Part 5
_Hassan._ O, zeig' mir einen Stein, der kalt und stumm ist, Und sprich: das ist Almansor! Ich will's glauben. 1345 Doch du bist's nicht, du, der mit offnen Augen Dort zaghaft liegst, und liegst, und glotzend zusiehst, Wie man die Schmach auf deine Brüder wälzt, Wie span'scher Übermut der Mauren beste Und edelste Geschlechter frech verhöhnt, 1350 Wie man sie schlau beraubt, und händeringend Und nackt und hilflos aus der Heimat peitscht -- Du bist Almansor nicht, sonst dränge dir Ins Ohr der Greise und der Weiber Wimmern, Das span'sche Hohngelächter und der Angstruf 1355 Der edlen Opfer auf dem glühnden Holzstoß.
_Almansor._ Glaub' mir, ich bin's. Ich seh' den span'schen Hund! Dort spuckt er meinem Bruder in den Bart, Und tritt ihn noch mit Füßen obendrein. Ich hör's: dort weint das arme Mütterchen; 1360 Sie aß am Freitag gerne Gänsebraten, Drum bratet man sie selbst jetzt, Gott zu Ehren. Am Pfahl daneben steht ein schönes Mädchen -- Die Flammen sind in sie verliebt, umschmeicheln, Umlecken sie mit lüstern roten Zungen; 1365 Sie schreit und sträubt sich hold errötend gegen Die allzuheißen Buhlen, und sie weint -- O schade! aus den schönen Augen fallen Hellreine Perlen in die gier'ge Glut. Jedoch was sollen diese Leute mir? 1370 Mein Herz ist ganz durchstochen wie ein Sieb, Hat keinen Raum für neue Schmerzenstiche. Der blut'ge Mann, der auf der Folter liegt, Hat kein Gefühl für einer Biene Stachel. Glaub' mir's, ich bin Almansor noch, und gastfrei 1375 Steht meine Brust noch offen fremden Schmerzen; Doch, durch die engen Pförtlein Aug' und Ohr Sind Riesenleiden in die Brust gestiegen, Die Brust ist voll --
(Ängstlich leise.)
Gar ein'ge wunde Gäste Sind, herbergsuchend, mir ins Hirn gestiegen. 1380
_Hassan._ Steh auf! steh auf! sonst sag' ich dir ein Wort, Das dich aufgeißeln wird, und neue Glut In deine Adern gießt --
(Sich zu ihm herabbeugend.)
Zuleima Liegt heute nacht in eines Spaniers Armen.
_Almansor_ (aufspringend und sich krampfhaft windend). Die Sonne ist mir auf den Kopf gefallen, 1385 Das Hirn ist eingebrochen, und die Gäste, Die dort sich eingenistet, taumeln auf, Umflirren mich, wie graue Fledermäuse, Umsummen mich, umächzen mich, umnebeln Mich mit dem Duft vergifteter Gedanken! 1390
(Hält sich den Kopf.)
O weh! o weh! die Alte faßt mich an, Reißt mir das Haupt vom Rumpf, und schleudert es In einen Hochzeitsaal, wo zärtlich bellend Ein span'scher Hund mein süßes Liebchen küßt, Und schnalzend küßt und herzt -- O weh! O hilf mir! 1395
(Wirft sich zu Hassans Füßen.)
O hilf dem blut'gen, abgerißnen Kopf, Der keine Arme hat, den Hund zu würgen -- O leih mir deine Arme, Hassan! Hassan!
_Hassan._ Ja, meinen Arm will ich dir leihn, Almansor, Und auch die starken Arme meiner Freunde. 1400 Wir wollen würgen jenen span'schen Hund, Der dir entreißen will dein Eigentum. Steh auf! du sollst Zuleima bald besitzen.
(Almansor steht auf.)
Als ich Eu'r gestrig Nachtgespräch belauscht, Riet ich zu schneller Flucht, allein vergebens; 1405 Doch soll Almansor nicht verzweifeln, dacht' ich. Ich habe meine Freunde hergeführt; Sie harren meines Winkes, und wir stürmen Nach Alys Schloß, wir ungeladne Gäste. Du nimmst dir deine Braut, und bringst sie mit 1410 Nach unserm Schiff', das an der Küste liegt. Zuleimas Liebe wird schon wiederkommen.
_Almansor._ Ha, ha, ha! Liebe! Liebe! Fades Wort, Das einst, mit schläfrig halbgeschloss'nen Augen, Ein Engel gähnend sprach. Er gähnte wieder, 1415 Und eine Welt voll Narren, alt und jung, Hat gähnend nachgelallet: Liebe! Liebe! Nein, nein! ich bin kein schmächt'ger Zephir mehr, Der schmeichelnd fächelt eines Mädchens Wange; Ich bin der Nordsturm, der ihr Haar zerzaust, 1420 Und rasend mit sich reißt die scheue Braut. Ich bin kein süßes Weihrauchdüftchen mehr, Das einer Jungfrau Nase zärtlich kitzelt; Ich bin der Gifthauch, der sie dumpf betäubt, Und schwelgend dringt in alle ihre Sinne. 1425 Ich bin das Lamm nicht mehr, das, fromm und mild, Sich hinschmiegt zu den Füßen seiner Schäf'rin; Ich bin der Tiger, der sie wild umkrallt, Und wollustbrüllend ihren Leib zerfleischt. Zuleimas Leib ist's, was ich jetzt verlange; 1430 Ich will ein glücklich Tier sein, ja, ein Tier; Und in des Sinnenrausches Taumel will ich Vergessen, daß es einen Himmel gibt.
(Ergreift hastig Hassans Hand.)
Ich bleibe bei dir, Hassan! ja, wir wollen Auf wilder See ein lustig Reich begründen. 1435 Tribut soll uns der stolze Spanier zollen; Wir plündern seine Küst' und seine Schiffe; -- Auf dem Verdecke kämpf' ich dir zur Seite; -- Mein Säbel spaltet stolze Spanierschädel -- Die Hunde über Bord! -- das Schiff ist unser! 1440 Ich aber eile jetzt, mich zu erquicken, Nach der Kajüte, wo Zuleima wohnt, Umfasse sie mit meinen blut'gen Armen, Und küsse ab von ihrer weißen Brust Die roten Flecken -- Ha! sie sträubt sich noch? 1445 Zu meinen Füßen, Sklavin, sollst du wimmern, Ohnmächtig Ding, das meine Sinne kühlt Nach wilder Kampfeshitze, -- Sklavin, Sklavin, Gehorche mir, und fächle meine Glut!
(Beide eilen fort.)
* * * * *
Saal in Alys Schloß. Ritter und Frauen sitzen, festlich geschmückt, an einer Speisetafel. _Aly_, _Don Enrique_, _Zuleima_, ein _Abt_. _Musikanten._ Speisenauftragende Bediente.
_Ein Ritter_ (steht auf, mit einem gefüllten Becher in der Hand). Ein schöner Name klingt in meiner Brust: 1450 Es lebe Isabella von Kastilien!
(Er trinkt.)
_Ein Teil der Gäste._ Hoch lebe Isabella von Kastilien!
(Bechergeklirr und Trompetentusch.)
_Der Abt._ Noch einen Namen nenn' ich euch: Ximenes, Erzbischof von Toledo, lebe hoch!
(Er trinkt.)
_Ein Teil der Gäste._ Hoch lebe der Erzbischof von Toledo! 1455
(Bechergeklirr und Trompetentusch.)
_Ein anderer Ritter._ Laßt uns die besten Namen nicht vergessen. Stoßt an: Es lebe hoch das edle Brautpaar!
(Er trinkt.)
_Alle._ Hoch lebe Donna Clara und Enrique!
(Bechergeklirr und Trompetentusch. Zuleima und Enrique verneigen sich.)
_Don Enrique._ Ich danke euch.
_Zweiter Ritter._ Doch Eure Braut ist stumm.
_Don Enrique._ Die holde Clara spricht zwar wenig heut, 1460 Doch heut bedarf's nur eines einz'gen Wortes, Des Jaworts am Altar, und ich bin glücklich.
_Zuleima._ Die Brust ist mir so sehr beklommen, Sennor.
_Dritter Ritter._ Ein schlimmes Zeichen ist es, Don Enrique, Daß Ihr das Salzfaß eben umgestoßen. 1465
_Vierter Ritter._ Ein schlimm'res Zeichen wär's, wenn Ihr den Becher Mitsamt dem Weine umgestoßen hättet.
_Dritter Ritter._ Don Carlos ist ein Säufer.
_Vierter Ritter._ Ja, gottlob! Und kein trübselig Sonntagskind, wie Ihr, Dem gleich das beste Mahl versalzen ist, 1470 Wenn jemand unverseh'ns das Salzfaß umwirft. Ja, ja der Wein, das ist mein Element! In seinen goldig hellen Liebesfluten Will ich gesund die kranke Seele baden; Und lachen muß ich immer, wenn ich denke, 1475 Wie Mekkas nüchterner Prophet --
Ja, Sennor, Der Wein, der Wein, ja, ja, ich wollte sagen Der Wein ist gut, --
_Aly._ Pedrillo! Hör' Pedrillo!
_Pedrillo._ Genäd'ger Herr?
_Aly._ Laß alle Possenreißer Und alle Gaukler kommen, alle Springer, 1480 Und auch den Harfenspieler, das Gesindel Aus Barcelona.
_Pedrillo._ Versteh' schon, gnäd'ger Herr!
(Geht ab.)
_Fünfter Ritter_ (im Gespräch mit einer Dame). Heuraten werd' ich nimmermehr, Sennora.
_Die Dame._ Ihr scherzt, Ihr seid bei Laune, Don Antonio; Ihr seid ein Damenfreund, und Freund der Liebe. 1485
_Fünfter Ritter._ Ich liebe wohl die Myrte, ich ergötze Mein Auge an dem frischen Grün der Blätter, Erquicke mir das Herz an ihrem Duft; Doch hüt' ich mich, daß ich die Myrte koche, Um als Gemüse sie zu speisen, -- bitter, 1490 Sennora, bitter schmeckt ein solch Gericht.
_Der Abt_ (im Gespräch mit seinem Nachbar). Das war ein herrliches Autodafé! So etwas labt das Herz des frommen Christen, Und schreckt die starren Sünder auf den Bergen --
(zu Aly)
Wißt Ihr die Nachricht schon vom Sieg der Unsern, 1495 Und von der Heiden blut'ger Niederlage? Sie haben sich zerstreut, unweit von hier Durchstreifen sie die Gegend, --
_Aly_ (nach der Türe sehend). Gott sei Dank! Ich hab' es schon gehört, ehrwürd'ger Herr, -- Doch soll uns jetzt das Gaukelspiel ergötzen -- 1500
_Der Harfenspieler_ (singt).
In dem Hofe des Alhambras Stehn zwölf Löwensäul' von Marmor; Auf den Löwen steht ein Becken Von dem reinsten Alabaster.
In dem Becken schwimmen Rosen, 1505 Rosen von der schönsten Farbe; Das ist Blut der besten Ritter, Die geleuchtet in Granada.
_Aly._ Ein traurig Lied. Es ist zu melancholisch. Gebt uns ein lustig Hochzeitlied, recht lustig! 1510
_Der Harfenspieler_ (singt).
Es war mal ein Ritter, trübselig und stumm, Mit hohlen, schneeweißen Wangen; Er schwankte und schlenderte schlotternd herum, In dumpfen Träumen befangen. Er war so hölzern, und täppisch, und links, 1515 Die Blümlein und Mägdlein, die kicherten rings, Wenn er stolpernd vorbeigegangen.
Oft saß er im finstersten Winkel zu Haus; Er hat sich vor Menschen verkrochen. Da streckte er sehnend die Arme aus, 1520 Doch hat er kein Wörtlein gesprochen. Kam aber die Mitternachtstunde heran, Ein seltsames Singen und Klingen begann, An die Türe da hört er es pochen.
Da kommt seine Liebste geschlichen herein, 1525 Im rauschenden Wellenschaumkleide. Sie blüht und glüht, wie ein Röselein, Ihr Schleier ist eitel Geschmeide. Goldlocken umspielen die schlanke Gestalt, Die Äugelein grüßen mit süßer Gewalt -- 1530 In die Arme sinken sich beide.
Der Ritter umschlingt sie mit Liebesmacht, Der Hölzerne steht jetzt in Feuer; Der Blasse errötet, der Träumer erwacht, Der Blöde wird freier und freier. 1535 Sie aber, sie hat ihn gar schalkhaft geneckt, Sie hat ihm ganz leise den Kopf bedeckt Mit dem weißen, demantenen Schleier.
In einen kristallenen Wasserpalast Ist plötzlich gezaubert der Ritter. 1540 Er staunt, und die Augen erblinden ihm fast, Vor alle dem Glanz und Geflitter. Doch hält ihn die Nixe umarmet gar traut, Der Ritter ist Bräut'gam, die Nixe ist Braut, Ihre Jungfrau'n spielen die Zither. 1545
Sie spielen und singen; es tanzen herein Viel winzige Mädchen und Bübchen. Der Ritter, der will sich zu Tode freu'n, Und fester umschlingt er sein Liebchen --
(Pedrillo stürzt ängstlich herein.)
_Pedrillo._ O, Allah hilf! Jesus Maria Joseph! 1550 Wir sind verloren, denn sie kommen, kommen!
_Alle._ Wer kömmt?
_Pedrillo._ Die Unsern kommen!
_Alle._ Wie? die Unsern?
_Pedrillo._ Nein, nicht die Unsern. Die verfluchten Heiden, Die schändlichen Rebellen von den Bergen, Die sind herangeschlichen auf den Strümpfen -- 1555 Wir sind verloren, draußen sind sie, hört ihr?
(Man hört Waffengerassel. Verworrene Stimmen rufen: Granada! Allah! Mahomet!)
_Einige Ritter._ Wohlan, sie mögen kommen!
_Andre Ritter._ Unsre Waffen!
(Die Damen geben Zeichen des Schreckens. Zuleima sinkt ohnmächtig hin. Laute Bewegung im Saale.)
_Aly._ O seid nur außer Sorge, schöne Damen. Der Maure ist galant, und selbst im Zorne Wird er den Damen ritterlich begegnen. 1560 Wir Männer aber wollen tüchtig kämpfen --
_Alle Ritter_ (ihre Schwerter ziehend). Wir kämpfen für den Leib und für die Ehre!
Waffengeklirr. Verworrene Stimmen. Die _Mauren_ brechen herein; an ihrer Spitze _Hassan_ und _Almansor_. Letzterer bricht sich Bahn zur ohnmächtigen _Zuleima_. Gefecht.
* * * * *
Waldgegend. Man hört in der Nähe Waffengerassel und Kampfruf. _Pedrillo_ kommt ängstlich und händeringend gelaufen.
_Pedrillo._ O weh! die hübsche Hochzeit ist verdorben! O weh! die hübschen, seidnen Hochzeitkleider, Die werden jetzt zerhauen und zerfetzt, 1565 Und blutig obendrein, und statt des Weines Fließt Blut! Ich lief nicht fort aus Feigheit, nein, Beim Kampfe wollt' ich niemand in dem Weg stehn. Sie werden fertig ohne mich. Schon sind Die Feinde aus dem Saal zurückgedrängt, -- 1570 Und sieh!
(Nach der Seite gewendet.)
Schon vor dem Schlosse kämpfen sie. Sieh dort! O weh! Der säbelt lustig drein! Mir wär's nicht lieb, wenn solch ein krummes Ding Mir flink und zierlich durchs Gesicht spazierte. Dem dorten ist die Nase abgehau'n, 1575 Und unserm armen, dicken Ritter Sancho Hat man den fetten Schmerbauch aufgeschlitzt. Doch sieh! wer ist der rote Ritter? Seltsam! Er trägt den span'schen Mantel und gehört Zur maurischen Partei -- O Allah! Jesus! 1580
(Weint.)
Ach, unsre arme, freundliche Zuleima! Dem roten Ritter liegt sie auf der Schulter, Er hält sie fest mit seinem linken Arm, Und mit der rechten Hand schwingt er den Säbel, Und haut, wie'n Rasender -- er ist verwundet -- 1585 Er sinkt -- Nein! nein! er wankte nur -- Er steht, Er kämpft -- er flieht --
O weh! wo soll ich hin, Auch hier muß ich den Leuten aus dem Weg gehn.
(Eilt fort.)
_Almansor_ wankt ermattet vorüber. Er trägt auf dem Arm die ohnmächtige _Zuleima_, schleppt sein Schwert nach sich, und lallt: »Zuleima! Mahomet!« Kämpfende _Mauren_ und _Spanier_ treten auf. Die _Mauren_ werden weiter gedrängt. _Hassan_ und _Aly_ kommen fechtend. Wildes Gefecht zwischen beiden. _Hassan_ wird verwundet. _Don Enrique_, _Diego_ und _spanische Ritter_ treten auf.
_Hassan_ (niedersinkend). Ha! ha! die Christenschlange hat gestochen! Und just ins Herz hinein -- O schläfst du, Allah? 1590 Nein, Allah ist gerecht, und was er tut, Ist wohlgetan -- Vergißt du meiner? -- Nein, Nur Menschen sind vergeßlicher Natur -- Vergessen ihren Gott, und ihren Freund, Und ihres Freundes besten Knecht -- Sag', Aly, 1595 Kennst du den Hassan noch, den Knecht Abdullahs? Abdullah --
_Aly_ (in Zorn ausbrechend). Abdullah ist der Name jenes Verräterischen Buben, jenes feigen, Blutdürst'gen Bösewichts, der meinen Sohn, Den teuern Sohn Almansor, mir gemordet! 1600 Abdullah heißt Almansors Meuchelmörder --
_Hassan_ (sterbend). Abdullah ist kein Bösewicht, kein Bube, Abdullah ist Almansors Mörder nicht! Almansor lebt -- lebt -- lebt -- ist hier -- es ist Der rote Ritter, der Zuleima raubt', -- 1605 Dort, dort --
_Aly._ Mein Sohn Almansor lebt? es ist Der rote Ritter, der Zuleima raubt'?
_Hassan._ Ja, ja! fest hält er was er einmal hat -- Du lügst, Abdullah war kein Meuchelmörder, Und war kein Bösewicht, und war kein Christ -- 1610 Laß mich in Ruh' -- Es kommen schon die Mädchen, Mit schwarzen Augen, schöne Huris kommen --
(Selig lächelnd.)
Die jungen Mädchen und der alte Hassan!
(Er stirbt.)
_Aly._ O Gott, ich danke dir! Mein Sohn, er lebt! O Gott, das ist ein Zeichen deiner Gnade! 1615 Mein Sohn, er lebt! Kommt, Freunde, laßt uns jetzt Verfolgen seine Spur. Er ist uns nah, Und hat als Beute schon davongetragen Die holde Braut, die ich ihm einst erkor.
(Alle gehen ab, bis auf Don Enrique und Don Diego, die sich lange schweigend ansehn.)
_Don Enrique_ (weinerlich). Und nun? Nun, Don Diego?
_Don Diego_ (ihm nachäffend). Und nun, Don 1620 Enrique del Puente del Sahurro?
_Don Enrique._ Was wollen wir jetzt tun?
_Don Diego._ Wir? wir? Nein, Sennor, Wir beide sind geschiedne Leute jetzt. Ihr habt kein Glück. Das kostet mir zweihundert Dukaten. Geld ist fort. Die Müh' verloren. 1625
(Ärgerlich lachend.)
Ich plage mich von Jugend auf, mit Kniffen Und Pfiffen, denke mir die Haare grau; Auf krummen Pfaden schleiche ich im Wald, Daß mir der Dornbusch Rock und Fleisch zerreißt; Durch steile Felsen wind' ich mich, und springe 1630 Von Spitz' zu Spitz', daß wenn ich niederfiele, Die Raben meinen Kopf als ein Ragout Verspeisen würden -- dennoch bleib' ich arm! Ich bleibe arm, wie eine Kirchmaus arm! Derweil mein Schulkam'rad, der blöde Dummkopf, 1635 Der immer, recht schnurgrade und behaglich, Auf seiner breiten Landstraß' schlendert, Noch immer seinen Ochsengang fortschlendert, Und ein geehrter, dicker, reicher Mann ist. Nein, ich bin's müde, Sennor; lebet wohl! 1640
(Geht ab.)
_Don Enrique_ (steht lange sinnend). Ob Don Gonzalvo mir nichts borgen wird?
(Geht ab.)
* * * * *
Felsengegend. _Almansor_, matt und blutend, und die ohnmächtige _Zuleima_ tragend, erklimmt den höchsten Felsen.
_Almansor._ O, hilf mir, Allah, bin so müd und matt, Hab' mir zurückgeholt mein weißes Reh, Just als des Jägers Hand es schlachten wollte.
(Er setzt sich auf des Felsens Spitze und hält Zuleima auf dem Schoße.)
Ich bin der arme Mödschnun, und ich sitze 1645 Auf meinem Felsen, spiel' mit meinem Reh; Denn in ein Reh verwandelte sich Leila, Und sah mich an mit freundlich klaren Augen. Jetzt sind die Äuglein zu, mein Rehlein schläft. Still! still! Du Zeisig, zwitschre nicht so schmetternd. 1650 Du Käfer, summe leiser. Liebes Lüftlein, Durchraschle nicht so laut die Blätter, -- Stille! Ein Wiegenlied will ich dir singen. Stille!
(Er wiegt Zuleima im Schoße und singt.)
Die Sonne wirft ihr Nachtkleid um, Gar rosenrot und schön; 1655 Die Vöglein werden still und stumm, Sie woll'n zu Bette gehn. Schlafe mein Rehlein auch du!
Mein Rehlein schläft, recht hübsch; doch gar zu lang. Die schmachtend süßen, liebeklaren Äuglein 1660 Sind zugeschlossen jetzt, fest zugeschlossen, -- Und bleiben zu? Ist denn mein Rehlein tot?
(In Tränen ausbrechend.)
Tot! Tot! mein weiches, weißes Rehlein tot! Die süßen Sternlein ausgelöscht und tot! Mein totes Rehlein! sanft will ich dich betten 1665 Auf Rosen, Lilien, Veilchen, Hyazinthen. Aus goldnem Mondschein web' ich eine Decke, Und deck' dich zu. Ein Trauerlied soll dir Rotkehlchen singen, und es sollen zwölf Goldkäfer ernsthaft Schildwacht stehn des Tags 1670 An deinem kleinen Blumenbettchen, zwölf Glühwürmchen sollen flimmernd dort des Nachts, Wie stille Totenkerzen, leuchten; aber Ich selber will dort weinen Tag und Nacht.
(Zuleima erwacht aus ihrer Ohnmacht.)
Was seh' ich? Heimlich regen sich 1675 Die zarten Glieder, und der seid'ne Vorhang Der süßen Augen rollt sich langsam auf! Das ist kein Rehlein, das ist Leila nicht, Das ist Zuleima, Alys schöne Tochter --
(Zuleima öffnet die Augen.)
Der Himmel schließt sich auf, das Himmelreich! 1680
_Zuleima._ Bin ich im Himmel schon?
_Almansor._ Aus starrem Tod Bist du erwacht.
_Zuleima._ Ich weiß es wohl, daß ich Gestorben bin, und jetzt im Himmel bin.
(Sieht sich überall um.)
Wie schön ist's hier, wie leicht und rein die Luft, Und alles trägt ein rosenfarbig Kleid. 1685
_Almansor._ Ja, ja, wir sind im Himmel, süßes Lieb, Siehst du die Blumen, die dort unten spielen, Die Schmetterlinge, die dazwischen flattern, Und, neckend, bunten Diamantenstaub Den armen Blümlein in die Augen werfen? 1690 Hörst du dort unten, wie das Bächlein rauscht, Wie bläuliche Libellen es umsummen, Und grüngelockte Wassermädchen, plätschernd, In rötlich goldne Wellen untertauchen? Siehst du die weißen Nebelbilder wallen? 1695 Es ist der Sel'gen Schar, die, ewig jung, Im ew'gen Frühlingsgarten sich ergehn.
_Zuleima._ Wenn das der Sel'gen Wohnung ist, Almansor, So sage mir, wie bist du hergekommen? Denn unser frommer Abt hat mir versichert: 1700 Daß nur wer Christ ist selig werden kann.
_Almansor._ O zweifle nicht an meiner Seligkeit! Ich halte dich, mein Lieb, in meinen Armen, Und selig, dreimal selig ist Almansor.
_Zuleima._ So log der fromme Mann, er sagte auch, 1705 Den edeln Don Enrique müßt' ich lieben. Ich hab's getan, so gut es ging. Almansor Wollt' ich vergessen. O, das ging nicht gut. Ich hab' es auch geklagt der Mutter Gottes. Die hat gelächelt, freundlich, gnädig, huldreich, 1710 Und hat mich eingehüllt in ihren Schleier, Und hergetragen in die lichte Höh'. Musik erklang auf meinem Weg'; es bliesen Die Englein auf Waldhörnern und Schalmein, Und sangen süße Lieder; -- süße Lust! 1715 Ich bin im Himmel, und das beste ist, Almansor ist bei mir, und in dem Himmel Bedarf es der Verstellungskünste nicht, Und frei darf ich gestehn: Ich liebe dich, Ich liebe dich, ich liebe dich, Almansor! 1720
(Das scheidende Abendrot verklärt die beiden Gestalten.)
_Almansor._ Ich wußte längst, du liebest mich noch immer, Mehr als dich selbst. Die Nachtigall hat mir's Vertraut, die Rose hat's mir zugehaucht, Ein Lüftlein hat es mir ins Ohr gefächelt, Und jede Nacht hab' ich es klar gelesen 1725 Im blauen Buche mit den goldnen Lettern.
_Zuleima._ Nein! nein! der fromme Mann hat nicht gelogen, Es ist so schön im schönen Himmelreich! Umschließe mich mit deinen lieben Armen, Und wiege mich auf deinem weichen Schoß, 1730 Und laß Jahrtausende mich Wonnetrunk'ne In diesem Himmel in dem Himmel liegen!
_Almansor._ Wir sind im Himmel, und die Engel singen, Und rauschen drein mit ihren seidnen Flügeln, -- Hier wohnet Gott im Grübchen dieser Wangen, -- 1735
(Waffengeklirr in der Ferne. Almansor erschrickt.)
Dort unten aber wohnet Eblis, furchtbar Dringt seine Stimm' hinauf, bis in den Himmel, Und streckt er nach mir aus die Eisenhand.
_Zuleima_ (erschrocken). Was schrickst du plötzlich auf? was zitterst du?
_Almansor._ Nenn's Eblis, nenn' es Satan, nenn' es Menschen, 1740 Die tückisch arge Macht, die wild hinaufsteigt, In meinen Himmel selbst --
_Zuleima._ So laß uns fliehn, Hinab ins Blumental, wo Blümlein spielen, Die Schmetterlinge flattern, Bächlein rauscht, Libellen summen, Nachtigallen trillern, 1745 Und stille, sel'ge Nebelbilder wallen -- Trag' mich hinab, ich bleib' an deiner Brust.
(Sie schmiegt sich an ihn.)