Am Glück vorbei

Chapter 9

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Als aber am Nachmittag das Laukischker Fuhrwerk ankam, stand ihr das Herz doch still. Sehr blaß trat sie den Aussteigenden entgegen und wagte im ersten Augenblick nicht, der Schwester ins Gesicht zu sehen. Der Schwager begrüßte sie laut, während Gertrud in kühlem Herabneigen das Gesicht leicht an sie legte, ohne sie zu küssen.

Das hieß: »Ich habe nicht vergessen.«

Trotzig sah sie nun auf -- und fuhr fast zurück. Gertrud leuchtete ihr in einer Schönheit entgegen, die sie noch nie an einer Frau wahrgenommen hatte.

Auch der Vater und Fräulein Perl machten ihre staunenden Bemerkungen darüber.

Gertrud sagte nichts, aber Maggie bemerkte mit Bangen einen neuen selbstbewußten, ja triumphierenden Zug in dem regelmäßig stolzen Gesicht, das sie sich in Gedanken blaß und gramzerstört vorgestellt hatte.

»Ja, die weiß sich jetzt zur Geltung zu bringen, die schüchterne, bescheidene Gertrud,« bemerkte ihr Mann. »Nicht wiederzuerkennen, sag' ich euch, seit sie ein bißchen Weltluft geschmeckt hat. Aber das war auch 'ne feine Sache, dieses Berlin, nicht wahr, Kleine?«

Gertrud nickte freundlich, ohne recht auf das zu hören, was Kurowski sagte. Mit hochmütig nachdenklichem Blick musterte sie ihre frühere Welt, in der sie so viel gelitten hatte.

Ihr Mann und Maggie sprachen noch eine Weile, während man in Eile und Ungemütlichkeit Kaffee trank und der Oberförster und Fräulein Perl über eine Weinfrage verhandelten. Gertrud wollte sich nicht angreifen vor dem Abend und erkundigte sich nach ihrem Zimmer. Es war das alte. Wann der Bräutigam denn käme, und wann die Geschichte eigentlich beginnen sollte, fragte Kurowski. Maggie gab Auskunft. Seckersdorf würde wie die anderen Gäste um halb acht erwartet. Jetzt war's vier Uhr. Gertrud stand auf und meinte, Maggie sollte sich auch noch zurückziehen; sie sprach in gleichgültig freundlichem Ton und schien nicht zu ahnen, wie fassungslos Maggie gerade darüber war.

»Sie muß diese Maske fallen lassen,« dachte diese zuletzt. »Ich werde sie zu einer Aussprache zwingen, mag es ausfallen, wie es will.«

Sie begleitete Gertrud hinauf in das früher von ihr bewohnte Zimmer, das jetzt für diese und ihren Mann hergerichtet war. Sie blieb vor ihr stehen und musterte sie mit herausforderndem Blick.

Aber Gertrud sagte nur: »Danke, -- wenn es dir recht ist, möchte ich allein bleiben. Ich fange um halb sechs an, Toilette zu machen; soll meine Jungfer dir später helfen?«

Und damit trat Gertrud zu einem der Betten, von dem ihr Kleid, eine weißsilberne Wolke, Brokat- und Spitzengewebe, glitzernd und duftig herabfiel.

Mit Tränen des Zornes und der Scham ging Maggie hinaus, und das Herz schnürte sich ihr zusammen.

Das silberdurchwebte Ballkleidchen fiel ihr ein, in dem Gertrud zu jener ersten Vokeller Gesellschaft gefahren war, lachend und zärtlich gegen sie.

»Sie will mich ausstechen,« dachte sie plötzlich voll Schreck. »Sie hat absichtlich ein ähnliches Kleid gewählt, wie das von damals, und sie ist so viel schöner als zu jener Zeit ... Aber sie wird herablassend gleichgültig gegen Hans sein,« beruhigte sie sich dann. »Sie wird ihm die große Dame zeigen, und das wird ihn sicherlich nicht reizen.«

So durchgrübelte sie voll Unruhe die letzten einsamen Stunden ihres Mädchenlebens und dachte inzwischen immer: »Gott sei Dank, morgen ist alles vorbei. Dann habe ich nichts mehr zu fürchten und fange mein neues Leben an.«

Gertrud war fertig. Sie stand wie eine Königin in ihrer glänzenden Toilette da, aus der sie wie eine stolze, wunderschöne Blume leuchtend und rein herausblühte. Das kleine Köpfchen auf dem schlanken Hals trug seine weißschimmernde Haarpracht wie eine Krone, ihre Augen, dunkler und fester im Blick geworden, strahlten aus dem feinen, zartgefärbten Gesicht.

Ihr Mann, der nun zum Ankleiden heraufkam, betrachtete sie mit Kennerblicken und sagte lachend:

»Du, wenn es für einen Ehemann nicht moralischer Ruin wäre, sich in seine Frau zu verlieben, heute weiß ich beinah' nicht ...«

Er küßte sie leicht auf die zierliche nackte Schulter.

Sie stand ganz still und sah nachdenklich an ihm vorbei.

»Nun, so stumm und steif? Woran denken wir?«

Gertrud wurde rot. »Ich ärgere mich über die Art, wie du sprichst,« sagte sie.

»Freue dich lieber darüber, nach unserem siebenjährigen Krieg,« meinte er phlegmatisch und streckte den Arm nach ihr aus.

Gertrud wich zurück. »Nicht doch! Ich geh' hinab. Beeile dich auch, es ist gleich sieben Uhr.«

Vorsichtig ging sie die Treppe hinunter und in die bereits hell erleuchteten Zimmer, die sie geradeso schon einmal gesehen hatte.

Alles war still und leer, die Leute draußen beschäftigt. Ab und zu drang ein Gläserklirren oder ein unterdrücktes Durcheinandersprechen aus den hinteren Räumen herein. Sonst knisterten nur die Wachskerzen in dem Tannengrün, und die Hängelampen und Kronleuchter summten.

Es war ein eigenes Gefühl, da so einsam hin und her zu gehen. Fast wie ein Traum. Allerlei Erinnerungen an Jugend und Weihnachten, harmlos und feierlich, tauchten in ihr auf. Andere drängten sich nach, hier ein Ton, hier ein Bild aus einer lang vergangenen Zeit, und allmählich sproßte, über alles hinauswachsend, alles untereinander verbindend, ein herbes Wehgefühl in Gertruds wirren Grübeleien auf. Sie fröstelte, und doch schlug ihr Herz schnell und ihre Hände brannten. »Gott sei Dank,« sagte sie dabei zu sich selbst, »daß mir das alles nichts mehr macht. Gott sei Dank, daß sie mir gleichgültig ist, und daß ich ihm freundlich und kühl die Hand reichen kann. Herrgott, ich danke dir, daß du mich hast stolz werden lassen. Was finge ich heute an ohne meinen Stolz?« Sie überhörte den Wagen, der vorfuhr, überhörte das Öffnen der Tür.

Als sie aufsah, stand sie vor Hans Seckersdorf. Ihrer beider Blicke sogen sich ineinander.

Langsam trat sie zu ihm. Er hob die Arme, er breitete sie aus, und mit leisem Schrei warf sie sich hinein.

Sie sagten nichts, sie küßten sich nicht, aber sie hielten sich fest, fest wie zusammengeschmiedet, und ihre Herzen schlugen gegeneinander.

Und alles blieb still und leer.

»Trude,« stammelte er endlich. »Trude!«

Sie rührte sich nicht.

Noch einen Augenblick, dann riß er sich los. Der kalte Schweiß stand ihm auf der Stirn.

»Barmherzigkeit, Trude ... ist das denn wahr? Sind wir wahnsinnig?«

Sie legte den Kopf wieder an seine Schulter. Und er deckte seine große Hand darauf.

»Trude, Einziggeliebtes ... Trude ...« Ein Windstoß schlug an das Fenster. Da raffte sie sich auf.

»Komm,« sagte sie heiser.

Er streichelte ihr Haar. Große Tränen standen in seinen Augen.

»Erbarm' dich doch ... Trude ...«

»So komm doch. Mein Pelz ist in der Garderobe. Laß deinen Schlitten vorfahren und komm schnell,« sagte sie noch einmal hastig.

»Aber Kind, wohin, um Gottes willen ... wohin?« rief er verzweiflungsvoll.

»Gleichviel -- leben -- sterben ... nur zusammen bleiben.«

»Nicht quälen, nicht quälen,« bat er mit erstickter Stimme. »Kind, geliebtes, wir müssen uns in die Trennung finden ... Aber warum, Trude, warum hast du das getan?«

Sie sah ihn mit dunklen Augen an.

»Trennung?« sagte sie. »Nein, das geht nicht. Ich darf dich nur ansehen, und ich weiß, das geht nicht. Wir verlieren Zeit ... schnell, fort ...«

Er preßte die Hände zusammen, er flüsterte abgebrochene Liebesworte, starrte sie wie besinnungslos an. Aber er blieb stehen.

»Warum kamst du nicht früher?« stöhnte er. »Wie sollen wir nun leben? Trude, warum hast du mir das getan?«

»Maggie --« stammelte Gertrud. Aber das war eine so alte, lange Geschichte.

»Ich bin wahnsinnig gewesen,« sagte sie hastig. »Zuerst -- dann hab' ich wieder an Stolz, an elenden Stolz gedacht und Grundsätze, und ich weiß nicht was alles. Aber jetzt weiß ich ... das alles war Schein. Das einzig Wirkliche im ganzen Leben ist, daß ich dich liebe, grenzenlos, unsagbar ... Ich flehe dich an, nimm mich! Ich frage nach nichts mehr in der ganzen Welt, Kindern, Vater, wenn du nur ...«

Und während sie atemlos, fremd ihrem sonstigen Wesen diese Worte hervorsprudelte, hing sie sich an seinen Hals, glühend, zitternd, mit sprühenden Augen.

»Komm doch,« flüsterte sie.

Die Schauer, unter denen ihr Leib erbebte, durchrieselten auch ihn.

Er schwankte. Er murmelte etwas von Versuchung, während seine Lippen die des geliebten Weibes suchten.

Sie hob den Kopf und sah ihn an.

»Versuchung ... ja ... ich hab' so lange dagegen gekämpft, gegen die Versuchung; und ein Blick in dein Gesicht sagt mir heut wie vor Jahren, wie zwecklos -- Du ... halt mich fest ... halt jetzt mich fest ...«

Ihre Stimme versagte.

Er löste sich sanft von ihr und sah sie mit überströmenden Augen an.

»Weil ich dich lieber habe als mein Leben, Gertrud, fleh' ich dich an: Komm zu dir! Trude, es geht doch nicht ... es geht nicht mehr ...«

Sie wurde schneeweiß und warf sich in einen Lehnstuhl.

»Du willst mich nicht?« fragte sie. Todesschreck verzerrte ihr Gesicht. »Du liebst also doch Maggie?«

»Maggie!« sagte Seckersdorf tonlos und preßte beide Fäuste an den Kopf. Es schüttelte ihn wie ein Fieberschauer, von seinen bebenden Lippen rang sich kaum hörbar ein Wort: »Lebe wohl ...«

»Gertrud, leb' wohl,« sagte er dann fester. »Wir zwei, wir sind am Glück vorbeigegangen. Und diese Sünde rächt sich nun an uns. Wir müssen es tragen. Tapfer sein, Kind, tapfer ...«

Wie eine eiskalte Welle dröhnten die Worte ihr ins Ohr. Sie wollte schreien, aber sie konnte nicht, sie wollte ihn an sich reißen, aber die Arme versagten. Sie zitterte. Dann machte sie die Augen weit auf; sie sah voller Scheu in das blasse angstvolle Gesicht Hans Seckersdorfs, und sah hinter ihm, im Nebenzimmer, Maggie, geisterhaft blaß, auftauchen und verschwinden.

Sie griff nach der Stirn.

»Um Gottes willen.« Sie sprang auf, spähte hinein. »Niemand. Ich muß geträumt haben,« stieß sie hervor. »Wenn ich etwas gesagt habe ... und ich weiß, ich habe ... vergessen Sie's, ich bitte Sie ... vergessen ...« Sie winkte mit der Hand und ging hastig hinaus.

Der Abend mit den üblichen Aufführungen, dem darauf folgenden Souper und Tanz verlief programmäßig. Das Brautpaar machte in liebenswürdigster Weise und nicht gar so sehr ineinander versunken, wie es sonst zu sein pflegt, die Honneurs, und alle Gäste fühlten voller Befriedigung, daß sie ein harmonisches Familienfest mitfeiern halfen.

Auch daß man die Kurowskis, über deren Haushalt in letzter Zeit viel geredet worden war, in so gutem Einvernehmen sah, erhöhte das Behagen aller, die Gertrud von früher her kannten und sie jetzt, den Gerüchten nach, beklagt hatten.

Man staunte ihre märchenhafte Schönheit, die manche überirdisch, manche aber auch fieberhaft nannten, an, und man fand es sehr begreiflich, daß Kurowski wenig von ihrer Seite wich. Nur, daß er sie begleitete, als sie sich bald nach dem Souper zurückzog, und auch nicht wieder zum Vorschein kam, fiel hier und da auf, wurde schließlich aber in dem angeregten und frohen Treiben nicht weiter erörtert.

Am nächsten Morgen wurden Seckersdorf und Maggie getraut. Beim Hochzeitsmahl hielt Kurowski eine launige Rede, in der er dem jungen Gatten dasselbe Glück wünschte, wie er es an der Seite der ältesten Tochter des Hauses gefunden habe.

* * * * *

Der Oberförster Hagedorn feierte seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag. Da es der letzte war, den er im Amt verleben wollte, hatte er den Wunsch ausgesprochen, seine Kinder noch einmal zusammen bei sich zu sehen.

In den sieben Jahren, die seit Maggies Hochzeit vergangen waren, hatte er mit Kurowskis in stetem, wenn auch flüchtigem Verkehr gestanden, Seckersdorfs dagegen auf Neusenburg, ihrem sächsischen Gut, nur zweimal besucht. Aber das war für ihn auch genügend gewesen, da seiner Meinung nach alles in bester Ordnung seinen Gang ging, bis auf die Kinderlosigkeit Maggies, die ihn um so mehr kränkte, als bei Kurowskis noch zwei kleine Mädchen eingekehrt waren.

Daß die beiden Schwestern sich nie sahen, obwohl doch über die alten Geschichten längst Gras gewachsen und Gertrud eine vernünftige, tüchtige Frau geworden war, hatte ihn anfänglich nicht viel gekümmert. Nun aber, da der Abschied aus dem Heimathaus näher rückte und hier und da auch die Ahnung des bald kommenden großen Abschieds einen weicheren Ton in seinem alten, harten Herzen anschlug, begann er sich darüber Gedanken zu machen.

Sie sollten sich unter seinen Augen, hier, wo sie zusammen herangewachsen und flügge geworden waren, aussprechen und ihm durch Zusammenhalten und Eintracht einen ruhigen und frohen Lebensabend verschaffen.

Gertrud sowohl als Maggie waren darauf eingegangen, als er sich von ihnen eine Zusammenkunft zu seinem Geburtstage gewünscht hatte, und so stand er denn nun heute in der Mittagsstunde auf der Veranda und spähte mit seinen noch immer scharfen kleinen Augen den Weg hinunter, den Seckersdorfs, die er von Romitten her erwartete, kommen mußten.

Fräulein Perl, eisgrau und gebückt, stand neben ihm und schwatzte über Dinge aus vergangenen Zeiten, als »unsere Mädchen« noch zu Hause waren. Der Oberförster nickte, und kaute mit den braunen Zahnstümpfen an den schmalen Lippen.

Die Sonne brannte. Heiße Luftwellen strichen mit schwülem Atem durch das rote Weinlaubgeäst hinauf, im Garten hoben buntfarbige Georginen ihre leuchtenden Köpfe, und die großen gelben =Gloire de Dijon=-Rosen füllten ihn mit starkem Duft. Aber hin und wieder erhob sich ein leiser kühler Wind und trug einen herben Modergeruch in die lieblichen Sommerdüfte. Dann sahen sich die beiden Alten mißvergnügt und leise schauernd an, und Fräulein Perl sagte: »Ja, der Herbst kommt doch schon.«

Wo nur Seckersdorfs blieben? beunruhigte sich der Oberförster. Kurowskis kamen erst eine Stunde nach dem Zuge, -- aber Maggie war doch seit gestern in Romitten ...

Ja, wenn die wirklich ganz da bleiben möchten und das verwünschte Neusenburg aufgeben, auf dem sie doch Unglück über Unglück gehabt hätten -- zu guter Letzt noch den großen Brand --, dann wäre für sie beiden Alten auch gesorgt. Dann brauchten sie keine enge Stadtwohnung in dem Nest, dem Friedland. Und der Seckersdorf wäre ein Kerl, mit dem sich's leben ließe, wenn er auch ein bißchen zu viel kneipte.

Fräulein Perl nickte sorgenvoll. »Ja, aber die Maggie, die doch so selbständig ...«

Die wäre längst nicht so hinter allem her, wie die Gertrud, meinte der Alte.

Fräulein Perl sprang auf. Eine Staubwolke erhob sich an der Biegung des Weges. Einige Minuten später hielt der Jagdwagen vor der Veranda. Noch derselbe, von dem Maggie einmal auf jener Fahrt nach Romitten triumphierend und siegesgewiß heruntergesprungen war. Das tat sie heute nicht. Ihr Mann hob sie herunter, und langsam, den Staubschleier im Gehen in die Höhe schlagend, stieg sie hinauf und umarmte die beiden alten Leute.

Sie war sehr verändert. Mager geworden und dadurch größer scheinend. Über ihren unverwüstlichen Farben lag es wie ein gelblicher Ton, die großen Augen sahen spähend und unruhig, und ein unzufriedener Zug hatte aus dem lachenden Mund einen kummervollen gemacht. In ihrer Kleidung war sie schick bis zum äußersten, aber nicht ganz die Linie der Vornehmheit einhaltend.

»Ach, mein Maggiechen,« schluchzte das alte Fräulein, sie musternd, -- »sieben Jahre, sieben Jahre -- und so -- und dein Haar ist ja so rot ... und ...«

»Ja, ja, Perlchen, und wir sind alle nicht jünger geworden ... Sieh dir den an ...« Sie schob ihren Mann vor.

Seckersdorf beugte sich über Fräulein Perls runzlige Hand und küßte sie.

Er war sehr gealtert. Seine stattliche Schlankheit war zu einem schlaffen Embonpoint geworden, das Gesicht etwas gedunsen, und die Augenlider hingen schwer über den leicht geröteten blaßblauen Augen.

»Kommt -- kommt,« sagte der Oberförster. »Ihr seid alle Kinder gegen euren alten fünfundsiebzigjährigen Vater ...« Er murmelte gerührt etwas Unverständliches, und ging ihnen in das alte Wohnzimmer voran, in dem noch jeder Stuhl wie vor sieben Jahren stand.

Maggie fing plötzlich an zu weinen. Seckersdorf wollte mit seiner dicken Hand über ihre Schulter streichen, aber er sah ins andere Zimmer und griff ins Leere.

»Und Gertrud?« fragte Maggie.

Der Oberförster sah nach der Uhr.

»Werden gleich da sein.«

»Wie sieht sie aus? Wie leben sie denn eigentlich? Der Auklapper erzählte gestern auf dem Bahnhof, daß sie so fromm geworden ist.«

Der Oberförster und Fräulein Perl erzählten durcheinander.

Sie war immer noch die Schönste; alle hatten das gesagt, neulich, als das große Provinzfest beim Oberpräsidenten gewesen war, und die Kaiserin hatte sich lange mit ihr unterhalten ... Und Kurowski, na, der war nach wie vor ein toller Heiland, aber er hatte einen Heidenrespekt vor seiner Frau. Wahrscheinlich von damals her, wo sie ihm endlich den Standpunkt klargemacht hatte. Und dann war sie ja auch so mit der Zeit tüchtig geworden, wie keine andere im ganzen Kreise, und das sah Kurowski wohl ein. Ein bißchen viel gesungen und gebetet wurde ja in Laukischken, aber natürlich im Dorf, und das schadete keinem; denn die Laukischker Leute wären wohl die besten in der ganzen polnischen Gegend da.

»Bei uns zu Hause war das auch so,« bemerkte Seckersdorf in Gedanken. »Meine Mutter hielt sehr darauf, daß die Leute kirchlich waren. Und eigentlich gehört sich das auch --«

Maggie lachte hell auf. Und erschrocken hielt er plötzlich inne.

Ein Wagen fuhr vor. Ein beklommenes Schweigen entstand. Dann gingen die beiden Alten hinaus. Seckersdorfs traten ans Fenster.

Maggie verschlang die Aussteigenden fast mit den Augen, während Seckersdorf rot und kurz atmend zur Tür ging.

Kurowski schien ziemlich derselbe. Etwas grau und fahl geworden, aber ebenso energisch in den Bewegungen, ebenso selbstbewußt, und ebenso überlegen ironisch. Aber Gertrud! Etwas voller, aber immer noch schlank, eine reife, blühende Frau und doch mädchenhaft anmutig, vornehm und liebreizend, eine andere, als vor sieben Jahren, aber eine bessere, eine höhere.

Maggie empfand das beim ersten Blick. Das Herz preßte sich ihr zusammen. Zugleich durchfuhr es sie wie ein Stich. Die Worte ihres Mannes an jenem Abend kamen ihr ins Gedächtnis: »Das liebe, weißblonde Köpfchen -- das siehst du nie mehr darunter ...«

Und nun trat Gertrud ein. Mit einfacher Herzlichkeit, aber ohne Rührung ging sie ihrer Schwester entgegen. Ihre klaren Augen und ihre ausgestreckte Hand sagten mehr als Worte.

Maggie war ganz blaß geworden.

»Vor keinem Menschen auf der Welt, Gertrud, wird es mir so schwer --« begann sie, die Anwesenheit der anderen vergessend, leise mit zitternder Stimme.

Gertrud zog sie an sich.

Da brach Maggie in ein fassungsloses Schluchzen aus.

»Maggie ... Kind ...« sagte Gertrud und streichelte das rotgefärbte Haar, das wirr den Kopf umbauschte.

Maggie machte sich los und strich sich mit bebenden Händen über das heiße Gesicht.

»Ich bin nervös geworden,« sagte sie mit ihrer etwas heiser klingenden Stimme und einem unsicheren Versuch, zu lachen. »Und du? Laß dich anschauen ...«

Gertrud runzelte ein wenig die Stirn, aber sie sah nach Seckersdorf und lächelte.

»Wir haben uns noch gar nicht begrüßt,« sagte sie, ihm die Hand gebend.

Ehrfurchtsvoll, tief sich verbeugend, küßte er ihr die Hand.

Gertrud trat schweigend zurück.

»Na, wenn denn alles so weit in Ordnung wäre,« sagte der Oberförster erleichtert, »könnten wir ja wohl auch zu Tische gehen, nicht wahr?«

Das war ein merkwürdiges Mittagessen.

Man sprach viel, auch über wichtige Dinge, wie die Übersiedlung der Seckersdorfs nach Romitten, die schon beschlossene Sache war. »Auf Maggies Wunsch!« sagte ihr Mann, da sie sich in die sächsischen Verhältnisse nie hätte einleben können. Weil man sie beständig ihre bürgerliche Geburt hätte empfinden lassen, meinte Maggie mit bösem Stirnrunzeln -- »die Damen wenigstens.« Man erörterte auch, ob der Oberförster und Fräulein Perl mit hinüberziehen sollten. Seckersdorfs wünschten es, und die beiden Alten sträubten sich nur noch der Form wegen. Und so ging das Gespräch lebhaft und doch ohne eigentliche Wärme weiter.

Während über die Zukunft geredet wurde, lag doch jeder im Bann der Vergangenheit, und über dem Plänemachen maß sich einer am andern.

Schließlich verstummte das Gespräch.

»Und Sie, gnädige Frau?« begann da Seckersdorf stockend, gegen Gertrud gewendet, das erstemal, daß er sie direkt anredete.

»Ach was, -- gnädige Frau,« unterbrach ihn der Oberförster ... »wenn ich auch zu alt bin, um mit aller Welt Brüderschaft zu machen, unter euch Jungen ist solche Steifheit doch die reine Unnatur. Ihr könnt euch ruhig 'du' nennen.«

Einen Augenblick schwieg alles. Gertrud und Maggies Augen trafen sich mit ernstem, fragendem Blick, Seckersdorfs Gesicht zeigte einen entschiedenen Protest, nur Kurowski lachte sichtlich amüsiert auf und sagte:

»Papachen, Sie sind unternehmend ... aber ... einverstanden.« Und den Blick voll funkelnden Hohnes hob er sein Glas gegen Seckersdorf.

Über Gertruds schönes, ernstes Gesicht flog ein leises Zittern.

»Ich glaube doch, wir lassen uns Zeit damit,« sagte sie. »Wir unter uns wissen ja, daß wir sehr viele Mühe haben werden, uns miteinander einzuleben, nicht wahr? Wir haben alle den guten Willen, sicherlich ... aber ...«

»Meine Frau will also einfach nicht,« fiel Kurowski ihr etwas lärmend ins Wort. »Was sagen Sie zu ihr, Schwager? Und Sie, Maggie? Wir werden uns also die Sache überlegen, und in einiger Zeit wieder bei Euer Gnaden anfragen.«

Seine halb spöttischen Worte begleitete ein zufriedener Blick. Gertrud bemerkte ihn nicht, ebensowenig wie den dankbaren und bewundernden Seckersdorfs und den erschreckten und erstaunten ihrer Schwester. Sie sah still zu Boden.

»Die Gertrud ist jetzt immer so,« sagte der Oberförster mit dem klagenden Ton alter Leute, denen etwas nicht nach Wunsch geht. »Weiß Gott, wie das über sie gekommen ist. Früher --«

»Ja, setzen Sie ihr nur den Kopf zurecht, Papa, mir regiert sie manchmal auch ein bißchen viel,« meinte Kurowski. Gertrud sah ihn befremdet an, aber er lachte.

»Das heißt, wenn man ein Bummelante ist, wie ich, hat es schon seine guten Seiten, im Hause eine zu wissen, die die Augen offen hält ... was, Seckersdorf? Sie scheinen mir auch gerade nicht solider geworden als Ehemann. Und Frau Maggie ...«

»Ich habe gar keine Neigung zum Wachtmeister,« sagte die schnell. »Ich bin überhaupt weder Hausfrau noch Mutter ... Ja, Gertrud! Die Jungen hast du also im Korps? Und deine beiden Mädchen, die kenn' ich ja noch nicht. Wie alt ist jetzt die kleinste?«

Gertrud gab Auskunft und lächelte ganz unbefangen, als ihr Mann erklärte, es gehöre eigentlich zu den notwendigen Requisiten des Lebens, immer ein dreijähriges Gör um sich zu haben.

Und dann stand man auf. Der Oberförster mußte ruhen. Der Wein war ihm etwas zu Kopf gestiegen. Er war gerührt, umarmte seine Töchter mehrmals, und nannte Gertrud mit dem Namen seiner verstorbenen Frau »Ellinor«.

Fräulein Perl geleitete ihn. Kurowski nahm Seckersdorf unter den Arm und forderte ihn zur Zigarre und einem kleinen Rundgang auf.

Die Schwestern blieben allein, in demselben Zimmer, in dem Gertrud an jenem Herbstabend bitterlich klagend an Maggies Brust gelegen, demselben, in dem sie sich Seckersdorf in die Arme geworfen hatte.

Jetzt, in Maggies Gegenwart, flackerte die lang überwundene Bitterkeit mit einer müden kleinen Flamme wieder in ihr auf, und als Maggie mit halb ersticktem Schrei ausrief: »Trude ... Trude ... was ist aus dem Leben geworden?«, antwortete sie unwillkürlich: »Die Strafe für das, was wir verfehlt haben.« Aber dann besann sie sich gleich und trat zu der Schwester, die mit brennenden Augen zum Fenster hinausstarrte.

»Eigentlich ist das ja Unsinn,« sagte sie mit der alten, lieben Stimme, und drückte den Kopf Maggies an ihre Brust. »Man kommt schon wieder in die Höhe, auch wenn man etwas versehen hat, sobald man nur entschlossen ist, alles zu tun, was die Pflicht von einem fordert. Leicht ist das nicht, aber ich hab' es vermocht. Und du, Maggie?«