Chapter 6
Der Oberförster, der sich auf seine Wetterkunde viel einbildete, war außer sich. Zwei Tage noch hätte sich das Wetter halten müssen, und nun äffte es ihn auf solche Weise. »Wenn ich allein wäre, wollte ich übrigens nicht viel davon reden,« sagte er schließlich. »Aber das kommt davon, wenn man ein schwacher Vater ist.«
Maggie lachte. »Mir macht doch das bißchen Regen nichts, und mein Lodenkleid ist auch daran gewöhnt.«
»Aber meine Herrschaften, mein Wagen ist ja da ... Ich fahre Sie natürlich nach Hause!« sagte Seckersdorf, halb verlegen, halb froh.
Er wechselte mit Maggie einen Blick.
Sie sah ihn erstaunt und vorwurfsvoll an; denn es war wider ihre Abrede, daß er in das Haus des Vaters kam. Er schien ihr jedoch zu antworten: »Aber das ist ja =force majeure=, siehst du das denn nicht ein?«
Der Oberförster verstand beide. »Nein, lieber Freund, das nehm' ich nicht an,« sagte er. »Fünf Meilen in einer Tour ist zu viel für Ihre Gäule!«
Seckersdorf stutzte. In einer Fahrt? Das war ja eine offenbare Ablehnung seines Aufenthaltes im Hause, jedes Verkehrs mit ihm. Er verbeugte sich also und machte ein höflich leeres Gesicht, aus dem doch die mühsam bezwungene Enttäuschung hervorguckte.
Der große Junge! dachte Maggie ärgerlich.
»Ich will Ihnen aber einen anderen Vorschlag machen, Nachbar,« fuhr der Alte fort, durch das sekundenlange Schweigen in seinem Vorsatz bestärkt. »Zu Ihnen haben wir knappe zehn Kilometer. Nehmen Sie mich und mein Mädel einfach mit nach Romitten, geben uns einen Teller Suppe, und schicken uns mit den Kutschierpferden oder den Schimmeln nach Hause. Einverstanden?«
»Mit tausend Freuden,« rief Seckersdorf erleichtert aufatmend. »Wenn Sie, und vor allem das gnädige Fräulein, in meinem Junggesellenhaushalt vorliebnehmen?«
Auch Maggie empfand diese Lösung als eine glückliche und freute sich auf das Abenteuer; denn etwas Ähnliches wäre es doch. Während sie einstiegen, sagte sie ihm halblaut: »Papa hatte recht, Sie durften nicht mit!« Dann nahm sie mit dem Vater auf dem Vordersitz Platz, während er vom Kutschersitz her die Zügel führte.
Man fuhr schweigend aus dem Wald heraus, über die langweilige, von Ebereschen eingefaßte Chaussee. Der Regen zog sich wie in Wellen über die Felder zu beiden Seiten, der Wind war still geworden, und kein lebendes Wesen zeigte sich.
Der Oberförster hatte sich frierend in seinen grauen Regenrock gewickelt. Maggie saß gerade und steif auf ihrem Platz, auch schweigend. Nur einmal erkundigte sie sich nach den Grenzen von Romitten, und als sie erreicht waren, kam eine Art Polykratesgefühl über sie. »Das alles ist mir untertänig.« Und besonders amüsierte sie, daß der, dem in Wirklichkeit Feld und Flur einmal gehören sollten, gar nicht ahnte, daß sie in Gedanken mit ihm teilte, daß sie mit dem festen Willen in sein künftiges Besitztum einfuhr: »Hier werde ich in kurzem wohnen, wenn ich es nicht vorziehe, die 'Welt' zu sehen.«
Wie ein Rausch kam es über sie. Ein wilder, energischer Siegerwille brauste durch ihre Gedanken und gab ihrer Erscheinung einen starken, neuen Reiz.
Als sie vom Wagen sprang, ehe noch Seckersdorf ihr helfen konnte, großen, forschenden Blickes das graue Haus musterte, mit einem Lachen, aus dem ein verhaltenes Jauchzen klang, die Kappe ihrer Jacke vom Kopfe schob und von der Schwelle der Tür, die man bei dem hastigen und lautlosen Vorfahren noch nicht geöffnet hatte, den beiden Herren ein übermütiges »Willkommen!« zurief, da fuhr Seckersdorf zurück vor der prachtvollen, kraftatmenden Erscheinung des Mädchens, das ihm mit der ganzen ursprünglichen Frische der Jugend und Hoffnung entgegenlachte.
Dann verlief alles regelrecht und programmäßig. Diener und Hausmädchen versorgten sie tadellos. Maggie wurde aus der großen Treppenhalle, in der eine Bank aus altertümlichem Holzrat mit einem riesigen Bärenfell davor, alte verrostete Kürasse und Waffen und eine Menge vertrockneter Erntekronen ihr ins Auge fielen, in ein altväterisch behagliches, molliges Zimmerchen geführt, in dem alles darauf hindeutete, daß es zum ausschließlichen Gebrauch für Damen bestimmt war.
»Es ist noch von früher her so,« bemerkte das junge adrette Dienstmädchen, »und der gnädige Herr hat es wieder in Ordnung schaffen lassen, damit, wenn Damen kommen, die ihren Platz haben.«
Maggie nickte. Sie hätte für ihr Leben gern gefragt, welche Damen den Junggesellen Seckersdorf besuchten, aber das widersprach ihren Lebensgewohnheiten doch so sehr, daß sie schwieg und mit dem Mädchen nun in der herablassend freundlichen, sicheren Weise verkehrte, die den Leuten so sehr an ihr imponierte.
Frisch frisiert und zurechtgemacht, ging sie unter der Führung des Mädchens in das Eßzimmer. Von der Halle aus gelangte man unmittelbar hinein. Es füllte einen ganzen Anbau, hatte hohe Holztäfelung und ehrwürdigen, unbequemen, aber vornehmen Hausrat; man sah ihm an, daß er von Generationen benutzt worden war. Fremdartiges, uraltes Tafelgeschirr bedeckte auch den kleinen, am Mittelfenster hergerichteten Eßtisch; es stand auf gelblich weißem, feinsten Damast, dessen tiefe Bruchfalten zeigten, daß es lange im Wäscheschrank geruht hatte. Die altertümlichen Gläser mit dicken Füßen trugen eine Krone und zwei verschnörkelte Buchstaben.
Maggie sah das alles mit fast gierigen Blicken. Romitten war ein ehemaliges Majorat, das schon vor dem Aussterben der letzten schwachsinnigen Erben von dem jetzigen Besitzer, dem Onkel Seckersdorfs verwaltet, dann von ihm übernommen war und zu einem neuen Erbgut für seinen jüngsten Sohn eingerichtet werden sollte.
So erzählte Seckersdorf, nachdem er zu Maggie getreten war. Der Oberförster fehlte noch; er wechselte auf seine Zureden die Kleider. Seckersdorf unterbrach sich, da man das Diner anzurichten begann, und trat mit Maggie in eine Fensternische, anscheinend um ihr draußen auf dem großen, gelben Rasenrondel etwas zu zeigen.
»Wie steht's?« fragte er hastig. »Was habe ich zu erwarten? Schnell ... ich bitte Sie ...«
Maggie sah zu Boden. Jetzt war der Augenblick da, in dem sie Gertruds Schicksal und ihr eigenes in ihrer Hand hielt. Bangigkeit und ein prickelndes Wohlgefühl zugleich durchschauerten sie, aber schwanken tat sie nicht.
Sie sah Seckersdorf mit einem bedauernden Blick an, der sich zu einem Ausdruck innigen Mitleids vertiefte.
»Ich weiß nicht recht,« sagte sie suchend, »Herr von Seckersdorf, ich müßte da viel sagen. Im Grunde glaube ich ja doch, daß Gertrud an Sie denkt. Ich glaube es nur! Aber ich habe schließlich nicht so viel Verständnis für das Verantwortlichkeitsgefühl einer Mutter.«
»Was heißt das, Fräulein Maggie?« fragte Seckersdorf bestürzt. »Haben Sie Ihrer Schwester gesagt, was ich in Vokellen ...«
Maggie nickte. »Wörtlich, Herr von Seckersdorf.«
»Und?«
»Sie war einen Augenblick froh und sagte: 'Das wußte ich ja!' Und dann ist sie still geworden und hat diese übertriebene -- ich meine, sie hat ihre Kinder von da ab mit ganz ausschließlicher Zärtlichkeit behandelt. Und als ich -- ich dachte doch, man müßte ihr ein bißchen helfen -- sie ist so ängstlich und im besten Sinne des Wortes förmlich, und ich wollte Ihnen auch gern Nachricht geben ...«
»Kurz und gut?« sagte Seckersdorf erregt.
»Ja, sie ist sehr böse auf mich geworden und hat mir verboten, je mit Ihnen über sie zu sprechen.«
»Ihnen verboten?« wiederholte Seckersdorf ratlos. »Ernsthaft verboten? Aber Sie selbst sagten mir doch ...«
Er sah Maggie beinahe so hilflos an, wie Gertrud es oft tat. In diesem Augenblicke empfand sie für ihn etwas von der Zärtlichkeit, die sie der Schwester entzogen hatte.
Ihr wortloses Mitgefühl tat ihm wohl. Er nahm ihre herabhängende Hand und hielt sie fest.
»Sie sind gut, Fräulein Maggie!« sagte er leise. »Aber, bitte, sagen Sie mir, was heißt das? Sagen Sie es offen. Das ist doch sonderbar. Gertrud hat ja mit mir kein Wort darüber gesprochen, Sie meinten jedoch ... Und ich sah es ihr ja auch an ...«
»Denken Sie um Gottes willen nicht schlimmer von der armen Gertrud,« bat Maggie weich. »Sehen Sie, sieben Jahre verheiratet und meiner Meinung nach unglücklich --«
»Natürlich!« sagte Seckersdorf mit Überzeugung. »Alle Welt weiß, wie schamlos Ihr Schwager ... Verzeihung ...«
Maggie machte eine abwehrende Bewegung.
»Ja wohl! Aber doch bin ich nicht sicher, ob Kurowski nicht trotzdem eine große Zuneigung für Gertrud hat. Die Kinder liebt er sicherlich. Es werden jetzt auch Briefe zwischen ihnen gewechselt, obgleich Gertrud Papa und mir gesagt hatte ... Nein, ich will nicht weiter sprechen. Es klingt beinahe so, als ob ich Gertrud anklage, daß sie, wie sie sagt, eine anständige Frau bleiben will.«
Da richtete Seckersdorf sich auf, und sein Gesicht überschattete sich mit einem hochmütigen Zuge des Befremdens.
»Hat sie das gesagt?« fragte er kurz. »Hab' ich sie etwa ... Aber das kann ja nicht sein. Fräulein Maggie, erinnern Sie sich unseres ersten Zusammentreffens?«
Sie nickte eifrig. »Schelten Sie mich, ich war voreilig in meiner --« das Wort ging doch nicht ganz glatt über ihre Lippen -- »meiner Liebe zu Gertrud. Ich sag' Ihnen ja auch, innerlich hat sich sicher bei ihr nichts geändert. Aber vergessen Sie nicht, sie war nie sehr mutig, und jetzt ist sie acht Jahre älter und elend und Mutter und --«
Ein zärtlich mitleidiges Lächeln löste seine Lippen, die er vorhin fest aufeinandergepreßt hatte.
»Und Sklavin eines rohen Mannes gewesen,« fuhr Maggie fort, und warf einen hastigen Blick auf Seckersdorf, der ein nervöses Zucken bei ihren Worten nicht bemeistern konnte.
Nun nickte er ein paarmal sorgenvoll mit dem Kopf.
»Es mag ja Wahnsinn sein, nach acht Jahren anknüpfen zu wollen, eine zerrissene Sache,« sagte er fast schüchtern. »Es ist wahr, Fräulein Maggie, aber ... aber ich hab' sie jetzt fast noch lieber als damals. Ich möchte sie wieder schön und froh haben, und ich dachte, wie Sie damals so sprachen, das sollte mir auch wieder gelingen. Wenn sie frei sein würde ... Doch Gott soll mich bewahren, sie zu bereden oder zu verleiten, wenn sie es für Sünde hält. Recht hat sie ja auch, rein und gut wie sie ist. Nein, ich bin nicht sentimental oder überspannt. Was nicht geht, das geht nicht. Ich hatte mich ja auch schon damit abgefunden ... Bloß ...«
Er legte die große, weiße Hand übers Gesicht, als wollte er es in diesem Augenblicke nicht sehen lassen.
Maggie war mit einem Male gar nicht wohl zumute. Wie ein Stich durchfuhr sie der Gedanke: »Was tust du da?« Und gleich hinterher: »Was willst du selbst mit diesem großen Kinde, das so ganz erfüllt von der anderen ist?«
Es fehlte nicht viel und sie hätte eingelenkt. Aber da kam der Oberförster hinein, und man setzte sich zum Essen.
Seckersdorf machte liebenswürdig und ohne etwas von seiner Erregung zu verraten, den Wirt Nur seine Augen hatten einen zerstreuten, bekümmerten Blick und suchten fragend und vorwurfsvoll Maggie, wenn sie eine heitere Bemerkung machte, sich mit dem Vater herumstritt und ihn mit allen möglichen Dingen neckte.
»Ich will dich zerstreuen, dir über diese Stunde hinweghelfen,« sagten ihm dann ihre mit einem Male dunkel werdenden Blicke, und er antwortete darauf mit einem schwachen Lächeln. Sie wiederum fühlte, daß ihr Mitleid ihm gut tat, und spielte ihre Rolle mit Befriedigung weiter.
Das Essen war mäßig, die Weine gut. Man hielt sich also ans Trinken, die Herren natürlich, und dank Maggies Munterkeit -- »sie ist immer so«, bemerkte der Oberförster -- schien die kleine Tafelrunde bald in fröhlichster Stimmung. Auch Seckersdorf lachte viel. In einer großen Steigerung seines Wesens, die ihm selbst fremd war, wurde er fast redselig.
»Ich hab's nicht gedacht, daß ich noch so sein kann,« gestand er ehrlich. »Aber, gnädiges Fräulein verstehen es, einen vergnügt zu machen. Ich habe das schon damals bei den Waldlackern gemerkt.«
»Das findet Gertrud auch immer,« sagte sie, wie in Gedanken, und fuhr dann leicht zusammen, heimlich überlegend. »Ob er nun nicht vergleicht?«
Bei dem Namen, der ihm alles wieder in das Gedächtnis rief, machte er zwar ein trübseliges Gesicht, aber Maggie triumphierte doch.
»Ihre Frau Schwester ist nicht so heiter?« fragte er höflich.
»Gott bewahre,« sagte der Oberförster an ihrer Stelle mit mehr Betonung als nötig gewesen wäre. »Die war immer nur zum Ansehen und zum Hätscheln. Na ... ihr Mann setzt das ja fort. Denken Sie, tausend Mark Taschengeld gibt er ihr monatlich; das will was heißen für unsere, das heißt meine Verhältnisse, wo unsereins sich schindet und plagt, um die paar Tausend das ganze Jahr zu verdienen und davon Haushalt und alles übrige zu bestreiten!«
Von da aus kam die Rede auf dienstliche Verhältnisse, auf Beamtentum und Grundbesitz, und was der Wechsel des Gesprächs damit in Verbindung brachte.
Maggie sah dabei nicht mit dem üblichen interessierten Blick höflicher Damen von einem zum andern, hier und da eine zustimmende Bewegung machend, sondern sie redete eifrig mit. Sie grübelte nie viel, aber ihre unbefangene Beobachtungsgabe, ihre sichere Art, passende Worte für ihre Gedanken zu finden, ließen sie viel weltkluger scheinen, als sie war, und da sie zuweilen einen echt weiblichen, sachlichen Schnitzer mit unterlaufen ließ, kam sie bei den Männern trotzdem nie in den Verdacht einer verpönten Gelehrsamkeit.
Seckersdorf sah sie zuletzt voll verehrender Bewunderung an.
»Was bist du für ein Mädel?« übersetzte Maggie sich seine Blicke. »Gut, klug und temperamentvoll.«
Man verplauderte sich beim Kaffee. Es wurde schon dämmrig, als der Oberförster an den Aufbruch dachte.
»Schade,« meinte Maggie. »Ich hätte so gern das interessante alte Haus gesehen. Da gibt's sicherlich Schätze über Schätze.«
»Viel altes Gerümpel,« sagte Seckersdorf. »Aber falls Sie sich dafür interessieren, würde es mir eine große Ehre sein, wenn mir vielleicht ein andermal ...«
Maggie wollte freudig darauf eingehen, aber nach kurzem Zögern schüttelte sie doch den Kopf.
»Vielleicht, wenn meine Schwester wieder in Laukischken ist,« erwiderte sie, den Vater fragend ansehend. »Wir lassen sie nicht gerne viel allein, und sie will ohne ihren Mann nirgends hingehen.« Beide Männer wurden ernst, und der Abschied gestaltete sich kühler, als er nach den behaglichen Stunden wohl hätte sein müssen.
Die Herren besprachen vor dem Abfahren noch flüchtig einiges Geschäftliche, Maggie machte es sich in dem Familienhalbwagen bequem, und dann ging's fort.
»Empfehlen Sie mich angelegentlich Frau von Kurowski,« sagte Seckersdorf zum Schluß sehr steif.
* * * * *
Gertrud hatte den Vormittag verträumt. Es waren kaum bewußte Grübeleien, denen sie sich hingab: Vergangenheit und Zukunft zogen in hastigen, unklaren Bildern an ihr vorüber.
Tränen stiegen ihr in die Augen und versiegten wieder schnell, sobald sie auf die Jungen sah, die vor dem Fenster trotz des fein sprühenden Regens herumspielten.
Ihr war eigentümlich zumute. Sie wußte ganz genau, daß sie Seckersdorf liebte, wie sie ihren Mann verabscheute, daß sie Maggie fürchtete, ja beinahe verachtete; aber hinter all diesen starken und bewußten Gedanken regte sich mit vorahnendem Kältegefühl einer, der an Pflicht und Verantwortlichkeit, an Sichselbstverlieren, an Ausharrenmüssen mahnte, und alte Bibelsprüche, ehemals gedankenlos gelernt und hergesagt, bekräftigten ihn jetzt. Doch der Sieg blieb ihm nicht. In die Selbstvorwürfe und Vorschriften rief Hans Seckersdorfs nie vergessene Stimme hinein: »Gertrud, komme zu mir!«, und dann schloß sie die Augen und träumte sich trotz allem mit süßem Schauer an seine Brust und klagte ihm alles und sagte: »Denk' du für mich und sorge, daß ich das Rechte tue. Hilf mir, hilf mir, du Einziger, Liebster!«
Aus diesem Empfinden rüttelte sie sich wieder auf und sagte sich voller Gram, daß sie, auch wenn das heiß Ersehnte sich ihr erfüllen sollte, nicht mehr imstande sein würde, zu vergessen und neu zu erleben. Wie Herbstschauer überflog es sie. Und dann durchbrach von neuem alles eine unvernünftige Sehnsucht, jetzt in diesem Augenblick mit ihm durch den Wald zu gehen, an ihn geschmiegt und von ihm geschützt vor dem grauen Regenwetter. Oder auch nur neben ihm, wie Maggie es sicherlich jetzt tat.
Was sie wohl sprächen? Wie Maggie es anfinge, sie zu verdrängen? Eine trostlose Eifersucht machte sie elend. Abenteuerliche Entschlüsse sprangen in ihr auf, wie sie ihm schreiben, mit ihm zusammentreffen, was sie ihm sagen würde ... Sie verflatterten, kaum entstanden. Neue Ratlosigkeit fing an sie zu martern, die Stunden vergingen, es wurde Mittag und niemand kam heim. Sie aß schließlich mit Fräulein Perl und den Kindern und fing wieder ein schüchternes Gespräch über unglückliche Ehen an, über Frauen, die sich allein ihr Brot verdienten, und so allerlei, was ihr durch den Kopf ging.
Dann kam die Mittagspost. Sie brachte ihr die Antwort ihres Mannes aus Nizza. Zitternd schloß sie sich damit in ihr Zimmer ein, als ob Kurt Kurowski seinen Worten auf dem Fuße folgte, und lange konnte sie sich vor Angst nicht entschließen, den Umschlag zu öffnen. Es waren kaum zwei Seiten. Ihr Herz stand fast still, als sie sie las.
»Mein liebes Kind!
Es wird Zeit, daß ich heimkomme, um mit Dir ein deutliches Wort zu reden. Vorläufig so viel: Ich will durchaus nicht zurücknehmen, was ich Dir oft gesagt habe, nämlich daß Du mir als Frau und Gefährtin nicht genügst. An ein Auseinanderlaufen, weil Dir Deine alte Liebschaft wieder den Kopf verdreht hat, ist aber nicht zu denken. Skandal gibt's bei den Kurowskis nicht, und die Jungen werden's nicht erleben, daß ihr Vater und ihre Mutter vor die Gerichte kommen. Verstanden? Sollte es dem Seckersdorf eingefallen sein, in meiner Abwesenheit bei Dir herumzuscharwenzeln, so werde ich ihn mir kaufen. Und Du nimm Dich in acht und schreib mir nicht noch einmal so unsinniges Zeug. Herzukommen brauchst Du nun nicht, ich werde mich mit der Heimkehr beeilen und Dir den Herrn und Meister zeigen, wenn Du etwa nicht Order parieren solltest. Im übrigen keine Feindschaft und keine Gefühlsduselei. Kurt.«
Gertrud warf sich schluchzend über ihr Bett. Sie fühlte sich wieder ganz unter der Zuchtrute der vergangenen sieben Jahre. Alle Sonnenstrahlen, die sie schüchtern in weiter Ferne aufblitzen gesehen hatte, verschwanden, und das trostlose Laukischker Elend breitete wieder seine grauen Flügel um sie.
»Was tue ich nur, was tue ich nur?« fragte sie sich immerzu. »Wer hilft mir? Wo soll ich hin? ... Hans! Hans!«
In ihrer Not und Verlassenheit konnte Gertrud gar keinen Gedanken fassen; und zum ersten Male packte sie eine entsetzliche Angst, daß Hans Seckersdorf vielleicht doch nicht kommen würde, ohne daß sie ihn rief. Und da rang sie sich zuletzt den Entschluß ab, ihm ein Wort zu schreiben.
Wie eine Verworfene kam sie sich dabei vor. Aber sie wußte sich keinen anderen Rat, und sie fürchtete sich vor ihrem Mann noch mehr, als vor dieser Zudringlichkeit gegen Seckersdorf.
»Er hat mich ja lieb, und er kommt gewiß gleich,« dachte sie. Und sie schrieb unter strömenden Tränen in ihrer hübschen, korrekten Schulmädchenhandschrift:
»Lieber Freund, ich bin in großer Herzensangst. Und da Maggie mir gesagt hat, daß Sie mir noch die alte Freundschaft bewahrt haben, bitte ich Sie, mir zu helfen. Denken Sie nicht schlecht von mir, ich bin so verlassen, und Sie sind der einzige, an den ich mich wenden kann. Mit vielen Grüßen Ihre Gertrud Kurowski.«
Diese Zeilen legte sie in einen Umschlag und schrieb die Adresse darauf. Ein Eilbote sollte es nach Romitten besorgen. Und dann wäre alles gut, er würde kommen und ihr sagen, was sie tun müßte.
Sie ruhte aus in dem Gedanken, -- aber ihre Kinder anzusehen wagte sie nicht mehr.
Mit einer kleinen Handarbeit, an der sie flüchtig herumstichelte, setzte sie sich an das Fenster der Wohnstube, von dem aus sie den Weg übersehen konnte. Erst wenn der Vater und Maggie zurück waren, sollte ihr Bote, der älteste Junge des Kutschers, nach Romitten gehen. Ihr war eingefallen, daß der Vater und Maggie ihn auf ihrem Heimweg durch den Wald treffen und anhalten möchten. Sie sagte dem Stubenmädchen also Bescheid, ließ sich auch den Jungen kommen, um ihm ihre Weisungen einzuschärfen. »Es handelt sich um eine Geschäftssache,« erklärte sie verlegen dem Mädchen und dem Burschen, und fand das sehr überlegt von sich. Aber zugleich dachte sie voll Widerwillen: »Solche kleinen Winkelzüge werde ich nun wohl öfters machen müssen ...«
Endlich kamen die Erwarteten zurück. Maggie sprach sehr viel, erzählte ausführlich alles Äußere ihres Zusammentreffens mit Seckersdorf, beschrieb Romitten und ihren Aufenthalt dort, gesucht heiter und sich hauptsächlich an Fräulein Perl wendend. Gertrud, doppelt erregt wie sie war, ließ doch äußerlich ruhig alles über sich ergehen. Denn der Vater beobachtete sie, während Maggie erzählte. An dieser selbst glaubte sie hier und da ein spöttisches Lächeln wahrzunehmen.
Wie qualvoll war das alles! Sie floh in Gedanken weit fort aus diesem einst so geliebten Hause. Gott sei Dank, ihr Brief war nun unterwegs, und morgen vielleicht wußte sie, wohin und was tun.
Während des Hin- und Hersprechens trat das Stubenmädchen ein und wartete, bis man sie bemerken würde.
Gertrud sah teilnahmslos an ihr vorbei; in demselben Moment nahm sie aber wahr, daß Lina mit fragendem Blick an ihr hing. Sie fuhr zusammen.
»Was gibt's?« fragte der Oberförster und sah sich um.
Das Mädchen kam näher.
»Ich wollte nur fragen, ob der Romitter Kutscher nun nicht gleich den Brief mitnehmen kann, -- oder soll doch der Fritz gehen?« sagte sie halb zu Gertrud gewandt.
Die wurde totenblaß. Sie winkte dem Mädchen, hinauszugehen. Der Oberförster stand auf.
»Welchen Brief?« fragte er unwirsch.
»Von der gnädigen Frau,« sagte das Mädchen schüchtern.
Der Oberförster kniff die Augen zusammen.
»Überhaupt nicht mehr nötig. Wir kommen ja von Romitten. Bring' den Brief her!«
Eine große Stille entstand.
Gertrud sagte sich immerzu: »Ich muß protestieren, ich muß meinen Brief abschicken.« Aber ihre Lippen zitterten und brachten kein Wort vor.
Der Oberförster stand von ihr abgekehrt und wartete auf das Zurückkommen des Mädchens. Maggie sah mit gespannter Neugier in Gertruds Gesicht, und Fräulein Perl begriff überhaupt nichts. »Hast du denn nach Romitten geschrieben, Herzchen?« fragte sie ahnungslos.
Gertrud schwieg.
Lina trat mit dem Brief in der Hand ein. Der Oberförster nahm ihn ihr ab und winkte ihr hinaus.
Er sah den schmalen gelblichen Umschlag lange an, dann zerriß er den Brief, ohne ihn zu öffnen, und warf ihn in den Papierkorb.
»Pfui!« sagte er, sich vor Gertrud aufpflanzend. »So etwas tut meine Tochter! Was wolltest du von ihm? Heraus damit! Was soll er? Was willst du von ihm ... Schämst du dich nicht?«
Ja, Gertrud schämte sich, als hätte sie ein unsühnbares Verbrechen begangen. Sie wußte vor Entsetzen gar nicht mehr, wo sie war. Sie fühlte sich ganz zerbrochen und dachte nur. »Fort, fort! Oder lieber noch sterben!«
Sagen konnte sie nichts.
Der Oberförster wurde dunkelrot.
»Wirst du reden?« schrie er.
Da trat Maggie zur Schwester.
»Quäle sie doch nicht unnütz, Papa,« sagte sie. »Schließlich kann sie doch tun und lassen, was sie will.«
»Nicht in meinem Hause,« rief der Oberförster erregt, »nicht in meinem Hause. Soll ich mich auf meine alten Tage durch euch verflixte Frauenzimmer um meine Reputation bringen lassen? ... Die eine läuft hinter dem Menschen her, daß es ein Skandal ist, die andere schreibt ihm Liebesbriefchen. Und ich, der Vater, sehe gefällig zu und halt's Maul zu dem ganzen Treiben, nicht wahr?«
»Es ist kein Liebesbrief, Papa,« sagte Gertrud heiser. »Du erlaubst wohl, daß ich mich entferne. Ich werde ... überhaupt bald fortgehn ...«
Sie taumelte hinaus.
Der Oberförster lief erregt im Zimmer umher. »Wenn bloß der Kurowski wieder da wäre.«