Almansor: Eine Tragödie

Part 4

Chapter 43,228 wordsPublic domain

»Tot ist Almansor«, sagten böse Leute, Und böser Kunde glaubte böses Herz, Und Braut des fremden Mannes ward Zuleima! 905 Ich will dich lieben, wie man liebt den Bruder, -- Sei mir ein Bruder, lieblicher Almansor!

(Sie sieht zur Erde, und seufzt: »Almansor!«)

_Almansor_ ist unterdessen hinter Zuleima erschienen, naht sich derselben unbemerkt, legt beide Hände auf ihre Schulter, und lächelnd seufzt er im selben Tone: »Zuleima!«

_Zuleima_ (dreht sich erschrocken um, und betrachtet ihn lange). Du hast dich viel verändert, mein Almansor. Du siehst fast aus wie'n starker Mann, doch hast du Die wilden Knabensitten nicht vergessen, 910 Und störst mich wieder, ebenso wie sonst, Wenn ich mit meinen Blumen heimlich spreche.

_Almansor_ (heiter lächelnd). Sag' mir, mein Liebchen, welche Blume ist es, Die jetzt »Almansor« heißt? Ein trüber Name, Der nur für Trauerblumen passen könnt'! 915

_Zuleima._ Sag' mir zuvor, du wilder, finstrer Buhle, Wer war der schwarze Sprecher diese Nacht?

_Almansor._ Es war ein alter Freund, du kennst ihn gut. Der alte Hassan war's, der vielbesorgt, Wie'n treues Tier, gefolget meiner Spur. 920 Leg' ab, mein süßes Lieb, die finstre Miene, Den schwarzen Flor, der deinen Blick umdüstert. Wie'n Schmetterling die Raupenhülle abstreift Und leuchtend bunt entfaltet seine Flügel, So hat die Erde abgestreift das Dunkel, 925 Womit die Nacht ihr schönes Haupt umschleiert. Die Sonne senkt sich küssend auf sie nieder; Im grünen Wald erwacht ein süßes Singen; Der Springborn rauscht und stäubet Diamanten; Die hübschen Blümlein weinen Wonnetränen; -- 930 Das Licht des Tages ist ein Zauberstab, Der all die Blumen und die Lieder weckte, Der selbst Almansors Seele konnt' entnachten.

_Zuleima._ Trau' nicht den Blumen, die hierher dir winken, Trau' nicht den Liedern, die hierher dich locken, 935 Sie winken und sie locken in den Tod.

_Almansor._ Ich weiche nicht, und weich' auch nicht dem Tod. Mir ist so wohl, so heimlich wohl allhier! Sie steigen auf, die goldnen Knabenträume! Hier ist der Garten, wo ich gerne spielte, 940 Hier blühn die Blumen, die mir freundlich nickten, Hier singt der Zeisig, der mich morgens grüßt', -- Doch sprich, mein Lieb, ich sehe nicht die Myrte, Wo sie einst stand, da steht jetzt die Zypresse?

_Zuleima._ Die Myrte starb, und auf das Grab der Myrte 945 Hat man gepflanzt die traurige Zypresse.

_Almansor._ Noch steht die Laube von Jasmin und Geißblatt, Wo wir die hübschen Märchen uns erzählten, Von Mödschnuns Wahnsinn und von Leilas Sehnsucht, Von beider Liebe und von beider Tod. 950 Hier steht auch noch der liebe Feigenbaum, Mit dessen Frucht du meine Märchen lohntest; Hier stehn auch noch die Trauben und Melonen, Die uns erquickten, wenn wir lang geschwatzt -- Doch sprich, mein Lieb, ich seh' nicht den Granatbaum, 955 Worauf einst saß und sang die Nachtigall, Ihr Liebesweh der roten Rose klagend.

_Zuleima._ Die rote Rose ward vom Sturm entblättert, Die Nachtigall samt ihrem Liede starb, Und böse Äxte haben abgehau'n 960 Den edeln Stamm des blühenden Granatbaums.

_Almansor._ Hier ist mir wohl! Auf diesem lieben Boden Klebt fest mein Fuß, wie heimlich angekettet; Ich bin gebannt in diesen lieben Kreisen, Die du um mich gezogen, schöne Fee; 965 Vertraute Balsamdüfte mich umhauchen, Die Blumen sprechen und die Bäume singen, Bekannte Bilder hüpfen aus den Büschen --

(Er erblickt das Christusbild, befremdet.)

Doch sprich, mein Lieb, dort steht ein fremdes Bild, Das schaut mich an so mild, und doch so traurig, 970 Und eine bittre Träne läßt es fallen In meinen schönen, goldnen Freudenkelch.

_Zuleima._ Und kennst du nicht dies heil'ge Bild, Almansor? Hast du es nie geschaut in sel'gen Träumen? Trafst du es wachend nie auf deinen Wegen? 975 Besinn' dich wohl, du mein verlor'ner Bruder!

_Almansor._ Wohl traf ich schon auf meinem Weg dies Bildnis, Am Tage meiner Rückkehr in Hispanien. Links an der Straße, die nach Xeres führt, Steht prangend eine herrliche Moschee, 980 Doch wo der Türmer einst vom Turme rief: »Es gibt nur einen Gott, und Mahomet Ist sein Prophet!« da klung jetzund herab Ein dröhnend dumpfes, schweres Glockenläuten. Schon an der Pforte goß sich mir entgegen 985 Ein dunkler Strom gewalt'ger Orgeltöne, Die hoch aufrauschten und wie schwarzer Sud Im glühnden Zauberkessel qualmig quollen. Und wie mit langen Armen, zogen mich Die Riesentöne in das Haus hinein, 990 Und wanden sich um meine Brust, wie Schlangen, Und zwängten ein die Brust, und stachen mich, Als läge auf mir das Gebirge Kaff, Und Simurghs Schnabel picke mir ins Herz. Und in dem Hause scholl, wie'n Totenlied, 995 Das heisre Singen wunderlicher Männer, Mit strengen Mienen und mit kahlen Häuptern, Umwallt von blum'gen Kleidern, und der feine Gesang der weiß- und rotgeröckten Knaben, Die oft dazwischen klingelten mit Schellen 1000 Und blanke Weihrauchfässer dampfend schwangen. Und tausend Lichter gossen ihren Schimmer Auf all das Goldgefunkel und Geglitzer, Und überall, wohin mein Auge sah, Aus jeder Nische nickte mir entgegen 1005 Dasselbe Bild, das ich hier wiedersehe. Doch überall sah, schmerzenbleich und traurig, Des Mannes Antlitz, den dies Bildnis darstellt. Hier schlug man ihn mit harten Geißelhieben, Dort sank er nieder unter Kreuzeslast, 1010 Hier spie man ihm verachtungsvoll ins Antlitz, Dort krönte man mit Dornen seine Schläfe, Hier schlug man ihn ans Kreuz, mit scharfem Speer Durchstieß man seine Seite, -- Blut, Blut, Blut Entquoll jedwedem Bild. Ich schaute gar 1015 Ein traurig Weib, die hielt auf ihrem Schoß', Des Martermannes abgezehrten Leichnam, Ganz gelb und nackt, von schwarzem Blut umronnen -- Da hört' ich eine gellend scharfe Stimme: »Dies ist sein Blut,« und wie ich hinsah, schaut' ich 1020

(schaudernd)

Den Mann, der eben einen Becher austrank.

(Pause.)

_Zuleima._ Ins Haus der Liebe trat dein Fuß, Almansor, Doch Blindheit lag auf deinen Augenwimpern. Vermissen mochtest du den heitern Schimmer, Der leicht durchgaukelt alte Heidentempel, 1025 Und jene Werkeltagsbequemlichkeit, Die in des Moslems dumpfer Betstub' kauert. Ein ernst'res, bess'res Haus hat sich die Liebe Zur Wohnung ausgesucht auf dieser Erde. In diesem Hause werden Kinder mündig, 1030 Und Münd'ge werden da zu Kindern wieder; In diesem Hause werden Arme reich, Und Reiche werden selig in der Armut; In diesem Hause wird der Frohe traurig, Und aufgeheitert wird da der Betrübte. 1035 Denn selber als ein traurig, armes Kind Erschien die Liebe einst auf dieser Erde. Ihr Lager war des Stalles enge Krippe, Und gelbes Stroh war ihres Hauptes Kissen; Und flüchten mußte sie wie'n scheues Reh, 1040 Von Dummheit und Gelehrsamkeit verfolgt. Für Geld verkauft, verraten ward die Liebe, Sie ward verhöhnt, gegeißelt und gekreuzigt; -- Doch von der Liebe sieben Todesseufzern Zersprangen jene sieben Eisenschlösser, 1045 Die Satan vorgehängt der Himmelspforte, Und wie der Liebe sieben Wunden klafften, Erschlossen sich aufs neu' die sieben Himmel, Und zogen ein die Sünder und die Frommen. Die Liebe war's, die du geschaut als Leiche 1050 Im Mutterschoße jenes traur'gen Weibes. O, glaube mir, an jenem kalten Leichnam Kann sich erwärmen eine ganze Menschheit; Aus jenem Blute sprossen schön're Blumen, Als aus Alradschids stolzen Gartenbeeten, 1055 Und aus den Augen jenes traur'gen Weibes Fließt wunderbar ein süß'res Rosenöl, Als alle Rosen Schiras liefern könnten. Auch du hast teil, Almansor ben Abdullah, An jenem ew'gen Leib und ew'gen Blute, 1060 Auch du kannst setzen dich zu Tisch mit Engeln, Und Gottesbrot und Gotteswein genießen, Auch du darfst wohnen in der Sel'gen Halle, Und, gegen Satans starke Höllenmacht, Schützt dich mit ew'gem Gastrecht Jesu Christ, 1065 Wenn du genossen hast sein »Brot und Wein«.

_Almansor._ Du sprachest aus, Zuleima, jenes Wort, Das Welten schafft und Welten hält zusammen; Du sprachest aus das große Wörtlein »Liebe!« Und tausend Engel singen's jauchzend nach, 1070 Und in den Himmeln klingt es schallend wieder; Du sprachst es aus, und Wolken wölben sich Dort oben hoch, wie eines Domes Kuppel, Die Ulmen rauschen auf wie Orgeltöne, Die Vöglein zwitschern fromme Andachtlieder, 1075 Der Boden dampft von wallend süßem Weihrauch, Der Blumenrasen hebt sich als Altar, -- Nur eine Kirch' der Liebe ist die Erde.

_Zuleima._ Die Erde ist ein großes Golgatha, Wo zwar die Liebe siegt, doch auch verblutet. 1080

_Almansor._ O, flechte nicht zum Totenkranz die Myrte, Und hüll' die Liebe nicht in Trauerflöre. Der Liebe Priesterin bist du, Zuleima, Die Liebe wohnt in deines Busens Zelle, Aus deiner Äuglein klaren Fenstern schaut sie, 1085 Ihr Odem weht aus deinem süßen Munde -- Auf euch, ihr sammetweichen Purpurkissen, Auf euch, ihr holden Lippen, thront die Liebe, Auf euch möcht sich Almansors Seele betten, -- Ei, hörst du nicht Fatymas letzte Worte: 1090 »Bring diesen Kuß Zuleimen, meiner Tochter.« --

(Sie sehen sich lange wehmütig an. Sie küssen sich feierlich.)

_Zuleima._ Fatymas Totenkuß hab' ich empfangen, Nimm hin dagegen Christi Lebenskuß!

_Almansor._ Es war der Liebe Odem, den ich trank Aus einem Becher mit Rubinenrande; 1095 Es war ein Freudenborn, woraus ich trank Ein Öl, das heiß durch meine Adern rinnet, Und mir das Herz erquicket und verbrennt.

(Umschlingt sie.)

Ich lass' nicht ab von dir, von dir, Zuleima! Und ständen offen Allahs goldne Hallen, 1100 Und Huris winkten mir mit schwarzen Augen, Ich ließ' nicht ab von dir, ich blieb' bei dir, Umschlänge fester deinen süßen Leib, -- Dein Himmel nur, Zuleimas Himmel nur Sei auch Almansors Himmel, und dein Gott 1105 Sei auch Almansors Gott, Zuleimas Kreuz Sei auch Almansors Hort, dein Christus sei Almansors Heiland auch, und beten will ich In jener Kirche, wo Zuleima betet.

Beseligt schwimm' ich wie in Liebeswellen, 1110 Von weichen Harfenlauten süß umklungen; -- Die Bäume tanzen wunderlichen Reigen; -- Die Englein schütten neckend Sonnenstrahlen Und bunten Blütenstaub auf mich herab; -- Erschlossen ist des Himmels stille Pracht; -- 1115 Hellgoldne Schwingen tragen mich hinauf, -- Zur Seligkeit hinauf! --

(In der Ferne hört man Glockengeläute und Kirchengesang.)

_Zuleima_ (sich erschrocken von ihm wendend). Jesus Maria!

_Almansor._ Welch dunkler Laut zerreißt den goldnen Schleier, Womit mich sel'ge Träume leicht umwoben? Erblassen seh' ich plötzlich dich, mein Lieb, 1120 Mein Röslein wandelt sich in eine Lilie, -- Sag' an, mein Lieb, hast du den Tod geschaut, Der unsichtbar erscheinet, uns zu trennen?

_Zuleima._ Der Tod, der trennet nicht, der Tod vereinigt, Das Leben ist's, was uns gewaltsam trennt. 1125 Hörst du, Almansor, was die Glocken murmeln? Sie murmeln dumpf:

(verhüllt sich)

»Zuleima wird vermählt heut Mit einem Mann, der nicht Almansor heißt.«

(Pause.)

_Almansor._ So hast du mir ins Herz hineingezischt Dein schlimmstes Gift, du Schlangenkönigin! 1130 Von diesem Gifthauch welken rings die Blumen, Des Springborns Wasser wandelt sich in Blut, Und tot fällt aus der Luft herab der Vogel. So hast du mich hineingesungen, Falsche, In jene Folterkammer, die du Kirch' nennst, 1135 Und kreuzigst mich an deines Gottes Kreuz, Und ziehst geschäftig an den Glockensträngen, Und spielst die Orgel, um zu übertäuben Mein lautes Reu- und Angstgebet zu Allah! So hast du mich gelockt, du schlimme Fee, 1140 In deinen Muschelwagen mit den Täubchen, Hast mich hinaufgelockt bis in die Wolken, Um jählings mich von dort herabzuschleudern. Ich höre fallend noch dein Spottgelächter, Ich sehe fallend, wie dein Zauberwagen 1145 Zu einem Sarge wird, mit Feuerrädern, Wie deine Tauben sich in Drachen wandeln, Wie du sie lenkst am schwarzen Schlangenzügel, -- Und grausen Fluch hinunterbrüllend, stürz' ich Hinab, hinab, bis in den Schlund der Hölle, 1150 Und Teufel selbst erschrecken und erbleichen Bei meinem Wahnsinnfluch und Wahnsinnanblick. Fort! fort von hier! Ich weiß noch einen Fluch, Spräch' ich ihn aus, müßt' Eblis selbst erblassen, Die Sonne müßt' erschrocken rückwärts eilen, 1155 Die Toten kröchen zitternd aus den Gräbern, Und Mensch und Tier und Bäume würden Stein.

(Stürzt fort.)

_Zuleima_, die bis jetzt verhüllt und unbeweglich stand, wirft sich nieder vor dem Christusbilde. Ein Kirchenlied singend ziehen Mönche, mit Kirchenfahnen und Heiligenbildern, in Prozession vorüber.

* * * * *

(=Waldgegend.=)

_Der Chor._ Es ist ein schönes Land, das schöne Spanien, Ein großer Garten, wo da prangen Blumen, Goldäpfel, Myrten: -- aber schöner noch 1160 Prangten mit stolzem Glanz die Maurenstädte, Das edle Maurentum, das Tarik einst, Mit starker Hand, auf span'schen Boden pflanzte. Durch manch Ereignis war schon früh gediehn Das junge Reich; es wuchs und blühte auf 1165 In Herrlichkeit, und überstrahlte fast Des alten Mutterlands ehrwürd'ge Pracht. Denn als der letzte Omayad entrann Dem Gastmahl, wo der arge Abasside Der Omayaden blut'ge Leichenhaufen 1170 Zu Speisetischen höhnend aufgeschichtet; Als Abderrham nach Spanien sich gerettet, Und wackre Mauren treu sich angeschlossen Dem letzten Zweig des alten Herrscherstamms, -- Da trennte feindlich sich der span'sche Moslem 1175 Vom Glaubensbruder in dem Morgenlande; Zerrissen ward der Faden, der von Spanien, Weit übers Meer, bis nach Damaskus reichte, Und dort geknüpft war am Kalifenthron'; Und in den Prachtgebäuden Cordovas 1180 Da wehte jetzt ein rein'rer Lebensgeist, Als in des Orients dumpfigen Haremen. Wo sonst nur grobe Schrift die Wand bedeckte, Erhub sich jetzt, in freundlicher Verschlingung, Der Tier- und Blumenbilder bunte Fülle; 1185 Wo sonst nur lärmte Tamburin und Zimbel, Erhob sich jetzt, beim Klingen der Chitarre, Der Wehmutsang, die schmelzende Romanze; Wo sonst der finstre Herr, mit strengem Blick, Die bange Sklavin trieb zum Liebesfron, 1190 Erhub das Weib jetzund sein Haupt als Herrin, Und milderte mit zarter Hand die Roheit Der alten Maurensitten und Gebräuche, Und Schönes blühte, wo die Schönheit herrschte. Kunst, Wissenschaft, Ruhmsucht und Frauendienst, 1195 Das waren jene Blumen, die da pflegte Der Abderrhamen königliche Hand. Gelehrte Männer kamen aus Byzanz, Und brachten Rollen voll uralter Weisheit; Viel neue Weisheit sproßte aus der alten; 1200 Und Scharen wißbegier'ger Schüler wallten Aus allen Ländern her nach Cordova, Um hier zu lernen, wie man Sterne mißt, Und wie man löst die Rätsel dieses Lebens. Cordova fiel, Granada stieg empor, 1205 Und ward der Sitz der Maurenherrlichkeit. Noch klingt's in blühend stolzen Liedern von Granadas Pracht, von ihren Ritterspielen, Von Höflichkeit im Kampf, von Siegergroßmut, Und von dem Herzenspochen holder Damen, 1210 Die streiten sahn die Ritter ihrer Farbe.

Doch war's ein ernst'rer Ritterkampf, worin Sie selber fiel, die leuchtende Granada, Und ritterliche Großmut war es nicht, Als jüngst sein Wort, womit er Glaubensfreiheit 1215 Verbürget hatt', der Sieger listig brach, Und den Besiegten nur die Wahl gelassen, Entweder Christ zu werden, oder fort Aus Spanien nach Afrika zu fliehn. Da wurde Aly Christ. Er wollte nicht 1220 Zurück ins dunkle Land der Barbarei. Ihn hielt gefesselt edle Sitte, Kunst Und Wissenschaft, die in Hispanien blühte. Ihn hielt gefesselt Sorge für Zuleima, Die zarte Blume, die im Frauenkäfig 1225 Des strengen Morgenlands hinwelken sollte. Ihn hielt gefesselt Vaterlandesliebe, Die Liebe für das liebe, schöne Spanien. Doch was am meisten ihn gefesselt hielt, Das war ein großer Traum, ein schöner Traum, 1230 Anfänglich wüst und wild, Nordstürme heulten, Und Waffen klirrten, und dazwischen rief's: »Quiroga und Riego!« tolle Worte! Und rote Bäche flossen, Glaubenskerker Und Zwingherrnburgen stürzten ein in Glut 1235 Und Rauch, und endlich stieg aus Glut und Rauch Empor das ew'ge Wort, das urgebor'ne, In rosenroter Glorie selig strahlend.

(Geht ab.)

_Almansor_ wankt träumerisch einher.

_Almansor_ (kalt und verdrossen). In alten Märchen gibt es gold'ne Schlösser, Wo Harfen klingen, schöne Jungfraun tanzen, 1240 Und schmucke Diener blitzen, und Jasmin Und Myrt' und Rosen ihren Duft verbreiten -- Und doch ein einziges Entzaub'rungswort Macht all die Herrlichkeit im Nu zerstieben, Und übrig bleibt nur alter Trümmerschutt, 1245 Und krächzend Nachtgevögel und Morast. So hab' auch ich mit einem einz'gen Worte Die ganze blühende Natur entzaubert. Da liegt sie nun, leblos und kalt und fahl, Wie eine aufgeputzte Königsleiche, 1250 Der man die Backenknochen rot gefärbt, Und in die Hand ein Zepter hat gelegt. Die Lippen aber schauen gelb und welk, Weil man vergaß sie gleichfalls rot zu schminken, Und Mäuse springen um die Königsnase, 1255 Und spotten frech des großen, goldnen Zepters --

Es ist das eig'ne Blut, das uns hinaufsteigt Ins Aug', wodurch mit schönem, roten Schimmer Bekleidet werden all die Rosenblätter, Jungfrauenwänglein, Sommerabendwölkchen, 1260 Und gleiche Spielerei'n, die uns entzücken. Ich hab' die rote Brille abgelegt -- Und sieh'! welch schlechtes Machwerk ist die Welt! Die Vögel singen falsch; die Bäume ächzen Wie alte Mütterchen; die Sonne wirft, 1265 Statt glühnder Strahlen, lauter kalte Schatten; Schamlos, wie Metzen, lachen dort die Veilchen; Und Tulpen, Nelken und Aurikeln haben Die bunten Sonntagsröckchen ausgezogen, Und tragen ihr geflicktes, graues Hauskleid. 1270 Ich selbst hab' mich verändert noch am meisten; Kaum kann ein Mädchensinn sich so verändern! Ich bin nur noch ein knöchrichtes Skelett; Und was ich sprech', ist nur ein kalter Windstoß, Der klappernd zieht durch meine trocknen Rippen. 1275 Das kluge Männlein, das im Kopf mir wohnte, Ist ausgezogen, und in meinem Schädel Spinnt eine Spinn' ihr friedliches Gewebe. Auch wein' ich einwärts jetzt; denn als ich schlief, Stahl man die Augen mir, und glühnde Kohlen 1280 Hat man gefugt in meine Augenhöhlen.

Du Engel oben, du, von dem die Amme Mir einst erzählte, daß du jede Träne, Die meinem Aug' entflösse, sorgsam zähltest, Du hast jetzt Feierabend! Mühsam war 1285 Dein Tagewerk, du armer Tränenzähler, -- Hast du dich nie verzählt? und konntest du Die großen Zahlen stets im Kopf' behalten? Du bist wohl müd', und ich bin auch recht müd', Und auch mein Herz ist müd' vom vielen Klopfen, 1290 Und ausruhn wollen wir.

(Er legt sich nieder, an einen Kastanienbaum gelehnt.)

Ich bin recht müd' Und krank, und kranker noch als krank, denn ach! Die allerschlimmste Krankheit ist das Leben; Und heilen kann sie nur der Tod. Das ist Die bitterste Arznei, doch auch die letzte, 1295 Und ist zu haben überall, und wohlfeil.

(Er zieht einen Dolch hervor.)

Du eiserne Arznei, du schaust so zweifelnd Mich an. Willst du mir helfen?

_Hassan_ tritt auf und naht sich leise.

_Hassan._ Allah hilft!

_Almansor_ (ohne ihn zu bemerken, noch immer mit dem Dolche sprechend). Du murmelst was von Allah und dergleichen. Bedarf der Dolch noch eines spitz'gen Wortes, 1300 Um mir das Herz im Leibe zu verwunden?

_Hassan._ Was Allah tut, ist wohlgetan.

_Almansor_ (immer noch mit dem Dolche sprechend). Ha, ha, ha! Moralisieren, scheint es, will der Dolch! Ich rate, schweig', denn schweigend sprichst du mehr, Als mancher Moralist mit seinem Wortschwall. 1305

_Hassan_ (seufzend). Almansor ben Abdullah, was beginnst du?

_Almansor_ (Hassan erblickend). Ha! ha! Du sprachst, zweibeinig kluges Ding! Trägst du nicht Hassans Bart und Hassans Augen? Bist du gar Hassan selbst? Das ist recht schön. Wir wollen Abschied nehmen. Lebe wohl! 1310 Gleich reis' ich ab!

(Zeigt ihm den Dolch.)

Sieh, diese schmale Brücke Führt aus dem Land der Trauer in das Land Der Freude. Drohend steht am Eingang zwar, Mit blankem Schwert, ein kohlenschwarzer Riese, -- Der ist dem Feigen furchtbar, doch der Mut'ge 1315 Geht ungestört hinein ins Land der Freude. Ja, dorten ist die wahre Freude, oder -- Was doch dasselbe ist -- die wahre Ruh'. Dort summt ins Ohr kein überläst'ger Käfer, Und keine Mücke kitzelt dort die Nase; 1320 Dort fällt kein grelles Licht ins blöde Aug'; Und nimmer quält dort Hitz', und Frost, und Hunger Und Durst; und was das beste ist, dort schläft man Den ganzen Tag, und obendrein die Nacht.

_Hassan._ Nein, Sohn Abdullahs, feige ist der Schwächling, 1325 Der keine Kraft hat mit dem Schmerz zu ringen, Und ihm den Nacken zeigt, und zaghaft von Des Lebens Kampfplatz flieht -- steh' auf, Almansor!

_Almansor_ (hebt eine Kastanie von der Erde). Durch wessen Schuld liegt diese Frucht am Boden?

_Hassan._ Durch Wurm und Sturm; der Wurm zernagt die Fasern, 1330 Und leicht wirft dann der Sturm die Frucht herab.

_Almansor._ Soll nun der Mensch, die allerschwächste Frucht, Nicht auch zu Boden fallen, wenn der Wurm,

(zeigt aufs Herz)

Der schlimmste Wurm die Lebenskraft zernagte, Und der Verzweiflung wilder Sturm ihn rüttelt? 1335

_Hassan._ Steh' auf, steh' auf, Almansor! Nur der Wurm Mag sich am Boden krümmen, doch der Aar Fliegt stolz hinauf zum ew'gen Sonnenlichte.

_Almansor._ Reiß' du dem Aar die mächt'gen Flügel aus, Und auch der Aar ist Wurm und kriecht am Boden. 1340 Des Mißmuts Schere hat mir längst zerschnitten Die goldnen Flügel, die mich einst als Knabe Gen Himmel trugen, hoch, gar hoch hinauf.