Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Part 16

Chapter 163,946 wordsPublic domain

»O du guter Himmel, liebster Herr, ich habe ja gar nichts gesagt,« winselte die Alte. »Fünf lebendige Enkelkinder, und mein Junge, der Vater dazu, ist zu Schaden und Tode gekommen in Koldeweys Steinbruche, und die Mutter hat die Lungensucht mitgenommen, und ich bin mit den fünf Würmern allein übrig. Nur ein bißchen Kraut für die Ziege; denn das Jüngste ist erst dreiviertel Jahr alt, und ich bin an die Sechzig nahe heran. Und sie kommen alle, denn es ist ja kein Herr und Meister da seit Jahren, und der Herr Notar in Bodenwerder, der die Verwaltung hat, kann doch nicht immer da sein und nach dem Rechten sehen. Und wenn Sie auch zu den Herren Advokaten aus Bodenwerder gehören und mich vor Gericht ziehen wollen, so habe ich doch nichts gesagt, und den hochseligen Herrn Grafen habe ich auch noch gekannt und das war ein guter Mensch, so vornehm er war; und ich habe auch zu seinen Zeiten schon das Gras an den Hecken schneiden dürfen, und aus dem vornehmen Schloß hab' ich mir keinen Nagel aus der Wand geholt. Und die gnädige Gräfin, die jetzt bei dem -- dem Herrn Vetter Just -- dem Herrn Everstein auf dem Steinhofe wohnt und der es auch so schlimm in der bösen Welt ergangen ist, wie man sagt, ja, die habe ich, als ich noch eine junge Frau war, aus dem Dorfbache aufgehoben und naß wie eine Katze auf meinem Arme nach Hause getragen, und da war damals die Madam -- die gute Frau -- die Frau Steuerkontrolleurin auf dem Schloß, die hat das Kind mir abgenommen und mir zehn Groschen gegeben. Der Junge aus dem Försterhause -- unserm Förster Sixtus sein Junge hatte die gnädigste junge Komtesse in den Bach gestoßen. Sie sagen, dem soll jetzt das ganze Schloß und alles gehören; aber es will keiner im Dorfe so recht daran glauben. Wenn er aber heute wiederkäme, und alles hätte sich ungelogen so geschickt, wie die Leute lügen, und er wäre der Herr, so brauchte er auch mit der Witwe Warneke nicht um eine Kiepe voll Ziegenfutter aus der Wüstenei hier herum ins Gerichte zu gehen; denn dazu ist er viel zu gut Freund mit meinem alten Seligen gewesen, und der hätte oft klüger sein sollen als der dumme tolle Junge aus der Försterei. Da ist der lieben Frau Langreuter ihrer ganz anders gewesen und sittsamer; aber sie sagen, der hat es auch dicke hinter den Ohren gehabt und ist ein Professor geworden und wohnt jetzt, was man nennt in Berlin. Ja, so werden aus Kindern Leute, und ich habe es als junge Frau auch nicht gedacht, daß ich als alte Frau mal fünf Enkelkinder mit Tagelöhnerarbeit und Hunger und Kummer großziehen müßte. Aber die Herren lassen mich da schwatzen, und ich stehe da auch und schwatze, als wäre ich wie von oben her und vom Pfänder drangekriegt, und -- -- o du meine Güte -- o liebster Himmel -- jetzt falle ich um! Das sind Sie!... das sind Sie ja selber! der kleine Fritz und der -- Herr Ewald! Und so gewachsen! Solche Herren! Und wirklich noch im lebendigen Leben! Und wie wird sich der alte Herr Vater und die Schwester freuen, Herr Sixtus. Und die Schwester -- ich meine Fräulein Eva, hat noch immer nicht gefreit. Jedermann im Dorfe wundert sich darüber --«

Der Ingenieur hielt die Alte am Oberarm und fing an, sie zu schütteln, um dem Übermaß der Gefühlsäußerungen ein Ende zu machen. Das Hereinsprechen in den Schrecken, die Verwunderung und die zitternde Hast, sich angenehm zu machen, half zu gar nichts weiter, als daß sich gar noch das helle Schluchzen und Schlucken in den Redeschwall mischte --

»Herr, mach ein Ende!« stöhnte fast ebenso erregt wie das graue Weiblein der Werdener Irländer. »Alle Hagel, da ist ja ganz das Ende weg! Witwe Warneke, ^honey^, liebstes, bestes, altes Mädchen, ja wir sind wieder da, und es ist mir im höchsten Grade erfreulich, daß Sie die erste ist, die mir hier auf meinem Grund und Boden -- weiß Sie was? Sie kriegt einen Taler von mir, wenn Sie jetzt auch mich und den Herrn Doktor Langreuter hier auf eine halbe Minute zu Worte kommen läßt!«

Die Alte duckte sich. Sie saß nieder neben ihrer Tragkiepe im Kraut und Unkraut des Parkes von Schloß Werden. Sie starrte zu uns empor von einem zum anderen:

»Ach Gott, ach Gott, ist das eine Freude! Und wie werden sich der Herr Vater und Fräulein Eva und die gnädigste Gräfin auf dem Steinhofe freuen! Das Futter aber haben sie sich alle im Dorfe hier im Schloßgarten geholt, seit keine Herrschaft dagewesen ist. Und der Herr Graf soll sich nur des Nachts ums Schloß herum und da in dem Gange, wo zu seiner Zeit die dicken Lindenbäume standen, haben sehen lassen!«

»Wohnt denn niemand mehr in dem Hause da?« fragte ich zögernd und beklommen.

»Wer sollte denn da wohnen? Seit fünf Jahren hat es ja keinen richtigen Herrn mehr gehabt, sondern ist nur immer auf dem Papier weiter gegeben. Aber vor vierzehn Tagen ist die alte französische Mamsell -- von des Herrn Grafen Seligen Zeiten her -- die Mamsell Martin mal vom Steinhofe 'rübergekommen und ist drumherumgegangen und hat in die Fenster gesehen -- bei Tage, nicht zur Nacht- und zur Spukezeit -- und hat geweint.«

»Und meine Schwester?« fragte Ewald Sixtus, und die Witwe Warneke sah sehr verwundert von neuem scheu ihn an.

»Jawohl, Fräulein Eva ist mit ihr gewesen und hat mit ihr nachher lange auf einer der Steinbänke gesessen. Das halbe Dorf aber hat nur von ferne zugesehen; wir haben das französische Parlieren der alten französischen Mamsell ja doch niemalen recht verstanden.«

»In meinem ganzen Leben ist mir die rote Abendsonne, wie sie jetzt hier rundum auf allem und vor allem dort auf den Mauern und Fenstern liegt, nicht so spukhaft und gespensterhaft öde und schwül vorgekommen wie jetzt, Fritz,« sagte der neue Herr von Schloß Werden, jetzt meinen Arm fassend und mich schüttelnd. »Es ist mir wie ein Traum, daß ich den Besitztitel vermittelst der Mathematik und der Arithmetik bei hellem, nüchternem Mittage und klar und kühl nächtlicherweile über dem Reißbrett und dazu vermittelst des Londoner Patentamtes erworben habe. Witwe Warneke, wer hat den Schlüssel von Schloß Werden?«

»Genau kann ich das wohl nicht sagen; aber der Vorsteher wird es ja wissen, Herr E -- ach, ich weiß ja auch gar nicht einmal, wie ich Sie jetzt anreden und betitulieren soll, und bitte, es nicht übel zu nehmen. Aber im Gartensaale ist ein Fensterflügel herausgefallen und mit Latten vernagelt. Aber die haben die Jungens und der Wind bald wieder lose gemacht, und --«

»So ist eigentlich eine Tür und ein Schlüssel dazu die letzten Jahre hindurch für das Dorf Werden ziemlich überflüssig gewesen,« brummte der Ingenieur. »Viel besser als hier herum im Garten sieht es drinnen im Hause wohl nicht aus, ^old girl^?«

Die Alte hob nur stöhnend und ängstlich die Hände:

»Herre, Herr, für mein Teil will ich es vor jedem Gerichte beschwören --«

»Was meinst du, Fritz, sollen wir gleichfalls durch das Saalfenster Besitz von dem nehmen, was noch brauchbar von Schloß Werden ist? Zu dem Dorfe gehöre ich doch auch und taxiere mich um kein Haar breit besser als das übrige saubere Gesindel! O Irene, Irene, meine schöne, stolze, wilde Irene!... Und der Herr Graf hat sich um Mitternacht dort auf der Vortreppe blicken lassen! Mademoiselle Martin hatte es verhältnismäßig noch gut. Sie konnte sich dreist hinsetzen und ihre Tränen fließen lassen, ohne sich lächerlich zu machen. Das ist ja rein zum Verrücktwerden! Sage es dreist heraus, Langreuter, wenn dir zur Stunde mein Eigentumsrecht hier beneidenswert, wünschenswert und solcher bitterschweren Lebensarbeit wert erscheint. Ich überlasse dir mit Vergnügen Kaufbrief, Gefühle, Stimmungen und -- wollte -- wollte -- ja, was wollte ich denn?! Witwe Warneke, sehe Sie mich mal ganz genau an, wenn Sie einen richtigen Spuk sehen will. Ich komme als verhexter Mann aus der Fremde und gehe am hellen Tage um Schloß Werden und durch Dorf Werden als Gespenst um. Frage Sie nur die Leute im Försterhause und die -- Frau auf dem Steinhofe und -- den Vetter Just.«

»Ach Jeses, Herr Ewald, ich kann Sie ja wirklich nicht so sprechen hören; und die anderen werden es auch nicht können!« sagte das alte Weibchen mit zitternd gefalteten Händen und sprach damit ein braves, aber wenig tröstliches Wort.

Sechstes Kapitel.

Ohne den Schlüssel vom Vorsteher zu holen, gingen wir jetzt im letzten Scheine der Abendsonne um das Schloß Werden herum. Ewald Sixtus, ich und die Witwe Warneke. Letztere mit ihrer hochbepackten Kiepe auf dem vom Alter gekrümmten Buckel. Wir zwei anderen aber trugen freilich die schwerere Last.

Das schöne, rote Sonnenuntergangslicht spiegelte sich doch noch auf der westlichen Seite des alten, einst so stattlichen Herrensitzes in den erblindeten, zersprungenen Scheiben des Oberstockes. Und wir sahen ebenso scheu zu den Fenstern von Schloß Werden empor wie das Volk aus dem Dorfe, wenn es seine verstohlenen Wege hierher führten, und ehe es in die mit losen Latten verschlagene Öffnung stieg und Furcht hatte -- vor dem seligen Herrn Grafen.

Wie hieß doch der sonderbare alte Herr in dem sonderbaren Buche des Stadtrats Bösenberg in Finkenrode -- der verrückte Musikant der in eben dem Finkenrode, wo der Doktor Max Stadtrat geworden war, das Ideal, seine verzauberte Prinzessin, suchte? Mir fehlte die Lust und die Zeit, in dem Buche nachzuschlagen, der Name tut auch wohl nichts zur Sache; aber die Sache selber wirft mir jetzt einen melancholischen, in seiner Wahrheit wehmütigen Schimmer über _meine_ Geschichtserzählung: wir täuschen uns nur, wenn wir glauben, andere Pfade zu gehen und zu anderen Zielen zu gelangen als andere Menschenkinder.

Der starke Mann mit dem schönen männlichen Gesicht und den klugen Augen, aber auch mit den Zähnen auf der Unterlippe und der Falte zwischen den Augenbrauen, mein armer Jugendfreund stand in diesem Moment vor seinem schwer errungenen Besitz und wußte seine verzauberte Prinzessin ebensowenig zu finden wie der närrische Geiger die seinige unter den Spießbürgern, wohlmeinenden guten Bekannten und den Zigeunern der wackeren Stadt Finkenrode. Die erblindeten Scheiben des Schlosses Werden konnten ihm nur seine eigenen grimmig-ratlosen Mienen widerspiegeln, und er wendete sich, zuckte die Achseln und sagte:

»Dieses nützt zu nichts, lieber Freund. Da hat Sie einen Taler, Witwe Warneke, alte Freundin, damit doch _ein_ Mensch aus der gegenwärtigen Minute sein Vergnügen zieht. Und nun schere Sie sich nach Hause und breite es mit möglichster Raschheit im Dorfe aus: der tolle dumme Junge, der Monsieur Ewald aus der Försterei sei aus der Fremde heute heimgekommen, sei der Herr von Schloß Werden und habe sich soeben sein Besitztum -- von außen besehen. Was uns beide anbetrifft, Fritz, so gehen wir auch wohl weiter, aber etwas langsamer. Was würde ich darum geben, wenn ich jetzt eine bekannte haarige, braune, brave Faust am Kragen fühlte und dazu das alte bekannte Wort vernähme: Auf der Stelle scherst du dich jetzo nach Hause, du Lümmel; dir werde ich sofort wieder mal zeigen, wie der Papst Sixtus der Fünfte an dir gehandelt hätte, wenn du sein Junge gewesen wärest, du heilloser Herumtreiber und Taugenichts, du!«

War auf der einen Seite eine neue Mauer um den früheren Park des Schlosses gezogen, so fanden sich an anderen Stellen niedergetretene und durchbrochene Hecken genug, durch welche man den Ausgang nehmen mochte.

Noch zog sich ziemlich in der alten Weise der Weg gegen das Dorf und die am Eingang desselben gelegene Försterei hin.

Die Witwe hatte sich das Wort Ewalds nicht zum zweiten Mal sagen lassen. Sie bog auf einem Seitenpfade zur Linken ab und war trotz ihres Alters in einem kurzen, keuchenden Trabe uns bald entschwunden, um die Nachricht von einem ihrer hauptsächlichsten Lebenserlebnisse im Dorfe zu verbreiten und ihren Taler als Wahrzeichen im Kreise herumzuweisen. Wir beide standen vor den Hoftorpfosten des Försterhauses, und der Besitzer von Schloß Werden nahm den Hut ab, fuhr mit dem Taschentuche über die Stirn und sagte:

»Es ist doch ein merkwürdig schwüler Sommer.«

Da lag in der Abenddämmerung und der Dämmerung der weitästigen Rüstern das gute Heimathaus. Nur die Bäume wachsen, nicht aber das, was der Mensch erbaut. Letzteres scheint stets niedriger, enger geworden zu sein, wenn man es nach längerer Abwesenheit wieder erblickt. Und man braucht dazu es gar nicht als Kind verlassen zu haben. Auch der Erwachsene geht fort und läßt genau bekannte Stätten hinter sich, und wenn er wiederkehrt, so wundert er sich. Er berührt noch wie früher mit ausgestreckter Hand die Decke über seinem Kopfe; aber die Balken haben sich doch gesenkt, die Wände haben sich doch zusammengezogen. Aber der Wert der Dinge steigt und dehnt sich für den wahren Menschen gerade dann im umgekehrten Verhältnis. Welcher melodische Lärm geht über das klimpernde Getön, welches das alte Klavier in seiner Ecke aus seinem eschenen Gehäuse von sich gibt? Wir dachten auf dem Heimwege über Land und See daran und hatten Lust, uns in alter Weise lustig darüber zu machen, und wir hatten in keinem Konzertsaale der Welt Laute vernommen, die uns so an das Herz griffen wie das schrille Klingen dieser Saiten, über die wir endlich, endlich wieder einmal mit den zitternden Fingern greifen dürfen.

Von Verfall, Moder und Ruin soll hier aber nicht die Rede sein. Wie ein behaglicher Greis im Großvaterstuhl rutscht so ein Haus in sich zusammen und läßt allem jungen Pfosten-, Sparren- und Balkenwerk, allem neumodischen Zement und Asphalt rundum gern sein Wesen. Es kündigt keinem Heimchen unter der Schwelle, hinter dem Kachelofen und am Küchenherde oder setzt ihm die Miete in die Höhe. Die Heimchen wohnen sicher bei ihm und warm und wissen's auch und singen sein Lob, und -- ihr Gesang verändert sich uns nie, wir mögen nach Hause kommen, wann wir wollen, früh oder spät, nach einem Tage oder nach einem halben Jahrhundert. Der wächst nicht wie die Bäume, er rüttelt sich nicht in sich zusammen wie die Dächer und die Mauern: er ist derselbe immerdar -- Gott sei Dank!

Wir standen und hörten durch die Abendstille die Heimchen von dem braunen, im Schatten versunkenen Hause her. Sonst war alles still; ein krähender Hahn im Dorfe, ein bellender Hund in der Ferne und ein erster Froschlaut vom nahen Mühlenteiche her störten den Frieden durchaus nicht. Wie immer standen alle Fenster und die Tür der Försterei weit offen, und in der einen Fensterbank zwischen den Blumentöpfen die Hauskatze im Halbschlaf und die Hunde auf der Schwelle der Haustür! Aber ein weißes, würdiges Haupt neben, hinter den Rosenstöcken und dem Kater -- ein leichtes blaues Rauchwölkchen zwischen dem Weinlaub durch ins Freie hinausziehend! Ich hatte den Geruch jahrelang vergessen, aber ich erkannte ihn beim ersten _Blick_ wieder! wahrlich nicht bloß mit der Nase! Da hebt der braune Hühnerhund den Kopf und der Teckel schlägt an -- eine weibliche Gestalt tritt in die Tür des Werdener Försterhauses -- die liebe, gute Eva des Vetters Just Everstein! Eva Sixtus in ihrem achtundzwanzigsten Lebensjahre -- herzig, voll und reif; und ich -- ich ziehe mechanisch ebenfalls den Hut und grüße; eine Bemerkung über die Temperatur mache ich dabei nicht, aber es wird mir ganz seltsam vor den Augen, und ich wundere mich, wie ich eigentlich auf einmal hierher komme; ach, zu der Frage, was ich eigentlich auf einmal hier will, gehören viel klarere Sinne und bedeutend mehr ruhige Überlegungskraft, als ich augenblicklich beisammen habe! Klar ist mir nichts, als daß ich eine weite, weite Reise getan habe, daß hundert Räder unter mir rasselten, daß unheimlich rastlose Schaufeln in ärgerliche Wellen schlugen, daß die Gegend und die Welt und das Leben vorbeigeflogen waren, daß die Plage und die Unlust an Körper und Seele groß waren und der Gewinn und die Befriedigung gering, und -- daß es keine größere und erstaunlichere Offenbarung gibt als die der Stille im Lärm, des Schweigens im Geschrei und der Ruhe in der Unruhe. Stadtrat in Finkenrode braucht man darum gerade nicht zu werden.

»Sie habe ich auf den ersten Blick wiedererkannt,« ist mir sehr häufig im Leben gesagt worden, und so hatte es eigentlich nichts Überraschendes, daß die Gute, die Liebe auf der Schwelle der Försterei in Werden zuerst mich erkannte und, wie es schien, mit einem leisen Erschrecken zuerst:

»Fritz!« rief.

Und ich blieb stehen, wo ich stand; aber der Bruder lief vorwärts, und mit einem ebenso leisen Schrei erhob die Schwester die Hände:

»Ewald!... o Ewald, Ewald!«

Sie trat wohl auch einen Schritt vor, als wollte sie sich auf uns zustürzen; aber dann blieb sie doch stehen und ließ uns zu sich herankommen. Wie von einem Schwindel ergriffen, hielt sie sich an den treuen, schützenden Pfosten der Tür ihres Vaterhauses, und einen Augenblick hindurch hielt sie auch die Augen fest geschlossen; dann aber sah sie wieder auf, und wie im hellen, schluchzenden, wortlosen Jubel hing sie an der Schulter des so landfremd durch eigene Schuld und Grille gewordenen Bruders, und zitternd legte der Mann, der so selbstbewußt, stolz und sozusagen mutwillig hatte wiederkommen wollen, seinen Arm um sie:

»O, das ist gut! Mädchen, Mädchen, altes liebes Mädchen, du willst es mich nicht entgelten lassen? Wirklich nicht? Ich habe es ja gewußt, aber sagen mußt du es mir dennoch und -- dem da auch! Wir haben uns so sehr gefürchtet, und ich für mein Teil, ich will noch vierzig Jahre älter werden, von dieser Stunde an gerechnet, bloß um vierzig Jahre lang von dir zu hören, was für ein Esel von Kindesbeinen an in mir gesteckt hat, und daß meine einzige Entschuldigung ist, daß -- ich es nur zu gern getan habe und also nichts dafür kann!«

»Der Vater ...!« stammelte sie. »Ist es denn wahr, Bruder?... Es war wohl ein Gerücht seit einiger Zeit, doch -- -- O, der Vater, der Vater; er sitzt da am Fenster -- er ist so alt geworden und immer noch so sehr gut; -- o Ewald, lieber Ewald, aber er hat es mir nicht glauben wollen, daß du wieder zu uns kommen würdest, und es hat ihm keiner mehr von dem Gerücht reden dürfen.«

»Eva,« klang es jetzt von dem Fenster her, »wen hast du denn da, Kind?«

Der alte Mann schob neugierig den Kopf hervor; aber die einst so scharfen Weidmannsaugen reichten nicht mehr soweit in die Abenddämmerung hinein, um die Fremden zu erkennen, die mit seiner Tochter sprachen. Der Irländer hielt meinen Arm so fest, daß es mich schmerzte. Eva Sixtus trat näher an das Fenster heran; sie trocknete ihre Augen und versuchte ruhig und fröhlich zu sprechen, es gelang ihr jedoch schlecht.

»O Vater,« schluchzte sie, »wir haben Besuch bekommen --«

»Das freut mich, Kind; -- wenn er mit einem alten Mann vorlieb nehmen will. Aber wie sprichst du denn? was hast du mit dem Tuch?«

»Vater, Besuch aus -- vom -- Schloß Werden -- aus Berlin -- aus -- England. Lieber Vater, ich freue mich so, und du wirst dich auch freuen. Denke dir, Fritz -- der Herr Doktor Langreuter aus Berlin -- Herr -- Fritz Langreuter --«

»Alle Wetter!« rief der Alte, und der Kater neben ihm tat vor Schrecken einen Satz durch das Fenster und fuhr uns dicht an den Köpfen vorbei über den Hof, um sich, eine Stalleiter aufwärts, mit möglichster Eile in Sicherheit zu bringen. Mr. Ewald und ich hatten zu bleiben und das Weitere abzuwarten.

»Was ist das?« fragte glücklicherweise noch eine Stimme aus der Tiefe der Stube. Wir hörten den Alten sich aufrappeln, und -- da stand er auf der Schwelle seiner Amtswohnung, weißhaarig, die einst so scharfen Augen suchend auf uns richtend, auf seinen Stock gestützt, und -- über die Schulter sah ihm zu unserem, das heißt zu Ewald Sixtus' Glück der Vetter Just Everstein, der, wie sich auswies, sehr häufig vom Steinhofe zu seiner Unterhaltung herüberritt, und dessen Gaul auch an diesem merkwürdigen Abend wieder einmal im Stall einträchtiglich neben den zwei Kühen des Försterhauses stand.

Er war wieder der einzige, der Vetter Just nämlich, der ganz richtig und zur rechten Zeit an Ort und Stelle war. Er allein war schuld daran, daß eine Viertelstunde später -- eine schlimme Viertelstunde! -- der alte Mann mit dem guten Gesicht und der immer noch bitterbösen Falte zwischen den zusammengezogenen weißen, buschigen Brauen die Faust auf einen abgegriffenen Schweinslederband auf dem alten braunen, so teuern Klapptische zwischen den beiden Fenstern fallen ließ und murrte:

»Dieser hier hätte dich kurzab hängen lassen, Ewald, wenn du sein Junge gewesen wärest. Und wäre ich jünger und noch besser bei Kräften und Gedanken, so kämest du mir heute abend nicht so leicht weg, mein Sohn, das sage ich dir. Da wollte ich das Leben dieses Papstes doch nicht so lange studiert haben, um nicht zu wissen, was ich zu tun hätte!«

»O, lieber Vater,« rief aber Ewald Sixtus, »ist denn nicht das verdammte Buch an der ganzen Geschichte schuld? Kann ich denn dafür, daß du mich alle Augenblicke mit der Nase darauf geduckt hast? Da frage nur den Just und den Doktor da, was sonst leichter im Menschen hängen bleibt als solche gute Lehren und Beispiele! Um auch meinen Willen durchzusetzen, habe ich gleichfalls jahrelang das Maul gehalten. Viel Reden hilft nicht und viel Schreiben macht dumm -- frage dreist nur den Doktor hier danach, der kennt aus seiner Praxis genug Leute, die sich in beiderlei nie genug tun konnten und auch nach Hause kamen wie ich und doch noch weniger das Rechte getroffen hatten. Und ich bin doch auch nur darum wieder da, um mich von jetzt an von euch allen -- ja allen! lenken zu lassen wie an einem seidenen Faden, und das ist noch mehr, als du von deinem Papst und unserem allerheiligsten Herrn Namensvetter, Sixtus dem Fünften, behaupten kannst, lieber Papa!«

Der Greis schüttelte den Kopf.

»Ich bin eben zu alt, um mich noch in allen euren Finessen zurechtfinden zu können, habe es auch nie recht gekonnt. Wenn dich dein Gewissen freispricht, so will ich es dir gönnen, mein Sohn, helfen täte es mir ja doch nichts, wenn ich mich auch noch mal abmühte, über die Verschiedenheit der Menschen auf Erden nachzusimulieren und mich über ihr Wesen gegeneinander zu ärgern. Also -- lassen wir es gut sein; du bist wieder da und sagst, du habest es zu was gebracht, und das kann mir ja nur lieb sein. Was du unterwegs verloren hast, kann ich nicht taxieren; aber ein reicher Mann bist du geworden, sagen sie im Dorfe und sagt der Vetter Just; und Schloß Werden ist nun auch dein Eigentum; meine Sache ist das nicht, also sieh selber zu, was du mit deinen Ausrichtungen zu deinem Glücke weiter anfängst. Unter diesem, meinem Dache will ich dich als einen Gast ansehen, wenn es deine Zeit und Umstände zulassen und du deiner Schwester und mir die Ehre schenken willst. Auch der Fritz -- der Herr Doktor Langreuter, ist mir willkommen, und das Kind soll auch ihm seinen Stuhl am Tische wieder zurücken. Wie ist es, Just Everstein; kann ich und soll ich noch mehr sagen und tun?«

Der Vetter Just faßte nur die Hand des Greises; Eva trocknete sich die Augen mit dem Schürzenzipfel; wir zwei anderen standen mit den Hüten in den Händen, in Wahrheit kläglich genug da -- wirklich zwei dumme Buben, die zu spät zum Essen nach Hause gekommen waren, und zwar vom Fischfang in den Bächen dieser Welt, mit der Angelrute über der Schulter und ein paar Gründlingen in einem zerborstenen Henkeltopfe.

Siebentes Kapitel.

Dies Gefühl verstärkte sich noch um ein Bedeutendes, als wir nunmehr endlich einmal wieder in der niedrigen Stube standen, deren Decke der Förster Sixtus, so gebeugt ihn das Alter haben mochte, immer noch mit ausgestreckter Hand abreichte. Aber Eva hielt den Bruder von neuem fest in den Armen und schluchzte an seiner Brust; und dann reichte sie dem Vetter Just die Hand und sagte leise:

»O, wir danken dir!«

Und dann gab sie auch mir die Hand und versuchte es, durch ihre Tränen zu lächeln, und sie sagte:

»Und Ihnen danke ich auch recht schön und aus vollem Herzen. Es ist so sehr freundlich von Ihnen, daß Sie mit meinem Bruder heim- und hergekommen sind. Nicht wahr, es hat sich wenig bei uns verändert? Wenn Sie es nur noch so behaglich wie in früheren guten Jahren finden!«