Am Glück vorbei

Chapter 2

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»So? Und der Auftritt von neulich? Sag' mir, liebes Herz, sag' mir einmal alles, was du ihm erzählt hast, ich meine, was du zu erzählen hattest. Ich möchte dir gern helfen, aber dann muß ich auch wissen, wie das mit Seckersdorf kam, -- wie ihr auseinandergingt.«

Da erfuhr sie denn die unschuldig harmlose Liebesgeschichte, die sich vor acht Jahren zwischen Hans Seckersdorf und Gertrud Hagedorn abgespielt hatte, so harmlos, daß sie banal gewesen wäre, ohne Gertrud als Heldin.

Maggie sah sie deutlich vor sich, in der ersten leuchtenden Jugendschönheit, die sie von der englischen Mutter geerbt hatte. Vollendet in den regelmäßig zarten Formen, von einem Farbenzauber, der fast überirdisch schien, und dazu das üppige, weißblonde Haar, das seinesgleichen in der Welt nicht fand.

Der Welt! Maggie mußte lächeln. Die ganze kleine Welt ihrer Umgebung irrte einen Augenblick an ihren Gedanken vorüber. Gutsbesitzer, Leutnants, wieder Gutsbesitzer, alt -- jung, zum Verwechseln gleich. Was kümmerte sie das jetzt?

Aber in Gertruds Erzählung wurde der ganze Zauber der Mädchenzeit lebendig. Tanzgesellschaften, Picknicks, Theaterspiel, Blickewechsel und leise Händedrücke. Hier und da ein kleines Mißverständnis, sehr ernst geweinte Tränen, Versöhnung in einer Kotillontour. Und Glückseligkeit und Hoffnung das immer wiederkehrende Leitmotiv dieses Idylls.

In Waldlack, wo sie sich eben jetzt getroffen, hatten sie sich damals versprochen. Er hatte mit seinem Onkel unterhandeln wollen, demselben, der ihn jetzt, nach dem Tode seiner beiden Söhne adoptiert und mit Reichtum überschüttet hatte; sie dagegen hatte ihn gebeten, erst mit ihrem Vater zu sprechen. Das war geschehen, und Maggie kannte das Ende aller Verhandlungen -- das Ende ihres Glückes.

In der Zeit gerade war Kurowski von Kurland gekommen und hatte Laukischken gekauft.

»Du weißt ja, wie er von Anfang an war!« sagte Gertrud seufzend. »Überall hat er gesagt, er müsse mich bekommen, und Hans mußte still dazu sein. Wir wollten damals warten. Ach, Maggie, wir haben ja niemals viel zusammen gesprochen, leider. Aber wenn wir uns einmal ansahen, dann wußten wir, sagte jeder dem andern: 'Ich hab' dich lieb für ewig!' So über den ganzen Tisch weg, oder durch den Saal. Deshalb dachte ich mir auch gar nichts, wenn ich mit Kurt zusammen saß, und hörte kaum auf seine übertriebenen Schmeicheleien. Und als Hans mir dann einmal eine kurze Andeutung machte, zog ich mich auch gleich zurück. Aber es war schon zu spät. Kurt hielt um mich an. Das weißt du ja alles, wie ich 'nein' sagte, und Papa und die Perl außer sich waren und quälten und quälten! Und dann kam Hans an dem schrecklichen Sonntag, im Helm, weißt du noch? seinen Abschiedsbesuch machen, so ganz aus heiterem Himmel, und bat mich um eine Unterredung. Wir gingen in Papas Stube. Ich hatte ja keine Ahnung, daß er mit dem schon vorher alles abgeredet hatte, ich dachte, er wollte mich in die Arme nehmen, ein einziges Mal, und ich breitete ihm schon meine entgegen. Da schüttelte er den Kopf und sagte: 'Gertrud, ich habe Sie um diese Unterredung gebeten, um Ihnen Ihr Wort zurückzugeben, Sie von jeder Verpflichtung zu lösen, wenn je eine bestand.' Ich war wie versteinert. 'Weshalb, weshalb, was habe ich denn getan?' Er sagte: 'Sie? Nein. Sie nichts und ich nichts. Aber die Verhältnisse. Es geht nicht! Solange ich lebe, werde ich an Sie denken. Leben Sie wohl!' Nicht einmal die Hand gab er mir, und lief hinaus. Und ihr alle kamt herein! Weißt du's noch?«

»Alles, Alles!« sagte Maggie. »Man, oder gut deutsch gesagt, Papa, erzählte uns, daß Seckersdorf sich habe versetzen lassen, um sich zu rangieren und eine gute Partie zu machen. Ich glaube, er nannte auch einen Namen. Und es wunderte sich keiner darüber. Ich weiß noch, daß Kurowski bei seinem nächsten Besuche sehr nett von ihm sprach. Na ... und so weiter. Wir wissen ja, wie alles andere dann kam. Und daß ein halbes Jahr später Seckersdorf ... Reg' dich nicht auf, Liebling!«

»Nein, nein,« sagte Gertrud. »Das ist ja alles lang überwunden, muß es ja sein. Ich habe auch die Kinder und bin eine alte Frau geworden. Und, Maggie, wenn ich's mir überlege, es ist ja Wahnsinn! Ich will mich von Kurt trennen, und ich klage dir von Seckersdorf vor. Ich verstehe mich selbst nicht.«

»Ich habe das alles ja von dir herausgelockt,« tröstete Maggie. »Weißt du was? Wir wollen jetzt gar nichts mehr reden, wir wollen versuchen zu schlafen. Und morgen überlegen wir alles.«

Sie küßte die Schwester und ging zu Bett.

Es war nun still im Zimmer. Aber draußen brauste es in den Buchen, wie ferne Meeresbrandung.

»Trude!« sagte Maggie plötzlich.

»Ja?«

»Trude, du mußt von Kurt geschieden werden und mit Seckersdorf wieder zusammenkommen.«

»Um Gottes willen!« rief Gertrud entsetzt.

»Ich lege mir eben alles zurecht. Du bleibst ganz aus dem Spiel. Du darfst ihn nicht sehen und nicht sprechen ... Ich mach's. Gott sei Dank, etwas Vernünftiges zu tun! Trude, Darling, du sollst doch noch glücklich werden.«

»Maggie,« sagte Gertrud leise, »du meinst es gewiß sehr gut. Aber ich bitte dich, sprich so etwas nicht wieder aus. Ich will mich rein halten, auch in Gedanken. Mache mir das nicht schwer!«

»Still!« rief Maggie. »Ich sage dir ja, ich nehme alles auf mich. Du bleibst natürlich unsere weiße Lilie und blühst uns wieder auf und ... Gute Nacht, liebes Kind!«

* * * * *

Am Morgen hatte das Wetter sich ausgetobt. Über die bunten Laubbäume strichen gelbe Sonnenbahnen. Grauweiße Wolken ballten und jagten sich hoch oben, und klar, tiefblau leuchtete der Himmel dahinter vor. Weit ins Land hinein wogte das grüne Waldmeer. Herbe Duftwellen schwangen sich von ihm durch die Luft.

Gertrud sah froh hinunter.

»Der alte, geliebte Blick ins Grüne und der Harzgeruch. Man fühlt ordentlich, daß man hier gesund werden muß.«

»Oder krank vor Langeweile, wenn man gesund ist,« meinte Maggie. »Nun komm, unten gibt es Neuigkeiten. Einen Eilbrief von Laukischken.«

Gertruds Gesicht nahm die gewohnte, schwermütig hilflose Färbung an. »Mein Gott! Mein Gott!«

In der Eßstube saß der Oberförster mit sorgenvollem, verärgertem Gesicht am Kaffeetisch. Er streckte den Töchtern einen Brief entgegen. »Lest ... Lies vor, Maggie.«

Maggie nahm ihn achselzuckend und mit geringschätzigem Lachen. »Natürlich soll sie zurück. Aber hab' keine Angst, Trude, wir geben euch nicht heraus.«

»Lies doch!«

Gertrud sah nach den kleinen, frauenhaft zierlichen Schriftzügen.

Maggie las:

»Mein verehrter Herr Schwiegervater!

Wenn wir in der letzten Zeit auch nicht besonders gut Freund gewesen sind, so will ich unseren Mangel an Übereinstimmung doch nicht meine Frau entgelten lassen. Es ist mir lieb, daß sie mit den Jungens einen Unterschlupf bei Ihnen sucht, für die paar Monate, in denen sich's bei der verzärtelten Gesundheit der kleinen Person schlecht in Laukischken hausen läßt. Sie wissen doch, daß wir den Schwamm in den Schlafzimmern entdeckt haben, und daß ich besorgt bin, meine Familie den Winter über da zu lassen. Da nun Gertrud durchaus nicht nach Berlin will, und ich für meine Person für kurze Zeit dorthin zu reisen gedenke, bin ich ganz einverstanden, wenn sie -- mit Ihrer Erlaubnis natürlich -- den Winter in den alten, kleinen und stillen Verhältnissen zubringen will. Sobald ich eine Änderung in diesem vorläufigen Plane wünsche, melde ich mich. Ihnen, mein verehrter Herr Schwiegervater, vertraue ich für diese -- sagen wir -- drei Monate die Ehre meines Hauses an. Auf gut deutsch: Passen Sie freundlichst auf, daß Frau Gertrud von Kurowski frei bleibt von jedem Schein klatschhafter Nachrede. Ich danke Ihnen im voraus dafür, küsse meiner liebenswürdigen Schwägerin die Hand, grüße die Jungen und Gertrud herzlich und bin bis auf weiteres

Ihr sehr ergebener Kurt von Kurowski.

=P. S.= Für die kleinen Bedürfnisse meiner Frau und der Kinder lege ich 3000 M. bei, da ich nicht weiß, ob Gertrud genügend versehen ist. Für etwaige größere Ausgaben inliegenden Blanko-Scheck.«

»Soll man sich da ärgern oder lachen?« sagte Maggie, den Brief auf den Tisch werfend.

»Man soll die Dinge nehmen, wie sie liegen,« sagte der Oberförster kurz, und stand auf. »Du bist vorläufig unser lieber Gast, Gertrud. Richte dich ein, wie's dir paßt.«

Auch Gertrud war aufgestanden und ging erregt im Zimmer umher.

»Da habt ihr ihn, wie er ist!« rief sie nervös. »Immer Katze und Maus spielen, ernsthafte Dinge geringschätzig und leichtfertig behandeln ... höhnisch, liebenswürdig, nie zu fassen ... Ich bin sieben Jahre seine Frau gewesen und weiß heute noch nicht, was er will ... Oh, Papa, Papa. Du denkst doch nicht daran, mich zu ihm zurückzuschicken?«

Der Oberförster sah mürrisch nach der Seite. »Vorläufig bist du da, und dann werden wir weiter sehen,« sagte er. »Die Lesart, die er wünscht, kann man ja den Leuten beibringen. Ob sie freilich daran glauben werden? ... Na, ich kann heute den Anfang damit machen ... Ich muß nach Vokellen. Habe zugleich -- aber davon wollt ihr jetzt wohl nichts hören. Richtet euch ein, Kinder, ich komme erst spät wieder.«

Er küßte Gertrud in verlegener Zärtlichkeit und schüttelte Maggie die Hand.

»Du, Papa!« sagte Maggie. »Für alle Fälle mußt du noch wissen, daß Kurowskis sich wegen Seckersdorf erzürnt haben. Aus deiner Verabredung mit ihm kann nun wohl nichts werden?«

»Was Kuckuck?« fuhr der Alte auf. »Was ist das für Unsinn? Da kenne ich doch meine Gertrud! Und meinem Schwiegersohn zu Gefallen? Nein, davon ist keine Rede. Laß sich die Gertrud in acht nehmen. Und hier ins Haus braucht er ja nicht zu kommen.«

Gertrud zog die Brauen zusammen.

»Wenn er aber doch kommt?« fragte Maggie.

»Das wird nicht geschehen! Und nun sage ich euch, der Teufel soll den holen, der sich in meine Arbeitssachen mischt. Da hat man einmal ein Geschäft, das sich lohnt, und nun wollen sie es einem verderben! Damit kommt mir nicht ... Ich bin kein Millionär, und Geschäft ist Geschäft. Lächerlich! Einen Wald aufforsten, knappe drei Meilen von hier und ... na, ich will euch lieber gleich sagen, daß ich der Sache wegen fahre. Der Vokeller schreibt, der Seckersdorf kommt auch, wegen Waldgrenzgeschichten -- da hab' ich nur den halben Weg -- und hernach machen wir ein Partiechen.«

»Papa, wenn's dir nur nicht leid tut,« warnte Maggie. »Du weißt doch, mit Kurt ist nicht zu spaßen.«

»Mit mir auch nicht,« sagte der Oberförster kurz und ging hinaus.

Eine Viertelstunde später fuhr er im Einspänner davon.

Die beiden Frauen sahen ihm in schweigender Erregung nach.

»An Papa hast du also keinen Halt!« sagte Maggie mit heller Entrüstung im Tone.

»Maggie!« bat Gertrud flehend. »Sag' nichts gegen Papa, das täte mir zu weh. Wir wissen ja, wie er in Geldangelegenheiten ist, und ändern können wir doch nichts.«

»Hätte nur Kurt die dreitausend Mark nicht geschickt,« grübelte Maggie finster. »Das ist eine niederträchtige Schlauheit, wie überhaupt der ganze Brief.«

»Er weiß die Menschen schon zu nehmen. Paß auf, wenn er's will, muß ich zurück. Aber ich sehe aus seinem Briefe noch gar nicht, was er beabsichtigt. Weißt du das?«

Nein, Maggie wußte es auch nicht. Aber es reizte sie, seine Absichten herauszufinden und sie zu vereiteln. Von neuem nahm sie sich vor, der Schwester, die den Härten und Widerwärtigkeiten des Lebens so wehrlos gegenüberstand, ein verspätetes Glück zu schaffen. Und sie tröstete sie, liebevoll und innig, wie sie nur zu ihr sprechen konnte, und war zufrieden, als ein verschüchtertes Lächeln das einst von Frohsinn und Glücksgewißheit strahlende, jetzt so stille Gesicht Gertruds aufhellte.

Die beiden Schwestern hatten von klein auf sich sehr innig gestanden, trotz des Altersunterschiedes. Gertrud, die Ältere, das Prinzeßchen, schön wie der Tag und von aller Welt auf Händen getragen, hatte die weniger hübsche, damals noch scheue Schwester mit fast mütterlicher Zärtlichkeit gehütet und gepflegt, und sich immer bemüht, sie in den Vordergrund zu schieben.

Ihre Mutter, eine Engländerin, aus verarmtem, vornehmem Hause, ihrerzeit Gesellschafterin in einer dem Oberförster befreundeten Familie, war gestorben, als die Mädchen zehn und sechs Jahre alt waren. Beide gedachten noch heute mit abgöttischer Verehrung der lachenden jungen Mutter, deren Abbild Gertrud geworden war.

Nun, das Lachen war Gertrud mit der Zeit vergangen, während Maggie, die früher finstere, schweigsame, jetzt oft von Lustigkeit übersprudelte; freilich nicht von der sonnigen, harmlosen Fröhlichkeit, mit der Gertrud sich in jedes Herz hineingeschmeichelt, sondern von einer absichtlichen, die herrische Naturen sich angewöhnen können, weil sie sie als Rüstzeug brauchen.

Mit ihrem Wesen hatte sich auch das Verhältnis der beiden Schwestern zueinander geändert. Gertrud, das ehemalige Glückskind, warmherzig, arglos, unbewußt von ihrer Macht durchdrungen, jetzt in den rohen Händen ihres Mannes schlaff und haltlos geworden, suchte Schutz bei Maggie. Diese, seit Gertruds Heirat sich selbst überlassen, hatte sich mit ihrer innerlichen Kälte und Klugheit von ihrer Umgebung längst frei gemacht und beherrschte durch Gleichgültigkeit und Berechnung unter der Maske der Liebenswürdigkeit alles.

Unbekümmert um Gegenwart und Zukunft, die sie sich sicherlich nach Geschmack zusammenschmieden wollte, hatte sie sich in ihrer äußeren Erscheinung zu einer Schönheit entfaltet, die eigentlich Kraft und blühende Gesundheit auf der Höhe ihrer Entwicklung war.

Mancher von den Gutsbesitzern des Kreises, hier und da ein junger Forstassessor oder sonst jemand aus der Gesellschaft bemühte sich ernsthaft um sie, aber mit großem Takt ging sie jeder entscheidenden Frage aus dem Wege und wußte sich ihre Verehrer als Freunde zu erhalten. Sie wollte nichts »verpuffen«, wie sie bei sich sagte. Ihre ganze Kraft sollte daran gewendet werden, sich die Stellung zu verschaffen, die ihr nach ihren Bedürfnissen vorschwebte. Bot sich die Gelegenheit dazu nicht bald, so mußte sie solche suchen. Es war nun Zeit. -- So hatte sie gestern noch gedacht, als der Vater von Seckersdorf sprach. Heute war das anders. Nun kam sie vorläufig wieder nicht in Betracht. Nun erst das arme, blasse Weib.

»Es ist doch gut für uns andere,« dachte sie, »daß solche Menschen, wie Gertrud, existieren. Daran, daß man sie so liebhaben kann, zeigt man sich selbst, daß man im Grunde auch ganz gutherzig ist. Und zugleich sieht man, wie man es nicht machen muß, wenn man selbst vorwärts kommen will.«

War es denn eigentlich glaublich, daß Gertrud mit all ihrer Schönheit und Anmut und Herzensgüte den so empfänglichen Kurowski nicht hatte fesseln können? Das wäre gleich so eine Partie, so eine Aufgabe für sie, Maggie, gewesen.

Aber sie wollte ja einmal gar nicht an sich denken -- nun gar in so unmöglichen Vorstellungen. Dann hätte ihr ja auch der Gedanke an Seckersdorf kommen können, -- den sie doch gerade für Gertrud erkämpfen wollte.

»Der ist leicht auszuschalten, weil er dir nicht gefällt,« sagte eine leise innere Stimme. »Blond, still und zurückhaltend, ist nicht dein Geschmack.«

Nun stampfte sie leise mit dem Fuß und ging geradenwegs zu Gertrud, um sie herzhaft und zärtlich zu küssen.

»Du glaubst, daß ich dich liebhabe?« fragte sie leidenschaftlich. »Du hältst etwas von mir? Ich bin die einzige, zu der du volles Vertrauen hast?«

»Aber, Maggie, zu wem sollte ich es sonst in meiner furchtbaren Lage? ... Du bist mein einziger Halt ... Die Kinder sind noch so klein.«

»Ja, die Kinder, die Kinder!« änderte Maggie schnell das Gespräch. »Aber wir haben mit der ganzen Einrichtung so viel zu bereden. Komm, Liebling, wenn du noch weißt, was Zimmereinrichten und Küche und Speisekammer bedeuten ... Übrigens, wenn nicht, so lernst du es eben wieder. Du hast dich viel zu sehr verwöhnt, mein vornehmes Frauchen!«

Gertrud lächelte und ging bereitwillig mit ihr zu Fräulein Perl, die dem Namen nach in der Wirtschaft bestimmte, während in der Tat Maggie längst den großen, ländlichen Haushalt führte.

Man besprach die Einteilung der freien Zimmer oben, die Beaufsichtigung der Kinder und die kleinen häuslichen Tagesfragen, an denen Gertrud nun wieder teilnehmen sollte.

Sie tat es mit fieberhaftem Eifer. Sie war zärtlich und tätig besorgt um die Kinder, sie ordnete in den für sie und die Knaben bestimmten beiden Stuben hier und da. Es kam nicht viel dabei heraus, aber sie war beschäftigt. Sie brachte sich über diese unruhvollen Stunden hinweg, in denen ihr Herz bang und ängstlich schlug, in denen der Gedanke: »Was wird nun werden?« sie zermarterte, in denen auch die leise durchhuschende Ahnung: »Es kommt etwas Gutes -- vielleicht das Glück!« ihr zur Pein wurde.

Nach einer langen, schweigsamen Wanderung durch den herbstatmenden Wald, der heute in klarem, fast winterlichem Sonnengold die Reste seiner übriggebliebenen Sommerreize friedlich und entsagend ausstreute, in dessen traumhafter Stille ein paar schrille Vogellaute, das Rascheln der verwelkten Blätter, die aufjubelnden Kinderstimmen die einzigen Lebenszeichen waren, kamen dann die Schwestern müde, Arm in Arm heim. Beide ganz Liebe füreinander, und doch die eine im Gefühle der Gebenden, die andere als Empfangende.

»Wie gut es ist, bei Maggie und daheim zu sein!« dachte Gertrud und: »Wie hübsch es ist, für ein liebes Menschenkind Pläne zu machen und sich so wundervoll dabei zu benehmen!« dachte Maggie.

Diese Nacht schliefen beide gut. Der nächste Morgen fand Gertrud ein wenig widerstandsfähiger, ruhiger und selbstbewußter.

* * * * *

Bald nach dem Frühstück nahm der Oberförster seine jüngste Tochter unter den Arm und forderte sie auf, nach den neuen Schlägen mitzugehen. Das war seine Gewohnheit so, wenn er etwas auf dem Herzen hatte, oder in irgendeiner geschäftlichen Angelegenheit mit sich nicht ganz im reinen war. Maggie mit ihrem durchdringenden Verstand traf gewöhnlich das, was er als alter Praktikus sich herausspintisiert hatte, und dann war er zufrieden.

In ihrem ungestümen und dabei selten befriedigten Drange, in Dinge einzugreifen, die über ihre gewöhnlichen Tagesarbeiten hinausragten, hatte sie stets Freude an solchen Gängen. Sie fühlte sich dann noch am meisten als Tochter ihres Vaters, den sie sonst in Gedanken oft als den »alten Herrn« anredete und von dem sie im Grunde nicht recht begriff, daß die Natur ihn und sie in solch nahen Zusammenhang hineingezwungen hatte.

Er seinerseits war viel zu klug, als daß er diesen Mangel an Herzensneigung nicht hätte durchschauen sollen, aber er machte sich nicht viel daraus. Im tiefsten Innern war er sogar überzeugt, daß sich in seinem eigenen Empfinden dieselbe Leere vorfand. Darum kamen sie aber nicht weniger gut miteinander aus. Sie waren eben beide Menschen mit wenig Herzensbedürfnissen, und was es an Familiensinn in ihnen gab, hatten sie auf Gertrud geschüttet, die so viel Liebe brauchen konnte und alles, was man ihr gab, so dankbar zu erwidern verstand.

Um Gertrud würde es sich natürlich heute handeln. Und ganz Feuer und Flamme für ihren Plan, machte Maggie sich für den langen Weg mit dem Vater bereit. Er durfte selbstverständlich nichts von allem ahnen und sollte doch das Hauptwerkzeug sein. Sie strahlte förmlich, als sie sich von der Schwester verabschiedete.

»Du bist eigentlich eine Schönheit geworden, Maggie,« sagte Gertrud und küßte das rosenrote Gesicht, in dem die grauen Augen feurig und bewußt leuchteten. »Ich kenne niemand, der etwas so Bestrickendes hat, wie du. Wenn du dich nur zur Geltung bringen könntest. Aber hier ...«

»Kommt schon noch, sei ohne Sorge,« antwortete Maggie und lief lachend hinunter.

Auch der Alte sah ihr mit einem Anflug von Stolz entgegen, wie sie, ganz federnde Spannung und Kraft, zu ihm trat.

»Bist doch ein strammer Kerl,« sagte er anerkennend. »Wenn dich so einer sähe!«

»Vielleicht verliert einer von den Holzschlägern sein Herz an mich -- oder der neue Revierförster. Scheint ein ganz ansehnlicher Mensch zu sein,« spottete Maggie.

»Ist alles vorgekommen, Kind,« bemerkte der Alte. »Und wenn ein Mädel sich überhaupt erst in solche verfluchte Geschichten und Albernheiten einläßt, braucht es nicht gerade ein Leutnant zu sein, der ihr in den Weg kommt.«

»Weißt du, Papa,« sagte Maggie, nun ernsthaft auf ihr Ziel losgehend, »daß ich dich in Verdacht habe, du hast damals die ganze Geschichte zwischen Gertrud und Seckersdorf auseinandergebracht?«

»Du, darüber zerbrich dir heute nun den Kopf nicht mehr,« meinte der Oberförster. »Die Sache ist verjährt. Hilf lieber der Gertrud auf den richtigen Weg und bestärke sie nicht noch in ihrer Aufsässigkeit gegen Kurowski. Was soll denn sonst bloß werden?«

Maggie wußte es wohl, aber nachdenklich schob sie die gelbroten Buchenblätter mit der Fußspitze vor sich auf. »Ja, schließlich kann man doch die Gertrud nicht mißhandeln lassen!« sagte sie. »Wenn _die_ klagt, muß es schon arg sein. Und man weiß ja auch, was für ein Leben der liebe Kurt führt. Ich wundere mich nur, daß man das vor der Heirat gar nicht geahnt hat.«

»Ach, das war schon bekannt. Ich dachte nur, eine Frau, wie unsere Gertrud, die wird ihn schon ans Haus gewöhnen.«

»Ja, nur daß das Experiment mißglückt ist,« sagte Maggie. »Und nun sitzt die Gertrud elend und verbraucht mit ihren zwei Jungen da.«

Eine gewisse Empörung, halb die der beleidigten Schwester, halb die des für sich selber fürchtenden Weibes, nahm ihr fast den Atem. Sie zerbrach einen trockenen Ast, den sie von einem Eckerngebüsch abgerissen hatte und warf die Stücke erregt fort.

Der Oberförster biß sich auf die Lippen und senkte den Kopf.

»Er ist ja ein Windhund in Frauenzimmergeschichten,« sagte er, »aber sonst ein anständiger Kerl. Und dann die Kinder ... Die Gertrud verwöhnt er sonst wie eine Prinzeß. Und der Skandal bei so 'ner Scheidungsgeschichte! Es geht nicht ... sag' selbst, es geht nicht ...«

Er sah unsicher zu Maggie hin. In seinen Wimpern glitzerte etwas.

Das hatte seine Tochter noch nie an ihm gesehen. Es gab ihr ihre ganze Kaltblütigkeit wieder. Nein, das sollte ihr nicht passieren. Wenn sie etwas für Gertrud tat, durfte keine Gemütsduselei und keine überflüssige Erregung mit unterlaufen. Kalt und klug wollte sie alles lenken, zu ihrem Ziele, der Vereinigung Gertruds und Seckersdorfs.

»Ja, Papa, schlimm ist es,« sagte sie beistimmend, »das seh' ich schon ein ... aber was tun?«

Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander.

Der Bestand wechselte. Statt der buntgefärbten Laubbäume strebten nun alte, moosbehangene Tannen auf. Klar und golden strich die Sonne durch das dunkle Grün, und Goldflecke blühten auf dem bräunlichen Waldboden auf.

»Schönes Stück!« sagte der Alte. »Der Endzipfel gehört schon zu Tromitten.«

»Was war denn nun mit Seckersdorf gestern?« fragte Maggie.

»Ja,« erwiderte der Oberförster zögernd, »mir fiel schon unterwegs ein, daß man am Ende den Kurowski doch nicht vor den Kopf stoßen kann. Ich habe noch nicht zugesagt ... Überbürdung vorgeschützt, mir Bedenkzeit ausgebeten. Allerdings verliere ich meine drei bis viertausend Mark, -- Heiratsgeld, Mädel ... Wenn man nur wüßte ... Sag' mal, was ist denn nun eigentlich bei Kurowskis los gewesen?«

Maggie erzählte.

Der Oberförster schüttelte den Kopf und fluchte.

»Wenn der Kurt aber noch so hinter ihr her ist,« sagte er schließlich, »daß seine Frau nicht ansehen soll, wen sie will, muß es mit der Gleichgültigkeit und schlechten Behandlung doch nicht so schlimm sein. Vielleicht spukt der Gertrud auch wirklich der Seckersdorf im Kopf herum ... dann freilich ...«