Almansor: Eine Tragödie

Part 3

Chapter 33,234 wordsPublic domain

_Almansor._ Fürwahr, recht hübsch ist die Musik. Nur schade, Hör' ich der Zimbeln hüpfend helles Klingen, Fühl' ich im Herzen tausend Natterstiche; Hör' ich der Geigen langsam weiche Töne, 490 Zieht mir ein Messer schneidend durch die Brust; Hör' ich dazwischen die Trompeten schmettern, Zuckt's mir durch Mark und Bein, wie'n rascher Blitz; Und hör' ich dröhnend dumpf die Pauken donnern, So fallen Keulenschläge auf mein Haupt. 495

Ich und dies Haus, wie passen wir zusammen?

(Wechselnd nach dem Schlosse und nach seiner Brust zeigend.)

Dort wohnt die Lust mit ihren Harfentönen; Hier wohnt der Schmerz mit seinen gift'gen Schlangen. Dort wohnt das Licht mit seinen goldnen Lampen; Hier wohnt die Nacht mit ihrem dunkeln Brüten. 500 Dort wohnt die schöne, liebliche Zuleima; --

(Sinnet, zeigt endlich auf seine Brust.)

Wir passen doch, -- hier wohnt Zuleima auch. Zuleimas Seel' wohnt hier im engen Hause, Hier in den purpurroten Kammern sitzt sie, Und spielt mit meinem Herzen Ball, und klimpert 505 Auf meiner Wehmut zarten Harfensaiten, Und ihre Dienerschaft sind meine Seufzer, -- Und wachsam steht auch meine düstre Laune, Als schwarzer Frauenhüter, vor der Pforte.

(Zeigt nach dem Schlosse.)

Doch was dort oben in dem hellen Saal 510 Prachtvoll geschmückt und prangend stolz einhergeht, Und mit dem Lockenhaupte freundlich zunickt Dem seidnen Buben, der sich zierlich krümmt, -- Das dort ist nur Zuleimas kalter Schatten, Nur eine Drahtfigur, der man ein Glasaug' 515 Im Wachsgesichte künstlich eingefugt, Und die, durch aufgedrehter Federn Kraft, Den leeren Busen wechselnd hebt und senkt.

(Trompetentusch.)

O weh! da kommt der seidne Bube wieder, Und fordert auf zum Tanz die Drahtfigur. 520 Das holde Glasaug' sendet süße Blitze! Das liebe Wachsgesicht bewegt sich lächelnd! Der schöne Federbusen schwillt und schwillt! Mit rauher Hand berühret dort der Bube Das leichtgebrechlich zarte Kunstgewebe -- 525

(Rauschende Musik.)

Umschlingt's mit frechem Arm, und zieht es fort In wilder Tänzer flutendes Gedränge! Halt ein! halt ein! Ihr Geister meiner Leiden, Reißt fort den Buben von dem Leib der Holden! Schlagt ein! schlagt ein! Ihr Blitze meines Zorns! 530 [Und lähmt die Hand, die meinen Himmel faßt!] Brecht ein! brecht ein! Ihr Mauern dieses Schlosses, Und stürzt zermalmend auf des Frevlers Haupt!

(Pause; leisere Musik.)

Sie bleiben ruhig stehn, die alten Mauern, Und meine Wut zerschellt an ihren Quadern. 535

Ihr seid gar stark gebaut, ihr festen Mauern, Und doch habt ihr ein schwach und schlecht Gedächtnis! Ich heiß' Almansor, und war sonst der Liebling Des guten Aly, und auf Alys Knieen Wohnt' ich, und »lieber Sohn« nannt' Aly mich, 540 Und strich mir dann mit sanfter Hand den Kopf; -- Und jetzt steh' ich, wie'n Bettler, vor der Türe!

(Die Musik schweigt. Man hört im Schlosse verworrene Stimmen und lautes Gelächter.)

Da spottet's mein; holla! ich lache mit!

(Schlägt an die Pforte.)

Macht auf! macht auf! ein Gast will übernachten!

Die Schloßtüre öffnet sich. _Pedrillo_ erscheint mit einem Armleuchter; er bleibt in der Türe stehen.

_Pedrillo._ Beim heiligen Pilatus! Ihr klopft stark; 545 Auch kommt Ihr spät zum Ball, er ist schon aus.

_Almansor._ Ich suche keinen Ball, ich such' ein Obdach; Bin fremd und müd', und dunkel ist die Nacht.

_Pedrillo._ Beim Barte des Propheten -- ich wollt' sagen Der heiligen Eli -- Elisabeth -- 550 Das Schloß ist keine Herberg mehr. Unweit Von hier steht so ein Ding, das nennt man Wirtshaus.

_Almansor._ So wohnt allhier nicht mehr der gute Aly, Wenn Gastlichkeit aus diesem Schloß verbannt ist.

_Pedrillo._ Beim heil'gen Jago von -- von Compostella! 555 Nehmt Euch in acht, denn Don Gonzalvo zürnt, Wenn man ihn noch den guten Aly nennt. Zuleima nur, (schlägt sich vor die Stirn) wollt' sagen Donna Clara, Darf noch den Namen Aly nennen. Aly, Der irr't sich auch, und nennt sie oft Zuleima. 560 Auch ich, ich heiße jetzt nicht mehr Hamahmah, Pedrillo heiß ich, wie in seiner Jugend Der heil'ge Petrus hieß; und auch Habahbah, Die alte Köchin, heißt jetzt Petronella, Wie einst die Frau des heil'gen Petrus hieß; 565 Und was die alte Gastlichkeit betrifft, So ist das eine jener Heidensitten, Wovon dies christlich fromme Haus gesäubert. Gut Nacht! Ich muß jetzt leuchten unsern Gästen, Es ist schon spät, und manche wohnen weit. 570

(Er geht ins Schloß zurück und schlägt die Pforte zu. Im Schlosse wird es bewegter.)

_Almansor_ (allein). Kehr' um, o Pilger, denn hier wohnt nicht mehr Der gute Aly und die Gastlichkeit; Kehr' um, o Moslem, denn der alte Glaube Ist ausgezogen längst aus diesem Hause; Kehr' um, Almansor, denn die alte Liebe 575 Hat man mit Hohn zur Tür hinausgestoßen, Und laut verlacht ihr leises Todeswimmern. Verändert sind die Namen und die Menschen; Was ehmals Liebe hieß, heißt jetzo Haß. -- Doch hör' ich schon die lieben Gäste kommen, 580 Und gar bescheiden geh' ich aus dem Weg.

(Geht ab.)

Das Schloßtor öffnet sich ganz; _buntes Gewühl_ und verworrene Stimmen. _Bediente_ mit Lichtern treten hervor.

_Alys Stimme._ Nein, Sennor, nein, das leid' ich nimmermehr.

_Eine andre Stimme._ Die Nacht ist ja recht schön und sternenhell. Unweit von hier stehn unsre Pferd' und Maultier', Und weiche Sänften für die weichen Damen. 585

_Eine dritte Stimme_ (beschwichtigend). Nur eine kleine Strecke ist's, Sennora, Und nicht zu groß für Euren kleinen Fuß.

_Damen_, _Ritter_, _Fackelträger_, _Musikanten_ usw. kommen aus dem Schlosse. Jede Dame wird von einem Ritter geführt.

_Erster Ritter._ Verstandet Ihr den leisen Wink, Sennora?

_Seine Dame_ (lächelnd). Ihr seid heut' boshaft, boshaft, Don Antonio.

(Gehn vorüber.)

_Eine andre Dame_ (heftig). Doch überladen war die Stickerei, 590 Und noch ein bißchen maurisch war der Schnitt.

_Ihr Ritter_ (mit verstelltem Ernste). Jedoch was soll das arme Mädchen machen Mit all den alten, reichen Maurenkleidern?

_Die Dame._ Gibt's keine Maskenbälle, süßer Spötter?

(Gehn vorüber.)

_Zwei Ritter_ gehn im Arm gefaßt.

_Der Erste._ Dem alten Herrn sah man den Ärger an, 595 Als ihm der Diener, mit =gekreuzten= Armen, Des Bratens Unfall in der Angst berichtet.

_Der Zweite_ (spöttisch). Das war noch nichts. Er biß sich blau die Lippen, Als Carlos laut den wilden Schweinskopf lobte, Und scherzhaft drollig den Propheten schalt, 600 Der seinem Volk' ein solch Gericht versagt hat.

_Der Erste_ (gutmütig). Aus lieber Dummheit tat's der alte Schlemmer, Dem Wein und Bratenduft den Sinn umnebelt.

_Der Zweite_ (mit schlauem Seitenblick). Die Dummheit geht oft Hand in Hand mit Bosheit.

(Gehn vorüber.)

_Zwei andre Ritter_ kommen sprechend.

_Der eine Ritter_ (sieht sich sorgsam um). Wir waren wohl die einz'gen Maurenchristen, 605 Die Aly eingeladen, und als Carlos --

_Der andre Ritter._ Versteh', Schmerz zuckte über Alys Antlitz, Er sah uns forschend an, -- wem traut man jetzt?

(Gehn langsam vorüber.)

_Musikanten_, ihre Instrumente stimmend, gehen vorüber.

_Ein junger Fiedler._ Gesprungen ist mir wieder eine Saite.

_Der Alte._ Ja, ja, im Kopfe springt dir sicher keine; 610 Die Saiten des Gehirns strengst du nicht an, Und plagst mich immer mit den dümmsten Fragen.

_Der junge Fiedler_ (schmeichelnd). Nur eins noch sag mir, dein Verstand ist ja So fein, wie eines Fiedelbogens Härchen; Und du bist ja der Klügste von uns allen, 615 Du stehst ja zwischen uns, so wie dein Brummbaß Großmächtig stehet zwischen unsern Geigen -- Doch du bist auch so brummig wie dein Brummbaß -- O sag' mir doch: warum denn Don Gonzalvo So hastig und so ängstlich auf uns einsprang, 620 Als wir den hübschen Maurentanz, den Zambrah, Aufspielen wollten, und warum statt dessen Hieß er den spanischen Fandango spielen?

_Der Alte_ (mit selbstgefällig pfiffiger Miene). He! he! das weiß ich wohl, doch sag' ich's nicht; Denn so was spielt schon in die Politik. 625

(Sie gehn vorüber.)

(Man hört im Schlosse Don Enriques Stimme.)

_Don Enrique._ Ich hab' genug an =einem= Fackelträger. Mein Esel, der Diego, leuchtet mir;

(zärtlich)

Und vor mir schweben immer, freundlich leitend, Zwei Liebessternlein, Donna Claras Augen!

Verworrene Stimmen. Die Türe wird geschlossen. _Don Enrique_ und _Don Diego_ treten auf; letzterer in Bedientenkleidung und eine Fackel tragend.

_Don Diego_ (stolz). Wir tauschen jetzt die Rollen, gnäd'ger Herr, 630 Und Ihr seid jetzt der Diener und -- der Esel.

_Don Enrique_ (nimmt die Fackel). Ich tat nach Kräften, Sennor, seid nicht launisch.

_Don Diego_ (mit Grandezza). Auf Ehre, Sennor, ganz ein andrer schien't Ihr, Als ich zuerst Bekanntschaft mit Euch machte, Im Zuchthaus zu Puente del Sahurro. 635

_Don Enrique_ (beschwichtigend). Grollt nicht, ich bin Eu'r treuer Zögling, Sennor.

_Don Diego._ Mein Zögling muß, mit beßren Schmeichelein, Sich reicher Damen Gunst erwerben können. Was soll denn der Vergleich mit schmächt'gen Sternlein? Mit Sonnen muß man so ein Lieb vergleichen! 640 Lernt nur auswendig besser unsre Dichter, Und schmiert mit Öl geschmeidig Eure Zung', Die Euch wie eingerostet lag im Munde, Als Ihr so stumm an Claras Seite saßet.

_Don Enrique_ (schmachtend). Ich sah entzückt auf ihr schneeweißes Händchen! 645

_Don Diego_ (auflachend). Hätt' Euch das Blitzen ihrer Demantringe Das Aug' geblendet, und die Zung' gelähmt, So ließ' ich gelten solch ein süß Verstummen.

(Ironisch langsam)

Entzücken soll Euch freilich Claras Hand, Wenn sie der alte Herr gefüllt mit -- Gold. 650 Dann will ich mit Euch teilen Eu'r Entzücken, Das klingend helle, goldene Entzücken! Doch überlass' ich Euch allein die Freude Am süßen Spiele ihrer weißen Finger, An ihrer Muskeln sanftgeschwellter Weichheit, 655 Und an der Adern bläulichem Gewebe!

_Don Enrique_ (aufgeblasen). Kein Spott! Ich freie zwar des Vaters Schätze, Jedoch gesteh' ich: Claras Schönheit rührt mich.

_Don Diego._ Mistpfütze, hüte dich, daß man dich rühre! Kein Ambraduft steigt auf durch solche Rührung. 660 Lieb' nicht nach innen, liebe nur nach außen! Gefühle sind gar schlechte Liebeswerber; Wort, Miene und Bewegung sind weit bess're. Und dringen diese Werber noch nicht durch, So helfen schön gefärbte Jünglingswangen, 665 Elastisch üpp'ge Waden aus Madrid, Schnürleiber, hohe Polsterbrust und Kunstbauch, Die Waffen aus dem Schneiderarsenal. Und sind auch die zu stumpf, so helfen sicher Die Mauerbrecher, --

(Sieht ihn kalt lächelnd an.)

Sennor, kennt Ihr noch 670 Die Dokumente, die ich ausgefertigt, Mit alter Schrift und mit erlosch'ner Dinte, Die vorsätzlich im Schloß verlornen Briefe, Die Don Gonzalvo fand, und draus ersah --

(Lachend)

Ja, Sennor, mir, mir habt Ihr es zu danken, 675 Daß Ihr ein Prinz geworden; -- Seid jetzt folgsam; Sprecht nur wie ich's Euch habe einstudiert; Sprecht viel von Religion und von Moral; Zeigt jene Wunden oft, die Euch im Zuchthaus Der Büttel schlug, und nennt sie heil'ge Narben, 680 Die Ihr im Feldzug für die gute Sache Erbeutet habt; sprecht viel von der Courage; Vor allem aber kräuselt oft den Schnauzbart.

_Don Enrique._ Ich beuge mich vor Eurer Klugheit, Sennor. Nur kann ich noch Eu'r Kunststück nicht begreifen, 685 Wie Ihr den Pfaffen ins Intresse zoget?

_Don Diego._ Die Pfaffen sind ja auch vom Handwerk, Sennor, Und heil'ge Männer haben heil'ge Zwecke, Und brauchen Gold für ihre Kirchenkelche, Und brauchen Wein, um sie damit zu füllen. 690 Ihr merktet nicht daß ich die Volte schlug? Ich gab Euch gute Karten, und da trumpft Nun Euer Herz die Dame, und den König, Den Alten, trumpft Ihr lustig mit dem Kreuz; Und morgen ist das Spiel gewonnen, morgen, 695 Dann gratulier' ich Euch zu Eurer Hochzeit.

_Don Enrique_ (andächtig gen Himmel schauend). Ich danke dir, du Vater in der Höh'!

_Don Diego._ Ja, freilich in der Höh', denn luftig schwebt er Am hohen Galgen, zu San Salvador.

(Sie gehn ab.)

_Almansor_ tritt auf.

_Almansor._ Die buntgeputzten Fledermäus' und Eulen 700 Sind nun vorbei geflirrt. Recht widerlich Drang mir ins Ohr ihr heiserharsches Schrillen, Und atmen konnt' ich kaum in ihrer Näh'. Zuleima, dich umschwärmt solch Nachtgevögel? Dich, weiße Taub', umkreisen solche Raben? 705 Dich, schöne Ros', umkriechet solch Gewürm? Hält denn ein Zauber dich umstrickt, Zuleima? Ist denn das Bild des flehenden Almansors In deiner Seele ganz und gar erloschen? Kommt nie Erinn'rung an Almansors Liebe 710 Aus deinem Busen seufzend aufgestiegen?

Dort oben wallen tausend Liebesboten, Und jedem gab ich tausend Liebesgrüße, Und schmerzlich süß entfloß mein glühend Blut Bei jedem Gruß, aus tausend Liebeswunden; 715 Und dennoch brachte keiner dieser Boten Der Heißgeliebten meine heißen Grüße! Schämt euch, untreue Boten, Sterne oben, Die ihr so klug und pfiffig niederblinzelt, Und euch als Menschenschicksal-Lenker brüstet! 720 Ihr konntet nicht bestellen meine Grüße -- Und blöde Tauben tragen, treu und sicher, Den Liebesbrief des Hirten in der Wüste! --

Das Schloßgesinde ist zu Bett gegangen, Bedächtig sind die Lichter ausgelöscht, 725 Und nur ein einz'ges noch strahlt dort durchs Fenster. Ich kenn' dies Fenster noch; dort schläft Zuleima. Dort stand ich manche schöne Sommernacht, Und ließ die Laute klingen, bis die Liebste Mit süßem Wort auf dem Balkon erschien. 730

(Er zieht eine Laute hervor.)

Hier ist die alte Laute. Klingend schwebt mir Im Kopf' das alte Lied; und sehen möcht' ich, Ob auch der alte Zauberklang noch wirkt.

(Er spielt und singt.)

Güldne Sternlein schauen nieder Mit der Liebe Sehnsuchtwehe; 735 Bunte Blümlein nicken wieder, Schauen schmachtend in die Höhe.

Zärtlich blickt der Mond herunter, Spiegelt sich in Bächleins Fluten, Und vor Liebe taucht er unter, 740 Kühlt im Wasser seine Gluten.

Wollustatmend, in der Schwüle, Schnäbeln weiße Turteltäubchen; Flimmernd, wie zum Liebesspiele, Fliegt der Glühwurm nach dem Weibchen. 745

Lüftlein schauern wundersüße, Ziehen feiernd durch die Bäume, Werfen Kuß und Liebesgrüße Nach den Schatten weicher Träume.

Blümlein hüpfet, Bächlein springet, 750 Sternlein kommt herabgeschossen, Alles wacht und lacht und singet, -- Liebe hat ihr Reich erschlossen.

_Zuleimas_ (Stimme im Schloß). Ist es ein Traum, der freundlich mich umgaukelt, Und liebe Töne in mein Ohr zurückruft? 755 Ist es ein Unhold, der mich zu verlocken, Des Freundes süße Stimme künstlich nachäfft? Ist's gar der tote, irrende Almansor, Der in der Nacht gespenstisch mich umschleicht?

_Almansor._ Es ist kein Traum, der täuschend dich umgaukelt, 760 Es ist kein Unhold, der dich will verlocken, Auch ist's kein toter, irrender Almansor -- Es ist Almansor selbst, der Sohn Abdullahs. Er ist zurückgekehrt, und trägt noch immer Lebend'ge Liebe im lebend'gen Herzen. 765

_Zuleima_ tritt mit einem Lichte auf den Balkon.

_Zuleima._ Sei mir gegrüßt, Almansor ben Abdullah, Sei mir gegrüßt im Reiche der Lebend'gen! Denn längst kam uns die trübe Mär': tot sei Almansor, -- und Zuleimas Augen wurden Zwei unversiegbar stille Tränenquellen. 770

_Almansor._ O süße Lichter, holde Veilchenaugen, So seid ihr mir noch immer treu geblieben, Als meiner schon vergaß Zuleimas Seele!

_Zuleima._ Die Augen sind der Seele klare Fenster, Und Tränen sind der Seele weißes Blut. 775

_Almansor._ Und floß auch Blut schon aus Almansors Seele, Am Grab' der Mutter und am Grab' des Vaters, So muß sie jetzt doch ganz und gar verbluten, Hier an dem Grabe von Zuleimas Liebe.

_Zuleima._ O schlimme Worte und noch schlimm're Kunde! 780 Ihr bohrt euch schneidend ein in meine Brust, Und auch Zuleimas Seele muß verbluten.

(Sie weint.)

_Almansor._ O weine nicht! Wie glühnde Naphthatropfen, So fallen deine Tränen auf mein Herz. Mein Wort soll dich jetzt nimmermehr verletzen! 785 Verehren will ich dich wie'n Heiligtum, In dessen Näh' sogar des Blutes Rächer Die scharfe Spitze abbricht von der Lanze; In dessen Näh' die Taube und Gazelle Gesichert sind vor schlimmen Jägerspfeilen; 790 In dessen Näh' selbst gier'ge Räubershände Sich demutsvoll nur zum Gebet bewegen. Zuleima, du bist meine heil'ge Kaaba, Dich glaubte ich zu küssen, als zu Mekka Mein glühnder Mund berührt den heil'gen Stein; -- 795 Du bist so süß, doch auch so kalt wie er!

_Zuleima._ Bin ich dein Heiligtum, so brich sie ab, Die scharfe Lanzenspitze deiner Worte; So laß im Köcher ruhn die argen Pfeile, Die luftbefiedert in mein Herze treffen; 800 Und falte nicht wie zum Gebet die Hände, Um desto sich'rer meine Ruh' zu rauben. Genug schon schmerzt mich deine böse Kunde Vom Tod Abdullahs und Fatymas; beide Hab' ich wie eigne Eltern stets geliebt, 805 Und beide nannten mich auch gerne »Tochter!« O sprich, wie starb Fatyma, unsre Mutter?

_Almansor._ Auf ihrem Ruhebette lag die Mutter, Zur Linken kniete ich, und weinte still, Zur Rechten stand Abdullah, starr und stumm, 810 Und mit der Friedenspalme schwebte sichtbar Der Todesengel über Mutters Haupt. Ich wollte sie entreißen diesem Engel, Und ängstlich hielt ich fest der Mutter Hand. Doch wie die Sanduhr leis und leiser rinnet, 815 So rann das Leben aus der Hand der Mutter; Auf ihrem bleichen Antlitz zuckten wechselnd Ein Lächeln und ein Schmerz, und wie ich leise Mich hinbog über sie, da seufzte sie Aus tiefer Brust: »Bring diesen Kuß Zuleimen!« 820 Bei diesem Namen stöhnte auf Abdullah, Wie ein zu Tod getroff'nes wildes Tier. Die Mutter sprach nicht mehr, die kalte Hand nur Lag in der meinigen, wie ein Versprechen.

_Zuleima._ O Mutter, o Fatyma, du hast noch 825 Bis in den Tod geliebt dein armes Kind! Abdullah aber hat mich noch gehaßt, Als er hinabstieg in sein dunkles Haus.

_Almansor._ Nicht mit ins Grab nahm er den Haß. Obzwar, Wenn nur durch Zufall ihm ins Ohr geklungen 830 Die Namen Aly und Zuleima, so Erwacht' in seiner Brust der Sturm, wie Wolken Umzog es seine Stirn', sein Auge blitzte, Und seinem Mund' entquoll Verwünschungsfluch. Doch einst nach solchem Sturme fiel der Vater 835 Ermattet und betäubt in tiefen Schlaf. Ich stand bei ihm, auf sein Erwachen harrend. Wie staunte ich! Als er die Wimper aufschlug, Da lag in seinem Blick', statt Zornesglühen, Nur klare Freundlichkeit und fromme Milde; 840 Statt seiner Wahnsinnsschmerzen wildes Zucken, Umschwebte heit'res Lächeln seine Lippen; Und statt den grausen Fluch hervorzufluchen, Sprach er zu mir mit leiser, weicher Stimme: »Die Mutter will's nun mal, ich kann's nicht ändern, 845 Drum geh nur hin, mein Sohn, durchschiff' das Meer, Geh nach Hispanien zurück, geh hin Nach Alys Schloß, und suche dort Zuleima, Und sage ihr« --

Da kam ein Todesengel, Und schnitt mit scharfem Schwerte rasch entzwei 850 Abdullahs Leben und Abdullahs Rede.

(Pause.)

Ich habe ihn ins Grab gelegt, doch nicht, Nach Moslembrauch, das Antlitz gegen Mekka; Gegen Granada hab' ich, wie er's einst Befahl, sein totes Angesicht gerichtet. 855 So liegt er mit den stieren, offnen Augen, Und sieht mir immer nach.

(Sich allmählich umdrehend.)

Du toter Vater, Du sahst mich wandern durch den Sand der Wüste, Und sahst mich schiffen nach der Küste Spaniens, Und sahst mich eilen nach dem Schlosse Alys, 860 Und siehst mich hier, --

hier steh' ich vor Zuleima, Sag nun, Abdullahs Geist, was soll ich sprechen?

Eine in einem schwarzen Mantel verhüllte _Gestalt_ tritt auf.

_Die Gestalt._ O sprich zu ihr: Zuleima, steig herunter Aus deines Marmorschlosses güldnen Kammern, Und schwing dich auf Almansors edles Roß. 865 Im Lande, wo des Palmbaums Schatten kühlen, Wo süßer Weihrauch quillt aus heil'gem Boden, Und Hirten singend ihre Lämmer weiden; Dort steht ein Zelt von blendend weißer Leinwand, Und die Gazelle mit den klugen Augen, 870 Und die Kamele mit den langen Hälsen, Und schwarze Mädchen mit den Blumenkränzen, Stehn an des Zeltes buntgeschmücktem Eingang, Und harren ihrer Herrin -- o Zuleima, Dorthin, dorthin entfliehe mit Almansor. 875

* * * * *

Garten vor Alys Schloß, blühend und von der Morgensonne beleuchtet. _Zuleima_ liegt betend vor einem Christusbilde. Sie steht langsam auf.

_Zuleima._ Und doch liegt noch die Sorg' auf dieser Brust! Mein Herze zittert noch. Ist es vor Freude, Daß er noch lebt, den ich als tot beweint? Nein, nicht vor Freude, die verträgt sich nicht Mit meinem heil'gen Eid, mit dem Versprechen, 880 Das ich dem frommen Abt des Klosters gab. Almansor ist zurückgekommen! Wenn Mein Vater das erfährt -- wird nicht sein Zorn Den Sohn des Todfeinds treffen? Noch erlosch nicht Sein Groll, noch liegen lauernd in der Brust ihm 885 Viel schlimme Geister, die mit Wut entsteigen, Wenn nur sein Ohr Abdullahs Namen hört. Was hat Abdullah ihm getan? Mein Vater Ist sonst so mild! Ich hab' ihn oft behorcht; Des Nachts durchwandelt er des Schlosses Gänge, 890 Mit bloßem Schwert, und ruft: »Abdullah, komm, Wir wollen fechten, Blut will Blut« -- Almansor! Dich darf er nimmer schau'n, entflieh! entflieh! Der Väter Feindschaft bringt den Kindern Tod. Mit meinem Schleier will ich dich umhüllen, 895 Daß meines Vaters Blick dich nimmer treffe. Ich seh' dich in Gefahr, und es erwachen All die Gefühle, die mich einst bewegten, Als wir noch Braut und Bräut'gam kindisch spielten, Als du den morschen Apfelbaum erklettert, 900 Als ich dich weinend, und mit bangen Bitten, Herunterlockte von der schlimmen Höh'.

(Sinnend.)