Part 9
Voreinst -- ja, da zitterten wohl auch die Tropfen nieder, die Tautropfen von den Bäumen, als dich die Mutter zur ersten Kommunion führte. Du hast ein neues Jöpplein an, und auf deinem Hut steckt ein frischer Rosmarin. Über dem Brustfleck am Halse schaut das schneeweiße Hemdchen heraus, und die Wangen sind rosenrot vor lauter Waschen. Die Mutter hat ein hellfarbiges Kleid, ein braunes Vortuch und eine schwarze, knappanliegende Joppe an. Das breite Halstuch ist von roter Seide und leuchtet wie Glut und Flamme. Ein grünweißes Blumensträußchen wächst aus dem Busen hervor. Auf dem Haupte trägt sie eine hohe, kostbare Goldhaube, wie sie damals Mode war im ganzen Lande; und an beiden Seiten der Stirne gucken die Locken hervor, schwarzglänzend wie die zwei großen Augensterne und zart und weich wie die Wimpern an den Lidern. Die Wangen sind angehaucht von dem Morgenrote, das Kinn ist weiß und lieblich gebogen. Die roten Lippen lächeln ein wenig und grollen dabei, weil du gar so vorwitzig hüpfest, Kleiner, über die Steine und Baumwurzeln und dabei die Nägel aus den Schuhen trittst. -- Aber in ihrer blühendsten Schöne hat noch kein Kind seine Mutter gesehen; und doch, wie ist es so lustig, Knabe! Da glitzert es im Wald und leuchtet in den grünen Lärchenbäumen, und da duftet das Blühen, und die Vöglein singen auf allen Wipfeln. Kindeszeit, Maienzeit! --
Dumpfe Schläge weckten mich aus meinem Traume, ich fuhr empor. Jetzt legen sie die Mutter in den Sarg, jetzt hämmern sie den Deckel darauf. --
Ich stürzte aus dem Stalle und in das Haus. Da stand in der Lauben der weiße, schlanke, zugedeckte Sarg, und die mattflackernde Öllampe beleuchtete nur mehr das leere, öde Bahrbrett.
.... Ich hätte sie gern noch einmal gesehen.
Die Leute bereiteten die Trage. Der Vater kniete hinter der Thür und betete; die Schwestern weinten in ihre Schürzen, und der kleine Bruder schluchzte so sehr. Ach, er wollte das Weinen zurückhalten; hatte er doch gehört, für die Mutter sei es am besten so, und sie sei nun in der himmlischen Freude -- er hatte ein bißchen gelächelt dazu, aber nun, da sich die Leute anschickten, die Mutter hinauszutragen und fort für alle Ewigkeit, war der Trost vergessen in dem kleinen, bedrängten Herzen.
Ich nahm das Brüderlein an der Hand, und wir gingen in die dunkle, hinterste Ecke der Stube, wo sonst niemand war, wo nur die kranke Mutter gern gewesen. Dort setzten wir uns auf die Bank. Und dort saßen wir, während draußen alles vorbereitet wurde, während sich die Leute zu Tische setzten und das Totenmahl verzehrten.
Sie waren gekommen, um Leid zu tragen mit uns; jetzt aßen sie, jetzt lachten sie, und dann thaten sie wieder, wie's der Gebrauch war und sie freuten sich schier, daß wieder einmal einer gestorben war und ihnen dadurch Abwechslung in das alltägliche Leben brachte.
Plötzlich wurden draußen laute Worte gesprochen: »Wo ist der Überthan? Wir finden den Überthan nicht!«
Der Überthan ist ein dünnes Leinengewebe, welches als ein Schleier über den Sarg gehüllt wird und nach dem Glauben des Volkes am jüngsten Tage dem Auferstehenden als Überkleid dient.
Der Vater wurde durch den Ruf von seinem Gebete aufgeschreckt; jetzt torkelte er herum und suchte die Leinwand in seinem Kasten, auf den Wandstellen und in allen Winkeln. Er hatte sie ja gestern nach Hause gebracht, und jetzt war sie nirgends zu finden. Er wußte auch nicht, wo ihm der Kopf stand -- jetzt sollte er sorgen, daß alle zum Mahle kämen, jetzt sollte er sich umkleiden zum Kirchgange, jetzt sollte er seine Kinder beruhigen, jetzt sollte er eine frische Kerze auftreiben, weil die alte schon auf den Grund gebrannt war und die Leute in das Finstere zu kommen drohten, jetzt sollte er gar in den Stall gehen und die Rinder füttern für den ganzen Tag, da niemand daheim sein würde -- und jetzt sollte er sagen, wo er gestern in seiner Wirrnis den Überthan hingelegt hatte. -- Und in den nächsten Minuten trugen sie sein Weib aus dem Hause.
Alles kam in Aufregung. »So hat der Alte keinen Überthan,« murrten sie, »das hat man auch noch nicht gesehen, daß eine Totentruhen nackt und bloß davongetragen wird, aber bei der armen Waldbäuerin muß es wahr sein: elend gelebt und elend gestorben!«
Auch die beiden Schwestern huben zu suchen an, und Maria rief klagend: »Jesus mein, ohne Überthan darf mir meine Mutter nicht begraben werden; da muß sie noch liegen bleiben daheim, und ich gebe mein Kresengeld (Patengeschenk) und kaufe ihr das letzte Kleid. Wer hat die Leinwand weggethan? O Gott, jetzt wollen sie ihr das Allerletzt' auch noch versagen!«
Ich suchte das Mädchen zu beruhigen, und wir würden im Dorfe draußen schon eine Leinwand bekommen, und wenn nicht, so ruhe sie auch unter bloßem Tannenholz in Frieden.
»Du kannst so reden!« rief sie, »hat Dir die Mutter seiner Tage nicht auch die Kleider gekauft von ihren blutig ersparten Kreuzern? Und jetzt soll sie auferstehen am jüngsten Tag in ihrem armen Gewande, wo alle anderen ein weißes Kleid tragen!« In ein lautes Weinen brach sie aus und lehnte ihre glühende Stirne an die Wand.
Aber bald darauf war ein Aufatmen unter den Leuten, der Überthan hatte sich gefunden.
Und als gegessen war -- wir genossen keinen Bissen -- und als alles bereitet war, da machten sie die Thür auf in die Vorlauben hinaus und knieten nieder vor dem Sarg und beteten laut die fünf Wunden Christi.
Dann stellten vier Männer den Sarg auf die Trage und huben ihn auf und trugen ihn aus der armen Menschenwohnung im Walde und davon über die Heiden und Wiesen und durch hohe Wälder.
Und ringsum war die Winternacht, und über allem lag der Sternenhimmel.
Noch einen Blick auf das leere Bahrbrett, dann zog ich rasch meinen kleinen Bruder mit mir fort, und Vater und Schwestern eilten auch nach, und der ältere Bruder verschloß die Thür, und nun lag die Waldhütte da in der Dunkelheit und in der tiefsten Stille. Das Leben war fort, der Tod war fort -- eine größere Einsamkeit kann nicht mehr sein. --
Man hörte das Summen des betenden Leichenzuges, man sah das Flimmern der wenigen Laternen zwischen den Baumstämmen. Die Träger gingen mit schnellem Schritte, die Beter konnten schier nicht nachkommen auf dem holperigen Schneepfade. Ich war mit dem kleinen Bruder weit zurückgeblieben, der Knabe konnte so schnell nicht vorwärts. -- Im Leben hätte uns die Mutter nie so zurückgelassen, da hätte sie gewartet, ein wenig lächelnd und ein wenig grollend, und den Kleinen an der Hand geführt. Jetzt verlangte ihr schon nach der Ruh'.
Vor dem Pfarrdorfe am Wege steht ein hohes Kreuz mit dem lebensgroßen Bilde des Heilands. Hier setzten sie nach stundenlangem Wallen vom Gebirge her den Sarg zu Boden und warteten auf den Arzt, der aus dem Dorfe kam zur Totenbeschau. Aber als wir zwei Zurückgebliebenen nachkamen, da war der Sargdeckel bereits wieder festgehämmert. -- So konnte ich Dich denn nimmermehr sehen auf dieser Erde, meine Mutter! --
Im Dämmerlichte der Morgenröte zogen sie zur Pfarrkirche ein.
Die Glocken klangen hell zusammen. Mitten in der dunkeln Kirche war ein hoher Sarkophag aufgerichtet, es strahlten viele Kerzen, und es begann ein feierlicher Trauergottesdienst. Der Pfarrer des Ortes, ein alter, blinder Mann mit schneeweißen Haaren, eine ehrwürdige Gestalt, umgeben von Priestern in reichem Ornat, hielt das Requiem. Seine Stimme war hell und feierlich, ein Sängerchor antwortete, und Trompeten und Posaunen tönten durch die Kirche.
Ich sah den Vater an, er mich, wir wußten nicht, wer das alles so angeordnet hatte. Heute weiß ich, daß es meine Freunde in Krieglach gewesen, die uns den schönen Liebesdienst gethan haben.
Als der Trauergottesdienst vorüber war, wurde der Sarkophag weggeräumt, wurden am Hochaltare alle Festkerzen angezündet, und drei Priester, nicht mehr in Farben der Trauer, sondern in rosigem, golddurchwirktem Meßgegewande, traten an die Stufen des Altares, und es wurde ein feierliches Hochamt mit hellem Glockenschall und fröhlichem Musikklange aufgeführt. »Weil sie erlöst ist von dem Leide«, sagte ich zu dem Knaben.
Endlich schwankte der Sarg, reich geziert, von der Pfarrkirche, in welcher die Waldbäuerin voreinst getauft und getraut worden war, dem Friedhofe zu. Die Priester und der Sängerchor sangen laut und hell das Requiem, die Glocken klangen über das Dorf weit hin in die Wälder, und die Kerzen flackerten im Sonnenschein. Ein langer Zug von Menschen bewegte sich durch die breite Dorfgasse. Wir gingen hinter dem Sarg und hielten brennende Kerzen in den Händen und beteten.
Draußen zwischen Äckern und Wiesen auf einer sanften Anhöhe liegt der Friedhof. Er ist nicht klein, denn die Pfarre erstreckt sich weit hin über Berg und Thal. Er ist eingefriedet mit einem Bretterzaun, viele Kreuze von Holz und verrostetem Eisen stehen darin, und mitten ragt das Bildnis des gekreuzigten Erlösers.
Vor diesem Bilde, zur rechten Hand, war das tiefe Grab -- gerade an derselben Stelle, wo sie vor Jahren die zwei verstorbenen Kinder der Waldbäuerin gebettet hatten. Zwei frische Erdhügel lagen am Grabe geschichtet.
Hier ließen die Träger den Sarg zu Boden und entkleideten ihn aller Zier, und arm, wie er gekommen war aus der Waldhütte, rollte er hinab in die Grube.
»Heut' ist's an Dir, morgen ist's an mir; so bin ich schon zufrieden,« murmelte mein Vater, und der Priester sagte: »Sie ruhe im Herrn!«
Dann warfen sie Erdschollen hinab und gingen davon. Gingen dem Wirtshause zu, genossen Wein und Brot und redeten von täglichen Dingen. -- Als die zwölfte Stunde war und nach der Sitte die Kirchenglocken noch einmal anhuben zu läuten, der Bestatteten zum letzten Gruß, machten sich die Waldbewohner auf den Weg gegen ihr Hochthal.
Wir Zusammengehörigen saßen noch eine Weile beisammen und sprachen traurig von der Zeit, die nun kommen mußte und wie sie einzurichten sei. Dann nahmen wir Abschied, Vater und Geschwister gingen heim in die Waldhütte, um in derselben wie die Mutter zu leben und zu sterben.
Mich hat ein Freund in Krieglach zu seinem Tisch geladen, hat einen Becher mit Schaumwein gehoben und das Wort gesagt: »Die Toten sollen leben!«
Sie leben in unserem Herzen.
In der letzten Stunde vor der Abreise nach der Stadt ging ich durch ein Nebengäßchen nach dem Friedhof. Das Grab war noch offen, und einsam stand unten der weiße Sarg. -- Die Sonne Deines letzten Tages geht jetzt unter, und dereinst werden die Zeiten nimmer zu messen sein, vor denen Du das irdische Licht hast gesehen.
Die Erde rollte hinab, und über den Bergen der Waldheimat lag ein fremder Schatten.
Druck von Grimme & Trömel in Leipzig.
Verlag von L. Staackmann in Leipzig.
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