Part 12
Rechts und links von der Landstraße wohlgepflegte Felder, Wein- und Tabakspflanzungen, Baumschulen, und nirgends mehr ein Fuß breit wüsten Landes. In einiger Entfernung vom großen Wege sahen sie eine Mähmaschine über das Kleefeld streichen. Ab und zu schwankte ein mit Heu hochbeladener Wagen an ihnen vorbei, Heu von Luzerne für Viehfutter. Mirjam erklärte dem in diesen Dingen unbewanderten Friedrich die natürlichen und wirtschaftlichen Vorgänge in der Landschaft, die sie durcheilten. Da und dort lugte schon die Sommersaat, Mais und Sesam, Linse und Wicke, aus der Erde. Auf den Brachfeldern durchfurchten elektrische Pflüge den noch vom Winterregen etwas feuchten Boden, um ihn für die nächste Wintersaat vorzubereiten. Der Tabak war gerade aus den Saatbeeten übergepflanzt, und die Leute waren damit beschäftigt, von den zwei Pflänzchen, die der vorsichtige Bauer an jeder Stelle zusammensetzt, das schwächere zu entfernen. Die Hopfenstöcke waren schon in vollem Austreiben, und die Landleute holten sich Eukalyptusäste herbei, um sie als Stützen der Hopfenranken zu benützen. Andere gebrauchten zu demselben Zwecke Drahtgeflechte. Die aber Aeste vom Eukalyptus nahmen, ließen an diesen die Zweige unbeschnitten, damit sich die Hopfenranken auch gut verzweigen könnten und ihre Blüten mehr Schutz vor den Sonnenstrahlen genössen.
Architekt Steineck mischte sich hier in das Gespräch und sang ein begeistertes Loblied auf den Eukalyptus, diesen herrlichen australischen Baum, dessen hundert Arten in unzähligen Schiffsladungen lebend herbeigeschafft worden waren, als die große planmäßige Kulturarbeit in Palästina begann. Ohne den Eukalyptus, der so schnell wächst, der die Sümpfe wie mit Zauberkraft austrocknet und auch sonst noch so viele Eigenschaften der Nutzbarkeit und Schönheit hat — ohne den Eukalyptusbaum hätte man vielleicht überhaupt nichts anfangen, gewiß aber keine solchen raschen Kulturerfolge erzielen können.
„Ja,“ sagte Frau Sarah scherzend, „Herr Steineck hat dafür auch unseren guten Eukalyptus aus Dankbarkeit in Stein verewigt. Seine Lieblingsornamente an den Häusern sind vom Eukalyptus genommen.“
So fuhren sie weiter, und es war Heiterkeit von der Landschaft in ihrem Gemüte. Denn ein lieber Frühling sproßte um sie her. Alle Raine und Wegränder bedeckt mit herrlichstem Blütenflor, mit kleinen blauen Iris und hochragenden rosenfarbenen Schwertlilien mit sonnenäugigen Tulpen und prächtigen Orchideen. An manchen Stellen waren in die Felder hinein Pflanzungen von Mandel-, Aprikosen- und Maulbeerbäumen verstreut.
Durch eine romantische Schlucht lief jetzt der Fahrweg. Das waren die Felsen mit den abenteuerlichen Höhlenlöchern, in denen sich einst, in verschollenen bösen Tagen die Verteidiger des jüdischen Landes vor ihren Feinden bis zum letzten Kampfe verborgen hatten.
David erinnerte mit einigen bewegten Worten an diese Zeit. Und noch eine kurze Strecke mußten sie fahren, da machte die Straße eine Biegung, und vor ihnen lag plötzlich im Nachmittagssonnenglanze die holde Ebene von Genezareth, vor ihnen lag der See. Ein Ausruf des Entzückens entrang sich dem Munde Friedrichs bei diesem unerwarteten und herrlichen Anblick.
Auf der weiten Fläche des Sees von Genezareth zogen viele große und kleine Schiffe ihre leuchtenden Furchen. Segel schimmerten und Messingteile der elektrischen Barken blitzten. Am jenseitigen Ufer und überall im Grün der beforsteten Höhen sah man weiße Villen glänzen. Und hier war Magdala, ein funkelnd neues, zierliches Städtchen mit Gärten, mit schmucken Häusern. Aber die Reisenden fuhren ohne Aufenthalt weiter gegen Tiberias, südwärts am Strande hin. Sie hatten ein Schauspiel von heller Lebensfreude vor sich, etwas, das an die glorreichen Saisontage an der Riviera zwischen Cannes und Nizza erinnerte. Allerlei lustiges Fuhrwerk mit eleganten Leuten trieb vorüber. Zumeist waren es Motorwagen von hübscher Gestalt für zwei, drei und mehr Insassen. Doch sah man auch altertümliche mit Pferden oder Mauleseln bespannte Karren, und zwischendurch Radfahrer, Reiter, und auf dem glatten Fußpfade längs des Wassers wohlgelaunte Spaziergänger. Es war das internationale Publikum jener Badeorte, die den modischen Zulauf haben. Kingscourt und Friedrich erfuhren jetzt, daß Tiberias wegen seiner heilkräftigen warmen Quellen und wundervollen Lage von den wohlhabenden Winterflüchtlingen aus Europa und Amerika aufgesucht werde, die gewohnt waren, den ewigen Frühling in Sizilien oder Egypten aufzusuchen. Sobald die ersten vornehmen Hotels in Tiberias errichtet waren, begann der Fremdenstrom auch hierher zu fließen. Geschickte Schweizer Gastwirte hatten die klimatischen Vorzüge und landschaftlichen Schönheiten der Gegend von Tiberias zuerst erkannt, ausgenützt und dabei glänzende Geschäfte gemacht.
Der Motorwagen fuhr jetzt an einigen dieser Hotels vorbei. Auf den Balkonen saßen Damen und Herren, und betrachteten das bunte Schauspiel der Fahrstraße, das heitere Treiben auf dem See. Hinter den Gasthöfen waren Tenniswiesen, auf denen Mädchen und Jünglinge in weißer Tracht Ball spielten. Auf einigen großen Terrassen gab es Musik, ungarische, rumänische und italienische Banden im Nationalkostüm. Dies alles nahmen Davids Gäste nur im Vorübereilen wahr, denn ihr Ziel war ferner. Sie durchfuhren die Stadt Tiberias der Länge nach vom Norden nach Süden, blickten flüchtig in die netten Gäßchen, die sich von der Hauptverkehrsader abzweigten, sahen Plätze mit feinen stillen Palästen und einen orientalisch lebhaften kleinen Hafen. Sie sahen stattliche Moscheen, Kirchen mit dem lateinischen und griechischen Kreuz, und Synagogen in steinerner Pracht. Dann waren sie am Südende der Stadt, wo es wieder Villen und Hotels gab, die sich in schmucker Reihe, nur von Gärten unterbrochen, beiläufig eine halbe Gehstunde weit bis zu einem größeren Haufen von Gebäuden fortsetzten: dort befanden sich die heißen Quellen, die ausgedehnten Badeanstalten.
Ungefähr in der Mitte zwischen der Stadt und den Bädern, vor dem Gitter einer in Laubwerk halb verborgenen Villa machte der Motorwagen Halt.
„Wir sind angelangt!“ rief David, indem er seinen Sitz verließ.
Das Gitter öffnete sich. Ein alter Herr trat auf die Steinschwelle, lüpfte mit freudigem Gesichtsausdruck sein Käppchen und fragte:
„David, mein Kind, wo ist er?“
Friedrich wußte nicht, wie ihm geschah. Auch hier, im Hause des alten Littwak, wurde er schon sehnsüchtig erwartet. Es ging dabei freilich nicht mit Wundern zu, denn die fröhlich unerwartete Botschaft von seiner Ankunft war den Eltern Davids und Mirjams durch das Telephon von Friedrichsheim aus mitgeteilt worden.
Und dieser stattlich und frei auftretende alte Mann war jener kümmerliche Hausierer, dem Friedrich einst in dem Wiener Kaffeehause ein Almosen hatte reichen wollen. Welch eine merkwürdige, glückliche Veränderung. Und doch war alles auf die natürlichste Weise von der Welt gekommen. Die Littwaks hatten eben zu den Ersten gehört, welche beim Beginn der großen Kulturarbeit hierhergeeilt waren. Sie ernteten die Früchte des wirtschaftlichen Aufschunges, den sie redlich mitbereiten geholfen hatten.
Aber es gab auch einen Schmerz im Hause, und zu diesem Schmerze wurde Friedrich vor allen Dingen geführt. Das war die kranke Mutter Davids und Mirjams. Oben im ersten Stocke, auf der Veranda, von der man eine so schöne Fernsicht über den See genoß, da lag sie mehr als sie saß in ihrem Lehnstuhle. Sie streckte Friedrich ihre abgezehrte gelbliche Hand entgegen, als er zu ihr hintrat, und ihre schmerzensreichen Augen blickten aus dem wächsernen Gesichte mit unendlicher Dankbarkeit zu ihm auf.
„Ja,“ sagte sie nach den einleitenden Begrüßungs- und Dankesworten mit leidender Stimme, „ja, lieber Herr Doktor, Tiberias is schön, und die Bäder sein gut — aber herkommen muß man, solang es noch Zeit is. Bei mir war es schon zu spät. Zu spät!“
Mirjam stand neben ihr und streichelte ihr das Gesicht: „Mutter du siehst besser aus, seit du hier bist. Die Kur hat dir wohlgethan. Du wirst es erst recht spüren, wenn du wieder zu Hause bist.“
Frau Littwak lächelte wehmütig:
„Mein gut’ Kind, ich bin schon so auch zufrieden. Ich bin ja beinah schon im Garten Eden. Schau’n Sie da hinaus, Herr Doktor, was ich da vor mir hab’. Nicht wahr, der Garten Eden?“
Friedrich trat, wie sie ihn anwies, an die Brüstung der Veranda und blickte in die Landschaft hinaus. Da schimmerte der See von Genezareth. Vom Frühling weich die Umrisse der Ufer und fernen Höhen. Jenseits die steilen Abhänge des Dscholan, die sich in den Wassern spiegelten. Am Nordrande des Sees die Mündung des Jordanflusses und dahinter großartig, in schneeiger Majestät der Hermon, wie ein greiser Riese die kleineren Berge, die verjüngten Lande überschauend. Und hier zur Linken, immer näher die milden Buchten, die lieblichen Gestade, die Ebene von Genezareth, Magdala, Tiberias, das neue steinerne Juwel, überragt von den dunklen Mauern der Burgruine auf dem Berge. Und überall ein Grünen und Blühen, eine junge, duftende Welt.
„Es ist der Garten Eden!“ sagte Friedrich ganz leise vor sich hin, und als er Mirjam neben sich fühlte, ergriff er unwillkürlich ihre Hand und preßte sie sanft, als ob er ihr dafür danken wollte, daß das Leben noch so schön sei.
Die Kranke sah es von ihrem Lehnstuhl aus. Eine Freude stieg in ihr auf, ihr Herz klopfte stärker.
„Kinder!“ murmelte sie unhörbar, und versank in Träume.
5. KAPITEL.
In der kleinen Villa, welche die alten Littwaks für die Dauer des Kurgebrauches gemietet hatten, konnten die Gäste nicht beherbergt werden. Nur Mirjam wohnte bei ihren Eltern. David hatte für sich und seine Freunde in einem Hotel neben den Badeanstalten Zimmer bestellt. Das Gepäck aller war schon dahin gesendet worden, und als sie nach der Begrüßung von Littwaks Eltern nach ihrem Quartier fuhren, um sich vom Wegstaube zu säubern, da war für sie schon Ordnung und Bequemlichkeit vorbereitet. In der Halle des Hotels wurden sie von einer älteren Dame und zwei Herren freundlich erwartet. David machte diejenigen, die einander noch nicht gesehen hatten, bekannt. Die Dame war eine Jüdin aus Amerika, Mrs. Gothland. Sie hatte etwas so Mildes in ihrer Art, daß jeder von ihr sehr bald bezaubert war. Unter den grauen Haaren hatte ihr gütestrahlendes Gesicht noch immer einen Liebreiz. Von den beiden Herren war der eine, der den klappenlosen schwarzen Schlußrock der anglikanischen Geistlichen trug, der Reverend William H. Hopkins, Seelsorger der englischen Kirchengemeinde in Jerusalem. Er hatte einen langen weißen Prophetenbart, schöne schwärmerische blaue Augen, und er freute sich zum größten Erstaunen Kingscourts, als ihn dieser zuerst irrtümlich für einen Juden hielt. Der andere Herr in Mrs. Gothlands Gesellschaft war des Architekten Bruder, der Bakteriologe Professor Steineck, ein lustiger, hastiger und zerstreuter Gelehrter, der so laut sprach, als ob er immerfort mit einem Auditorium von Schwerhörigen zu thun hätte. Mit seinem Bruder geriet er in der Regel nach fünf Minuten Beisammenseins in Streit, obwohl sie einander vergötterten. So geschah es auch jetzt. Der Architekt hatte den Fremden vorgeschlagen, das Institut Steineck, die berühmte Werkstätte seines Bruders, zu besichtigen.
Der Professor sträubte sich dagegen und schrie stirnrunzelnd:
„Ich bin bereit, Sie verstehen? Aber es giebt bei mir nichts zu sehen. Nicht der Mühe wert. Ein Haus mit mehreren Zimmern und Meerschweinchenställen. In jedem Zimmer steht ein Mensch, der experimentiert. Das ist alles. Sie verstehen? Mein Bruder bringt mich immer in solche Verlegenheiten.“
Mrs. Gothland lächelte:
„Die Herren werden Ihnen nicht glauben. Ihr Institut ist als eine Sehenswürdigkeit bekannt.“
Hierauf lachte Professor Steineck, daß es in der Halle dröhnte:
„Falsch! Mikroben wollen Sie sehen? Es ist das charakteristische der Mikroben, daß man sie nicht sieht, das heißt, nicht mit freiem Auge. Das sind mir schöne Sehenswürdigkeiten. Ueberhaupt kennt man meinen Standpunkt. Ich glaube nicht an die Mikroben. Züchte sie nur einerseits und bekämpfe sie andererseits. Sie verstehen?“
„Nein!“ brummte Kingscourt ergötzt. „Kein Wort versteh’ ich. Es scheint so eine Art chemischer Küche zu sein. Was kochen Sie da eigentlich, Herr Professor?“
Dieser schmunzelte sehr gemütlich:
„Pest, Cholera, Dyphteritis, Tuberkulose, Kindbettfieber, Hundswut, Malaria ...“
„Pfui Deibel!“
Mrs. Gothland sagte:
„Nämlich die Heilmittel gegen alle diese Feinde der Menschheit. Wir wollen ihn aber nicht lange fragen und auch ohne ihn sein Institut besuchen. Fremden von Distinktion ist der Eintritt nicht verboten. Es wird uns schon jemand herumführen.“
„Halt!“ rief der Professor, „so will ich denn in Gottesnamen mitgehen. Sonst stoßen Sie gerade auf meinen dümmsten Assistenten, der Ihnen den Streptokokken-Bacillus für den Cholerabacillus ausgiebt. Sie verstehen?“
„Kein Wort!“ gestand Kingscourt.
Die Gesellschaft löste sich für ein Weilchen auf. Der Architekt hatte die Pläne eines neuen englischen Spitals, das in der Nähe von Jerusalem erbaut werden sollte, für Mr. Hopkins mitgebracht, und die beiden hatten nun miteinander einiges zu besprechen. Frau Sarah wollte vor allem Fritzchen versorgen. David bat um Urlaub, weil er noch in das Franziskanerkloster müsse, um den Pater Ignaz, einen der zur Feier des heutigen Abends geladenen Gäste, abzuholen. Es wurde verabredet, daß man zum Nachtessen in der Villa des alten Littwak wieder zusammenkomme. Mrs. Gothland übernahm es, die Herren pünktlich hinzuführen, und dann fuhr sie in Begleitung Kingscourts, Friedrichs, Reschid Beys und des Professors nach dem Institut Steineck, das in einer Viertelstunde erreicht war. Es lag südlich am Seeufer, hinter einem Bergvorsprunge, und war ein schmuckloses Gebäude von mäßiger Ausdehnung.
Der Professor bemerkte erklärend:
„Wir brauchen für unsere Zwecke kein großes Haus. Mikroben nehmen nicht viel Platz ein. Meine Stallungen befinden sich in den Zubauten, die Sie dort sehen. Ich brauche sehr viele Pferde und anderes Getier. Sie verstehen?“
„Aha, Sie reiten viel aus?“ sagte Kingscourt. „Begreif’ ich — in dieser prachtvollen Gegend.“
„Was wollen Sie von der Gegend?“ rief Professor Steineck. „Ich brauche die Pferde und Esel und Hunde, kurz, meine ganze Menagerie, zur Herstellung von Serum. Ich erzeuge große Mengen dieser Heilmittel. Meine Ställe reichen bis dort hinunter, wo Sie die Gebäude der Luftfabrik sehen.“
„Wa—as?“ schrie Kingscourt, „verehrtester Pferdevergifter, Sie werden mir doch nicht erzählen, daß hier Luft fabriziert wird. Es giebt doch Luft jenug, sogar janz famose zum Einatmen.“
„Natürlich meine ich flüssige Luft, Mr. Kingscourt! Sie verstehen?“
„Ach so! Das verstehe ich freilich. Das hab’ ich schon vor meinem Abgang aus der jebildeten Welt in Amerika kennen jelernt. Also diese Industrie habt Ihr auch herbekommen?“
„Diese und jede andere — alle! In der Kälteerzeugung besitzen wir sogar ein gewisses Prestige. Weil wir ein warmes Land haben — wenigstens von hier den Jordan hinunter ist es das ganze Jahr hindurch recht behaglich eingeheizt. Also darum haben wir uns die Kälteindustrien besonders angelegen sein lassen. Sie verstehen? So wie man die besten Oefen in den kalten Ländern hat, während man in Italien im Winter bitterlich friert. Ganz so haben wir uns für die Hitze mit genügendem Eis zu versorgen gewußt. Wenn Sie zum Beispiel um die heiße Jahreszeit auch nur in eines unserer bescheidenen Häuser kommen, werden Sie den kühlenden Eisblock in der Mitte des Zimmers sehen. Wer um eine Kleinigkeit mehr zahlen will, kauft sich einen Blumenstrauß im Eise und stellt ihn auf den Mittagstisch.“
„Kenn’ ich!“ sagte Kingscourt, „diesen Witz mit den frischen Blumen im Eisblock hab’ ich schon auf der Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 jesehen.“
„Ich wollte Ihnen auch nichts neues erzählen. Wir haben uns eben alles Vorhandene zu Nutzen gemacht. Die Kälteartikel sind bei uns ein Volksbedürfnis und werden daher durch die Konkurrenz spottbillig in Massen erzeugt. Der Minderbemittelte kann natürlich nicht wie die Wohlhabenden ins Libanongebirge ziehen, wenn der Sommer kommt. Den ärmeren Europäern geht es ja geradeso. Aber die Wissenschaft hat uns gelehrt, wie wir uns den Aufenthalt auf der Erdoberfläche überall angenehmer und gesünder machen können. Sie verstehen? Wir haben durch unsere technisch vorgebildete Jugend und durch die Unternehmungslustigen alle bekannten Industrien hierherverpflanzt erhalten. Der kosmopolitische Zug der Industrie war eine Erscheinung, die Sie schon zu Ihrer Zeit gesehen haben. Warum hätten wir dies alles nicht auch bekommen sollen, da es einträglich war? In unserer Erde staken Schätze, wenn man sie nur zu heben verstand. Die chemischen Industrien erschienen hier am frühesten, sie sind ja sozusagen am leichtesten transportabel. Mr. Kingscourt, haben Sie vielleicht im vorigen Jahrhundert zufällig an einer Universität Chemie studiert?“
„Nee, zufällig nich!“
„Da hätten Sie es hören können, wie man schon damals in gelehrten Kreisen über den Wert von Palästina dachte. Reschid Bey, der sich in Deutschland das Doktorat der Chemie geholt hat, mag es Ihnen sagen.“
Reschid sagte bescheiden:
„Sie bringen mich in Verlegenheit, Professor, wenn ich in Ihrer Gegenwart mein bißchen Wissen auskramen soll. Uebrigens wußte das vor zwanzig Jahren schon jeder junge Student der Chemie, daß der Boden von Palästina ungehobene Reichtümer enthielt. Das Jordanthal und die Gegend um das Tote Meer waren geradezu als Schulbeispiele bekannt. Ein deutscher Chemiker schrieb zu Ende des vorigen Jahrhunderts über das Tote Meer: ’Dieses am tiefsten unter dem Ozeanspiegel gelegene Wasserthal bildet eine fast konzentrierte Salzlauge von sich nicht wiederholender Zusammensetzung, und es hat Auswürflinge asphaltischer Massen, die auf solche Weise nirgends wieder hervortreten ...’ Wenn Sie die Einrichtung unserer Wasserkräfte besichtigen, meine Herren, werden Sie erfahren, wie wir uns den Niveauunterschied zwischen diesem tiefsten Wasserspiegel der Erde und dem Mittelmeer zu Nutze machten. Aber das ist eine andere Sache, die Sie später kennen lernen werden. Ich will Ihnen nur sagen, daß das Tote-Meer-Wasser eine nahezu gesättigte salinische Lauge vorstellt, wie sie ähnlich nur in Staßfurt vorkommt. Sie haben gewiß von den Staßfurter Kalisalzwerken gehört, die den Weltmarkt beherrschten. Wir haben das heute in einem noch viel größeren Umfange am Toten Meer ...“
„Fabelhaft!“ schrie Kingscourt.
„Gar nicht!“ lächelte Reschid Bey. „Das ist alles so selbstverständlich wie nur möglich. Was man in Staßfurt konnte, kann man doch auch am Toten Meer. Freilich ist dieses unser Wasser viel reicher, als irgend ein anderes der Welt. Man muß ordentlich an die alten Sagen denken, in denen ein Hort in Fluten versenkt wurde. Kinder glauben, daß ein solcher Hort nur in güldenen Spangen, Ketten und Münzen bestehen kann. Aber die Salze des Toten Meeres sind auch Gold. Der Bromgehalt dieses Wassers wird von keiner anderen natürlichen Lauge erreicht. Sie wissen doch, welch’ ein kostbarer Stoff Brom ist. Und was erzeugen wir sonst noch alles in dem fruchtbarsten Bezirke unseres Landes, der früher der ödeste, der tote war! Im Jordanthal und am Toten Meere giebt es bituminöse Kalke, aus denen der anerkannt beste Asphalt der Welt hergestellt wird. Der deutsche Chemiker Elschner bemerkte aber auch seinerzeit, daß die geologische Beschaffenheit der Gegend auf das Vorhandensein von Petroleum hindeute. Dieses wurde thatsächlich erbohrt. Schwefel und Phosphate besitzen wir ebenfalls in unerschöpften Massen. Die Bedeutung der Phosphate für die Kunstdüngerfabrikation kennen Sie so gut wie ich. Thatsächlich konkurrieren unsere Phosphate erfolgreich mit den tunesischen und algerischen, und dabei ist ihre Gewinnung weit müheloser und billiger als zum Beispiel die der Phosphate im amerikanischen Lande Florida. Die künstlichen Dungmittel, die wir so nahe und wohlfeil haben konnten, trugen begreiflicherweise zum großartigen Aufblühen unserer Landwirtschaft bei ... Aber ich fürchte, daß Mrs. Gothland sich bei diesen nüchternen Geschichten langweilen wird.“
„Durchaus nicht!“ versicherte die Dame liebenswürdig.
Der Professor fügte hinzu:
„Im modernen Leben giebt es solche Zusammenhänge zwischen Industrie und Landwirtschaft. Sie verstehen? Alles gehört zu allem. Es muß nur der Unternehmungsgeist und das Wissen da sein, um die Verbindungen herzustellen. Ich selbst, wie Sie mich da sehen, obwohl ich nur ein Esel der Gelehrsamkeit bin, ich schaffe auch für die Industrie und Landwirtschaft.“
„Wenn Sie mir das erklären können, verehrtester Mikrobenzüchter!“ staunte Kingscourt.
„Sollen Sie haben!“ entgegnete Steineck schmunzelnd. „Es war eine bekannte Thatsache der Bakteriologie, daß der Geschmack verschiedener Käse, das Aroma der Tabaksarten von solchen Mikroorganismen herrührt, mit denen ich mich herumzuschlagen pflege. Da haben wir uns also in diesem Institute bemüht, diese kleinen Ursachen delikater Wirkungen herzustellen, um sie den Käsefabrikanten und Tabakpflanzern zu liefern. Die Käsesorten unseres Landes wetteifern jetzt an Güte mit den besten Schweizer und französischen Erzeugnissen. Und im warmen Jordanthale werden Rauchkräuter erzielt, die nicht hinter denen von Havanah zurückbleiben.“
Und er führte nun seine Gäste durch die Laboratorien der Anstalt, die dem Pariser Institut Pasteur nachgebildet war. Seine zahlreichen Assistenten ließen sich durch den Besuch nicht sonderlich stören und arbeiteten ruhig mit ihren Prüfgläschen, Mikroskopen und an ihren Herden weiter, nachdem sie auf die gestellten Fragen kurz und höflich Antwort erteilt hatten. Einer schnauzte aber seinen Lehrer Steineck gemütlich grob an:
„Lassen Sie mich in Ruhe, Herr Professor! Ich habe jetzt für solche Fragereien keine Zeit. Der Kerl entschlüpft mir sonst wieder.“
Steineck zog seine Gäste sofort folgsam aus der Stube und sagte draußen:
„Er hat ganz Recht. Der Kerl ist nämlich sein Bacillus. Sie verstehen?“
Er führte sie dann in seine eigene Werkstätte, die ebenso einfach ausgestattet war, wie die seiner jungen Gehilfen.
„Hier arbeite ich.“
„Woran, wenn man fragen darf?“ erkundigte sich Friedrich.
Der Blick des Gelehrten wurde träumerisch:
„An der Erschließung Afrikas!“
Die Besucher glaubten, nicht recht gehört zu haben, oder war der Forscher doch ein bißchen übergeschnappt?
Kingscourt wiederholte mit verdächtigem Augenblinzeln:
„Sie sagen: an der Erschließung Afrikas?“
„Jawohl, Mr. Kingscourt. Ich hoffe nämlich, das Mittel gegen die Malaria herauszubringen. Hier in Palästina sind wir zwar mit der Malaria ziemlich fertig geworden, Dank unseren Entsumpfungsarbeiten, Kanalisationen, Dank den Eukalyptuspflanzungen. Aber die Verhältnisse sind anders in Afrika. Dort sind alle diese Aufwendungen nicht möglich, weil die Voraussetzung, die Masseneinwanderung fehlt. Der weiße Mensch, der Kolonisator, geht dort zu Grunde. Afrika wird für die Kultur erst dann eröffnet sein, wenn die Malaria unschädlich gemacht ist. Erst dann werden kolossale Gebietsstrecken für die überproduzierten Bevölkerungen der europäischen Staaten zugänglich. Erst dann wird den proletarischen Massen ein gesunder Abfluß verschafft. Sie verstehen?“
Kingscourt lachte:
„Sie wollen also die weißen Menschen in den schwarzen Erdteil verfrachten, Sie Zauberkünstler?“
Aber Steineck erwiderte ernst: