Am Glück vorbei

Chapter 8

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»Also noch einmal,« sagte er weiter zu den schweigend Dastehenden. »Mag nun vorgefallen sein, was da will, euch beiden bin ich dankbar. Ich hatte mich doch etwas vergaloppiert, der Gertrud gegenüber, und so gleicht sich das nun aus, und ich hab' meinen kleinen Spaß obendrein.«

»Ich werde in jedem Fall Gertrud schützen,« sagte der Oberförster mit starker Betonung. Und dachte in diesem Augenblick auch, daß er das tun würde.

»Sicher, sicher,« höhnte sein Schwiegersohn. »Aber für heute bitte ich um die Familienkutsche nach dem Bahnhof. Und schönen Dank für die Gastfreundschaft ... Gertrud wird doch fahren können?«

»Ich glaube,« sagte Maggie tonlos. Der Oberförster ging selbst hinaus, um die nötigen Anordnungen zu treffen. Er fürchtete Gertrud ins Gesicht zu sehen und dachte doch mit einem Gefühl banger Erleichterung, daß nun ja alles gut wäre.

Eine Stunde später saß Gertrud wohlverpackt mit ihrem Manne und den Kindern in dem alten Verdeckwagen. Der willenskräftige Mann, die schöne Frau, die er sorgsam stützte, die lebhaften, zärtlichen Knaben, das alles gab das Bild eines vollendet glücklichen Familienlebens. Und doch war Gertrud die Beute einer hoffnungslosen Verzweiflung. Mit weinenden Augen sah sie an der Biegung des Weges noch einmal auf das alte Haus zurück, in dem sie gehofft hatte eine Zuflucht zu finden. Jetzt erst war sie ganz einsam und schutzlos geworden. Enttäuscht in den noch einmal erwachten Glückshoffnungen, verraten vom Vater und Schwester, sollte sie das doppelt zerbrochene Leben weiterführen, vereint mit dem Mann, vor dem sie hatte fliehen müssen ...

Dabei fiel ihr in all dem trostlosen Jammer, in dem auch ihre Kinder ihr vollkommen gleichgültig waren, ein Merkwürdiges auf: Sie hatte mit einmal keine Angst mehr vor ihrem Mann.

Seit diesem Abschiedstage, an dem Maggie übrigens voller Reue und Sehnsucht hinter der verlorenen Schwester herweinte und dem kühler denkenden Vater heftige Vorwürfe machte, daß er jene so ruhig dem »Scheusal Kurowski« überlassen habe, ging in der Oberförsterei alles seinen früheren Gang. Aber das alte Behagen schien aus dem Hause gewichen. Leben und Poesie waren mit Gertrud und den Kindern fortgezogen, und eine unerträgliche Nüchternheit breitete sich überall aus. Und doch konnte das nur Einbildung sein. Man hatte jahrelang so wie jetzt gelebt und nichts vermißt. Die Entfernung von Gertrud war die gleiche, und dennoch, wie anders schien alles!

Der Oberförster hatte in diesen Tagen viel mit Versteigerungen und Terminen zu tun und kam immer müde und verärgert heim. Nachbarbesuche blieben aus, der schlechten Wege halber. Und so waren die beiden Frauen nachdenklich und schweigsam viel für sich. Das konnte nicht so bleiben, sagte sich Maggie eines schönen Morgens. Es war nun genug gegrübelt und getrauert, und hohe Zeit, auf ihren alten Plan, um den sie sich mit so vielem belastet hatte, ernsthaft zurückzukommen. Und von da an ging alles wie am Schnürchen.

Sie teilte Seckersdorf mit, daß Gertrud wieder in Laukischken wäre und bat ihn, schleunigst herüberzukommen. Der Vater war natürlich an dem bestimmten Tage nicht zu Hause, und Fräulein Perl hatte mit der Festschlächterei zu tun. So konnte Maggie unbeachtet dem »armen Freunde« ihr volles Herz ausschütten und ihn zu trösten versuchen.

Das war eine merkwürdige Szene. Hans Seckersdorf trug es mit männlicher Fassung. Er hatte mit stiller Trauer den ihm plötzlich wieder so nah gerückten Jugendtraum verflattern gesehen. Ihm war immer weh zumute, wenn ihm der Name Gertruds durch den Kopf schwirrte, und er lebte mit dem Bewußtsein, daß er sich auf höchstes Lebensglück keine Hoffnung mehr zu machen habe. Das war nun einmal so und nicht zu ändern. Wenn Gertrud gewollt hätte, wäre es wohl möglich gewesen, alle Schwierigkeiten zu besiegen, und er hätte sie auf seinen Händen dafür durchs Leben getragen. Aber er konnte ihr keinen Vorwurf daraus machen, daß sie die einmal übernommene Pflicht heilig hielt, und er mußte sie noch mehr verehren darum.

Das alles und mehr sagte er Maggie in schlichten Worten, aus denen die tiefste Empfindung und reinste Ehrlichkeit leuchtete. Und sie, -- sie sah mit den rotgeweinten Augen scheu nach dem Papierkorb, aus dem sie Gertruds zerrissenen Brief an ihn hervorgeholt und zusammengesetzt hatte. Der kleine Zettel war ihr dumm und kindisch vorgekommen. Jetzt bei Seckersdorfs Worten klang ihr die rührend unbeholfene Bitte, die er enthalten: »Helfen Sie mir doch,« schrill durch die Seele. Heiße Tränen flossen ihr über das Gesicht. Seckersdorf sah sie aus seinem trüben Sinnen heraus voller Verwirrung an.

»Fräulein Maggie ... Sie weinen?« Er stockte.

Sie schluchzte weiter. »Ach, sehen Sie, daß Gertrud sich solch ein Glück durch ihre Furchtsamkeit verscherzt hat, daß auch Sie darunter leiden müssen ... Und dann die ganze Trennung von ihr ... Es war unbegreiflich, furchtbar ... Sie warf sich dem entsetzlichen Menschen geradezu in die Arme ...«

Und sie erzählte alles, wie jemand, der die inneren Vorgänge nicht kannte, die äußeren auffassen mußte. Danach war freilich die arme Gertrud ein schwächliches Kind, ohne echtes Empfinden, Wachs in der Hand dessen, der sie am besten zu kneten verstand. Sie nahm ihr nicht viel von ihrer Art, aber gerade das Wesentlichste überging sie, die unendliche Herzensgüte, die strahlende Reinheit ihres Wesens und die scheue Vornehmheit, die sich vor jedem Antasten ihrer innersten Gedanken zurückzog, und betonte ausschließlich die große Ängstlichkeit, das Unselbständige, Schwankende, das ihr eigen war und gewiß -- wie Maggie hervorhob -- einen großen Reiz an Gertrud bildete, nur daß das alles nicht standhielt, sobald das praktische Leben in Frage kam.

Sie, Maggie, hätte ja, robust und tatkräftig wie sie war, gern geholfen, wenigstens anfangs, als Gertrud noch zugänglich war. Dann weinte Maggie wieder und war gar nicht zu beruhigen, und Hans Seckersdorf konnte trotz allen Forschens nicht herausbekommen, warum es zwischen ihnen allen zu einem Bruch hatte kommen müssen.

Desto mehr erfuhr er über Maggies Ansichten und wie sie gehandelt hätte, wenn sie Gertrud gewesen wäre. Da das, abgesehen von allem anderen, sehr schmeichelhaft für ihn war, zeigte er lebhaften Anteil an allem, was sie sagte. Er wehrte ihr Lob ab, er nahm Gertrud fast leidenschaftlich in Schutz, aber zugleich mußte ihn doch der Gedanke beschäftigen, wie schön es gewesen wäre, wenn die Frau, die er nun einmal lieb hatte, in gleicher Weise für ihre Liebe eingetreten wäre.

In den nächsten Tagen trafen sie auf einem großen Diner in Auklappen zusammen. Sie saßen weit voneinander und konnten sich auch zufällig im Laufe des Abends nicht allein sprechen. Maggie merkte wohl, wie ihn das beunruhigte, wie zerstreut er mit seiner Tischdame sprach, wie seine Blicke sie suchten, und welch ein liebes, leises Lächeln über sein ernstes Gesicht flog, wenn ihre Blicke sich trafen.

In solchen Augenblicken schlug Maggies Herz in einer stürmischen Zärtlichkeit für ihn, und sie dachte: »Gott sei Dank, ich bin ihm wirklich gut.« Aber trotzdem hatte sie doch Selbstbeherrschung genug, ihm an diesem Abend vorsichtig aus dem Wege zu gehen.

Darauf kam er, wie sie richtig berechnet hatte, am nächsten Tage zu Pferde, »einer Forstangelegenheit wegen«, blieb zum Kaffee und ritt erst abends wieder fort.

Das nächstemal kam er ohne Vorwand, und von da ab öfter und öfter.

Da wurde in des Oberförsters und Fräulein Perls Gegenwart natürlich nur wenig von Gertrud gesprochen. Da konnte sie wieder die alte, frohe Maggie sein, nur ein klein wenig gedämpfter, und mit einem warmen, kameradschaftlichen Ton für ihn, der dem schlichten, weichen Manne unendlich wohltat. Und dann regte das temperamentvolle Leben, das kraftsprühende Sichausgeben, die unbändige Lebenslust in ihr Seckersdorf, der still und müde geworden war, ersichtlich an.

»Weiß Gott, wie es kommt, Fräulein Maggie,« sagte er einmal, »auch wenn man sehr ernsthafte, traurige Dinge mit Ihnen bespricht ... Man versöhnt sich ordentlich mit ihnen, findet es gut, daß man sie erlebt hat ...«

»Was für ernsthafte Dinge besprecht ihr denn, wenn man fragen darf?« fragte der Oberförster darauf, mit einem Versuch, sie zu necken.

Da sahen sich die beiden groß an und schwiegen befangen.

Alles in allem war das Leben in dieser Zeit schön. Mit dem Gedanken an Gertrud war Maggie bald fertig geworden. Einmal hatte diese einen kühlen, bläßlich zufriedenen Brief geschrieben, nach dem es ihr gut zu gehen schien, und dann wurde auch alles widrige Grübeln übertäubt durch den großen Reiz, diese Tage der Spannung auszukosten. Immer das Ziel vor Augen, halb Komödie spielend, halb ehrlich, immer in der Beklommenheit junger heißblütiger Menschen bei häufigem Alleinsein, immer in der Erwartung der Entscheidung und doch instinktiv sie hinauszögernd.

Es verging schließlich kein Tag mehr, an dem man sich nicht sah, und von Gertrud wurde immer weniger gesprochen. Vergessen hatte er sie noch nicht; Maggie kannte den wehmütig scheuen Blick längst, der in Gedanken an sie sein Gesicht belebte, aber auch der kam seltener.

Einmal liefen sie in den Garten hinaus, eine Vogelspur festzustellen. Seine schmalen Gänge waren unter dem Schnee scharf gefroren. Maggie glitt aus, Seckersdorf stützte sie, und sie lag eine Sekunde fest an ihn gelehnt.

Er preßte sie heftig an sich, dann ließ er sie schnell los, sah sie mit maßlosem Erstaunen an und schüttelte den Kopf. Sie waren beide verlegen und konnten auch später im Zimmer in kein rechtes Gespräch mehr kommen.

Solche kleine Zwischenfälle wiederholten sich, ohne daß es zu einer Aussprache kam. Der Oberförster fing an, verstimmt zu werden, wenn Seckersdorf erschien, auch Maggie wurde zuweilen die Zeit etwas lang. Aber sie blieb vorsichtig, und zog sich eher zurück, als daß sie ihm in seiner Unbeholfenheit einen Schritt entgegengekommen wäre.

Darüber kam das Weihnachtsfest näher. Seckersdorf sollte dazu nach Sachsen zurück, und dann wollte er mit seinem Onkel beraten, ob er dort oder hier in Ostpreußen seinen dauernden Wohnsitz nehmen würde.

Eines Nachmittags, der Oberförster war hinausgegangen, und man hörte sein Schelten von dem Hof her, erzählte Seckersdorf Maggie davon, während er im Zimmer umherging. Sie saß mit einer Bescherungsarbeit am Fenster. Bei seinen Worten kam ihr zum erstenmal seit ihrer Bekanntschaft eine furchtbare Angst, daß sie sich am Ende verrechnet haben könnte. Wenn er so unbefangen von seinem Fortgehen sprach, wenn ihn nichts fesselte ... Sie wurde totenblaß vor Erregung und Bangigkeit.

»Was ist Ihnen, Maggie?« fragte er herzlich, »Sie sehen nicht gut aus.«

Sie schüttelte mit einem traurigen Lächeln den Kopf. »Also Sie gehen bestimmt?« fragte sie beklommen und legte ihre Arbeit fort.

Er trat zu ihr in die Fensternische. Sie sahen sich einen Augenblick an, fragend, warm, schwer atmend.

Sie sprang hastig auf und streifte ihn dabei. Er zuckte zusammen.

»Maggie?« sagte er unsicher.

»Was?«

»Kann das sein?«

»Was?« fragte sie noch einmal leise.

»Ist das möglich, daß wir -- uns gut sind?«

»Ich glaube,« sagte sie mit hellem Aufjauchzen.

Da griff er nach ihr; sie warf sich an seine Brust, und sie küßten sich, wie Verdürstende, die sich endlich, endlich satt trinken.

So wurde Maggie Hagedorn Hans Seckersdorfs Braut.

* * * * *

Für Gertrud hatten sich die Tage in Laukischken nach der letzten furchtbaren Zeit zu Hause erträglich gestaltet.

Als sie an dem ersten Abend, durch die Vorsorge ihres Mannes, das ganze raffiniert luxuriöse Wohnhaus erleuchtet und warm vorfand, überkam sie zunächst ein Gefühl von rein körperlichem Wohlbehagen.

Sie wunderte sich, daß das nach solchen Erlebnissen und im Kampf mit solchen Entschlüssen möglich sein konnte, aber es war so. Ihr Mann, teils aus Berechnung, teils aus Launenhaftigkeit, ließ sie in Ruhe, nachdem er einmal den Versuch gemacht hatte, sie über die Einzelheiten ihres Zerwürfnisses mit den Ihren auszufragen.

»Ich möchte nicht darüber sprechen,« hatte sie kühl erwidert, und schließlich gar, als er in seiner alten Art herrisch und spottend sie doch dazu hatte zwingen wollen, gesagt, daß sie sich nicht mehr als seine Frau betrachte, und aufrecht halte, was sie ihm geschrieben hatte.

Er hatte ihre Worte ins Lächerliche gezogen, sie aber dann ein paar Tage ganz unbehelligt gelassen.

Und als sie äußerlich gleichmütig und kühl, bei aller innerlichen Zerbrochenheit, Morgen und Abend vergehen ließ, ohne sich ihm gegenüber zu ändern, hatte er, dem ein solcher Zustand unerträglich schien, eine große Aussprache herbeigeführt.

Er hatte ihr die Folgen einer Scheidung klargemacht, bei der eine Frau immer den Kürzeren zog.

Dann hatte Kurowski ernsthaft mit ihr gesprochen, wie noch nie im Leben. Er hatte ihr gesagt, daß er prinzipiell in eine Trennung einwilligen würde, ihr dann aber den Vorschlag gemacht, der Kinder wegen noch einmal zu versuchen, mit ihm zusammen zu leben, wie es sich für zwei praktische, nüchterne Leute, die nach außen hin Verpflichtungen haben, geziemte. Er wollte ihr vor der Welt keine Veranlassung mehr geben, sich zu beklagen, von ihr nichts verlangen, als was sie ihm gutwillig gäbe, und sich nur die Freiheit seiner Wege vorbehalten.

Die klare und eindringliche Art seiner Auseinandersetzungen war eine Wohltat für Gertrud gewesen und hatte im Augenblick alles, was sie fühlte, zurückgedrängt gegen das, was so verstandesmäßig an sie herantrat.

Ohne viel zu überlegen, hatte sie eingewilligt, diesen Versuch zu machen, und die Unterredung in einer Haltung zu Ende geführt, durch die ihrem Mann unwillkürlich Respekt abgenötigt worden war.

Und danach atmete sie auf und fing zum erstenmal an, sich als Hausfrau zu fühlen.

Sie mochte nicht immerzu über die Bosheit grübeln, die man ihr angetan hatte, über die Schande, in die sie bald gesunken wäre, -- sie wollte schaffen, ihre Pflicht tun. Und sobald sie diese Absicht zeigte, meldeten sich von allen Seiten die Leute bei ihr, die bisher nach dem knappen Befehl des Herrn auf eigene Verantwortung geschafft hatten.

Aber sie war so unwissend. Sie konnte fast nie Bescheid geben. Sie mußte sich mühsam durch Nachdenken und Beobachten herausklauben, was anderen durch Gewohnheit und Übung selbstverständlich ist.

Manchmal fragte sie sich selbst erstaunt, wie das möglich gewesen sei, so lange in diesem Hause zu leben und es so wenig zu kennen. Da war allerdings eine alte Mamsell über dem Ganzen tätig gewesen, die Vertraute des ganzen weiblichen Dienstpersonals, soweit es dem »gnädigen Herrn« zusagte.

Diese Person, deren Anwesenheit in ihrem Hause ein Vorwurf für sie gewesen war, hatte sie nicht mehr vorgefunden, als sie wiederkam, ein stillschweigendes Zugeständnis ihres Mannes, mit dem sie jetzt einverstanden war, da sie dadurch zum selbständigen Disponieren gezwungen wurde.

Ihr anfänglich fester Entschluß, sich doch von ihrem Manne zu trennen, verblaßte mit der zunehmenden Tätigkeit. Nicht nur aus Bequemlichkeit oder Gleichgültigkeit gegen das äußere Leben, oder weil sie ihrem Gatten etwa freundlicher gesonnen gewesen wäre; vielmehr ging ihr in dieser Zeit, in der sie zum erstenmal sich bemühte, ihren Pflichten gerecht zu werden, wie es das Leben von jedem ausnahmslos fordert, ein Schimmer der Erkenntnis auf, daß es weniger auf Glück oder Unglück ankommt, sondern darauf, den Platz, den einem das Schicksal nun mal angewiesen hat, mit Ehren auszufüllen.

Ihr Mann war viel auswärts und kümmerte sich anscheinend auch im Hause nicht viel um sie; die neue Erzieherin erwies sich als ein liebenswürdiges, gescheites Mädchen, mit der sie gern ab und zu plauderte. Gesellschaften besuchte sie unter dem Vorwande ihrer Kränklichkeit nicht; und so ging das Leben in ebenmäßigem Gleise weiter, ohne Widerwärtigkeiten, aber in grauer Eintönigkeit. Von Hause hatte sie nur einen Brief durch Fräulein Perl erhalten, der bloß vom Alleräußerlichsten sprach, von Seckersdorf war zufällig bei den paar Nachbarbesuchen nicht die Rede gewesen, und so hörte sie nichts mehr von allem, was sie in den letzten Wochen so bitter gequält und mit so widersprechenden Glücksgefühlen erfüllt hatte. Das war sehr gut, sehr gut, sagte sie sich abends und morgens.

Da kam kurz vor Weihnachten ein Brief ihres Vaters an seine »lieben Kinder«.

Kurowski, im Begriffe, mit den Jungen auszufahren, las ihn im Stehen und lachte hell auf.

»Da,« rief er zu Gertrud herüber, die mit klopfendem Herzen darauf wartete, den Inhalt zu erfahren.

»Maggie hat sich mit Seckersdorf verlobt. Der Alte ist natürlich höllisch ... Na, was ist das?«

Gertrud sah ihn halb abwesend an. Sie schien erstarrt zu sein.

Kurowski sprang zu ihr. »Nimm dich zusammen,« zürnte er. »Was soll das heißen?«

Gertrud richtete sich auf. Heiße Tränen liefen ihr übers Gesicht.

»Weinen, -- hier vor meinen Augen weinen!«, schrie Kurowski empört. »Das ist allerdings stark.«

»Kurt,« sagte Gertrud leise, »tu', was du willst. Du weißt es ja, daß ich ihn lieb gehabt habe. Und Maggie nimmt ihn nur aus Berechnung.« Der zornige Ausdruck in Kurowskis Gesicht ging in einen höhnischen über.

»So,« sagte er, seinen Bart streichend. »Nun, wir reisen jedenfalls hin, um zu gratulieren.«

Gertrud sah ihn mit gequälten Augen an. »Nein,« sagte sie.

»So entschlossen? Nun, ich sage: Ja!«

»Kurt, besteh' nicht darauf, ich tue es nicht.«

Als sie sich so zu ihm neigte, schön wie der Tag, mit einem fremden, entschlossenen Zug im Gesicht, packte ihn plötzlich eine rasende Eifersucht. Er faßte sie an den Schultern.

»Was ist vorgefallen zwischen dir und jenem Hund? Gesteh! Du hast dich mit ihm getroffen, ich bin betrogen!«

Fast an der gleichen Stelle, vor ihrer Flucht, hatte Gertrud denselben Vorwurf wie einen Faustschlag empfunden und geschwiegen. Heute, wo sie sich nicht so rein fühlte wie damals, verteidigte sie sich. Sie gab ihr Wort, daß sie Seckersdorf nie gesehen hätte.

Und Kurowski glaubte ihr. Er empfand wohl auch, daß er an diese Dinge besser nicht mehr rührte, und nahm von einem Gratulationsbesuche Abstand.

»Unter der Bedingung, daß wir sofort, meinetwegen nach Berlin, abreisen und in sechs Wochen zu ihrer Hochzeit zurückkommen,« sagte er.

Gertrud atmete erleichtert auf. Wenn sie ihnen nur jetzt nicht heuchlerisch die Hand drücken mußte!

»Zur Hochzeit gehen wir also bestimmt hin,« wiederholte ihr Mann finster, »damit den Leuten endlich mal der Mund gestopft wird. Du weißt, ich lasse nicht mit mir spaßen. Und der Seckersdorf soll sich nichts mehr einzubilden haben, wie damals -- verstanden?«

Gertrud schauderte zusammen. »Verlaß dich drauf,« sagte sie tonlos und lief hastig aus dem Zimmer.

Sie wußte nicht, was am bittersten weh tat, Groll, Verachtung, Gedemütigtsein, oder das zum Äußersten gesteigerte Bewußtsein des Verlustes.

»Lieber Gott,« betete sie wimmernd, »gib mir einen großen Stolz, einen unbändigen Stolz, oder laß mich sterben.«

* * * * *

Maggie war nun zufrieden. Die alltäglichen kleinen Aufregungen der Brautzeit, die teils gutgemeinten, teils neidischen Glückwunschbesuche der Nachbarn und Freunde, die Beratungen über die nächsterforderlichen Einrichtungen, das alles nahm ihre Zeit und ihre Gedanken so sehr in Anspruch, daß sie sich nicht mehr weiter in Grübeleien vertiefte.

Sie hatte auch schon genug damit zu tun, sie ihrem Bräutigam fernzuhalten, und oft, wenn er neben ihr saß, ihre Hand schlaff in der seinen haltend und ihr ruhig und freundlich in die Augen sehend, empfand sie einen Stich in dem Gedanken: wäre er ebenso gelassen zärtlich, wenn _sie_ hier neben ihm säße? Und in der Erinnerung sah sie seine Blicke fest und heiß werden, so oft sie damals, als sie noch Gertruds Verbündete war, von ihr gesprochen hatte.

Das tat sie übrigens jetzt auch. Kurowskis waren ja gerade im Begriff gewesen, eine verspätete Hochzeitsreise zu machen -- wie Maggie deren Fahrt nach Berlin zu nennen pflegte --, als ihre Verlobungsnachricht in Laukischken eingetroffen war, und so hatten sie sich nicht mehr gesehen. Aber Gertrud schrieb zuweilen von Berlin aus an Fräulein Perl, und da war viel von Hofbällen, von Auszeichnungen der Majestäten, viel von »Kurt« die Rede, und den Schluß machten immer »freundliche Grüße« für den Vater und das Brautpaar.

Darüber gab es dann natürlich zu reden, und Maggie war auch überzeugt, daß es zweckmäßig wäre, den Namen der Schwester unbefangen und oft zu nennen. Seckersdorf gewöhnte sich daran und zeigte keine so merkbare Bewegung mehr, wie im Anfang.

Ob er ihr, seiner Braut, nun aber wirklich gut geworden war? Natürlich! Er war sogar verliebt, er behandelte sie als gleichberechtigten Kameraden, aber ... es war doch gut, daß sie im Grunde auch nicht alles gab, was sie hier und da einmal heiß in sich aufbrausen fühlte ... Nicht für ihn, für niemand, den sie kannte; sie suchte in Gedanken, aber es war wirklich niemand da. Und so küßte sie wieder, wie Hans Seckersdorf sie küßte, und dachte oft dabei an die große Flamme, die einmal in ihm gebrannt hatte, und ob die für immer ausgelöscht sei ...

Mit Gertrud und ihrem Schicksal beschäftigte sie sich nicht viel. Sie wollte deren glänzende äußere Erlebnisse, von denen sie hörte, als Tatsachen nehmen und nicht über der Schwester Seelenzustand grübeln. Sie machte es diesmal ebenso wie ihr Vater, und der war ja sein Lebtag bei dieser Art, die Dinge anzuschauen, gut fortgekommen.

Vor einem Zusammentreffen an ihrer Hochzeit, das Kurowskis angekündigt hatten, war ihr nicht sehr bange, weil sie eigentlich nicht daran glaubte. Auch Hans hatte sie einmal nach langem Zögern gefragt, ob die Laukischker wohl im Ernst daran dächten.

»Selbstverständlich,« hatte sie zwar gesagt, aber sie war innerlich doch davon überzeugt, daß Gertrud es nicht über sich gewinnen würde, zu Seckersdorfs Hochzeit zu kommen.

Darüber rückte der Februar und der Hochzeitstag heran. Reise- und Übersiedlungspläne brachten immer mehr Unruhe in das tägliche Leben. Die Ausstattung war besorgt, Erwägungen über die Art der Festlichkeiten kamen an die Reihe. Maggie nahm das nicht leicht.

Sie überlegte, wie sich alles für sie am vorteilhaftesten machte, und ordnete danach an. In jeder Weise war sie darauf bedacht, ihre äußere Erscheinung zu glänzender Geltung zu bringen, und ihre Hochzeitstoilette bereitete ihr ein paar schlaflose Nächte.

Zuweilen überkam sie ein Ekel vor all diesen Oberflächlichkeiten, die jetzt ihr Leben ausfüllten; aber sie überwand ihn und redete sich schließlich immer wieder das »große Ziel« ein, das sie in kurzer Zeit nun erreicht haben würde.

Wenn Gertrud doch nicht käme! Vor einer blassen, vergrämten Gertrud hätte sie sich ihr Leben lang fürchten müssen. In ihrer Phantasie natürlich, denn Hans, sobald sie seine Frau wäre, würde an keine andere mehr denken, dessen war sie sicher.

Aber Gertrud kam.

Einen Tag vor dem Polterabend traf, mit einem kostbaren Schmuck von Kurowskis, ihre Zusage für den nächsten Tag ein.

Seckersdorf nahm die Nachricht anscheinend gleichgültig auf; Maggie, aufgeregt und in Anspruch genommen, legte im Augenblick nun auch nicht so viel Gewicht darauf, wie die ganze Zeit vorher, und der Oberförster war von Herzen froh, denn mit diesem Kommen waren die fatalen Ereignisse des letzten Winters und jede Spannung zwischen Kurowskis und ihm fortgewischt.

Und nun war der Tag da. Das ganze Haus hatte ein anderes Aussehen. Alles war geräumt, um Platz für die Gäste zu schaffen, die in großer Menge erwartet wurden, und sämtliche Zimmer und Durchgänge mit Tannenbäumen, -zweigen und Girlanden geschmückt. Gertrud hatte es sich bei ihrer Hochzeit schon so gewünscht, um zum letztenmal ihren Wald um sich zu haben. Maggie war nicht so sentimental; sie hatte denselben Schmuck gewählt, weil er am leichtesten herstellbar, wirkungsvoll und leicht zu beschaffen war. Sie kommandierte auch heute noch herum, traf Änderungen, beschäftigte die Leute, und nahm Fräulein Perl alles aus der Hand. Sie fühlte sich recht als Siegerin.