Part 14
„Sie müssen alles mitthun, was die anderen machen. Es ist der Brauch.“
Kingscourt würgte einige Deibel hinunter, hatte aber Humor und gute Lebensart genug, die sonderbaren Gebräuche den übrigen Gästen gleich zu befolgen. Die christlichen Seelsorger schlossen sich auch nicht aus.
Jetzt wusch der Hausvater sich die Hände in einem silbernen Becken, das Mirjam ihm dienend reichte. Hierauf nahm er von der vor ihm stehenden Sederschüssel ein Stückchen Petersilie, tauchte es in das Salzwassergefäß, sprach den Segen und aß es. Dann wurde jedem der Tischgenossen ein wenig Petersilie gegeben, und jeder aß es. Kingscourt mit einer lustigen Grimasse, über die seine Nachbarin Mrs. Gothland sanft lächelte. Dann wurden das Ei und der Knochen mit dem gebratenen Fleisch von der Sederschüssel genommen, und die verhüllte Platte hob man hoch mit den feierlichen Worten:
„Dieses ist das Brot des Leidens, das unsere Vorfahren im Lande Mizrajim gegessen haben ...“
Wieder half Mrs. Gothland dem Verständnisse Kingscourts nach, indem sie mit dem Finger die Stelle in der vor ihm liegenden Hagadah wies, wo neben dem hebräischen Urtexte die deutsche Uebersetzung zu lesen war. Dann wurde der zweite Becher Weines eingeschenkt, und David, welchem es als dem jüngsten Manne in der Tischgesellschaft zukam, erhob sich zu der überlieferten Frage:
„Ma nischtaneh halajloh haseh? ... Wodurch ist diese Nacht ausgezeichnet vor allen übrigen Nächten? denn in allen anderen Nächten können wir essen Gesäuertes und Ungesäuertes — in dieser Nacht nur Ungesäuertes. In allen anderen Nächten können wir essen allerlei Kräuter — in dieser Nacht nur bittere Kräuter ...“
Dann wurden die flachen Passahbrote der Sederschüssel aufgedeckt, und alle zusammen antworteten auf die Frage des Jüngsten:
„Einst waren wir Knechte des Pharao in Mizrajim, da zog uns der Ewige unser Gott heraus von dort, mit starker Hand und ausgestrecktem Arme ...“
Und so nahm die Feier, halb Gottesdienst und halb Familienschmaus ihren Fortgang, ergreifend für jeden, dessen Herz von Ehrwürdigem gerührt werden konnte. Denn dieses jüdischeste aller Feste reichte weiter hinauf in die Vergangenheit der Menschen, als irgend eine lebende Uebung der Kulturwelt. So wie jetzt wurde dies alles geübt vor vielen, vielen Jahrhunderten, und die Welt hatte sich seither verwandelt, Völker waren untergegangen, andere waren in der Geschichte erschienen, der Erdkreis hatte sich erweitert, unbekannte Kontinente tauchten aus den Meeren, ungeahnte Naturkräfte erleichterten und verschönten das Leben — und nur dieses eine Volk war noch da, wie ehemals, hegte noch die unveränderten Gebräuche, treu sich selbst und eingedenk der Leiden seiner Altvorderen. Es betete noch immer mit tausendjährigen Worten zum Ewigen seinem Gotte, das Volk der Knechtschaft und Freiheit — Israel!
Einer war an dem Sedertische, der sprach die hebräischen Worte der Hagadah mit der Inbrunst eines Heimgekehrten. Ihm war es ein Wiederfinden und manchmal schnürte ihm Rührung die Kehle zu, daß er sich zusammennehmen mußte, um nicht laut aufzuschluchzen. Bald dreißig Jahre waren es her, daß er selbst als Knabe das „Mah nischtaneh“ gefragt hatte. Dann war die „Aufklärung“ gekommen, die Loslösung von allem Jüdischen und endlich logisch der Sprung ins Leere, da er gar keinen Halt mehr im Leben besaß. An diesem Seder kam er sich vor, wie der verlorene Sohn.
Als der erste Teil der Feier vorüber war und die Speisen aufgetragen wurden, rief ihm Kingscourt über den Tisch zu:
„Fritz, ich wußte gar nicht, daß Sie ein so perfekter Hebräer sind.“
„Offen gestanden, ich wußte es selbst nicht!“ war seine Antwort. „Aber es scheint, daß man das aus der Jugend her nicht vergißt.“
In den Tischgesprächen kehrte öfters der Name eines Herrn wieder, den Kingscourt und Friedrich noch nicht kannten: Mister Joseph Levy. Die beiden Steinecks nannten ihn nur „Joe“, in der englischen Abkürzung. Es klang in ihrem Munde wie „Tschoh“.
„Es ist doch ein furchtbares Unrecht, daß Tschoh nicht da ist!“ sagte der Architekt laut.
„Ja,“ ergänzte sein Bruder; „daß Joe heute fehlt, ist nicht in der Ordnung. Die Feier ist nicht vollständig. Sie verstehen?“
„Nee janz und jar nich,“ erklärte Kingscourt. „Es intriguiert mich schon die ganze Zeit, was Sie eigentlich von diesem unbekannten Joe wollen.“
„Er kennt Joe nicht!“ schrie der Architekt und hielt sich die Seiten vor Lachen.
„Das ist eine Lücke in Ihrer Bildung, meine Herren!“ sagte der Professor. „Joe muß man kennen. Ohne Joe säße mancher heute nicht, wo er sitzt. Joe hat die merkwürdigsten Dinge mit den geringsten Mitteln vollbracht. Joe ist ein wunderbarer Kerl. Er besitzt nämlich eine Eigenschaft, die seltener ist als Gold, seltener als Platin, seltener als Uran, seltener als das Seltenste, was es giebt.“
„Deibel, Sie spannen mich, Professor! Und diese Eigenschaft wäre?“
„Einfacher, gesunder Menschenverstand! Sie verstehen?“
„Ich fange an ... Nun möcht’ ich aber den wundervollen Mann auch sehen!“
Der Architekt machte ein Sprachrohr aus seinen Händen und rief lustig:
„Tschoh, Tschoh!“
Mrs. Gothland winkte dem Schreihals zu, er möge schweigen. Dann sagte sie:
„Lieber Freund, so laut können nicht einmal Sie sprechen, daß er Sie hört. Es wäre denn, daß Sie sich an das Telephon bemühen. Dann ist es freilich leicht. Sie brauchen nur den Anschluß an Marseille zu verlangen. Unser guter Joe ist heute Nachmittag in Marseille angekommen. Er läßt alle grüßen. Ich habe vorhin mit ihm telephoniert.“
„Wa—as?“ schrie der Architekt. „So plötzlich? Ohne ein Wort zu sagen?“
„Ja, er hat sich vor einigen Tagen plötzlich entschlossen,“ berichtete Mrs. Gothland weiter. „Sie kennen ja unseren Joe. Es wurde ihm gemeldet, daß ein Fabrikant in Lyon eine neuartige Maschine hergestellt habe. ’Das muß man sich ansehen’, sagte Joe und fuhr noch am selben Tage nach Europa hinüber. Da die Blätter dort von seiner bevorstehenden Ankunft telegraphisch verständigt wurden, so hat er zur Stunde wahrscheinlich eine Belagerung von Fabrikanten, Maschinenagenten und Ingenieuren auszuhalten. So ist es immer, wenn Joe nach Europa geht.“
Reschid Bey bemerkte:
„Es erwarten ihn gewöhnlich schon die Vertreter aller möglichen Industrien. Er arbeitet mit England, Deutschland, Frankreich und besonders mit Amerika. Morgen wird er vielleicht auf dem Wege nach Amerika sein, wenn er nicht nach London geht oder hierher zurückreist. Man weiß bei Joseph Levy nie vorher, was er thun wird. Nur das eine weiß man: es ist das Richtige. Er schließt schneller einen Handel über fünf Millionen Dollars ab, als ein anderer sich einen Rock kauft. Die Amerikaner sind von ihm entzückt. Er bestellt rasch, zahlt gut und irrt sich nie.“
„Donnerwetter, der Mann jefällt mir!“ brummte Kingscourt. „Was ist er denn hier?“
„Generaldirektor des Industrieamtes,“ sagte David. „Es giebt freilich kein Amt, das Joseph Levy nicht bekleiden könnte. Das ist einmal ein Mensch, der alles versteht, was sich einem gesunden Blick und einem eisernen Willen erschließt. Er hat eine blitzartige Intelligenz und klärt Ihnen im Nu die verworrenste Situation auf. Und wenn Joe Levy sich etwas vornimmt, dann können Sie gleich einen Eid ablegen, daß er es auch durchsetzt. Ich dachte mir, daß dieser Vollmensch Sie interessieren würde, meine Herren. Sie sollen ihn nach Tische wenigstens reden hören, da ich ihn heute nicht anders als im Bilde zeigen kann.“
„Da müssen wir wohl ans Telephon ran?“ meinte Kingscourt.
„Nicht nötig!“ lächelte David. „Sie werden es bequemer haben. Und nicht nur Sie, auch spätere Zeiten werden seine Rede vernehmen. Ich dachte mir, daß es immerhin merkwürdig wäre, die Stimme des Befehlenden festzuhalten, der den neuen Anzug der Juden ordnete. Darum bat ich Joseph Levy, den Bericht über die Besiedlung unseres Landes in den Phonographen hineinzusprechen. Sie kannten ja diese sinnreiche Erfindung schon vor zwanzig Jahren, meine Herren. Ich ließ die Wachsrollen, auf die Joe seinen Bericht gesprochen hat, vervielfältigen. Einge hundert Exemplare schenkte ich jetzt zum Passahfeste den Schulen. Wir aber werden uns heute an der ersten Vorführung dieser Denkwürdigkeit erfreuen.“
Kingscourt fand es sehr ergötzlich:
„Janz famos. Da haben Sie einen reichen Gedanken jehabt, verehrtester Mann der Zukunft. Ohnehin fragte ich mich schon die ganze Zeit nach dem Ueberjang. Das Fertige sehn wir ja vor uns. Aber wie ist es jeworden? Da liegt schließlich des Pudels Kern begraben. Daß es Eisenbahnen, Häfen, Fabriken, Automobile, Tele-, Phono-, Photo- und Gott weiß was für Grafen jibt, das wußten auch wir minderjebildeten Europäer schon, bevor wir den erstaunten Fuß auf Palästinas Erde setzten. Aber wie haben Sie das alles herüberverpflanzt? Darum wollt’ ich Sie eben ooch jebeten haben.“
„Joe wird Ihnen den Anfang sagen, nachdem wir Ihnen das Ende gezeigt haben,“ antwortete David. „Und dieser Sederabend schien mir dafür die weihevolle Zeit. Wir lesen heute in unserer alten Hagadah, wie die Weisen einst an einem solchen Abende zu Bene-Berak zusammen kamen, und sich die ganze Nacht hindurch über den Ausgang aus Mizrajim unterhielten. Wir sind die Nachfahren von Rabbi Elieser, Rabbi Jehoschua, Rabbi Eleasar dem Sohne Asarias, Rabbi Akiba und Rabbi Tarphon. Und dies ist unser Abend von Bene-Berak. Altes will in neues übergehen. Wir werden zuerst unseren Seder in der Weise unserer Vorfahren zu Ende führen. Dann möge sich die andere Zeit melden, wie sie gekommen ist. Wieder gab es ein Mizrajim und wieder einen glückhaften Auszug. Dieser wurde selbstverständlich auf eine Art gemacht, welche dem Kulturzustande und den technischen Mitteln zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts entsprach. Es konnte nicht anders sein. Es konnte auch nicht früher sein. Das technische Zeitalter mußte erschienen sein. Die Völker mußten die Reife zur Kolonialpolitik erlangt haben. Statt der Segelschiffe mußten die großen Schraubendampfer mit zweiundzwanzig und mehr Seemeilen Geschwindigkeit existieren. Kurz, das Inventar, von 1900! Wir mußten neue Menschen geworden und doch auch dem alten Stamme nicht untreu sein. Und auch die wohlwollende Teilnahme der Völker und ihrer Fürsten mußte dabei sein, sonst wäre das ganze Werk nicht möglich gewesen.“
„Gott hat uns geholfen!“ sagte der alte Littwak und murmelte hebräische Worte.
Reverend Hopkins erinnerte seine geistlichen Kollegen von den anderen Kirchen an den Osterstreit des Altertums, und wie sich all der müßige Hader nun in Harmonien aufgelöst habe. Heute könnten sie als Christen friedlich im Hause eines Juden zur Passahfeier zusammenkommen, und nähme keiner Anstoß an den Anschauungen des anderen. Denn ein Frühling der Menschheit sei auferstanden.
„Er ist wahrhaftig auferstanden!“ sagte der Pope von Sepphoris.
2. KAPITEL.
Die Nachtischfeier folgte, und als sie mit allen Vorschriften der Hagadah fertig waren, gingen sie in den Salon hinüber, wo schon der Phonograph mit Joes Erzählung auf einem Tischchen bereit stand. Es war der Kingscourt wohlbekannte Apparat, verbessert durch eine einfache automatische Vorrichtung, welche die Rollen nacheinander abgleiten ließ. Die ganze Erzählung konnte so abgespielt werden, ohne daß eine Unterbrechung fühlbar geworden wäre. Wollte man aber eine Pause machen oder sich etwas wiederholen lassen, so genügte ein Handgriff, um die Walze aufzuhalten oder einige Sätze weit zurückzustellen. Alle hatten auf Lehnstühlen und Sofas Platz genommen. David setzte sich an das Tischchen, stellte den Schalltrichter nach den Zuhörern hin, rückte einen kleinen Knopf an dem Apparat und sagte:
„Unser Freund Joe Levy hat das Wort.“
Im Phonographen schnurrte es ein wenig, dann wurde mit völliger Deutlichkeit eine kraftvolle Mannesstimme laut:
„Meine geehrten Anwesenden!
Ich soll Ihnen über die neue Judenwanderung berichten. Die ganze Sache war sehr einfach. Ich glaube, es wird zuviel Wesens daraus gemacht. Um die politische Vorbereitung hatte ich mich nicht zu kümmern. Glücklicherweise. Ich bin kein Politiker, war es nie, werde es nie sein. Ich hatte meinen Auftrag und führte ihn aus. Unsere Gesellschaft war unter dem Titel „Neue Gesellschaft für die Kolonisierung von Palästina“ gegründet worden. Sie hatte mit der türkischen Regierung einen Besiedlungsvertrag geschlossen. Die Bedingungen dieses Abkommens sind aller Welt bekannt. Als ich vor Abschluß des Charters gefragt wurde, ob wir die großen Geldleistungen an den türkischen Staatsschatz alljährlich würden erschwingen können, bejahte ich es unbedingt. Bei Unterzeichnung des Charters hatten wir der türkischen Regierung zwei Millionen Pfund Sterling bar zu erlegen. Dazu kam noch die jährliche Abgabe von fünfzigtausend Pfund Sterling jährlich durch dreißig Jahre und ein Viertel des Reinerträgnisses der „Neuen Gesellschaft für die Kolonisierung von Palästina“, ebenfalls an den türkischen Staatsschatz zu entrichten. Nach Ablauf der ersten dreißig Jahre aber werden wir bekanntlich den Reinertrag der Neuen Gesellschaft mit der türkischen Regierung teilen, falls diese es nicht vorzieht, den letzten zehnjährigen Durchschnitt der von uns erhaltenen Geldleistungen als für immer gleichbleibende Abgabe zu beziehen. Die Erklärung hierüber hat uns die türkische Regierung im siebenundzwanzigsten Vertragsjahre kundzumachen. Wir können allerdings schon heute vermuten, daß die türkische Regierung lieber den halben Reinertrag der Neuen Gesellschaft in Anspruch nehmen wird, weil dabei für sie viel mehr herauskommt. Für diese Abgaben erhielten wir die Verwaltung der zu besiedelnden Gebietsteile, deren Oberhoheit dem Sultan dabei erhalten blieb.
Nun waren das freilich sehr große Geldleistungen, und es regten sich anfänglich Zweifel, ob die Neue Gesellschaft so gedeihen könne. Das Land war bettelarm und unsere Ansiedler sollten aus dem Proletariat aller Länder herkommen. Zwar gab es mehrere große Stiftungen für jüdische Nationalzwecke. Ihr Gesamtbetrag wurde Ende 1900 mit zwölf Millionen Pfund Sterling festgestellt. Aber es waren ja außer den Zahlungen an die türkische Regierung noch große Aufwendungen für den privatrechtlichen Ankauf von Grund und Boden, für das Ansiedeln ganz mittelloser Menschen, für die Urbarmachung, Bepflanzung, Aufbesserung des Landes nötig. Woraus sollten alle diese Erfordernisse bestritten werden? In unserem engeren Komitee gab es Furchtsame, die den Zusammenbruch des Unternehmens vorhersagten. Meine Freunde und ich trugen den Sieg über diese Bedenken davon. Es gelang uns, darzuthun, daß wir die Berechnung nicht nur auf Grund des Vorhandenen anstellen müßten, sondern auch auf Grund dessen, was nach aller menschlichen Erfahrung durch den Beginn unserer Arbeiten hinzukommen würde. Unser für die Zukunft errichtetes Werk würde auch durch diese selbst erhalten und gestärkt werden. Nach zehn Jahren sind die Knaben, die wir hinführen, Männer. Wenn wir Menschen haben, haben wir alles. Die Menschen aber bringen wir selber hin, erziehen sie, wie wir sie brauchen und benützen sie, wie es uns und ihnen, das heißt der Gemeinschaft, frommt. Es ist das einfachste Raisonnement von der Welt. Man macht es im kleinsten Ländchen, bei den unbedeutendsten Völkern. Nur die Juden hatten dieses ABC des Volkstums verlernt.
Es kam noch ein Wichtigeres hinzu, das unsere Juden merkwürdigerweise nicht wußten, obwohl sie es täglich auf anderen Gebieten ausübten: die Unternehmungslust! Ich will dazu ein Beispiel geben. Als zu Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Goldfunde im unwirtlichen Klondyke gemacht wurden, strömten erwerbshungrige Scharen nach dem eisigen Alaska. Ich spreche nicht von den Goldsuchern, sondern von den Unternehmern, die sich den Goldsuchern an die Fersen hefteten. Plötzlich wanderten Betten, Tische, Stühle, Hemden, Stiefel, Röcke, Konserven, Weinflaschen, Aerzte, Lehrer, Sänger nach Klondyke — mit einem Wort, alles was man braucht und nicht braucht, wanderte hin, weil einige Leute dort Geld in der konzentriertesten Form erlangten. Die Nachströmenden waren nur zum Teile Goldgräber. Sie gingen nicht dem Verdienste nach, der in der Erde verborgen war, sondern dem, der schon zu Tage lag. Sie wollten an dem bereits gefundenen Golde verdienen.“
Der Professor konnte sich an dieser Stelle nicht enthalten, ein lautes „Sie verstehen?“ dazwischenzurufen, aber sein Bruder zischte ihn so heftig nieder, daß er beschämt schwieg. Und der Phonograph sprach weiter:
„Ich habe dieses grelle Beispiel gewählt, um zu zeigen, wie jede Erwerbsgelegenheit, wenn sie den Unternehmungsgeist anspricht, schnell noch andere Erwerbsgelegenheiten schafft. Jeder praktische Mensch weiß das beinahe instinktiv, ohne erst auf die Professoren der Nationalökonomie zu warten, die es ihm in geheimnisvollen Ausdrücken erklären. Thatsächlich gehörten wir Juden schon seit langer Zeit zu den findigsten Unternehmern. Nur auf unsere eigene Zukunft hatten wir früher nie wirtschaftliche Hoffnungen gebaut. Warum? Weil die Sicherheiten fehlten. Wenn die Sicherheiten aber geschaffen wurden, mußten wir in diesem Lande mindestens dieselbe Unternehmungskraft bethätigen, wie in anderen Ländern.
Darum machte mir das Hervorkommen der notwendigen Kapitalien keine übermäßige Sorge. War das Land bereit und die Einwanderung eingeleitet, so mußte jedes angemessene Gelderfordernis aufzubringen sein. Und darum bejahte ich die Frage, ob wir die Geldleistungen an die türkische Regierung in diesem Umfange auf uns nehmen könnten, ohne befürchten zu müssen, daß es uns dann an den Investitions-Kapitalien fehlen werde. Das war von mir kein Experiment. Es war die Anwendung von weltalten Thatsachen und Erfahrungen.
Der Charter wurde abgeschlossen. Wir erlegten die Bezahlung. Da mir von diesem Augenblick an die Leitung der Kolonisation übertragen war, bedang ich mir vor allem aus, daß der Charter vorläufig noch nicht veröffentlicht werden dürfe. Ich wollte kein tumultuarisches Einwandern haben. Es wäre gewiß zu argen Unordnungen gekommen. Die ärmsten, gierigsten Leute wären hierhergestürzt, Kranke und Alte hätten sich hergeschleppt. Wir würden vor allem anderen Hungersnot und Epidemien gehabt haben. Es giebt ein altes französisches Theaterstück, das heißt: die Furcht vor der Freude. So wie es darin zugeht, so hatte auch ich Furcht vor der Freude meiner armen Juden. Ich mußte sie behutsam vorbereiten. Ich mußte auch uns vorbereiten.
Das Direktorium der Neuen Gesellschaft wurde eingesetzt. Das Direktorium ernannte mich zum General-Manager auf fünf Jahre. Dann erhielt ich für die ersten Ausgaben den Kredit von einer Million Pfund eingeräumt. Einer meiner Ingenieure meinte, das sei wenig ...“
„Verdammt wenig!“ schrie Kingscourt und winkte heftig: „Stoppen Sie ’mal den Klapperkasten!“
David hatte den Phonographen schon zum Stillstand gebracht.
„Wenn Sie mich ollen Meerjreis ernstlich aufklären wollen, müssen Sie mir jefälligst einiges sagen, sonst versteh’ ich Ihren janzen Joe mitsamt seinem Telephonographen nicht ... Was ist das für ’ne neue Jesellschaft? Ist das dieselbe, von der in Neudorf mehrstenteils die Rede war? Und was ist das für’n Direktorium? Und woher haben sie das Jeld, wenn’s auch nich viel ist?“
David nickte mit dem Kopfe:
„Alle diese Fragen begreife ich. Joe Levy glaubte freilich nicht, daß er davon erzählen müsse, weil jedes Kind es weiß. Die Neue Gesellschaft von damals und heute sind eins und dennoch verschieden. Es war ursprünglich eine Aktiengesellschaft und ist heute eine Genossenschaft. Die Genossenschaft ist vermögensrechtlich die Erbin der Aktiengesellschaft.“
„Sie verstehen?“ rief der Professor.
„Nee! Haben die Aktionäre ihr Jeld hergeschenkt? Dann ist es ’n Märchen.“
„Mr. Kingscourt,“ entgegnete David, „es wird Ihnen gleich klar sein, wenn Sie die verschiedenen Rechtspersönlichkeiten auseinanderhalten. Wir haben da drei juristische oder moralische Personen. Eine Person: die Stiftungen, die Ende 1900 ein Vermögen von zwölf Millionen Pfund hatten. Zweite Person: die Aktiengesellschaft, die von den unserer Sache ergebenen Londoner Financiers mit einem Kapital von zehn Millionen Pfund Sterling gegründet wurde, nachdem die Erteilung des Charters gesichert war. Dritte Person: die Genossenschaft der Kolonisten. Die letzteren waren durch ihre auf den Kongressen gewählten Führer vertreten. Diese Führer setzten die Massen erst dann in Bewegung, als sie mit der Aktiengesellschaft über deren spätere Vergenossenschaftlichung einig geworden waren.“
„Sie erstaunen mich, edler Märchenprinz!“ lachte Kingscourt. „Auf solche Sache wären Aktienmenschen, Syndikatshyänen eingegangen?“
„Es waren keine Syndikatshyänen, Mr. Kingscourt,“ erwiderte David. „Es waren anständige Geschäftsleute, die sich mit einem anständigen Gewinne begnügten. Das Abkommen wurde zwischen Kapital und Arbeit gerecht getroffen. Das Geld allein, die Arbeit allein konnten den Schwierigkeiten nicht beikommen. Die Geldleute sollten ihre Sicherheit haben, die Arbeitsleute auch. Wäre das nicht vorher in Ordnung gebracht worden, so mußte mit der Zeit eine oder die andere Ungerechtigkeit eintreten: entweder hätte sich das Volk über die Rechte der Aktionäre hinweggesetzt, oder es wäre in ihre Sklaverei geraten. Beidem wurde durch die Vereinbarung vorgebeugt, daß die Genossenschaft der Kolonisten berechtigt sei, nach Ablauf von zehn Jahren die Aktien der Neuen Gesellschaft einzulösen. Als Ablösungssumme wurde die fünfperzentige Kapitalisierung des in den letzten fünf Jahren erzielten Durchschnittsertrages bestimmt. Die Ablösungssumme durfte aber nicht weniger als das thatsächlich eingezahlte Aktienkapital nebst Zinsen betragen.“
Hier wagte Friedrich ein wenig schüchtern die Bemerkung:
„Das scheint mir doch eine unmögliche Bedingung. Woher sollten die mittellosen Kolonisten solche Summen erschwingen, um die Aktien der Gesellschaft zurückzukaufen?“
„Nee, mein Sohn,“ meinte Kingscourt, „mir ist es jetzt schon klar wie Kloßbrühe. Wenn die Kolonisation gelang, waren die Kolonisten nicht in Verlegenheit, sich das Geld zu verschaffen. Sie konnten es als aufstrebende Genossenschaft auch jepumpt kriegen.“
„Richtig!“ sagte David, „als die Genossenschaft an die Einlösung der Aktien zu gehen beschloß, nahm sie das notwendige Geld in Form einer vierprozentigen Anleihe auf. Schon daran hat die Genossenschaft ein gutes Geschäft gemacht. Der Reinertrag vom fünften bis zum zehnten Jahre war durchschnittlich eine Million Pfund gewesen. Für die Einlösung der Aktien waren also zwanzig Millionen erforderlich. Mit einer jährlichen Zinsverpflichtung, die dem bisherigen Reinertrage gleichkam, konnte aber die Genossenschaft zu vier Perzent fünfundzwanzig Millionen Kapital erhalten. Es blieben somit nach Erwerbung des Aktienvermögens noch fünf Millionen Gewinn von dieser Operation übrig.“
„Verdammte Jungens!“ staunte Kingscourt. „Wodurch war denn die Aktiengesellschaft so reich geworden?“
„Hauptsächlich durch die Wertsteigerung des Bodens, den sie angekauft hatte,“ sagte David. „Diese Werterhöhung war den Arbeitern zu verdanken, und ihnen mußte sie schließlich gerechterweise zu gute kommen. Sie sehen jetzt auch, wie wir den Uebergang des Bodens an die Gemeinschaft vollziehen konnten. Das Gemeingut wurde Eigentum der Genossenschaft, die von da ab den offiziellen Namen ’Neue Gesellschaft’ trug.“
Architekt Steineck rief:
„Unseren lieben Gästen wird es vielleicht nicht gefallen, daß wir uns solcher anrüchiger Mittel, wie Aktien und dergleichen bedient haben. Wir konnten uns aber nicht anders helfen.“