Altes und Neues über Karl Stülpner mit Benutzung der Schönberg'schen Aufzeichnungen
Part 5
Der Gerichtsdirektor G., Stülpners unversöhnlicher Feind, hatte es dem Major von Einsiedel nicht vergessen können, daß er ihm wegen seines zu strengen Verfahrens gegen Stülpnern einige Vorwürfe gemacht hatte und bot alles auf, um sich auf irgend eine Art an ihm zu rächen.
Als er durch seine Kundschafter in Erfahrung gebracht hatte, daß sich Stülpner schon seit einiger Zeit ganz ungescheut in der Behausung seiner Mutter aufhalte, so glaubte er jetzt am besten seine Rache befriedigen zu können, nur war ihm die Anwesenheit des Majors in Scharfenstein noch im Wege, da er bei der Gegenwart desselben am Gelingen seines Unternehmens zweifelte, doch auch dieses Hindernis wurde bald zu seiner Freude beseitigt, der Major reiste auf einige Zeit nach Glauchau zum Besuch. Kaum hatte der Gerichtsdirektor diese Botschaft erhalten, als er auch die Forstbeamten der Umgegend, sowie ein Militärkommando aufforderte, sich an einem bestimmten Abend, wo man Stülpnern bei seiner Mutter gewiß vermutete, in Scharfenstein zu seiner Aufhebung sofort einzufinden.
Dem Befehle Folge leistend, stellten sich die Forstbeamten, sowie der Gerichtsverwalter selbst nebst seinem treuen Diener, dem Gerichtsfrohn W., zur festgesetzten Zeit auf dem Schlosse zu Scharfenstein ein, wo man sichs bei dem gastfreien Pächter bis zum Einbruch der Nacht wohlgefallen ließ, ohne jedoch gegen denselben von dem wichtigen Vorhaben etwas verlauten zu lassen, da man seine menschenfreundliche Gesinnung kannte.
Nicht lange darauf traf auch nach eingebrochener Nacht ein Kommando von 79 Mann unter Anführung des Premierlieutenant Oe. aus Annaberg, wo ebenfalls ein Bataillon vom Regimente Prinz Maximilian stand, in Scharfenstein in aller möglichen Stille ein.
Der Abend, es war gegen Ende des Novembers, war ganz zu diesem Unternehmen geeignet; Rabenschwärze bedeckte die Erde, ein wilder Sturm heulte durch den nahen Forst, zum Rauschen des Wehres gesellte sich das Klappern der Schloßmühle.
Wer in die Zurüstung eingeweiht war, hielt Stülpnern für verloren. Mit einer so großen Vorsicht und Stille, daß selbst der wachsamste Kettenhund nicht einmal anschlug nahte man sich dem Hause und umringte es so dicht als möglich.
Stülpner, von allen diesen ernsten Anstalten nichts ahnend, befand sich wirklich, wie er seit der Verabredung mit dem Major zu thun pflegte, bei der Ankunft dieser wohlbewaffneten Schar ganz sorglos in der Behausung seiner Mutter und hatte sich soeben, da es schon 10 Uhr war, auf die Ofenbank, seinem gewöhnlichen Lager, niedergelegt, als er plötzlich ein heftiges Pochen an der Hausthür vernimmt.
Sogleich springt er von seinem Lager auf, um zu sehen, was es giebt. Als er die Hausflur so leise als möglich öffnet, bemerkt er, trotz der großen Finsternis, eine große Menge bewaffneter Menschen, und sofort die ihm drohende Gefahr erkennend, verbirgt er sich schnell, ohne weiter bemerkt zu werden, hinter der Hausthür. In aller Hast dringen der Gerichtsdirektor mit seinen Helfershelfern, der Gerichtsdiener, der Offizier und einige Unteroffiziere, die Jäger und das Gerichtspersonal von Scharfenstein, alle wohlbewaffnet, mit versteckten Laternen in das Haus und in die Wohnstube Stülpners ein, um ihn so geschwind wie thunlich in ihre Gewalt zu bekommen. Stülpner, der in seinem Hinterhalte durch das ungestüme Vordringen nicht bemerkt worden war, näherte sich unterdessen schnell wieder der Hausflur und bahnt sich nun durch einige kräftige Sätze und unsanft ausgeteilte Rippenstöße einen Weg mitten durch die das Haus umzingelnde Besatzung, schlug sich glücklich durch und eilte nach dem zunächst liegenden Dorfe Grießbach, wo er bei einem Bauern seine Doppelbüchse in Verwahrung hatte, um damit sogleich wieder nach Scharfenstein zurückzukehren.
Unterdessen wurde von den eingedrungenen Personen, die von Stülpners Flucht sich immer noch nicht überzeugen wollten, das ganze Haus durchsucht, alles umgestürzt und aufgebrochen, selbst die Dielen aufgerissen und in die Feueresse geschossen, doch alles umsonst, kein Stülpner war zu sehen, und der gehoffte Ruhm und die voreilige Freude verwandelte sich in Mißmut und Unwillen.
Man fand weiter nichts von ihm, als den auf dem Tisch liegenden scharf geschliffenen Hirschfänger, die an der Wand hängende Jagdtasche und einen Rock, welche Gegenstände man mit Beschlag belegte.
Stülpners arme Mutter, die sich schon früher in ihre Kammer zur Ruhe begeben hatte, wurde von dem tyrannischen Gerichtsdiener W. gewaltsam aus dem Bette gerissen und in die Stube geschleppt, wo sie unter Drohungen den Aufenthalt ihres Sohnes angeben sollte. Der Schreck, die Verwirrung und die Angst der armen Frau waren so groß, daß sie erst lange nicht vermögend war, die an sie gerichteten stürmischen Fragen zu beantworten. Endlich, als sie unter den Anwesenden einige Bekannte erblickte, kam sie wieder etwas zur Besinnung und gestand ganz offen, daß ihr Sohn Karl allerdings noch vor einer Stunde dagewesen wäre, daß sie aber durchaus nicht wisse, wohin er sich geflüchtet habe, da sie sich schon früher niedergelegt und daher von seinem plötzlichen Verschwinden gar nichts habe bemerken können.
Als man ihr hierauf die bittersten Vorwürfe machte, daß sie ihren Sohn bei seinem verbotenen Gewerbe noch beherberge und daher selbst große Strafe verdient habe, sagte sie: »Ich weiß wohl, daß mein Karl einen unerlaubten Lebenswandel geführt hat, allein ich kann es mit einem Eid beschwören, daß ich keine Schuld daran habe, sondern ihn im Gegenteil oft flehentlich gebeten, davon abzustehen, da es doch endlich zu nichts Gutem führen könne, worauf er mir in der letzten Zeit versicherte, daß er sich fest vorgenommen, seinem Gewerbe zu entsagen und es auch schon gethan habe. Von Seiten hochgestellter Herren wird für seine Begnadigung gearbeitet und bis zur Ausgleichung seiner Sache könnte ich, wie mir gesagt wurde, meinen Sohn beherbergen.«
Da man aus der Alten weiter nichts herausbringen konnte, wurde beratschlagt, wie man mit ihr weiter verfahren solle. Einige schlugen vor, sie in Gewahrsam zu nehmen, andere stimmten dahin, sie lieber auf freiem Fuß zu lassen, um so durch Verstellung und List von ihr ein andermal zu erfahren, was man eben jetzt vergeblich wünschte.
Freundlicher sprach man daher jetzt mit ihr, schien ihren Worten völlig Glauben zu schenken und äußerte endlich die Gewißheit, daß ihr Sohn eine gelinde Strafe bekommen werde, wenn man ihn aufgreifen würde und beklagte nur, ihr heute diese Unruhe gemacht zu haben, was nicht geschehen wäre, wenn sie nicht auf höheren Befehl hätten handeln müssen.
Unterdessen brach der Tag an und die Untersuchungen waren leider nicht nach Wunsch beendigt.
Der Offizier, der Gerichtsverwalter und die Forstbeamten begaben sich hierauf wieder auf das Schloß, um von den nächtlichen Strapazen auszuruhen.
Das Militärkommando wurde in der Schenke und den zunächst liegenden Häusern einquartiert und beordert, sich um 8 Uhr morgens am Fuße des Schloßberges zum Rückmarsch nach Annaberg zu versammeln.
Während dies alles hier vorging, war Stülpner in Grießbach ebenfalls nicht unthätig. Da er seine ganze Munition in seiner Jagdtasche verwahrt hatte, welche er nebst seinem Hirschfänger wegen der Schnelle seiner Flucht im Stiche hatte lassen müssen, so sah er sich jetzt genötigt, aus Kommißkugeln kleinere Kugeln für die Mündung seines Gewehrs mit dem Messer zu schnitzen, zu welch' saurer Arbeit er zwei volle Stunden brauchte.
Als er damit fertig war, eilte er noch vor Tagesanbruch in der größten Finsternis und bei schrecklichem Regenwetter wieder nach Scharfenstein zurück, um zu sehen, wie die Sache inzwischen abgelaufen sei, und nahte sich nun unerschrocken mit gespannter Büchse der Wohnung seiner Mutter. Da die Besatzung kurz vor seinem Erscheinen wieder abgezogen war und er niemand weiter gewahrte, klopfte er an den Fensterladen seines Nachbars, um sich hier näher nach allem zu erkundigen.
Hier hörte Stülpner ausführlich sowohl die schändliche Behandlung seiner schuldlosen Mutter als auch von der Beschlagnahme seiner Utensilien, sowie überhaupt von der großen Verwüstung, welche bei dem Durchsuchen des Hauses verübt worden war, und alles dies versetzte ihn in solche Wut, daß er sogleich auf die Nachricht, der Gerichtsdirektor, der Offizier und die Forstbeamten hätten sich aufs Schloß begeben, auch das Militär wäre in der Schenke wie in deren Nähe einquartiert, nach dem Schlosse zu stürmte, sich gegen 6 Uhr früh mit seiner scharfgeladenen Büchse unten vor das erste Thor des Schlosses stellte, um hier auf die Heimkehr der genannten Herren zu warten und sie so höflich als möglich zu begrüßen.
Als er so einige Zeit, den Blick unverwandt auf das Schloß gerichtet, dagestanden hatte, kamen die Lokalgerichtsbehörden von Scharfenstein aus dem Schlosse, welche die mit Beschlag belegten Gegenstände Stülpners, seinen Rock, den Hirschfänger und die Jagdtasche trugen, um sie auf Befehl des Gerichtsdirektors sogleich an das Amt Wolkenstein abzuliefern.
Sobald diese Stülpner sahen, donnerte er sie mit den Worten an: »Wo wollt Ihr mit meinen Sachen hin? Sogleich legt Ihr sie hier vor mir nieder oder (die Büchse auf sie anlegend) ich schieße Euch alle zusammen!«
Bestürzt und vor Angst zitternd, befolgten die Behörden seinen Befehl, woraus er denselben noch anbefahl, sogleich in das Schloß wieder zurückzukehren: und den Herren daselbst zu sagen, daß sich Stülpner selbst seines Eigentums wieder bemächtigt habe. Während diese froh, ohne Schaden davon gekommen zu sein, auch hierin pünktlich Folge leisteten und wieder in das Schloß zurückwanderten, zog unterdessen Stülpner seinen Rock an, schnallte seinen Hirschfänger um, hing sich seine Jagdtasche über, worin sich noch unangetastet seine ganze Munition befand, und war froh, so wohlbewaffnet seine Feinde erwarten zu können.
Als er sich wieder auf seinen Posten gestellt hatte, sah er plötzlich den Offizier, den Gerichtsdirektor und die Forstbeamten, alle beritten, aus dem Schloßthore herauskommen und rief ihnen ein fürchterliches »Halt!« entgegen. Als diese Stülpnern in seiner drohenden Stellung sahen, wollten sie sofort in das Schloß zurückreiten; da fielen plötzlich zwei Schüsse, deren beide Kugeln das Hinterteil von dem Braunen des Oberförsters Pügner aus Geyer trafen.
Auf diese tollkühne That Stülpners ward sofort das Thor verrammelt und aus den Schloßfenstern auf das Wirtshaus hinabgerufen, daß das daselbst befindliche Militärkommando sogleich aufbrechen und auf Stülpnern, der seinen Posten noch immer keck behauptete, Feuer geben solle.
Stülpner hörte den Befehl ruhig an, lud seine Büchse wieder und begab sich von seinem Posten in den herrschaftlichen Bleichgarten, um hier das Militär zu erwarten. Als das Militär in Sturmschritt anrückte, schrie Stülpner mit donnernder Stimme ihnen zu:
»Hat einer Lust, auf mich Feuer zu geben, so schieß er in drei Teufelsnamen, mich schießt keiner tot!« (Dies sind seine eignen Worte, bemerkt hierzu Schönberg und fügt noch hinzu, daß Stülpner heute noch die wahnsinnige Idee behaupte, kugelfest zu sein; im Stockböhmischen habe ihm ein Mönch ein Präservativ gegeben, das allen Kugeln Trotz biete).
Ohne nur im mindesten von den Musketen Gebrauch zu machen, eilte sämtliches Militär an Stülpner vorüber und auf das Schloßthor zu, welches, nachdem alle in den Schloßhof eingetreten waren, wieder zugeschlossen und so fest wie möglich verrammelt wurde.
Stülpner, der früh 6 Uhr seinen Posten betrat, behauptete denselben bis fast zum Einbruch der Nacht, ohne daß die so zahlreiche und wohlbewaffnete Besatzung im Schlosse einen Ausfall auf ihn zu machen wagte, und begab sich hierauf, nachdem er erst bei seiner Mutter eingekehrt war, wieder nach Grießbach.
Als die Herren vom Schlosse aus Stülpnern endlich wieder abziehen sahen, wagten sie erst ihre Heimkehr anzutreten, doch ohne sich wieder zu Pferde zu setzen, sondern von dem Kommando als Schutzwache umgeben, ließen sie ihre Pferde nachführen.
So endete diese Szene, die unstreitig mit zu den tollkühnsten Handlungen gehört, die Stülpner verübte.
Viele der freundlichen Leser werden vielleicht selbst diese Tollkühnheit Stülpners, die allerdings das Glaubhafte zu übersteigen scheint, bezweifeln, doch lebten zu Schönbergs Zeiten in Scharfenstein und Umgegend noch viele, die Augenzeuge dieses tollen Vorganges gewesen waren; und dann muß man voraussetzen, daß Stülpner überhaupt nichts zu verlieren und zu gewinnen hatte, auch des unstäten Umhertreibens höchst überdrüssig war; er scheute den Tod nicht und nur zu gut wußte man, daß derjenige, welcher überhaupt Miene machte, auf ihn zu schießen, mit ihm zugleich sein Grab gefunden haben würde. Seine körperliche Stärke, seine Geistesgegenwart und seine Sicherheit im Schießen waren allbekannt. Dazu kam noch, daß das Militärkommando von Stülpners früherem Regimente Prinz Maximilian war, unter welchem er noch viele Anhänger und Bekannte hatte, welches daher nur im äußersten Notfalle den Befehl, welcher überhaupt damals in Scharfenstein nicht von dem Offizier, sondern von dem Gerichtsdirektor ausgegangen war, auf ihn zu schießen, würde respektiert haben. Wenn man daher dieses alles erwägt, wird man es gar nicht so unbegreiflich finden, daß Stülpner seinen so zahlreichen Verfolgern nicht nur glücklich entging, sondern sich sogar keck genug ihnen, zum Kampfe gerüstet, entgegen stellte und sie gleichsam auf Leben und Tod herausforderte.
Zwei Tage nach diesem merkwürdigen Vorfall und mißlungenen Streifzug gegen Stülpner begegnete ihm ein Mann aus Geyer, dem er auftrug, zum Oberförster Pügner zu gehen und ihm im Auftrage Stülpners zu sagen, daß der Oberförster ja nicht glauben solle, jener Schuß am Schloßberge habe seiner Person gegolten und die Kugel hätte durch einen Fehlschuß nur sein Pferd getroffen. Stülpner hätte ihm nur zeigen wollen, daß er sich in seiner Nähe befinde und daß er überhaupt geladen hätte. Wenn sich aber künftig der Herr Oberförster noch mehr um ihn bekümmern würde, dann gäbe es Kugeln für ihn selbst, und er würde wohl wissen, daß Stülpner noch nie gefehlt habe.
Allgemeines Aufsehen mußte natürlich dieser abenteuerliche Feldzug gegen Stülpner erregen, zumal da die große und wohlgerüstete Anzahl seiner Verfolger, trotz ihrer mit so vieler Vorsicht und Mühe getroffenen Maßregeln, anstatt ihn in ihre Gewalt zu bekommen, zuletzt vor ihm selbst flüchteten. Ueberall wurde Stülpners Bravour gerühmt und verbreitet; nur der Gerichtsdirektor G., der als Urheber der ganzen Sache mit seinem treuen Gerichtsdiener so unrühmlich wieder abziehen mußte, konnte der Schadenfreude, die ihm aus den meisten Gesichtern so deutlich entgegenleuchtete, nicht entgehen, und war über das Mißlingen seines so gut ausgedachten Planes ganz niedergeschlagen und trostlos.
Er wurde es aber noch weit mehr, als Stülpner ebenfalls wie nach Geyer zum Oberförster Pügner ihm sagen ließ, daß er ihm zwar das Wiedererscheinen in Scharfenstein nicht verwehre, aber er zweifle sehr, ob er dasselbe mit gesunder Haut wieder verlassen würde. Diese Drohung schüchterte den guten Mann so ein, daß er eine Zeit lang nicht wagte, seine Wohnung zu verlassen, noch viel weniger getraute er sich nach Scharfenstein zu reisen, um daselbst Gerichtstag zu halten.
Die fürchterlichste Rache aber schwur Stülpner dem Gerichtsdiener W., welchem er es nicht vergessen konnte, daß er seine arme, schuldlose Mutter bei jener Hausvisitation so schändlich gemißhandelt und weil er auch früher immer geäußert hatte, wenn ihm nur Stülpner einmal in den Weg käme, er wolle gewiß mit ihm fertig werden. Wir werden bald hören, wie Stülpner ihn für seine Prahlerei und die Mißhandlung seiner Mutter bestraft.
Hinsichtlich des Militärkommandos that es Stülpnern leid, gestehen zu müssen, daß es sich nicht wie eine zivilisierte Truppe benommen hätte, bei der Hausdurchsuchung hatten sie von dem Boden seine sämtliche Wäsche, bestehend in drei Dutzend Hemden, zwei Dutzend Strümpfen, einem Dutzend Taschentüchern und einem Paare neuen kalbledernen Stiefeln, sowie aus der Vorratskammer alle Würste, Schinken und dergleichen mit sich genommen.
Als der Major von Einsiedel kurz darauf wieder nach Scharfenstein kam und den ganzen Hergang der Sache, von welcher er übrigens schon in Glauchau Nachricht erhalten hatte, näher erfuhr, war er über den Gerichtshalter, der dieses alles während seiner Abwesenheit unternommen, höchst unwillig und aufgebracht, zumal derselbe schon längere Zeit keinen Gerichtstag in Scharfenstein gehalten hatte.
Der Major und sein Pächter Philipp suchten Stülpnern persönlich bei seiner Mutter auf, um ihm zu sagen, daß er den Verlust der bei jener Hausvisitation entwendeten oder zertrümmerten Gegenstände angeben solle, welche der Gerichtsverwalter gern unter der Bedingung ersetzen werde, wenn er künftighin ihn ungehindert nach Scharfenstein passieren lasse.
Stülpner ließ sich endlich durch vieles Zureden dazu bewegen und verlangte 50 Thaler Schadenersatz, indem er dem Major mit Handschlag versprach, den Gerichtsdirektor nicht weiter zu beunruhigen, sobald er dieses Geld erhalten hätte; doch nur die einzige Bedingung noch, der Gerichtsverwalter solle nie wieder seinen Gerichtsdiener mitbringen, wenn dieses geschehe, könne er nicht dafür stehen, daß er lebend nach Thum zurückkehre. Der Major versprach ebenfalls Stülpnern, daß, so lange er leben würde, kein Gerichtsfrohn bei dem zu haltenden Gerichtstage Scharfenstein betreten solle.
Nach diesem geschlossenen Friedensvertrage wurde sogleich ein Bote nach Thum abgesendet, um dem Gerichtsdirektor diese Botschaft zu überbringen. Wer war froher als dieser, durch so leichten Kauf sein Leben wieder gesichert zu sehen. Sogleich siegelte er die geforderte Summe von 50 Thalern ein und übersendete dieselbe an den Pächter Philipp, um sie Stülpnern einzuhändigen. Stülpner ärgert sich heute noch, bemerkt hierzu Schönberg, nicht 100 Thaler verlangt zu haben, vielleicht hätte er dieselben ebenso bereitwillig erhalten.
Drei Tage darauf kam schon der Gerichtsdirektor, um Gerichtstag zu halten, doch dem Vertrage gewiß, ohne seinen treuen Diener mitzubringen. Allein nach Verlauf von einem halben Jahr, als der Gerichtsdirektor eine Exekution in Scharfenstein hatte, brachte er wirklich seinen Gerichtsfrohn wieder mit, wahrscheinlich hoffte er, daß entweder Stülpner nicht anwesend sei, oder daß seine Wut gegen denselben sich abgekühlt habe. Doch er täuschte sich, denn kaum hatte Stülpner von seinem Wiedererscheinen in Scharfenstein gehört, als er sich sogleich aufmachte, um ihm aufzulauern und seine Drohung wahr zu machen.
Als daher der Gerichtsdiener wieder nach Thum zurückkehren wollte, erwischte ihn Stülpner ungefähr 300 Schritte vom Schlosse entfernt und rief ihm mit seiner gewöhnlich donnernden Stimme zu: »Bist Du der Büttel aus Thum?« worauf dieser, seinen Todfeind erblickend, mit stotternder Stimme »Ja« antwortete. Hierauf sprang Stülpner auf ihn zu und richtete erst folgende kräftige Worte an ihn: (Stülpners eigene Worte) »Du bist also der Schurke, der meine alte Mutter so schändlich gemißhandelt hat, und Du hast geprahlt, mich in Deine Gewalt zu bekommen und sei ich in einer Entfernung von zwei Stunden! Hast Du Teufelskünste, so zeige sie!« Bei diesen letzten Worten stürzte der arme Diener der Themis auch schon von Stülpners kräftiger Faust getroffen, zusammen, raffte sich aber schnell wieder auf und entfloh bis in die Nähe des Richters, wo ihn Stülpner wieder einholte, wie ein Blitz ihm sein großes, spanisches Rohr entwandt und damit so lange auf ihn losschlug, bis es zuletzt in Stücke zersprang, welche Ueberreste seines stolzen Paniers er ihm mit den Worten ins Gesicht warf: »Hier Kerl, hast Du vollends den Dank für Deine Prahlerei und für die an jenem Abende bei der Hausvisitation an meiner armen Mutter ausgeübte Mißhandlung.«
Der am ganzen Körper zerfetzte und auf dem Boden sich herumkrümmende Gerichtsdiener richtete sich endlich mit vieler Mühe wieder auf und wollte vor Scham und Wut knirschend wieder nach dem Schlosse zurückkehren, um sich daselbst Hilfe zu verschaffen; allein Stülpner, der seinen Plan sogleich erkannte, vertrat ihm den Weg mit den Worten: »Du gehst dorthin (ihm den Weg nach Thum zeigend) oder das Donnerwetter soll Dich vollends zerschlagen.« Willig und ohne ein Wort weiter zu erwidern, eilte der für seine Prahlerei so reichlich bezahlte Gerichtsdiener seiner Heimat zu, ohne sich weiter umzusehen und Scharfenstein je wieder zu betreten.
Der Major von Einsiedel, der Rittmeister von Zinsky, der Gerichtsverwalter G., der Pächter Philipp, sowie noch mehrere anwesende Gäste sahen, durch das klägliche Geschrei des Gerichtsdieners und durch das kräftige Accompagnement Stülpners aufmerksam gemacht, diese Szene vom Schlosse aus mit an, und alle, mit Ausnahme des Gerichtsdirektors, der das Gesicht ungeheuer dabei verzog, aber seinem treuen Diener keine Hilfe zu senden wagte, teils aus Furcht vor Stülpnern selbst, teils weil er ihn trotz der dringenden Vorstellung des Majors mitgebracht hatte, freuten sich herzlich, daß der wegen seines brutalen, habsüchtigen Benehmens allgemein verhaßte Gerichtsfrohn seine schon längst verdiente Strafe so reichlich hier erhielt.
So endeten denn alle diese Ereignisse, die, obgleich anfangs so drohend und hinsichtlich der angewendeten Mittel so gefahrvoll für Stülpnern erscheinen mußten, zuletzt doch zu seinem Ruhme und bezweckten endlich für ihn noch das Gute, daß er seit der Zeit von seinen Feinden nicht wieder beunruhigt wurde, da sie wohl einsahen, daß Stülpner nicht mit sich spaßen lasse.
Ueberdies verhielt er sich auch in Bezug auf seine frühere Lebensart seinem Versprechen gemäß ruhig und blieb wie zuvor größtenteils bei seiner Mutter in Scharfenstein, wo er ganz sorglos umherging und von da auch oft Ausflüge in die Umgegend machte. So reiste er während dieser Zeit in seinem Jägerkostüme dreimal nach Chemnitz, wo er in der Regel der Wachtparade seines früheren Regiments ganz nahe beiwohnte und jedesmal seinen alten Gönner, den Major von Gundermann, mit besuchte, von welchem er stets reichlich beschenkt (er erhielt bei jedem Besuch vier Laubthaler) und gut bewirtet, wieder schied, ohne in dem so volkreichen Chemnitz, obgleich er von allen erkannt, verfolgt zu werden.
Inzwischen wurde an seiner Begnadigung von seiten des Majors von Einsiedel und des Rittmeisters von Zinsky, wozu sich noch ein dritter Menschenfreund, der Kammerherr von Nostiz gesellte, thätig gearbeitet. Doch obgleich schon sechzehn Bittgesuche nach Dresden an die Regierung deshalb eingesandt worden waren, so schien doch immer das gehoffte Resultat noch nicht zu erfolgen. Endlich wendete sich Stülpner noch mit zwei Bittschreiben an den würdigen Pater Herz, dem damaligen Beichtvater unseres höchstseligen Königs Friedrich August.
Der Pater Herz antwortete Stülpnern eigenhändig wieder, daß er, was in seinen Kräften stünde, gern zur Erleichterung und Begünstigung seines Geschickes thun wolle, nur müsse er erst die dazu günstige Gelegenheit abwarten. Als daher einst bei der damals noch kurfürstlichen Tafel Friedrich August gut gelaunt war, leitete Pater Herz absichtlich das Gespräch auf Stülpnern und bat um dessen Begnadigung. Da sämtliche anwesende hohe Gäste schon im voraus zu Gunsten Stülpners gestimmt, sich ebenfalls mit für ihn verwendeten und besonders hervorhoben, daß Stülpner durch Mangel an Erziehung, durch Unwissenheit und allerlei Umstände zu seiner unerlaubten Lebensart verleitet worden wäre, er aber durchaus kein gefährlicher Mensch sei, sondern die schönsten Beweise von dem Gegenteil an den Tag gelegt habe, so konnte der stets wahrhaft großmütige und nachsichtsvolle Fürst diesen Bitten nicht länger mehr widerstehen und gab sogleich nach aufgehobener Tafel Befehl, den über Stülpnern geschleuderten Bannfluch aufzuheben.