Part 7
In der Stadt Graz war der lustige Karneval. An den Abenden ein tolles Gedränge auf den Gassen, ein fast betäubendes Rasseln der Wagen, ein Johlen und Schreien, ein Flimmern und Leuchten aus den Gewölben und Auslagen und von den hundert Laternen und zahllosen Transparenten der Fenster. Gold und Silber, Seide und Damast funkelten aus den Glaskästen. Gesichtsmasken in allen Farben und Formen grinsten daneben. Ha, das Leben ist ja gar so toll. Ich eilte durch das Gedränge. Die Uhr am Schloßberge that sechs Schläge, so hell -- sie überklangen alles Geräusch, sie widerhallten von den hohen, lichtdurchbrochenen Mauern der Häuser. Eine ernste Mahnerin ist der Ruf der Uhr; möge der Mensch auch kindisch spielen mit Flitter und Tändelei, sie rechnet ihm die Stunde vor und schenkt ihm nicht eine Minute.
Ich ging nach Hause in meine stille Stube und begab mich bald zur Ruhe.
Des andern Morgens lag das Winterglühen der Sonne auf den schneeigen Dächern, ich schrieb eben das Märchen auf von dem verlornen Kinde -- als es an meiner Thür klopfte. Ein Mann trat herein und brachte mir folgendes Telegramm:
»Lieber Sohn, gestern Abends um sechs Uhr ist unsere liebe Mutter verschieden. Komme zu uns, wir erwarten Dich in größter Trübsal. Dein Vater.«
-- Gestern Abends, als ich durch das Weltleben schritt, war es geschehen in der armen Hütte. Und zur sechsten Stunde.
Am andern Tag in der Morgenfrühe war ich im Pfarrdorfe. Allein trat ich den Weg an, über schneefunkelnde Höhen und durch lange Wälder, weit hinein in das einsame Gebirgsthal. Unzähligemale war ich den Weg gewandelt, immer hatte ich mich ergötzt an dem Glitzern des Schnees, an den funkelnden Eiszapfen, an den Schneemänteln der Baumäste, oder wenn es Sommerszeit war, an dem Grünen und Blühen und Duften, an dem Vogelsang, an den Tropfen des Lichtes, die niedersickerten zwischen den Ästen, an der Ruhe und tiefen Einsamkeit. Wie oft war ich hier mit der Mutter gegangen, als sie, noch gesund und blühend gewesen, und später, als sie durch Krankheit schon zum Krüppel gemacht, an meinem Arm einherwankte. -- Und ich dachte auf diesem Waldweg an den Lebenslauf meiner Eltern.
Er war junger Mann im Waldhofe gewesen.
Die Leute heißen ihn den Lenz, nicht weil er so jung und blühend und heiter war wie der Lenz, sondern weil er Lorenz hieß.
Sein Vater war, bei einem Raufhandel schwer verletzt, nur kurze Zeit krank gewesen und eines frühen Todes gestorben.
Nun war der Lenz Besitzer des Waldhofes. Um die Traurigkeit seines Vaters wegen ein wenig in den Hintergrund zu drängen, that er etwas Gutes, er suchte sich ein Weib. Er nahm schier die Ärmste und Unbeachtetste, die im Waldthale war -- ein Mädchen, das schauderlich schwarz war die ganze Woche hindurch, das aber am Sonntage doch ein gar zartes weißes Gesichtchen hatte. Es war das Kind einer Kohlenbrennerin, das für seine betagte Mutter arbeitete, seinen Vater aber nie gesehen hatte.
Ein Jahr nach der Hochzeit, im Sommer, schenkte die junge Waldbäuerin ihrem Lenz den Erstgebornen. Der erhielt den Namen Peter und läuft nun damit durch alle Welt, ein ewiges Kind.
Ihr Leben war so eigenartig, ihr Leben war so gut, ihr Leben hatte eine Dornenkrone.
Unser Hof war nicht klein und seiner Tage gut bestellt; aber meine Mutter spielte nicht die vornehme Bäuerin, sie war die Hausfrau und die Dienstmagd zugleich.
Meine Mutter war gelehrt, sie konnte »Drucklesen«; das hatte sie von einem Köhler gelernt. Sie kannte die biblische Geschichte auswendig, und sie wußte eine Unzahl von Sagen, Märchen und Liedern -- das hatte sie von ihrer Mutter. Dabei war sie Beistand mit Rat und That, und sie verlor in keinem Unglücke den Kopf und wußte immer das Rechte. -- »So hat's meine Mutter gethan, so hat's meine Mutter gesagt,« meinte sie stets, und das war ihre Lehre und Nachfolge, selbst als ihre Mutter schon lange im Kirchgarten ruhte. Freilich war zuweilen ein wenig Köhlerglaube dabei, aber in einer Gestalt, daß er nicht schadete, sondern daß er eine milde Poesie verbreitete über das arme Leben in den Waldhäusern.
Die Armen kannten meine Mutter weit und breit; umsonst klopfte keiner an ihrer Thür, hungrig ging keiner davon. Wen sie für wahrhaft arm hielt, und er bat um ein Stück Brot, so gab sie einen halben Laib, und bat er um ein »Gafterl« Mehl, so reichte sie ihm auch ein Stück Schmalz dazu. Und »gesegn' Euch's Gott!« sagte sie dazu, -- das sagte sie immer.
»Wo werden wir hinkommen mit unserer Sach', wenn Du alles verschenkst?« sprach zu ihr mein Vater oft schier ungehalten.
»'leicht gar in den Himmel hinauf,« antwortete sie, »meine Mutter hat oft gesagt, jedes Vergeltsgott von den Armen graben die Engel in den heiligen Thron Gottes ein. Wie werden wir froh sein zu einer Zeit, wenn wir bei dem lieben Herrgott die Armen zu Fürbittern haben!«
Mein Vater fastete gern jeden Samstag und nahm oft keinen Bissen zu sich, ehe die Schatten zu wachsen anhuben. Er that das zu Ehren unserer lieben Frau.
»Ich sag, Lenz, ein solches Fasten hilft nichts für eine gute Meinung,« versetzte da meine Mutter zuweilen, »was Du heut dabei ersparst, das kannst Du morgen essen. Meine Mutter hat immer gesagt: was übrig bleibt durch das Fasten, das opfere der Armut Lasten. -- Ich denk, sonst thut es nichts helfen.«
Mein Vater betete an den Abenden, besonders zur »Rosenkranzzeit«, an den Samstagen gern lange und laut, that aber dabei häufig allerhand Verrichtungen, als Schuhnageln, Beinkleider ausflicken, oder sich gar rasieren. Dabei verlor er nicht selten den Faden vom Gebet, so daß ihm meine Mutter die Dinge oft aus den Händen nahm und rief:
»Meiner Tag, was ist denn das für ein Beten! Knie zum Tisch und bet drei Vaterunser mit Fleiß, ist besser wie drei Rosenkränz', bei dem Dir unter dem Herumdalgern der bös' Feind die guten Gedanken stiehlt!«
Wenn zu Zeiten die Arbeit schwer war, so hielt meine Mutter viel auf einen guten Tisch. -- »Wer lustig arbeitet, mag auch lustig essen,« meinte sie, »meine Mutter hat alleweil gesagt: wer sich nichts traut anzubringen, der traut sich auch nichts zu gewingen.«
Mein Vater nahm vorlieb mit schmaler Kost; er fürchtete immer den Ruin des Hauses.
Das waren in der Ehe die einzigen Zwistigkeiten. Aber sie griffen nicht tief. Sie äußerten sich nur gegeneinander; wenn der Vater mit fremden Leuten sprach, so pries er die Mutter; wenn die Mutter mit fremden Leuten sprach, so pries sie den Vater.
In der Kinderzucht waren sie eins. Arbeit und Gebet, Sparsamkeit und Redlichkeit waren unsere Hauptgebote.
Vom Vater bekam ich nur ein einzigmal ordentlich die Rute. Vor dem Hause hin war junger Lärchen- und Tannenanwuchs, der nach und nach so hoch emporwuchs, daß er die Aussicht auf die jenseitigen Berge verdeckte. Ich hatte aber diese Aussicht lieb, und ich meinte, auch der Vater müsse mir Dank wissen, wenn ich -- wie ich damals ein unternehmender Knabe war -- die Bäumchen umhieb. Und richtig, eines Nachmittags, als alle auf dem Felde waren, schlich ich mit einer Axt in das Wäldchen und hub an junge Bäume umzuhauen. Da kam zu guter Stunde mein Vater herbei; aber der Dank, den er mir wußte, sah wunderlich aus. »Leih mir die Hack', Bub!« sagte er ruhig. Ich dachte, jetzt greift er selber zu, um so besser, und gab ihm die Axt. Er haute damit eine Birkenrute ab und strich sie glatt über meinen Rücken. »Wart!« rief er, »wenn Du den jungen Wald umbringen willst? Er hat noch Ruten für Dich!«
Von meiner Mutter bekam ich die Rute auch ein einzigmal. Da stieß ich einmal -- wie ich schon gern auf dem Herde saß, wenn die Mutter kochte -- den vollen Suppentopf um, so daß das halbe Feuer gedämpft wurde und ich mir schier die bloßen Füßchen verbrannt hätte. Meine Mutter war den Augenblick nicht dagewesen, und als sie nun auf das mächtige Gezische herbeieilte, rief ich, feuerrot im Gesichte: »Die Katz', die Katz' hat den Suppentopf umgeworfen!«
»Ja, dieselb' Katz' hat zwei Füß' und kann lügen!« versetzte die Mutter und nahm mich und strich mich eine lange Zeit mit der Rute. »Wenn Du mir noch einmal lügst,« rief sie hernach, »so hau' ich Dich mit dem Ofengabelstiel!« Ein arges Wort! Aber die Ausführung ist -- Gott Dank -- nicht nötig geworden.
Hingegen wenn ich gut und folgsam war, so wurde ich belohnt. Mein Lohn waren Lieder, die sie mir sang, Märchen, die sie mir erzählte, wenn wir zusammen durch den Wald gingen oder sie abends an meinem Bett saß. Das Beste in mir -- ich habe es von ihr. Sie hatte in sich eine ganze Welt voll Poesie.
Als nach und nach meine Brüder und Schwestern kamen, da hat uns die Mutter alle gleich geliebt, keines bevorzugt. Als hernach zweie in ihrer Kindheit starben, sah ich die Mutter das erste Mal weinen. Wir anderen weinten mit ihr und weinten fortan immer, so oft wir die Mutterthräne sahen.
Und das war von dieser Zeit an gar oft.
Zwei Jahre lag der Vater auf dem Krankenbette. Wir hatten Unglück an Hof und Feld, Hagel und Viehseuche kam, unsere Kornmühle brannte nieder.
Da weinte die Mutter im Verborgenen, daß wir Kinder es nicht hätten sehen sollen. Und sie arbeitete unablässig, sie grämte sich und wurde endlich krank. Die Ärzte der ganzen Gegend wurden herbeigezogen; sie konnten nicht helfen, aber gut rechnen; nur einer sagte:
»Ich nehme nichts von so armen Leuten.«
Jawohl, trotz aller Lustigkeit, die so oft gewesen, wir waren arme Leute geworden. Die Fahrnisse waren alle weg, von dem ganzen großen Besitztume blieb uns nichts als die Steuern.
Nun beschloß mein Vater, den verschuldeten Hof so gut als möglich zu veräußern. Aber die Mutter wollte nicht, sie arbeitete, wenn auch krank, allfort mit Müh und Fleiß und ließ die Hoffnung nicht sinken. Sie konnte den Gedanken nicht fassen, daß sie fort sollte von ihrer Heimstätte, von dem Geburtshause ihrer Kinder. Sie verleugnete ihre Krankheit, sie sagte, sie sei nie gesünder gewesen als nun, und sie wolle arbeiten für drei.
Meine Geschwister glaubten auch, sie könnten das Heimatshaus nicht lassen, dabei hatten sie kein gutes Paar Schuhe mehr anzuziehen. Und die Mutter, wenn sie einmal in die Pfarrkirche gehen wollte, mußte sich von irgend einem Holzknechtweib ein Jöpplein ausborgen, das noch keine Flicken hatte. Und von allem die höchste Pein war der Hochmut der Leute und der Hohn, wenn sie doch zuweilen eine Beihilfe leisteten. Sie hatten die Wohlthaten vergessen, welche meine Mutter einst nach ihrem Vermögen jedem angedeihen ließ. Damals war sie die geachtetste Bäuerin in den Waldhäusern. Aber -- das Unglück frißt die Freunde! Das hatte auch ihre Mutter, die Köhlerin, oft gesagt.
Aus jener traurigen Zeit, da meine Mutter krank war, will ich hier ein Erlebnis erzählen. Es beginnt mit einem sonnenfreudigen Pfingsten.
An jenem sonnenfreudigen Pfingstmontag war sie neununddreißig Jahre alt gewesen. Es war lustig. Die Saaten standen grün auf den Feldern, und auf der hohen Weide grasten die Herden, die zwar nicht uns gehörten, sondern dem Nachbar, an denen wir uns aber doch freuten, weil sie munter und leibig waren. Mein Vater hatte die Steuer des vorigen Jahres bereits gezahlt, die wirtschaftlichen Verhältnisse, die während der mehrjährigen Krankheit des Vaters zerrüttet worden waren, schienen sich allmählich zu ordnen, und damit stiegen wir auch wieder im Ansehen der Leute. Wir gingen an diesem Tage zusammen über die Auen, und die Kleinen sammelten Blumen, und die Großen lobten durch ein heiteres Wort oder durch ein Lied die Werke unseres lieben Gottes. Da setzte sich die Mutter auf einen Stein und wollte sterben.
Wir schleppten sie nach Hause, wir legten sie aufs Bett, wo sie lange lag -- wochenlang, monatelang. Alle Nachbarn kamen und brachten wohlgemeinten Trost; alle Ärzte der weiten Umgegend kamen und brachten wohlgemeinte Medizin. Die Kranke war, wie man hinter ihrem Rücken zugestand, vom Schlage gerührt, sie siechte. Als aber der kühle Herbst kam, da wurde ihr besser, sie lag nun tagsüber nicht mehr im Bette, sie saß auf der Ofenbank oder am Tische, wo die Kinder spielten, oder am Herde, wo sie den ungelenken Vater im Kochen unterwies. Sie war nicht heiter, und sie war nicht betrübt, sie war ruhig und hatte keine Klage -- nur wenn sie allein war, machte sie bisweilen einen schweren Seufzer. So verging der Winter, es kam wieder das liebliche Pfingsten, und die Mutter war krank.
Da kam an diesem Feste die alte Riegelbergerin zu uns, die brachte etliche Semmeln mit, sie gab allerlei Hausmittel an und zählte kerngesunde Leute auf, die durch solche Hausmittel kerngesund geworden wären. Endlich fragte sie, ob wir nicht schon beim Stegthomerl gewesen wären?
Nein, bei dem wären wir freilich noch nicht gewesen.
Wesweg wir so nachlässig sein könnten und noch immer nicht beim Stegthomerl gewesen wären? Zu dem müsse man in einer solchen Krankheit doch zu allererst schicken!
Aber, es sei so viel weit dahin, wandte mein Vater ein.
»Und wenn es drei Tagreisen wäre, um die Gesundheit ist's nicht zu weit.«
»Das ist freilich wohl wahr, um die Gesundheit wär's nicht zu weit,« meinte mein Vater. »Und meinst, Riegelbergerin, daß er ihr helfen thät'?«
»Das Helfen, mein lieber Waldbauer, das steht bei Gott,« antwortete die Riegelbergerin in ihrer gewohnten Überlegenheit. »Wunder wirken kann auch der beste Arzt nicht. Aber kennen thut er's, der Stegthomerl, und sagen wird er's, ob noch eine Hilf' möglich ist oder nicht.«
Schon am nächsten Tage ging ein Bote hin über die Berge in das Thal, wo der Stegthomerl wohnte. Er ging früh aus, und er kam spät heim, und er brachte den Bescheid, der Stegthomerl hätte gesagt, er könne gar nichts sagen, so lange er die Kranke nicht selber sähe.
Am nächsten Tage ging ein anderer Bote (denn der erste war auf dem weiten Weg hinkend geworden), um den Stegthomerl zu holen. Er kam spät in der Nacht allein zurück und brachte den Bericht, der Stegthomerl gehe zu keinem Kranken, er sei selber nicht mehr jung, auch wolle er sich nicht wieder einsperren lassen, weil die geprüften Doktoren einen höllischen Brotneid hätten und selber jeden unter die Erde bringen möchten. Wenn die kranke Waldbäuerin zu ihm kommen wolle, so ließe sich vielleicht was machen. Aber nach laufe er den Kranken nicht.
Das war doch männlich gesprochen, und wir begriffen es alle mit einander, daß ein Mann, der seinen Wert kennt, sich nicht just wegwerfen wolle. Aber nun war eine große Bedrängnis. Das Wetter -- allerdings -- das war schön und warm, die Tage waren lang, die Mutter war auch bereit. Doch, konnten wir sie hinübertragen den viele Stunden langen Weg bis zum Stegthomerl? Es war keine Möglichkeit. Fahren? Wir hatten keinen Wagen, und das letzte Paar Zugochsen hatten uns die Gläubiger weggetrieben, bei denen während der Mutter Krankheit neuerdings angeklopft worden war. Die Nachbarn brauchten ihre Ochsen zu dieser Zeit auf dem Brachfelde. Der Knullbauer hatte zwei Pferde, er wollte sie leihen, aber sie kosteten für den Tag -- der Vater schlug die Hände zusammen -- fünf Gulden und den Hafer.
Und als wir um die kranke Mutter herum so betrübt dasaßen, nach Rat suchten und keinen fanden, ging die Thür auf und trat der Knabe des Straßenwirtes herein.
»Was willst denn Du, Bübel?« fragte mein Vater.
Das Bübel schlenkerte mit den Händen. »Ja,« sagte es, »der Samersteffel laßt sagen, wenn der Waldbauer sein Roß und Wagen haben will, so kann er's haben.«
»Wo ist denn der Samersteffel?«
»Bei uns sitzt er und hat sein Roß und Wagen bei uns eingestellt.«
Mein Vater sann ein wenig nach, was er sagen sollte; dann sagte er: »Der Steffel, der möcht mir einen schönen Preis mache; sag: ich ließe mich bedanken.«
Der Knabe ging, und nach einer Stunde kam der Samersteffel selber. Es war ein kleiner, wohlbeleibter Mann, der einst, so lange die Straße noch nicht gebaut war, über den Alpsteig mit einem Saumroß verschiedenerlei Dinge befördert hatte. Seit die Straße war, hatte er sich ein Steirerwäglein angeschafft, mit dem er Getreide, Salz, Most und Sonstiges transportierte, aber alles ums Geld, natürlich, weil er davon leben mußte, und nicht nur das, sondern auch reich werden wollte, um an der neuen Straße ein großes Wirtshaus zu bauen. Ein Gastwirt zu sein, das war sein Ideal, und er hatte auch das Zeug dazu, er war allfort bei Humor und hätte es schon verstanden seine Gäste zu unterhalten.
Heute aber, da er in unsere Stube trat, war er gar nicht bei Humor.
»Ihr macht unsereinem eine recht unnötige Mühe,« sagte er und setzte sich schnaufend auf die Wandbank. »Hast Du schon gehört, Waldbauer, daß ich mich Geschäfts wegen wem angekoppelt hab? Wirst so was von mir nicht gehört haben, weil ich's gottlob nicht vonnöten hab. Wenn ich mich aber einmal selber antrag, daß ich was führen will, so führ ich's umsonst. Ich hab gehört, daß Dein Weib zum Stegthomerl möcht und kein Fuhrwerk hat. Meine Mutter, Gott tröst ihre Seel, ist auch lang so krank gewesen, ich weiß, wie das ist, es ist ein Elend. Wenn's Euch recht ist, so führe ich morgen die Waldbäuerin hinüber zum Stegthomerl.«
Da sind wir alle wohl gar recht froh gewesen. Wir haben nicht weiter dran gedacht, ob die weite Fahrt nützen wird oder schaden, oder ob die neue Medizin angreifen wird, oder wie die Krankheit hernach ausgehen wird. Zum Stegthomerl, nur zum Stegthomerl, damit war uns alles gewonnen.
In der nächsten Frühe, als der Morgenstern zwischen den mächtig schwarzen Eschenbäumen herlugte, wurde ich geweckt. Der Vater mußte ja daheim bei der Wirtschaft bleiben, so sollte ich, der dreizehnjährige Junge, mit der Mutter sein, um darauf zu achten, daß ihr nichts widerfahre. Die Mutter saß schon bei ihrem Frühstück und that, als ob ihr die Milchsuppe rechtschaffen munde. Der Samersteffel und ich aßen eine Pfanne Sterz weg, und dann fuhren wir davon. Der Steffel saß auf dem Kutscherbänklein und redete laut seinem Rößlein zu, daß es heute einen Gescheiten machen und recht flink dreintraben solle, »damit wir die Waldbäuerin heimbringen, so lang es noch heut heißt.« Meine Mutter saß, in alle ihre Kleider und obendrein noch in den Wettermantel meines Vaters vermummt, auf einem Lederkissen, zu Füßen hatte sie Stroh, und über das Ganze lag eine schwere Bettdecke, aus der nur ein Teil ihres Hauptes ein wenig hervorschaute. Neben diesem Krankenbette saß ich und hatte ein schweres Herz.
Es war noch die frostige Nacht, über dem Wechselberg wurde der Himmel erst ein wenig blaß. Der Weg ging über die Auen dahin. -- Jetzt erwachten die Vögel, jetzt begann die Herrlichkeit des Morgenrotes, jetzt stieg die große Sonne empor. Meine Mutter zog die Decke ein wenig zurück und schaute hinauf in die Sonne.
»Ich habe einen guten Trost,« flüsterte sie und suchte meine Hand anzufassen, »wenn der Sommer ein wenig mithilft und der Stegthomerl auch -- ich bin ja doch noch nicht so alt ... was meinst, mein Kind, werd' ich gesunderweise noch einmal können die Welt anschauen?«
Ich war so zuversichtlich wie sie, mir war leicht geworden. Die Morgensonne! Die liebe, warme Morgensonne!
Die Mutter wurde gesprächig. »'s ist närrisch auch noch,« sagte sie auf einmal und lachte fast laut, »daß der Mensch so viel gern auf der Welt ist. Meine Leut' möchte ich halt wohl ungern verlassen. Mein Lenzel, Dein Vater, thät mir so viel derbarmen, wenn er niemand mehr hätte; die Kinder sind noch klein.«
»Ich werde jetzt doch schon ziemlich groß,« war mein Einwand.
Da wendete sich die Mutter mit dem Gesichte ganz zu mir und sagte: »Just Du, mein Peter, just Du machst mir die meisten Sorgen. Du kommst mir halt ganz anders vor, wie andere Buben in Deinen Jahren. Hast zur Arbeit keinen rechten Schick -- heißt das, Schick schon, aber halt deutsch keine Freud. Ja, ja, wenn Du's auch leugnest, ich kenn Dir's an, Dich freut die Bauernarbeit nicht, Du tappst herum und willst was anders und weißt selber nicht was -- schau, das ist gerade das Gefährlichst'. So wollt ich unseren Herrgott wohl schön bitten, daß er mich bei Dir laßt, daß ich Dich kann anhalten und bis ich weiß, was aus Dir wird.«
»Ein Fuhrmann wirst, gelt Bub?« rief der Steffel über seine Achsel her zu uns in den Wagen.
»Ein braver Fuhrmann, der arme Leut' thut führen, das wollt mir schon gefallen,« bemerkte meine Mutter; darauf schmunzelte der Steffel ein wenig.
Der Weg ging stark aufwärts und wurde steinig; der Steffel und ich gingen neben dem knarrenden Steirerwagen zu Fuß. Die Sonne war heiß geworden. Es war eine mühevolle Fahrt, und wir kamen nur langsam weiter. Als wir hoch oben durch die fast ebenen, aber finsteren Waldungen der Fischbacheralpe dahinfuhren, da hörten wir kein Wagenrad, denn der Erdboden war dicht mit Fichtennadeln besäet, nur daß die Räder bisweilen an eine Baumwurzel prallten. Die Vögel waren still geworden, denn über den Wipfeln lag der heiße Tag. Meine Mutter war eingeschlummert. Ich schaute in ihr blasses Gesicht und dachte: Der Stegthomerl wird schon ein gutes Mittel wissen; es ist doch ein Glück, daß wir zum Stegthomerl fahren können.
»Magst ein Trumm Brot, Peter?« fragte der Steffel.
»Ein Brot, das mag ich schon.«
Und wie ich hierauf das Stück Brot erhielt, lag auch ein Stück Speck drauf, und jetzt fing meine Bedrängnis an. Ich hielt das Ding lange in der Hand und schaute es an und schaute auf die Mutter hin; sie schlief. Den Steffel, der es so gut mit uns meinte, wollte ich nicht beleidigen. Da ich die Sache aber nicht so auf sich und auf meiner Hand belassen konnte, so hub ich endlich an, zuerst ganz leise, aber allmählich lauter: »Steffel!« zu rufen.
»Was willst denn?« fragte dieser endlich.
»Ich thät schön bitten,« sagte ich gar verzagt, »schön bitten, daß ich den Speck da nicht essen müßt'. Weil ich halt keinen Speck nicht mag.«
»Du weißt nicht, was gut ist,« lachte der Fuhrmann und befreite mich von meiner Not.
Endlich begann es bergab zu gehen, da holperte der Wagen auf den heißen Steinen, rüttelte die Kranke aus dem Schlaf, und die Sonne brannte ihr ins Mark hinein, und dabei fröstelte sie.
Murmelte der Steffel: »Der Stegthomerl muß schon ein höllisch guter Arzt sein, daß eine solche Fahrt der Mühe wert ist. Nur aushalten, Fuchsel, wir haben nimmer weit.«
Um den späten Mittag war's, als wir ins Thal kamen und vor dem Häuslein des Stegthomerl hielten.
Wir führten die Mutter in die dumpfig mürfelnde Stube, in der alle Fensterlein fest geschlossen waren, dort ließen wir sie auf die Bank nieder und fragten nach dem Thomerl.
Ein altes, brummiges Weib gab uns zur Antwort, der Thomerl wäre nicht da.
»Das sehen wir,« sagte der Steffel, »möchten nur wissen, wo er ist?«
»Kunnt's nit sagen.«
»Wann er kommt?«
»'leicht, daß er nimmer lang ausbleibt, 'leicht, daß er erst in der Nacht einmal kommt, 's ist möglich, daß er zum Schanzwirt gegangen ist.«
Die Alte ging aus der Stube, wir saßen da. Meine Mutter that einen schweren Atemzug.
Der Steffel ging der Alten nach und bat sie um einen Löffel warmer Suppe für die Kranke.
»Wo sollt' eins jetzt eine warme Suppe hernehmen; ist schon lang kein Feuer mehr auf dem Herd.« So der Bescheid. Da machte sich der Fuhrmann selber dran, Feuer zu schaffen, Milch zu suchen und zu kochen.
Die Mutter aß nur ein weniges von der Suppe, schob die Schüssel uns zu, daß auch wir was Warmes bekämen.
Als all das vorbei war, gab der Steffel dem Weib einen Silberzehner für die Milch und für das Heu, welches der Fuchs fraß.
Nach einer Stunde, während es in der Stube ein paarmal schier finster geworden war, weil draußen Wolken vor die Sonne zogen, trat der Stegthomerl endlich in die Stube. Es war ein kleiner, dünnbeiniger Mann, der aber einen großen Kopf, breite Achseln, eine sehr hohe Brust und einen tüchtigen Höcker hatte. Und der Kopf war in die Schultern gebohrt, so daß sich das Männlein allemal mit dem ganzen Körper umkehren mußte, so oft es den Kopf wenden wollte. Ich sehe ihn heute noch lebhaft, wie er zur Thür hereintrat und uns mit seinem weitläufigen, verdunsenen Gesichte zuerst scharf, dann lächelnd ansah.
Meine Mutter war sogleich unruhig geworden und suchte sich von ihrem Sitze zu erheben, um ihm ehrerbietig ihr Anliegen vorzutragen.