Chapter 3
Maggie widersprach eifrig. Die Gertrud wäre viel zu sehr herunter, als daß sie an solche Dinge dächte. Aber zu vornehm und harmlos wäre sie auch, und könnte sich nicht vorstellen, daß man sogar ihren Blicken allerlei Bedeutung unterlegte. Man müßte also dafür sorgen, daß sie nie mit Seckersdorf zusammenträfe, denn wer weiß, ob nicht der Kurowski gerade nach Berlin gegangen wäre und Gertrud allein hier gelassen hätte, um ihr eine Falle zu stellen? Dann würde er sie auf bequeme Weise los, und die Kinder gehörten ihm.
»Alle Wetter!« Der Oberförster blieb stehen und sah seine Jüngste verdutzt an. Das war eine Idee. Und zuzutrauen war's dem Kerl, dem Kurowski, schon. Natürlich! Daß ihm das selbst auch nicht eingefallen war! Gott sei Dank, daß er Gertrud heute nicht mitgenommen hatte. »Und weißt du warum, Mädel? Ich habe mich mit dem Seckersdorf bei den Eichenschlägen verabredet und dachte nun so, wenn du zwanglos mit ihm ... Na, und so weiter.«
Maggie erschrak, daß sie blaß wurde. So unvorbereitet, so ganz ohne sich zurechtgelegt zu haben, wie sie die Geschichte eigentlich einleiten sollte ... Aber sie hob gleich wieder den Kopf und sah mit ihren strahlenden Falkenaugen vorwärts.
Um so besser. Das Glück war mit ihr. Vielleicht machte sich wirklich alles so noch natürlicher. Da sie den Vater so oft meilenweit begleitete, war vor der Welt die Absichtlichkeit eines Zusammentreffens ausgeschlossen. Sie wollte nun auch nicht weiter grübeln und dem Zufall überlassen, auf welche Weise sie sich mit Seckersdorf verständigen konnte.
Jetzt, während sie rüstig weitergingen, besprachen sie alles auf Gertrud Bezügliche.
Dem Vater hatte sie nur gesagt, daß es ihr ganz lieb wäre, den Seckersdorf so bald zu treffen, und dann das Gespräch selbst wieder auf Gertrud gebracht. Es war ja an so vieles zu denken, sie hatten sich gegenseitig auch das Herz über das Aussehen und das müde, schlaffe Wesen der armen Frau auszuschütten, auf Kurowski zu schelten, seinen schillernden, unzuverlässigen Charakter zu zergliedern und schließlich immer wieder zu der Frage zurückzukehren: »Die arme Gertrud, -- was wird das nur werden?«
Dabei gingen sie rüstig zu und kamen endlich auch zu der Lichtung, an deren Rand ein Dutzend alte Eichen »hingerichtet« wurden, wie Maggie sagte.
Die Leute grüßten, der Aufseher trat heran. Und von drüben, der entgegengesetzten Seite her, wo er sein Pferd geführt hatte, kam Hans Seckersdorf herüber. Maggie erkannte ihn auf den ersten Blick.
Nun stand ihr doch das Herz still.
Also dieses Mannes Schicksal wollte sie lenken. Sie hatte Zeit, ihn zu mustern, während er über die Wiese kam, dem Vater entgegen, der mit lautem Gruß auf ihn zuschritt.
Er war sehr groß, schlanker, als sie ihn in der Uniform in Erinnerung hatte; er trug den verhältnismäßig kleinen Kopf hoch, war etwas steif in den Bewegungen. Das Gesicht, regelmäßig wie eine Marsmaske, mit aschblondem Schnurrbart, darunter ein weiches Kinn. Das Ganze beherrscht von ein paar blauen Augen unter breiten Lidern, eigentümlich still und fest blickend, -- alles in allem ein Mann, an dem man nicht so leicht vorübergehen konnte.
Nun machte auch Maggie ein paar Schritte vorwärts. Leuchtend in den Farben, Jugendfrische und Kraft atmend, trat sie ihm entgegen, streckte unbefangen die Hand aus und rief dem alten Bekannten, ihrem »allerersten Tänzer«, ein frohes Willkommen entgegen.
»Papa sagte mir, daß wir Sie hier treffen würden, und ich habe mich recht gefreut.«
Er drückte ihr die Hand und sprach von freudiger Überraschung; dabei musterte er sie aber halb suchend, halb verlegen.
Maggie dachte an Gertrud und was sie nun sagen sollte. Las er ihr das an den Augen ab? Er sah sie wirklich ganz eigentümlich an, -- bittend und forschend und unruhig zugleich. Oder bildete sie sich das alles ein? Fast schien es so.
Der Oberförster nahm das Wort, und Seckersdorf wandte sich sehr rasch nach ihm um. Eben wurden die ersten Schnitte an einem Riesenbaum vorgenommen; der Oberförster gab einige Anweisungen. Seckersdorf sah und hörte mit intensiver Aufmerksamkeit zu.
»Ich lerne,« sagte er mit entschuldigendem Seitenblick auf Maggie.
In diesem Augenblick trat der Aufseher mit einer Berechnung an den Oberförster heran.
»Natürlich!« sagte der Oberförster nach kurzer Prüfung. »Entschuldigen Sie, bitte, einen Augenblick, lieber Seckersdorf.«
Er trat hinüber zu den Leuten, und Maggie stand nun allein neben Seckersdorf, mit klopfendem Herzen und verstohlen spähendem Blick. Ja, hinter seinem regungslosen Gesicht arbeitete es, die Augen verrieten's, -- also vorwärts!
Aber schön war sie, diese Aufregung, die von ihm zu ihr hinüberströmte, dieses Fragen ohne Worte, dieses Vortasten, das von einem zum anderen zitterte. Maggie hätte noch minutenlang so stehen mögen, in dieser klaren, herben Luft dasselbe atmend, was dieser Mann da empfand.
Und doch gab sie sich einen Ruck. Sie mußte anfangen.
»Herr von Seckersdorf!« sagte sie stockend.
Er horchte auf. »Verzeihung! Wenn Sie leise sprechen, hat Ihre Stimme --«
»Ähnlichkeit mit der meiner Schwester!« fiel sie rasch ein. »Ja, es ist leider die einzige.«
Er machte eine höfliche Bewegung und sah sie unruhig an.
»Wie er erregt ist!« dachte sie. »Ja, ehrlich gesagt, es ist mir wegen Gertrud lieb, daß ich Sie sprechen kann,« sagte sie hastig, nach dem Oberförster hinübersehend.
Er erschrak und folgte zerstreut ihrem Blicke. »Wegen Frau von Kurowski?« Sie nickte.
»Gertrud ist von ihrem Manne fortgegangen,« sagte sie schnell, noch immer wie ängstlich nach dem Vater blickend, »weil sie Ihretwegen in rohester Weise von ihm verdächtigt worden ist.«
»Um Gottes willen -- meinetwegen?« Er machte eine hastige Bewegung, als ob er ihren Arm ergreifen wollte.
»Sie müssen das wissen,« sagte sie, leise und schnell, »weil Papa von einer geschäftlichen Beziehung zu Ihnen sprach. Sie hätten uns wahrscheinlich besucht, und da Gertrud mit den Kindern bei uns ist, unterbleibt das wohl. Ich glaube, es ist besser, Sie treffen meine arme Schwester überhaupt nicht wieder.«
»Sie meinen, ich soll abreisen? ... Natürlich ... sofort ... wenn es sein muß ...« Seine Lippen zuckten unter dem Schnurrbart. »Sie ist rüde behandelt worden?« fragte er zögernd.
Maggie nickte wieder. »Sie will nicht wieder nach Laukischken zurück ... aber Papa wird sie zwingen ... überreden, wie ...«
»Wie damals,« sagten ihre Blicke. Aber sie sprach es nicht aus.
Er wurde rot und sah vor sich in den Wald, mit Augen, aus denen eine schmerzliche Erinnerung zu sprechen schien.
Maggie las eine ganze, lange Rede von seinen stummen Lippen.
»Leidet sie sehr ... sehr?« fragte er nach einer Pause. »Ist sie sehr verändert in diesen acht Jahren?«
»Sie ist völlig niedergebrochen,« sagte Maggie mit Betonung.
»Nicht doch, nicht doch!« murmelte er. »Weiß sie, daß wir, ich meine Sie und ich, heute hier --« Wie er nach einem augenblicklichen Zusammenhang zwischen sich und ihr suchte! Wahrhaftig, er ist ihr noch gut, dachte Maggie.
»Gott bewahre,« sagte sie. »Man muß ihr doch alles fernhalten, was sie beunruhigen ... ich meine, sie soll nicht ...« Sie stockte, wurde rot und sah nach der Seite.
»Und Sie glauben, es ist besser, wenn ich gleich gehe?« fragte er dringend. »Kann ich denn sonst nichts, gar nichts für sie tun?«
Sie zuckte die Achseln und machte eine Bewegung nach dem Oberförster, der eben zurückkam.
»Papa darf nichts davon wissen!« sagte sie verlegen.
Er sah sie dankbar an.
»Sie lieben Gertrud« -- er erschrak und verbesserte sich -- »Ihre Frau Schwester sehr?«
»Mehr als alles auf der Welt,« sagte sie aufrichtig. »Und für ihr Glück brächte ich jedes Opfer.«
In überströmender Herzlichkeit nahm er ihre Hand.
»Wollen Sie ... dürfen Sie ihr sagen ...«
»Was?«
Da stand der Oberförster vor ihnen und schmunzelte vergnügt.
»Freundschaft geschlossen?« fragte er.
»Alte erneuert,« antwortete Maggie.
»Ja, damals waren Sie noch ein ganz kleines Fräulein, das nicht immer mitgenommen wurde.«
»Und jetzt tanze ich schon regulär sieben Winter.«
»Werden wir Sonntag über acht Tage in Waldlack zusammen sein?« fragte er, unruhig ihre Augen suchend.
»Papa, du hast ja verheimlicht, daß am Sonntag die Waldlacker Gesellschaft ist,« wandte sich Maggie an den Vater. »Natürlich also, und ich freue mich darauf. Meine Schwester, als Strohwitwe, bleibt wahrscheinlich den ganzen Winter zu Hause, aber ich komme, wo es etwas zum Tanzen gibt.«
»Und immer viel zu viel,« lachte der Oberförster. »Aber wenn Sie sich nun den Schlag einmal genau ansehen wollen, lieber Seckersdorf, dann bitte ... Du kannst hier einen Augenblick ausruhen, Kind. Wir haben ja noch einen weiten Rückweg.«
Maggie setzte sich auf einen Stein, während die Herren zu den Arbeitern gingen.
Das Herz war ihr weit und sie fühlte sich beunruhigt. Also, so was gab es wirklich? Da war ein Mann, schön und jung, vornehm, mit glänzenden Aussichten, und der sah seine Liebste wieder nach acht Jahren fast -- und obwohl Gertrud nicht mehr so schön war, einem anderen gehört hatte, Mutter und so ganz anders geworden war, bebte er heute, wenn er ihren Namen nannte. Und sie ... Kurowski war auch ein stattlicher Mann, vielleicht noch interessanter als dieser -- aber nein --, dieser Seckersdorf hatte doch in seiner stillen beherrschten Manier etwas ganz außergewöhnlich Anziehendes.
So wanderten ihre unruhigen Gedanken hin und her, und zuweilen, wenn sie seine schlank-kräftige Gestalt in dem knappen Reitanzug zwischen den Bäumen auftauchen sah, überraschte sie sich auf einem kleinen Anflug von Neid.
Warum traf sie nie so einen, der ihr seine schöne männliche Erscheinung, seine vornehme Seele und -- nicht zu vergessen -- seine Reichtümer bot? Warum trat in ihr Leben kein Mann wie dieser, der so treu blicken, so fest die Hand drücken konnte? Gott, vielleicht war das alles ein bißchen langweilig; vielleicht, wenn man sich überhaupt auf so etwas einließ, hatte Kurowski mit seinem Wechselsystem Recht. Und übrigens, was grübelte sie über das alles? Sie hatte einfach zu tun, was sie sich einmal vorgenommen, und sie war auf gutem Wege. Gertrud konnte sich wirklich freuen.
Dann kamen die Herren. Seckersdorf verabschiedete sich, erinnerte an das Souper in Waldlack, das sie ihm versprochen, drückte ihr bedeutungsvoll die Hand und ritt nach der entgegengesetzten Richtung fort.
»Famos, wie er reitet,« sagte Maggie, ihm nachsehend.
»Überhaupt ein Prachtmensch,« stimmte der Oberförster bei. »Glaubst du, daß er mir das von damals nachträgt? Keine Spur! Und was meinst du, Döchting, die Gertrud ist dem doch nicht mehr gefährlich.« Er blinzelte schlau mit den Augen.
»Das kannst du gar nicht wissen,« erwiderte Maggie ernsthaft.
Einsilbig, Luftschlösser bauend und zerstörend, gingen sie heim durch den starkduftenden Wald.
* * * * *
Inzwischen war Gertruds Jungfer mit der befohlenen Garderobe eingetroffen und hatte Grüße von dem gnädigen Herrn überbracht, der in den nächsten Tagen, vor der Reise, noch einmal herüberkommen würde. Gertrud war heftig erschrocken, sah aber bald aus einem Briefe ihres Mannes, der ihr fast gleichzeitig durch die Post zugestellt wurde, daß alles der Jungfer Aufgetragene zu der Spiegelfechterei gehörte, die er auszuüben beliebte.
Wie er ihr ganz kurz mitteilte, hatte er alle häuslichen Angelegenheiten so weit geordnet, daß man sie während seiner Abwesenheit mit gar nichts behelligen würde. Er befahl ihr dagegen einen Besuch in Laukischken nach dem Ersten jeden Monats, wobei sie sich den Anschein zu geben hätte, daß sie nach dem Rechten sähe. Sonst hätte er ihr nichts zu sagen, als daß er Nachricht über die Jungen erwarte, sobald er seine Adresse telegraphiert haben würde. Alles weitere sollte sich nach seiner Rückkehr finden.
Gertrud weinte viel über diesen Brief. Die große Unsicherheit ihrem Mann gegenüber, die alles in ihr zerstörte, woraus sie sich noch einen Lebensinhalt hätte schaffen können, nahm wieder ganz Besitz von ihr.
Sie wußte nicht einmal zu entscheiden, ob sie die Jungfer behalten oder wegschicken sollte. Wenn nur Maggie wieder zu Hause wäre! Sie lief vom Fenster zur Veranda und hinauf in Maggies Stube, von der aus sie den Weg übersehen konnte. Aber die Erwartete kam nicht, und ihr wurde immer banger. Sie rief nach den Kindern, die waren ihr aber zu laut und mußten wieder hinaus; sie ging zu Fräulein Perl, die in der Küche beschäftigt war, und fragte sie um Rat wegen der Jungfer. Fräulein Perl meinte, eine Hilfe könnte man jetzt gut im Hause brauchen, aber sie müßte auch wirklich eine sein. Darüber sprach man nun hin und her, bis Fräulein Perl ungeduldig wurde.
»Weißt du, Kindchen, ich habe zu tun, überleg dir's doch, es hat ja keine Eile. Bis zum Abendzug muß die Person ja doch hierbleiben. Laß sie nur gleich die Sachen der Jungen einräumen.«
»Ja, natürlich.« Sie gab den Auftrag und ging dann wieder auf die Veranda, um zu warten und zu grübeln.
Mit einem Angstschauer dachte sie an den Brief, den sie eben erhalten hatte, dachte an ihren Mann, der sie durch seine überlegene Art in immer größere Hilflosigkeit hineintrieb. Sie konnte sich mit ihrem weichen zärtlichen Wesen nur entfalten, wo man ihr Liebe bot. Vor harten, ironischen oder zweifelhaften Worten und Berührungen schreckte sie zusammen, sah sich angstvoll nach jemand um, der sie schützen könnte, und verstummte schließlich ganz.
Das war eine Schwäche, eine Verzärtelung, aber sie konnte nicht anders. In der ersten Zeit ihrer Ehe hatte ihr Mann sie auch darin bestärkt, sie seine Taube genannt und ihre zurückhaltende Scheu mit heißen Liebkosungen zu besiegen versucht. Das war ihm nie gelungen. Aber gegeben, gehorsam und ohne Maß, hatte sie ihm alles, was er wollte; denn sie fühlte sich im Unrecht gegen ihn, weil sie es nicht freudigen Herzens tat, und weil hier und da ein schmerzlicher sehnender Gedanke zu dem anderen flog, an den sie doch nicht mehr denken durfte.
Wie von einem unvergeßlichen Toten hatte sie zuletzt in den vielen unausgefüllten Stunden ihres Tages von ihm geträumt. Aber nun war er plötzlich wieder da, hatte ihr mit einem Blick wie früher gesagt: »Ich hab' dich noch lieb!«
Und da verschwanden mit einem Male alle trübsinnigen Grübeleien; der Himmel schien ihr so klar und hoch, als müßte sie hinauf, und ein Gefühl von Sicherheit kam über sie, als wenn sie nun stark und mutvoll der Zukunft entgegengehen würde. Und das alles nur, weil er wieder da war.
»Aber was willst du von ihm?« fragte dann wieder mahnend das Gewissen. »Du tust Unrecht. Das ist Sünde, das ist gefährlich ... Du brichst die Ehe in Gedanken.«
Die Kinder liefen vorüber und schrien ihr zärtliche Worte zu. Da nahm sie sich zusammen und sagte sich: »Ich will nicht, ich darf nicht an ihn denken!« Aber ein aufregendes Erwartungsgefühl zitterte doch in ihr, wich dem einer großen Angst und rang sich wieder durch, so daß sie zuletzt nicht mehr aus und ein wußte und mit klopfendem Herzen in den Garten eilte und zwischen den Taxushecken hin und her lief.
In dieser Stimmung traf Maggie sie bei ihrer Rückkehr und erzählte von der Begegnung mit Seckersdorf. Die paar Worte, die sie mit ihm über Gertrud gesprochen hatte, nahmen in ihrem Bericht eine feurige Färbung an und weckten Glücksschauer in der verschüchterten Seele der armen Frau.
Aber sie wehrte sich dagegen. »Sprich nicht mehr davon, ich fleh' dich an ... aus Mitleid sprich nicht mehr davon ... Es darf ja nicht sein!«
Doch Maggie wurde immer erregter in ihren Worten. Die ganze fremdartige Bewegung, die sie selbst am Vormittag empfunden hatte, sprach sie sich vom Herzen, und zuletzt, als Gertrud sich heiß und bebend aus ihrem Arme löste, rief sie ihr heftig zu: »Wenn ich du wäre, und solch ein Mann hätte mich lieb, und ich ihn, dann liefe ich zu ihm und sagte: 'Nimm mich ... gleich ... laß uns nicht eine Sekunde von dem grenzenlosen Glück verlieren, das wir für einander bereit haben.'«
Gertrud sah sie groß, mit leuchtenden Augen an. Sie wußte, das war Mädchengeschwätz, in Wirklichkeit würde das ganz anders kommen; und dennoch, ihr Herz schlug wild, und ein unbezähmbarer, sehnsüchtiger Wunsch nach dem Einziggeliebten brach sich Bahn.
»Ach, wenn ich heute mit gewesen wäre und hätte ... Nein, nein, Maggie, du führst mich in Versuchung ... und ich habe Angst ... ich werde schlecht ... Muß er sich selbst nicht sagen, daß es schlecht ist? Ich bin eine verheiratete Frau ... Und meine Jungen ... ach, meine Jungen!«
Sie weinte heftig. Aber Maggie fühlte, daß Gertruds Widerstand schon nachgelassen hatte.
Damit war sie für jetzt zufrieden. Die arme Gertrud mußte ja erst allmählich wieder zur Selbständigkeit und Glücksfähigkeit erzogen werden.
Bei Tisch, als der Oberförster Maggie mit Seckersdorf neckte -- absichtlich, um Gertrud dabei zu beobachten, wie Maggie wohl merkte --, wechselten die Schwestern einen Blick des Einverständnisses, und Gertrud lächelte ein wenig.
So begann denn der Plan Gestalt anzunehmen, und alles ging langsam vorwärts.
Maggie sprach unausgesetzt von Seckersdorf und seiner Liebe zu Gertrud, als von etwas Selbstverständlichem. Sie dachte nicht ganz so, wie sie sprach, sie glaubte jedoch mit der empfänglicheren Phantasie der Schwester rechnen zu müssen, und redete sich dann allmählich in immer größere Wärme hinein. Oft wurde sie müde, wenn Gertrud immer dasselbe sagte: »Ich bin eine verheiratete Frau und darf an keinen anderen denken.« Aber sie ließ doch nicht nach und war zum erstenmal zufrieden, als eines Tages sich zu den üblichen Worten der Zusatz einstellte: »Bis daß ich frei bin.«
Sie kämpfte so ehrlich, die arme Gertrud. Sie schwankte und glaubte sich fest, sie beschäftigte sich, so gut sie konnte, im Hause und mit den Kindern. Aber wenn es ihr mühsam gelungen war, die gefährlichen Gedanken zu verbannen, stand Maggie da und sagte: »Gertrud, wenn er dich so sähe,« oder: »Was möchtest du sagen, wenn er die Türe aufmachte und die Arme ausbreitete?« oder ähnliche Torheiten mehr, die dann immer eine Überleitung auf das verbotene Thema abgaben.
Allmählich wurde da Gertruds Widerstand immer schwächer. Äußerlich und auch vor sich selbst. Sie fing an, die vergangenen Ehejahre zu vergessen und sich, wie in jener kurzen Zeit ihres Mädchenlebens, von dem süßen, bangen, aufregenden Gefühl beherrschen zu lassen, das in den Gedanken ausklang: »Er liebt dich noch immer!«
Sie blühte von Tag zu Tag dabei auf. Die ängstliche Spannung, durch die beständige Furcht erzeugt, etwas nicht recht zu machen, wich aus ihrem Gesicht, und es gab Augenblicke, in denen die stille, harmonische Heiterkeit, die früher einen guten Teil ihrer Schönheit ausgemacht hatte, ihr ganzes Wesen wieder durchleuchtete.
Maggie sah es mit Stolz und fühlte sich gehoben und glücklich.
Gertrud warf sich ihr nun ganz in die Arme. Was noch an Bedenken in ihr geherrscht hatte, verschwand, und sie gab sich der Schwester mit dem ganzen vollen Vertrauen ihres reinen, guten, törichten Herzens. Maggie wunderte sich oft und ärgerte sich auch manchmal über sie.
Ja, wenn Gertrud so war, so unpraktisch ehrlich, so gut, so weltunklug und unberührt von allem Niedrigen, das sich doch nun einmal nicht aus dem Leben fortleugnen ließ, dann war es begreiflich, daß Kurowski in seiner zynischen Gewissenlosigkeit sich unbehaglich mit Gertrud fühlen mußte.
Ob übrigens Seckersdorf, der einen durchaus zielbewußten, lebensklugen Eindruck machte, Verständnis für diese träumerisch unweltliche Art Gertruds besaß? Ob diese Liebe nicht im Grunde doch Einbildung von ihm war, nur weil er Gertrud nicht bekommen hatte?
Wenn sie so diesen Gedanken folgte, sie weiter ausspann, erschrak sie zuletzt. Denn das Ende war jedesmal, daß sie sich sagte: »Eigentlich wäre jeder der beiden Männer, Kurowski wie Seckersdorf, gerade der Mann für mich, und nun hält Gertrud alle beide. Dafür hab' ich sie aber auch lieb und will sie glücklich machen,« beruhigte sie sich dann. »Sonst ...«
Übrigens kühlte sich ihre große Liebe für Gertrud ein wenig ab. Es lag schließlich doch in Gertruds Art etwas Beschränktheit. Warum hatte sie sich ihr Leben auf dem prachtvollen Laukischken nicht eingerichtet, im Winter in Berlin, Paris oder Rom? Wenn nicht mit, dann ohne ihren Mann? Sie hatte schließlich doch nicht darauf rechnen können, daß Seckersdorf ihr nach acht Jahren mit Hundetreue wieder begegnen würde.
Diese ganze Empfindsamkeit war eigentlich Blödsinn. Aber da sie nun einmal die Leitung in dieser Komödie übernommen hatte, sollte auch nach ihrem Willen gespielt werden.
Darüber kam nun der Sonntag heran, an dem in Waldlack getanzt werden sollte. Gertrud blieb natürlich zu Hause, hätte aber die Schwester gern so glänzend als möglich herausgeputzt. Maggie wollte nicht. Sie mochte nicht anders erscheinen, als ihren Verhältnissen entsprach. Und als sie dann in ihrem einfachen blaßblauen Kleidchen herunterkam, nur ein paar frische Rosen von Fräulein Perls selbstgezogenem Rosenbusch an der Brust, gab Gertrud ihr Recht. Frischer und lieblicher hätte sie in dem kostbarsten Staat nicht aussehen können, meinte sie, und alt und jung müßte sich in sie verlieben.
»Und wenn Seckersdorf das täte?« fragte Maggie lachend, aber mit einer kleinen, innerlichen Bitterkeit.
Gertrud lächelte dazu und sagte: »Der ist ja nicht mehr frei, -- aber alle anderen.«
Diese Zuversicht! Doch Gertrud hatte sicherlich recht. Mit diesem und ähnlichen Gedanken beschäftigte sich Maggie auf dem Wege nach Waldlack, den sie, gut eingehüllt, im Halbwagen mit dem Vater zurücklegte.
* * * * *
Die Waldlacker Tanzgesellschaft war immer die Einleitung der Wintervergnügungen des Kreises. Alt und jung freute sich darauf; denn das Waldlacker Haus hatte den ausgedehntesten Umgang, konnte eine Menge Logierbesuch beherbergen und darum auch Gäste von weit her bei sich sehen.
Die Waldlacker waren außerdem reich, führten den Haushalt in großem Stil und sorgten dafür, daß die Saisonneuerungen, die in Berlin für notwendig erklärt worden waren, in ihrem Kreise eingeführt wurden.
Der Gedanke daran fuhr Maggie durch den Kopf, als der Wagen vor der Terrasse hielt. »Ach, für mich gibt's heute ja nur Seckersdorf!« dachte sie aber gleich, halb gespannt, halb widerwillig weiter.
Nun die mit Läufern belegte und überdachte Terrassentreppe -- ein Luxus, den sich sonst niemand gestattete -- hinauf, in den kleinen Gartensaal, der, mit Orangen und Palmen geschmückt und farbig erleuchtet, festlich anmutete. Zu beiden Seiten die Garderoben, in denen die ersten Begrüßungen und das Instandsetzen der Toiletten eine ausgedehnte Zeit in Anspruch nahmen.
Maggie hatte immer darauf gehalten, sich mit den Frauen und Mädchen der Umgegend gut zu stellen; und sie war zufrieden, als man von allen Seiten auf sie zukam, ihr Zärtlichkeiten sagte, Komplimente über ihr Aussehen machte, als der Nachwuchs des Jahres sie enthusiastisch und respektvoll begrüßte und die anderen jungen Mädchen in aller Eile Geschichten zu erzählen und vielerlei zu fragen hatten, -- die besonders vertrauten auch nach Gertrud Kurowski, die man gehofft hatte hier anzutreffen.
Maggie antwortete unbefangen in der Lesart ihres Schwagers darauf und ging auf alles andere heiter ein. Sie freute sich »furchtbar« aufs Tanzen, ließ sich von den jungen Herren erzählen, die da waren, tauschte Vermutungen aus, mit wem die oder die den Kotillon tanzen würde, von wem wohl die Marie Röder das große Bukett haben könnte, mit dem sie so geheimnisvoll tat, und gab dann schließlich zum besten, daß sie den vermutlichen Löwen des Abends, Seckersdorf, schon einmal getroffen und ihn sehr nett gefunden hätte.
Da schwirrten denn die Fragen durcheinander. Ob er noch tanzte, ob er gut aussähe, ob er bleiben wollte, ob er unverlobt wäre ...