Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Part 5

Chapter 53,953 wordsPublic domain

»I, so soll mich doch!... Nun höre einer!... Ach, herrje, bist du auch schon so lateinisch? Du?... Was kosten denn jetzt die Rohrstöcke bei euch auf Schulen? Sind wohl höllisch dies Jahr mißraten in Hinterpommern oder wo sie wachsen, weil du mir hier Glocke Zwölf am Tage so kommst wie ein Maikäfer, wenn's Abend wird?! Herr Langreuter, Sie verdirbt er auch noch in Grund und Boden; und er ist es auch allein, der alle Augenblicke mit Ihnen hierher nach dem Steinhofe her vagabundiert, daß Sie, Fritzchen, mir meinen Jungen da, meinen Just, noch mehr aus seinem Menschenverstande heraus verführen, was eine Sünde ist, mehr als ich sagen kann, und was seine Schwester auch wohl weiß, und wenn ich nur nicht die lieben Gesichterchen so gern auf dem Steinhofe hätte, so wollte ich schon noch mehr sagen; aber die gnädige Frölen Gräfin darf's mir dreiste glauben, ich nehme es keinem übel, wenn er es anders gewohnt ist bei Tische, und große Bohnen sind freilich nicht jedermanns Sache, da hat der Junge recht.«

»Wenn Sie den hier meinen, Jungfer Grote,« lachte Irene Everstein, mit ihrer Gabel auf Freund Ewald deutend, »so sollte ich nur mal 'nen Augenblick lang Ihren großen Löffel da in der Hand haben! Ach, herrje, ich würde ihm Deutsch auf sein Lateinisch geantwortet haben. Und übrigens haben sie ihn auch nur deshalb mit nach Sekunda genommen, weil er ihnen für Tertia zu lang geworden ist. Wachsen kann jeder, und wir auch; nicht wahr, Eva?«

Sie stand auf, und da alle sie darauf ansahen, sagte sie:

»Ich will mir nur ein Glas Wasser vom Brunnen holen.«

»Bleib sitzen, das will ich dir besorgen,« sagte der Vetter Just, gleichfalls aufstehend. »Du weißt doch, Irene, daß dir die Winde zu schwer ist. Es springt hier nicht so bequem aus einem Löwenmaul wie bei euch auf Schloß Werden.«

Er erhob sich tölpisch genug von seinem Stuhl; aber Ewald Sixtus und ich, wir waren ruhig sitzen geblieben; und es ist auch heute erst, in der Erinnerung der fernen Vergangenheit, daß mir das bemerkenswert erscheint. Ich schätze es übrigens jetzt für ein Glück, daß die Feinfühligkeit nicht bei allen Menschen mit den Jahren wächst. Wer würde es aushalten können in einer Welt, in welcher dieses die Regel wäre und die Leute ohne das in keiner Achtung stehen und es auch nicht zu Vermögen bringen könnten?

Jule Grote sah ihrem vierschrötigen, langen, unmündigen Mündel mit einem Ausdruck von verdrießlichem Jammer nach, der sich gar nicht beschreiben läßt. Sie hob den Löffel zum Munde; aber sie ließ ihn wieder auf den Teller sinken und brummte:

»Da danke einmal einer dem lieben Herrgott für die gute Gottesgabe!« und dann grimmig sich zu Ewald Sixtus wendend, rief sie:

»Dich sollte dein Vater aus alter Freundschaft von Schulen abtun und hierher auf ein halb Jahr zur Probe in die Wirtschaft geben. Vielleicht brächtest du ihn noch aus der Unvernunft heraus und zu ordentlichem Sinn und Gedanken. Von euch anderen aber ist es mir eine große Ehre und Pläsier; aber besser ist's doch, ihr bleibt mir soweit als möglich weg vom Steinhofe. Was nutzt der Kuh Muskate? Und was haltet ihr mir den Bauer auf dem Steinhofe noch mehr von der Arbeit ab? Soweit meine Besinnung reicht, haben sie zwarst alle, vom Vater zum Sohn, hier auf dem Hofe 'nen Vogel im Kopfe mit in die Welt gebracht; aber solch ein nichtsnutzig ganzes Nest wie dieser doch keiner! Du lieber Himmel, was daraus werden wird, weiß ich; und doch liege ich Nacht für Nacht wach und bitte, daß einer kommt und es mir sagt; gerade als ob ich es wie das höchste Glück nie genug hören könnte! O ihr junges Volk sollt es nur auch erst einmal erfahren haben, wie es dem Menschen zumute ist, wenn er sich so an seine Sorge anklammern muß und um seinen Willen gar nicht gefragt wird dabei!«

Das war gerufen und doch nur über den Tisch geächzt -- »der Leute wegen«; -- als ob die nicht schon längst Bescheid und den Vetter Just zu nehmen gewußt hätten, wie sie ihn gebrauchen konnten. Ihnen war es ganz bequem so, wie er war; und Jule Grote hatte recht, vollkommen recht in ihrem Jammer und Ingrimm: der Steinhof mußte zugrunde gehen unter einem Bauer wie der Vetter Just Everstein.

Doch der Vetter Just ist eben mit dem Glase klaren Wassers aus seinem Ziehbrunnen für die Komtesse Irene zurückgekommen. Er hat fein ein Klettenblatt darunter gelegt, und ein Bär könnte es nicht zierlicher präsentieren. Endlich sind wir alle satt, -- sogar der Junge vom Hofe ist satt und äußert es durch einen klagevollen Laut, der aber nicht allein Seufzer ist und auch nicht bloß aus der Tiefe seines Busens sich emporringt. Ein jeder geht, mehr oder weniger gutwillig, wieder an seine Arbeit; nur der Vetter Just nicht, der doch am gutwilligsten gehen sollte. Und wir nicht; denn dazu sind wir wahrhaftig nicht vom Schloß Werden durchgebrannt!

Wir liegen, wie wir es uns auf jeder schattenlosen Stelle unseres Weges lockend ausgemalt haben, im hohen Grase, im Grasgarten des Steinhofes unter dem großen Kirschbaum; der Vetter Just Everstein aber sitzt in unserer Mitte am Stamm des Kirschbaumes und hält die Knie mit den langen Armen umschlungen. In der Küche hält Jule Grote die Kaffeemühle im Schoße und schüttelt die Haube und wirft bedenkliche Blicke durch das kleine Fenster nach ihren Gästen und ihrem in aller Welt nichts nützen jungen Herrn und Meister. Dieses aber gehört besser in ein ander Kapitel, und ich beginne das sofort.

Neuntes Kapitel.

Es war nicht der erste Everstein mit einem Nagel oder Vogel im Kopf, den der Steinhof erzeugte. Es hatten schon mehrere des Namens die Umgegend in Erstaunen gesetzt; und dieser Freund Just war auch nicht der erste, den die Gegend »Vetter« nannte und von dem sie nach jedem Nachbarschaftsbesuche mit der Hand im Haar oder mit dem Knöchel des Zeigefingers vor der Stirn Abschied nahm und sich auf dem Heimwege fragte:

»Ist denn das 'ne Möglichkeit?«

Der Vetter Just mußte es aber doch wohl in der Absonderlichkeit allen seinen Ahnen zuvortun; und was zu viel ist, das ist zu viel! »Vieles hat er von seinem Großvater und seinem Vater, aber nicht alles,« sagte Jule Grote.

»Der verfluchte Junge. Totschlagen könnte ich ihn alle Tage ein paar Male!« pflegte sein seliger Vater zu seufzen. »Und totgeschlagen hätte ich ihn auch schon längst, wenn mir da nicht immer sein Großvater in das Gedächtnis käme, Nachbar, und ich mir denken müßte, was kann er denn eigentlich dafür, wenn's ihm einmal im Blut steckt?! Mich hat's wohl gottlob übersprungen! aber seinen Großvater hättet Ihr kennen sollen, Nachbar. Na, richtig, Ihr habt ihn ja gekannt, und so müßt Ihr doch auch sagen, daß so 'ne Weisheit, als der prästierte, auch nicht allenthalben und immer für Geld und gute Worte zu haben ist. -- So nehme ich ihn denn am Kragen und schüttele ihn in der hellen Wut, und er sieht mich dumm an und sagt nichts, oder sagt: Ja, Vater! und dann muß ich ihn wieder laufen lassen; -- denn, Herr Amtmann, Sie sagen wohl, das müssen Sie eben nicht tun, Everstein, sondern Sie müssen sich und dem Bengel einen Zwang antun! aber nun ist denn dieses wieder nicht in _meiner_ Natur. Ich kann leider Gottes den Grimm und die Wut über den Nichtsnutz nicht festhalten über dem Nachdenken über ihn. Es ist eben _unsere_ Natur! Was für die anderen Bauern der Mist ist, das sind für uns hier auf dem Steinhofe die Hirngespinste und Spintisierereien; und seit Olims Zeiten ist das so mit uns gewesen. -- Ja, Sie haben recht, Base, daß das nicht so weiter gehen kann, wenn der Steinhof nicht zugrunde gehen soll, wenn ich mal die Augen zutue; aber Sie sind ein verständig Frauenzimmer, Base, und so will ich Ihnen denn meinen letzten Trost nicht vorenthalten. Sehen Sie mal, was hat uns auf dem Steinhofe seit mehr denn hundert Jahren immer wieder 'rausgerissen? Die gütige Vorsehung! So ist das bei meinem Vater gewesen und bei dem seinen und so weiter fort rückwärts. Und so hat sich noch, wenn die Not am größten war, -- immer noch ein vernünftig Weibsbild gefunden, dem das Elend jammerte und das also ein gut Werk an uns tat und -- uns nahm. Von Meiner will ich nicht reden; aber seit sie auf dem Kirchhofe liegt, vermisse ich sie doch auch recht sehr! Aber meine Mutter, als was Justs Großmutter nun ist, das war eine Frau! Wenn ich da an meinen seligen Vater denke, so kann ich nur die Hände zusammenlegen und sagen: Uh jemine!... Und sehen Sie, Base, auf so eine hoffe ich denn auch zum Besten von meinem Strick von Jungen da, und bei allem, was nach uns kommt auf dem Steinhofe. Die Weibsleute haben uns noch immer aus dem blauen Nebel und allen Dummheiten herausgeholt. Denn was Sie auch sagen mögen, Base, angewiesen seid ihr ja doch allesamt mit eurem ganzen Interesse auf uns, wenn ihr uns mal genommen habt, eure uneigennützlichen Gefühle beim Jasagen ganz unbesehen. Sie brauchen da nur an den Ihrigen und sich selber zu denken, wenn Sie es mir erlauben, Frau Base.«

Für die richtige war es wohl noch ein wenig zu früh am Tage.

»Wenn die Zeit kommt, werde ich mich nach ihr schon auf die Lauer legen, wie es mein Vater für mich getan hat und den sein Vater für ihn,« pflegte der Alte einer jeden solchen sorgenvollen Erörterung als Schluß anzuhängen. Leider erging es ihm wie den meisten Erdenbewohnern: er starb an einer Erkältung in der Heuernte, ehe er sich nach der Rechten auf die Lauer gelegt hatte; und der Junge hatte dann auch nicht weiter nach ihr gesucht, sondern die Tage und sein Wachstum in ihnen hingenommen, wie's ihm kam, unter staatlicher Obervormundschaft und unter der Pflege und Vormundschaft von Jule Grote.

Die Sommersonne scheint auf den dichtbelaubten Kirschbaum, und Licht und Schatten halten ihren flimmernden Tanz auf dem weichen Grase unter ihm. Irene hat ihren blonden Kopf in Evas Schoß gelegt und ist dem Schlafe näher als dem Wachen. Ewald liegt lang ausgestreckt auf dem Bauche, hält seinen Kopf auf beide Fäuste gestützt und starr blinzelnd auf den Vetter und zuckt mit den Ellenbogen, als ob er die ganze Welt in die Seite stoßen und sie gleichfalls auf ihn aufmerksam machen möchte. Auch ich halte in der grünen Kühle die Augen nur mit Mühe offen, aber annähernd horche ich doch auf alles, was hin und wieder gesagt wird, und gebe auch wohl mein Wort mit drein.

»Wenn du lange genug nachgedacht hast, so darfst du meinetwegen dreist sagen, was du denkst, Just. Wenn ich satt bin und weich liege, kann ich allen Unsinn ruhig anhören, Vetter Just,« spricht Ewald mit einer Miene, als ob er noch nie während seiner gelehrten Laufbahn vom Klassenlehrer einer unverschämten Redensart wegen zur Tür hinausbefördert worden sei.

»Ich denke ja an gar nichts!« antwortet der Vetter Just. »Was sollte ich denn denken?«

Irene von Everstein, ihre Augen halb öffnend, murmelt:

»Solch einem dummen Jungen antwortete ich auch das nicht einmal, Just. Er soll drei Bäume weiter gehen und uns hier unter unserem jetzt ungeschoren lassen. Das ist meine Meinung.«

»Und meine auch!« ruft Evchen Sixtus mit ganz ungewöhnlicher Energie.

»I sieh' einmal, Jungfer Naseweis! bist du auch noch da? In deiner Stelle wäre ich längst in der Küche, um Donna Julia Cichoria beim Kaffeekochen und in ihrem Kummer um _ihren_ dummen Jungen zu unterstützen. Was ist deine Ansicht von der Sache, Fritzchen?«

»Halt's Maul und laß _mich_ wenigstens in Ruhe, Ungeheuer.«

»Und dies soll nun nicht grob sein?« brummt das »belebende Prinzip« in unserer Gesellschaft, dreht sich auf die Seite und grinst: »Bist du mir böse, Just?«

»Seit dem schönen Wetter zu Anfange voriger Woche habe ich euch hierher schon voraufgerochen. Jetzt ist es nett von euch, daß ihr mal wieder da seid. Ne, böse bin ich dir gerade nicht; denn Fritz und deine Schwester und Fräulein Irene wissen es, daß man auf keinen gern wartet, auf den man nicht jeden Morgen nach der Witterung ausguckt.«

»Sehr schön gesagt!« brummt Ewald, jetzt wirklich sich abseits und unter einen etwas entfernten Stachelbeerbusch wälzend. »Gute Nacht, alle miteinander! Wenn wieder mal was Interessantes vorkommt, so weckt mich freundlichst. In Gehörweite für euren Unsinn bleibe ich euch zuliebe. Na, das Blech!«

Die Sonne liegt auf allen Bäumen des Grasgartens des Steinhofes; aber die Vögel in den Bäumen haben bereits ihre Siesta beendigt und fangen von neuem an, munter zu werden, um den trotz seiner Länge so kurzen schönen Tag so vergnügt und glücklich als möglich auszunutzen, -- gerade wie wir. Die Komtesse sitzt wieder aufrecht und sehr helläugig da. Ihre Augen glänzen vor mädchenhaft lustiger Mutwilligkeit, als sie sagt:

»Hört nur, er schnarcht schon, der Unmensch! Jetzt sind wir unter uns. Rückt alle zusammen; -- und nun sagen Sie, Vetter Just -- es hört keiner zu als ich und Eva, Fritz und die Spatzen im Baum, und wir meinen es alle ganz ernst -- haben Sie es hübsch weiter gebracht, seit wir zum letzten Mal hier auf Besuch waren?«

Mit seinem tölpischsten Lächeln sieht der Vetter in die Ferne:

»Wieso soll ich es denn weiter bringen, wenn ich nicht mal weiß worin?«

»Ach, verstellen Sie sich nur nicht, Vetter! Bitte, sehen Sie nicht so dumm aus! Damit machen Sie anderen Leuten was weiß, aber uns nicht. Sie studieren sich immer weiter hinein, bis zum Klügsten von uns allen, und das sind Sie auch von Natur schon lange; und nun werden Sie nur nicht rot, denn das nützt Ihnen noch viel weniger als das Dummaussehen. Sie studieren ja alles rundum verrückt, sagt Jule Grote; -- sich selber -- sie -- den ganzen Steinhof. Und wo das enden will, weiß sie nicht, sagt sie.«

»Es ist auch nur Ewalds Neid, weil er für das, was einem anderen soviel Vergnügen macht, soviel Prügel von seinen Herrn Lehrern gekriegt hat,« meint Evchen Sixtus schüchtern, und: »Unsinniges Volk!« klingt es von dem Stachelbeerbusch faul und schlaftrunken her.

»Ja, es ist ein Spaß!« sagt der lange, im nächsten Jahre mündige Vetter Just Everstein und verzieht den Mund wie ein ausgelachtes Kind, und -- heute weiß ich genauer als damals, was das Auslachen und Ausgelachtwerden unter den Menschen bedeutet seit den Tagen des Urvaters Noah. Ich lache viel seltener als damals aus eigenem Antrieb, und noch viel seltener lache ich mit.

Damals lachte ich mit, und zwar in die grinsende Bemerkung von dem Stachelbeerbusche her:

»Hu, der alte Broeder! Schlag ihn doch mit unserem Zumpt auf den Kopf, Fritze! Uh; na, _mein_ Junge soll's besser haben als ich.«

Wir achten, was unsere Unterhaltung unter dem Kirschbaum anbetrifft, von jetzt an nicht im mindesten mehr auf die Stimme vom Stachelbeerbusch her.

»Es ist die lateinische Grammatik gar nicht,« stottert der Vetter.

»Sondern deines Großvaters ganzer Bücherschrank, den du mit dem Steinhofe von deinem Vater geerbt hast, Just. Funkes Naturgeschichte, Blanks Geographie, der ganze Schiller, Goethes Götz von Berlichingen und Werthers Leiden, Engels Philosoph für die Welt, Nathan der Weise, Minna von Barnhelm, Emilia Galotti, das Mildheimische Not- und Hülfsbuch, das Mildheimische Liederbuch, Beckers Weltgeschichte und die Geschichte von dem Schweizer Schullehrer Pestalozzi --«

»Hat der Kerl auch ein Buch geschrieben?« fragt der Stachelbeerbusch. »Bis jetzt habe ich gemeint, daß der nur den General Wallenstein nicht mit ermordet hat.«

»Ach, das war ja ein ganz anderer!« ruft Eva Sixtus noch einmal gutmütig, und:

»Halt' endlich deinen Mund, Sixtus!« rufe ich auch noch einmal, aber gutmütig gerade nicht, und:

»Wer spricht denn eigentlich mit euch?« klingt es unverschämt zurück. »Nicht einmal träumen darf man wohl mehr von euch verrücktem Volk? Natürlich, der Herr Vetter darf ruhig am hellen lichten Tage nachtwandeln gehen, ohne daß es einem anderen auffällt als höchstens der Jungfer Jule. Schön also -- und noch einmal gute Nacht!«

Er trifft mit seinen nichtsnutzigen Redensarten dann und wann sonderbarerweise den Nagel auf den Kopf, der gute Freund unter dem Stachelbeerbusch. Wir betrachten uns alle von neuem den Vetter Just Everstein unter seinem Kirschbaum und sehen ihn uns auf das Wort von dem Nachtwandeln hin an.

Er läßt die Knie fahren, reibt sich die langen Beine eine Weile sehr nachdenklich, windet sich sozusagen an sich selber langsam und mühselig in die Höhe, hat mich dabei, ohne daß ich den geringsten Widerstand zu leisten imstande bin, mit emporgezogen und sagt:

»Komm' du mal mit, Fritz. Ihr anderen könnt uns rufen, wenn der Kaffee fertig ist.«

Er hält mich mit eisernem Griffe am Oberarm, tritt über den Kameraden unter dem Stachelbeerbusche weitbeinig hinweg und nimmt mich mit sich, und ich weiß schon _wohin_; denn es ist nicht das erste Mal, daß er mich in dieser oder doch einer ganz ähnlichen Weise abseits führt. Und ich weiß auch schon _wozu_; denn es ist nicht das erste Mal, daß er sich an mich hält, wenn die anderen und die Welt ihm und er selber sich zuviel werden. Damals lachte ich ebenfalls; heute sehe ich sehr ernsthaft aus, wenn Leute Vertrauen in mich setzen, Rat von mir haben wollen und sich auf mich mehr als auf andere verlassen zu dürfen glauben. Ich habe im Laufe der Zeiten allzuviel von meinem Grundvermögen an Selbstvertrauen ausgegeben und eingebüßt, um das Ding jetzt noch bequem, leicht und vergnüglich nehmen zu können: -- ach, armer Vetter Just, und wie fest und angsthaft verließest du dich an jenem Sommertage auf meine Schülerweisheit und wolltest Licht daraus für deinen ganzen tapferen, guten, großen Lebensweg! Mein bester Trost ist da heute, daß dir damals noch viel weniger damit geholfen gewesen wäre, wenn ich dir mit der vollen Summe meiner jetzigen Weisheit hätte aufwarten und zu Hülfe springen können!

Es befindet sich in einem Erker im Dache des Wohngebäudes auf dem Steinhofe ein einfenstriges Gemach, von dem aus man eine weite Aussicht hat über Wälder und Felder, ferne und nahe Hügel und Berge, eine Aussicht, so gut sie eben ein Blick dem Lande Westfalen zu liefern mag. Die Wände sind vor fünfzig Jahren vielleicht zum letzten Mal geweißt worden. Der Gipsfußboden ist in den kuriosesten Mustern nach allen Richtungen hin gesprungen und senkt sich ziemlich schräg von dem Fenster der Tür zu. Urväterhausrat ist der Ofen, der Tisch und die zwei Stühle. Urväterhausrat ist der Schrank, der des Großvaters Bücherei enthält. Ein gut Drittel alles Raumes nimmt des Vetter Justs Bettsponde ein, in welcher der Vetter, ganz entgegen der landesüblichen Gewohnheit, auf Stroh schläft und auch nicht unter dem gewohnten Federgebirge und kugelartigen Deckbett.

»Er ist ein Monster in allem, was er tut und läßt!« stöhnt Jule Grote jedesmal, wenn sie den Schlüssel in der Tür steckend findet oder ihn sich mit Gewalt erobert.

Der Vetter, der meinen Arm auch auf der Treppe nicht losgelassen hat, befördert mich mit einem plötzlichen Schub und Stoß in die Mitte seines Heiligtums. Hastig verschließt und verriegelt er die Pforte von innen, dann wendet er mir ein von verschämtem, aber glückseligstem Lächeln verklärtes Gesicht zu und seufzt aus tiefster Brust:

»So! Nun laß sie kommen!... Willst du eine Zigarre, Fritz?«

Ich weiß, obgleich ich selber nichts weiter als ein »dummer Junge« bin, womit ich dem alten wundervollen Jungen in diesem Raume zu Gefallen sein kann, wie niemand sonst in der Welt. Und die Luft in diesen engen vier Wänden muß von sonderbaren Sporen und Keimen erfüllt sein: _Dschinnistan_ ist für uns _beide_ da; die träge Verdauungsstunde unter den Bäumen des Grasgartens, aus dem wir eben die Treppe heraufgekommen sind, ist wie in ein fern vergangenes Jahrhundert entrückt. Ich sitze auf dem Bette des Vetters, und er hält mir das brennende Schwefelholz an den dargebotenen Glimmstengel und flüstert glänzenden Auges:

»Langreuter, ich habe ihn heraus!«

Es ist ein süßes Blatt, das ich da verqualme; aber ins Husten gerate ich doch darüber und zwischen dem Husten frage ich:

»Wen hast du heraus, Just?«

Ein Schlag auf die Schulter wirft mich zurück auf den Strohsack und mit dem Hinterkopf an die Wand.

»Den ^Magister matheseos^!... Es ist, weiß Gott, richtig! Das Quadrat der Hypotenuse ist wahrhaftig so groß wie die Summe der Quadrate der beiden Katheten am rechtwinkeligen Dreieck!«

Ich reibe mir wohl den Hinterkopf ein wenig; aber so betäubt haben mich der körperliche Puff und die geistige Überraschung doch nicht, daß ich nicht mit Herz und Seele, mit Armen und Beinen und vor allem mit einem Hurra aus gesunder Lunge an der wissenschaftlichen Errungenschaft des Vetters teilnehmen könnte.

»Das ist famos! das ist brillant! Just, das ist großartig!... Und ganz allein aus dir selber; -- das ist riesig --«

»Ich habe dich auch bloß dazu mit hier heraufgenommen. Jetzt brauchst du nur noch zu brüllen: das ist borstig! das ist haarig! -- und wir können wieder zu Ewald und den Mädchen in den Garten hinuntergehen, Fritz!«

Es kommt einem gewöhnlich erst lange, nachdem man alle seine Examina hinter sich hat, wie schwer es ist, mit den wirklichen großen Herren aus Dschinnistan umzugehen, und -- den meisten kommt es gar nicht. Die lobwürdigsten Examina in sämtlichen Brotfächern tun da nicht das geringste zur Sache. Mit wahrer Subtilität will nur immer das behandelt sein, was hinter dem berühmten Kanzler Oxenstierna steckt, nicht der wenige Verstand in ihm -- nach seinem eigenen Wort --, der dazu gehört, um die Welt militärisch und ziviliter zu verwalten.

»Du hast recht, Vetter,« sage ich kleinlaut zurück; »vergib mir nur noch mal das Dumme-Jungen-Betragen. Na, alter Kerl, gib mir die Hand. Daß ich mich riesenhaft freue, wenn es dir gut geht, weißt du ja. Und daß du ein nobler Kerl bist und zwanzigmal mehr wert als wir anderen alle miteinander, das weiß ich. Und jetzt komm' hierher an den Tisch und beweise mir das nichtsnutzige Untier von Lehrsatz gleichfalls. Was die verdammte Bestie mich an Schweiß und Blut gekostet hat, das wissen die Götter. Und frage nur Ewald. Mathematik ist seine Force, aber drei Glatzköpfe könnten sich Perücken aus den Haaren machen lassen, die er sich darüber ausgerauft hat, und vom Oberlehrer Dr. Grimme weiß ich es fest: er trägt eine aus dem Busche, der auf Ewalds Kopfe gewachsen ist, und hat sich das Material selber mit den Wurzeln ausgezogen.«

»Den Witz habe ich schon einmal anderswo in Büchern gelesen, Fritz,« meint der Vetter.

»Dann kannst du dich fest darauf verlassen, daß es gar kein Witz ist, sondern eine richtige, schreckliche Wahrheit, Just. Frage nur Ewald danach.«

Nun hängen wir über dem Tische, und der Vetter Just Everstein beweist mir den Magister. Es müßt ein gut Stück vom einstürzenden Himmel dem Erben und Meister des Steinhofes auf den Kopf fallen, um ihn zum Aufgucken zu veranlassen. Er verwickelt sich und gerät auf falsche Fährten und gerät auch sich mit der Faust in den blonden Haarwulst. Er findet sich wieder zurecht, und es wird licht und immer lichter vor und in seinen Augen. Endlich ist er siegreich durch und sein autodidaktischer Triumph vollständig.

»Hurra!... Weiß Gott, er hat den Pythagoras unter sich und kniet ihm auf der Brust!... Vetter, du bist ein Riese! Und auch dies hast du alles aus dir selber?...«

»Und aus Büchern!« sagt der Vetter Just Everstein viel verschämter als ein junges Mädchen, dem man zum ersten Mal sagt, daß es hübsch sei. Die junge Dame auf dem Ball erfährt da natürlich nichts, als was sie sich schon längst selber mitgeteilt hat; der Vetter Just aber weiß von nichts, was ihn selber angeht, und glaubt am meisten noch der Mamsell Jule Grote, die ihm jeden Tag von neuem zu hören gibt, daß er der größte Nichtsnutz, Unverstand und Tagedieb sei, den der liebe Herrgott in seinem Zorn zu ihrem Elend in die Welt und auf den Steinhof habe hinsetzen können.

Von den »Büchern« kommen wir natürlich auf des Großvaters Bücherschrank. Dschinnistan -- Genieland, Geisterland öffnet seine Pforten immer weiter. Wir haben längst alle Berechnung darüber verloren, was es in Bodenwerder geschlagen haben mag auf dem Kirchenturme. Wir kümmern uns nicht im geringsten darum, daß es auch auf dem Steinhofe eine Uhr gibt, die ziemlich richtig die Zeit anzeigt und von Jule Grote gewissenhaft immer von neuem aufgezogen wird.