Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Part 21
Ich hatte dem jetzigen Herrn von Schloß Werden mein Wort gegeben, ihm in dieser Nacht sofort zu schreiben; ich wußte, daß der Mann und wilde Irländer in der Försterei zu Werden ebenfalls wenig schlief in dieser Nacht, hatte mir auch gewissenhaft einen Briefbogen zurechtgelegt und dem Vetter Just sein Tintenfaß mir aus seiner Giebelstube geholt; aber -- wozu eigentlich immer selber stets Wort halten in einer Welt, in der es einem selber so häufig nicht gehalten wird, sowohl vom Wetter wie vom Schicksal?... Ihrem Schicksal entgingen sie -- Ewald und Irene -- darum doch nicht; was ich aber brieflich mitteilen konnte an den Freund, war wenig und hatte in der Tat vollkommen Zeit bis morgen. Wie sich das stolze Herz der Frau noch sperrte und flatterte und mit den Flügeln schlug, das ließ sich doch nur schwer mit des Vetters schlechter Tinte und noch schlechterer Feder hinschreiben, und dazu hatte der Vetter selbst mich vom Schreiben abgehalten. Er war ganz meiner Meinung gewesen; aber bis über die Mitternacht hinaus hatte er bei mir gesessen und die Sache immer wieder von einer anderen Seite her beleuchtet und geredet wie der außerordentlichste Professor der Psychologie.
Der irländische Baumeister Ewald Sixtus hatte manche Nacht durchwacht, um Schloß Werden sich zu gewinnen, weshalb sollte er nicht die eine und die andere Nacht durchwachen, um zu dem Entschluß zu kommen, es wieder aufzugeben?
»Gute Nacht, Just. Dein Schreibzeug läßt du mir wohl bis morgen früh?«
»Ist denn noch Tinte drin? Wohl mehr tote Fliegen und dergleichen?« fragte der Vetter, lächelnd sich hinter dem Ohre kratzend. »Lieber Bruder, die Zeiten haben sich ganz besonders in dieser Hinsicht sehr geändert. Ich habe schon mehrmals einen reitenden Boten nach Bodenwerder schicken müssen, um mir den notwendigen Tropfen zu einer Namensunterschrift holen zu lassen.«
Ich stieß den Federstumpf durch den Schimmelüberzug und fand noch genügendes schwarzes Naß, um aller Welt Glück und Leid dreintauchen zu können, und meine Ansicht, Meinung, Weisheit und guten Ratschläge dazu; der Vetter war gegangen, und ich hatte -- die Feder neben den Briefbogen gelegt und mich in das Fenster.
Was konnte ich eigentlich dem Freunde in Werden schreiben?
Daß ich _sie_ in der heißen Sonne am Wege sitzend fand, daß _sie_ in der Abenddämmerung an meinem Arm durch die Felder wandelte, daß _sie_ viel und hastig aufgeregt und verworren sprach, und ganz und gar nicht wie ein Professor der Psychologie? Daß wir bis spät in die Nacht hinein in der Gesellschaft des Vetters Just im Baumgarten saßen und zwar sehr still? Daß ich noch eine Viertelstunde zwischen Jule Grote und Mamsell Martin auf der Bank vor dem Hause hockte, und daß ich die beiden guten Alten reden ließ, ohne sie nur ein einziges Mal zu unterbrechen? Daß alles in der Welt von den verschiedensten Seiten angesehen werden kann? Daß aber, gerade weil dem so ist, alles auf Erden viel offener und sozusagen wehrloser daliegt, als der Mensch in seiner täglichen Verwirrung sich einzubilden pflegt? Daß der Mensch viel zu häufig Furcht hat? Daß es im Grunde keine Gespenster gibt -- auch in und um Schloß Werden nicht? Daß die Nacht wundervoll klar und lieblich war, und daß die Nachtkühle außerordentlich beruhigend auf den Menschen wirkte, und daß es trotz alle, alle dem sehr leicht sei, über mittelalterliche Geschichten, und sehr schwer, über das lebendige Leben der Gegenwart zu schreiben?
Mit der letzteren Bemerkung begann ich selbstverständlich am folgenden Morgen meinen Brief und schloß ihn mit einer ganz ähnlichen.
»Ich reite wie gewöhnlich erst diesen Abend hinüber,« sagte der Vetter Just, dem ich die Lektüre gern gestattet hatte. »Offen gestanden, Fritz, ich glaube, einen expressen Boten brauchen wir nicht damit hinzuschicken. Recht hübsch, Fritze!... und daß euch euer Abendspaziergang, ganz ohne daß ihr es merktet, dem Flusse zuführte, und daß ihr erst auf den letzten Hügeln umdrehtet, nachdem ihr längere Zeit nach den Bergen gegenüber ausgeguckt hattet -- ist auch -- recht hübsch, Doktor. Wenn du meinst, daß die Sendung Zeit hat bis zum Abend, so kannst du dich darauf verlassen, daß ich deine Schilderungen dem armen Teufel drüben getreulich überliefern werde. Übrigens -- wenn ein Mensch auf eine prompte Korrespondenz gar keinen Anspruch hat, so ist das unser braver Freund Ewald auf Schloß Werden. Jetzt entschuldige mich freundlichst bis Mittag. Wir haben gerade heute einen ziemlich scharfen Arbeitstag vor uns. Bekümmere du dich um nichts als die Frau Irene und laß dir soviel als möglich von ihr Gesellschaft leisten. Über mittelalterliche Geschichten läßt sich wohl besser und leichter schreiben; aber in dem lebendigen Leben der Gegenwart stecken wir eben drin und haben uns durchzufühlen. Ich drücke mich wohl schlecht aus?... Aber -- nimm es mir nicht übel, ich spreche nur nach, was du geschrieben hast, und in deinem Briefe an Ewald steht wirklich wenig von dem, was wir augenblicklich an uns und in uns und in der allmächtigen Schicksalswelt um uns erfahren. Dein Brief ist sehr nett und sehr freundschaftlich und sehr ausführlich -- du hast den gestrigen Tag gut geschildert, und daß er zwischen den Zeilen wird lesen können, das ist noch besser; aber das beste und einfachste wäre meiner Meinung nach, -- sie ginge einfach zu ihm.«
Das Wort kam wie etwas so Selbstverständliches heraus, so ruhig und sozusagen gemütlich, daß ich im Anfange glaubte, mich verhört zu haben:
»Was sagtest du, Vetter?«
»Ich bin bei eurer ersten Unterhaltung gestern auf dem Feldwege nicht gegenwärtig gewesen; aber das war auch gar nicht notwendig. Wenn einer weiß, wie dem anderen in seiner Verwirrung zumute ist, dann weiß er auch, welche Worte er gebraucht, um sich Luft zu machen; vorzüglich wenn er ihm ein jedes an den rotgeweinten Augen absieht. Bei einem lachenden Gesicht ist es freilich schon schwieriger, und daß ein Menschenelend wahr ist, erkennst du viel leichter, als wie ob ein Glück und Jubel dir nur als Komödie aufgeführt werde. Lache nicht über den Bauer vom Steinhofe, der ein Gelehrter werden wollte und es wirklich einmal für eine Zeit zum Schulmeister gebracht hat. An sich selber muß der Mensch in Erfahrung bringen, wie es dem anderen zumute ist, und in dieser Hinsicht glaube ich das Meinige gelernt zu haben.«
Es war nicht das erste Mal, daß der Mann es sich ausbat, daß man nicht über ihn lache. Es lohnte sich also nicht der Mühe, ihm noch einmal hierauf die gehörige Antwort zu geben. Wir saßen in seiner Giebelstube am Tisch; die Wände und die schräge Decke waren dieselbe geblieben. Ich war wieder ein Knabe, ein Kind; im Grasgarten unter den Kirschbäumen trieben die anderen als Kinder ihr Spiel, und ihr helles Lachen und Jauchzen drang zu uns her; und -- es war geblieben, wie es schon damals war: nur der Vetter Just achtete darauf in sich selber nach der richtigen Weise, wie ihm und der Welt ums Herz war.
»Verlaß dich drauf, Fritz, sie will zu ihm, und weil sie Angst hat, daß es zu spät sei, schiebt sie die Schuld auf die Ruinen, die zwischen ihm und ihr liegen. Auf das alte brave Nest, Schloß Werden, gebe ich dabei gar nichts; aber _ihr_ kommt es zupaß. _Sie_ möchte es in ihrer heutigen Ratlosigkeit um alles in der Welt nicht anders haben, als wie es jetzt da liegt. _Das_ kommt ihr gerade recht! Das ist der Nagel, an dem sie ihren Weiberstolz am bequemsten aufhängen kann, um ihn zu -- schonen! Und Kinder sind sie alle beide, soweit sie in den Jahren vorangekommen sein mögen. Wie sie heute in sich hineingraben, ist ihnen keines der goldenen Schlösser, die sie (und du auch, Fritz Langreuter!) in die berühmten italienischen Nußbüsche in Werden hingen, so lieb wie der Zorn und die verhaltene Reue von heute. Du willst wissen, was sie dir gestern gesagt hat?... Hat sie dir nicht in einem Atem von ihrem Alter, ihrer Armut und ihrem Stolze gesprochen? Sie, welche die Jüngste von uns allen ist, und soviel zu verschenken hat, und alles so gern hergäbe, wenn nur das Schicksal sie wie ein verweintes Kind an der Hand nehmen und führen wollte. -- Hat sie nicht gesagt, daß sie alles begreift und würdigt, was ihr Freund nur in dem Gedanken an sie erarbeitet und getan hat? Daß sie mit klopfendem Herzen ihm dafür dankbar ist, hat sie wohl nicht gestanden, -- das umschreiben die Weiber immer am liebsten oder drücken es anders aus, zum Exempel durchs Gegenteil, und das letztere hat auch sie getan. Nämlich, daß sie um keinen Preis der Welt sich durch ihn demütigen lassen könne, hat sie gesagt. -- Wenn es nicht schade wäre um jeden Tag, den sie unnützerweise dadurch verlieren, so könnte man wirklich einfach darüber lachen ... und sich ärgern! Sag mal, Fritz, glaubst du nicht auch, daß der Ärger die einzige wirklich konservierende Zutat in unserem irdischen Zustand ist? Ich habe darüber nachgedacht; im höchsten Schmerz, im edelsten Zorn und Kummer schmeckt man ihn durch. Er ist wie das Salz das Gemeine oder Allgemeine, aber doch das, was unter allen Umständen dazu gehört. Schicksal kann man nicht spielen; ohne Ärger kommt man nicht aus, -- in seinen Einbildungen lebt man, -- warten, warten muß man -- heute wie morgen -- auf das, was mit einem geschieht: in das Glück kann sich kein Mensch unterwegs retten; so fallen die Besten und Edelsten in die Entsagung, um nicht dem Verdruß zu verfallen, und das ist der Fall heute mit Ewald und Irene. Wenn aber einer von uns zweien hier am Tisch sagt: Es schmerzt mich! so könnte er dreist ebenso gut sagen: Ärgert mich nicht! -- Und jetzt siegele ruhig deinen Brief zu, du hast es wirklich sehr hübsch ausgedrückt, wie _dir_ zumute war, als du nach längerer Abwesenheit zum ersten Mal wieder den Steinhof besuchtest.«
»Just!« klang es vom Hofe her in unser offenes Fenster.
»Hier sitzt er, Jule! Was soll er?«
Neben dem Brunnen stand die Alte in der Sonne, blinzte unter übergehaltener Hand vor und zu uns empor und brummte:
»Jawohl sitzt er da! Als ob ich das nicht wüßte? Sowie der -- andere wieder im Lande ist, geht richtig das alte Elend augenblicks wieder von frischem an; -- na, ich weiß schon, Herr Langreuter, und will auch nichts Despektierliches gesagt haben. Aber Just, im Lämmerkampe weiß kein Mensch mehr, wo er mit sich hin soll, und so haben sie sich lieber allesamt unter die Bäume gelegt und warten, daß der Meister kommt und nach ihnen sieht. Und mit der Steinfuhre für den neuen Schweinekoben sind sie am Tillenbrinke vermalhört. Da liegt die ganze Prostemahlzeit, Schiff und Geschirr im Graben, wie der Junge sagt, und bis jetzt haben sie nur die Pferde ausgespannt und sitzen und besehen sich die Angelegenheit, sagt der Junge. Nach dem Herrn Doktor aus Berlin aber sucht sich Mamsell Martin schon stundenlang die Augen aus dem Kopfe; mir flackert das Feuer in der Küche unter den Händen weg und brennt mir auf den Nägeln; und so geht denn alles wie gewöhnlich ja recht hübsch kopfunter kopfüber.«
»Da hast du es, Fritz!« meinte der Vetter ein wenig kläglich lächelnd. »Der Mensch mag sich noch so sehr abarbeiten, um ein anderer zu werden, das Durcheinander um ihn her bleibt immer dasselbe, und alle Erfahrung und der beste Wille richtet wenig dabei aus. Wieviel Zeit von seinem eigenen Tage behält man übrig für die Bedrängnisse der anderen? Jetzt geh du nur hin und erhalte der treuen Seele, der Mamsell Martin, ihre guten ängstlichen Augen, mich ruft das Schicksal zuerst nach dem Tillenbrink und dann nach dem Lämmerkamp. Das ist ganz richtig, weg läuft mir niemand dort. Sie liegen allesamt ganz behaglich und warten, bis ich komme.«
»Und durch die Abendkühle reitest du nach Werden. Das ist dein Trost, und zwar ein recht behaglicher.«
»Ja!« sagte der Vetter Just leise und innig und faßte meine Hand. »Es ist so. Und wenn mir manchmal in allem Behagen etwas melancholisch zumute wird, daß ich in meinem und meiner Eva Glück doch eigentlich nur auf die beginnende Dämmerung und Kühle des Abends angewiesen worden bin, so tröste ich mich: Wir bleiben eben länger jünger als die anderen!... Und nun, alter Freund, hänge doch ein Postskript und guten Rat über das Jung-Bleiben an deinen Brief. Ich trage ihn dann noch einmal so gern hinüber heute am Abend. Wenn nachher wieder die Rede auf Schloß Werden kommt, weiß man dann doch etwas genauer, was man sagen kann. Daß es mir immer lieb gewesen ist, wenn ein Wort das andere gab, das weißt du ja.«
Ich sah ihm von dem Fenster der Giebelstube aus nach, wie er über den Hof stieg. Vom Tor aus winkte er mir noch einmal zu, und ich sah ihm nach auf dem Wege nach dem Tillenbrink und seufzte:
»Der hat wohl gut reden von seiner Jugend! Sind es bloß die großen Künstler mit Stift, Feder und Meißel, die die Welt festhalten, während sie allen übrigen entgleitet? Ich meine, solch ein Lebenskünstler, solch ein Mann des Lebens wie der da, hat auch einen guten Griff. Was er faßt, läßt er so leicht nicht los, und was er weiter gibt, das reicht er weit in die Zeiten hinein. Welch ein Kunstwerk hat dieser Mann aus seinem Leben gemacht -- treuherzig! Und ist nicht Treuherzigkeit das erste und letzte Zeichen eines wahren Kunstwerks? Was haben wir ihm alles aufgebunden, wenn wir aus unseren Nestern im Grün zu ihm kamen. Und er glaubte alles! o, welch ein weiser Mensch steckte in jenem Jungen, der da am Wege über dem alten Broeder saß und Glauben hatte, und sich wie von Schloß Werden so von Bodenwerder zum besten halten ließ und gelassen auf menschliche Schicksale wartete. Aber Glück hat er auch gehabt, und -- das ist und bleibt gleichfalls in alle Zeit hinein der Trost und die Entschuldigung derer, die wie die Fliegen und der gegenwärtige Doktor der Philosophie Friedrich Langreuter aus Berlin an der geschlossenen Fensterscheibe kriechen.«
Es fand sich in dem mit Fliegen, Staub und Schimmel mehr als gebührlich gefüllten Tintenfasse des Vetters Just auch der schwarze Tropfen noch, mit dem ich das angeratene Postskriptum an meinen Brief an den Freund in Werden hängen konnte. Ich tat's, faltete das Blatt und ließ es ungesiegelt; -- Geheimnisse meinerseits standen nicht drin, und der gute Rat, den der Vetter gab, lag wie alles Echte und Rechte auf der Hand.
Im Gemüsegarten fand ich dann Mamsell Martin, Raupen vom Kohl suchend. Sie stellte diese Beschäftigung natürlich sofort ein, um sich einer ganz ähnlichen an mir zu widmen:
»^Oh monsieur^, wenn ich es nicht tagtäglich mir vorsagte, daß auch ihr Männer durch die sehr böse Welt kommen müßt, und daß ihr es dann und wann ^a peu près^ drin ebenso schlimm habt als wir anderen armen Frauen, so wäre es wohl manchmal nicht auszuhalten mit euch. Sind Sie nur deshalb nach diesem Steinhof gekommen, um meinem armen Kinde das Herz noch schwerer zu machen, ^monsieur Frédéric^?«
»O, bestes Fräulein --«
»Ich bin keines Menschen bestes Fräulein! Wir leben hier nicht auf diesem Steinhofe ^aux bains^. Wir sind hier nicht in Baden-Baden, Homburg oder ^Aix-la-Chapelle^! Wir wohnen hier nicht, um uns zu erholen ^de nos études^, und um hineinzuschlafen in den Tag und um Ökonomie zu treiben mit dem Cousin Just. Wir sind hier in großer Angst des Lebens, mein armes Kind mit mir, wie auf einem Steinfelsen im Meer, und um uns her ist nur, wie Mr. Victor Hugo sagt in den ^Orientales^: das Meer und stets das Meer, die Welle, stets die Welle! Und wo Länderei -- nein, Land ist, da sind für uns nur Ruinen, und es kann kein Mensch und auch nicht Mademoiselle Julie verlangen, daß ich soll haben ein Interesse für die Ökonomie auf diesem Steinhof. ^Eh!^«
Sie hatte sich nochmal gebückt und aus einem ganzen Nest ein fett, grün, sich ringelnd Geziefer von einem westfälischen Kohlblatt abgenommen.
»^V'là une du paquet!^« rief sie mit ihrem unnachahmlichsten Nanziger Klosterakzent; nämlich wenn die jungen Schulschwestern sich vollkommen unter sich allein wußten. Mit spitzigen, dürren Fingern hielt sie das unselige Insekt, und wenn sie einen Basilisken gefangen hätte, so hätte sie mir denselbigen nicht mit stärkerem Grimm, Ekel und Widerwillen, aber auch nicht mit größerer Energie unter die Nase halten können.
»Nur der ganz gewöhnliche, sehr gemeine Kohlweißling ^Pieris brassicae^, Mademoiselle.«
»Ja, ^monsieur^, nichts weiter als das!«
Das Gewürm flog zu Boden, und wurde, fast ehe es daselbst anlangte, vermittelst der Schuhsohle aus der Reihe der Lebendigen weggewischt. Die ^soeur ignorantine^ trat mit böse aufgerafften Röcken über die nächsten Kohlköpfe hinweg und hinein in den Gartenweg. Wie eben die Raupe hielt sie jetzt mich, doch glücklicherweise nur am Arm.
»Da war auch die ^Altesse^, -- die Durchlaucht, -- o diese Durchlaucht, die auch unser Cousin war und uns besuchte und sehr gut zu uns sprach und auch mit für uns sorgen wollte, und -- ^sous cape^ -- unser armes, liebes Kind mit in sein armes, kleines, kleines Grab brachte, welches sehr leicht war und sehr wenig kostete, weil schon der gute Vetter Just, ^monsieur^ Just Everstein, das kleine Kind in seinen kleinen Sarg gelegt hatte. Was hat ^monsieur le prince^ weiter von sich hören lassen? Nichts hat er von sich hören lassen. Was hat er für uns getan? Nichts hat er für uns getan!«
»Was sollte er auch für uns tun?« fragte eine ruhig traurige Stimme hinter uns. Irene hatte sich uns unbemerkt genähert; es kam nichts weiter von dem, was Mademoiselle Martin auf der guten, gequälten Seele hatte, zum Vorschein, sie ließ auch meinen Arm frei und seufzte nur noch:
»^Oh, mon dieu!^ Nun hab' ich mir wieder einmal die Zunge angebrannt!«
Aber Irene hielt nur meine Hand fest; sie stand mit gesenktem Haupt, ohne weiter etwas zu bemerken. Sie hatte keine Heimat, aber sie wußte, wo sie zu Hause war; und (der Vetter Just hatte vollständig recht!) das einfachste war, daß sie hinging, wohin sie gehörte oder -- geführt wurde. Sonderbar ist es und bleibt es, daß wir Menschen immer nur im höchsten Notfall auf unser Schicksal zurückgreifen, d. h. davon reden. Wir schämen uns unseres Schicksals, und in _das_ große Geheimnis hinein hängen alle Wurzeln unseres Daseins.
Fünfzehntes Kapitel.
Ich sitze da am Fenster in meiner Stube in der großen Stadt Berlin. Über meine Gasse hinweg habe ich die Aussicht in eine andere. Hunderten, ja Tausenden von Menschen, welche die letztere passieren, kann ich ins Gesicht sehen, wenn ihr Weg so führt, und wenn es mir Vergnügen macht. Ein Vergnügen macht es mir jedoch selten. Aber eine gewisse Regelmäßigkeit des Verkehrs macht sich auch hier geltend. Es kommt immer zur gegebenen Stunde alles wieder, wie es von seinem Geschick geleitet wird, einerlei ob es sich der Abhängigkeit von demselben schämt oder nicht. So sind mir denn allgemach viele Gestalten und Gesichter vertraut und sozusagen zu unbekannten guten Bekannten geworden; aber nur ein einziges immer heiteres, lachendes, glückliches Gesicht kenne ich darunter, und das ist das eines blinden Knaben, der am Arme seiner Mutter täglich gegen zehn Uhr morgens die Straße hinunterkommt oder geführt wird, um bei einem Musiklehrer in meiner Nachbarschaft eine Unterrichtsstunde im Geigenspiel zu nehmen. An diesen Knaben mußte ich an diesem sehr unruhevollen Tage auf dem Steinhofe fortwährend denken, und ich sprach auch zu Irene von ihm im Schatten der Obstbäume des Grasgartens.
»Das Kind ist allmählich ein alter Bekannter von mir geworden. Ich sehe es wachsen und allgemach zum Mann werden. Es wächst jedes Jahr einmal aus seinem Rock und seinen Hosen heraus, aber es schämt sich keines Zustandes. Es läßt sich wachsen.«
»Und bleibt auch als Mann und Greis ein blindes Kind. Das einzige glückliche Gesicht unter Hunderttausenden! Armer Freund, weshalb redest du mir davon? Zum guten Exempel ist solche Heiterkeit doch wohl nicht in die Welt gesetzt! willst du mir gar zu allen anderen übeln Eigenschaften auch noch den Neid rege machen? Worüber lachst du nun?«
»Nie über dich, arme Freundin; höchstens über dich und meinen braven tapferen Freund und Gespensterseher, den Herrn Ingenieur Sixtus auf Schloß Werden. Übrigens kommt ihr beiden Helden schon einmal vor, und zwar in der Geschichte vom hörnernen Siegfried in den deutschen Volksbüchern. Man kennt auch eure Namen und gibt sie seit tausend Jahren von Jahrmarkt zu Jahrmarkt weiter. Jorcus und Zivilles heißt ihr da. Mich nennt man einen Gelehrten, und hier nehme ich den Titel an, denn dies ist etwas, was ich in der Tat allgemach aus den Quellen studiert haben muß, und (es ist keine Tautologie, liebe Irene!) was ich wirklich weiß. Willst du wissen, wie der Vetter Just, der kein Gelehrter, aber dafür ein weiser Mann ist, sich ausdrückt?«
»Was sagt der?«
»Hasen sind sie alle beide; aber der feigste von beiden ist doch unser guter Freund Ewald Sixtus -- auf Schloß Werden.«
»Das ist nicht wahr!« rief die Frau Irene, und aus ihren Augen funkelten alle die alten Blitze, die uns in den Mauern und Gärten zu Werden so oft heimgeleuchtet hatten, wenn wir zwei Jungen es den beiden Mädchen wieder einmal zu toll gemacht hatten. Da sprangen die Neigung, die Liebe, ja die Zärtlichkeit wie gewappnet hervor, und zornig flüsterte Irene Everstein: »Es weiß kein anderer als ich, wie stark Ewald Sixtus ist, und welch eine Tapferkeit dazu gehört und welch ein Edelmut, daß er nicht kommt und sein Recht verlangt und sagt: du mußt, armes Weib! Du bist in meiner Schuld, Irene, und du gehörst mir, wie -- Schloß Werden mir gehört. -- Ich habe dir das aber schon gestern auf dem Stein am Wege gesagt, und du -- du handelst wahrlich nicht edelmütig an mir, Fritz Langreuter!«
Die Frau weinte und ließ mich stehen. Als sie rasch von mir fortlief, war auch das ganz wie in unserer Kinderzeit, als unsere Nester noch im Grün, im Sonnenschein und Himmelsblau hingen; aber damals weinte sie nie, sie drohte lieber über die Schulter zurück, und es war immer Ewald Sixtus, dem die erhobene Kinderfaust galt. Ich aber wußte jetzt, daß es nicht nur das beste war, daß sie zu dem Freunde ging, sondern daß sie sich schon auf dem Wege zu ihm befand. Aber es war mir dazu auch von neuem bestätigt worden, daß der irländische Ingenieur nicht nur ein sehr tapferer und starker Mann, sondern auch ein sehr schlauer Mensch war, und alles dies in der rechten Weise, nämlich ohne daß er selber von seinen Vorzügen im gegebenen Moment irgendwie genau Rechenschaft ablegen konnte. Er war klug, ohne es zu wissen, und so ging er um Schloß Werden herum; er war fest überzeugt, sich zu fürchten, und auf dem Steinhofe wurde man sofort sehr böse und fing an zu weinen, wenn irgend jemand nur im mindesten an seine Herzhaftigkeit rührte und den leisesten Zweifel darob kundgab.
Lose hängen alle Kränze und Gewinnste in dieser Welt über den Häuptern der Menschen; auf wohlbedächtig gezimmerten Leitern aber steigt man nicht zu ihnen empor, und die, welche die schönsten Kränze tragen, rühmen nie ihre eigene Kunstfertigkeit und Ausdauer deswegen. Im Gewinn erkennen sie erst recht, welcher linde Hauch, welche ^aura coelestis^ ihnen das Glück oder die Erfüllung ihres Wunsches oder das große wirkliche Kunstwerk zuwarf.
Etwas spät fielen die goldenen Äpfel in diesem Falle, aber sie fielen doch noch; und abermals erwies es sich, daß wir in einer Welt unser Dasein führen, in der es ebensowohl der Hauch des Todes wie des Lebens sein kann, der die Zweige bewegt und schüttelt.
Erst am Mittage, nachdem der Vetter seine Steinfuhre am Tillenbrink wieder aufgerichtet und im Lämmerkampe unter seinem Arbeitsvolk Ordnung gestiftet hatte, bekam ich Irene von neuem zu Gesichte. Dies wird noch einmal ein Kapitel der Wiederholung; ich aber kann wahrhaftig auch diesmal nichts dafür.
Wieder die alte gute Bauernstube des Steinhofes! wieder der lange nahrhafte Tisch von dem einen Ende derselben bis zum anderen; und wir allesamt daran vor den Tellern und Schüsseln: der Meister, die Knechte, die Mägde und die Gäste!