Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Part 7
Was wir anderen sagten, läßt sich nicht genau durch Wort und Schrift ausdrücken; es war auch nicht von Bedeutung. Auch von unserem Heimwege durch den heißen, glühenden Tag ist wenig zu reden. Weiße schwere Wolken wälzten sich, als wir in dem morschen Kahne des Vaters Klaus wieder auf dem Flusse schwammen, über die Berge empor und in das lichte Blaue hinein; Irene lag auf der Bank, mit dem Kopfe an Evas Brust; Ewald hatte eine Ruderstange ergriffen, blickte von Zeit zu Zeit auf die beiden Mädchen und nahm ingrimmig unserem Charon den schwersten Teil seiner Arbeit ab. Ich ließ mir wieder die Flut des Stromes über die heiße Hand spülen; aber Kühle war nicht in dem Wasser.
»Ich weiß es wohl, daß es da nicht gut steht,« flüsterte mir der weißhaarige Schiffs- und Fischersmann beim Aussteigen zu, indem er verstohlen mit dem Daumen nach den heimatlichen Bergwäldern deutete. »Ja, ja, junger Herr, es fließt alles hin wie das da!« und er deutete auf seinen Fluß.
Das war kein neues Bild; ich aber sah doch auf die eiligen Wasser zurück und fand den Vergleich von neuem tiefsinnig und einzig zutreffend. Wie kommt es, daß wir den Eindruck der höchsten Weltweisheit nie aus dem Verkehr mit den Herren vom Metier, wohl aber gar nicht selten aus der Bekanntschaft und dem Umgange mit dem Vater Klaus in seiner Fischerhütte, mit der alten Tante in ihrem Erkerstübchen und mit dem Unbekannten, dem wir seit vier Wochen täglich in der Gasse begegnen und mit dem wir noch nie ein Wort gesprochen haben, -- ziehen?! Weil es die Gemeinplätze, d. h. die höchsten Wahrheiten sind, auf denen unser Leben sprießt, wächst und wuchert, und nicht die hohen Offenbarungen des Menschen im einzelnen. In ruhiger Stimmung bereiten wir uns durch die letzteren wohl auf die entgegengesetzte vor, aber doch mehr, um die gute Stunde noch behaglicher zu machen: die böse Stunde hat noch keiner behaglicher dadurch gemacht.
Es donnerte hinter den Bergen, -- ein langgezogenes feierliches Rollen dann und wann den ganzen Nachmittag über. Wir kamen nach Hause, und der Herr Graf konnte mit seiner Tochter nichts mehr sprechen. Er starb in der Nacht. Wir anderen von Schloß Werden durchwachten sie, und wir hörten den heftigen Sommerregen in den Blättern rauschen.
Elftes Kapitel.
Ich war dreißig Jahre alt geworden und, wie es in den Sternen geschrieben stand, ein Schulmeister. Ich war Doktor der Philosophie und hatte die ^venia docendi^ an der Universität Berlin. Wenn sie nur gekommen wären, um das von mir abzuholen, was ich selber gelernt hatte! Aber sie blieben aus; sie schienen der Sache nicht im mindesten zu trauen.
Zuerst versuchte ich es, mein philologisches Wissen auf einem rheinländischen Gymnasium an die Jugend zu bringen; jedoch bekam ich bald von maßgebender Stelle herunter den Rat, diesen Versuch aufzugeben. Man verwies mich zwar nicht offiziell dabei auf meine wirklich etwas hohe Schulter; aber man zuckte doch nur die Achseln, wenn die Jungen lachten und meine Autorität gleich Null blieb.
Die Kirche, die immer den Nagel auf den Kopf trifft, hat auch darin recht, daß sie keinen mit irgendeiner auffälligen Gebrechlichkeit Behafteten unter ihren öffentlichen Dienern leiden will. Sie hat selbstverständlich ihre Würde zu bewahren, selbst auf Kosten ihrer besseren Überzeugung. Hat sie der Schadenfreude und der Lust am Lachen unter ihren Lämmern ein ^testimonium divitiarum^ auszustellen, so tut sie es und fühlt nachher nicht das geringste Bedürfnis, sich die Hände zu waschen, wie weiland der römische Prokurator Pontius Pilatus.
Ich ging und überließ es besser gewachsenen Oberlehrern und Kollaboratoren, die blonde und blauäugige Jugend der Germanen zum Einjährig-Freiwilligendienst und auf das Abiturienexamen vorzubereiten.
Was ich dann trieb? Ich war stark im Griechischen und Lateinischen. Einer Lieblingsneigung wegen hatte ich mich auf das Auffinden und Nutzbarmachen mittelalterlicher Geschichtsquellen geworfen, und man hat mich draußen eine Zeitlang schändlicherweise im Verdacht gehabt, Doktordissertationen aus vielerlei Fächern im Vorrat anzufertigen, auf Lager zu halten und sie bei sich bietender Gelegenheit gegen jedes Honorar unter dem Siegel der Verschwiegenheit (Diskretion selbstverständlich) zu verschleißen.
Dies ist eine schnöde Verleumdung! Ich habe nur einem Menschen zum »Doktor« verholfen, und der bin ich selber; und, um eine Redensart der [Griechisch: Polis] anzuwenden: was ich mir dafür kaufen konnte, war unbedeutend.
Aber es nennen sich manche Menschen Geschichtsforscher und edieren Monographien, Volks- und Völkerhistorien und haben seltsamerweise vor den Quellen gerade eine so große Scheu, wie vielleicht in ihrer Jugend vor dem Quellwasser, wenn es am Sonnabend abend zu einer gründlichen Reinigung ihrer Person verwendet werden sollte. Für diese und ähnliche Herren war und bin ich der rechte Mann. Als wirklich geheimer Mitarbeiter bin ich denn auch für mehr als einen Parlamentarier schätzbar, und manches »Hört, hört!« und manches »allgemeine Beifallsgemurmel« wäre eigentlich auf meine Rechnung und nicht die des »verehrten Vorredners« und weit und tief blickenden Realpolitikers auf der Tribüne der gegenwärtig tagenden hohen politischen Körperschaft zu setzen.
Was ich mir hierfür kaufen konnte, war etwas, wenngleich nicht viel mehr als das, was mir die Sprachen der Griechen und Römer zu Utilitäts- und Luxuszwecken und Ausgaben abwarfen.
So ging es mir denn erträglich nach Wunsch, und sogar was den Luxus anbetrifft; das jedoch erst seit dem schlimmen schwarzen Tage, an dem ich meine gute Mutter verlor und leider nicht mehr für ihr Behagen in ihren Greisenjahren zu sorgen hatte. Ich saß im Winter warm zu Hause, ich speiste in einer der Restaurationen mittleren Ranges der Stadt, und ich konnte mir dann und wann ein Buch, wenn auch nur antiquarisch, anschaffen: auf dem hohen Standpunkte wohlangewendeter Lehrjahre, der sich in dem französischen Worte: ^je ne lis plus, je relis seulement!^ darlegt, bin ich auch bis heute noch nicht angelangt, hoffe ihn aber dermaleinst zu erklimmen.
Mein »Zu Hause« bestand in einer bescheidenen Junggesellenwohnung im vierten Stockwerk eines Hauses in der Mittelstraße. Ich besaß wohl eine eigene Bibliothek, aber keine eigenen Möbel.
Ich hatte harte, steinige Pfade gehen und meine Wege häufig recht heftigem Winde, argen Staubwirbeln und unbehaglichem Regenschauer abkämpfen müssen. Selbst in den äußerst seltenen Momenten, wo ich mich für einen äußerst gescheiten Menschen dabei hielt, zog ich wenig Genuß und Befriedigung daraus; nämlich aus dem, was die Nebenmenschen gewöhnlich etwas spitzig eine äußerst glückliche Selbstüberzeugtheit zu nennen pflegen. Und nun genug hiervon. Wie kurz und abbrüchig ich dieses alles hingeschrieben habe, so habe ich es doch nur wie jeder andere gemacht und zuerst einzig und allein von mir selber als der wichtigsten Angelegenheit dieser und jeder zukünftigen Welt gesprochen. Es soll dafür aber auch bei mir nicht mehr als bei jedem anderen zu bedeuten haben -- eine harmlose, eben der Menschheit anklebende Schwäche und das gleichfalls ganz allgemeine Bedürfnis, wenigstens etwas in der eigenen Persönlichkeit im Laufe der Zeiten aufrecht und unberührt zu erhalten.
Die anderen!... Wo waren die anderen im Strom der Zeit geblieben? Was war aus den anderen geworden, die vor ein paar Seiten noch mit mir jung, gesund, dumm und glücklich waren?
Wenn ich es nun mit schönen Redensarten zudecken würde, wie wenig ich mich im Grunde um diese anderen bekümmert hatte, so würde mir das leicht genug werden. Ich könnte aber auch den nächsten guten Bekannten oder den ersten besten Unbekannten in der Gasse anrufen, um es mir von ihnen bestätigen zu lassen, wieviel der Mensch mit sich selber zu tun hat und wie wenig Zeit und Nachdenken ihm für den liebsten Freund übrig bleibt, wenn sich eine Wand, eine Stunde, ein Tag oder gar ein Jahr zwischen ihn und uns gelegt hat.
Ich habe Jahre lang nur gewußt, daß Eva Sixtus in der alten Heimat dem alten Vater immer noch Haus halte, daß Ewald in seinem Beruf als Ingenieur in Irland tätig sei und daß Irene von Everstein verheiratet in Wien lebe. Von dem Vetter Just habe ich gar nichts gewußt. Ich erlebte es noch als Student, daß der Steinhof subhastiert wurde und weit unter seinem Wert an einen Landsmann fiel, der schon längst ein freundlich-begehrliches Auge darauf geworfen hatte und einst ebenfalls zu den fröhlichsten und behaglichsten Gastfreunden und Jagdgenossen des Vetters gehörte.
Daß Schloß Werden gleichfalls unter den Hammer kam und unter dem Wert einen Liebhaber fand, erfuhr ich brieflich durch meine Mutter, die dann zu mir ins Rheinland zog, und daselbst, wie gesagt, in meiner Kollaboratorwohnung nach längerem schweren Leiden sanft gestorben ist.
Jule Grote sollte immer noch in Bodenwerder wohnen, doch das war ein Gerücht, von dem ich nicht einmal angeben kann, wie es zu mir gelangte. Ich hatte viel zu viel mit meinem Griechischen und Lateinischen, meinen mittelalterlichen Geschichtsquellen, modernen Geschichtsschreibern und parlamentarischen Tagesgrößen zu schaffen, um mich viel um Jule Grote kümmern, mich bei ihr aufhalten zu können. Es ist ja eben kein Aufenthalt in dieser Welt bei den besten Dingen, -- und bei den besten Freunden auch nicht; und wenn alle Lebenskunst am Ende nur darauf hinausläuft, sich unabhängig von den mitlebenden Menschen und Dingen zu machen, so ist das eigentlich gar keine Kunst, sondern uns allen höchst natürlich.
Nun nahm ich seit verhältnismäßig langer Zeit alles als etwas, was sein konnte, jedoch nicht zu sein brauchte. Es gewährte mir häufig das bekannte egoistisch-kitzelnde Behagen, daß die Tage, an denen auch ich dann und wann grimmig und selbstüberzeugt rief: Nun soll es sein! hinter mir lagen.
Die süße und sonnige, wälderrauschende, ewige Frühlings- und Erntefeste feiernde Zeit von Schloß Werden lag auch hinter mir, und man hat es mir im Lesezimmer der königlichen Bibliothek nie angemerkt, daß mir bei meiner närrischen Kompilationsarbeit die Erinnerung daran irgendwie hinderlich in den Weg trat und mich vielleicht geduldig stimmte, wenn ein mir augenblicklich nötiges Werk ausgeliehen war und bei einem, wie Freund Ewald seinerzeit sich ausgedrückt haben würde, »dummen und langweiligen Kerl« lag, der doch nichts damit anzufangen wußte.
Mir wird bedenklich flau zumute, wie ich alles dieses hier niederschreibe, und ich denke, offen gestanden, mit einigem Grauen an die möglicherweise doch eintretende Stunde, in der ich diese Seiten mit ihren liebenswürdigen Selbstbekenntnissen wieder überlesen werde. Es ist immer eine sonderbare, heikle Sache um das _Wiederlesen_ im eigenen Lebensbuche! An welche Leser ich mich aber mit dem eben Niedergeschriebenen wende, weiß ich, Gott sei Dank, nicht. Mündlich hätten mich wohl nicht sehr viele aussprechen lassen, sondern das meiste von sich aus anders und besser zu berichten gewußt. Und es ist gut so, denn es ist die gute Meinung, die die Welt von sich hat und lebhaft geltend macht, die diese sonderbare ^Universitas^ aufrecht und im Gange erhält. Was sollte aus ihr, der Welt, werden, wenn jeder es vermöchte, den anderen ruhig aussprechen zu lassen? Eine recht objektive Welt, aber eine vielleicht doch etwas zu ruhige; -- so etwas wie ein Universalkirchhof vielleicht, voll sehr weise im Lapidarstil redender Leichensteine. Der Herr erhalte uns also im recht fröhlichen Kriege gegeneinander, solange es ihm gefällt, uns überhaupt zu erhalten!
Zwölftes Kapitel.
Ob er wirklich so existiert, wie wir ihn aus tausendfachem Zusammentreffen mit ihm kennen lernen, lassen wir eine offene Frage bleiben. Wie wir ihn in unsere philosophischen Systeme einzureihen belieben: im praktischen Dasein bleibt er verteufelt mehr als ein bloßes Wort oder ein Begriff. Er ist und bleibt der Herr und Gebieter. Und im Gegensatz zu den übrigen Erdenherren und Erdengebietern läßt er sein Kommen vorher durchaus nicht ankündigen, weder durch die drei Stöße mit dem Marschallstabe auf den Parkettfußboden, noch durch Posaunenstöße, durch das Hervorrufen der Wachen, den obligaten Trommelwirbel, das Präsentieren der Gewehre und das Senken der Fahnen. Die Erdenherren vor allen übrigen Sterblichen wissen es am genauesten, daß er auch dazu -- viel zu vornehm ist: er, der _Zufall_ nämlich.
Von der Suppe aufsehend bei meinem altgewohnten alltäglichen Speisewirt, fand ich ihn mir plötzlich wieder einmal gegenüber, und der Löffel entfiel meiner Hand. Der Löffel ist der Hand viel größerer Philosophen, Geschichtskenner und dergleichen Leute bei derartigen Gelegenheiten entsunken, und sie haben es hoffentlich stets für eine Gnade gehalten, wenn ihnen der Appetit nicht für längere Zeit oder gar für immer verdorben wurde.
Gottlob war das letztere bei dieser Gelegenheit bei mir nicht der Fall; aber die Erstarrung blieb dessenungeachtet für längere Zeit die nämliche, bis sich das sie in ihr Gegenteil, die höchste Bewegung, auflösende Wort fand:
»Vetter!... Der Vetter Just!«
Je unmöglicher es erschien, desto bedingungsloser drängte sich die Gewißheit auf, daß er es war. Ja, er war es! Er war es unbedingt!... Ausgeweitet nach allen Dimensionen; mit einem Ansatz zwar zu einer hohen Stirn, sonst jedoch in keiner Weise infolge seines landwirtschaftlichen Bankerottes verfallen und zu einer selbstgelehrten Ruine geworden, sondern auch -- ganz im Gegenteil.
Er war es ganz gewiß! und zwar mit einem gewissen, völlig undefinierbaren Anstrich vom Exotischen, einem ihm ganz sonderbar gut passenden Anflug von Amerikanertum. Wäre einer von den Göttinger Sieben seinerzeit nach Amerika ausgewandert; so hätte er _so_ zurückkommen können; Professor Gervinus vielleicht ausgenommen. Es war wundervoll!
»Just Everstein!« stammelte ich noch einmal, mehr gegen mich selber als gegen diese unvermutete Erscheinung am Berliner Wirtstische gewendet; und nun legte auch sie, die Erscheinung, oder er, der Vetter Just, Messer und Gabel nieder, legte dann gleichfalls erstaunt einen Augenblick lang beide Hände auf den Tisch, erhob sich dann langsam, bog sich über, warf das Salzfaß um, was beiläufig diesmal ausnahmsweise kein übel Omen war, und rief ganz mit der alten unveränderten Stimme vom Zaun oder der Haustürtreppe des Steinhofes her:
»^Now?^... Jetzt aber erst mal alle stille! Fritzchen!! Nun nur nicht alles auf einmal!... Fritz? der kleine Fritze Langreuter!... Also zuletzt doch wieder!... Ich bin es; aber -- jetzt laß auch du dich einmal anfühlen! Mensch, so reiche doch endlich deine Hand (^your fist^, sagte er) her. O mein lieber Junge, das ist doch zu gut!« ...
Es war ein sehr gefülltes Restaurationslokal, in dem unser Wiedersehen stattfand, und die verschmauchten Räume füllten sich eben immer noch mehr mit hungrigen Menschen. Sämtliche Professoren der vier Fakultäten, die Bauakademie und verschiedene andere Akademien schütteten ihre Zuhörer über diese behaglicheren Tische und Subsellien aus. Privatdozenten von allen Sorten schoben sich ein; dazwischen großstädtisches Volk von jeglicher Art. Mir schwindelte, ich glaubte zu träumen, wenn ich an den Steinhof und unser trostloses Abschiedsfrühstück daselbst dachte. Und ich dachte in dieser aufgeregten Minute wirklich daran, so sonderbar das erscheinen mag, vorzüglich dem mit mehr Muskeln als Nerven von der wohlmeinenden Natur ausgestatteten Erdenbürger.
Ich ergriff die Hand, die mir über den Tisch zugereicht wurde; breit war sie immer noch, aber ich hatte auch den harten biederen Griff vom Steinhofe in der Erinnerung und nahm die weichen Finger jetzt ebenfalls als etwas ganz sonderbar Unstatthaftes.
»O Vetter Just!«
»Jawohl! Und ich freue mich merkwürdig, lieber Junge. Viel ins Gerade gewachsen ist er nicht mehr in den Jahren! Aber das ist auch schön; da findet man doch auch hier etwas wieder, was so ist, wie es war --«
»Und wie lange bist du in der Stadt, Just?«
»Davon nachher! Ich glaube wahrhaftig, der Kerl ist imstande und meint, daß ich schon seit acht Wochen Wand an Wand mit ihm wohne, ohne ihn aufgefunden zu haben! Ist es denn möglich, daß ein alter Freund so schlecht von dem anderen denken kann!«
»Wie kannst du verlangen, Vetter, daß ich in diesem Moment genau überlege, was ich sage und frage? Wo kommst du her?«
»Auch das noch!... ^Well^, aus Amerika natürlich, wo die Leute in jedem Momente ganz genau wissen, was sie sagen und was sie fragen. Und nun, weißt du was, Fritz? Nun tun wir fürs erste, als ob keinem von uns beiden etwas besonders Merkwürdiges passiert sei. Jetzt essen wir mit möglichster Ruhe zu Mittag und besehen uns stillschweigend währenddem. Keiner nimmt es dem anderen übel, wenn er bei dem Studium auch einmal den Kopf schüttelt. ^What will you drink?^ Alter Kerl, wenn ich weiter nichts mit über das Wasser zu euch zurückgebracht hätte als den alten guten Magen vom Steinhofe (Fritze, nachher stoßen wir darauf an!), so wäre auch das schon gar nicht zu verachten. Wie sagt Cicero in diesem Falle?... Na?!... Kellner, die Weinkarte! Ach ja, die schöne Zeit, wo man alles Gute, was kam, als etwas sich ganz von selbst Verstehendes nahm!«
Das war nun alles so hingesagt, als ob der Mann erwarte, daß man mit dem sonnigsten Lachen darauf Antwort gebe; und ich lachte auch, wie man hie und da über etwas ganz Neues lacht, dem man eben noch auf keine Weise beikommen kann. Es war mir nie im Leben etwas so neu erschienen als der Vetter Just Everstein, dieser alte gute Bekannte. Ratlos, wie und wo er am richtigsten anzufassen sei, fing ich mechanisch an, meine Suppe herunterzulöffeln, aber ohne ihn für den kürzesten Augenblick aus den Augen zu lassen. Ihm aber schien das großen Spaß zu machen, ihm, der so viele Jahre hindurch so oft _unser_ Ergötzen auf dem Steinhofe gewesen war.
»Dir ist es gottlob gut gegangen,« stammelte ich, und:
»Besser, als ich's verdiente,« erwiderte der Vetter Just. »Cicero hat sich jedesmal nach einer längeren Reise für das heimatliche Gewächs erklärt, und wenn es noch so verfälscht war; und sie haben den Falerner damals sicherlich schon gerade so vermanscht wie heute hier diesen Rüdesheimer. Dessenungeachtet also: Auf dein Wohl, Fritz!«
»Auf dein Wohl, Vetter Just,« stotterte ich und sah wieder stumm hin nach dem alten wackeren Freunde.
Das überraschende Wiedersehen hinderte ihn in der Tat nicht, sich gerade so durch die Speisekarte des Berliner Restaurants durchzuarbeiten wie vordem durch das Gute, was unsere Jule Grote auf den Tisch setzte, und nachher verstohlen und »vermittelst eines zweiten Schlüssels« durch seine Schinken-, Speck- und Wurstkammer.
»Noch einmal auf dein Wohl, Fritz Langreuter!«
»Und auf deines so oft du willst, Just, und -- die alte Jule soll leben!«
Da war das lösende Wort, das ich bis jetzt so vergeblich zu finden gesucht hatte.
»Hurra, das soll sie!« rief der Vetter, auf den Tisch schlagend daß alles Tafelzeug emporhüpfte und man von sämtlichen übrigen Tischen sich nach uns umdrehte.
»Sie lebt doch hoffentlich noch und befindet sich wohl? Sie muß freilich jetzt wohl --«
Der Vetter hatte seine Serviette neben dem Teller niedergelegt, den Teller von sich abgeschoben und die Hände auf die Knie fallen lassen.
»^Old boy^, wenn du in die Fremde hinaus gemußt hättest und ich zu Hause geblieben wäre, so wäre ich dir, wie ich mich kenne, hoffentlich mit dieser Frage vom Leibe geblieben. Nimm es mir nicht übel, Fritze, aber von Rechts wegen müßtest du doch eigentlich wissen, daß sie noch lebt. Nimm es nur nicht übel, daß sie auch die ganzen Jahre, in welchen wir uns nicht gesehen haben, noch gelebt hat. Übrigens danke ich für gütige Nachfrage, Fritzchen! sie sitzt wieder ganz gut und, ihr Alter und Temperament abgerechnet, recht vergnügt auf dem Steinhofe.«
»Auf dem Steinhofe?... Sie hat -- du hast -- den Steinhof wieder, Just?«
»Natürlich!« sagte der Vetter Just Everstein, als ob das das Natürlichste von der Welt gewesen wäre. Kein römischer Kaiser, der je eine verlorengegangene Provinz zum deutschen Reiche zurückbrachte, hätte das selbstverständlicher finden können; das wenigstens mußte ich aus meinen Geschichtsforschungen und meinem mittelalterlichen Quellenstudium wissen; und der Vetter Just hatte vollkommen recht: es war erbärmlich wenig, was ich von der Welt durch _mein_ Quellenstudium in Erfahrung gebracht und _darin behalten hatte_.
Nun hätte ich dreist auch mein stummes Studium der jetzigen äußeren Erscheinung des Jugendfreundes von neuem über den Wirtstisch weg beginnen können. Aber je nötiger es war, desto unmöglicher war es gleichfalls. Nie war mir das Getöse, das Geklapper und Geklirr, das Kommen und Gehen rund umher so widerwärtig und unbehaglich gewesen als jetzt. Ich sah nur wie hülflos in das gute Gesicht mir gegenüber, und der Vetter Just nickte nur lächelnd und brummte:
»Ja, ja, es ist wohl nicht der richtige Ort hier zu dem, was wir einander vielleicht doch etwas weitläufiger zu erzählen haben. Das Getränk paßt auch nicht recht zu der Feierlichkeit der Stunde; es macht seinem Schuft von Verfertiger wohl alle Ehre, aber melancholisch stimmt es doch. Weißt du was, Alter? Jetzt nimmst du mich mit nach Hause. Da hocken wir einmal wieder zusammen wie in meinem Erker auf dem Steinhofe -- weißt du noch? Ach Gott, wie habe ich mir da drüben so oft nach dem Erker und des Großvaters Wissenschaftsschranke das Herz abgesehnt!... Alter Kerl, und ich wohne jetzt wieder darin, -- den Schrank hat freilich damals der Auktionator geholt. Daß Irene Everstein augenblicklich hier auch in der Stadt wohnt, wirst du ja wohl wissen, obgleich du nicht gewußt hast, daß meine alte Jule noch lebt. Und -- Menschenkind, in Bodenwerder halten sie mich immer noch für einen gerade so großen Narren wie vor Jahren. Zum Exempel dieses Schrankes wegen, für den ich fünfzig Dollars geboten habe, wenn ihn mir einer noch irgendwo auftreibt. Aber imponieren tue ich ihnen jetzt doch riesig; denn dazu braucht man nur einen hübschen Sack voll Taler, und es ist also leicht genug. Sobald du hier von deinen Geschäften abkommen kannst, mußt du mich auf dem Steinhofe besuchen, um das Gaudium mit zu erleben. Und nun komm, deinen Kaffee braust du dir hoffentlich selber.«
Ich kam, das heißt, ich ging einfach mit, und ich sagte es auf dem Wege nach meiner Wohnung nicht, daß ich auch nicht gewußt hatte, wo Irene von Everstein augenblicklich lebte. Es war ein Wunder, daß ich meinen Weg nach Hause in meiner jetzigen Stimmung zu finden wußte.
Dreizehntes Kapitel.
Und dann kam wieder eine Stunde, in der ich wieder auf meiner Stube allein saß, und zwar tief in der Nacht oder vielmehr früh am Morgen. Draußen tobte das schlechteste Wetter der Jahreszeit, und von den Wänden sahen mich durch den Tabaksqualm des Vetters meine Bücher an, und zwar ebenfalls wie etwas, das mich nur zu oft abgehalten hatte, die besten Lebensstunden, wie es sich gehörte, auszunutzen, und mein Teil von der Sonne, der frischen Luft und der freien Welt mit allen fünf Sinnen und vor allem mit Händen, Füßen und Lungen einzuholen.
Der Vetter Just hatte mir ein Privatissimum vorgetragen, wie ich es nie gelesen habe und leider auch nie lesen werde. Er hatte mir über seinen Lebensgang Bericht gegeben, von jenem Morgen an, wo der Bodenwerdersche Landpostbote auf dem Steinhofe unseren jungen guten Kreis sprengte, bis auf die eben abgelaufene wunderliche Stunde.
Nun konnte ich wohl sitzen, mir den Kopf mit beiden Händen halten und Gewissensbisse der schlimmsten Art haben, nämlich die der vielbeschäftigten, selbstgenügsamen Indolenz, die plötzlich zu dem Bewußtsein kommt, wie wenig auf Erden durch sie zum Guten, Wirklichen und Wahren ausgerichtet wird! Ich hatte selten kläglicher geseufzt und jämmerlicher nach Luft geschnappt als in jener Nacht; und des Vetters Knastergewölk war wahrlich nicht schuld an der erbärmlichen Atemnot.