Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte

Part 2

Chapter 23,903 wordsPublic domain

Der Zachenhesselhans sieht: der Alte kommt aus dem Niederland, denn sein Stock hat die Tage daher noch als junge Erle an einem Wiesenbache gestanden. Und Erlen wachsen im Waldgebirg nimmer.

»Grüß Gott,« sagt der aus dem Zechenhaus, »grüß Gott!« und reicht dem Alten die Hand entgegen. »Kommst fei weit her und hast Dich zum ersten Mal ins Waldland verlaufen?«

»Fei nit,« antwortet der andere, tut die Gitarre vom Rücken und setzt sich ins Moos.

»Hui,« sagt der Zachenhesselhans, wie er so reden hört, »bist gar ein Waldleutl und landfahrend gewesen die Jahre her?«

»'s mag wohl sein,« darauf der andere.

»Leicht auch so einer von denen, für die 's Waldland zu arm war und die draußen ums Geld singen und Saiten schlagen? Mannl, die finden sich alle wieder heim ins Gebirg! 's geht ihnen am besten da, wo sie daheim sind. Wohin willst denn noch diesen Abend?«

»Je nun,« sagt der andere, »auf's Zechenhäusl und die Mali wiedersehn.«

»Wen willst sehn? Die Mali? Da bist ein wenig zu lang außen geblieben. Die Mali ist mittlerweile davongegangen.«

Der Zachenhesselhans faßte sich an die Stirn.

»Davongegangen sagst?« fragte der andere.

»Freilich. Der Frühling hat sie mir umgebracht, wie er ins Waldland fuhr. Im fünften Monat schläft sie nun. Aber Du -- ich besinn mich, bist doch nicht der Mali ihr Bruder, von dem sie gesprochen hat, als wär er tot?«

»Der dürft ich wohl sein. Jessesmaria, der Weg war weit! Und nun -- er ist doch nur gegangen worden, daß einer wieder drauf heimkommt ins Stückl Welt, auf dem er jung geworden. Und so bist Du der Hans Günther, der die Mali gefreit hat?«

»Der bin ich, der Zachenhesselhans. Wie sie drinnen in Gottesgab das Häusl verkauft haben, aus dem die Mali heraus ist und das dem Schmied-Seff gehört hat, haben wir uns das Zechenhäusl im Bergwald gekauft. Wirst Dich fei wundern: allerhand andere Leut sind wohnhaft im Waldland und nur hin und her ist noch einer, der von Dir, dem Josef, redet. Sie heißen Dich, weil Du der Sohn vom Schmied-Seff bist, den Schmied-Seff-Pepp. Sind ihrer aber nimmer viel, Alter, die von ihm wissen. Wenn einer länger als vierzig Jahr mit dem Singspiel durch die Welt gefahren, zählt er im Bergwald zu den Toten. Na, weil der Schmied-Seff-Pepp sich nur wieder heimgefunden! Er wird woltern Hunger haben, der Seff?«

»Wohl, wohl,« entgegnete der Alte, nachdem er eine Weile sinnend aufs Waldmoos gestarrt, »Hunger, daß es einer haußen hört.«

»So komm, Mannl! Reichlich war's im Zechenhäusl nie, aber für zwei hat's noch immer gelangt.«

Der Zachenhesselhans reichte dem müden Manne die Hand und zog ihn vom Waldboden empor.

Die Nacht kroch hinter den Schreitenden drein, kroch aus den Tälern über den Fichtennadelgrund und drückte die Sonnenflämmlein aus, die in dem Heidelbeerkraut brannten oder goß silbernen Tau über das goldene Licht, das da und dort aus dem Geäste geronnen. Sie hing ihre Schleier in die Bergfichten. Sie blies die Sonnenfeuer aus, die noch auf den Wipfeln wehten.

Aus dem Schornstein des Zechenhauses stieg ein Wirbel bläulichen Herdrauchs. Stieg auch einer über dem Schindeldach der Unruhe. Die kräuselnde Rauchsäule droben auf der Unruh stand kerzengrad gegen den reinen Sommerhimmel. Aber das Schindeldach der Hütte hielten die Fichten dem Zechenhäusl verborgen -- »'s möcht neidisch werden sonst, das Zechenhäusl,« sagte der Zachenhesselhans, »denn von den Schindeln sieht einer auf dem Zechenhaus fei nix mehr. Die hat ein grünes Moos weich übersponnen, aus lauter Lieb zum Zachenhesselhans, damit im Winter der Schnee nicht auf sein Strohbettlein stiebe.«

An jenem Abende tat der Alte vom Zechenhause das Schwammsäckl vom Balken über dem Ofen und kochte dem wegmüden Landfahrer ein duftig Pilzsüpplein.

»Die Schwämme hat die Mali im letzten Herbst noch eingebracht, Mannl,« sagte der Zachenhesselhans. »Hat eh nicht geglaubt, daß sie dem heimkehrenden Bruder ein Nachtmahl bereitet damit.«

Dann ging die Stille durch die Stube, weil sich Herzen mit einer Toten beredeten.

Sie hatten ihr viel zu sagen; denn das Schweigen war lang und tief. -- --

»So,« hub der Hans nach einer Weile wieder an, »die Gitarr will ich derweil an den Nagel hängen. Nicht, weil ich ein Liedl nicht möcht, sondern weil ich mein': ihr zwei versteht Euch wohl miteinander aufs Fahren, aber nicht aufs Seßhaftsein. Und jetzt, wenn Du Dein Schwammsüppl weghast, möcht sie wohl gar zu Dir ein Wörtl reden und Dich gemahnen: Sepp, fahren wir heut nimmer? Einer, der heimatlos worden, und sein Lebtag kein Stückl Land gebaut und liebgehabt hat, der kann solch ein Reden nicht hören. Für den ist das ein Locken, unwiderstehlich, mein' ich. Aber, ich denk, Mannl: wir zwei bleiben eine Zeit mitsammen im Zechenhäusl. Und eh die Gitarr und Dein landfahrend Herz auf Deine verlaufene Seel einreden, vergunnst mir wohl ein Wörtl. Wenn's ein wenig poltert, na -- so laß Dir's nix machen. 's ist nit bös gemeint, Mannl. Aber weißt Du, eine Lust mach ich mir drauß. Jetzt -- auf so einen, wie Du einer bist, hab ich fei lang gepaßt. Nu läuft er mir justament in die Quer. Und wenn ich nicht gedacht hätt, Du wolltest Dich erst mit der Mali ein wenig bereden, weil Du so vierzig Jährlein keine Zeit dazu gehabt hast, hätt's schon begonnen -- ich mein': das, was wir zwei miteinander zu reden haben.

Ich hab mir nämlich da in meiner Bergeinsamkeit ein Exempel gemacht. Wie ich zwanzig war, hab ich mit rechnen angefangen und hab damals gedacht: Hansl, hab ich gedacht, Dein Exempel stimmt nicht. Und hernach, so oft's mir schlecht gegangen ist im Wald -- 's laßt sich zählen, Mannl! -- hab ich wieder gemeint, die Rechnung stimmt nicht. Aber: die Rechnung stimmt doch, stimmt, und Du bist mir die Probe darauf. Siehst Du, hast 's woltern weit gebracht: bist die Probe auf das Exempel, über dem der Zachenhesselhans sein Leben lang gerechnet hat. Und was dabei rausgekommen, Mannl? Viel is fei nit.«

So, die Gitarr hängt in der Ecke am Nagel. Der Landfahrer sagt: dort könn' er sie sein Lebtag nimmer entdecken.

»Hui,« macht der Zachenhesselhans, »warum denn nicht?«

»Ja,« antwortet der Musikmann, »von dem allen, was ich dermaleinst mit aus dem Wald genommen, hab ich nicht viel wieder mit heim gebracht. Zwei frohe blanke Augen sind auch dabei gewesen -- sind aber draußen geblieben. Und die, die ich wieder hereingetragen, die mögen fei nimmer wert sein, daß einer sich noch lang damit schleppt.«

»Hui,« sagt der Zachenhesselhans noch einmal, »Mannl, Du hebst mir nit fein zu singen an! Und deswillen bist landfahrend worden?«

»Wenn einer am End vom Wege steht, ist er alleweil klüger als am Anfang,« entgegnet der Sepp und zuckt wehmütig mit den Achseln.

»Ich denk, heut ist eine Nacht, die man vorm Häusl verbringen kann. Sind nicht viele daheroben, wo der Bergwind König ist. Und wenn der Wind sich irgendwo verschläft, so ist's ein Nachttau, der fällt, daß die Fichten triefen,« sagt der Alte vom Zechenhaus und schreitet mit dem wandermüden Manne hinaus vor die Hütte.

Auf der braunen Holzbank ließen sich die beiden nieder. Der Zachenhesselhans glomm sich die Pfeife an, guckte noch einmal nach dem Dach, über dem noch immer die Rauchsäule stand und meinte:

»Zu dritt rauchen sie ihr Abendpfeiflein: der Zachenhesselhans, das Zechenhäusl und die Unruh. Das Zechenhäusl aber möcht 's ausgehen lassen vorm schlafenlegen. Plauschen wir ein bißl, mittlerweile raucht 's aus.

Und Du, Mannl, Du hast 's vor mehr denn vierzig Jahren gar nimmer aushalten können im Waldland, in dem Du zuerst auf Deinen Beinen gestanden? 's ist Dir damals schlecht gegangen, gelt, fei schlecht?«

Der Zachenhesselhans zwickt Dich, Schmied-Seff-Pepp! Jetzt -- wenn Dir's weh tut, halt still; denn der Zachenhesselhans will Dir Einstand geben. Der Mali ihr Platz ist noch leer, und ein Oertl, auf dem Du daheim bist, tät Dir not und wär Dir schon recht. Jetzt -- Seppl, wenn der Alte vom Zechenhäusl wieder zwickt, halt still!

»Dein Vater selig is der Schmied in Gottesgab gewesen und sein Jüngl, das sie auch Josef nannten, das war der, dem an seinem Vater das rußschwarze Gesicht nit gefiel. Ei, hat der gedacht, das Saitenschlagen ist eine feinere Kunst als das Eisenschlagen und das Liedlsingen leichter als das Hammerschwingen. Und dem Seppl ward's zu eng im Waldland; denn er war klüger als seine Leut.

Da nahm er eines schönen Tags das Singspiel auf den Rücken: ade, Vater, und: lebt's schön wohl, Mutter, tat sich sein neues grünes Hütl auf, gab noch ein paar schöne Federn drauf und fort ging's. 's führen viel Wege vom Gebirg.

Und wie der Seff-Pepp in die Stadt kommen ist -- beim Karlsbad wird's angefangen haben, und dann hinein ins Deutschland; denn das Waldland zwischen Fichtelberg und Keilberg, Plessen und Spitzberg ist ja so gar eng -- jetzt, hat er gedacht: das grüne Hütl aus dem Bergwald taugt nix, und die Joppen aus der Waldöde ist nicht fein. Da muß ein neues Hütl sein und ein glattes Jäcklein; denn des Abends spielt der Seppl auf in den Gasthäusern. Jetzt -- da hat er sich mit andern zusammengefunden, die nirgend und überall daheim sind. Seine Sprache hat ihn verraten. Und da haben die Leutlein aus dem Erzgebirg eine »Wiener Damenkapell« zusammengestellt. Sowas klingt großartiger im Deutschland. Wer weiß denn, daß so Leutlein, wie ihr, aus dem Waldland kommen? Na, und jetzt -- da habt's gehockt bis nach Mitternacht und habt's den feinen Leuten eins aufgespielt als die »Wiener Damenkapell« oder »Die Veigerl vom Donaustrand«. Seht's, da habt ihr Euch Eurer Heimat zum andern Mal geschämt.«

Seppl, halt still! Der Zachenhesselhans zwickt Dich. Weh tut's, aber recht hat er. Halt still, Seppl, auf dem Zechenhäusl ist der Mali ihr Platz leer!

Dem Zachenhesselhans ist die Pfeife ausgegangen. Er weiß es nicht, saugt am kalten Rohr und meint: nicht einmal mehr vor einer Pfeif Tobak hat das Mückenvolk Respekt.

Der Wald steht schwarz und still wie eine Mauer. Ein Käuzlein ruft aus dem Grund herauf, und aus den Wipfeln im Tal spinnen sich die Nebel hervor. Die legen sich in weißen langen Streifen über die Gründe. Das Wässerlein klingt in gleichmäßigem Fall in den Brunnentrog. Der Himmel ist blank. Stehen nur wenige Sterne darin. Die Engel haben heut im Waldlande zu tun, so himmelstill ist's dort, und haben keine Zeit, die Lichter droben herauszustecken.

Das Zechenhäusl hat sein Abendpfeiflein ausgeraucht, justament wie der Hans auch, -- und merkt's keiner als die Mücken.

»Jetzt« -- der Zachenhesselhans saugt am Pfeiflein und meint: er sitz' in einer dichten Wolke Tabakrauch -- »jetzt: da ist die »Wiener Damenkapell« in die Brüche gegangen ... Willst etwas sagen, Weltfahrer? Sie hat gehalten? Gut. Hat sie -- so ein Jahrer sechs oder zehn, i, was red' ich! Also: der Seppl hat sich gewöhnt, um die Morgenfrüh in die Federn zu kriechen und dem Herrgott seine Tage zu verschlafen. Des Nachts hat er gewacht, hat gesungen und Bier getrunken -- hat eine verkehrte Welt gemacht. Jetzt -- da hat sein schöne Singstimme einen Riß gekriegt, und die Gitarr hat nichts mehr recht gemacht. Von da ab ist der Seppl auf die Dörfer gezogen und hat auch wieder manchmal an's Waldland gedacht.

Warum ist er denn damals nicht heimgekommen?«

»Er dachte: er wollt's schon noch zu was bringen,« sagte der fahrende Mann.

»Recht so: geschämt hat er sich, weil er treulos geworden seinem Heimatland. Auf dem Stroh hat er geschlafen, all Nacht in einem andern Dorfgasthof. Auf einmal, da hat er sich wieder auf sein grünes Hütl besonnen und auf die härene Joppen und auf sein harzduftiges Tannenland. Und hat sich besonnen auf die Schwester, die daheim irgendwo hausen mag. Gott geb ihr die ewige Ruh! Schlaf sanft, Weiberl! Und wie er heimkommen ist, haben sie die Mali begraben gehabt. Und nun?«

»Nun will der Seppl sein Stückl Weg zu Ende laufen,« sagte der Musikmann leise.

»Recht so. Und das ist mein Exempel: Tut's draußen, was ihr wollt -- ihr kommt zu nix und seid nix. Jetzt, wenn Du zusammenzählst, Seppl -- was kommt heraus?

Null kommt heraus, Seppl! Null! Das is fei nix. Und da rechn' ich noch gut. Die Studierten sagen zu solch einem Sümmlein: ›minus‹. Das ist noch weniger als Null. Und wenn Du rechnen könntest, Seppl, ich glaube, das _ist_ ›minus‹: verlorene Heimat, verlorene Jugend, verlorenes Leben, verlorene Heimat -- verloren, alles verloren!

Und nun?

Jetzt bist wieder da und tätest justament gerne von vorn anfangen -- 's is fei spät, Seppl, und lang hast nimmer Zeit, mein' ich. --

Nun hab ich doch auf das Fichtenstämml vergessen. Ich hab damit die andere Giebelwand stützen wollen. Na, so ist's eine Arbeit für den neuen Tag.«

Der Landfahrer ist ganz still in sich zusammengesunken.

»Wir reden noch, Seppl, ein ander Mal. Heut, wenn Du willst, kannst Du's aber schon wissen: Im Zechenhäusl ist ein Platz frei. Wird Dir freilich fei nicht gut genug sein, weil Du's besser gewöhnt sein magst ... Nein? ... Jetzt -- so leg Dich neben mich aufs Stroh und denk: beim Zachenhesselhans bin ich fortan daheim. Schlag ein!«

Da reichten sich die beiden Alten die Hände.

Die Nebel gingen um das Haus, und ein sanfter Bergwind sang um den Giebel und sang um das Moosdach.

Der sanfte Bergwind hat die beiden in Schlaf gesungen.

3. Kapitel.

Die Nebel standen noch still über den Tälern und hinter dem Keilberg ging das Morgenfeuer der Sonne auf.

Da schritt der Zachenhesselhans zum Hackstock, um den Fichtenstamm zur Stütze für die östliche Giebelwand zu glätten. Wie der Schlag der Axt erklang und aus dem Walde zurückrief, lief ein Lächeln über des Alten Gesicht:

»Fei recht wär's, wenn drüben noch so einer stünd', aber justament einer wie der Zachenhesselhans. Wir täten ihn schon brauchen im Waldland, und just um diese Zeit!«

Während er noch redete, schlürfte der Landfahrer über den Hausgang und heraus zum Brunnentrog. Er schöpfte mit den hohlen Händen und goß sich den Bergquell über Gesicht und Nacken. Dann tat er einen kalten Trunk.

»'s ist schon recht,« rief der Zachenhesselhans aus dem taunassen Gras herüber, »solch ein Wasser vom Stein heraus macht lustig und mag besser sein für zwei Augen als Bierdunst und Tabakrauch. Waldwasser und Harzhauch haben noch keinem das Augenlicht trübe gemacht. Hast einen Schlaf gefunden im Heimatland, Mannl?«

Darauf hatte der Seppl keine Antwort, dachte: dem bin ich fei zur richtigen Zeit in die Hände gelaufen, und goß sich von neuem die morgenkalte Flut über die Stirn.

»Ich versteh Dich schon, Landfahrer,« lachte der Zachenhesselhans, »und eine rechtschaffene Freud' hab ich dran. Jetzt -- 's wär möglich, wir zwei halten eine gute Freundschaft.«

Ueber den Wipfeln des Bergwalds stand wirbelndes Morgenlicht und mitten drin die goldene Scheibe der Sonne. Wie silberne Ströme liefen die Frühnebel in die Täler -- verliefen sich.

»Gelt, da schaust, Mannl? So eine Sonne hängt der Herrgott fei nur über dem Waldland auf. Die Leutln da draußen, wo Du daheim gewesen bist die Zeit her, sind da noch nit fertig mit dem Ausschlafen und ans Bett trägt sie ihnen der Herrgott nit.

Hörst, 's geht einer den Hau herein drüben? Der kommt vom Sonnenwirbel und möcht gradewegs nach St. Joachimsthal.«

Die Männer lauschten eine Weile auf die gedämpften Schritte. Da klang ein Juchezer aus den Fichten.

»Der hätt' die Sonne wachgerufen, wenn sie nit eh schon guckete,« lachte der Zachenhesselhans. »Mannl, so sonnenfreudig sind die Leute daheroben. Draußen im Land meinen sie: die Sonn'? Wer wird die Sonn' rufen? Die kommt von selber schon immer zu frühzeitig und bringt einen um die Faulheit. Der den Juchezer getan hat, den kennt das Musikmannl nit, denn der war noch nit auf der Welt, als der Seppl aus dem Waldland geflohen ist. Da ist er schon: grüß Gott, Hans-Tonl!«

»Grüß Gott, Zachenhesselhans! Hui, da is ja einer bei dem Hans!«

»Na,« sagt der Zachenhesselhans, »und fei ein rar Mannl! Ist seine vierzig Jahr nicht am Sonnenwirbel gewesen und kommt, ein wenig auszurasten von der Wegfahrt und die Mali besuchen.«

»Dei Weiberl?« fragt der Hans-Tonl.

»Dieselbige,« meint der Zachenhesselhans.

So haben die beiden miteinander geredet. Ueberdem ist der Hans-Tonl den Hau herübergeschritten und reicht dem Zachenhesselhans die Hand.

»Hast schon vom Schmied-Seff-Pepp sagen hören?«

»Von dem, der sich verlaufen hat?« fragt der Hans-Tonl.

»Da steht er. Er hat eine Sehnsucht gekriegt ins Waldland.«

»Willkommen in der Heimat, Seppl,« sagt der Hans-Tonl und nimmt des Alten Hand.

»Der da, Mannl,« hebt der Zachenhesselhans von neuem an, »der da ist der Taler Hans-Tonl. Was mein Bruder ist, der Hans Georg Günther in Joachimsthal, den sie den Taler Hans heißen, das ist dem sein Vater. Er selber _schreibt_ sich: Anton Günther von Gottesgab, _heißen_ tut er aber: der Taler Hans-Tonl. Das ist sein Steckbriefl ... Wo willst denn hin, Tonl?«

»Auf Joachimsthal.«

»Von Gottesgab übern Sonnenwirbel? Das ist fei ein närrischer Weg!«

Der Hans-Tonl lächelt und streicht sich sein blondes Schnurrbärtl.

»Gelt,« sagt er und: »'s muß einer nachschau'n, ob am Sonnenwirbel die Leut schon munter sind.«

»Oha,« macht der Zachenhesselhans, »oha! Wie's die Resl von der Unruh erzählt hat, hab ich gemeint, die Resl red't nixnutzig Zeug. So is also doch an dem: der Taler Hans-Tonl geht um das Wawrl (Eva) vom Sonnenwirbel. Is fei ein fesches Madl, das Wawrl! Und singen tut's, wie a Zippen. Jetzt -- hat denn der Hans-Tonl den Grünetz im Zechenhäusl schon pfeifen hören? Nimmer? Na, auf dem Heimweg kommst ein wenig hutzen (plaudern), gelt?«

»Ja,« meint der Hans-Tonl. Und wie er im Wald verschwunden ist, läuft ein Juchezer heraus, der fliegt in alle Winkel im Gebirg und läuft den Hang hinan, und läuft auf die Unruh. Auf der Unruh ist das Wawrl nicht. Also hinauf auf den Sonnenwirbel! So läuft der Juchezer auf den Sonnenwirbel, und das Wawrl, das am Klöppelsack sitzt und sich vom Morgenwind im goldenen Stirnhaar spielen läßt, wie der Juchezer zu ihm kommt, schaut auf und lacht hell in den jungen Tag. --

Wie's gegen Mittag ging und die goldene Sommerluft über den Hängen flirrte, und wie die Lerchen im blanken Himmel standen und ihre Lieder in den Tag warfen, stieg der Hans-Tonl wieder den Waldsteig herauf.

»Grüß Gott,« sagt er, tut einen Schnaufer und setzt sich auf die Bank an der Schattenseite des Zechenhäusls.

»Seppl,« hebt der Hans-Tonl nach einer Weile an, »im Tal sagen sie, Du müßtest fei von den Toten aufgestanden sein. Im Märchen sind auch so zweie, die sind nach hundert Jahren wieder aus dem Berge gekommen. Tot ist er nit gewesen, hab ich gesagt, bloß verlaufen hat er sich gehabt. Nur gut is, daß der Seppl den Weg noch gefunden hat, der ihn wieder in den Bergwald führt. Hast woltern Sehnen gehabt, Seppl?«

Der Seppl tut einen Brummer, der heißt: ja und recht hast, Hans-Tonl.

»O, ihr Leutl, ihr Leutl,« fängt der Zachenhesselhans zu reden an, »daß ihr Euer Heimatland für nix hinwerft, rein für nix! Wenn's nur eine _Kunst_ wär, um die ihr treulos seid! Aber das wär mir auch eine Kunst! So was bringen wir daheroben mit auf die Welt. Aber das langt fei zu für's Häusl und für den Wald, aber nicht für's Reisl und für die Welt. Und die feinen Stadtleut, die hören sich rasch satt daran und haben andere, die ihnen für ihr Geld schon eine bessere Musik machen. Aber so was könnt's Ihr nicht, Leutln, dazu braucht's ein Stu--di--um. So heißt man das, Landfahrer. Wirst's eh wissen.«

Der Zachenhesselhans glomm sich sein Pfeiflein an. Das sagte dem Hans-Tonl: wir sitzen beisammen solange die Mittagsstunde über die Bergwiesen geht. Und der Hans-Tonl tat sein Jöpplein an, das er den Berg herauf unter dem Arm getragen hatte, legte ein Bein über das andere und kreuzte die Arme über der Brust.

»Daherauf auf den Sonnenwirbel hab ich fei immer ein Sehnen gehabt,« meint der Tonl, »schon wie ich mit den Ziegen auf den ›kalten Winter‹ getrieben bin ...«

»Der ›kalte Winter‹ ist der Berghang jenseits vom Sonnenwirbel,« fügt der Zachenhesselhans hinzu und schaut den Landfahrer dabei an, »der liegt im Widerschein (an der Schattenseite), und dort kann einer fei um Walpurgis probieren, ob er's Hörnerschlittl noch lenken kann oder die Hitschen (kleiner Schlitten).«

Der Seppl stand von der Holzbank auf und setzte sich ins Gras, mit dem Blick nach der schattigen Hauswand. Die Augen liefen ihm über. So blank ging der Mittag durch die Welt. Der alte Mann schließt die geröteten Lider. Hernach geht er zum Brunnentrog und netzt sie mit dem glasklaren Quell.

Ueberdem steht der Hans-Tonl von seinem Sitz auf und geht einen Steinwurf weit hinüber auf die Halde. Wo der Grenzstein ist, steht er still und überschaut das Gelände. --

Es ist ein sanftes Wehen im kniehohen Gras: der Mittagswind hat sich mit den Halmen zu bereden. Das ist ein heimlicher süßer Zwiespruch und alle Hälmlein und Rispen erheben ein sanftes Singen. Und der Wind läßt seine weiche Hand darübergehen. Darum ist ein Wiegen im Berggras und ist ein warmer Duft darüber. Der ist herabgeschwommen von den Wiesen um die Unruh und um den Sonnenwirbel. Dort sind sie heuen.

Warum ist denn noch kein Heu ums Zechenhäusl? Warum kann denn dort der Wind noch mit dem hohen Gras reden?

»Jetzt,« sagt der Zachenhesselhans, der dem Tonl eine Weile zugeschaut hat, -- »der Tonl sieht sich das Seinige an und denkt: da könnt einer daheim sein! Ein Häusl für zwei und die noch kommen hat an der Berghalde Platz. Und luftig und lustig ist's daheroben wie nirgend sonst im Waldland. Und der Zachenhesselhans ist auch in der Nähe. Da können die beiden mitunter ein kluges Wörtl reden.«

Aber der Tonl hört's nicht. Der legt den Finger an die Nase.

»Der Grund ist der seinige; den hat sein Vater selig gekauft,« sagt der Zachenhesselhans zum Seppl, der sich die Hand schützend über die schmerzenden Augen hält. Wie der Tonl die Haldenfläche so mit den Augen mißt, ruft der Alte vom Zechenhaus hinüber:

»Tonl, meinst etwa, 's wär zu klein? Wenn Du eh willst, mir ist das meine feil!«

Ueberdem kommt der Tonl herüber, damit er besser hören kann.

»Jetzt -- wenn ich seh, daß ich noch kein Heu gemacht hab im Juliausgang,« sagt der Zachenhesselhans, »weil ich's fei nicht mehr brauchen kann und weil niemand ein Geld dafür geben mag, jetzt ist mir das Grasland feil. Aber ein anderer als der Tonl kriegt's nit. Und das beding ich mir: ein Gärtlein ums Zechenhäusl bleibt auch für mich. Aber das andere, wenn Du magst, kannst haben.«

»Dem Zachenhesselhans wär sein Grasland feil?«

»Hast's eh gehört.«

So kauft der Tonl dem Zachenhesselhans sein Grasland bis zur Unruh hin ab, rechnet das seinige hinzu und sagt:

»Das trägt sechs Kühe. Meint der Zachenhesselhans dasselbe?«

Er meint's und der Kauf ist fertig.

Einen Schriftsatz braucht's nicht. Im Waldland gilt das Wort.

Wie sie noch reden, kommt der Helari den Steig von der Unruh herüber.

»Grüß Gott, Helari! Hast fei auch vom verlorenen Sohn gehört, der wiedergefunden worden ist?«

Der Helari reicht dem Landfahrer die Hand.

»Auf Dich kann ich noch denken, Schmied-Seff-Pepp. Ich bin dazumal so ein Bübl gewesen.«

Er macht mit der Hand ein Zeichen in die Luft und muß sich ein wenig dabei bücken.

»Und noch eins, Helari: der Hans-Tonl hat sich ein Astl gesucht, worauf er sein Nest bauen will.«

Im Umkehren wußte der Helari: der Hans-Tonl nimmt sich zum Herbst das Wawrl vom Sonnenwirbel, der Wurzltonl wird dem Hans-Tonl sein Schwiegervater und der Hans-Tonl baut sich sein Haus neben die Unruh und das Zechenhäusl. Eh der Bergwind Flocken treibt, haust der Tonl mit seinem jungen Weib darin.

Und das Wawrl, das auf dem Sonnenwirbel im Heu ist, weiß noch gar nicht, was der Hans-Tonl zwei Steinwürfe weit an der Berghalde zurechtmacht.

Wie der Tonl nach dem Bergstock greift, den er neben die braune Bank an die Schattenwand der Hütte gelehnt hat, schlägt sich der Zachenhesselhans vor Freude auf das Knie, daß ein Echo aus dem Wald ruft.