Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.
Als ich noch der Waldbauernbub war.
Von =Peter Rosegger=.
Für die Jugend ausgewählt aus den Schriften Roseggers vom Hamburger Jugendschriftenausschuß.
Einundsechzigstes bis siebzigstes Tausend.
Leipzig,
Verlag von L. Staackmann.
1905.
Außerdem erschien noch:
Als ich noch der Waldbauernbub war
II. Teil u. III. Teil.
Von
Peter Rosegger.
Für die Jugend ausgewählt vom Hamburger Jugendschriftenausschuß.
Elegant kartoniert 70 Pf. Elegant und dauerhaft gebunden 90 Pf.
Inhalt des II. Teiles:
In der Christnacht. -- Was bei den Sternen war. -- Auf der Wacht. -- Wie ich mit der Thresel ausging und mit dem Maischel heimkam. -- Als ich das Ofenhückerl war. -- Als ich um Hasenöl geschickt wurde. -- Als ich mir die Welt am Himmel baute. -- Von meiner Mutter.
Inhalt des III. Teiles:
Als ich Christtagsfreude holen ging. -- Das Schläfchen auf dem Semmering. -- Als ich nach Emaus zog. -- Am Tage, da die Ahne fort war. -- Der Fronleichnamsaltar. -- Weg nach Maria Zell. -- Als ich der Müller war. -- Als ich den Himmlischen Altäre gebaut. -- Als ich im Walde beim Käthele war. -- Als die hellen Nächte waren. -- Aus der Eisenhämmerzeit. -- Als ich zum Pfluge kam.
_Alle Rechte vorbehalten._
Vorwort.
Ihr lieben jungen Leser alle!
Es ist für mich wie ein Fest, daß ich Euch, die Ihr sicher in recht stattlicher Zahl Euch um das Waldbauernbüblein scharen werdet, ein wenig auf diese Bekanntschaft vorbereiten darf. Verständige Knaben und sinnige Mädchen wie Ihr werden vor einem ernsthaften Wort gewiß nicht davonlaufen, nicht wahr?!
Mein Erstes sei, Euch -- soweit Ihr's schon verstehen könnt -- auseinanderzusetzen, wie und in welcher Absicht dies Büchlein zustande gekommen ist; wollen Eure Eltern sich auch ein wenig heransetzen und mit zuhören, so ist mir's um so lieber.
Seht! seit Jahren hält der Hamburger Jugendschriften-Ausschuß im Einverständnis mit den übrigen deutschen Prüfungsausschüssen und mit vielen andern Männern und Frauen, die es mit der deutschen Jugend gut meinen, Umschau unter den Schätzen, die unsre Dichter ihrem Volke geschenkt haben, ob nicht Kleinode darunter seien, deren Schönheit auch Eurem Auge schon offen liege. Wir haben gar kostbare Stücke der Art gefunden, ja, manch Eines sieht aus, als sei es eigens für Kindeshand und Kindesherz erschaffen. Da halten wir es nun nicht nur für eine unserer schönsten Aufgaben, Euch solche Werke möglichst bequem zugänglich zu machen, sondern wir sehen darin auch geradezu eine unabweisbare Pflicht! und ich will den Versuch wagen, Euch wenigstens ahnen zu lassen, um welch große Sache es sich dabei handelt. -- Ein Bild muß mir helfen:
Siehst Du dort den kühnen Reiter?! -- -- Ob er seine edle Kunst wohl einst auf hölzernem Kinderpferdchen erlernt hat?! -- -- Du lachst mir hell ins Gesicht! -- Auf ein Roß von Fleisch und Bein hat ihn sein Vater gesetzt! nicht sogleich auf ein wildes, ungebärdiges! -- behüte! es that's doch sein Vater! -- Aber lebendig war's! und der Knirps hat gejauchzt in hellem Vergnügen! -- -- Aber schon der _Knabe_ merkte bald, daß das Reiten eine gar ernsthafte Lust sei, die mit ernster, fleißiger Übung erkauft sein wollte; dafür blitzte es aber auch heute dem _Manne_, der eben auf seinem mutigen Rappen an uns vorüberflog, mit so eigener Freude aus den Augen, daß wir selbst unser Herz höher schlagen fühlten. Was meinst Du? _der_ würde sich doch wohl um keinen Preis auf einen elenden Droschkengaul setzen?!! --
Nun gieb acht, mein lieber aufmerksamer Zuhörer, daß Du mich verstehst! -- Wohlerfahrene Männer führen Klage, daß große Kreise unseres Volkes die Lust an seinen Dichtern verlernt haben, daß unabsehbar Viele an elendem Zeug, das sie für schön halten, sich hoch ergötzen, und daß sie an dem wahrhaft Schönen achtlos vorüberstreichen, weil sie's nicht erkennen. Da möchten wir nun nach Kräften helfen, daß unsere Jugend, zu der auch Ihr gehört, die Ihr mich so helläugig anblickt, dereinst nicht solchem Irrtum verfalle. Wir meinen, daß auch die rechte Freude am Kunstwerk eine »ernsthafte Lust« sei, die erlernt sein will, und darum möchten wir es jenem Manne nachthun, der sein Söhnlein frühzeitig vom steifen Holzgaul auf's edle Roß hob: Wir wollen Euch dem Einfluß der für Euch zurecht gezimmerten Jugendschriften entrücken und Euch vor echte Kunstwerke stellen und Euch aufgeben: Genießet sie mit ernsthafter Freude! -- Wir wissen zuversichtlich, daß dann auch Euch einst das Auge leuchten wird, wie jenem Reiter! daß auch Ihr Euch vom Gemeinen abkehren werdet, weil Ihr gelernt habt das Schöne zu schätzen! --
Aus solcher Absicht ist Euch im vorigen Jahre Storm's »Pole Poppenspäler« neu geschenkt worden; aus solcher Absicht folgt als diesjährige Weihnachtsgabe das »Waldbauernbüblein«. Der Dichter und sein Verleger -- das ist jener Mann, der eines Schriftstellers Werk als Buch herrichten läßt und dieses in die Welt hinaus sendet -- sind in der Absicht, recht vielen Kindern Freude zu machen, auf unsere Bitte eingegangen; ja, sie haben uns in schönem Vertrauen die Auswahl freigestellt, und so haben wir denn ausgewählt nach unsrer und zu Eurer Herzenslust. Wir waren dabei keinen Augenblick im Zweifel, daß von den vielen Geschichten Roseggers, an denen Ihr rechtes Genießen erlernen könntet, in allererster Reihe solche vor Euer Ohr gehören, in denen der Dichter aus seiner eignen Kindheit, aus seiner geliebten Waldheimat erzählt.
Nun wißt Ihr, wie und in welcher Absicht das Büchlein, das Ihr in der Hand haltet, zustande gekommen ist, und ich könnte nun von Euch Abschied nehmen, müßte ich nicht fürchten, daß Euch die Aufgabe, die ich Euch gestellt, in Verlegenheit setzt. Oder habt Ihr's etwa garnicht gemerkt! -- _Genieße diese kleinen Kunstwerke mit ernsthafter Freude!_ so heißt Deine Aufgabe. -- O, hab keine Angst: das Reiten zu erlernen ist viel, viel schwerer! -- Willst Du meinen Rat befolgen? Hier ist er:
Lies die kleinen Geschichten nicht, wie Du sicherlich schon manches Indianerbuch durchgelesen hast: Du weißt wohl, in einer Angst und Hast hin zum Ende! und dann womöglich gleich noch ein zweites! und ein drittes! -- Nein, nur das nicht! Lies sie hübsch verständig und sinnig, als ob Du sie Dir selbst erzähltest. Bist Du noch im Zweifel, so bitte Deine Eltern oder Deinen Lehrer oder Dein Schulfräulein, daß Eins von ihnen Dir die eine oder andere vorlese; dann wirst Du merken, wie Du selbst Dir die übrigen vorlesen mußt.
Vielleicht wird es Dir nun so ergehen, daß Du, wenn Du mit der letzten Geschichte zuende bist, wieder die erste aufschlägst und gewahr wirst, wie Dir jede nun noch viel besser gefällt. Wenn es so kommt, dann hat Dich Deine Aufgabe schon erfaßt. Halb unwillkürlich wirst Du Dich jetzt hinein sinnen in das Leben und in die Gedanken und in das Empfinden des Waldbauernbuben; ja, zuweilen wird Dir gar sein, als wärest Du selbst der kleine Peter Rosegger. _Das_, mein braver Junge! mein liebes Mädchen! das ist der rechte Augenblick! jetzt öffne Deine Augen! -- Wenn Du jetzt die Welt des Waldbauernbuben -- in diesem Augenblick _Deine_ Welt! -- immer klarer und greifbarer sich vor Dir ausbreiten siehst: das Haus, den Wald, die Berge, die Thalweide ...; wenn Du jetzt die Menschen in dieser Welt -- in diesem Augenblick _Deine_ Lieben, _Deine_ Bekannten! -- leibhaftig um Dich wandeln siehst: den Vater, die Mutter, die Geschwister, den Vetter Jok, den Meisensepp, die Drachenbinderin und ihren Knecht ...; wenn Dir jetzt _Dein_ Herz zuckt, als hörtest Du _Deinen_ Vater aufschluchzen um _Dich_, als lägest _Du selbst_ in bittrer Reue neben dem schlummernden Hiasel unter dem Kreuz, dann, mein lieber kleiner Leser! dann hat sich Deine Aufgabe erfüllt, und Du hast davon keine Mühe, sondern nur edle Freude gehabt! Dann wirst Du den _kleinen_ Peter ins Herz geschlossen haben, wie ich den _großen_, und ihm aus dankbarer Seele den Gruß senden, den ich jetzt Dir und ihm zurufe, den treuen Gruß, den er so gern hört:
»Grüß Gott!«
_Hamburg_, im Oktober 1899.
Im Auftrage des Hamburger Prüfungsausschusses für Jugendschriften.
=W. Lottig.=
Inhalt.
Seite
1. Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß 1
2. Ums Vaterwort 14
3. Allerlei Spielzeug 22
4. Wie der Meisensepp gestorben ist 32
5. Wie ich dem lieben Herrgott mein Sonntagsjöppl schenkte 43
6. Wie das Zicklein starb 50
7. Dreihundert vierundsechzig und eine Nacht 59
8. Als ich Bettelbub gewesen 66
9. Als ich zur Drachenbinderin ritt 76
10. Als dem kleinen Maxel das Haus niederbrannte 91
11. Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß 98
12. Als ich -- 107
Nr. 1. 4. 5. 8. 10. sind dem Buche »Waldferien« Nr. 2. 3. 6. 7. 9. 11. 12. sind dem »Deutschen Geschichtenbuche« entnommen.
Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß.
An die Felder meines Vaters grenzte der Ebenwald, der sich über Höhen weithin gegen Mitternacht erstreckte und dort mit den Hochwaldungen des Heugrabens und des Teufelssteins zusammenhing. Zu meiner Kindeszeit ragte über die Fichten- und Föhrenwipfel dieses Waldes das Gerippe einer Tanne empor, auf welcher der Sage nach vor mehreren hundert Jahren, als der Türke im Lande war, der Halbmond geprangt haben und unter welcher viel Christenblut geflossen sein soll.
Mich überkam immer ein Schauern, wenn ich von den Feldern und Weiden aus dieses Tannengerippe sah; es ragte so hoch über den Wald und streckte seine langen, kahlen, wildverworrenen Äste so wüst gespensterhaft aus, daß es ein unheimlicher Anblick war. Nur an einem einzigen Aste wucherten noch einige dunkelgrüne Nadelballen, und über diese ragte ein scharfkantiger Strunk, auf dem einst der Wipfel gesessen. Den Wipfel mußte der Sturm oder ein Blitzstrahl geknickt haben -- die ältesten Leute der Gegend erinnerten sich nicht, ihn auf dem Baume gesehen zu haben.
Von der Ferne, wenn ich auf dem Stoppelfelde die Rinder oder die Schafe weidete, sah ich die Tanne gern an; sie stand in der Sonne rötlich beleuchtet über dem frischgrünen Waldessaume und war so klar und rein in die Bläue des Himmels hineingezeichnet. Dagegen stand sie an bewölkten Tagen, oder wenn ein Gewitter heranzog, starr und dunkel da; und wenn im Walde weit und breit alle Äste fächelten und sich die Wipfel tief neigten im Sturme, so stand sie still, fast ohne alle Regung und Bewegung.
Wenn sich aber ein Rind in den Wald verlief und ich, es zu suchen, an der Tanne vorüber mußte, so schlich ich gar angstvoll dahin und gedachte an den Halbmond, an das Christenblut und an andere entsetzliche Geschichten, die man von diesem Baume erzählte. Ich wunderte mich aber auch über die Riesigkeit des Stammes, der auf der einen Seite kahl und von vielen Spalten durchfurcht, auf der anderen aber mit rauhen, zersprungenen Rinden bedeckt war. Der unterste Teil des Stammes war so dick, daß ihn zwei Männer nicht hätten zu umspannen vermocht. Die ungeheuren Wurzeln, welche zum Teil kahl dalagen, waren ebenso ineinander verschlungen und verknöchert wie das Geäste oben.
Man nannte den Baum die Türkentanne oder auch die graue Tanne. Von einem starrsinnigen oder übermütigen Menschen sagte man in der Gegend: »Der thut, wie wenn er die Türkentanne als Hutsträußl hätt'!« Und heute, da der Baum schon längst zusammengebrochen und vermodert ist, sagt man immer noch das Sprüchlein.
In der Kornernte, wenn die Leute meines Vaters, und er voran, der Reihe nach am wogenden Getreide standen und die »Wellen« (Garben) herausschnitten, mußte ich auf bestimmte Plätze die Garben zusammentragen, wo sie dann zu je zehn in »Deckeln« zum Trocknen aufgeschöbert wurden. Mir war das nach dem steten Viehhüten ein angenehmes Geschäft, umsomehr, als mir der Altknecht oft zurief: »Trag' nur, Bub', und sei fleißig; die Garbentrager werden reich!« Ich war sehr behend und lief mit den Garben aus allen Kräften; aber da sagte wieder mein Vater: »Bub', Du laufst ja wie närrisch! Du trittst Halme in den Boden und Du beutelst die Körner aus. Laß Dir Zeit!«
Als es aber gegen Abend und in die Dämmerung hineinging und als sich die Leute immer weiter und weiter in das Feld hineingeschnitten hatten, so daß ich mit meinen Garben weit zurückblieb, begann ich unruhig zu werden. Besonders kam es mir vor, als fingen sich die Äste der Türkentanne dort, die in unsicheren Umrissen in den Abendhimmel hineinstand, zu regen an. Ich redete mir zwar ein, es sei nicht so, und wollte nicht hinsehen -- konnte es aber doch nicht ganz lassen.
Endlich, als die Finsternis für das Kornschneiden zu groß wurde, wischten die Leute mit taunassem Grase ihre Sicheln ab und kamen zu mir herüber und halfen mir unter lustigem Sang und Scherz die Garben zusammentragen. Als wir damit fertig waren, gingen die Knechte und Mägde davon, um in Haus und Hof noch die abendlichen Verrichtungen zu thun; ich und mein Vater aber blieben zurück auf dem Kornfelde. Wir schöberten die Garben auf, wobei der Vater diese halmaufwärts aneinanderlehnte und ich sie zusammenhalten mußte, bis er aus einer letzten Garbe den Deckel bog und ihn auf den Schober stülpte.
Dieses Schöbern war mir in meiner Kindheit die liebste Arbeit; ich betrachtete dabei die »Romstraße« am Himmel, die hinschießenden Sternschnuppen und die Johanniswürmchen, die wie Funken um uns herumtanzten, daß ich meinte, die Garben müßten zu brennen anfangen. Dann horchte ich wieder auf das Zirpen der Grillen, und ich fühlte den milden Tau, der gleich nach Sonnenuntergang die Halme und Gräser und gar auch ein wenig mein Jöpplein befeuchtete. Ich sprach über all das mit meinem Vater, der mir in seiner ruhigen, gemütlichen Weise Auskunft gab und über alles seine Meinung sagte, wozu er jedoch oft bemerkte, daß ich mich darauf nicht verlassen solle, weil er es nicht gewiß wisse.
So kurz und ernst mein Vater des Tages in der Arbeit gegen mich war, so heiter, liebevoll und gemütlich war er in solchen Abendstunden. Vor allem half er mir immer meine kleine Jacke anziehen und wand mir seine Schürze, die er in der Feldarbeit gern trug, um den Hals, daß mir nicht kalt werde. Wenn ich ihn mahnte, daß auch er sich den Rock zuknöpfen möge, sagte er stets: »Kind, mir ist warm genug«. Ich hatte es oft bemerkt, wie er nach dem langen, schwierigen Tagewerk erschöpft war, wie er sich dann für Augenblicke auf eine Garbe niederließ und die Stirne trocknete. Er war durch eine langwierige Krankheit ein arg mitgenommener Mann; er wollte aber nie etwas davon merken lassen. Er dachte nicht an sich, er dachte an unsere Mutter, an uns Kinder und an den durch mannigfaltige Unglücksfälle herabgekommenen Bauernhof, den er uns retten wollte.
Wir sprachen beim Schöbern oft von unserem Hofe, wie er zu meines Großvaters Zeiten gar reich und angesehen gewesen, und wie er wieder reich und angesehen werden könne, wenn wir Kinder, einst erwachsen, eifrig und fleißig in der Arbeit sein würden, und wenn wir Glück hätten.
In solchen Stunden beim Kornschöbern, das oft spät in die Nacht hinein währte, sprach mein Vater mit mir auch gern von dem lieben Gott. Er war vollständig ungeschult und kannte keine Buchstaben; so mußte denn ich ihm stets erzählen, was ich da und dort von dem lieben Gott schon gehört und gelesen hatte. Besonders wußte ich aus Predigten dem Vater manches zu erzählen von der Geburt des Herrn Jesus, wie er in der Krippe eines Stalles lag, wie ihn die Hirten besuchten und mit Lämmern, Böcken und anderen Dingen beschenkten, wie er dann groß wurde und Wunder wirkte und wie ihn endlich die Juden peinigten und ans Kreuz schlugen. Gern erzählte ich auch von der Schöpfung der Welt, von den Patriarchen und Propheten und von den Zeiten des Heidentums. Dann sprach ich auch aus, was ich vernommen von dem jüngsten Tage, von dem Weltgerichte und von den ewigen Freuden, die der liebe Gott für alle armen, kummervollen Menschen in seinem Himmel bereitet hat.
Ich erzählte das alles in unserer Redeweise, daß es der Vater verstand, und er war dadurch oft sehr ergriffen.
Ein anderesmal erzählte wieder mein Vater. Er wußte wunderbare Dinge aus den Zeiten der Ureltern, wie diese gelebt, was sie erfahren und was sich in diesen Gegenden einst für Sachen zugetragen, die sich in den heutigen Tagen nicht mehr ereignen.
»Hast Du noch nie darüber nachgedacht,« sagte mein Vater einmal, »warum die Sterne am Himmel stehen?«
»Ich habe noch gar nie darüber nachgedacht,« antwortete ich.
»Wir denken nicht daran,« sprach mein Vater weiter, »weil wir das schon so gewöhnt sind.«
»Es wird wohl endlich eine Zeit kommen, Vater,« sagte ich einmal, »in welcher kein Stern mehr am Himmel steht; in jeder Nacht fallen so viele herab.«
»Die da herabfallen, mein Kind,« versetzte der Vater, »das sind keine rechten Sterne, wie sie unser Herrgott zum Leuchten erschaffen hat; -- das sind Menschensterne. Stirbt auf der Erde ein Mensch, so lischt am Himmel ein Stern aus. Wir nennen das Sternschnuppen; -- siehst Du, dort hinter der grauen Tanne ist just wieder eine niedergegangen.«
Ich schwieg nach diesen Worten eine Weile, endlich aber fragte ich: »Warum heißen sie jenen wilden Baum dort die graue Tanne, Vater?«
Mein Vater bog eben einen Deckel ab, und als er diesen aufgestülpt hatte, sagte er: »Du weißt, daß man ihn auch die Türkentanne nennt. Die graue Tanne heißen sie ihn, weil sein Geäste und sein Moos grau ist, und weil auf diesem Baume Dein Urgroßvater die ersten grauen Haare bekommen hat. -- Wir haben hier noch sechs Schöber aufzusetzen, und ich will Dir dieweilen eine Geschichte erzählen, die sehr merkwürdig ist.«
»Es ist schon länger als achtzig Jahre,« begann mein Vater, »seitdem Dein Urgroßvater meine Großmutter geheiratet hat. Er war sehr reich und schön, und er hätte die Tochter des angesehensten Bauers zum Weib bekommen. Er nahm aber ein armes Mädchen aus der Waldhütten herab, das gar gut und sittsam gewesen ist. Von heute in zwei Tagen ist der Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt; das ist der Jahrestag, an welchem Dein Urgroßvater zur Werbung in die Waldhütten ging. Es mag wohl auch im Kornschneiden gewesen sein; er machte frühzeitig Feierabend, weil durch den Ebenwald hinein und bis zur Waldhütten hinauf ein weiter Weg ist. Er brachte viel Bewegung mit in die kleine Wohnung. Der alte Waldhütter, der für die Köhler und Holzleute die Schuhe flickte, ihnen zu Zeiten die Sägen und die Beile schärfte und nebenbei Fangschlingen für Raubtiere machte -- weil es zur selben Zeit in der Gegend noch viele Wölfe gab -- der Waldhütter nun ließ seine Arbeit aus der Hand fallen und sagte zu Deinem Urgroßvater: Aber Josef, das kann doch nicht Dein Ernst sein, daß Du mein Lenerl zum Weib haben willst, das wär' ja gar aus der Weis'! Dein Urgroßvater sagte: Ja deswegen bin ich heraufgegangen den weiten Weg, und wenn mich das Lenerl mag und es ist ihr und Euer redlicher Willen, daß wir zusammen in den heiligen Ehestand treten, so machen wir's heut' richtig, und wir gehen morgen zum Richter und zum Pfarrer, und ich laß dem Lenerl mein Haus und Hof verschreiben, wie's Recht und Brauch ist. -- Und das Mädchen hatte Deinen Urgroßvater lieb, und es sagte, es wolle seine Hausfrau werden. Dann verzehrten sie zusammen ein kleines Mahl, und endlich, als es schon zu dunkeln begann, brach der Bräutigam auf zum Heimweg.
Er ging über die kleine Wiese, die vor der Waldhütten lag, auf der aber jetzt schon die großen Bäume stehen, und er ging über das Geschläge und abwärts durch den Wald, und er war gar freudigen Gemütes. Er achtete nicht darauf, daß es bereits finster geworden war, und er achtete nicht auf das Wetterleuchten, das zur Abendzeit nach einem schwülen Sommertag nichts Ungewöhnliches ist. Auf Eines aber wurde er aufmerksam, er hörte von den gegenüberliegenden Waldungen ein heulendes Gebelle. Er dachte an Wölfe, die nicht selten in größeren Rudeln die Wälder durchzogen; er faßte seinen Knotenstock fester und nahm einen schnelleren Schritt. Dann hörte er wieder nichts, als zeitweilig das Kreischen eines Nachtvogels, und sah nichts, als die dunklen Stämme, zwischen welche der Fußsteig führte und durch welche von Zeit zu Zeit das Leuchten kam. Plötzlich vernahm er wieder das Heulen, aber nun viel näher als das erste Mal. Er fing zu laufen an. Er lief was er konnte; er hörte keinen Vogel mehr, er hörte nur immer das entsetzliche Heulen, das ihm auf dem Fuße folgte. Als er sich hierauf einmal umsah, bemerkte er hinter sich durch das Geäst funkelnde Lichter. Schon hört er das Schnaufen und Lechzen der Raubtiere, die ihn verfolgen, schon denkt er bei sich: 's mag sein, daß morgen kein Versprechen ist beim Pfarrer! -- da kommt er heraus zur Türkentanne. Kein anderes Entkommen mehr möglich -- rasch faßt er den Gedanken und durch einen kühnen Sprung schwingt er sich auf den untersten Ast des Baumes. Die Bestien sind schon da; einen Augenblick stehen sie bewegungslos und lauern; sie gewahren ihn auf dem Baum, sie schnaufen, und mehrere setzen die Pfoten an die rauhe Rinde des Stammes. Dein Urgroßvater klettert weiter hinauf und setzt sich auf einen dicken Ast. Nun ist er wohl sicher. Unten heulen sie und scharren an der Rinde; -- es sind ihrer viele, ein ganzes Rudel. Zur Sommerszeit war es doch selten geschehen, daß Wölfe einen Menschen anfielen; sie mußten gereizt oder von irgend einer andern Beute verjagt worden sein. Dein Urgroßvater saß lange auf dem Ast; er hoffte, die Tiere würden davonziehen und sich zerstreuen. Aber sie umringten die Tanne und schnürfelten und heulten. Es war längst schon finstere Nacht; gegen Mittag und Morgen hin leuchteten alle Sterne, gegen Abend hin aber war es grau, und durch dieses Grau schossen dann und wann Blitzscheine. Sonst war es still, und es regte sich im Walde kein Ästchen.
Dein Urgroßvater wußte nun wohl, daß er die ganze Nacht in dieser Lage würde zubringen müssen; er besann sich aber doch, ob er nicht Lärm machen und um Hilfe rufen sollte. Er that es, aber die Bestien ließen sich nicht verscheuchen; kein Mensch war in der Nähe, das Haus zu weit entfernt.
Damals hatte die Türkentanne unter dem abgerissenen Wipfelstrunk, wo heute die wenigen Reiserbüschel wachsen, noch eine dichte, vollständige Krone aus grünenden Nadeln. Da denkt sich Dein Urgroßvater: Wenn ich denn schon einmal hier Nachtherberge nehmen soll, so klimme ich noch weiter hinauf unter die Krone. Und er that's und ließ sich oben in einer Zweigung nieder, da konnte er sich recht gut an die Äste lehnen.
Unten ist's nach und nach ruhiger, aber das Wetterleuchten wird stärker, und an der Abendseite ist dann und wann ein fernes Donnern zu vernehmen. -- Wenn ich einen tüchtigen Ast bräche und hinabstiege und einen wilden Lärm machte und gewaltig um mich schlüge, man meint', ich müßt' den Rabenäsern entkommen! so denkt Dein Urgroßvater -- thut's aber nicht; er weiß zu viele Geschichten, wie Wölfe trotz alledem Menschen zerrissen haben.