Altes und Neues über Karl Stülpner mit Benutzung der Schönberg'schen Aufzeichnungen
Part 3
Es hatte sich bald überall das Gerücht verbreitet, daß Stülpner wieder die Umgegend seiner Heimat zum Schauplatze seines kühnen Treibens gemacht habe, daß er sich ohne Scheu an öffentlichen Orten zeige, im Wirtshause seinen Krug Bier und seinen Schnaps ganz sorglos trinke, doch ohne seine stets scharfgeladene Büchse sowie seinen scharfgeschliffenen Hirschfänger abzulegen. Auch hatte er sich bald wieder einige Genossen zugesellt, mit welchen er gemeinschaftlich sein Wesen trieb, über die er sich stets jedoch eine gewisse Obergewalt vorbehielt.
Da vorzüglich in dieser Periode Stülpners die merkwürdigsten Scenen sich ereigneten, die seine Kühnheit, Geistesgegenwart, Festigkeit und seinen originellen Charakter so recht hervorheben, werden hier dieselben folgen, wie sie der Wahrheit getreu sich mit ihm zugetragen haben.
Als an einem schönen Oktoberabend der Oberförster in der Gegend des Fürstenberges schon spät sein ansehnliches Revier durchstrich, um auf einen Hirsch zu kommen, hörte er in einer ziemlichen Entfernung einen Schuß fallen. Sogleich eilte der Oberförster nach der Gegend, wo geschossen worden war, um zu sehen, was es gäbe. Nach einigem Hin- und Herirren tritt er endlich aus einem jungen Fichtendickicht auf einen freien Platz und erstaunt nicht wenig, als er hier unter einer schattigen Tanne den soeben geschossenen und schon verendeten Hirsch liegen und daneben auf einem abgehauenen Stamme Stülpnern, die Doppelbüchse an die Tanne gelehnt, von zwei großen Jagdhunden umgeben, sitzen sieht.
Der Oberförster, der anfänglich stutzte und näher zu treten zögerte, schritt hierauf auf Stülpnern zu und bot ihm einen guten Abend. Ohne irgend ein Zeichen von Furcht und Ueberraschung zu verraten, blieb Stülpner ruhig sitzen, dankte höflich und versicherte, daß es ihm leid thue, dem Herrn Oberförster einen vergeblichen Gang gemacht zu haben, da der Hirsch, nach welchem er vermutlich ausgegangen wäre, schon von ihm hier erlegt worden sei. Der Oberförster äußerte hierauf sein Erstaunen über diese Dreistigkeit und fing an unwillig zu werden. Doch Stülpner bat ihn, sich zu beruhigen, da es doch nun einmal nicht zu ändern sei. Hierauf setzte er noch hinzu: »Wollen Sie nicht umsonst gegangen sein, so will ich Ihnen dort unten an der Ecke einen Stand anweisen, wo sie in kurzer Zeit zum Schuß kommen werden.« »So,« erwiderte hierauf gleichgiltig der Oberförster; »doch wie wäre es denn (langsam nach Stülpners Büchse langend, die an der Tanne lehnte), wenn ich mir diese Büchse hier ausbäte?« Stülpner: »Sie steht Ihnen zu Diensten, denn sehen Sie, dort habe ich noch zwei andere, die eben so gut und sicher, wie die hier, treffen.«
Als der Oberförster nach der Gegend hinsah, die ihm Stülpner bezeichnet hatte, erblickte er hinter einigen jungen Fichten noch zwei andere Wildschützen, die sich mit den auf ihn angelegten Büchsen erhoben hatten.
Verblüfft und ohne ein Wort zu sagen legte er die Büchse wieder an ihren Ort und machte Miene, sich zu entfernen. Stülpner aber erbat sich, unter dem Vorwande seinen Schwamm verloren zu haben, noch ein wenig Tabakfeuer aus und belustigte sich herzlich über die ängstlichen Gesichtszüge, die der Oberförster bei dem Anschlagen machte, indem es ihm, da er immer nach den drohenden Mündungen schielte, nicht gelingen wollte. Als es endlich brannte, bedankte sich Stülpner höflichst und setzte hinzu: »Ich stehe ein andermal wieder zu Diensten.« -- Der gute Oberförster mahnte Stülpnern, nur nicht zu fleißig zu sein und entfernte sich so schnell als möglich, ihm eine gute Nacht wünschend, was Stülpner freundlich erwiderte.
Einst war der Bursche eines andern Försters auf den Anstand gegangen, und da es noch sehr zeitig war, hatte er sich unterdessen unter eine Tanne gesetzt und war eingeschlafen. Einige Zeit darauf fühlte er sich auf einmal etwas derb gerüttelt und erwachte. Da stand Stülpner mit gespannter Büchse vor ihm und begrüßte den Erstaunten mit einem: »Guten Morgen, Kamerad!« welches dieser mit einem ängstlichen Gegengruß erwiderte. Hierauf sprach Stülpner zu ihm: »Du hast einen guten Anstand gewählt, Kamerad, hättest aber bald die Zeit verschlafen. Hier wechselt ein Spießer und ich muß einen liefern; Du wirst also so gut sein und mit mir den Platz wechseln. Stelle Dich bei der dürren Fichte unten am Bache an, wo Du nicht vergeblich warten wirst. Ich habe deshalb heute meinen Kameraden dort nicht postiert, weil ich Dich schadlos halten möchte; wenn Du einmal Lieferung hast, so stehe ich dann gern wieder zu Diensten.«
Was wollte der arme Teufel machen? -- Er stellte sich auf den bezeichneten Ort, that einen glücklichen Schuß und Stülpner bekam seinen Spießer.
Als kurze Zeit darauf Stülpner sein Zöblitzer Revier beging, bemerkte er von seinem Anstande aus quer über drei Bauergütern einen Hirsch, er legte an, brannte los und der Hirsch brach zusammen. Hierauf, seine Büchse über die Schulter werfend, setzte Stülpner durch ein Gewände Getreide, um ihm beizukommen, und nachdem er ihn gefunden, kniete er auf den Hirsch, um ihn zu genickfängen, kann aber seinen Genickfänger nicht sogleich finden. Der Hirsch, der unterdessen zu verenden scheint, springt auf einmal auf und nimmt Stülpner, der noch darauf saß, gegen 1200 Schritte über das freie Feld mit. Stülpner, der von weitem sieht, über welchen tiefen Abhang die Reise gehen soll, versucht herunter zu kommen, sprengt aber bei dem Herunterspringen eine Stange von dem Geweih des Hirsches ab, an welcher er sich während dieses Parforcerittes angehalten hatte, und so entkam der Hirsch, ohne daß Stülpner eine zweite Ladung nachsenden konnte.
Vier Wochen darauf erblickte Stülpner auf Zschopauer Revier den Hirsch, welcher ihn abgesattelt hatte, in Gesellschaft von noch fünf andern wieder, da er ihn sogleich an der noch herabhängenden Stange seines Geweihes erkannte; doch da er unter den fünf übrigen einen Achtzehnender gewahrte, so nimmt er diesen aufs Korn, erlegt ihn glücklich und läßt den andern freien Lauf.
Zur Winterszeit schoß er in der Nähe der sogenannten Rätzer-Bretmühle bei Marienberg ein Tier. Nachdem er dasselbe mit zwei seiner Kameraden zerwirkt und in Säcke gepackt, will er sich mit diesen auf den Weg nach der böhmischen Grenze begeben. Als er so schwer belastet mit seinen Genossen die Reise antrat, kamen ihm plötzlich sieben Jäger in den Weg, welche auf Hoflieferung ausgegangen und deshalb alle gut bewaffnet waren. Sogleich wollten diese, Stülpner erkennend, Jagd auf ihn machen, um ihn in ihre Gewalt zu bekommen. Stülpner, den diese Kühnheit verdroß, legte jetzt seine Bürde bei Seite, trat mit angelegter scharfgeladener Büchse vor und rief mit donnernder Stimme: »Halt! was wollt Ihr hier?« worauf ein Grenzschütze, namens Liebeskind, antwortete: »Wir glaubten, es wären Holzdiebe im Forste.« Der älteste Revierbursche Müller sagte hierauf, daß er sie für Pascher gehalten hätte, worauf Stülpner erwiderte: »Also Ihr seid Tabaksbüttel? Ich bin weder Pascher, noch Holzdieb, habe weder Kaffee, noch Zucker, noch Holz aufgeladen, sondern Wildpret, was Euch, da Ihr Tabaksbüttel seid, nichts angeht.«
Hierauf machte Stülpner, während seine anderen Kameraden schußfertig dastanden, die sämtlichen sieben Jäger gewehrlos, nahm ihre Gewehre alle auf die Schulter und lud ihnen dann das in Säcke gepackte Wildpret auf, welches er sie nun bis an die böhmische Grenze zu tragen nötigte. Die sieben Jäger, worunter sich freilich einige alte, kraftlose Burschen befanden, folgten wirklich, durch Stülpners und seiner Genossen drohende Stellung eingeschüchtert, seinem Befehle.
Als sie an Ort und Stelle angekommen waren, gab ihnen Stülpner, ohne jedoch die Steine davon abzuschrauben oder das Pulver aus der Pfanne zu schütten, ihre Kugelbüchsen zurück, ließ sie für ihre gehabte Bemühung aus seiner stets gut gefüllten Korbflasche einige kräftige Züge thun und entfernte sich von ihnen unter herzlichem Dank und Lebewohl.
In dem im Jahre 1835 erschienenen Buche von Schönberg heißt es hierzu: Nach Stülpners Angabe sollen gegenwärtig von den sieben oben erwähnten Jägern noch zwei am Leben sein, nämlich der Amtskopist K. in W. und der als Volontär gehende Jäger M. in D.
Durch diese und andere dergleichen tollkühne Unternehmungen war es kein Wunder, daß Stülpner damals fast überall in der Umgegend der Gegenstand des allgemeinen Tagesgesprächs, namentlich in der Schänke beim Bierkruge wurde. Doch fiel nicht etwa das Urteil der großen Menge für ihn ungünstig aus, im Gegenteil that man sich darauf etwas zu gute, ihn gesehen oder gesprochen zu haben, woraus gar kein Geheimnis gemacht wurde. Noch weniger erschrak man bei einem unvermuteten Zusammentreffen mit ihm, da man immer mehr zu der Ueberzeugung gelangte, daß Stülpner durchaus kein gefährlicher oder bösartiger Mensch sei, da er, außer seinem verbotenen Gewerbe als Wildschütz, sich nie etwas zu schulden kommen ließ, was ihn in den Augen seiner Mitmenschen hätte verdächtig machen können.
Stülpner ging stets nett und jägermäßig gekleidet und benahm sich immer mit einem solchen Anstand, daß er schon dadurch die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ungescheut besuchte er die an der Landstraße gelegenen Wirtshäuser, wo er im Tone alter Bekanntschaft ein Gläschen forderte, seine Korbflasche behaglich aus der Jagdtasche langte, sie füllen ließ, seine Pfeife anbrannte, sich nicht selten in das Gespräch der anwesenden Gäste mischte und so zuletzt unter einem traulichen Adieu sich wieder in die zunächst liegenden Forsten verlor. Doch geschah alles dieses ohne seine Büchse und den Hirschfänger abzulegen.
Kein Wunder war es aber auch, daß Stülpner wegen seiner tollen Streiche, die er vorzüglich in Bezug auf die Forstbeamten ausübte, durch deren immer sich mehrende Anzeigen ernstlich verfolgt und von seiten der Obrigkeit alles aufgeboten wurde, um ihn aufzugreifen und in Gewahrsam zu bringen. Es erschienen jetzt Reskripte und Befehle in Menge, die seine Aufhebung anbefohlen; man durchstreifte mit Aufbietung ganzer Dorfschaften diejenigen Wälder, wo man glaubte, daß er sein Wesen treibe und traf alle möglichen Anstalten, um seiner habhaft zu werden.
Stülpner, mit allen Schlupfwinkeln genau bekannt und von seinen Bekannten und Anhängern oft vor der ihm drohenden Gefahr gewarnt, entging nicht nur bisher glücklich den Verfolgungen seiner ihm immer mehr nachstrebenden Feinde, sondern wurde gleichsam, denselben Trotz bietend, in seinen Handlungen nur noch kühner und unternehmender, sodaß sich die Regierung endlich genötigt sah, da alle bisher getroffenen Anstalten, Stülpnern in die Gewalt zu bekommen, vergebens waren, noch kräftigere Maßregeln zu ergreifen, um einem solchen Unwesen ein Ende zu machen.
Karl Stülpners Signalement wurde daher vom Kopf bis zum Fuß in allen öffentlichen Blättern bekannt gemacht und er sowohl in diesen, als in den gerichtlich angeschlagenen Aufforderungen für vogelfrei erklärt und demjenigen, der ihn lebendig, ein Preis von 80 Thalern, und wer ihn tot an die Obrigkeit ausliefern würde, 50 Thaler zugesichert.
Alle Forst- und Polizeibehörden wurden zu seiner Verhaftung aufgefordert, ja selbst das Militär sollte nötigenfalls dazu requiriert werden. Doch trotz diesen geschärften Befehlen und getroffenen Maßregeln hatte es doch lange Zeit das Ansehen, als ob dieselben nicht mit der gehörigen Gewissenhaftigkeit befolgt würden. Denn obgleich manchen nach dem Preis gelüsten mochte, so schien doch ein solches Unternehmen, ihn anzugreifen, immer als ein sehr gewagtes, da alle nur zu gut wußten, daß, ehe sich Stülpner gefangen geben würde, er alles und selbst sein Leben aufs Spiel setzen und aufopfern werde, und daher schon seine überall bekannte Körperstärke, seine Unerschrockenheit und Gewandtheit, sein sicheres Treffen im Schießen jeden zurückschreckte, einen ernsten Angriff auf ihn zu machen. Es blieb daher, ungeachtet des streng ergangenen Befehles, beim Alten, indem Stülpner zwar etwas vorsichtiger zu Werke ging, aber keineswegs von seiner Lebensweise als Wildschütz sich lossagte.
Der Ruf von Stülpners Tollkühnheit hatte auf viele einen solchen furchterregenden Eindruck gemacht, daß auch diejenigen, welche sich wirklich erfrechten, mit vereinigter Macht auf ihn Jagd zu machen, schon bei seinem Erscheinen auf dem Kampfplatze wie Spreu auseinander stoben und das Hasenpanier ergriffen, wovon folgende Szene ein treues Bild liefert.
Die Freischützen aus dem Städtchen W. hatten gehört, daß Stülpner in ihrer Nähe sein Wesen treibe; um sich einen unsterblichen Ruhm durch sein Aufgreifen zu erwerben, hatten sie sich erkühnt, ~in pleno~ gegen ihn auszurücken, mit dem festen Entschluß, ihn entweder tot oder lebendig in ihre Gewalt zu bringen. Sie langten wirklich in der Gegend, wo sich Stülpner damals aufhielt, an, nämlich in dem Forste unweit der Zschopau, die seit einigen Tagen durch Regenwetter sehr angeschwollen war. Der Anführer dieser Heldenschaar war ein kleiner Schneider, der sich vorzüglich, um seinen Leuten Mut einzuflößen, durch sein mutiges Voranschreiten und durch seine kühne Zunge auszeichnete.
Als sie so schwatzend und gemütlich dem Walde zuzogen, trat plötzlich Stülpner mit gespannter Büchse aus seinem Hinterhalte hervor und rief mit donnernder Stimme: »Wollt Ihr Euch packen, oder ich gebe Feuer!« Er schlug an, aber wie vom Winde zerstoben, flohen die armen, erschrockenen Schützen über Hals und Kopf davon und setzten zähneklappernd durch den angeschwollenen Fluß, um dadurch schneller der drohenden Gefahr zu entkommen. Nur ihr kurz vorher mit seinem Heldenmut so prahlender Anführer, der arme Schneider, getraute sich nicht durch den Fluß und trippelte trostlos und schweißtriefend am Ufer hin und her. Stülpner, ihn persönlich kennend, ließ ihn erst eine kleine Weile in seiner Todesangst herumzappeln, warf dann seine Büchse über die Schulter, rief dem armen Teufel zu und trug ihn mit seinen kräftigen Armen an das jenseitige Ufer, wo er ihn mit den Worten entließ: »Er mag künftighin bei der Nähnadel bleiben und sich nie wieder in solche unberufene Dinge mengen.«
Stülpner verließ jetzt auf einige Zeit seine waldigen Behausungen, um abermals seinen ihn immer schärfer verfolgenden Feinden einige Ruhe zu gönnen, und trieb jenseit der böhmischen Grenze sein Gewerbe. Schon fing man an, seiner weniger zu erwähnen, da man ihn seit längerer Zeit nicht mehr bemerkt hatte, und das Gerücht immer mehr sich verbreitete, er hause nicht mehr auf vaterländischem Boden. Aber plötzlich erscholl sein Name in der Umgegend wieder und verbreitete Furcht und Schrecken unter die Bewohner.
Kurze Zeit nach seinem Wiedererscheinen ereignete sich ein Vorfall, wobei Stülpner durch sein Gefühl für Recht, Redlichkeit und Teilnahme, welche er dabei an den Tag legte, in der allgemeinen Achtung sehr viel gewann.
Schon seit längerer Zeit war durch österreichische Deserteurs und anderes dergleichen liederliches Gesindel das Erzgebirge, vorzüglich an der Grenze, sehr beunruhigt worden. Unsicher waren Straßen und Wälder und nicht selten wurden Reisende daselbst gemißhandelt, geplündert, ja sogar Landleute überfallen und beraubt. Stülpner wurde beschuldigt, an diesen Räubereien mit teilzunehmen. Dieser ihn schwer kränkende Verdacht würde sich gewiß noch mehr bestärkt haben, wenn er sich nicht durch folgende edle Handlung auf die beste Art gerechtfertigt hätte.
Eine Zittauer Leinwandhändlerin hatte den Stollberger Markt bezogen und da gute Geschäfte gemacht, indem sie ihre ganze Leinwand sehr gut verkauft und 300 Thaler daraus gelöst hatte. Als sie nun froh über ihren Erlös wieder in ihre Heimat zurückkehren wollte, gesellten sich in dem Thale in der Nähe Stollbergs zwei Kerle zu ihr und suchten mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen. Die Frau, nichts Böses ahnend, erzählte unklugerweise woher sie käme und daß sie so viel auf dem Markt gelöst habe. Während des Gespräches gelangten sie an einen Seitenweg, welcher in das nächste Dorfe führte, hier wollte sich die Frau von ihren Begleitern verabschieden, als dieselben plötzlich ihr ein fürchterliches Halt geboten und mit drohenden Gebärden die 300 Thaler von ihr forderten.
In dieser entsetzlichen Ueberraschung rief das erschrockene Weib um Hilfe, doch sogleich schwangen die Räuber ihre Knittel, geboten ihr zu schweigen und drohten bei der geringsten Verweigerung ihrer Forderung mit Mißhandlung und Tod.
Unter einem Strome von Thränen flehte das bebende Weib um Mitleid und Erbarmen und schwur bei dem Allmächtigen, daß sie und ihre Familie ohne dieses Geld dem schrecklichsten Elende preisgegeben sei. Die schändlichen Bösewichter ließen sich nicht durch dieses flehentliche Bitten der unglücklichen Frau zum Mitleid bewegen, sondern stürmten nur noch ungestümer auf sie ein, um sich nun mit Gewalt ihres Geldes zu bemächtigen. In dieser höchsten Angst setzte sich das Weib gegen die Straßenräuber zur Wehr, wurde aber sogleich von diesen zu Boden geworfen, festgehalten und nun gewaltsam ihres Eigentums beraubt.
Eben wollten sich diese Schändlichen mit ihrem Raube davon machen, als plötzlich ein Schuß zwischen ihren Köpfen durchsauste, Stülpner vor ihnen stand und sie mit seiner kräftigen Stimme als Schurken begrüßte. Die erschrockenen Räuber wollten erst ihre Beute wieder fahren lassen, als sie aber sahen, daß sie es blos mit einem zu thun hatten, machten sie Miene, auch diesen mit ihren Prügeln zu überfallen. Da warf Stülpner schnell seine Büchse über die Schulter, und in jeder Hand ein gespanntes Pistol haltend, schrie er ihnen zu: »Wer einen Schritt vorwärts thut, der kommt nicht lebendig von der Stelle. Ihr also seid die Schandbuben, die auf meinen Namen Straßenraub ausüben! Wartet, ich will Euch Mores lehren! Sogleich legt Ihr das der Frau geraubte Geld hier vor mir nieder, ohne einen Pfennig zurückzubehalten, geht dann auf diesem Wege hier, ohne Euch umzusehen, der Grenze zu, und wenn ich einen von Euch Buben wieder auf sächsischem Boden treffe, so fliegt ihm eine Kugel durch den Kopf!«
Ganz außer sich wollten die Räuber sich erst mit Stülpnern in eine Kapitulation einlassen; als aber dieser mit den Worten: »Nun so ist's auch jetzt noch Zeit!« seine Pistolen auf sie richtete und losbrennen wollte, da warfen die Straßenräuber eiligst das Säckchen, worin die geraubten 300 Thaler, teils in Speziesthalern, teils in Kassenbillets, verwahrt waren, auf den Boden und eilten unter Fluchen und Toben auf dem ihnen vorgeschriebenen Wege fort.
Durch den Schuß war die Frau erst wieder zur Besinnung gekommen und hatte vorzüglich bei Stülpners nachdrücklichen Worten ihr volles Bewußtsein wieder erlangt. Auf den Knien dankte sie ihrem großmütigen Retter, doch dieser hob sie auf, erkundigte sich teilnehmend nach ihr, ob sie irgend eine Verletzung erhalten hätte und händigte ihr dann das von der Erde aufgehobene Geldsäckchen wieder ein. Hierauf begleitete er sie bis an das nächste Dorf und entfernte sich dann von ihr, ohne eine Belohnung, die ihm die Frau für seine schöne Handlung mit aller Mühe aufdringen wollte, anzunehmen; nur darum bat er, daß sie überall, wo sie hinkomme, der Wahrheit getreu erzählen möge, wie Stülpner gegen sie gehandelt habe, damit man ihn nicht für einen so schlechten Menschen halten und unter die Kategorie der Straßenräuber zählen möge.
Bei dieser Handlung legte der leidenschaftliche Wildschütz einen schönen Beweis seines männlich redlichen Charakters, sowie seiner Geistesgegenwart an den Tag. Es ward auch in kurzer Zeit überall davon geredet und erregte ein allgemeines vorteilhaftes Interesse für ihn; denn ebenso auffallend als die Menge seiner Bewunderer und Freunde zunahm, verminderte sich die Zahl seiner Feinde und Verfolger, da er nicht nur dies einzige Mal dergleichen räuberisches Gesindel aus der Gegend vertrieb, sondern auch die Wälder, in welchen er hauste, von Landstreichern und Bösewichtern säuberte.
Kurze Zeit darauf, nachdem Stülpner die Zittauer Leinwandfrau aus den Händen der Straßenräuber gerettet hatte, kam er gegen Abend in dem großen Reitzenhainer Walde zu zwei Reisenden, welche sich daselbst verirrt hatten. Da sie Stülpnern, der, wie schon erwähnt, als Jäger gekleidet ging, für einen Forstbeamten hielten, so gestanden sie ihm, weil sie viel Geld bei sich führten, ihre Besorgnis wegen Stülpnern. Stülpner entgegnete ihnen, wenn sie sich ihm anvertrauen wollten, würde er sie an einen sicheren Ort bringen, wo sie ruhig übernachten könnten und von wo aus er sie dann, da es heute doch schon zu spät sei, am andern Morgen aus dem Forste auf die Landstraße bringen werde.
Nach einigem Besinnen nahmen die beiden Reisenden seinen Vorschlag an und folgten ihm auf sein Geheiß nun seitwärts durch Gebüsch und Felsen in abwechselnder Richtung bis an eine hügelförmige Stelle, wo Stülpner schnell eine verdeckte Thür öffnete.
Jetzt lud er die staunenden Wanderer ein, in die vor ihnen offene Höhle hinabzusteigen, er versicherte hoch und teuer, daß nicht das Mindeste zu befürchten sei, da es ja sein gewöhnliches Absteigequartier im Forste wäre. Obgleich dieser anscheinlich verdächtige Ort bei den Fremden Argwohn erregen mußte, so sahen sie sich doch genötigt, das Abenteuer zu bestehen. Sie traten also in dieses unterirdische Gemach, welches sie, nachdem Stülpner Licht angezündet hatte, sehr geräumig, bequem und vorzüglich mit einigen schönen Gewehren und Hirschgeweihen ausgeschmückt fanden.
Ihr Wirt setzte ihnen Brot, kaltes Wildpret und einen kräftigen Schnaps vor und nötigte seine Gäste zuzulangen, was sie auch nicht ausschlugen, da sie selbst gestanden, daß sie durch das lange Umherirren im Walde Appetit bekommen hätten.
Nachdem sie gemeinschaftlich unter gleichgültigem Gespräch ihr Abendbrot verzehrt hatten, machte ihnen Stülpner nach altdeutscher Sitte aus einer Menge Tierhäuten ein weiches Lager zurecht, auf welchem sie nun ausruhen sollten, und begab sich dann selbst in eine andere Ecke der Höhle zur Ruhe.
Zwar wollte sich erst bei den Fremden kein Schlaf einstellen, sie hegten gegen ihren Wirt immer noch Mißtrauen, doch endlich siegte die Natur über ihren Argwohn und ihre Unruhe. Als der Morgen zu grauen begann, weckte Stülpner die Reisenden, setzte ihnen ein frugales Frühstück vor und begleitete sie aus dem Walde, von wo aus er ihnen den zu nehmenden Weg zeigte. Als sie sich bei dem Scheiden für die freundschaftliche Aufnahme und Zurechtweisung bei ihm bedankten, erwiderte er ihnen, daß sie doch Stülpnern für keinen schlechten und gefährlichen Menschen halten sollten, sie wären diese Nacht seine Gäste gewesen. Stumm vor Erstaunen standen die Wanderer, Stülpner verschwand im nächsten Gebüsch.
War diese, sowie die vorhergehende Handlung Stülpners geeignet, ein allgemeines Interesse für ihn zu erwecken, die Herzen vieler für ihn zu gewinnen und die Zahl seiner ernstlichen Verfolger zu vermindern, so machte die nächstfolgende ebenfalls auch einen großen Eindruck auf die Menge, welche sehr zu seinem Vorteil sprach, obgleich die Kühnheit, mit der er, als vogelfrei, sie unternahm, auch nicht geringes Staunen erregte.
Der würdige Pastor Schönherr in Thum saß behaglich in seiner Studierstube, eben mit der Ausarbeitung der nächsten Sonntagspredigt beschäftigt, als ein lebhaftes Klopfen an der Thür ihn in seiner Arbeit störte.
Ein freundliches »Herein!« lud zum Eintreten ein, und mit Büchse und Hirschfänger bewaffnet, trat ein nettgekleideter Jäger in das Zimmer, welcher nach gegenseitigem freundlichen Gruß folgende Worte anbrachte:
»Verzeihen Sie, Herr Pastor, wenn ich als ungebetener Gast Sie so früh durch meine Gegenwart belästige.«
Pastor: »Bei mir ist jeder willkommen, der freundlich einspricht. -- Wer ist er, mein Freund und womit kann ich dienen?«
Fremder: »Wer ich hin, können Sie blos auf ausdrückliches Verlangen erfahren, und meine Bitte ist: in diesem Augenblicke meine Beichte zu hören und mir Absolution zu erteilen.«