Chapter 4
Maggie gab Auskunft, so gut sie konnte, und meinte, wenn's dazu käme, wollte sie ihn ordentlich ins Gebet nehmen. Dann warf sie noch einen kurzen Blick in den Spiegel, stellte mit Befriedigung fest, daß sie entschieden am besten von allen aussah, und trat siegesfroh in den Gartensaal, wo der Vater sie erwartete.
Sie fuhr ein klein wenig zusammen. Neben ihm stand Seckersdorf.
Er war doch eine prachtvolle Erscheinung, selbst in dem häßlichen Frackanzug. Der Typus des ritterlichen Mannes, ehrenfeste Kraft in jedem Zuge.
Er kam ihr entgegen, und nachdem sie einander und den alten Herrn von Schweitzer begrüßt hatten, der sich dem Vater anschloß, gingen sie zusammen durch den Saal weiter. Beide befangen und schweigend, bis er den Anfang machte und stockend fragte: »Gnädiges Fräulein haben den Rückweg neulich ohne Anstrengung gemacht?«
Nun lachte Maggie. »Natürlich! Aber, bitte, sagen Sie doch lieber einmal ehrlich, was Sie eben dachten.«
»Ehrlich?« Er sah ihr aufrichtig ins Gesicht.
»Gewiß. Zwischen uns ist Ehrlichkeit doch die erste Bedingung.«
Er nickte und sagte etwas verlegen: »Ich dachte, wie ich eines Abends vor neun Jahren mit ein paar Kameraden hier stand, -- und aus der Damengarderobe trat Ihre Schwester heraus, wie Sie heute.«
»Ich besinne mich zufällig auf den Abend auch,« antwortete Maggie nachdenklich. »Ich war so neidisch auf Gertrud und bewunderte sie so. Sie trug ein weißes Kleid mit Silber durchwebt.«
»Ja, ja!« bestätigte er. »Damals war hier alles mit Tannen hergerichtet und eine Art künstliches Mondlicht geschaffen. Keiner von uns hatte Ihr Fräulein -- Ihre Frau Schwester noch gesehen. Und wie sie da allein herauskam und sich nach dem Herrn Vater umsah ... Wir standen alle ganz starr ... So etwas Schönes hatte man überhaupt noch nie erblickt.«
In Maggie erhob sich etwas wie der Neid von damals.
Sie waren an der Türe des Empfangszimmers.
»Darf ich mir den Kotillon sichern?« bat Seckersdorf.
Maggie bejahte freundlich, und begrüßte die Wirte, die ihr besonders gewogen waren.
Frau von Bork, eine große, schlanke, tadellos angezogene Dame, mit ein klein wenig aus der Jugend übriggebliebenem Hoftick, fand noch Zeit, ihr zu sagen, daß sie ihr Seckersdorf als Tischherr zugedacht hatte.
Maggie verschwieg, daß sie auch den Kotillon mit ihm tanzen würde. »Wenn es sich nicht um Gertrud handelte,« dachte sie, am Arme des Hausherrn in den Tanzsaal gehend, »welche Gelegenheit für mich selbst!«
Herr von Bork reichte ihr die Tanzkarte, die sofort von Hand zu Hand wanderte, nachdem Seckersdorf seinen Namen eingezeichnet hatte. Als Maggie dann den älteren Damen, die noch gruppenweise im Saale umherstanden, guten Abend sagte und sich hier und da mit einigen ballfiebernden jungen Mädchen unterhielt, immer von wohlwollenden, bewundernden Blicken empfangen, war sie schon sicher, daß sie an diesem Abend wieder die Gefeiertste sein würde.
Das freute sie wegen Seckersdorf.
Als die Musik mit der üblichen Polonäse einsetzte, kam es wie ein Rausch über sie.
Im Vollgefühl ihrer Jugendschönheit und Macht wuchs sie förmlich, und dem Rittmeister von Parchemb, auch einer von Gertruds Jugendverehrern, der sie zum Rundgang führte, hätte sie entgegenjubeln mögen.
Es war doch wunderbar schön, jung zu sein, ein Leben vor sich, die Zügel fest in der Hand. Vorwärts in alle die Freuden hinein!
Sie sprühte von Ausgelassenheit und Scherzen. Ihr Kavalier, ein schon etwas schwerfälliger Herr gegen Ende der Dreißig, konnte ihr nicht gut folgen, freute sich aber an dem Feuerwerk, das so munter auf ihn niederprasselte, und ersetzte durch bewundernde Blicke, was ihm an schlagfertigen Entgegnungen fehlte. Den Kameraden konnte er hinterher nicht genug von dem schneidigen Mädel erzählen, und so drängte man sich um Maggie mit Bitten um Extratouren und mit Scherzworten, die im Vorübergehen hingeworfen und lachend erwidert wurden. Es machte bald den Eindruck, als ob sie die einzige Dame wäre, die man für beachtenswert hielt. Die zuschauenden Mütter begannen die Köpfe zusammenzustecken, die tanzenden Töchter, die von ihren Herren minutenlang ohne Unterhaltung gelassen wurden, weil man beständig zu der Ecke hinübersah, in der Maggie Hagedorn mit dem jungen Prittwitz, einer der besten Partien des Abends, lachte, machten unzufriedene Gesichter, kurz, Maggie fing an, ihre bisher mit so viel Opfern gehaltene gute Stellung am heutigen Abend bei den Damen zu verlieren.
Sie merkte das wohl, aber es lag ihr heute nichts daran. Sie wollte sich amüsieren, froh sein, ausgezeichnet werden. Sie wollte zeigen, daß man nicht schön zu sein brauchte wie Gertrud, um doch alle Welt an sich zu fesseln. Aber wem wollte sie es denn zeigen?
In einem Anfluge von Schuldbewußtsein atmete sie beklommen auf und sah gedankenvoll zu Seckersdorf hinüber. Er hatte nur Extratouren mit ihr wie mit allen Damen getanzt und sich ihr weiter nicht genähert. Aber sie fühlte, daß er sie beobachtete, und ihr war, als ob sie sich vor ihm allein als gefeierte Ballkönigin zur Schau stellte.
Und endlich kam das Souper. Maggie war müde geworden von dem vielen Tanzen und Schwatzen und lehnte sich fest auf den Arm Seckersdorfs. Er führte sie zu einem Platz der hufeisenförmig gedeckten Tafel, an dem sie neben dem Gourmet Beckers saß, während sich ihm zur Seite ein neu verlobtes Brautpaar befand, und die Gegenübersitzenden ihnen durch einen hohen Tafelaufsatz verdeckt waren. Hatte er diesen abgelegenen Platz so ausgesucht, oder war es ein Zufall? Sie sah fragend zu ihm auf. Er verstand.
»Ich bin der Attentäter, Fräulein Hagedorn,« sagte er. »Werden Sie nicht bereuen, daß Sie mir das Souper gegeben haben?«
»Was glauben Sie denn?« fragte sie geradezu. »Ich habe doch immerzu daran gedacht, daß wir uns jetzt aussprechen würden. Ich sah es ja auch Ihnen an, wie Sie darauf warteten.«
Ja, er hätte mit Spannung gewartet, alle die Tage, und er wäre glücklich gewesen, wenn er sie hätte sprechen können. Sie hätte ihn durch ihre Andeutungen neulich in große Unruhe versetzt. Er wüßte nicht, wie es durch ihn zu einem so schweren Mißverständnis hätte kommen können. Der Gedanke peinigte ihn furchtbar und er bäte Fräulein Maggie inständig, ihm alles zu sagen.
Maggie lehnte sich in ihren Stuhl zurück und sah ihn von unten herauf ernst an.
»Herr von Seckersdorf ... Vertrauen gegen Vertrauen. Lieben Sie meine Schwester Gertrud noch?«
Seckersdorf fuhr zusammen. »Fräulein Maggie!«
»Ja,« fuhr sie fort. »Das ist die Generalfrage. Über die müssen wir uns einigen, wenn ich mit Ihnen ehrlich und ohne Rückhalt sprechen soll. Also ja ... oder nein?«
Seckersdorf sah sie mißbilligend, fast hochmütig an. Er war blaß geworden.
»Fräulein Maggie, meine Lebensanschauungen verbieten mir, die Frau eines anderen --«
»Das heißt also: nein!« sagte Maggie kalt. »Gut, sprechen wir nicht weiter über die Angelegenheit. Oder doch ... weil Sie in Unruhe sind, Herr von Seckersdorf. Machen Sie sich keine Vorwürfe deshalb. Mein Schwager hat Gertrud nur brutal behandelt, weil er behauptet, daß _sie_ Ihnen Avancen gemacht hätte.«
»Gott!« Seckersdorf hob den Kopf hoch und sah in wortlosem Ingrimm vor sich hin.
Maggie erschrak. So stark war der Ausdruck dieses unterdrückten Zorns, daß seine Wellen in ihr nachbebten, und zugleich ein leises Bangen sie ergriff, ob sie nicht Geister gerufen habe, die sie nicht mehr würde bändigen können.
»Ich bitte Sie jetzt dringend, mir den ganzen Vorgang zu erzählen, soweit Sie unterrichtet sind,« sagte er leise, und seine Augen hingen mit strengem Blick an ihrem Gesichte.
Sie wiederholte die kecke Frage von vorhin nicht mehr und erzählte. Ohne mit den Wimpern zu zucken, trug sie stark auf.
Seckersdorf glühte und biß die Zähne zusammen. »Ich werde Ihren Herrn Vater bitten, mir Gelegenheit zu einer Unterredung mit Frau von Kurowski zu geben.«
Nun war Maggie wieder ganz der Situation gewachsen.
»Wo denken Sie hin? Soll Gertruds Namen denn wirklich in einen Skandal gezogen werden? Was meinen Sie wohl, wie Kurowski triumphieren würde, wenn Sie mit meiner Schwester zusammenträfen? Er hat schon in einem unverschämten Brief an Papa verfängliche Andeutungen gemacht, doch ohne Ihren Namen zu nennen. Übrigens können wir aus allem, was er sonst sagt, nicht klar darüber werden, ob er überhaupt je auf eine Scheidung eingehen wird.«
»Ihre Frau Schwester will sich scheiden lassen?« fragte Seckersdorf tief atmend.
»Sie will, die arme Gertrud ... Aber sie ist ja so mürbe geworden, und wenn Papa sich auf Kurowskis Seite stellt, sie zwingt --«
»Das kann er nicht. Der eigene Vater! Wie sollte er?«
»Es wäre doch nicht das erstemal. Gertrud ist sehr weich.«
Ein traurig zärtliches Lächeln, rührend in diesem kraftvoll ernsten Gesichte, umzog Seckersdorfs Lippen.
»Wie er sie liebt!« dachte Maggie, jetzt mit Bewußtsein neidisch.
»Sehen Sie,« sagte sie weiter, »schließlich ist es Papa ja auch nicht zu verdenken, von seinem Standpunkte aus. Gertrud war gut versorgt, glänzend sogar -- sie ist jetzt achtundzwanzig Jahre alt -- und die Kinder ...«
»Ja, die Kinder!«
Seckersdorf fuhr sich mit der Hand gegen die Stirn.
»Sie würde sie ihm lassen müssen!« sagte er.
Maggie zuckte die Achseln.
»Und sie ist fest entschlossen?« fragte er. »Sie ist _sehr_ unglücklich?«
Maggie nickte nur. Sie hätte jetzt gut eine leise Andeutung über Gertruds Liebe zu ihm machen können, aber mit einem Male wollte sie nicht.
Seckersdorf drehte sich scharf zu ihr herum.
Das Abendessen -- einfach mit vier Gängen, Maggie hatte alle gekostet, trotz ihrer Erregung -- nahm seinen Fortgang. Trinksprüche wurden ausgebracht, man ging zu den Wirten, kehrte wieder auf die Plätze zurück, die Unterhaltung wurde lauter, Necken und Flirten lebhafter.
Maggie fühlte einen dumpfen Zorn in sich. Warum hatte sie sich eigentlich auf die ganze Geschichte eingelassen? Wenn die beiden sich so sehr liebten, sollten sie auch allein zusammenkommen. Nun war sie von dem allgemeinen Vergnügen ausgeschlossen und ... Nein -- sie vergegenwärtigte sich das liebe, bleiche Gesicht Gertruds, mit dem weinenden Mund und den zärtlichen Augen --, jetzt war sie doch wieder mit Eifer bei der Sache. Was würde dieser große, starke, ungeschickte Junge nun sagen? Sie sah ihn fragend an.
Da fühlte sie ihre Hand gefaßt. Unter dem Tisch, mit einem festen Druck. Ein heißer Schauer überlief sie.
»Fräulein Maggie!« sagte Seckersdorf. »Ich will Ihnen jetzt sagen ... auf ihre Frage von vorhin ... Also damals, damals war mir ein Stück Leben weg, als die Sache mit Gertrud so auseinanderging, und ich noch den Großmütigen spielen mußte. Und als sie sich verheiratete, -- ja, was soll ich sagen -- leicht war's nicht. Aber das Schlimmste kam noch. Sie wissen vielleicht, meine beiden Vettern starben kurz nacheinander, ihr Vater, mein Onkel, rief mich zu sich nach Sachsen und adoptierte mich, und da bin ich mit einem Male in gute Verhältnisse gekommen. Und um die lumpige Kaution hatte ich _sie_ aufgeben müssen. Das war mehr als hart.«
Maggie nickte teilnehmend und sah mit schweigender Aufforderung in sein bewegtes Gesicht.
»Es gab dann ja viel zu tun!« sagte er weiter. »Landwirtschaft zu lernen und die Uniform zu vergessen. Das ging. Nur in Frauengesellschaft, da hab' ich im Anfang manchmal die Zähne zusammenbeißen müssen. Wenn ich so dachte ... das liebe, weißblonde Köpfchen, das siehst du nie mehr darunter ...«
Es quälte ihn heute noch in der Erinnerung.
Maggie fühlte ihr Herz seltsam gepreßt.
»Aber, gnädiges Fräulein,« er sprach immer in demselben schlichten, stillen Ton, »die Gewohnheit und so das ganze Dasein, das hilft einem zuletzt über manches weg. Man wird auch älter. Man denkt schließlich an all das mit ein bißchen Rührung und Wehmut und sagt sich ... es wär' so schön gewesen ... aber es ging nun doch mal nicht. So wäre es auch geblieben ... wenn ich Gertrud als glückliche Frau wiedergesehen hätte. Aber als ich da neulich hier guten Tag sage, und komme zu den Damen -- dem Kurowski hatt' ich schon die Hand gedrückt -- und da find' ich sie so blaß, elend und so vergrämt ... Und wir sehn uns an ... und ... Ja, Fräulein Maggie, nach dem, was Sie mir heute erzählen, wie's mit ihr steht, braucht sie gar nichts weiter zu reden ... Aber Sie ... Wollen Sie ihr von mir sagen ... daß ich ihr ... daß ich ... mit Leib und Seele ... und wenn sie mich braucht ... und wenn sie frei ist ...?«
Er hielt inne und sah sich erschrocken um. Man hatte eben ans Glas geschlagen. Eine neue Rede wurde gehalten.
Maggie war durch seine abgebrochenen Worte in eine seltsame Stimmung gesponnen. Ein leises Verstehen tauchte in ihr auf, für ein Glück, das außer jeder Berechnung steht, das von irgendwo als ein warmer Strahl herkommt und jede sorgfältige Überlegung, alles Kalte, alles Unehrliche vielleicht wegspült. »Eigentümlich muß es sein -- eigentümlich --« dachte sie. Und plötzlich durchbrauste eine heiße Zärtlichkeit sie ... für Gertrud ... für Seckersdorf.
Aber sie nahm sich zusammen. Um Gotteswillen, nicht den Kopf verlieren, nicht sentimental werden, sich schließlich regelrecht in diesen blonden Toggenburg verlieben! Welch ein Unsinn! Nein, es blieb dabei, wie sie sich's vorgenommen. Zwei Menschen auf dieser Welt würden glücklich, und sie suchte sich anderswo ihr Teil. Aber interessant wäre es gewesen, diese merkwürdige Erscheinung, diese sogenannte Treue zu ergründen, -- ein klein wenig zu erschüttern vielleicht ...
Ob ihr das gelingen würde? Mit einem kleinen Stachel in der Seele wiederholte sie: »Aber das weißblonde Köpfchen, das siehst du nie mehr darunter.« Das war ordentlich aufregend. Ein Schauer überlief sie. Wie, wenn sie's doch versuchte? Und dann großmütig verzichtete und wieder zu Gertruds Gunsten einlenkte, sobald sie sah, daß es zu glücken anfing?
Die Rede war zu Ende. Die beiden merkten es am Zusammenklingen der Gläser.
»Ich werde zu Hause sondieren und Ihre Bestellung ausrichten,« sagte sie, während sie mit ihm anstieß.
»Ich werde es Ihnen nie vergessen,« erwiderte er einfach.
Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
»Wissen Sie was, -- nun wollen wir lustig sein. Wir haben auch noch den langen Kotillon zusammen ... Wie wär's, wenn wir täten ... als ...«
»Als was?« fragte er freundlich, aber mit seinen Gedanken weit ab.
»Nichts ... nichts ... Sehen Sie, man beobachtet uns ... Hier dieses Vielliebchen ... =j'y pense=.«
Er nahm die Mandel. »Und wenn ich gewinne,« bat er, »bekomme ich einmal ein Briefchen mit Nachrichten, wie?«
»Nein, nein!« sagte sie. »Unter einem Stelldichein tue ich's nicht. Ich schreibe Ihnen eine Zeile, wenn ich wieder einmal mit Papa mitgehe ... Gertrud bleibt ganz aus dem Spiel. Das ist abgemacht, nicht?«
Er nickte ein paarmal.
Man stand auf. Maggie reichte ihm die Hand. »Das Souper gehörte Gertrud, der Kotillon ist für mich,« dachte sie dabei. Aber sie besann sich anders. Da sie an Neckereien und kleinen, neidischen Bemerkungen sah, daß man ihr die ausschließliche Unterhaltung mit Seckersdorf verdachte, überredete sie den Vater, vor dem Kotillon aufzubrechen. Sie verlor dabei nicht. Die Herren verwünschten die morgige Holzversteigerung, die den Vorwand zum frühen Aufbruch gab, und überhäuften sie im voraus mit Blumen und Geschenken.
Äußerlich vollbefriedigt, lachend und strahlend ging sie am Arme ihres Vaters hinaus. Aber ihr war zumute, als ob plötzlich etwas nicht ganz klar in ihrem Leben sei.
Der Vater strich ihr einmal, als sie längst im Wagen saßen, zärtlich über das Gesicht. Da dachte sie, sie müßte weinen. Und aufgeregt, mit Tränen kämpfend, saß sie in ihrer Ecke, während Hagedorn einschlief, und sah mit starren Augen nach den funkelnden Sternen, die den kalten Herbsthimmel zitternd übersäten.
* * * * *
Zögernd, den Kopf von der Fahrt her noch voll böser Gedanken, trat Maggie in Gertruds Schlafzimmer.
Es war durch die Geschicklichkeit der Jungfer den Bedürfnissen der jungen Frau einigermaßen entsprechend hergerichtet worden. Was es an Polstern und Teppichen irgend Entbehrliches im Hause gab, füllte das weichliche Nestchen, und Maggie hatte selbst geholfen, es zu schmücken und ihre helle Freude an dem kleinen Raum gehabt, in dem sie oft bis spät in die Nacht zusammen saßen und plauderten.
Heute ärgerte sie sich, ärgerte sich gleich beim Hineinsehen über das rote Lämpchen, das hinter seinem Schirm hervor ein zartes Licht über das duftige Zimmer warf. Gertrud fürchtete sich im Dunkeln, wie ein Kind, und wie ein Kind schlief sie auch jetzt. So fest, daß sie bei Maggies Hineinkommen nicht aufwachte. Und wußte doch, daß heute über ihre Zukunft beraten worden war!
Maggie schüttelte den Kopf. Ob es nicht Torheit war, einen Mann wie Seckersdorf mit diesem unselbständigen Kinde zusammenzuketten? Ob sie die richtige Genossin für einen kraftsprühenden Gatten war, -- zerbrechlich, halb verblüht, weltfremd und verzärtelt?
Sie biß die Zähne zusammen und trat hastig an das Bett.
Da erwachte Gertrud. Mit großen, noch träumenden Augen sah sie in die Höhe und richtete sich dann mit einem Ruck auf. Ihre Backen waren vom Schlafen heiß, und die schimmernden Haarsträhnen fielen ihr tief ins Gesicht. Sie war in dem Spitzengewirr, das sie umgab, unter der roten Seidendecke, aus der sie sich wickelte, in dem Veilchenduft, den sie ausströmte, so unglaublich reizend, daß Maggie wider Willen sie in die Arme nahm und dachte: »Nein, du sollst ihn doch haben.«
In ihrem Ballstaat auf dem Bettrande sitzend und die Schwester umschlungen haltend, erzählte sie ihr, wie Hans Seckersdorf von ihr gesprochen hatte, und daß er ihr gut wäre, wie damals, als er ihr weißes Köpfchen zum ersten Male unter den Tannen des Waldlacker Gartenhauses sah. Und wenn sie frei wäre ...
Gertruds Gesicht wurde still und ernst.
»Ich wußte es ja!« sagte sie und legte sich fest an Maggie. Dann seufzte sie glücklich. Und das war alles.
»Nun?« fragte Maggie.
»Ich danke dir, liebes Herz ... Du bist gut und lieb gewesen.«
»Das mein' ich nicht,« erwiderte Maggie ungeduldig. »Ich wundere mich, daß du nicht rasend, wahnsinnig vor Freude bist. Wenn du dir das alles überlegst, mußt du dir doch sagen, daß es ein unerhörtes Glück für dich ist, wie die Verhältnisse jetzt liegen ...«
»Weißt du, Maggie, ein unerhörtes Glück wäre es gewesen, wenn wir damals zusammengekommen wären. Jetzt ... ich weiß nicht, Kind ... Ich bin ja gewiß stolz, daß er mich noch lieb hat ... wahrhaftig ...«
»Du hast auch allen Grund dazu,« sagte Maggie heftig. »Bedenke, daß er dich aus der Hand eines anderen nimmt, daß du nicht mehr jung bist und ...«
»Ach, Maggie, wenn _er_ elend und häßlich und alt wäre, hätt' ich ihn doch auch nicht weniger lieb. Das ist's nicht ... Aber ... nein, ich weiß nicht, wie ich das so sagen soll ... glaub' mir, so zum Jubeln ist das alles nicht.«
Maggie brauste auf. »Hör' mal, Gertrud, komme mir jetzt nicht noch etwa mit moralischen Bedenken. Es scheint, daß das ein Vergnügen ist, mit dem du dir die ganze Sache noch etwas pikanter machst, aber ich hasse all solche Halbheiten, solch bewußten oder unbewußten Selbstbetrug. Mir komme nicht damit. Entweder du willst dich von Kurowski scheiden lassen und Seckersdorf heiraten ... oder du findest dich in die alten Laukischker Verhältnisse und gibst Seckersdorf frei.«
Gertrud sah ihre Schwester starr vor Schreck an. Noch nie hatte diese so harte und bittere Worte zu ihr gesprochen.
Was bedeutete das? »Maggie, warum machst du mir da so häßliche Vorwürfe? Du weißt doch, daß ich nicht so unehrlich bin, wie du sagst ... Sieh mal, wär' ich auf das alles nicht eingegangen, hättest du kein Recht, mir solche bösen Sachen zuzumuten ... Wir werden also nie mehr darüber sprechen ... Mögen die Dinge ihren Lauf gehen.«
»Jetzt, wo du weißt, wie Seckersdorf denkt, kannst du das ja auch mit Ruhe abwarten,« stieß Maggie hervor und lief in dem kleinen Zimmer herum.
»Du, daß Hans mir gut ist, wußte ich in dem Augenblick, als wir uns wiedersahen. An später hast _du_ gedacht. Nun bitt' ich dich, tue es nie wieder ... Komm her, Maggie!« Diese kam zögernd. »Du bist ja ganz wild und aufsässig! Komm, sei gut ... was ist nur in dich gefahren? Ich danke dir schön, ich danke dir, daß du so für mich sorgen wolltest, danke dir tausendmal für alles, was du ihm von mir gesagt hast ... Maggie, was ist dir?«
Maggie wußte es selbst nicht.
»Ich glaube Ärger, Enttäuschung, daß du nicht so froh warst, wie ich gedacht hatte,« sagte sie finster. »Vielleicht bin ich auch neidisch, weil ihr so -- oder weil ich ... Gertrud, ich bitte dich, sag' mir auf Ehre und Gewissen, ist diese Liebe wirklich keine Einbildung, die man abschütteln kann, wenn sie einem zu viel wird? Ich kenne mich nicht mehr aus. Ich habe Furcht ... Sag' mir, ist es ganz unmöglich, daß du ihn je vergißt? Hast du immer an ihn gedacht? Und wenn dein Mann gut gegen dich gewesen wäre?«
Gertrud sah sie kläglich an. »Frag' nicht so. Ich weiß, ich bin eine pflichtvergessene Frau. Aber, Maggie, vielleicht hab' ich darum alles über mich ergehen lassen, was Kurt mir antat, weil ich immer und immer an _ihn_ gedacht habe, und sogar als die Kinder kamen ... und wenn ...«
Sie warf sich in die Kissen und bedeckte das Gesicht mit den Händen.
»Gute Nacht!« sagte Maggie kurz und lief hinaus.
* * * * *
Von nun an begann für Gertrud ein anderes Leben. Sie fing an, ernstlich über die Scheidung nachzudenken und wußte in ihrer Unerfahrenheit nicht, wie sie ins Werk zu setzen wäre. Ihren Vater wagte sie nicht zu fragen, Maggie konnte sicherlich auch nichts wissen, und Fräulein Perl, mit der sie einmal gesprächsweise und wie unbeteiligt das Thema berührte, sagte ihr so viel Entsetzliches und Skandalöses darüber und erzählte so abschreckende Geschichten, die sie an Bekannten -- Gottlob nur wenigen -- erlebt hatte, daß Gertrud seit der Zeit nur bebend daran denken konnte, unter ähnlichen Verhältnissen sich der Öffentlichkeit preiszugeben. Aber trotz aller Bangigkeit schwoll doch ein Glücksgefühl in ihr hoch, das sich in erwachender Energie und Lebensfreude äußerte. Sie beschäftigte sich im Hause, sie las und musizierte, und vor allem, sie war viel mit den Kindern, die sie sonst von jeher dem Kinderfräulein überlassen hatte. Und die kleinen lebhaften und liebenswürdigen Geschöpfe vergalten ihr das mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit und erschlossen ihr eine neue Welt voller unschuldiger Heiterkeit, in die sie sich hineinschmiegte, in der sie sich geborgen fühlte, in die auch die quälenden Gedanken an die Zukunft keinen Einlaß fanden.
Mit Maggie wollte sich die frühere innige Vertrautheit nicht wieder einstellen. Gertrud grübelte viel über das sonderbare Wesen der Schwester, machte hier und da einen schüchternen Annäherungsversuch und zog sich wieder zurück, wenn Maggie sie kurz oder gar höhnisch abwies. Zuletzt dachte sie, Maggie hätte ihr zwar das Opfer gebracht, mit Seckersdorf zu sprechen, aber schließlich erkannt, wie unwürdig und schlecht das im Grunde doch wäre, und verachtete sie nun. Maggie hatte ja auch tausendmal recht, und sie machte sich selbst ja auch Vorwürfe genug; aber zugleich dachte sie mit brennender Sehnsucht daran, Seckersdorf einmal nur zu sehen, einmal von ihm zu hören, daß er ihr gut sei, daß er warten wolle, bis ... Doch dieses »bis ...« fing nun an, sie furchtbar zu quälen. Wer riet ihr? Wer half ihr? Wenn sie nicht mehr daran denken wollte, holte sie sich ihren Ältesten, einen schönen, klugen, siebenjährigen Jungen und ließ sich die Angst von ihm fortschwatzen, oder sie lief mit beiden in den Wald und spielte mit ihnen im Garten, ganz Eifer und ganz Zärtlichkeit. Und so verliefen die Tage in Hangen und Bangen und doch friedlich und schön.
Maggie ging unterdessen schweigend und mit ihrem härtesten Gesicht herum.
»Was das Mädel mit einemal für Mucken hat?« wunderte sich der Oberförster oft über seine Jüngste.