Part 5
Auf dem Gebiete der +mikroskopischen+ Forschung schließlich erwarb sich der scharfblickende ~Spallanzani~ (1729–1799) und später besonders ~Treviranus~ das Verdienst, durch zweckmäßig angeordnete Versuchsreihen die Lehre von der Urzeugung der Infusionstierchen aus fauligen Aufgüssen experimentell widerlegt und gezeigt zu haben, daß sich auch diese niedrigsten aller lebendigen Wesen nur aus Keimen entwickeln, die überall in der Luft und im Wasser zu finden sind, so daß also der ~Harvey~sche Satz: „omne vivum ex ovo“ auch hier keine Ausnahme erleidet.
Die meisten von allen diesen exakten Untersuchungen lieferte England und Frankreich, während in Deutschland zu jener Zeit die Naturphilosophie durch ihren maßlosen Drang nach reiner Spekulation auf naturwissenschaftlichem Gebiet selbst die bedeutendsten Geister, wie ~Oken~, mit sich fortriß.
E. Das Zeitalter ~Johannes Müller~s.
~Johannes Müller~[2] (1801–1858) ist eine jener monumentalen Gestalten, wie sie die Geschichte jeder Wissenschaft nur einmal hervorbringt. Dem Gebiete, auf dem sie wirken, geben sie ein vollkommen verändertes Antlitz, und alle spätere Entwicklung ruht auf ihren Schultern.
~Johannes Müller~ war, wie die Forscher seiner Zeit, Vitalist, aber sein Vitalismus hatte eine sehr glückliche Form. Die Lebenskraft war ihm zwar eine Kraft, die etwas ganz anderes ist als die Kräfte der leblosen Kultur, aber er stellte sich vor, daß ihr Walten streng nach physikalisch-chemischen Gesetzen erfolge, so daß ~Müller~s ganzes Streben dahin ging, die Lebensvorgänge mechanisch zu erklären. Dabei umfaßte er das +ganze+ Gebiet der Lebensäußerungen gleichmäßig, vernachlässigte keine und schuf auf allen Einzelgebieten durch eigene, immer originelle Untersuchungen die Grundlage, auf der wir weiter arbeiten. Stets hielt er bei seinen Arbeiten den Blick auf das Ganze gerichtet; nie stellte er Spezialuntersuchungen an, die ihm nicht helfen sollten, irgend ein großes allgemeines Problem zu lösen. Das Geniale an ihm und das, was gerade in der neueren Physiologie vielfach vermißt wird, war aber die Art und Weise, wie er die Probleme anfaßte. Er kannte nicht „eine“ physiologische Methode, er benutzte jede Methode, jede Behandlungsweise, die gerade augenblicklich das Problem erforderte, das er mit kecker Hand ergriff. Physikalische und chemische, anatomische und zoologische, mikroskopische und embryologische Kenntnisse und Methoden standen ihm gleichmäßig zur Verfügung, und alle benutzte er seiner jeweiligen Absicht gemäß.
Die Naturphilosophie, die zur Zeit ~Johannes Müller~s unter dem Einfluß der ~Schelling~schen und ~Hegel~schen Ideen ihre üppigsten Blüten trieb und mit ihrer zügellosen, jeder tatsächlichen Grundlage entbehrenden Spekulation die Naturforschung bedrohte, konnte auf den streng kritischen Geist ~Johannes Müller~s nur die segensreichste Wirkung ausüben. Er erkannte in dem himmelstürmenden Drang der Naturphilosophen den berechtigten Kern und gestaltete unter diesem Einfluß seine eigene Forschungsweise zu dem +Typus einer echt philosophischen Naturforschung+, welche, die großen Probleme und das Ziel der Wissenschaft immer im Auge behaltend, mit kritischem Blick die speziellen Methoden und Fragen stets nur als Mittel zum Zwecke betrachtet, als Mittel, zu einer harmonischen Auffassung der Welt zu gelangen. Dieser philosophischen Auffassung der Naturforschung, die ~Johannes Müller~ bereits in seiner Habilitationsrede: „Von dem Bedürfnis der Physiologie nach einer philosophischen Naturbetrachtung“ energisch hervorgehoben hat, ist er sein ganzes Leben hindurch unerschüttert treu geblieben, und es ist gewiß eine merkwürdige Tatsache, daß bei aller einmütigen Bewunderung, mit der man zu der Gestalt ~Johannes Müller~s aufblickt, in der neueren Physiologie gerade dieses Moment nicht selten ganz vernachlässigt worden ist. Das hat sich unter anderem besonders bemerkbar gemacht auf zwei Gebieten, für die ~Johannes Müller~ von Jugend auf das lebhafteste Interesse gehabt hat, in der +physiologischen Psychologie+ und der +vergleichenden Physiologie+.
Die +Psychologie+ wird von der heutigen Physiologie fast mit einer gewissen Aengstlichkeit gemieden, die in einem eigentümlichen Gegensatz zu der Auffassung ~Johannes Müller~s steht, der gerade die Physiologie als allein berufen ansah, in der Psychologie auf empirischem Wege einen Fortschritt zu erzielen, und der bereits bei seiner Doktorprüfung die These verteidigte: „Psychologus nemo nisi Physiologus.“ Es ist wahr: die Psychologie ist zwar keine Wissenschaft, die ohne weiteres als bloßes Teilgebiet der Physiologie betrachtet werden darf; aber die Erfahrungen der Physiologie auf dem Gebiete des Nervensystems und der Sinnesorgane sind doch von so grundlegender Bedeutung für die Psychologie, daß man sagen muß, die Physiologie ist mehr als irgend eine andere Naturwissenschaft berufen, psychologische Fragen zu behandeln. Mit welchem Erfolg die Physiologie psychologische Probleme zu fördern im stande ist, zeigen gerade ~Müller~s eigene Arbeiten am deutlichsten; es hat wohl kaum je eine physiologische Entdeckung eine größere, leider immer noch nicht allgemein gewürdigte Tragweite für die ganze Psychologie und Erkenntnistheorie gehabt, als die Lehre von der spezifischen Energie der Sinnesnerven oder Sinnesorgane. Diese Lehre sagt, daß die verschiedensten Reize, welcher Art sie auch sein mögen, auf dasselbe Sinnesorgan, z. B. das Auge, angewandt, immer nur ein und dieselbe Art der Empfindung hervorzurufen im stande sind, und zwar die Empfindung, die durch das betreffende Sinnesorgan bei Einwirkung seines adäquaten Reizes, in unserem Falle also des Lichtes, vermittelt wird. Umgekehrt ruft ein und derselbe Reiz auf verschiedene Sinnesorgane appliziert, ganz verschiedenartige Empfindungen hervor, je nach der Beschaffenheit des Organs, auf das er einwirkt. In diesem Satze ist die fundamentale Tatsache enthalten, daß die Dinge der Außenwelt in Wirklichkeit durchaus nicht identisch sind mit unseren Empfindungen und Vorstellungen von ihnen, sondern daß wir dasselbe Ding der Außenwelt in ganz verschiedenartiger Weise empfinden und erkennen, je nach den spezifischen Bedingungen des Sinnesorgans, mit dem wir es wahrnehmen. Außer diesem fundamentalen Satz aber hat ~Müller~ noch eine ganze Reihe anderer wichtiger psychologischer Tatsachen gefunden, die er in seinen Arbeiten „Zur vergleichenden Physiologie des Gesichtssinnes des Menschen und der Tiere“, „Ueber die phantastischen Gesichtserscheinungen“ und in dem Buche „Vom Seelenleben“ seines „Handbuchs der Physiologie“ niedergelegt hat.
Mit der +vergleichenden Physiologie+ hat ~Müller~ eine neue Wissenschaft zur Anerkennung gebracht, angeregt durch die ungemeine Fruchtbarkeit, welche die vergleichende Methode in der Anatomie in jener Zeit zu entfalten begann, und vor allem durch Ideen seines Lehrers ~Rudolphi~, die dieser in den Worten zusammenfaßte: „Die vergleichende Anatomie ist die sicherste Stütze der Physiologie, ja, ohne dieselbe wäre kaum eine Physiologie denkbar.“ ~Müller~ vertrat sein ganzes Leben hindurch den Standpunkt, es könne „die Physiologie nur eine vergleichende sein“, und es gibt unter der schier erdrückenden Zahl seiner physiologischen Arbeiten wenige, in denen das vergleichend-physiologische Denken nicht mehr oder weniger deutlich zum Ausdruck käme.
Zusammengefaßt hat ~Müller~ die Ergebnisse seiner eigenen Untersuchungen sowohl wie überhaupt alles physiologische Wissen seiner Zeit in seinem „Handbuch der Physiologie“. Dieses „Handbuch der Physiologie“ steht noch heute unübertroffen da in der wahrhaft philosophischen Art und Weise, wie hier der ganze, durch die zahllosen speziellen Untersuchungen damals bereits ungeheuer angewachsene Stoff zum ersten Male gesichtet und +zu einem großen einheitlichen Bilde von dem Getriebe im lebendigen Organismus+ vereinigt worden ist. Das Handbuch ist in dieser Beziehung bis heute nicht nur unübertroffen, ja, es ist sogar unerreicht. Zwar sind viele von den Einzelheiten desselben nach heutigen Vorstellungen nicht mehr zutreffend, zwar haben neuere, mit vollkommenerer Technik ausgeführte Arbeiten einzelne Gebiete gewaltig erweitert und umgestaltet, zwar sind manche selbst von den allgemein-physiologischen Vorstellungen ~Müller~s, wie die Vorstellung von der Lebenskraft, von der neueren Physiologie vollständig fallen gelassen worden; soviel aber steht fest, daß von allen den zahllosen Hand- und Lehrbüchern, die seit ~Johannes Müller~ entstanden sind, in bezug auf die Behandlungsweise des Stoffes kein einziges das Handbuch des großen Meisters erreicht hat. Die meisten der späteren Handbücher, Lehrbücher, Grundrisse etc. nehmen sich, obwohl sie fast ausschließlich für den Gebrauch des Studenten berechnet sind, nicht einmal die Mühe, die Ziele, das Problem, den Zweck der physiologischen Forschung auch nur kurz anzudeuten, geschweige denn, dem Stoffe im ganzen eine philosophische Behandlung im Sinne ~Johannes Müller~s angedeihen zu lassen, ein Mangel, der gerade vom denkenden, nicht bloß blind auswendig lernenden Studenten als großer Nachteil empfunden werden muß.
Die unermüdliche physiologische Tätigkeit ~Johannes Müller~s, die ihm den Ruhm, bei weitem der größte Physiologe aller Zeiten zu sein, eintrug, hinderte ihn nicht, namentlich in seinen späteren Lebensjahren, sich der Morphologie, speziell der Zoologie, vergleichenden Anatomie und Paläontologie mit gleichem Eifer hinzugeben und sich hier wieder den Namen des größten Morphologen seiner Zeit zu erwerben. So vielseitig und umfassend war der gewaltige Mann, daß er zwei mächtige Gebiete, deren jedes jetzt kaum einer allein zu +übersehen+ im stande ist, in allen ihren einzelnen Teilen durch eigene grundlegende Arbeiten vollständig +beherrschte+.
Daß ein so ungeheures Reich nach dem Tode seines Beherrschers nicht mehr einheitlich zusammenhalten konnte, nimmt kein Wunder. Wie das Weltreich ~Alexander~s nach dessen Tode, zerfiel es in viele kleine Territorien, deren jedes von seinem eigenen Herrscher regiert wurde, und es dürfte auch schwerlich bei dem jetzigen Umfange der Wissenschaft sich je wieder ein Sterblicher finden, der, selbst wenn er mit der übermenschlichen Arbeitskraft ~Johannes Müller~s begabt wäre, das ganze, einst von diesem gegründete Reich in allen seinen Teilen gleichmäßig zu beherrschen imstande wäre.
Die +Morphologie+ war schon lange vor ~Johannes Müller~ selbständig gewesen. Die +Physiologie+ teilte sich bald nach seinem Tode in eine ausschließlich +chemische+ und eine rein +physikalische+ Richtung.
Die +chemische Richtung+ leitet sich her von ~Wöhler~ (1800–1882) und ~Liebig~ (1803–1873). Durch die epochemachende Synthese eines in der Natur nur von Organismen produzierten Körpers, des Harnstoffs, aus rein anorganischen Stoffen, die ~Wöhler~ bereits im Jahre 1828 gelang, wurde die Lehre von der Lebenskraft, wenn auch nicht sogleich, so doch in der Folge stark erschüttert. Man hatte geglaubt, die Stoffe, die der Organismus produziert, entständen nur durch die Tätigkeit der Lebenskraft: hier war zum ersten Male ein sehr charakteristisches Stoffwechselprodukt des Tierkörpers im chemischen Laboratorium auf künstlichem Wege dargestellt worden, und bald folgten dieser Synthese andere nach. Der Begründer der neueren Anschauungen vom Stoffwechsel der Organismen wurde ~Justus v. Liebig~, und in neuester Zeit haben besonders ~Voit~ (1831–1908), ~Pflüger~, ~Zuntz~, ~Hofmeister~ und andere die Stoffwechsellehre, wenn auch nicht übereinstimmend, weitergeführt. Die physiologische Chemie gestaltete sich mehr und mehr zu einer eigenen Wissenschaft, besonders, als ~Mulder~ und ~Lehmann~ zuerst eine Zusammenfassung des Gebietes gaben, und vor allem, als ~Kühne~ (1837–1900) durch seine originellen Methoden und Untersuchungen zum ersten Male über die physiologisch-chemischen Verhältnisse der Eiweißkörper etwas Licht zu verbreiten wußte und seine Auffassung der physiologischen Chemie in seinem Lehrbuch zum Ausdruck brachte. Schließlich drohte die physiologische Chemie sich unter den Arbeiten von ~Hoppe~-~Seyler~ (1825–1895), ~Hammarsten~, ~Bunge~, ~Halliburton~, ~Baumann~ (1846–1877), ~Hofmeister~, ~Kossel~ und anderen nicht zum Vorteil der Physiologie als selbständige Wissenschaft ganz von der Physiologie loszulösen, eine Gefahr für das Gesamtgebiet der physiologischen Forschung, die jetzt glücklich beseitigt zu sein scheint.
Einen mächtigen Impuls erfuhr die physiologische Chemie von seiten der chemischen Forschung namentlich durch die Arbeiten ~A. von Baeyer~s und ~Emil Fischer~s, die über die Konstitution der wichtigsten organischen Verbindungen des Organismenkörpers grundlegende Entdeckungen machten. Auch der Ausbau der Lehre von den Fermentwirkungen seitens der physikalischen Chemie, besonders durch die Arbeiten von ~Ostwald~ und ~Bredig~, sowie die gewaltige Entwicklung der modernen Immunitätslehre unter den Arbeiten von ~Ehrlich~ und seiner Schule, sowie von ~Koch~, ~Behring~, ~Arrhenius~, ~Metschnikoff~, ~Roux~ und anderen übte einen bedeutenden Einfluß auf die moderne Entwicklung unserer Ansichten vom chemischen Geschehen im Organismenkörper aus.
Die +physikalische Richtung+ begründeten ~E. H. Weber~ (1795–1878), ~Volkmann~ (1801–1877), ~Ludwig~ (1816–1895), ~Helmholtz~ (1821–1894), ~Du Bois-Reymond~ (1818–1896), ~Fick~ (1829–1901), ~Marey~ u. a. Vor allem schuf ~Ludwig~ eine für die Untersuchung der rein physikalischen Leistungen des Tierkörpers äußerst wertvolle Methode von der weittragendsten Bedeutung, indem er die rhythmischen Druckschwankungen des Pulses durch mechanische Uebertragung auf einen beweglichen Schreibhebel sich selbst auf eine glatte, mit gleichmäßiger Geschwindigkeit bewegte Papierfläche aufzeichnen ließ (Fig. 1). Diese „+graphische Methode+“ erwies sich als so ungemein fruchtbar, daß sie in der Folge die weiteste Verwendung in der Physiologie fand. So wurde sie unter anderem für die graphische Darstellung der Muskelzuckung, der Atembewegungen, des Herzschlages etc. verwendet. In Frankreich war es ~Marey~, der die graphische Methode zu ungeahnter Vollkommenheit ausbildete, so daß sie jetzt als wichtiges Forschungsmittel dient bei allen Untersuchungen, in denen es sich um makroskopische Bewegungsvorgänge handelt. Neben der graphischen war es noch eine andere Methodik, welche für die physikalische Seite der Physiologie fundamentale Bedeutung erlangte, die umfangreiche, geistvolle, durch ~E. Du Bois-Reymond~s klassische Untersuchungen über die allgemeine Muskel- und Nervenphysik geschaffene Technik der galvanischen Reizung. ~Du Bois-Reymond~ hat durch die Ausbildung dieser Technik den galvanischen Strom zu einem so bequem anwendbaren, fein abstufbaren und leicht lokalisierbaren Reiz für Nerven und Muskeln gestaltet, wie es keiner der anderen Reize ist, so daß jetzt überall, wo es sich um Reizungsversuche handelt, der galvanische Reiz immer die erste Stelle einnimmt. Die weiteste Anwendbarkeit verdankte schließlich diese geniale physikalische Methodik der Ausbildung der vivisektorischen Technik von seiten der großen französischen Physiologen ~Magendie~ (1783–1855) und ~Claude Bernard~ (1813–1878). ~Claude Bernard~ führte in Frankreich die Physiologie zu ihrer höchsten Blüte, ohne dabei in Einseitigkeit zu verfallen. Er war ein philosophischer Forscher, der die +allgemeinen+ Probleme des Lebens bei seinen Untersuchungen im Auge hatte. Kein Wunder, wenn man daher die ganze französische Physiologie von heute als ~Claude Bernard~s Schule betrachten muß. In England schließlich hat die vivisektorische Technik in neuester Zeit, namentlich durch die Arbeiten von ~Sherrington~, ~Langley~, ~Starling~ und ~Bayliss~, in Rußland durch die Untersuchungen von ~Pawlow~ bedeutende Erfolge erzielt.
Neben der chemischen und physikalischen Richtung in der Physiologie traten nach ~Johannes Müller~s Tode die übrigen Seiten etwas mehr in den Hintergrund oder wurden ganz vernachlässigt.
+Die psychologische Forschung+ wurde besonders durch die Physiologie der Sinnesorgane, in der die genialen Untersuchungen von ~Helmholtz~, ~Wundt~ und ~Hering~ zu den wichtigsten Ergebnissen führten, sowie durch die Physiologie des Zentralnervensystems der höheren Wirbeltiere gefördert, welche durch die epochemachenden Arbeiten von ~Flourens~ (1794–1864), ~Hitzig~ (1838–1903), ~Munk~, ~Goltz~ (1834–1900), ~Schäfer~, ~Richet~, ~Horsley~, ~Sherrington~, ~Langley~ und anderen ausgebaut wurde. Der Versuch ~Preyer~s (1841–1897), die Bewußtseinsvorgänge des Menschen in ihrer Entwicklung während der ersten Lebensjahre zu verfolgen, ist leider lange Zeit ziemlich vereinzelt geblieben und wird erst in allerletzter Zeit im Hinblick auf praktisch-pädagogische Interessen von neuem mit Eifer wieder aufgenommen, in dem mächtig sich entwickelnden Gebiete der Kinderforschung.
Den +allgemeinen Fragen+ der Physiologie wurde anfangs nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Die „Allgemeine Physiologie des körperlichen Lebens“ von ~Lotze~ (1851) war zwar rein spekulativ und behandelte die physiologischen Fragen vom Standpunkt des Philosophen, aber sie hätte dennoch der experimentellen Physiologie jener Zeit in wichtigen Fragen manche wertvolle Anregung bieten müssen, wenn das Interesse für allgemeine Probleme in der exakten Wissenschaft größer gewesen wäre. Die ausgezeichneten Arbeiten von ~Charles Robin~: „Chimie anatomique et physiologique“ (1853) und „Anatomie et physiologie cellulaires“ (1873) sind, obwohl sie schon einen zusammenhängenden Abriß der Anatomie und Physiologie der Zelle boten, leider ebenfalls von physiologischer Seite nur wenig gewürdigt worden. Auch die zellularpathologischen Untersuchungen und Ideen ~Rudolph Virchow~s („Zellularpathologie“ 1858), welche die Vorstellungen der ganzen Medizin von Grund aus umwälzten, haben, trotzdem sie die enorm praktische Bedeutung allgemein-physiologischer Untersuchungen an der Zelle auf das augenfälligste zeigten, doch bis vor kurzer Zeit auf die Entwicklung der Physiologie kaum den geringsten Einfluß gehabt, weil die Physiologie durch Fragen speziellerer Art kaptiviert war. Mehr Aufmerksamkeit erregten dagegen die „Leçons sur les phénomènes de la vie communs aux animaux et végétaux“ ~Claude Bernard~s (1878), die eine Reihe von allgemeinen Lebensfragen in klassischer Form, wenn auch etwas ungleichmäßig, behandelten. Gleichmäßiger suchte ~Preyer~ die Fragen der allgemeinen Physiologie zu erörtern in seinen „Elementen der allgemeinen Physiologie“ (1883), die sich aber leider mit einem kurzen schematischen Abriß des Gebietes begnügten. Die Physiologie der Zelle erfuhr in jüngster Zeit mancherlei wichtige Förderung durch die moderne Entwicklung der physikalischen Chemie. Die wichtigsten Anwendungen dieses Gebietes auf die Probleme der Zellphysiologie hat ~Höber~ in seinem Werke: „Physikalische Chemie der Zelle und der Gewebe“ (1902) in dankenswerter Weise zusammengestellt. Schließlich lieferten die Untersuchungen der Histologen und Zoologen manchen Beitrag zur Physiologie der Zelle, und besonders wurde die Physiologie der Fortpflanzung, Befruchtung, Entwicklung und Vererbung in unserer Zeit von dieser Seite ganz der eigentlichen Physiologie abgenommen und mit großem Erfolg zu einem selbständigen Gebiet ausgebaut. „Die Zelle und die Gewebe“ von ~O. Hertwig~ (1892), die „Gesammelten Abhandlungen über Entwicklungsmechanik“ von ~W. Roux~ (1895), „La structure du protoplasme et les théories sur l’hérédité etc.“ von ~Yves Delage~ (1895), „Praxis und Theorie der Zellen- und Befruchtungslehre“ von ~V. Haecker~ (1899), sowie „Morphologie und Biologie der Zelle“ (1904) von ~Gurwitsch~, liefern Zusammenfassungen der großen Leistungen auf diesem speziellen Gebiet.
Die +vergleichende Methode+ wurde seit ~Johannes Müller~ in der Physiologie lange Zeit völlig vernachlässigt, man müßte denn die wenigen Arbeiten, die hin und wieder an anderen Versuchstieren als dem üblichen Hund, Kaninchen oder Frosch ausgeführt wurden, als vergleichende betrachten. Erst in unserer Zeit beginnt sich die Erkenntnis wieder von neuem Bahn zu brechen, daß die Verwendung der vergleichenden Methode unumgänglich ist, wenn man nicht aus den Befunden an den traditionellen Versuchstieren zu einseitigen und falschen Verallgemeinerungen gelangen will. Die Untersuchungen von ~Kühne~, ~Max Verworn~, ~Loeb~, ~v. Fürth~, ~Pütter~ u. a. haben gezeigt, wie unentbehrlich die vergleichende Methode gerade für die Bearbeitung allgemein-physiologischer Fragen ist.
Unabhängig von der übrigen Physiologie entwickelte sich indessen die +Pflanzenphysiologie+ zu einer selbständigen blühenden Wissenschaft, ja, die ausgezeichneten Arbeiten von ~Hofmeister~, ~Nägeli~, ~Sachs~, ~Pfeffer~, ~Strasburger~, ~Berthold~, ~Stahl~, ~Detmer~, ~Wiesner~, ~Haberland~, ~Molisch~ u. a. haben sie in neuerer Zeit zu dem vollkommensten Zweige der Physiologie überhaupt gemacht. Es liegt dies einerseits an dem Umstand, daß alle Lebensverhältnisse in der Pflanze bedeutend einfacher und übersichtlicher sind als im tierischen Organismus, andererseits aber auch daran, daß sich die Pflanzenphysiologie gewisse Erfahrungen der Naturwissenschaft zu Nutzen gemacht hat, die in der Tierphysiologie teils gar nicht, teils erst in letzter Zeit Verwendung gefunden haben.
Es sind besonders drei der größten Entdeckungen des verflossenen Jahrhunderts, von deren weiterer Auswertung die Physiologie noch immer große Erfolge erwarten darf.
Die eine dieser gewaltigen Entdeckungen ist das bereits von ~Robert Mayer~ (1814–1878) mit Bestimmtheit ausgesprochene, von ~Helmholtz~ in umfassendster Weise begründete +Gesetz von der Erhaltung der Energie+. Die modernen chemischen Untersuchungen hatten bereits zur Erkenntnis des +Gesetzes von der Erhaltung des Stoffes+ geführt, indem sie zeigten, daß die Stoffmenge in der Welt eine konstante sei. Das Gesetz von der Erhaltung der Energie wies die gleiche Konstanz für die Summe des Arbeitskapitals im Weltall nach. „Energie“ kann ebensowenig vernichtet oder neugebildet werden wie Stoff, und wo uns Energie zu verschwinden oder zu entstehen scheint, da geht sie in Wirklichkeit nur aus einer Form in die andere über.