Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte

Part 3

Chapter 34,047 wordsPublic domain

»Leutl, das g'freut mich! Jetzt -- warum hat denn der Tonl das Meinige noch gemocht? Vieh will er halten. Das ist der Richtige, der Tonl! Ihr versteht's all nicht, Leutln, das Wirtschaften; auch der Helari nicht.«

»Hui,« sagt der Helari und: »so wird mich der Zachenhesselhans der selber kein Stückl Vieh im Stall stehen hat, belehren müssen.«

»Wird er, wird er,« lacht der Zachenhesselhans. »Und jetzt trinken wir einen. Setzt Euch fei noch auf eine Pfeif Tobak. Ich bring einen und Ihr nehmt's einen, und der Zachenhesselhans sagt Euch, wie er über das Viehhalten denkt und warum er meint, daß Ihr im Waldland mit der Viehwirtschaft auf dem Holzwege seid.«

Der Zachenhesselhans springt wie ein Junger, bringt das Steinkrüglein mit dem Trunkelbeerschnaps, den die Mali angesetzt hat, und schenkt ein.

Wie ein jeder getrunken, und wie der Beißer einen jeden herzhaft abgeschüttelt hat, nimmt der Zachenhesselhans den seinen, stellt den Steinkrug unter die Bank und stülpt das Glasl dem Krüglein auf den Kopf.

»Nimm eine Pfeif Tobak,« sagt der Hans zum Helari, reicht ihm die Schweinsblase und raucht sich sein Pfeifl an. Der Helari tut's ihm nach.

Der Helari, wie sein Pfeifl brennt, hockt sich ins Gras und schlingt die Arme um die Knie. Der Hans-Tonl setzt sich noch einmal auf die Holzbank neben den Zechenhäuslmann.

»Ihr sollt's was ganz neues hören, Leut! Wenn einer so sechzig Jahr in der Bergeinsamkeit gesessen, finden sich allerhand Gedanken zu ihm. Wenn der Schnee auf den Wald fliegt und der Hans-Tonl hat unter dem Schnabeln Zeit, zu reden, nachher will ich mit ihm fei auf manch guten Plan denken. Jetzt -- von dem Vieh wollt' ich Euch ein Wörtl reden.

Ich frag Euch: Warum ist denn noch kein Heu ums Zechenhäusl?«

»Weil der Zachenhesselhans kein Gras wird gemäht haben.«

»Und warum hat er nicht?«

»Weil er Erdäpfel und kein Heu frißt.«

»Warum hat er das Gras nicht an die Leute vom Sonnenwirbel oder von der Unruh verkauft?«

»Weil's denen justament so geht, wie dem Zachenhesselhans.«

»So. Und nun, Landfahrer: hast eh im Niederland gesehen, daß die Bauern das Gras auf den Wiesen stehen lassen? Die hau'n woltern nach dem _Grummet_ noch einmal! Und im Waldland gibt's solche, die mögen das _Heu_ nicht. Müssen fei reiche Leut sein, die im Waldland!«

»Wenn sie kein Vieh haben, dem sie's füttern können!«

»Jetzt -- warum haben sie denn kein Vieh? ... Pah,« macht der Zachenhesselhans, »seht's, Leutln, seht's, das will ich Euch sagen: weil Eure Mahm auch keins gehabt hat und keins Eure Väter. Jetzt -- meint ihr, so können _wir_ auch keins brauchen. Nun war das aber eine andere Zeit, da die Mahm im Hüttlein saß. Da machten draußen in den Städten die Maschinen keine Spitzen, die ganz feinen, was die Valanzen (Valenciennes) sind, nun gar nicht. Die eisernen Hände der Maschinen arbeiten billiger, als die flinksten Finger unsrer Frauen. Gegen die Maschinen -- das ist ein ungleicher Kampf. So. Und was heut das Wawrl ist und das Fanele und die Gabi, ja was Dein Resl is, Helari, Klöppeln die etwan eine feine Spitze, so, wie's ihre Mütter gekonnt haben?«

»Fragt sie denn einer danach? Bezahlt sie denn einer dafür?«

»Keiner! Justament deswegen. Der Verdienst ist geringer. Das ist wie ein Quell im Waldland: einmal, da ist er hell und stark gesprungen und hat das ganze Gebirg gespeist, heut rinnt er trüb und müde, und 's lohnt fei nimmer, das Krügl drunter zu halten. Da muß man sich nach einem andern umsehen. Schau'n wir einmal! Das haben wir nahe. Bergwiesen, Grasland allenthalben auf dem Kamm des Gebirgs. Dann der Wald, und mittendrin manch Streiflein, manche Au mit einem Graswuchs, jetzt, daß einem das Herz weh tut, weil man zu diesem Waldgras nicht das Oechslein worden ist.«

Weil der Zachenhesselhans grad mit der Linken den Beschlag vom Pfeifenkopf aufgeklappt hat und mit dem Spitzfinger der Rechten ein wenig nachdrückt und dabei an der Nase hinabschaut, wirft der Helari dem Hans-Tonl einen Blick zu, der fragt: Glaubst das, Hans-Tonl?

Der Hans-Tonl macht wahrhaftig ein Gesicht, als wär die Weisheit vom Zachenhesselhans auch die seine. Er ist justament dabei, sich alles noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen, was der Hans von Zechenhäusl zum besten gegeben hat.

Da merkt der Helari: er hat keinen zur Seite und -- will er in den Kampf gehen, muß er sich fei auf sich selber verlassen. Er hustete ein wenig und rückt ein Stückl weiter im Gras.

»Zachenhesselhans,« sagt er hernach, »weißt noch mehr? Sonst, wenn das alles ist, möcht ich Dir schon sagen, daß ich von dem kein Wörtl unterschreib.«

»Hab ich eh gewußt,« entgegnet der Zachenhesselhans, der sich mittlerweil sein Rauchzeug in Schuß gebracht hat, »daß der Helari eine andere Ansicht hat; denn wär er der meinigen, so hätt er der Unruh längst ein Stückl angebaut und ein Stücker drei oder vier Kühe mehr eingestellt. Aber, der Helari wird sei Gegenred machen müssen, sonst laßt sich der Zachenhesselhans nicht überführen.«

»Na,« sagt der Helari, »zuerst: was da an Mahd stehen bleibt, ist weiter nichts wie borstig Gras ...«

»Halt!« fällt ihm der Zachenhesselhans ins Wort, »und warum ist ein Gras daheroben überhaupt borstig?«

»Weil kein Dünger da ist, der langete für das Grasland.«

»Und warum ist denn kein Dünger da?« fragt der Hans vom Zechenhäusl, und in seinen Mundwinkeln geht ein listig Wirbeln und Zucken. »Schaust, Helari, die Antwort magst nicht gern geben, weil sie heißt: es ist nicht genug Vieh heroben, nicht so viel, daß es hinreicht, den Dünger zu geben für den Wieswuchs, der da ist. Freilich: für das, was in Euren Ställen steht, langt's eh, was wächst, langt fei reichlich. Nun ist aber die Rechnung die: ist es gescheiter, wir schaffen uns ein Vieh ins Gebirg und nützen den Graswuchs besser, oder ist es gescheiter, wir lassen die Hälfte borstig und bescheiden uns mit der ersten Mahd? Denn das muß ich Euch schon sagen: daß kein Grummet daheroben wächst, daran ist wieder einmal nicht der Herrgott schuld, der an dem Waldland vorbeiläuft und keins macht, weil er etwa müde ist von der Arbeit anderswo oder weil er seine ganze Herrlichkeit im Niederland gelassen hat und dem Waldland fei nur einen Reif gibt, wenn sie drunten noch lustig ernten. Nein, Leutln, daran ist kein anderer schuld, als die Männer um den Sonnenwirbel selber. Aber: fei allein, wie im Paradiesgarten, laßt der Herrgott nichts mehr wachsen. Seit die Sünd' in die Welt gekommen, heißt's: auch ein bißl mittun, Leutln! Und schwitzen müßt ihr schon ein wenig dabei, sonst wachst nix. Hernach könnt ihr auch Euer Brot essen.

Und weil ich einmal dabeibin,« fährt der Zachenhesselhans fort und gießt seinen Pfeifenstiefel aus, »da muß ich Euch doch noch sagen: 's gibt höhere Berg, als am Sonnenwirbel, und 's gibt ärmeres Land, als das Waldland, und 's gibt kältere Winde und längere Winter, als daheroben, und doch treiben die Leute darinnen nichts weiter, als Viehwirtschaft. Wir aber um den Sonnenwirbel haben eine abgegriffene Weisheit, so abgegriffen, sag ich Euch, wie ein alt Geldstückl, daß fei keiner mehr achten dürft, und doch ist sie noch immer im Umlauf und fein in Ehren. Die heißt: das Waldland im Gebirg trägt seine Leute nicht! Darum müssen die Männer fort auf den Handel und auf das Musikmachen -- gelt, Landfahrer? -- und lassen ihre Heimat imstich, wenn ihnen gleich das Herz dabei wehtut, so weh, daß sie dem Schneewind vorauflaufen und mit ihm wieder in das Heimatland einziehen.

Aber während der Bergwind sich über den Wäldern sein Liedl singt und die Wangen sich rotläuft, sitzen sie daheim und hungern sich bleich.

Das is fei nix, Leutln! Ich halt's mit dem Sprüchl: gibt der Herrgott ein Hasl, so gibt er auch ein Grasl. -- Machts Euch das Waldland zurecht und sehts: es ist stark genug, Euch alle zu tragen und noch einen Haufen mehr obendrein.«

Der Zachenhesselhans langt unter die Bank, setzt dem Steinkrug sein Käpplein ab und läßt noch einen Beißer herausrinnen -- aber nur den einen. Der ist für den Zachenhesselhans; denn der meint: er hab ihn sich redlich verdient.

Der Helari sagt:

»Zachenhesselhans, darüber müssen wir noch einmal reden. Manchmal denk ich, Deine Rechnung ist richtig. Manchmal mein' ich: sie ist falsch.«

Wie der Helari so gesprochen hat, richtet er sich aus dem Gras auf. Seit er die Pfeife in die Lederhose geborgen, kaut er an einem süßen Halml.

»Warum denkst denn, 's wär' falsch?« fragt der Zachenhesselhans.

»Sonst,« meint der Helari, »warum hat sich denn _vor_ dem Hans keiner auf derlei Dinge besonnen? Sind doch vor ihm auch kluge Leute im Waldland gewesen.«

»Sind auch,« sagt der Alte. »Aber: einer _muß_ sich doch _zuerst_ darauf besinnen. Und justament: auf die einfachsten Dinge kommen die Menschen immer am schwersten.«

4. Kapitel.

Der Wurzltonl vom Sonnenwirbel ist zu Wald gegangen. Er sucht allerhand Kräuter und gräbt mancherlei Würzlein, die trocknet er am Wäschestängel über dem Kachelofen und bringt sie dürr oder auch grün in die Apotheke -- nach Oberwiesenthal, nach Joachimsthal oder sonst in ein ›Thal‹. Werden noch einige ›Thal‹ daherum sein. Vom Sonnenwirbel aus ist alles ein Tal.

Der Peterl aus dem andern Haus am Sonnenwirbel ist mit der Mahm auf dem ›kalten Winter‹ im Heu. Und der Peter, sein Vater, hat die Mütze auf, an der der k. k. Reichsadler sich befindet, und räumt, kratzt oder hackt die Abschläge an der Staatsstraße nach dem Keilberg aus. 's möcht' ein Wetter kommen übers Waldland! Ist alles knüppeldürr im Gebirg. Und wenn's dann die Wasser mit einem Mal herunterschüttet -- hui, hui, das ist ein Strömen und Brausen, und wehe, wenn das Strömen und Brausen die Rinnsale nicht findet, die der Peter instand zu halten hat! Das reißt fei dort ein Stückl Straße ein und da noch eins, und der Peter muß alles wieder aufbauen, und seinen Rüffel kriegt er noch obendrein. Darum hat er den k. k. Adler an der Einräumermütze; und den Rüffel kriegt er »von _amts_wegen«, -- »von _rechts_wegen« nicht immer. Das heißt: das meint der _Peter_.

Das alles erzählt sich der Hans-Tonl wie er die Halde heraufsteigt und sieht alles mit einem Blick, wie er über die Unruh hinauf ist, dem Helari die Hand geschüttelt und gesagt hat: behüt Gott, Helari, und auf ein Wiedersehen.

Das erschaut der Hans-Tonl alles mit einem Blick; denn es ist auf dem Sonnenwirbel nur das Wawrl im Heu. Und wie das Wawrl immer so wendet mit dem Rechen und wie ihm der weiche Bergwind das blaue Kattunröcklein so sanft um die Hüften drückt, wie er das goldene Ringelhaar über der Stirn vom Wawrl sich um die Finger wickelt und ihm ein leises Lied singt, hört das Dirnlein den Hans-Tonl gar nicht über das wolleweiche Gras heraufkommen.

Der Tonl, wie er ganz nahe ist, bleibt ein wenig stehen und denkt: dem Wind, der es so gut mit dem Wawrl meint, und ihm das Röcklein so glatt über die Hüften streicht, daß man erschauen kann, wie weich und rund die sind, dem Wind schau ich ein Weilchen zu.

Wawrl, sagt der Wind zum Mädl, Wawrl, da steht einer stocksteif im Gras und in der Sonne, lacht so in sich hinein und läßt kein Aug von Dir schmuckem Ding. Hast dem fei gar etwas gestohlen?

Das Wawrl denkt grad an etwas und hört nicht auf den Wind. Der weiß den ganzen Tag etwas zu erzählen! Hat einer, wenn er im Heu ist, nicht immer Zeit, hinzuhören.

Wawrl, sagt der Wind wieder, die Sach' ist mir nicht richtig. Am End hast Du dem doch etwas gestohlen und nun hat er Dich ertappt?

Das Wawrl hört nicht hin.

Wawrl, singen wir zwei uns eins, sagt der Wind, zupft das Dirnlein am Kopftüchl und hebt dem Mädl die weiße Jacke unter dem Gürtelband. Er möcht' ein bißl gucken, der Wind.

Ach wo, sagt das Wawrl, beim Heuwenden singt ein Dirnl nicht und gleich gar nicht, wenn der Hans-Tonl nicht dabei ist.

Darüber ärgert sich der Wind, springt um das Wawrl herum und wirbelt ihr das blaue Kattunröcklein überm Knie in die Höhe.

Pst, macht das Wawrl, was das für Dummheiten sind!

Und wie sie dem Wind den Saum vom flatternden Röcklein aus der Hand nimmt, und sich dabei dreht: -- -- meiner Seel, da ist ja der Hans-Tonl! 's war nur gut, daß das Wawrl dem neugierigen Wind fei fest auf die Finger geschlagen. Das hätt' eine Sach werden können! Der Hans-Tonl hätt' ja einen Juchezer gemacht, daß das ganze Waldlandl aus dem Mittagsschlaf aufgewacht wär, wenn der Wind dem Wawrl unters Röckl guckete.

Jetzt -- wie der Hans-Tonl auf das Dirnlein zugeht, es in die Arme nimmt und sich mit ihm und dem Rechen dreimal herumwirbelt wie ein Kreisel, jetzt ist das Zuschauen an dem Wind. Das Wawrl ist ganz außer Atem gekommen, wie es der Hans-Tonl endlich wieder auf seine Beine gestellt hat.

»Na, Tonl, da hast mich fei tüchtig geschreckt,« sagt es und läßt sich auf das knisternde Heu fallen, damit der süße Duft, der auf dem Grund ist, ihm ganz sacht die Stirn und die Wangen streicheln kann.

Der Hans-Tonl sagt:

»Du, Wawrl, wir plauschen ein bißl -- 's ist so niemand, mit dem man ein Wörtl reden könnt'. Bei der Hitzen dörrt das Heu auch ungewendet, daß es der Wurzl-Tonl bieren[1] (in Haufen auf dem Rücken eintragen) kann; und ich helf Dir hernach, das Versäumte nachholen, gelt, Wawrl?«

[1] Wohl von dem englischen ~to bear~ = tragen.

Das Wawrl, weil's den Tonl so lang nit gesehen hat, nickt ein kleines bißl mit dem Kopf, um den die goldnen Haarringlein klingen. Aber der Tonl versteht's schon.

»Wawrl,« sagt er, »es is fei so viel sonnig hier. Ich denk, wir machen uns ein Berglein aus Heu, das einen Schatten gibt.«

»Tonl,« meint da das Wawrl, »wenn mein Vatter aus dem Wald die Halde herauskommt und sieht uns fei ausrasten von der Arbeit, die nicht getan ist, nachher --«

»Da werd ich zu ihm sagen: jetzt, Vatter, setzt Euch auf ein Viertelstündlein daher und schaut zu, ob sich's hinter dem Heuberg uneben rastet.«

Das Wawrl muß hell auflachen.

»Halt ein, Wawrl,« sagt der Tonl und schleppt einen Haufen Heu heran und noch einen darauf. Er steckt einen Rechen hüben daran und einen drüben: »so, ihr zwei, ihr haltet das Mäuerlein und habt's fein acht, daß es uns nicht zudeckt!«

Dann setzt sich der Tonl auf die Schattenseite hinter das Heu und rückt so dicht an das Wawrl heran, daß nicht ein einziges dünnes Halml neugierig zwischen den beiden heraufschauen kann, um zu sehen, was sich denn da am helllichten Tag auf der Bergwiese zuträgt.

Der Wind schlendert überdem auf dem dörrenden Grase herum. Er bückt sich da einmal und dort einmal, hebt ein Bündlein Heu auf und wirft's wieder fort. Um das Wawrl und den Tonl kümmert er sich gar nicht, der Wind. I, der tut bloß so! Wie die beiden im Schatten sitzen, geht er auf den Zehen hinter den Heuhaufen und lugt heimlich um die Ecke. Seht doch einer, was der Tonl mit dem Wawrl anfängt! Er nimmt dem Wawrl seine roten Wänglein in die Hände und zieht das Köpferl zu sich herüber -- »ein Zwickbusserl,« sagt der Tonl und lacht hellauf, -- natürlich wie das Busserl vorbei ist.

»Gut war's,« sagt der Tonl. Dem Wawrl fliegt ein Feuer in die Stirn. Es guckt hinunter auf das Kattunröcklein, auf dem seine Hände mit einem trocknen Bergblümlein spielen.

»Du, Wawrl,« hebt der Tonl wieder zu reden an.

»Was meinst?« fragt das Wawrl und schaut immer noch nicht auf.

»Auf den Herbst heiraten wir zusammen.«

»Bist fei zum spaßen aufgelegt heut?«

»Wahr und wahrhaftig!« sagt der Tonl.

Der Wind, der wieder um den Heuhaufen guckt, denkt: jetzt nimmt der Tonl dem Wawrl seine Hand in die Linke und legt ihr den rechten Arm um den Hals. Der Wind wirft von dem lockeren Heu eine Handvoll herab. Aber das Wawrl kann's gar nicht sehen, denn der Tonl küßt ihr mit seinen roten Lippen die Augen zu. Jetzt -- wenn ein solcher kommt, tut das Madl keinen Mux. Wenn es dagegen der Wind zaust, wird es nicht fertig mit schelten den ganzen Tag.

Mit einem Kuß ist es justament wie mit einem Grenzstein, denkt der Wind -- immer, wenn der Tonl eine Weile erzählt hat: wie das Häusl unterm Sonnenwirbel ausschauen soll, wie die Halde, wie das Dächl, wie das Kammerl, dann drückt er immer einen Kuß hin: hernach redet der Tonl wieder kurz, dann busselt er wieder lang. Immer hübsch das Grenzsteinl nit vergessen, damit's keine Verwechslung gibt und nicht eins in das andere geplauscht wird ...

Der Wurzltonl, wie er mit seinem Hücklein den steilen Berghang herauf gekraxelt ist und die Straße hereinkommt, läßt seinen Blick über das Grasland gehen und denkt: es hat fei gut gedörrt heute, und das Wawrl ist fleißig gewesen; denn es hat schon zu schobern angefangen. Das denkt der Wurzltonl, weil er drunten an der Halde den mächtig großen Heuhaufen sieht.

»Jetzt,« sagt derweil der Tonl zum Wawrl, »Dirnl, wir sitzen da im Schatten, bis die Sonne das Heu fertig hat. Um Vesper schau ich einmal; dann bieren wir, und eh das erste Tröpfl Abendtau auf den Berg fällt, ist die ganze Mahd unterm Dach auf dem Sonnenwirbel. Du aber tust fei langsam dabei, Dirnl, und läßt _mich_ dreimal laufen, während _Du_ einmal gehst.«

Nun schau' einer, denkt der Wind, der justament wieder um den Heuhaufen lugt, nun schau' einer, jetzt -- auf so eine Red hin kriegt der Tonl vom Wawrl ein Bußl und ein Zwickbußl. So was läßt sich der Tonl gefallen!

Weil im Gras droben auf der Halde ein sanftes Schlürfen ist und der Wind den Tag über doch ganz still war, springt das Wawrl auf einmal auf seine Beine, streicht sich die Goldlöcklein unter die weiße Kopfhülle und schreit nach dem Rechen. Sie dreht sich wie ein Hexlein im Wind, aber der Rechen ist nicht da.

Der Tonl tut gerad, als hätt' er auf den Vater gewartet, lacht hell auf und sagt: »Wawrl, geh suchen den Rechen! Wie kann denn einer beim Heuwenden sein und den Rechen nicht wissen?«

Dem Dirnlein brennt ein heißes Feuer auf der Stirn; so heiß hat es sein Lebtag noch keins gespürt. Wo der Tonl jetzt bloß sein Lachen hernimmt?

Ueberdem ist der Wurzltonl herangekommen und gucket hinter das Heu.

»Gebaut habts Euch das Dingl nit schlecht,« sagt der Wurzl-Tonl und geht zweimal im Kreis um den Berg. Da schaut das Wawrl auch einmal hin und denkt: was an dem Heu wohl so wunderlich ist? -- Ei, da sind ja die Rechen!

Weil aber der Wurzltonl ein Gesicht macht wie der Himmel, wenn sich ein Gewitter daran heraufschiebt, denkt der Hans-Tonl: »Jetzt ist's Zeit« und sagen tut er: »Grüß Gott, Vatter, und ich hätt gern ein Wörtl mit Euch geredet.«

»Mit _mir_ auch?« fragt der Wurzltonl. Es ist spitzig gefragt, dieses: mit mir auch.

»Ja,« sagt der Tonl wieder, »denn mit dem Wawrl hab ich fei nit zuviel geplauscht, 's hat so allerhand Arbeit gegeben.«

»So red ein Wörtl,« sagt der Wurzltonl.

Was nun kommt, kann der Hans-Tonl schon auswendig: zuerst hat er's dem Zachenhesselhans erzählt, dann hat er's dem Wawrl erzählt -- dabei hat er auch gleich die Grenzsteine aufgestellt, und nun sagt er's auch noch dem Wurzltonl.

Der hat's eh schon gewußt, was ihm der Tonl heut sagen will, denn der hat ihm, wie er vorhin über das Grasland hergegangen ist, zugerufen: Grüß Gott, _Vatter_.

»So,« sagt der Tonl und schließt seine Rede, »und jetzt tragen wir mitsammen das Heu ein. Der Vater braucht nicht mit zu helfen, das Wawrl nur so viel, damit es dabei ist, und den Rest nimmt der Hans-Tonl auf sich. Eh' der Abend taut, mag sich der Wind ein Halml auf der Sonnenwirbelwiese suchen, mit dem er spielen kann. Er wird fei gut zuschauen müssen, will er eins finden.«

Da hat der Wurzltonl nicht mehr viel zu schaffen auf der unteren Wiese. Mit dem Hans-Tonl kann er nicht um die Wette, und wenn der seine jungen Arme und Kräfte herleihen will und nicht einmal etwas dafür mag, wenigstens nicht vom Wurzltonl -- denn ganz umsonst tut er's doch am End' nicht -- da kann der Wurzltonl gehen und das Wawrl mag den Jungen fei abfinden.

Der Wurzltonl hat noch einen Hang Gras stehen nach der Schlauderwiese zu -- ist schon gut: so wird der Wurzltonl sich jetzt auf den Sonnenwirbel in den Schatten setzen, wird das Dengelzeug hervorholen und die Sense schlagen. Morgen früh, wenn's dämmerig wird, kann er dann den Grashang mähen. Liegt der Tau noch, schneidet's eh besser, insonderheit bei der Dürre.

Während der Wurzltonl beim Aufwärtsschreiten noch da und dort eine Hand voll Heu aufgenommen und zwischen den Fingern gerieben hat, ob's trocken genug sei, meint er: auf solch einen Sommer, in dem kein Tröpfl Regen auf die Mahd gegangen ist, könn' er gar nicht denken am Sonnenwirbel.

Und der Wurzltonl ist vor dreiundfünfzig Jahren auf dem Sonnenwirbel jung geworden und ist diese Zeit her nur einmal auf einen Tag im Karlsbad gewesen. Damals hat er das Sterbekleid für die Mutter vom Wawrl gekauft.

Sind fei zehn Jahre darüber ins Land gegangen.

Und jetzt -- jetzt will ihm der Hans-Tonl auch sein einzig Kind nehmen. Wie er so denkt, hat er die Sense vom Balken genommen und setzt sich auf das Gras vor dem Vorhaus. Er stößt den Dengelstock in das Erdreich und hebt an zu schlagen.

Sein Herz schlägt mit, und der Wurzltonl setzt den Hammer so fest auf, damit der Hachtl nicht hört, wie sein Herz geht.

Was soll einer nun tun in der Bergeinsamkeit?

Das wüßte der Wurzltonl schon: fei das, was er immer getan hat. Aber: daß er nun auch die zwei Stück Vieh aus dem Stall geben soll, das ist's, was ihn so hart angeht.

Die rote Kuh hat er dem Wawrl als Heiratsgut versprochen; denn die Rote hat er angekauft von dem Geld, was die Wawrl von der Mutter selig geerbt und auf der Sparkasse gehabt hat. Aber die Schwarze?

Wie der Wurzltonl so sinnt und das Herz doch nicht in Ordnung bringt, so daß ihm ein verräterisch Zucken um Lider und Mund läuft, kommt ein Weiberl die Straße herauf.

Der Wurzltonl hält einen Augenblick inne und denkt: das ist ja das Harfenweiberl vom ›Neuen Haus‹. Wird sich ein Maßl Schwarzbeeren suchen wollen im Wald.

Der Mann hebt schon wieder den Hammer, um mit dem Dengeln zu Ende zu kommen.

Hui, denkt er, da kriecht etwas zusammen hinter dem Spitzberg! Und weil der Tonl grad mit einer Biere Heu die Halde heraufschnauft, ruft er ihm hinüber: »Tonl, es kommt ein Wetter!«

Der Tonl hat aber nicht Zeit zum reden. Erst will er das Heu vom Rücken haben.

Während er um das Haus geht und sich in der Panzel die Biere losbindet, ist das Harfenweibl vollends herangekommen. Wie die Alte vorm Sonnenwirbelhaus ist und ihr der Wurzltonl sein »Grüß Gott, Weiberl« hinübergerufen hat, sagt er noch:

»Da schau Dich um, Harfenfraule. Siehst Du etwan auch, daß hinter dem Spitzberg ein Wetter sich zusammenbraut? Wo hast denn das Krügl gelassen, wenn Du in die Schwarzbeeren willst?«

Das Harfenweibl schaut sich um. Wie es das Wetter brauen sieht, sagt es: »Wenn der Herrgott auf das Mal nur gnädig kommt.«

Es geht über die Straße her, bis dorthin wo der Wurzltonl im Grase sitzt und stellt sich vor ihm auf. Der Tonl schaut schon wieder hinab auf das Sensenblatt, das über dem Dengelstock liegt, und greift mit den Spitzen der Finger die Schneide ab, ob ein Stein etwa noch eine Scharte geschlagen hat.

»Grüß Gott, Wurzltonl,« sagt das Harfenweibl, weil es sich besinnt, daß es ja dem Mann vom Sonnenwirbel den Gruß noch schuldig ist. »Wollts das Heu noch einbringen vor dem Wetter?«

»Fei wohl,« entgegnet der Tonl, »und 's wird nicht nothaben, wenn solch einer die Sach in die Hand nimmt.«

Der Wurzltonl deutet mit dem Daumen nach rückwärts über die Achsel. An der Giebelwand entlang kommt der Hans-Tonl gerade zurück, hat die Stricke zur neuen Biere in der Hand und trocknet sich mit dem blauen Sacktüchl die Stirn.

»Da treff ich's gut und schlecht,« sagt das Harfenweibl und lächelt. Aber dem Lächeln ist ein wenig Mißmut beigemengt. Warum denn?

»Gut und schlecht?« fragt der Wurzltonl zurück.

»Weil ich den Hans-Tonl auf dem Sonnenwirbel treff, das is fei gut. Weil er aber auch nicht ein Minütl Zeit hat, mit mir zu reden, das ist schlecht.«

»Wenn sich das Harfenweibl ein Stündl verhalten will, dann kann es schon reden mit dem Hans-Tonl,« sagt der. »Aber das Heu muß erst unters Dach -- ja, wenn einer wüßt, ob das Wetter hinter dem Spitzberg bleibt.«