Altes und Neues über Karl Stülpner mit Benutzung der Schönberg'schen Aufzeichnungen
Part 4
Pastor: »Sonderbarer Mann, dies ist eine eigene Zumutung, ich sehe ihn heute zum ersten Male, kenne weder seinen Namen, noch sein Gewerbe, noch seine Herkunft, weiß nicht zu welchen Glauben er sich bekennt, und soll eine so wichtige Religionshandlung mit ihm vornehmen?«
Fremder: »Auf diese Bedenklichkeiten wird es freilich notwendig sein, mich zu nennen. Ich bin der Wildschütz Stülpner.«
Ueberrascht trat der Pastor einige Schritte zurück, mußte sich erst einen Augenblick sammeln, und sprach darauf zu Stülpnern: »Ich muß über die Kühnheit erstaunen, mit welcher er so öffentlich bei mir erscheinen kann, da er doch wissen wird, daß es auch meine Pflicht ist, den landesherrlichen Befehlen Gehorsam zu leisten, und daß es daher meine Schuldigkeit erfordert, seine Gegenwart sogleich der Obrigkeit anzuzeigen.«
Stülpner: »Dies werden und können Sie nicht thun, Herr Pastor, denn, wenn ich mich auch an Ihrer Person nicht vergreifen werde, so möchte es doch keinem gut bekommen, der sich gegen mich rühren würde. -- Ich bin kein böser Mensch, Herr Pastor, traurige Umstände haben mich in meine jetzige Lage gebracht. Auf meinem Gewissen ruht keine Blutschuld; aber ich stehe, wie jeder Mensch, in Gottes Hand, und in meinen Verhältnissen ist Beruhigung das dringendste Bedürfnis, diese glaubte ich bei Ihnen zu finden.«
Pastor: »Gern wollte und würde ich seinen Wunsch befriedigen, wenn nicht selbst die Ausübung der Religion den bürgerlichen Gesetzen untergeordnet wäre. -- Kehre er zurück von seinem Irrwege, unterwerfe er sich der Gnade seines Landesherrn und nur dann bin ich imstande, seiner Seele Ruhe, Trost und Hoffnung auf Vergebung seiner Fehltritte zuzuführen, und nur dann erst ist er würdig und vorbereitet genug diese heilge Handlung zu begehen.«
Stülpner: »Zwingen kann ich Sie nicht, meinen so herzlichen Wunsch zu erfüllen, mir den Trost der Religion zu geben; doch ich kann Ihnen nochmals heilig versichern, daß er aus wahrem Herzen kam. Also ist es Ihnen nicht möglich, meine Bitte mir zu gewähren?«
Pastor: »Unter den jetzigen Verhältnissen unter keiner Bedingung.«
Stülpner: »Nun, so verzeihen Sie meine Freiheit und leben Sie wohl!«
Schnell verließ er die Stube und das Haus des Pastors. -- Zwar zeigte derselbe den Vorfall sogleich der Obrigkeit an, man spürte Stülpnern einen ganzen Tag lang nach, allein abermals kehrten die Ausgesendeten unverrichteter Sache zurück.
Als Stülpner kurz nach seinem Erscheinen beim Pastor in Thum im Marienberger Walde sein Revier beging, wo damals der Hofjäger Pätzhold aus Wüstenschlette seinen Jagdbezirk hatte, welcher mit unter die eifrigsten Verfolger Stülpners gehörte, so trug es sich zu, daß Stülpner mit einem seiner Kameraden den Laut von Jagdhunden hörte. Sogleich wendete er sich nach der Gegend hin und erblickte einen Achtzehnender, welchen die Hunde scharf verfolgten. Stülpner legte an und schoß den Hirsch in vollem Jagen. Hierauf schleppte er ihn mit Hilfe seines Kameraden in die Jugend, um ihn hier aufzubrechen.
Nachdem dies geschehen, begiebt sich Stülpner unter Zurücklassung seines Gehülfen bei dem erlegten Hirsche auf eine Anhöhe um sich hier nach den Jägern, welche den nun von ihm geschossenen Achtzehnender verfolgten, umzusehen. Als er einige Zeit hier gestanden und unterdessen seine Büchse wieder geladen hatte, bemerkte er in noch ziemlicher Ferne auf einem großen Gehau eine Menge Reiter von der in Marienberg stehenden Kürassier-Eskadron nebst einer großen Anzahl Landleute, welche mit Hilfe der Forstbeamten aufgeboten waren, den Wald zu durchstreifen und vorzüglich Stülpnern daselbst aufzuheben. Dieser verließ jetzt, als er die ihm drohende Gefahr bemerkte, schnell seinen Posten, kehrte zu seinem Kameraden zurück und schaffte mit demselben den Hirsch fünfzehn Schritte von dem Aufbruchplatze in ein gut verwahrtes Versteck, worin er selbst mit seinem Genossen blieb.
Als dieses bedeutende Streifkorps durch den Schuß von Stülpnern aufmerksam gemacht, sich immer mehr der Gegend näherte, wo er den Hirsch erlegt hatte und zuletzt dem Orte, wo er in seinem sichern Gewahrsam weilte, so nahe kam, daß er alles vernehmen konnte, was gesprochen wurde, so hörte er unter anderem den Hofjäger Torges aus Steinbach, der über den Aufbruch des Hirsches, welcher noch ganz warm war, sowie über das Verschwinden des Wilddiebes sehr aufgebracht wurde, folgende Worte äußern: »Herr Hofjäger Pätzhold, es ist doch kein Hase, den einer schießt und steckt ihn in die Tasche und steigt damit auf den Baum; Sie haben mich heute das achtzehnte Mal zur Streifung eingeladen, ich komme nicht wieder dazu; den Kerl (Stülpnern) hat der lebendige Teufel!«
Hierauf nahm dieses ganze Streifkorps seine Richtung nach der böhmischen Grenze zu, worauf Stülpner, sich nun sicher glaubend, mit seinem Genossen wieder aus seinem Hinterhalte sich hervorwagte, den erlegten Hirsch auf einem freien Platze zerwirkte und dann das Wildpret in die stets bereit liegenden Säcke packte und so schwer beladen mit seinem Gefährten ebenfalls seinen Weg der Grenze zu einschlug.
Auf der Landstraße angekommen, verweilte er in einem großen Steinbruch, um einen Fuhrmann abzuwarten, der ihm sein Wildpret aufladen solle. Nach Verlauf einiger Zeit kommt wirklich ein Vierspänner, welcher nach Böhmen seinen Weg nimmt; sogleich geht Stülpner auf ihn zu, spricht ihn an, ob er nicht für ein gutes Trinkgeld sein Wildpret bis auf den böhmischen Gasthof in Reitzenhain mitnehmen wolle? Der Fuhrmann weigert sich erst, seinen Wunsch zu erfüllen. Da greift Stülpner in die Zügel der Pferde und droht dem Fuhrmann, »wenn er nicht sogleich sein Wildpret aufladen wolle, mit seinem Gehilfen den Wagen umzustürzen.«
Eingeschüchtert durch die drohenden Worte, ladet der Fuhrmann schließlich das Wildpret auf und nun geht es vorwärts, der böhmischen Grenze zu. Stülpner geht 200 Schritte vor und sein Kamerad 200 Schritte als Bedeckung nach dem Wagen. So gelangten sie, ohne unterwegs noch jemandem weiter zu begegnen oder angehalten zu werden, nachdem es schon sehr dunkel geworden war und überall die Lichter brannten, nach Reitzenhain.
Als sie sich dem sächsischen Gasthof näherten, war das ganze Haus voll von Militär, Forstbeamten und Landleuten, denselben, die zu Stülpners Aufgreifung aufgeboten waren. Sogar der Hof, durch welchen die Landstraße führte, war mit Menschen und Pferden angefüllt, dessen Passage jedoch beim Herannahen des schweren Frachtwagens jetzt so viel als möglich freigemacht wurde. Stülpner passierte nun ruhig, seine Büchse über der Schulter hängend, ohne in der Dunkelheit erkannt und angehalten zu werden, mitten durch seine Verfolger, und blieb, glücklich bis an die Grenze gelangt, stehen, um zu sehen, ob auch der Fuhrmann mit dem Wagen und sein Kamerad glücklich nachkämen, und da auch diese nicht weiter aufgehalten wurden, so ging es über die Grenze.
Hier angelangt, naht sich Stülpner dem Fuhrmanne mit folgenden Worten: »Nun, habe ich es nicht gesagt, daß es gehen wird?« »Ja«, erwiderte derselbe, »wenn es so abläuft, da laß ichs mir gefallen; nun kennen wir einander schon. Wenn ich daher künftig wieder dienen kann, so dürfen Sie mir nur winken, ich werde gern und jederzeit zu Diensten stehen.« Als ihn Stülpner hierauf bezahlen wollte, nahm er durchaus nichts, sondern war damit hinlänglich befriedigt, ihm dadurch eine Gefälligkeit erwiesen zu haben.
Hätten damals die so zahlreich versammelten Feinde und Verfolger Stülpners ahnen können, ihrem so eifrig verfolgten Ziele so nahe zu sein, so hätte er ihnen hier wohl schwerlich entwischen können und würde gewiß seine Tollkühnheit schwer haben büßen müssen.
Jetzt folgt eine Scene, die in Bezug auf Stülpners spätere Befreiung und Aufhebung der ihm gedrohten Strafe einen großen Einfluß hatte.
Als er einst gegen Abend in der Nähe der Heinzebank bei Marienberg auf den Anstand ging, hörte er auf der Landstraße, noch unter der Heinzebank, einen Wagen kommen und einen Postillon blasen, welcher aber nur zwei Stöße in das Horn that, worauf weder von ihm noch vom Fahren des Wagens weiter etwas gehört werden konnte. Stülpner glaubte daher, es wäre etwas mit dem Wagen vorgegangen und begab sich deshalb auf eine Anhöhe, von wo aus er die Landstraße eine große Strecke überblicken konnte.
Er bemerkte drei Straßenräuber, die den Postillon vom Pferde gerissen hatten und eben im Begriff waren, ihm den Garaus zu machen. Sogleich that Stülpner, da er die Räuber wegen der zu großen Entfernung nicht erreichen konnte, einen Schreckschuß. Sobald die Räuber den Schuß gehört hatten, flüchteten sie sich etwas tiefer in den Wald hinein, wo sie aber wieder Posto faßten, um zu sehen, was sich unterdessen ereignen würde. Stülpner eilte so schnell als möglich nach dem Postwagen hin und feuerte, als er die drei Kerle in dem Gebüsch bemerkte, seine beiden scharfgeladen Pistolen auf sie ab, worauf sie sich noch tiefer in den Wald hinein flüchteten.
Hierauf näherte er sich dem Postwagen und half zuerst dem Postillon, welcher nur einige leichte Verwundungen erhalten hatte, wieder auf die Beine, dann untersuchte er den Postwagen, worin außer einem Handwerksburschen, welchen der Postillon aus alter Bekanntschaft blind mitgenommen hatte, weiter kein Passagier zugegen war. Uebrigens enthielt die Post ein Faß mit Geld, welches wahrscheinlich der Zielpunkt der Räuber gewesen war und ohne Stülpners Dazwischenkunft und schnelle Hilfe ein Raub derselben geworden wäre. Da der Postillon noch eine große Strecke Weges durch den Wald zu fahren hatte und aus Furcht vor der Rückkehr der Räuber denselben nicht allein passieren wollte, so erbot sich Stülpner, ihn als Bedeckung zu begleiten und fuhr bis an Marienberg mit heran, wo er unter den herzlichsten Dank- und Segenswünschen des Postillons sich wieder von ihm entfernte, denselben aber bat, seinen Vorgesetzten das soeben Geschehene mitzuteilen, was der Postillon auch versprach und treulich erfüllte, da er überall diese schöne, uneigennützige Handlung Stülpners erzählte, welche von seiten der hohen Behörde sehr zu seinen Gunsten aufgenommen wurde.
Schloß Scharfenstein war zu Stülpners Zeiten im Besitz der altadeligen Familie von Einsiedel. Der derzeitige Herr von Scharfenstein hatte ebenfalls wie seine Vorfahren sich dem Militärdienst gewidmet und österreichische Dienste genommen, als Major in einem ungarischen Husarenregiment unter Laudons siegreichen Fahnen bei der Belagerung von Belgrad mehrere Wunden empfangen, die ihn unfähig machten, seine rühmliche Heldenbahn weiter fortzusetzen. Er nahm daher seinen Abschied, welcher ihm auf die ehrenvollste Art erteilt wurde, und hielt sich bis zur völligen Heilung seiner Wunden erst in Ofen und dann in Wien auf. Doch da ihm das Treiben und das Volksgewühl dieser großen Residenz bald zum Ueberdruß wurde, beschloß er, wieder nach Sachsen zurückzukehren und in der ländlichen Stille seines Schlosses die ihm noch vergönnte Lebenszeit zu genießen.
Während seiner langen Abwesenheit wurde das Rittergut Scharfenstein von einem Pächter, Philipp mit Namen, verwaltet, der als wohlhabender, rechtschaffener Mann die Achtung der ganzen Umgegend genoß.
Groß war die Freude und der Jubel der Bewohner und sämtlicher Unterthanen von Scharfenstein, als sie aus der geschäftigen Eile, womit das Innere des Schlosses zu einem festlichen Empfang geschmackvoll eingerichtet und vorbereitet wurde, nun auf die baldige Ankunft ihres allverehrten Herrn schließen konnten, und als er endlich plötzlich in Scharfenstein eintraf, eilte Jung und Alt in den Schloßhof, um ihn nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen und freundlich zu begrüßen. Liebreich trat der edle Major in ihre Mitte und versicherte seinen treuen Unterthanen, sie nun nie wieder zu verlassen, und als Freund und Vater für sie fernerhin Sorge tragen zu wollen.
Da die Bewirtschaftung des Ritterguts wie früher dem Pächter anvertraut blieb, so verwendete der Major, um sein gegebenes Versprechen treu zu erfüllen, meistenteils seine Mußestunden dazu, sich von den spezielleren Verhältnissen seiner Unterthanen in Kenntnis zu setzen. Liebevoll nahm er an den Schicksalen armer, bedrängter Familien teil und spendete überall gern Hilfe, wo es nötig war; auch in moralischer Hinsicht trug er viel zum Wohle seiner Untergebenen bei.
Im Gerichtsarchiv fand er einen Stoß Akten vor, die, Stülpnern betreffend, seine Aufmerksamkeit auf letzteren lenkten; er hatte übrigens auch schon früher von ihm gehört und beschloß, auch diesen seine Teilnahme erregenden Menschen näher kennen zu lernen. Der Major erkundigte sich in Scharfenstein und in der Nachbarschaft genau nach Stülpners Erziehung, Charakter und Lebenswandel. Da nun das Resultat der Meinungen gewöhnlich immer darin übereinstimmte, daß Stülpner hinsichtlich seines Gewerbes allerdings wider die Gesetze gehandelt und noch handle, er aber durchaus kein bösartiger und gefährlicher Mensch sei, sich außer seinem verbotenen Treiben als Wildschütz noch nie eine schlechte Handlung habe zu Schulden kommen lassen und daß er wahrscheinlich ein sehr brauchbarer und nützlicher Mensch geworden wäre, wenn er gleich von vorn herein eine bessere Erziehung erhalten hätte, so beschloß der Herr von Einsiedel, seiner traurigen Lage eine bessere Wendung zu geben und womöglich durch seinen Bekanntenkreis am Hofe ihm eine Begnadigung des Landesherrn auszuwirken.
Doch konnte er nicht umhin, den schon früher erwähnten Inspektor G. in Thum und damaligen Gerichtsverwalter zu Scharfenstein, als er kam, um dem Major seine Aufwartung zu machen, über das schnelle Verfahren gegen Stülpner einige Verweise zu geben, indem er ihm zu verstehen gab, daß wohl mancher Mensch nicht zum Verbrecher herabsänke, wenn er oft anders behandelt worden wäre und daß dies wohl auch der Fall bei Stülpnern sein könne.
Der Gerichtsdirektor wollte entschuldigend einwenden, daß er während der Abwesenheit des Gerichtsherrn nicht habe anders handeln können, doch ließ dies der Major nicht gelten.
Mit dem Herrn von Einsiedel vereinigte sich unterdessen zur Befreiung Stülpners auch der Rittmeister von Zinsky auf Hilmersdorf, welcher ebenfalls die edlen Gesinnungen des Majors teilte und nun gemeinschaftlich mit diesem für seine Begnadigung wirkte.
Während dieser Zeit erhielt eines Tages der Pächter Philipp durch unbekannte Hand ein Billet, worin er ersucht wurde, zu einer bestimmten Stunde im nahen Walde allein zu erscheinen, ein alter Bekannter habe etwas Notwendiges mit ihm zu besprechen. Der Pächter wunderte sich zwar über diese sonderbare Einladung, doch beschloß er, bei dem Bewußtsein seiner Rechtschaffenheit, ohne Bedenken zur festgesetzten Zeit an der bezeichneten Stelle zu erscheinen.
Kaum war er daselbst angelangt, als Stülpner wie gewöhnlich mit gespannter Büchse aus den schattigen Bäumen heraustrat, und da er den Geladenen allein sah, den Hahn wieder in Ruhe setzend, mit einem höflichen Gruß auf den Pächter zuging. Mit bescheidenem, aber festem Tone bat er hierauf denselben um Verzeihung, daß er ihn hierher bemüht habe, legte seine Gesinnung und die Ursache seiner Handlungsweise unumwunden dar und gestand nun ganz offenherzig, daß er nicht geglaubt hätte, daß sich seine Angelegenheiten auf eine so traurige Art gestalten würden. Zugleich bat er den Pächter, sich für ihn bei dem Major von Einsiedel zur Milderung seiner Lage zu verwenden.
Mit ernster Miene erwiderte hierauf der Pächter, daß er am allerwenigsten hier mit ihm zusammen zu kommen erwartet hätte, es sei doch eine große Dreistigkeit, bei den seinetwegen ergangenen Befehlen sich ihm hier noch zu zeigen.
»Verzeihen Sie, Herr Pächter,« entgegnete Stülpner, »eben diese Befehle veranlaßten mich, Sie hierher einzuladen. In meiner Lage ist es leider fast unmöglich, auf direktem Wege mit einem rechtschaffenen Manne ein Wort sprechen zu können, weshalb ich mich genötigt sah, diesen einzuschlagen, um Sie wegen meiner Lage um Ihren guten Rat zu fragen.«
Pächter: »Ich muß gestehen, daß Er mich in eine große Verlegenheit versetzt, da es mir sehr zum Nachteile gereichen kann, wenn ein Dritter uns hier beisammen sieht; ein jeder ist ja verpflichtet, Ihn zu verhaften.«
Stülpner: »Einem so rechtschaffenen Mann wie Sie kann dies keinen Nachteil bringen, wie wollten Sie mich auch allein (lächelnd nach der Büchse greifend) verhaften? Außerdem zwinge ich Sie ja nicht, mir Rede zu stehen. Doch ich will Sie nicht länger aufhalten, darum zur Sache: Welche Strafe würde mich wohl treffen, wenn man mich in die Gewalt bekäme?«
Pächter: »Das Entspringen aus dem Arrest wird für doppelte Desertion angerechnet werden, welche Strafe Ihm bekannt sein wird, und als Wilddieb droht ihm Festungsbau.«
Stülpner wurde bei den letzten Worten sehr bewegt. »Festungsbau?« rief er erschüttert. »Also doch diese harte Strafe für ein Vergehen, welches ich durchaus nicht als ein so großes Verbrechen erachtet habe. Wenn es da keinen Mittelweg giebt, dann muß es wohl beim Alten bleiben, und da mag es kommen, wie es will.«
Da ihm der Pächter entgegnete, daß seine Begriffe in Bezug auf die Wilddieberei sehr falsch wären, bei solch allgemeiner Willkür würde das Wild in kurzer Zeit ausgerottet sein, gestand es Stülpner zu und wollte auch seinen gewöhnlichen Grundsatz darin nicht weiter rechtfertigen. Hierauf fragte er den Pächter, ob er wohl eine Milderung seiner Strafe zu erwarten hätte, wenn er sich freiwillig der Obrigkeit ausliefere.
Pächter: »Dies hängt von der Gnade des Landesherren ab.«
Stülpner: »Ich würde gern und augenblicklich zu meinem Regiment wieder zurückkehren und mich der Strafe als Deserteur freiwillig unterwerfen, wenn ich nur die Versicherung erhalten könnte, daß ich nicht als Wilddieb bestraft würde.«
Pächter: »Diese Versicherung zu geben, steht nicht in meiner Gewalt, doch käme es auf einen Versuch an.«
Stülpner: »Dieser Versuch möchte doch wohl zu gewagt sein. Ich sehe wohl ein, daß ich mich ferner, auch bei dem besten Willen, zurückzukehren und meinem Gewerbe zu entsagen, unstät und flüchtig umhertreiben muß. Doch es sei. -- Nur noch eine Bitte habe ich wegen meiner kranken Mutter an Sie, Herr Pächter, von deren Erfüllung ich bei Ihrem edlen Charakter überzeugt bin. Wenden Sie womöglich ab, daß sie mit in mein trauriges Geschick verflochten wird; denn ich kann Ihnen bei Gott versichern, daß sie an meinen Unternehmungen keine Schuld hat, und durchaus von meinem Aufenthalte nicht unterrichtet ist. Habe ich mir bisher noch keine boshaften Handlungen zu schulden kommen lassen; so könnte doch durch die Mißhandlungen meiner Mutter dazu fürchterlich gereizt, sehr leicht die erste Mordthat auf meine Seele gebunden werden.«
Pächter: »So wäre es wohl seine heilige Pflicht, für sie sich aufzuopfern und hierdurch ihre Ruhe nicht ferner zu stören.«
Stülpner: »Wie gern würde ich dies thun, wenn nur ein Mittel da wäre, mich von der schimpflichen Strafe zu befreien. Doch länger will ich Sie nicht mehr aufhalten, da wir sonst bemerkt werden könnten. Nur noch die Versicherung wollte ich Ihnen geben, daß ich mich ohne Erlassung der mir drohenden Strafe auf keine Weise lebendig gefangen geben werde. Können Sie übrigens etwas für mich thun, so werde ich es mit dem dankbarsten Herzen anerkennen und Ihnen durch die That beweisen, daß Sie sich für keinen so ganz Unwürdigen verwendet haben. Leben Sie wohl und verzeihen Sie mir meine Ihnen verursachte Bemühung!«
Mit diesen Worten verschwand Stülpner wieder in sein Versteck, der Pächter kehrte nicht ohne Bewegung und Teilnahme in seine Wohnung zurück.
Der Pächter, von der Teilnahme des Majors für Stülpners Lage überzeugt, konnte nicht umhin, seine Zusammenkunft mit demselben ihm mitzuteilen, worüber der Major sich wirklich zu freuen schien, indem er hieraus ersah, daß es Stülpners ernstlicher Wille sei, von seinem verbotenen Lebenswandel abzustehen, was ihn noch mehr bewog, für die Milderung seiner Lage zu wirken.
Kurze Zeit darauf begegnete Stülpner auf einem einsamen Spaziergange selbst dem Major von Einsiedel, der in Begleitung des Rittmeisters von Zinsky war. Ruhig und höflich seinen Hut zum Gruße ziehend, ging er auf diese Herren zu, brachte in bescheidenen Worten die gewöhnliche Entschuldigung und Verteidigung seiner Lebensart vor und versicherte aufrichtig, daß er des wilden und jetzt sogar vogelfreien Lebens herzlich müde sei und bat zugleich den Major sich seiner gnädig anzunehmen und sich für ihn zu verwenden.
Ruhig und gleichsam wohlgefällig hatte der Major zugehört und seine Miene deutete an, daß er die gute Meinung, welche er nach allem, was ihm von Stülpner mitgeteilt worden war, für ihn gefaßt hatte, bestätigt fand. Nachdem er ihm hierauf eine kurze Strafpredigt wegen seines unerlaubten und sträflichen Gewerbes gehalten und ihm das Widerrechtliche seiner Handlungsweise näher auseinandergesetzt hatte, versprach er, sich unter der Bedingung für ihn zu verwenden, wenn er von diesem Augenblicke an von seiner Lebensart als Wildschütz abstehe und sich ganz ruhig verhalte.
Stülpner versprach hierauf mit Hand und Mund, daß er sich ganz nach dem Wunsche und Befehle des Herrn Majors verhalten wollte und versicherte nochmals, daß, wenn er nur als Wildschütz freigesprochen würde, er sich unbedingt bei seinem Regiment einstellen und sich der Strafe als Deserteur unterwerfen würde.
Als der Rittmeister von Zinsky, welcher bisher stillschweigend dieser Verhandlung mit beigewohnt hatte, hierauf noch erwiderte, daß es wohl gut sei, wenn Stülpner von nun an seinem bisher geführten unerlaubten Lebenswandel entsage und keine tollen Streiche mehr begehe, aber wovon solle er denn unterdessen leben, da er sich ja unter seinen gegenwärtigen Umständen nichts verdienen könne? -- »Nun so,« entgegnete der Major, »verspreche ich ihm wöchentlich bis zur Ausgleichung seiner Sache, einen Laubthaler,« »und ich,« sprach der Rittmeister, »gebe ihm alle vierzehn Tage ein Viertel Korn, das er sich bei mir abholen kann, somit hat er Geld und auch Brot.«
Stülpner, der wirklich über die edle Teilnahme dieser beiden Herren sehr überrascht und gerührt wurde, gelobte nochmals, unter dem aufrichtigsten Dank für diese gnädige Unterstützung, daß er schon von heute an sich ganz streng nach ihrem wohlgemeinten Rate verhalten und seinem Leben als Wildschütz entsagen wolle, und bat und fragte den Major, ob er sich wohl nun in der Behausung seiner Mutter aufhalten dürfe?
»Gestatten kann ich dieses zwar nicht,« erwiderte der Major, »doch es wird, wenn Du Dich ruhig verhältst, niemand etwas dagegen haben,« und so schied er, nach kurzem Abschiedsgruß mit seinem Freunde nach dem Schloß zurückkehrend, von Stülpnern, der noch lange in Gedanken versunken diesen edlen Menschenfreunden nachblickte, und endlich den Weg zu seiner Mutter einschlug, um diese von dem soeben Vorgefallenen zu benachrichtigen, und gleich zu seinem gegenwärtigen Entschluß Vorkehrungen zu treffen.
Seine Mutter war über diese Botschaft ungemein erfreut, da ihr der unstäte und strafbare Lebenswandel ihres Sohnes schon so manchen Kummer verursacht hatte, und bot alles auf, um ihn in seinem löblichen Vorhaben mit ihren geringen Kräften zu unterstützen.
Stülpner hielt auch der Verabredung mit dem Major gemäß streng sein Versprechen, da er nicht nur seinem Gewerbe ganz entsagte, sondern sich auch ganz ruhig bei seiner Mutter aufhielt und mit großem Verlangen der Zeit entgegensah, wo er nicht mehr als ein aus der menschlichen Gesellschaft Verbannter flüchtig herum zu irren brauche; er hatte wirklich das bisher geführte Leben herzlich satt und sehnte sich nach Ruhe.
So waren mehrere Wochen verflossen und obgleich Stülpnern im Verlaufe dieser Zeit keine bestimmten Aussichten auf Begnadigung eröffnet wurden, so war er doch auch nicht in seiner Zurückgezogenheit bei seiner Mutter beunruhigt worden. Doch plötzlich zog sich ein so heftiges Gewitter über seinem Haupte zusammen, welches alle seine schönen Hoffnungen zu zertrümmern drohte.