Altes und Neues über Karl Stülpner mit Benutzung der Schönberg'schen Aufzeichnungen

Part 2

Chapter 23,570 wordsPublic domain

Stülpner blieb indessen nicht lange in seiner ungewohnten Unthätigkeit, er suchte seine vertrauten und heimatlichen Waldungen wieder auf und begann nun förmlich als Wildschütz zu leben. Er trieb sein unerlaubtes Gewerbe bald so stark und dehnte es so weit aus, daß er in kurzer Zeit folgende Reviere zu seinem Wirkungskreis erwählte: Zuerst besuchte er die Marienberger, Steinbacher, Rübenauer, Reitzenhainer, Zöblitzer, Huthaer, Porstendorfer, Leubsdorfer, St. Michaelser Reviere, von da beging er den öderanischen Wald, dann die Plauener, Kleinolbersdorfer, Augustusburger, Börnicher, Lengefelder und Zschopauer Reviere, dann besuchte er den sogenannten Abtwald bei Gelenau, sowie die Thalheimer, Stollberger und Geyerschen Forsten, und endlich versuchte er auch sein Heil in Böhmen, indem er in den bedeutenden Rothenhäuser Waldungen ebenfalls sein Wesen trieb; so daß er mit diesen 21 erwähnten Revieren ziemlich das ganze Erzgebirge, sowie einen Teil von Böhmen als Wildschütze durchstreifte.

Vertraut mit allen geheimen Schlupfwinkeln und Auswegen dieser Forsten, erfahren im Auffinden der liebsten Aufenthaltsplätze und gewöhnlichen Wechsel des Wildes, war es kein Wunder, daß sich Stülpner sowohl den aufmerksamen Blicken der Forstbeamten immer glücklich entzog, als auch als vortrefflich geübter Schütze so manchen Hirsch, so manches Reh und Wildpret aller Gattung mit glücklichem Erfolg erlegte.

Bald war es übrigens kein Geheimnis mehr, daß sich Stülpner in den Waldungen des Erzgebirges herumtreibe, denn teils gelang es ihm doch nicht immer, sich verborgen genug zu halten, um von Landleuten und Holzarbeitern ganz unbemerkt zu bleiben, teils schien er sich auch ganz sicher zu glauben, da es nichts Seltenes war, ihm auf öffentlicher Straße zu begegnen, und er sich öfters auf solchen Orten sehen ließ, wo er bemerkt werden mußte. Obgleich es allgemein bekannt war, daß Stülpners Lebensart keine erlaubte sei, so fanden doch die Bewohner der Gegend keinen Beruf dazu, sich seiner Person zu versichern, er säuberte ja ihre Saaten und Fluren von den Verwüstungen des Wildes, und außerdem schützte er durch sein Umherstreifen gleichsam ihre Waldungen und Feldfrüchte, indem er Gesindel, welches auf Raub der Feldfrüchte ausging, nicht duldete. Bald war ein stillschweigender Vertrag geschlossen, jedermann stellte sich, als ob er Stülpner gar nicht bemerke und von seiner Existenz gar nicht unterrichtet wäre. Selten und nur bei stürmischen Nächten besuchte er jetzt seine Mutter, welche er dann immer von dem Ertrag des abgelieferten Wildpretes mit Geld versah.

Die Mutter war anfangs von dem Treiben ihres Sohnes nicht unterrichtet, da er sich in allen seinen Handlungen sehr verschwiegen gegen sie zeigte, auch wich er allen ihren ängstlichen Fragen aus; doch mußte sie im Laufe der Zeit aus dem heimlichen Wesen und unstäten Leben ihres Karl auf sein unerlaubtes Gewerbe schließen, was ihr viel Kummer und Sorge verursachte.

Als er daher einst wieder bei stürmischer und regnerischer Nacht bei ihr eintrat und einiges Geld in ihre zitternde Hand drückte, konnte sie den bisher unterdrückten stillen Kummer und die mütterliche Besorgnis nicht länger mehr verbergen. Flehentlich bat sie ihn, von seinem bisher geführten unerlaubten Gewerbe abzustehen und zu einem erlaubten Nahrungszweig zu greifen, lieber wolle sie fernerhin von dem kümmerlichen Lohne ihres Spinnrades als von dem auf ungerechte Art erworbenen Gelde leben.

Karl hörte sie an, ergriff ihre von Thränen benetzte Hand und sagte: »Mutter, noch nie habe ich mir bisher eine schlechte Handlung zu Schulden kommen lassen, und nie wird und soll, sobald ich nicht gewaltsam gereizt werde, eine solche von mir geschehen; ich habe noch keinem Menschen Leid oder Schaden zugefügt, sondern im Gegenteil so manchem, der von andern gedrückt und gemißhandelt wurde, beigestanden und ihn davon befreit; zu meiner gegenwärtigen Lebensart bin ich gleichsam gezwungen, da ich von der Heimat und der bürgerlichen Gesellschaft ausgestoßen und verbannt wurde und mir der Weg, dahin zurückzukehren, verschlossen ist. Deshalb erwählte ich das Gewerbe eines Wildschützen, weil es mir, so streng es auch verboten ist, durchaus nicht so widerrechtlich erscheint und ich das, was ich als solcher thue, einst bei Gott und der Welt verantworten werde. -- Darum beruhigt Euch, Mutter, und laßt mich ruhig meinen Weg, wohin er mich auch führen mag und wird, ziehen.« Nach diesen Worten schied er wieder von ihr und kehrte in seine vertrauten Forsten zurück.

Die Forstbeamten hatten am allerwenigsten Ursache mit diesem auf ihren Revieren ungebetenen Gast zufrieden zu sein, doch da er bis jetzt noch keine bedeutenden Jagdexzesse verübt hatte, so wurde ihm von diesen auch immer noch nicht so ernstlich nachgestellt. Stülpner wurde nun aber durch diese Nachsicht in seinen Unternehmungen noch mehr gestärkt, immer dreister, und maßte sich ordentlich eine gewisse Autorität an, vermöge welcher er diejenigen, die nach seinen Ansichten bedrückt würden, in seinen Schutz nahm und vorzüglich dadurch bewirkte, daß man aufmerksamer auf ihn ward und ihn ernstlich verfolgte.

So zeichnete sich Stülpner schon damals durch einige Handlungen aus, die seine Kühnheit, seine Geistesgegenwart und Gefühl für Recht herrlich charakterisieren, indem er oft ein Schutz der Bedrückten und Verfolger von Dieben und Vagabonden wurde und selbst auch hartherzige und unmenschliche Forstbedienstete bestrafte, wovon folgende Begebenheit eine treue Schilderung liefert.

Als eines Tages ein armes Weib sich im Walde einiges dürres Leseholz sammeln wollte, was auch an gewissen Tagen erlaubt war, kam der Förster des Bezirks hinzu und forderte unter Androhung harter Strafe mit ungestümen Worten ein Pfand. Unter lautem Wehklagen und Bitten beteuerte das Weib ihre Armut und ihr Unvermögen, sein Verlangen zu befriedigen. Doch der Förster, von Wut entbrannt, riß ihr mit Gewalt den Korb vom Rücken und zertrat ihn fluchend und tobend in Stücke und machte noch Miene, sich an der über diese Ungerechtigkeit nach Hilfe schreienden Frau thätlich zu vergreifen.

Stülpner, der in einem nahen Dickicht Zeuge dieses Vorfalles gewesen war, stand jetzt wie aus der Erde herausgewachsen mit gespannter Büchse vor dieser Gruppe und rief mit donnernder Stimme:

»Wer giebt Ihnen, Herr Förster, das Recht, dieses arme, wehrlose Weib so zu mißhandeln?«

Förster: »Und wer hat das Recht, mich hier wegen meiner Handlung und der Ausübung meiner Pflicht zur Rede zu stellen?«

Stülpner: »Jeder rechtliche Mensch ist verpflichtet, Mißhandlungen gegen alte, schwache Personen zu unterdrücken und die an ihnen ausgeübten Schändlichkeiten zu bestrafen. Das, was Sie jetzt thaten, war schlecht und ich würde mich an ihrer Stelle schämen, eine so alte wehrlose Person, die noch dazu weiter gar nichts verbrochen hat, auf ähnliche Art zu behandeln.« Der Förster, durch die kühne Sprache nur noch mehr in Wut gebracht, entgegnete mit trotzig aufbrausender Stimme:

»Was soll das heißen und wer ist er?«

Stülpner: »Wer ich bin, wird sich hernach ausweisen. Doch jetzt bezahlen Sie im Augenblick der armen Frau 10 Groschen für ihren zertretenen Korb, wo -- nicht, so (eine Bewegung mit dem Gewehre nach dem Förster machend), werde ich selber zahlen.«

Der Förster, durch diese drohenden Worte und Stellung eingeschüchtert, sah wohl ein, daß er es mit einem unerschrockenen Gegner zu thun hatte, zog, im innern vor Furcht und Zorn glühend, mit zitternder Hand, immer nach der Mündung des Gewehres schielend, seinen Beutel und zahlte die billige Forderung von 10 Groschen, die Worte leise hinzufügend: »Wahrlich, das ist zu toll und mir noch nie vorgekommen.«

Stülpner, den Hahn in Ruhe lassend, rief dem vor Wut und Scham davonschleichenden Förster nach: »Herr Förster, Sie wollten gern wissen, wer ich sei? Ich bin Stülpner, vor welchem Sie sich künftig in Acht nehmen mögen, denn würde er Sie nochmals auf ähnlicher Art wie heute treffen, so möchten Sie dann wohl nicht mehr so leichten Kaufs davon kommen, -- und nun Gott befohlen.« Stülpner verschwand hierauf wieder im Dickicht; fluchend und tobend eilte der Förster, froh dankend das arme überraschte Weib nach Hause.

Auf seinen Streifzügen hatte Stülpner in den nahen Grenzwaldungen mehrere Genossen kennen gelernt, mit welchen er hinsichtlich seines Gewerbes zwar gemeinschaftliche Sache machte, aber wegen seiner Gewandtheit, Körperstärke und praktischem Ueberblick immer eine gewisse Autorität über sie sich vorbehielt. Mit diesen wagte er sich oft in die Nähe von Ortschaften, wo er leicht bemerkt werden konnte.

Stülpner befand sich eines Morgens mit zwei solcher Kameraden auf einer steilen Anhöhe in der Nähe eines Dorfes und hatte sich mit diesen bei einem Feuer gelagert, um ein frugales Frühstück einzunehmen. Eine Gerichtsperson des Dorfes, welche sie bemerkt hatte, machte nun schnell Lärm, es ließen sich verdächtige Männer sehen. Sogleich machten sich sämtliche Gerichtspersonen und eine beträchtliche Anzahl der Dorfbewohner auf den Weg, um mit alten Flinten, Säbeln, Heugabeln, Dreschflegeln, etc. so gut als möglich bewaffnet, die Verdächtigen aufzuheben. Stülpner, der mit seinen Genossen dieses kampflustige Heer den steilen Fußsteig heranklimmen sieht, schlägt erst ruhig Feuer an und setzt seine Pfeife in Brand. Hierauf erhebt er sich mit seinen Kameraden, als die Anstürmenden ungefähr noch hundert Schritte von ihm entfernt sind, und nimmt die Büchse vor. Kleiner und zögernder wurden jetzt die Schritte der feindlichen Dorfbewohner, als sie ihre Feinde so furchtlos und gerüstet vor sich sahen; doch als plötzlich die drei Wildschützen wie kommandiert neben einander standen, die Hähne spannten und anschlugen, da ergriff die ganze Heldenschaar ein solch panischer Schrecken, daß alle unter dem schallenden Gelächter der Raubschützen, ohne Ansehen der Person, über und unter einander die steile Höhe hinunterpurzelten und die Flucht ergriffen. Stülpner schritt hierauf, ohne die Fliehenden noch eines Blickes zu würdigen, mit seinen Kameraden langsam dem nahen Forste zu.

Öfter hatten Reisende Gelegenheit, Stülpnern zu begegnen, der nicht die geringste Scheu äußerte, freundlich und höflich grüßte und mit manchem sogar ein Gespräch anknüpfte. So traf er einst unterwegs im Winter mit Pferd und Schlitten einen Rechtsgelehrten, der, Stülpnern für einen Jäger haltend, ihn ersuchte, hinten mit aufzutreten, um so sein Reiseziel schneller zu erreichen. Er trat auf und knüpfte zutraulich mit ihm ein Gespräch an. Der Rechtsgelehrte kam auch auf Stülpnern zu sprechen, der in der dasigen Gegend hausen solle. Drollig genug erzählte Stülpner von sich selbst, doch mitten im Forste empfahl er sich plötzlich, dankte und rief seinem Reisegefährten nach: »Sie haben jetzt selber mit Stülpnern gesprochen; leben Sie wohl.« Darauf verschwand er im nächsten Gebüsch.

Durch diese und andere ähnliche kühne Unternehmungen war es kein Wunder, daß Stülpner bald zum allgemeinen Gespräch der Umgegend wurde. Niemand verheimlichte es, ihn gesehen zu haben und niemand erschrak mehr, wenn er ihm unvermutet begegnete, da man immer mehr sich überzeugte, daß Stülpner kein gefährlicher, böser Mensch sei. Aber ebenso konnte es nicht fehlen, daß durch seine kühnen Streiche und immer mehr um sich greifenden Wilddiebereien die Polizeibehörde durch die sich häufenden Anzeigen der aufgebrachten Forstbediensteten nicht nur aufmerksamer auf ihn wurde, sondern selbst ernstliche Anstalten traf, ihn aufzuheben und in ihre Gewalt zu bekommen.

Diese ernstlich getroffenen Maßregeln blieben Stülpnern nicht unbekannt; er verließ deshalb seine erzgebirgischen waldigen Behausungen, um seinen ihn immer mehr umlauernden Verfolgern einige Ruhe zu gönnen, und wanderte wieder mit einer gut gefüllten Börse nach Bayern. Als er sich in der Gegend von Bayreuth einige Zeit herumgetrieben hatte, trat er, versehen mit den von seinen früheren Herrschaften erhaltenen Zeugnissen, wieder als Revierjäger in die Dienste eines Herrn von Reitzenstein auf Kunersreuth mit einem monatlichen Gehalt von 7 Thalern und verblieb daselbst, ohne daß sich unterdessen etwas Besonderes für ihn zutrug, beinahe 2 Jahre. Von hier kam er ebenfalls wieder als Revierjäger in die Dienste eines Herrn von Plötz auf Zedtwitz in der Gegend von Hof, wo er 14 Monate aushielt, dann, von seinem unruhigen Geiste fortgetrieben, wieder sein Bündel schnallte und abermals nach Bayreuth wanderte.

Der Markgraf Karl Alexander hatte gerade zu dieser Zeit Ansbach und Bayreuth an Preußen abgetreten; es hielten sich in dem Ländchen eine Menge preußischer Werber auf, um junge, kräftige Leute in ihr Garn zu locken. Stülpner, der in den Schänken und anderen öffentlichen Orten häufig mit diesen Werbern zusammenkam, ward als ein so schlanker, kräftiger Jäger bald der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit. Beim Bierkrug traf Stülpner wiederum mit einem solchen Werber zusammen und sogleich machte letzterer Anstalt, ihn unter dem Versprechen eines schönen Handgeldes zum preußischen Soldaten anzuwerben. Stülpner blieb standhaft; der Werber versuchte nun mit Gewalt ihn zum Dienst zu zwingen, es entstand ein heftiger Streit und Stülpner schlug mit seinem Hirschfänger so lange auf den brutalen Preußen, der nun ebenfalls seinen Degen gezogen hatte, los, bis letzterer in Stücke zersprang. Hierdurch entwaffnet, riß Stülpner, ehe der Werber weiter auf ihn eindringen konnte, im Augenblick zwei Stuhlbeine heraus, mit welchen er nun aufs Neue auf seinen Gegner eindrang, ihm die Klinge aus der Hand schlug und so lange auf den wehrlosen Preußen loskeilte, bis zuletzt an ein Aufkommen desselben nicht mehr zu denken war. Durch den entstandenen Lärm kamen die anderen preußischen Werber ihrem Kameraden zu Hilfe, Stülpner mußte endlich der Uebermacht weichen und sich gefangen geben.

Unter den Offizieren seines Regiments fand Stülpner vorzüglich an dem Hauptmann von Hopfgarten, auch ein Sachse von Geburt und leidenschaftlicher Jäger, einen Freund und Gönner, von welchem er vorzüglich in finanzieller Hinsicht so manche Wohlthat genoß.

Nachdem Stülpner in Spandau, ohne daß sich außer seiner mißlungenen Flucht weiter etwas Wichtiges ereignete, gegen zwei Jahre als Musketier gestanden, trat plötzlich eine Katastrophe ein, die ihn unvermutet aus den längst verwünschten Mauern seiner Garnison hinaus auf blutigen Kampfplatz führte und ihn unter vielen sturmbewegten Tagen so manche kriegerische Abenteuer bestehen ließ.

Die französische Revolution war ausgebrochen; sie hatte das Königstum hinweggefegt und eine Republik an dessen Stelle gesetzt. Oesterreich und Preußen erklärten der Republik den Krieg, infolgedessen auch Stülpners Regiment Prinz Heinrich seine Garnison verließ, um dem nach Frankreich ziehenden Heere zu folgen. Dem Herzog Ferdinand von Braunschweig war der Oberbefehl über sämtliche Truppen übertragen worden. Nach der Einnahme von Verdun geschah ein Ereignis, wodurch Stülpner persönlich mit dem Herzog von Braunschweig in Berührung kam.

Schon seit einiger Zeit hatte man von preußischer Seite eine Menge Mannschaften vermißt, ohne bisher auf den Grund und die Spur ihres Verschwindens gekommen zu sein. Als Stülpner eines Morgens in der Gegend von Grandprée, wo damals das Hauptlager der Preußen sich befand, mit noch fünf anderen Kameraden nach dem zunächst gelegenen Dorfe vom Hunger getrieben auf Plünderung ausging, trat er mit diesen in einen großen Bauernhof ein, wo er außer einer schon bejahrten Frau weiter niemand antraf. Diese erriet sogleich die Absicht der hereinstürmenden sechs Preußen und gab ihnen, so gut es eben ging, zu verstehen, daß bei ihr nichts mehr zu haben sei, da alles schon gewaltsam nach dem preußischen Lager abgeführt wäre.

Stülpner ließ sich nicht zurückschrecken und durchsuchte mit seinen Genossen das ganze Haus. Als er bei dieser Visitation auch in den Stall trat, fand er diesen zwar leer, doch an der Mauer desselben erblickte er einen großen Haufen Dünger, was ihm verdächtig vorkam. Sogleich ward mit Hilfe der Kameraden der Haufe entfernt und dahinter eine zweite Thür entdeckt, die zu einem Keller führte. Als auch diese mit Gewalt geöffnet war, drangen sie in eine unterirdische Vertiefung und fanden hier, zu ihrem größten Schrecken, zwanzig halb im Sande verscharrte Preußen, die noch gräßliche Spuren von Verwundungen an sich trugen und nur durch die um sie hängenden Fetzen von der Uniform als solche erkannt werden konnten.

Sogleich eilte Stülpner mit seinen Begleitern in die Wohnstube zurück, um die erwähnte Frau wegen der ermordeten Preußen zur Rede zu stellen; doch ob er gleich nochmals das ganze Haus durchsuchte, fand er weder diese noch eine andere menschliche Seele. Er trat, nachdem er noch, um seinen und der Kameraden Hunger zu stillen, einige Viktualien aufgefunden, wieder den Rückzug ins Lager an.

Hier angekommen, ging Stülpner sogleich zu seinem Hauptmann, um ihn von den zwanzig ermordet aufgefundenen Preußen zu benachrichtigen und dadurch gleichsam das Rätsel der immer mehr verschwindenden Leute zu lösen. Der Hauptmann teilte die Nachricht seinem Regimentschef und dieser dem soeben anwesenden Herzog mit.

Nach Verlauf einiger Stunden wurde Stülpner selbst zum Herzog beordert, um seine Aussage zu wiederholen. Ruhig und stolz seinem großen und allverehrten General persönlich sein Abenteuer mitteilen zu können, folgte er der ihn nach dem herzoglichen Zelte führenden Ordonnanz. Nachdem er hier durch einen Adjutanten dem Fürsten gemeldet, ward er sogleich zu ihm hineingeführt und fand denselben bei seinem Eintritt daselbst auf einem alten Feldstuhl sitzend mit einer Menge Landkarten beschäftigt. -- Als ihn der Herzog bemerkte, winkte er ihm, näher zu treten, und nachdem er zuerst Stülpnern nach seinem Namen, Vaterland und Dienstzeit gefragt, mußte er über die zwanzig von ihm aufgefundenen Preußen Rapport erstatten.

Nachdem er die ersten Fragen des Herzogs kurz und bündig beantwortet hatte, referierte er mit aller Ruhe und der ihm angeborenen dreisten Offenheit, doch ohne dabei den Anstand zu verletzen, den ganzen Hergang der Sache, und schien eben durch seine Gewandtheit und Offenheit dem aufmerksam zuhörenden Fürsten gefallen zu haben, denn als Stülpner geendet hatte, entließ er ihn mit den Worten: »Es ist gut, mein Sohn; hier (ihm einen Dukaten in die Hand drückend), trink auf meine Gesundheit dafür.«

Stülpner säumte nicht, seinen funkelnden Kremenzer dem Wunsche des Herzogs gemäß anzuwenden, lud jedoch auch seine fünf Kameraden dazu ein.

Noch an demselben Tage wurde ein Kommando von hundert Mann mit einigen Wagen nach dem von Stülpnern bezeichneten Dorfe abgesendet, um die ermordeten Preußen herbeizuschaffen. Daselbst angelangt, luden sie ihre unglücklichen Waffenbrüder auf und kehrten in das Lager zurück, den Kameraden ein ehrliches Begräbnis zu bereiten.

Tags darauf ließ der Herzog, um für die Zukunft ein exemplarisches Beispiel zu geben, ein Korps von 2000 Mann und einer Batterie ausrücken und das ganze Dorf umzingeln, welches, nachdem erst eine Menge Pechkränze hineingeworfen waren, so eingeäschert wurde, daß nach Verlauf von vier Stunden das ganze Dorf in einen Schutthaufen verwandelt war, und alles, Menschen und Tiere, die sich nicht zuvor gerettet hatten, einen fürchterlichen Tod fanden.

Der unglückliche Ausgang des Feldzuges ist dem freundlichen Leser bekannt, das Heer wurde durch Krankheiten aufgerieben; Stülpner hatte es nur seiner kräftigen Natur zu verdanken, von den überhandnehmenden Seuchen verschont zu bleiben. Da die Lage der Truppen mit jedem Tage kritischer wurde und er dieses Leben schon längst zum Ueberdruß hatte, so beschloß er, bei der ersten besten Gelegenheit zu desertieren und seine heimatlichen, friedlichen Forsten im Erzgebirge, nach welchen er sich schon längst zurückgewünscht hatte, wieder aufzusuchen.

Schon früher hatte er sich zu diesem Behufe einen Paß zu verschaffen gewußt, worin er als ein nach der Heimat zurückkehrender preußischer Invalide signalisiert war. Als Stülpner einst bei Weißenburg, wo damals die preußische Armee gegen Pichegru stand, an einem düstern, nebligen Wintertage auf den äußersten Vorposten als Feldwache ganz allein zu stehen kam, glaubte er, hier von keiner Seele so leicht bemerkt, am sichersten seine Flucht ergreifen zu können.

Nachdem er sich daselbst so viel wie möglich von der Lage der Gegend orientiert hatte, desertierte er hier von seinem Posten und flüchtete sich in einen unfern gelegenen Wald, wo er Flinte, Seitengewehr und Patronentasche wegwarf und dann, da es schon Nacht geworden, unter einer Felsengrotte ein Obdach fand. Beim Grauen des Morgens setzte er seine Flucht über den Rhein nach Rheinbayern zu fort. Seine ganze Barschaft bestand aus drei Kreuzern, mit welchen er wohl nicht weit gekommen sein würde, wenn er nicht folgende kluge Maßregel zur Fortsetzung seiner Flucht getroffen hätte.

Stülpner kehrte nämlich meistenteils in Klöstern, auf Rittergütern und auch oft bei Landgeistlichen ein, wo er nach Angabe seines Passes als ein aus dem Felde heimkehrender Invalide überall mit Speise und Trank reichlich versorgt wurde. Von Rheinbayern nahm Stülpner seine Marschroute nach Hessen-Darmstadt, von da über Frankfurt a. M. nach Fulda, wo er bei einem reichen Bürger, dessen Sohn in der Schlacht bei Pirmasens geblieben war, 14 Tage verweilen mußte und daselbst herrlich verpflegt, außer Geld noch mit Kleidungsstücken reichlich beschenkt wurde. Von Fulda wanderte Stülpner über Eisenach, Gotha, Weimar nach Jena, wo er einen Bruder des früher erwähnten Hauptmanns von Hopfgarten traf, der in Jena studierte, bei welchem er 4 Tage verweilte und mit den Studenten daselbst um die Wette zechte. Von Jena setzte Stülpner über Gera, Altenburg nach Chemnitz seine Reise fort, wo er ungescheut seinen früheren Gönner, den unterdessen zum Major avancierten Herrn von Gundermann besuchte, von diesem wieder reichlich beschenkt wurde, und nun, nach einer abermaligen Abwesenheit von beinahe sieben Jahren, gerade zu den Osterfeiertagen 1794 in Scharfenstein wieder anlangte.

Seit dem Ausmarsch der Verbündeten nach Frankreich hatte Stülpners Mutter keine Nachricht von ihrem Sohne erhalten; sie betrauerte ihn schon längst als tot und hatte sich unterdessen genötigt gesehen, ihr Häuschen zu verkaufen. Stülpner fand sie daher bei seiner Ankunft in dem engen Hinterstübchen, das sie sich als Ausgeding vorbehalten hatte.

Als sie ihn jetzt unerwartet eintreten sah, war sie vor Furcht und Schrecken nicht vermögend, ein Wort hervorzubringen; sie fürchtete, ein unglückliches Ereignis könnte ihn wieder herbeigeführt haben. Doch beruhigte sie Stülpner bald wieder, teilte ihr seine glücklich überstandenen Schicksale und seine Flucht mit, und gab ihr von dem gesammelten Gelde acht Thaler.

In Scharfenstein und der Umgegend erregte Stülpners plötzliches Wiedersehen großes Aufsehen; man hatte ihn ebenfalls für tot gehalten. Er zeigte sich an öffentlichen Orten; Jung und Alt versammelte sich um ihn und hörte ihm gern zu, wenn er von seinen überstandenen Abenteuern erzählte. Die Behörden und Forstbediensteten waren natürlich auch gleich von Stülpners Rückkehr unterrichtet; sie duldeten stillschweigend seine Anwesenheit, da sie hofften, daß er nunmehr zu einem erlaubten Broterwerb greifen würde; doch hatten diese Herren sich abermals gewaltig getäuscht. Denn Stülpner, welchem einmal das frühere wilde und zwanglose Leben zur zweiten Natur geworden war, konnte und mochte sich auch jetzt nicht, da er weiter keine Profession gelernt hatte und als Tagelöhner nicht arbeiten wollte, von seinem früher geführten Leben als Wildschütz losreißen. Er besuchte kurz nach seiner Rückkehr nach Scharfenstein, nachdem er sich wieder mit gutem Gewehr versehen und sich als Jäger umgekleidet hatte, seine alten vertrauten Forsten wie vorher und lebte nun ganz als Wildschütz, da er königliche und herrschaftliche Reviere durchstrich und alles Wild, was ihm vorkam, niederschoß.