereck ist die Pfeife fort und am Nagel die Mütze vom Hachtl. »So wird er fei ein Stückl nach dem ›kalten Winter‹ hinüber sein.«
Der Wurzltonl meint: »Ich frag nur, weil das Wetter kommt.«
»Na, so wird er es wohl aufziehen sehen und wird sich heimfinden zur rechten Zeit.«
»'s scheint, die Gabi hat's auch noch nicht rollen hören?«
»Fei nit,« sagt die Frau und fährt in die Jacke; denn sie hat vorhin ein bißl durchs Fenster geschaut, um zu sehen, mit wem der Wurzltonl eigentlich so eifrig zu reden hat. Jetzt tritt die Gabi heraus vor's Häusl. Sie geht aber gleich wieder zurück in den Flur und tut die Tür auf, die der ihren gegenüberliegt. Die führt in die Stube vom Wurzltonl. »Franz!« ruft sie. Aber der Mann ist nicht drin.
»Franz?« fragt das Harfenweibl den Wurzltonl verwundert. »Schreibt sich der Hachtl denn Franz?«
Der Wurzltonl nickt und lacht; dann sagt er halblaut: »Hachtl (Hecht) heißen sie ihn doch nur wegen seiner scharfen Nasen, Weiberl.«
»Soo!« macht das Harfenweibl und schaut sich nach der Gabi um.
»Jetzt,« sagt die, »der Hachtl wird mir doch nicht zu einem Abendmahl Blaubeeren in den Wald gelaufen sein? Wenn das Wetter kommt, läßt sich's von denen im Wald nicht sehen und hören, bis es da ist.«
Weil die drei bei der Schwelle auf den Hachtl denken, und weil der Peterl mit der Mahm vom ›kalten Winter‹ herauf über das Gras kommt, vergessen sie ganz auf den Tonl und das Wawrl. Den beiden ist das fei recht: ein bißl warm ist's schon im Heu, aber auch dämmerig und weich, und ist ein süßer Duft darin. Und ist immer ein heimlich Flüstern, jetzt -- man weiß nicht, ob der Tonl und das Wawrl sich etwas zu sagen haben oder ob's justament nur die trockenen Hälmlein sind, die miteinander reden und in denen noch der klingende Sonnenschein aus der Sommerwelt rinnt.
Wie sie sich miteinander freuen über ein goldenes Band aus Sonnenstrahlen gewebt, das durch ein Astloch in der Holzwand hereinfällt und justament dem Wawrl auf die Schürze, rennt ein Wind draußen ums Haus, so ein Vorreiter vom Wetter, legt die Spitzen seiner Finger in die Ritzen der Tür und reißt die Tür auf. Der helle Tag läuft herein in die Heukammer, und das Wawrl, das gerade seine Arme dem Hans-Tonl um den Hals gelegt hat, schlägt die Arme herunter und die Hände vors Gesicht, damit der Tag nicht sehen kann, wie's rot wird.
Der Hans-Tonl geht heraus in die Sonne, das Wawrl durch die andere Tür aus der Heukammer in den Hausgang. Der Tonl läßt sich den Quell vom Stein heraus über die heißen Arme laufen und taucht den Kopf in das blanke Bergwasser. Das Wawrl geht und trägt ihm ein Leintuch hinaus.
Während der Tonl die Arme und das Gesicht sich trocken reibt, schaut er auf und sieht, wie der Peter Einräumer die Straße herabkommt gegen den Sonnenwirbel zu. Nicht wie ein anderer Mensch kommt er, nicht wie einer, der die Mütze mit dem k. k. Adler nicht auf dem Kopf hat, nämlich: indem er ein Bein vor das andere setzt und auf sein Ziel zugeht, was nötig wär', weil das schwarze Meer zwischen Plessen und Spitzberg schon gar so hochgeht.
Ein k. k. Einräumer, wie der Peter einer ist, geht auf einmal nur immer von einem Vogelbeerbaum zum andern, läuft bald einmal hüben an der Straße, bückt sich bald einmal drüben. Ueberall setzt er sein Häcklein an, hackt die Baumscheiben locker, zieht die Abschläge aus. Und ist noch irgendwo ein Loch am Straßenrand, wo ein Maulwurf heraus oder ein Mäuslein hineingefahren: ein richtiger Einräumer zieht das Löchlein zu; denn wenn das Wetter auf dem Sonnenwirbel darübergegangen, ist an der Stelle, an der das Mauslöchlein im Straßenrand war, ein Brunnenloch gerissen. So --, wenn einer meint, der Peter ist ja gleich daheim, zwei Steinwürfe weit auf der Straße sieht man ihn ja schon hereingehen, da ist er noch lange nicht auf dem Sonnenwirbel, sondern braucht fei noch sein Stündlein.
Jetzt: wenn sie ihn nur sehen, -- 's ist bloß, weil das schwarze Meer gar so gefährlich tut!
»Will denn das Harfenweibl das Gewitter auf dem Sonnenwirbel erleben?« fragt der Wurzltonl. »Ich mein', das ›Neue Haus‹ läg ein wenig mehr im Geschützten?«
»Is fei schon recht,« sagt darauf das Harfenweibl, »wenn einer nicht so wackelig wär', ich lief noch hinüber. Aber -- man weiß nicht, wie's Wetter heranfliegt, mit einem -- und es ist da. Wenn es mich auf dem Weg überfiele -- 's wär' mein Tod.«
»'s is eh recht,« darauf der Wurzltonl, »hat auch noch nicht mit dem Hans-Tonl reden können, das Harfenweibl! So mag das Wawrl heut Nacht am Heu schlafen, weil der Tonl auch noch da ist, der ein Bett braucht; denn leicht: der kann auch nicht auf ein Heimgehen denken heut und wir alle nicht an ein Schlafen.«
Wie sie noch reden, ist der Hans-Tonl ein Stück über das Grasland hingegangen bis an die Fichten, wo der Peter den Abschlag räumt. Der Hans-Tonl hat ein Häcklein mitgenommen und denkt: wenn zwei sind, dauert die Arbeit halb so lang.
Das schwarze Meer steigt, steigt.
Es schaut nur noch ein Spitzlein vom Spitzberg heraus. Und der Plessen ist schon ganz drin ertrunken; nur seinen Turm streckt er noch wie einen Finger in die Höhe.
Darauf hat das Wetter gewartet.
Schwarze Schlangen kriechen aus dem schwarzen Meer in die Täler, kriechen über den Wald. Der Himmel darüber ist ganz aus Silber und die Luft ist wie Bleiglanz. Die Sonne will auslöschen. Nachtschwarze Arme langen aus dem Meere herauf; die wollen sie packen und vollends hineinziehen. Ganz bleich hängt sie in dem silbernen Himmel.
Und die Schlangen kriechen weiter in den Tälern, kriechen die Hänge herauf.
Der Wind hebt an zu laufen. Die Wälder wachen auf.
Ein Baum stößt den andern. Ein Knarren, ein Schlagen ist in den Wäldern. Staubwirbel rasen auf allen Straßen über das Gebirg, rasen beim Sonnenwirbel vorbei, gehen auf den Keilberg tanzen. All die weißen Wege, die durch die Wälder laufen, rauchen, rauchen vom Staub, den der Wind hochwirbelt. Wie schmutzige Säulen stehen die Staubwirbel im Waldland.
Die Schlangen, die aus dem schwarzen Meer in die Täler kriechen, ringeln sich heran.
Der Wind braust.
Die Wälder brüllen.
Es heult um die Berggipfel.
Der Sturm fährt unter das Heu, das noch auf den Wiesen ist, und wirbelt's empor -- jetzt: wo ist Staub, wo ist Heu?
Alles ist grau.
Alles ist lebendig.
Die Vogelbeerbäume an den Straßen biegen sich und schlagen den Sturm. Der heult. Und alle Täler sind schwarz.
Ueber das Zechenhäusl und die Unruh ist das schwarze Meer geronnen und peitscht den Wald. Der ›kalte Winter‹, das ›Neue Haus‹ -- alles im Dunkel des Wetters ertrunken.
Und der Sturm heult und die Wälder brüllen und alle Täler sind ein Brausen, ein Brausen, das die Berge stürzen möchte.
Auf dem Sonnenwirbel ist noch Sonne, bleiche, müde, letzte Sonne.
Und das schwarze Meer kriecht heran und reckt seine Arme und drückt die Sonne aus. Und die bleiche Scheibe drüben zwischen Plessen und Spitzberg ist in das gährende schwarze Meer gefallen.
Nun ist es Nacht. Und noch ist kein Abendläuten aus den Tälern heraufgeklungen.
Der Peter und der Hans-Tonl sind daheim. Sie sitzen um den Kachelofen und lauschen, wie das Rollen an den Bergwänden heraufläuft.
Der Wurzltonl, der den Pflock noch einmal fest vor die Stalltüre gestoßen, weil der so leicht herausspringt, denkt: ich will noch einmal nach der Gabi schauen.
Wie er die braune Tür öffnet, liegt die Gabi auf den Knien vor dem Kruzifix in der Ecke und betet ein Gebet.
Das ist für den Hachtl, denkt der Wurzltonl und schließt die Tür ganz leise. -- --
Keine drei Rehsprünge weit kann einer sehen ins schwarze Meer hinein.
Da -- der Herrgott schlägt mit einem Flammenschwert die Wolkennacht mittendurch, und in die Kluft, die er gehauen, stürzen die wallenden Täler und Berge der Luft krachend hinein. An den Sonnenwirbelhäusern zittern die Fenster und der Kachelofen erbebt, daß der Rost darinnen klappert und das eiserne Türlein aufspringt. Das Vieh brüllt in den Ställen.
Und es geht einer mit einer goldenen Peitsche über die Berge und schlägt damit knallend um sich. Kreuz und quer und durcheinander -- überall fliegendes Feuer. Darüber und darunter das Rollen und Knattern.
Es ist, als will der mit der Feuergeißel in der Hand Schleusen in die Erde schlagen, damit der rauschende Regen hinein- und nicht darüberhinwegströme. Denn die Erde ist am Verdursten. Und immer der Sturm, der um den Sonnenwirbel rennt und mit wilden brausenden Schwingen die Erde schlägt. Wirbelnd kreisen die Wolken.
Da kommt einer aus dem Walde von der Schlauderwiese herüber. Der Hans-Tonl ist aufgesprungen. In den Sonnenwirbelhäusern stehen sie und schauen durch die Fenster.
Und die Wolken wehen um ihn, und die Blitze flattern um den tollen Läufer.
»Da, hast Du's gesehen, Wurzltonl?«
»Hast Du's gesehen, Wawrl?«
»Jetzt hat ihn der Blitz erschlagen, den Hachtl!«
»Ein Flämmlein sprang ihm auf die Mütze, stand einen Augenblick, ganz blau. Hast Du's gesehen, Hans-Tonl?«
»Jetzt -- wo ist denn der Hachtl?«
Das schwarze Meer braust über ihn hinweg, und wie ein Strom stürzen die Wasser dröhnend die Straße herein und die Halden hinab. --
Nun wird die Nacht dämmerig. Der Tag guckt, ob er noch einmal kommen darf. Die Wolken haben sich ausgeschüttet. Und der mit der Feuergeißel ist fort. Nur fern in den Wald fährt noch ein Strahl. Aber das Krachen verzieht eine Zeit -- jetzt erst dröhnt's dem Strahl hinterdrein.
Auf dem Sonnenwirbel wird's Tag.
Der Hans-Tonl stülpt sich die Kappe auf den Kopf und knöpft sich die Joppe über der Brust fest zusammen. Der Wurzltonl geht mit ihm hinauf nach der Höhe. Ein Regen rauscht in die Welt, aber kein Sturm heult hinein. Die Männer lassen den Regen durch ihre Kleider sinken und gehen der Stelle zu, an welcher dem Hachtl die blaue Flamme auf die Mütze sprang.
Da liegt er still und tot. Und das Blaubeerkrüglein ist ein Stück weiter im Gras vom Blitz zerrissen.
5. Kapitel.
Der Tag kommt. Ein goldener Tag, dem die weißen Opferdämpfe der Täler entgegenrauchen.
Im Gras ist ein Knistern von berstenden Schollen, in denen junge Kraft ringt. In den Wäldern ist ein Tropfen und Klingen von goldenem Licht und silbernem Tau. Hoch oben schlägt ein Bussardpaar seinen Morgenflug -- still, königlich: wie die Welt ringsum in sonnevoller Pracht.
Und auf dem Grasrücken, der aus dem Wald hervorspringt und um den die blendenden Ströme des Lichts gehen, hackt der Peter Einräumer die Erde. Wie das Loch fußtief ist, stellt der Hans-Tonl eine Steinsäule hinein. Er hat mit dem Meißel ein Kreuz in den Block geschlagen und die Jahreszahl 1903 darunter. Man kann die Steinsäule von weither sehen. Und der Hachtl liegt daheim still und tot auf dem Stroh und weiß es nicht: jetzt weihen ihm die Sonnenwirbelleute ein dauernd Gedächtnis. Wo das Flämmlein gelaufen ist, über dem Hachtl seine Stirn und an der Wange herab, hat es seine Bahn gezogen. --
Wie sie den Hachtl in die Sommererde gelegt hatten zum ewigen Schlaf, war die Gabi in dem einsamen Stüblein am Sonnenwirbel allein mit ihrer stillen Trauer. Die Klöppel, die durch die Finger der Frau liefen, klapperten gedämpft ihr eintönig Lied. Die Stäublein schwammen blitzend in dem blanken Strom, der durch die Scheiben auf die Diele ging, und die Fliegen summten hindurch.
Auf dem ›kalten Winter‹ sind sie dabei, das Heu zu bieren. Während der Peter und der Peterl die raschelnden Lasten schleppen, schreitet der Hans-Tonl die Halde zur Unruh hinab. Er ist aber nicht allein und kann darum nicht so flott den Hang hineinstampfen, wie er das sonst zu tun pflegt.
Neben ihm geht das Harfenweibl. Jetzt muß der Hans-Tonl der Alten die Hand hinüberreichen.
»Der Grund ist fei wieder so glasglatt,« sagt das Weibl, »daß einer den Hals brechen könnt', wenn er nicht fleißig unter sich schaut.«
Auf der Unruh möcht' sich das Harfenweibl ein wenig verschnaufen: »Es ist gar so viel Sonnenschein in der Welt in diesem Jahr. Und die Pilzlinge werden fei auch wachsen,« meint das Weibl.
»Gelt?« sagt die Resl, dem Helari sein Weib. »Das Fanele hat schon ein ganzes Säckl voll Pfifferlinge heimgetragen.«
Das Fanele, wie es die Mutter reden hört, guckt aus der Stalltür.
»Hui, da ist ja auch der Hans-Tonl! Grüß Gott, Tonl!«
»Grüß Gott, Fanele!«
»Das ist fei zum ersten Mal, daß ich den Hans-Tonl seh, seitdem die Red' ist, daß er so schnell auf ein Hochzeiten denkt.«
»Oha,« sagt der Hans-Tonl und »wenn einer mit so einem Beispiel vorangeht, sind auch immer Leut, die 's alsbald nachtun.«
»Denkst etwa auf _mich_?« fragt das Fanele, »weil Du fei gar so listig mit den Augen redest?«
»'s mag wohl sein, Fanele.«
»Weißt mir einen, so wollen wir die Sache schon machen. Aber ich seh mir keinen.«
Ueberdem ist das Fanele aus dem Stall zum Brunnentrog geschritten und schwenkt die Gelte aus. Sein Röcklein hat es bis zu den Knien geschürzt, und das Kattunjäcklein hat keine Aermlinge. Nun guck' einer, was das flinke Fanele für dralle Arme hat!
Wie der Tonl dem Fanele eine Weile zugeschaut hat und das Dirnlein den Milchkübel auf das Zaunstaket stülpt, sagt er:
»Hast denn auf den Peterl ganz vergessen, Fanele?«
»Hui,« macht das Mädl, »der Peterl!«
Und gelacht hat's dabei ein goldenes Lachen, das ist in den Wald hineingeflogen, wer weiß wie tief. -- Da hören die Frauen zu reden auf und horchen hinüber, was denn am Zaunlattl und am Milchkübel so herzhaft spaßig ist, daß sich das Fanele ausschütten möchte vor Lachen.
's ist fei gut, daß der Brunnentrog nicht weit ist. So geht das Fanele zwei Schritt zurück, setzt sich auf den Rand des Steins und lacht: »Der Peterl vom Sonnenwirbel!« Und lacht.
Der Röhrbrunnen speit seit dem Wetter einen stärkeren Strahl und hat die Steinkufe, auf deren Rand das Fanele sitzt, gefüllt zum Überlaufen?. Und das Wasser, das darin plätschert, plätschert dem Fanele ans Stück Röckl, auf dem es sitzt. Und weil außer dem Kattunrock nicht mehr viel auf dem Dirnlein ist -- --
Das Fanele hat's eiskalte Bergwasser schon gemerkt.
Aber der Tonl auch.
Und jetzt ist das Lachen am Tonl und an den Frauen. Lehnt sich das Fanele an den moosgrünen Lattenzaun. Aber ärgerlich ist's doch, weil der Tonl gesehen hat, wie das Wasser ist fürwitzig gewesen.
»Hans-Tonl, warum sorgst Dich denn um das Fanele? Wenn's einen Mann braucht, wird sich's einen suchen. Und wenn der Peterl erst auf die eignen Beine gestellt wär und hinter der Schürze von der Mahm hervorgehen wollt' -- der Peterl wär gar kein Unrechter.«
»Fei nit, fei nit,« sagt der Tonl, »aber das Fädlein, das der Peterl und das Fanele mitsammen spinneten, das möcht' ich noch sehen.«
»Darum brauchst Dich fei nit zu grämen,« ruft das Fanele spitz.
»So kann einer wohl dem Peterl was ausrichten? Leicht, daß ich ihn eher zu sehen krieg', als das Dirnl.«
»Wenn Du magst,« sagt das Fanele und in seinen Augen ist ein spitzes Licht, »so sag ihm: wenn er auch nicht viel taugete, so wär' er mir doch hundertmal lieber als der Hans-Tonl mit sein'm wilden Schnäuzl.«
Jetzt -- das ist schad', daß das Mädl so flink durch die Stalltüre gefahren. So muß der Hans-Tonl dem Fanele schuldig bleiben, was er ihm hat zahlen wollen.
»Das Harfenweibl ist am End' fertig mit ausrasten, daß wir mitsammen aufs Zechenhäusl kommen?« fragt der Hans-Tonl.
Das Harfenweibl nimmt seinen Korb von der Bank: »B'hüt Gott, Resl. Und wenn nur auf der Unruh das Wetter nix zuschanden geschlagen hat.«
»Fei nit und 's ist dasmal gar gnädig umgegangen mit uns. Ja so -- auf dem Zechenhäusl hätt's auch nix getan, wenn nicht der Seppl meinete: der Schreck und das Aengsten, weil's so gar wild gekommen ist, hätt' ihm das Augenlicht völlig ausgeblasen.«
Der Tonl, der noch einmal nach der Stalltüre schaut, ob das Fanele nicht um die Ecke lueget, lauscht auf, wie er das von dem Landfahrer hört.
»Das Augenlicht ausgetan?« fragt er, »dem Seppl? So ist's eh ein Glück, daß er daheim ist und sich aufs Zechenhäusl gefunden hat. Bis in die Heimat haben sie ihm den Weg justament zeigen mögen, dann sind ihm die Lichtlein ausgegangen.«
Neben dem Steig in den Wald, der fußbreit den Hang hinabläuft, hat der Regen einen Graben gerissen und da und dort hat das Strömen das Erdreich fortgetragen. Da ist's gut, daß drunter die braunen Wurzeln das Geflecht bilden. Dem hat das Strömen den Berg herein nichts anhaben können. Die Wurzeln halten den Stein umsponnen und haben sich eingebissen in den Fels seit achtzig Jahren.
Als die beiden den halben Weg gegangen sind und schweigend an das Unglück vom Seppl gedacht haben, dem der Sturmwind das Licht in den Augen ausgeblasen hat, sehen sie auch schon den Zachenhesselhans.
»'s muß einer fei das Wegl wieder zusammensuchen,« sagt er, läßt die Schaufel ein wenig ausruhen und gießt bei dieser Gelegenheit den Pfeifenstiefel um.
»Wenn einer solch einen raren Besuch bekommt,« sagt der Zachenhesselhans, »so muß er auf Feierabend denken. Grüß Gott, mitsammen und willkommen beim Zechenhaus!«