Altes und Neues über Karl Stülpner mit Benutzung der Schönberg'schen Aufzeichnungen

Part 6

Chapter 62,125 wordsPublic domain

Wie öffentlich Stülpner früher für vogelfrei erklärt worden war, ebenso öffentlich wurde er aufgefordert, daß er bei einer freiwilligen Rückkehr zu seinem Regimente als Wilddieb nicht weiter bestraft werden solle.

Welche Freude für den Geächteten, als er sich von der Wahrheit dieser Versicherung überzeugen durfte. Ihm war, als wenn sich eine drückende Last von ihm gewälzt, als wenn Sklavenketten seinen Gliedern entfallen wären, da er frei wieder in sein Vaterland zu seinen Verwandten und Freunden zurückkehren durfte.

Ungesäumt verließ Stülpner jetzt die Wohnung seiner Mutter, wo er sich seit der neuen Gestaltung seines Schicksales aufgehalten hatte und eilte in das Stabsquartier seines Regiments, um sich als freiwillig zurückkehrender Deserteur zu melden. Daselbst angelangt, trat er, ohne irgend eine Strafe weiter zu erhalten, wieder in die Reihe seiner Musketiere ein. Mit Eifer und musterhafter Ordnungsliebe unterzog er sich der ihm obliegenden Pflichten und gewann durch ein bescheidenes und stilles Betragen in kurzer Zeit das Vertrauen und Wohlwollen seiner Vorgesetzten, sowie die Liebe seiner Kameraden wieder.

Im gesellschaftlichen Umgange war er zurückhaltend und einsilbig, denn er bemerkte nur zu oft, daß er der Gegenstand der Neugierde war und schlich sich öfters aus der Gesellschaft fort, die um seinetwillen sich versammelt hatte.

Er selbst schwieg stets von seinen Thaten, ob sie doch gleich so viel Aufsehen erregt hatten und nur von seinen Oberen aufgefordert, brachte er es über sich, davon zu erzählen. Weder prahlend noch furchtsam sprach er dann, aber offen und wahr, und gab über manche vorher unbegreifliche Dinge Aufschluß. Vergeblich versuchte man von ihm etwas von seinen Mitschuldigen und den Abnehmern seiner Beute zu erfahren, worüber er stets die größte Verschwiegenheit bewahrte und gewöhnlich mit den Worten das Gespräch abbrach: »Ich habe sie nicht gekannt,« oder: »Ich will und werde sie nicht nennen.«

Ueberhaupt leuchtete aus seinem ganzen Benehmen hervor, daß er einen unerschütterlichen Ernst und eine nicht gewöhnliche Gewalt über sich besaß, sowie eine gewisse Abneigung gegen das Gewöhnliche während seines abenteuerlichen und verhängnisvollen Lebens gewonnen hatte.

Kurz nachdem Stülpner wieder zu seinem Regimente zurückgekehrt war, verehelichte er sich mit der Tochter des Richters Wolf aus Scharfenstein, mit welcher er schon seit mehreren Jahren in näherer Verbindung gestanden, aber wegen seines frühern, unstäten und unerlaubten Lebenswandels die Einwilligung der Eltern zur Trauung nicht erhalten hatte. Jetzt, da er wieder auf freien Fuß gestellt war und sich eifrig bestrebte, durch rege Thätigkeit und treue Pflichterfüllung seine begangenen Vergehen wieder gut zu machen, konnte der alte Wolf (seine Gattin war kurz vorher gestorben) den wiederholten Bitten der Tochter seine Genehmigung zur Verbindung mit ihrem Karl zu geben, nicht länger mehr widerstehen. Stülpners Gattin blieb in der Behausung ihres Vaters, da das geringe Traktement in der Garnison nicht ausreichte, sie hinlänglich versorgen zu können, und beschenkte ihn nicht lange darauf mit einem munteren Knaben.

So schien sich denn das Schicksal, das Stülpnern zeither immer so hart verfolgt hatte, wieder mit ihm auszusöhnen und ihm nach so vielen sturmbewegten und gefahrvollen Tagen wieder heitere Stunden gewähren zu wollen. Denn wenn er sich auch jetzt als Ehegatte und Familienvater oft kümmerlich behelfen mußte, da der geringe Sold kaum für ihn hinlangte und er außer seiner Dienstzeit sich allen möglichen Handarbeiten unterzog, um seiner Familie einiges zufließen zu lassen, so befand er sich doch glücklich in seiner Lage und man hörte nie eine Klage über seine Lippen kommen.

Hierzu kam noch, daß man ihm einige Hoffnung auf Erlangung einer Försterstelle in den weitläufigen Waldungen seines Gerichtsherren unter der Bedingung gemacht hatte, daß er zuvor noch einige Jahre im Militärdienste ausharre und jeden auf ihm ruhenden Verdacht vertilge. Diese für ihn so günstige Aussicht ließ ihn daher jetzt gern alle Mühseligkeiten seiner oft drückenden Lage überwinden.

So waren denn wieder einige Jahre für Stülpner verflossen, ohne daß seine so sehnliche Hoffnung nach einem gewissen Brote sich erfüllt hätte; denn so sehr man sich auch überzeugte, daß Stülpner einen solchen Posten am besten verwalten würde und ganz dafür geeignet sei, so sehr man hoffen konnte, was auch Stülpners ernstlicher Wille war, seine begangenen Fehler durch treue und geschickte Verwaltung einer solchen Stelle in etwas wieder gut zu machen, so blieb doch immer dieser sein inniger Wunsch noch unerfüllt. Denn wenn auch das hier und da noch nicht erloschene Mißtrauen ihm nicht die größten Hindernisse in den Weg legte, so waren es doch die Forstbeamten, die ihn aus leicht zu erratenden Gründen nicht gern auf diese Art angestellt sehen wollten.

Während so sich Stülpner immer noch der täuschenden Hoffnung hingab, bald durch eine lebenslängliche Anstellung der kümmerlichen Sorge für seine Familie, die unterdessen durch die Geburt eines Mädchens vermehrt worden war, überhoben zu werden, türmten sich auf einmal am südlichen Horizonte eine Menge schwarzer Gewitterwolken auf, die durch ihr schnelles Herannahen und Herabstürzen auf unsern vaterländischen Boden so manche schöne Hoffnungen zertrümmerten.

Das Jahr 1806 nämlich war es, wo der Welterstürmer Napoleon mit seinen Siegesscharen auch unser Vaterland heimsuchte und in kurzer Zeit ganz Deutschland damit überflutete.

Unter den 20000 Mann Sachsen, welche im September 1806 in Thüringen einmarschierten, um sich dem linken Flügel des preußischen Heeres anzuschließen, befand sich auch das Chemnitzer Regiment, und unter ihm Stülpner. Auf der Flucht nach der unheilvollen Doppelschlacht von Jena und Auerstädt ward Stülpner, der während der Schlacht als Scharfschütze treue Dienste geleistet hatte, von seinem Regimente versprengt und auf der Retirade nach Weimar gefangen genommen. Mit einer Menge ebenfalls gefangener Preußen wurde er nun von französischen Husaren nach Querfurt transportiert und daselbst auf dem Schlosse in Verwahrung gebracht. Stülpner hatte schon mehrere Tage gehungert und in Querfurt wurde ihm auch nur ein wenig Brot und Wasser verabreicht, er beschloß deshalb auch hier durch die Flucht seiner Gefangenschaft zu entgehen. Vermittelst einiger Stricke, die er sich zu verschaffen gewußt hatte, ließ er sich zwei Tage nach seiner Ankunft in Querfurt während einer stürmischen Nacht mit noch vier anderen Kameraden drei Stockwerk hoch von seinem Gewahrsam herunter und entkam mit seinen Gefährten glücklich bis nach Merseburg, inzwischen aber war die Neutralität Sachsens erklärt worden. Von hier aus nahm er in gerader Richtung seinen Weg in die Heimat zu seiner Familie, die ihn zwar mit großer Freude, aber zugleich auch in Trauer empfing. Acht Tage vor seiner Ankunft in Scharfenstein war seine Mutter in einem Alter von 89 Jahren an Altersschwäche gestorben, ihr innigster Wunsch, vor ihrem Hinscheiden ihren Karl noch einmal zu sehen, war ihr nicht erfüllt worden. Stülpnern betrübte diese Nachricht sehr, hing er doch an der Mutter mit großer Liebe; jetzt besuchte er ihren einfachen Grabeshügel und weihte ihr Thränen wahrer kindlicher Liebe.

Nachdem er sich einigermaßen bei den Seinen in Scharfenstein von den überstandenen Strapazen erholt hatte, ging er nach Chemnitz zu seinem Regimente zurück, das nach der Jenaer Schlacht und nach der erklärten Neutralität Sachsens wieder sein Standquartier, leider sehr geschwächt, bezogen hatte; viele von den braven Musketieren waren in der Schlacht geblieben, viele tödlich verwundet worden.

Nach achtzehnjähriger Dienstzeit forderte Stülpner seinen Abschied, der ihm jedoch nicht gewährt wurde, weil man bei dem nahe bevorstehenden Kriege solche tüchtige Scharfschützen und brave Leute nicht entbehren konnte. Stülpner war hierüber sehr unzufrieden, nahm auf sechs Wochen Urlaub in seine Heimat und da man ihm das Versprechen, nach höchstens vierjähriger Dienstzeit nach seiner freiwilligen Stellung ihn wieder zu verabschieden, nicht gehalten hatte, so glaubte er nun auch nicht so pflichtgetreu handeln zu müssen; er desertierte abermals nach Böhmen, wo er sich in der Nähe von Sebastiansberg auf dem St. Christoph Hammer eine Schenke pachtete und seine Familie dahin nachkommen ließ.

Hier lebte Stülpner fünf Jahre lang in stiller Zurückgezogenheit mit den Seinigen, deren Zahl sich unterdessen noch durch die Geburt eines Knaben vermehrt hatte und befand sich ganz erträglich. Sein abenteuerliches Leben zog immer viele Gäste herbei, die bei dem Anhören seiner Thaten und seiner erlittenen Schicksale beim Bierkruge so manchen Kreuzer sitzen ließen. Mit dem Jahre 1813 zogen die Oesterreicher nach Sachsen gegen Napoleon, Sachsen erließ Generalpardon, was Stülpner veranlaßte mit seiner Familie in seine Heimat Scharfenstein zurückzukehren und seinen Abschied zu fordern, der ihm diesmal auch gewährt wurde.

Im Spätherbste desselben Jahres durchstreiften eine Menge Kosaken, spottweise Bauernkosaken genannt, unser Gebirge, die überall plündernd eindrangen und einstmals auch wohl 200 Mann stark nach Scharfenstein kamen, um alles, was sie fortbringen konnten, mit sich zu nehmen. Auch Stülpners Familie blieb nicht verschont, das Raubgesindel trug ihr sämtliche Habseligkeiten weg. Enrüstet über diese Frechheit eilte Stülpner zwei Nachzüglern nach und warf sie, nach einigen unsanft ausgeteilten Rippenstößen in die Zschopau, um ihnen hier ein russisches Dampfbad zu bereiten. Kurz darauf befreite er das Dorf Grießbach, wo auch eine Menge Kosaken plünderten, mit Hilfe eines ungarischen Husarenunteroffiziers, der auf dem Schlosse Scharfenstein als Salvegarde lag, von diesen Räubern, und hatte sich durch seine längst anerkannte Bravour und Kühnheit einen solchen Ruf erworben, daß er überall in der Umgegend, wo solche Plünderungen verübt wurden, zu Hilfe herbeigerufen wurde und durch seine Geistesgegenwart und derben Fäuste so manche Mißhandlung der armen Einwohner sowie den Verlust ihres Eigentums verhinderte.

Im Jahre 1814 kaufte sich Stülpner ein Haus in Großolbersdorf, welches später seine Tochter besaß, die an den Holzhändler Schönherr verheiratet war. Nachkommen dieses Schönherr, also Enkelkinder und Urenkel Stülpners, leben heute noch in Marienberg, in Lauterbach und in Lauta.

In Großolbersdorf blieb Stülpner 5 Jahre, wanderte dann, von seinem unruhigen Geist immer wieder fortgetrieben, abermals nach Böhmen, wo er sich in Preßnitz niederließ und mit glücklichem Erfolg Paschhandel betrieb.

Stülpner blieb bis zum Jahre 1828 in Böhmen, wo ihn das große Unglück traf, durch den Staar ganz zu erblinden. In dieser für ihn höchst traurigen Lage brachte er bis 1831 zu, wo er sich in Mittweida einer Operation unterwarf, aber nur auf dem linken Auge die Sehkraft wieder erlangte.

Als er im 73. Lebensjahre stand, entwirft Schönberg über seine Persönlichkeit folgende Beschreibung: Stülpner ist zwar noch rüstig und gesund und bietet allen Elementen Trotz, doch seine Hand, vermittelst welcher er sonst seine tödliche Kugel so sicher zu dem verfolgten Ziele sendete, zittert, und seine Sehkraft ist so geschwächt, daß er stets einen Blendschirm tragen muß, und ist deshalb nicht vermögend, durch irgend eine Handarbeit seine kümmerliche Existenz zu fristen. Er besitzt noch alle Zähne, die wohl erhalten sind, und seine Sprache ist, vorzüglich wenn er bei dem Erzählen seiner Thaten in jugendliche Hitze gerät, noch so kräftig und donnernd, daß oft die Fensterscheiben davon erklirren möchten. Ebenso ist seine ganze Haltung noch gravitätisch genug, um mit einer spanischen Grandezza darin wetteifern zu können. Seine Länge beträgt 76 sächsische Zoll und seine braune männliche Physiognomie verrät sogleich das ihm angeborene treuherzige Wesen, aber auch, wenn er gereizt wird, seine leicht aufbrausende Hitze. Die Aussprache Stülpners gleicht dem höhern erzgebirgischen Provinzialdialekt.

In seinem hohen Alter ist Stülpner, da er vollständig erwerbsunfähig geworden war und kein Vermögen besaß, ganz und gar auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen gewesen, doch ist es falsch, wie man hier und da hört, daß er bettelnd umhergezogen und zuletzt im Armenhaus gestorben sei. Unter den Jagdgenossenschaften hatte man an verschiedenen Orten Sammlungen für Stülpner veranstaltet. Herr Pastor Maximilian Lindner in Großolbersdorf schreibt mir: »Der Wilddieb und Abendteurer Karl Stilpner (nicht »Stülpner,« wie sich jetzt die Nachkommen seines Bruders, in Scharfenstein wohnhaft, schreiben), hatte sich zwar gar nichts für sein hohes Alter erspart, aber so oft er sich bei seinem Schwiegersohne hier besuchsweise aufhielt und da schon halb erblindet war, ist er nicht von fremden Leuten unterstützt worden. Sein Lebensabend in Scharfenstein wurde ihm, dem ehemaligen herrschaftlichen Holzwärter, von der immer sehr gnädigen Familie von Einsiedel auf Schloß Scharfenstein, einer stillen Beschützerin, durch ansehnliche Spenden dergestalt erleichtert, daß es ihm an Nahrung und Kleidung nicht mangelte.«

Laut Kirchenbuch zu Großolbersdorf ist Karl Stülpner am 24. September 1841 in Scharfenstein an Entkräftung gestorben und am 27. desselben Monats auf dem Gottesacker zu Großolbersdorf christlich beerdigt worden.

Ueber Stülpners Sohn teilt mir gütiger Weise Herr Pastor Lindner weiter mit: »Stülpners Sohn, in Böhmen geboren, diente als Jüngling von ungefähr 18 Jahren bei Fabrikdirektor Leonhardt in Scharfenstein. Im Jahre 1845 habe ich mit Herrn Leonhardt diesen Stülpner als Soldat in Theresienstadt gesehen. Im Jahre 1875 oder 1876 hat mich dieser Stülpner hier besucht und befand sich in schlechtem Zustande. Wo er sich jetzt aufhält, ist mir unbekannt.«

_Ende._

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.

Der Begriff _aufzuheben_ statt _auszuheben_ wurde wie im Original beibehalten.

Korrekturen:

Titelseite: Löse e -> Löseke Druck und Verlag von E. _Löseke_

S. 9: mitgenommen -> mitgenommenen mit einer aus Vorsicht _mitgenommenen_ Messergabel

S. 10: Gutsbesitzer -> Gutsbesitzers Verwendung eines _Gutsbesitzers_ dieser Gegend,

S. 14: Mensche -> Mensch »Jeder rechtliche _Mensch_ ist verpflichtet,

S. 17: letzterer logisch falsch: muß _ersterer_ sein (nicht geändert) bis _letzterer_ in Stücke zersprang.

S. 22: Oberförsterer -> Oberförster Der gute _Oberförster_ mahnte Stülpnern,

S. 44: pünklich -> pünktlich auch hierin _pünktlich_ Folge leisteten

S. 47 vielleich -> vielleicht _vielleicht_ hätte er dieselben ebenso bereitwillig erhalten.

S. 52: daß -> das Regimente zurück, _das_ nach der Jenaer Schlacht