Almansor: Eine Tragödie

Part 2

Chapter 23,204 wordsPublic domain

soll mein gutes Recht, Auf eure Haut, mit roten Zügen schreiben.

_Erster Maure._ Ei! ei! wenn unser Anwalt Einspruch tut, Ist seine Zunge nicht von Holz; fürwahr, Metallvoll klirret seine Eisenstimme. 70

(Sie fechten.)

_Erster Maure._ Ei! ei! dein Anwalt kommt ja recht in Hitze, Und seine Rede sprühet Feuerfunken.

_Almansor._ Schweig nur, in deinem Blut soll er sie löschen.

_Dritter Maure._ Der Spaß geht bald zu End', ergib dich uns.

_Hassan_, in der linken Hand eine Fackel, in der rechten einen Säbel, stürzt wild herbei.

_Hassan._ Ho! ho! habt ihr den Alten ganz vergessen? 75 Blutrache, wißt ihr ja, ist mein Gewerbe, Und mir gehört der dort, =ich= muß ihn töten.

(Er ficht mit dem schon ermatteten Almansor; wie er ihn eben niederhauen will, erblickt er das Gesicht desselben beim Scheine der Fackel, und erschüttert stürzt er zu Almansors Füßen.)

Allah! Es ist Almansor ben Abdullah!

_Almansor._ Das bin ich noch, und du bist Hassan noch; Steh auf du treuer Diener meines Hauses. 80 Ein nächtig Blendwerk hat uns hier verwirrt, Und bald wär' mir die Vaterburg zum Grab, Die alte Wiege mir zum Sarg geworden.

_Erster Maure._ Du schienest Spanier durch Barett und Mantel, Und unser Säbel nur bewillkommt Spanier. 85

_Hassan_ (steht langsam auf und spricht mit strengem Tone). Almansor ben Abdullah! steh mir Rede! Wie kömmt dein Leib in diese span'sche Tracht? Wer hat das edle Berberroß behängt Mit dieser gleißend farb'gen Schlangenhaut? Wirf ab die gift'ge Hülle, Sohn Abdullahs, 90 Tritt auf das Haupt der Schlange, edles Roß!

_Almansor_ (lächelnd). Du bist der alte Eifrer Hassan noch, Und klebst noch fest an Farben und an Formen. Die Schlangenhaut, die schützet wider Schlangen, So wie die Wolfsfellhülle schützt das Lamm, 95 Das wehrlos fromm die Waldungen durchstreift. Trotz Hut und Mantel bin ich doch ein Moslem, Denn in der Brust hier trag' ich meinen Turban.

_Hassan._ Gelobt sei Allah! Allah sei gelobt! Legt euch zur Ruhe, Brüder, ich will wachen; 100 Verjüngt hat plötzlich sich der alte Hassan.

(Die Mauren gehn ab.)

_Almansor._ Wer sind die Männer, die du Brüder nanntest?

_Hassan._ Es sind die Reste jener treuen Diener, Die Allah noch in diesem Land besitzt. Ach! ihre Zahl ist g'ring, und täglich schmilzt sie; 105 Derweil die Zahl der Schelme täglich anschwillt.

_Almansor._ Wie tief bist du gesunken, o Granada!

_Hassan._ Wohl sinken muß die Stadt, wo Doppelfeinde, Wo drinnen Zwietracht, draußen Arglist wüten. O! Fluch der Nacht, wo diese Weiberarglist 110 Mit Männerhabsucht süß gebuhlt! O! Fluch Der Nacht, wo das Verderben von Granada In solcher Glutumarmung ward beraten; O! Fluch der Nacht, wo einst ins Brautbett stieg Don Ferdinand zu Donna Isabella! 115 Wo solches Paar der Zwietracht Funken schürt, Da flackert bald in Flammen auf das Haus. Nicht durch den Speer des kräftigen Leoners, Nicht durch des stolzen Aragoniers Lanze, Nicht durch das Schwert kastil'scher Ritterschaft, -- 120 Nur durch Granada selber fiel Granada! Wenn der Erzeuger meuchelt seine Kinder, Die wehrlos eignen Kinder in der Wiege, Und wenn der Sohn die frevelhafte Rechte Entgegenballt dem heil'gen Haupt des Vaters, 125 Und wenn der Bruder, auf des Bruders Leiche, Des Thrones blut'ge Stufen frech erklimmt, Und wenn des Reiches pflichtvergeßne Großen Ehrlos der Fahne ihres Erbfeinds folgen: Dann fliehn mit schamerfüllten Angesichtern 130 Die Engel, die der Hauptstadt Tore hüten, Und siegreich ziehen ein der Feinde Scharen.

_Almansor._ Ich denke noch des unheilschwangern Tags; Ich stand am Tor des Schlosses unten, plötzlich Sprengt rasch einher, auf schwarzem Roß, ein Reiter. 135 Wild, und verstörten Blicks, und atemlos Fragt er nach Vater. Schnell die Trepp' hinauf, -- Und in des Vaters offne Arme sank er. Da sah ich erst, es war der gute Aly --

_Hassan_ (bitter). Der gute Aly!

_Almansor._ Aly, sprich, was bringst du? 140 Sprach schnell mein Vater, -- O, da stürzten Bäche Blutdunkler Tränen über Alys Wangen, Und schluchzend sprach er: In Granada haben Don Ferdinand und Isabell den Einzug Gehalten unterm Schalle der Drommeten, 145 Und König Boabdil hat ihnen knieend Die Schlüssel überreicht auf goldnem Becken, Und auf Alhambras Turm steht aufgepflanzt Kastiliens Fahne und Mendozas Kreuz.

_Hassan_ (hält sich die Augen zu). O! eine Gnade nur verlang' ich, Allah! 150 Lösch' aus in meinem Hirn dies Bild des Greuels!

_Almansor._ Noch schwebt mir's vor, wie dieser Botschaft Blitz In jedem Mund' die Zunge kalt gelähmt. Bleich, stumm und stieren Blickes stand mein Vater, Die Arme hingen lang und schlaff herab, 155 Die Kniee schlotterten, und wie er hinsank, Erhub sich Weiberjammer und Geheul.

_Hassan._ Lösch' aus in meinem Hirn dies Bild des Greuels!

_Almansor._ Da schloß mich an sein Herz der gute Aly; Hielt mir besorgt die nassen Augen zu, 160 Um mir des Jammers Anblick zu verbergen, Und zog mich fort, und hub mich auf sein Roß --

_Hassan_ (bitter lächelnd). Und trug dich fort nach seinem hübschen Schloß, Wo dich empfing die liebliche Zuleima, Und dir die Träne aus dem Aug' gelächelt, 165 Vielleicht geküßt --

_Almansor._ Du boshaft saurer Hassan! Vergiß nicht, daß ich noch ein Knabe war. Auch irrst du dich, Zuleimas Augenstrahlen Vermochten's nicht, mein nasses Aug' zu trocknen. Ich stahl mich heimlich fort aus Alys Schloß, 170 Und war in wen'gen Stunden hier zurück. Hier auf dem Boden wälzte sich mein Vater, Sein Kleid zerrissen, Asche auf dem Haupt, Und wildzerrauft des Bartes weiße Locken. Hier neben ihm lag weinend meine Mutter, 175 Mitsamt den Dienerinnen schwarz verschleiert. Und wenn es still ward, und nur eine Stimme Aufseufzend rief das Wort »Granada!« so Ergoß sich doppelt laut die alte Klage.

_Hassan_ (weinend). Versieget nie, ihr ew'gen Tränenquellen! 180

_Almansor._ Sieh nicht so kläglich aus, du alter Hassan. Weit besser kleidet dich der Löwentrotz, Mit dem du, harnischglänzend, waffenklirrend, Zu uns Erstaunten tratest in den Saal. Ich seh' dich noch, wie du zum Vater sprachest: 185 »Ich kann nicht länger dienen dir, Abdullah, Dieweil mein Gott jetzt seines Knechts bedarf.« Und festen Gangs verließest du das Schloß, Und seit der Zeit sah ich dich niemals wieder.

_Hassan._ Zu jenen Kämpfern hatt' ich mich gesellt, 190 Die ins Gebürge, auf die kalten Höhn, Mit ihren heißen Herzen sich geflüchtet. So wie der Schnee dort oben nimmer schwindet, So schwand auch nie die Glut in unsrer Brust; Wie jene Berge nie und nimmer wanken, 195 So wankte nimmer unsre Glaubenstreue; Und wie von jenen Bergen Felsenblöcke Öfters herunter rollen, allzerschmetternd, So stürzten wir von jenen Höhen oft, Zermalmend, auf das Christenvolk im Tal; 200 Und wenn sie sterbend röchelten, die Buben, Wenn ferne wimmerten die Trauerglocken, Und Angstgesänge dumpf dazwischen schollen, Dann klang's in unsre Ohren süß wie Wollust.

Doch hat solch blutigen Besuch erwidert 205 Unlängst Graf Aquilar mit seinen Rittern. Der hat zum letzten Tanz uns aufgespielt; Und beim Geschmetter gellender Trompeten, Bei der Kanonen dumpfem Paukenschalle, Beim Kehrausfiedeln kastilian'scher Klingen, 210 Und bei der Kugeln lustig hellem Pfeifen, Flog jählings mancher Maure in den Himmel, Und wen'ge nur entrannen wir dem Tanzplatz.

Doch sprich, Almansor, wie erging es Euch? Mit jenen Freunden floh ich jüngst hierher, 215 Und fand nur öde Säle, und betrübt Sahn auf mich nieder diese kahlen Wände, Und traur'ge Ahnung gab das traur'ge Schloß.

_Almansor._ Verlange nicht ein Klagelied, laß schlummern Die lieben Toten und Almansors Schmerzen. 220 Du sahst ja damals, wie auf schwarzem Roß Der gute Aly hergebracht das Unglück. Nie kommt das Unglück ohne sein Gefolge! Tagtäglich kamen aus Granada schlimmre Botschaften her; und wie der Wandrer schnell 225 Sich mit dem Antlitz auf den Boden wirft, Wenn ihm entgegenweht der glühnde Samum, So stürzten wir oft weinend hin zur Erde, Daß uns der Kunden gift'ger Hauch nicht töte. Bald hörten wir vom Abfall unsrer Priester, 230 Der Morabiten und der Alfaquis; --

_Hassan._ Gibt's irgendwo 'nen Glauben zu verschachern, So sind zuerst die Pfaffen bei der Hand.

_Almansor._ Bald hörten wir, daß auch der große Zegri In feiger Todesangst, das Kreuz umklammert; 235 Daß vieles Volk dem Beispiel Großer folgte, Und Tausende ihr Haupt zur Taufe beugten; --

_Hassan._ Der neue Himmel lockt viel alte Sünder.

_Almansor._ Wir hörten, daß der furchtbare Ximenes, Inmitten auf dem Markte, zu Granada -- 240 Mir starrt die Zung' im Munde -- den Koran In eines Scheiterhaufens Flamme warf!

_Hassan._ Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

_Almansor._ Am Ende kam die allerschlimmste Botschaft: 245

(Stockt.)

Daß auch der gute Aly Christ geworden.

(Pause.)

Da quoll kein Tropfen aus des Vaters Augen, Kein Klagelaut entstahl sich seinem Mund, Kein Haar entraufte er dem greisen Haupte; -- Nur seine Antlitzmuskeln zuckten krampfhaft, 250 Und wildverzerrt, und schneidend brach hervor Aus seiner Brust ein gellendes Gelächter. Und wie ich mich mit leisem Weinen nahte, Ergriff's wie Wahnsinnwut den armen Vater. Er zog den Dolch und nannt' mich »Schlangenbrut« 255 Und wollt' mir schon die Brust durchstoßen, -- plötzlich Zog sich's wie sanftrer Schmerz um seine Lippen. »Du, Knabe, sollst die Schuld nicht büßen,« sprach er, Und wankte fort nach seiner stillen Kammer. Dort saß er schweigend, ohne Speis' und Trank 260 Drei Tage lang. Doch wie er da hervorkam, Schien er wie umgewandelt. Ruhig war er, Befahl den Knechten: all sein Hab und Gut Auf Maultier' und auf Wagen aufzuladen; Befahl den Weibern: uns mit Wein und Brot, 265 Für eine lange Reise zu versorgen. Als das geschehn, nahm er in seine Arme, Und trug es selbst, das allerbeste Kleinod, Die Rolle der Gesetze Mahomets, Dieselben alten, heil'gen Pergamente, 270 Die einst die Väter mitgebracht nach Spanien. Und so verließen wir der Heimat Fluren, Und zogen fort, halb zaudernd und halb eilig, Als wenn es unsichtbar, mit weichen Armen Und schmelzend lieber Stimm', uns rückwärts zöge, 275 Und dennoch Wolfsgeheul uns vorwärts triebe. Als wär's ein Mutterkuß beim letzten Scheiden, So sogen wir begierig ein den Duft Der span'schen Myrten- und Zitronenwälder: Derweil die Bäume klagend uns umrauschten, 280 Wehmütig süß die Lüfte uns umspielten, Und traur'ge Vöglein, wie zum Lebewohl, Uns stumme Wandrer stumm umflatterten.

_Hassan._ Ihr hieltet fest in Euren treuen Händen Den besten Wanderstab, der Väter Glauben. 285

_Almansor._ Wo Tariks Fuß zuerst dies Land betrat, Setzten wir schleunig über nach Marokko, Wohin die Besten unsres Volkes flohn. Doch als wir landeten, erblich die Mutter, Und legte still ins Grab ihr müdes Haupt. 290

_Hassan._ Von rauher Hand versetzt in fremden Boden, Hat welken müssen solche zarte Lilie.

_Almansor._ In Trauerkleidern reisten wir von dannen, Und schlossen uns an jene Karawanen, Die nach dem heil'gen Mekka gläubig wallen. 295 In Yemen, in dem Land der Stammesbrüder, Schloß auch Abdullah die verweinten Augen, Und schlummerte hinüber nach der Heimat, Wo kein Ximenes, keine Isabella.

_Hassan._ Und gibt es in Arabien keine Örter, 300 Wo man den toten Vater kann beweinen?

_Almansor._ O, kenntest du die Qual des Ruhelosen, Den unsichtbare Flammengeißeln treiben! Noch einmal wollt' ich küssen Spaniens Boden --

_Hassan._ Und bei Gelegenheit Zuleimas Lippen. 305

_Almansor_ (ernst). Des Vaters Diener ist nicht Herr des Sohnes Drum, bittrer Hassan, laß dein bittres Deuteln. Ja, ich bekenn' es, nach Zuleima schmacht' ich, Wie nach dem Morgentau der Sand der Wüste. Noch diese Nacht geh' ich nach Alys Schloß. 310

_Hassan._ Geh nicht nach Alys Schloß! Pestörtern gleich Flieh jenes Haus, wo neuer Glaube keimt. Dort zieht man dir mit süßen Zangentönen Aus tiefer Brust hervor das alte Herz, Und legt dir eine Schlang' dafür hinein. 315 Dort gießt man dir Bleitropfen, hell und heiß, Aufs arme Haupt, daß nimmermehr dein Hirn Gesunden kann vom wilden Wahnsinnschmerz. Dorten vertauscht man dir den alten Namen, Und gibt dir einen neu'n, damit dein Engel, 320 Wenn er dich warnend ruft beim alten Namen, Vergeblich rufe. O, betörtes Kind, Geh nicht nach Alys Schloß! -- du bist verloren, Wenn man in dir Almansorn wiedersieht!

_Almansor._ Besorge nichts; denn niemand kennt mich mehr. 325 Mein Antlitz trägt des Grames tiefe Furchen, Getrübt von salz'gen Tränen ist mein Aug', Nachtwandlerartig ist mein schlanker Gang, Gebrochen, wie mein Herz, ist meine Stimme -- Wer sucht in mir den blühenden Almansor? 330 Ja, Hassan, ja, ich liebe Alys Tochter! Nur einmal noch will ich sie schaun, die Holde! Und hab' ich mich noch einmal süß berauscht Im Anblick ihrer lieblichen Gestalt, In ihre Augen meine Seel' getaucht, 335 Und schwelgend eingehaucht den süßen Odem; -- Dann geh' ich wieder nach Arabiens Wüste, Und setze mich auf jenen steilen Felsen, Wo Mödschnun saß und Leilas Namen seufzte! -- Drum sei nur ohne Sorge, alter Hassan, 340 Im span'schen Mantel geh' ich, unbemerkt Und unerkannt, im ganzen Schloß herum, Und meine Bundgenossin ist die Nacht.

_Hassan._ Trau' nicht der Nacht, sie birgt im schwarzen Mantel Viel arge Fratzenbilder, Molch' und Schlangen, 345 Und wirft sie heimlich hin vor deine Füße. Trau ihrem bleichen Buhlen nicht, der droben Liebäugelnd aus den Wolken niederblinzelt, Und hämisch bald, mit schrägen, fahlen Lichtern, Die Schreckgestalten deines Wegs beflimmert. 350 Trau' nimmer ihrer Bastardbrut dort oben, Den goldnen Kindlein, die so munter funkeln, Und freundlich tun, und liebeschmeichelnd nicken, Und dennoch, wie mit tausend glühnden Fingern, Am Ende spöttisch auf dich niederdeuten. 355 Geh nicht nach Alys Schloß! Am Eingang sitzen Drei dunkle Fraun, und harren deiner Rückkehr; Um würgend dich mit Inbrunst zu umarmen, Im Liebeskuß dein Herzblut auszusaugen!

_Almansor._ Wirf hemmend dich in eines Mühlrads Speichen, 360 Dräng mit der Brust zurück des Stromes Flut, Halt mit den Armen auf des Bergquells Sturz, -- Doch halte mich nicht ab von Alys Schloß. Dort zieht's mich hin mit tausend Demantfäden, Die sich verwebt in meines Hirnes Adern, 365 Und in den Fasern meines Herzens; -- Hassan, Schlaf wohl! mein altes Schwert ist mein Begleiter.

_Hassan._ Und deine Leuchte sei dein alter Glaube.

* * * * *

Alys Schloß. Erleuchtetes Kabinett mit einer großen Mitteltüre. Man hört Tanzmusik. _Don Enrique_ liegt zu _Zuleimas_ Füßen.

_Don Enrique_ (pathetisch). Ein Zauberduft betäubet meine Sinne, Und schauernd weiß ich nicht, was ich beginne! 370 Anbetend sink' ich hin zu deinen Füßen, Um dich als heil'ge Jungfrau zu begrüßen! Du bist des Himmels Strahlenkuniginne, Der ich nicht nahen darf mit ird'scher Minne! Und wenn auch Hymens Bande uns umschließen -- 375 Ich lieg' als Knecht dir immerdar zu Füßen!

Die Musik hat aufgehört. _Don Diego_ ist während dieser Apostrophe hereingeschlichen und hat beide Flügel der Mitteltüre geöffnet. Man sieht einen prächtigen, menschenvollen Ballsaal. Die tanzenden Paare bleiben stehen und schauen freudig nach Don Enrique und Zuleima. Einige Stimmen rufen:

Heil! Heil! Heil! unserm schönen Brautpaar!

(Trompetentusch. Don Enrique steht auf. Don Diego schleicht sich wieder fort. Die Mitteltüre bleibt offen stehen.)

_Zuleima_ (ernst). Führt mich zum Saal!

_Don Enrique_ (reicht ihr den Arm; verwirrt). Sennora, mein Bedienter, Der Schalk hat dies getan.

_Zuleima._ Gut, Sennor, gut.

_Aly_ und _ein Ritter_ treten in der Türe den Vorigen entgegen.

_Aly_ (er faßt Don Enrique beim Arm). Nein, liebe Clara, laß mir deinen Bräut'gam; 380 Hier Don Rodrigo führet dich zum Saal.

(Zuleima, vom Ritter geführt, geht ab. Die Mitteltüre schließt sich.)

_Don Enrique._ Ich wundre mich --

_Aly_ (ernst). Erinnert Ihr Euch nicht, Daß ich noch ein Geheimnis für Euch habe, Das ich versprach noch vor dem Hochzeitstag Euch mitzuteilen, Sennor?

_Don Enrique_ (neugierig und schmeichelnd). Ach, Ihr habt 385 So vieles schon für mich getan --

_Aly._ Ich nichts, Nur, nur von Donna Clara hing es ab, Ob sie die Hand Euch reichen wollt'.

_Don Enrique._ Nein, Sennor, Nur Eure Stimme, die des Vaters, galt.

_Aly._ Wohl hatt' ich Gründe, Claras Hand Euch nicht 390 Zu geben. Doch ich hatte nicht das Recht. Denn wisset: Claras Vater bin ich nicht.

_Don Enrique_ (kleinlaut). Ihr Vater nicht?

_Aly_ (lächelnd). Seid ohne Sorge, Sennor. Urkundlich und durch Testamentes Kraft Hab' ich sie anerkannt als eigne Tochter. 395 Jetzt, Sennor, seht Ihr wohl, warum nur Clara Verfügen konnte über ihre Hand. Doch merkt's Euch, niemand hier, sie selber nicht, Kennt dies Geheimnis.

_Don Enrique._ Sennor, staunen muß ich --

_Aly._ Mitteilen aber muß ich's Euch, dem Bräut'gam. 400 Doch erst gelobt mir, daß Ihr es verschweigt, Sogar vor Eurer Braut, damit ich ihr Den großen Schmerz erspare, und die Ruh' Aus ihrem süßen Herzchen nicht verscheuche.

_Don Enrique_ (gibt ihm den Handschlag). Mit meinem Ritterwort' gelob' ich Schweigen. 405

_Aly._ Ihr wißt, ich hieß nicht immer Don Gonzalvo.

_Don Enrique._ Nicht minder schön und herrlich war der Name, Den jedermann Euch gab, dem guten Aly.

_Aly._ Ja, ja! den guten Aly nannt' man mich! Doch hätt' man mich mit besserm Recht genannt: 410 Den Glücklichen. Denn Aly war einst glücklich, Durch Freundschaft und durch Liebe.

Einen Freund, Den seltensten der Schätze, gab mir Gott. Und auch ein Weib, ein Weib, so schön, so mild -- Nein, Sünde ist es, sie ein Weib zu nennen -- 415 Ein Engel lag an meinem sel'gen Herzen; Und auch noch Vaterfreuden sollt' ich fühlen. Mein holdes Weib gebar mir einen Knaben; Sie selber aber wurde bleich und bleicher, -- Und starb.

Da goß der Freund mir Trost ins Herz, 420 Und da sein Weib, just zu derselben Zeit, Ein Töchterchen gebar, hat diese Gute Zu sich genommen mein verwaistes Kind, Und großgesäugt und mütterlich gepflegt. Doch als ich wieder zu mir nahm ins Schloß 425 Den Schmerzensohn, ergriff bei seinem Anblick Mich jedesmal aufs neu' der alte Schmerz Ob seiner toten Mutter. Dieses merkte Mein kluger Freund, und einst sprach er zu mir: Was dünkt dir, Aly, wenn wir unsre Kinder 430 Schon jetzt als Braut und Bräutigam verlobten, Um unsre Freundschaft fester noch zu gründen? Laut weinend fiel ich in des Freundes Arm, Und in derselben Stunde ward beschlossen: Daß ich des Freundes Tochter zu mir nehmen, 435 Und unter Ammenleitung hier im Schlosse, Selbst auferziehen sollt', damit ich selbst Dem eignen Sohn ein wackres Weib erziehe, Und daß mein Sohn erzogen werden sollte Von meinem Freund', damit er selber bilde 440 Den künft'gen Eh'mann seiner einz'gen Tochter. Und dies geschah.

_Don Enrique._ Ich brenne vor Begier --

_Aly._ Die Kinder wuchsen auf, und sahn sich oft, Und liebten sich, -- bis das Gewitter kam. Ihr wißt wohl, wie sein Blitzstrahl eingeschlagen 445 In des Alhambras höchsten Turm, wie viele Der edelsten Geschlechter von Granada Zur Religion des Kreuzes sich gewandt. Ihr wißt, daß es der frommen Christenamme Schon längst gelang, Zuleimas sanftes Herz 450 Für Christum zu gewinnen, daß die Holde Den Heiland auch bald öffentlich bekannte, Und durch der Taufe heil'ges Sakrament Den schönen Namen Clara sich gewann. Ich ging denselben Weg, dem eignen Herzen 455 Und der geliebten Pflegetochter folgend. Ich hegte keinen Zweifel, daß mein Freund, Der Gleichgesinnte, gleichem Beispiel huld'ge. Doch wehe mir, er war ein blinder Moslem, Und nahm die Botschaft auf mit kaltem Zorne, 460 Und ließ mir melden: Seines Gottes Feind, Den hasse er, als seinen eignen Feind, Er wolle nie der Gottesleugnerin, Der eignen Tochter Antlitz wiedersehn, Er wolle fliehen aus dem Land der Schlangen 465 Und meinen Sohn, das eigne Pflegekind, Den wolle er dem Zorne Allahs opfern, Und mit des Sohnes Blut den Vater sühnen. Und Wort gehalten hat der Wüterich! Vergebens eilte ich nach seinem Schlosse; 470 Er war entflohn, entflohn mit seiner Beute. Ich sah den armen Knaben nimmer wieder; Und Krämer einst, die von Marokko kamen, Erzählten mir vom Tode meines Sohns.

_Don Enrique_ (mit affektiertem Schmerze). O schrecklich! schrecklich! Rührung übermannt mich! 475 Mein Herz verblutet! Und Ihr habt Euch nicht Furchtbar gerächt an diesem Wüterich? Ihr hattet ja des Buben eigne Tochter In der Gewalt? Wie habt Ihr da gehandelt?

_Aly_ (stolz). Ich hab' gehandelt, Sennor, wie ein Christ. 480

(Geht ab.)

_Don Enrique_ (allein). Soll ich es Don Diego sagen? Ja, ja. Er soll mal sehn, daß er nicht alles weiß. Er sieht mich an für dumm. Nur immer zu. Wir wollen sehen, wer der Klügste ist.

(Die Tanzmusik beginnt wieder.)

Doch still davon. Da rufen schönre Töne, 485 Und meine schöne Donna darf nicht warten.

(Er geht ab.)

* * * * *

Nacht. Alys Schloß von außen. Die Fenster sind erleuchtet. Fröhliche Tanzmusik im Schlosse. _Almansor_ steht sinnend davor. Die Musik schweigt.