Part 2
A. Die älteste Zeit 7. -- B. Das Zeitalter ~Galens~ 9. -- C. Das Zeitalter ~Harvey~s 12. -- D. Das Zeitalter ~Haller~s 16. -- E. Das Zeitalter ~Johannes Müller~s 20.
III. +Die Methode der physiologischen Forschung+ 29
A. Das bisherige Ergebnis der physiologischen Forschung 29. -- B. Erkenntniskritik. 32. 1. ~Du Bois-Reymonds~ Grenzen des Naturerkennens 32. 2. Erkenntnistheoretischer Konditionismus 35. 3. Körperwelt und Psyche 41. -- C. Der Vitalismus 47. -- D. Zellularphysiologie 53.
=Zweites Kapitel: Von der lebendigen Substanz= 63
I. +Die Zusammensetzung der lebendigen Substanz+ 64
A. Die Individualisation der lebendigen Substanz 65. 1. Die Zelle als Elementarorganismus 65. 2. Allgemeine und spezielle Zellbestandteile 73. 3. Mehrkernige Zellen und Syncytien 83. -- B. Die morphologische Beschaffenheit der lebendigen Substanz 87. 1. Form und Größe der Zelle 87. 2. Das Protoplasma 92. a) Die geformten Bestandteile 93. b) Die Grundsubstanz des Protoplasmas 97. 3. Der Zellkern oder Nucleus 100. a) Die Gestalt des Zellkerns 101. b) Die Substanzen des Zellkerns 102. c) Die Struktur der Kernsubstanzen 106. -- C. Die chemischen Eigenschaften der lebendigen Substanz 107. 1. Die organischen Elemente 107. 2. Die chemischen Verbindungen der Zelle 110. a) Die Eiweißkörper 111. b) Die Kohlehydrate 122. c) Die Fette 125. d) Die anorganischen Bestandteile der lebendigen Substanz 126. e) Die Verteilung der Stoffe auf Protoplasma und Kern. 127. -- D. Die physikalischen Eigenschaften der lebendigen Substanz 129. 1. Die Konsistenz der lebendigen Substanz 129. 2. Membranfunktionen und osmotische Eigenschaften der Zelle 134. 3. Das spezifische Gewicht der lebendigen Substanz 139. 4. Die optischen Eigenschaften der lebendigen Substanz 140.
II. +Lebendige und leblose Substanz+ 142
A. Organismen und anorganische Körper 143. 1. Morphologische Unterschiede 143. 2. Genetische Unterschiede 144. 3. Physikalische Unterschiede 147. 4. Chemische Unterschiede 149. -- B. Lebendige und leblose Organismen 151. 1. Leben und Scheintod 151. 2. Leben und Tod 158.
=Drittes Kapitel: Von den elementaren Lebensäußerungen= 163
I. +Der Stoffwechsel+ 165
A. Die Aufnahme von Stoffen 165. 1. Die Nahrungsstoffe 165. 2. Der Modus der Nahrungsaufnahme von seiten der Zelle 169. -- B. Die Umsetzung der aufgenommenen Stoffe 176. 1. Extrazellulare und intrazellulare Verdauung 177. 2. Die Fermente und ihre Wirkungsweise 182. 3. Assimilation und Dissimilation 189. a) Assimilation 189. b) Dissimilation 194. -- C. Die Abgabe von Stoffen 199. 1. Der Modus der Stoffabgabe von seiten der Zelle 200. 2. Sekret- und Exkretstoffe 204. a) Sekrete 205. b) Exkrete 207.
II. +Die Formbildung+ 212
A. Die phylogenetische Entwicklungsreihe 212. 1. Die Vererbung 214. 2. Die Anpassung 218. B. Die ontogenetische Entwicklungsreihe 225. 1. Wachstum und Fortpflanzung 226. 2. Die Formen der Zellteilung 229. a) Die direkte Zellteilung 229. b) Die indirekte Zellteilung 230. 3. Die Befruchtung 236. 4. Die Entwicklung des vielzelligen Organismus 244.
III. +Der Energieumsatz+ 249
A. Die allgemeinen Gesetze der Energetik 249. 1. Die Formen der Energie 249. 2. Das Gesetz von der Erhaltung der Energie. „Erster Hauptsatz“ 251. 3. Der „zweite Hauptsatz“ 252. 4. Das Wärmemaß der Energie 254. -- B. Die Einfuhr von Energie in den Organismus 255. 1. Das Gesetz des Energieumsatzes bei chemischen Prozessen 255. 2. Die Zufuhr chemischer Energie 258. 3. Die Zufuhr von Licht 260. 4. Die Zufuhr von Wärme 261. -- C. Die Energieproduktion des Organismus 262. 1. Die Produktion mechanischer Energie 262. a) Passive Bewegungen 263. b) Bewegungen durch Quellung der Zellwände 266. c) Bewegungen durch Veränderung des Zellturgors 268. d) Bewegungen durch Veränderung des spezifischen Gewichts 271. e) Bewegungen durch Sekretion 274. f) Bewegungen durch Wachstum 276. g) Bewegungen durch Kontraktion und Expansion 276. Die amöboide Bewegung 277. Die Muskelbewegung 283. Die Flimmerbewegung 289. 2. Die Produktion von Licht 297. 3. Die Produktion von Wärme 303. 4. Die Produktion von Elektrizität 307.
=Viertes Kapitel: Von den allgemeinen Lebensbedingungen= 319
I. +Die jetzigen Lebensbedingungen auf der Erdoberfläche+ 321
A. Die allgemeinen äußeren Lebensbedingungen 321. 1. Die Nahrung 321. 2. Das Wasser 328. 3. Der Sauerstoff 330. 4. Die Temperatur 340. 5. Der osmotische Druck 347. 6. Der mechanische Druck 350. -- B. Die allgemeinen inneren Lebensbedingungen 354.
II. +Die Herkunft des Lebens auf der Erde+ 357
A. Die Theorien über die Herkunft des Lebens auf der Erde 358.
1. Die Lehre von der Urzeugung 358. 2. Die Lehre von den Kosmozoen 360. 3. ~Preyer~s Theorie von der Kontinuität des Lebens 362. 4. ~Pflüger~s Vorstellung 364. 5. Die Hypothese von ~F. J. Allen~ 367. -- B. Kritisches 369. 1. Ewigkeit oder Entstehung der lebendigen Substanz 369. 2. Die Deszendenz der lebendigen Substanz 373.
III. +Die Geschichte des Todes+ 379
A. Die Vorgänge der Nekrobiose 380. 1. Histolytische Prozesse 381. 2. Metamorphotische Prozesse 390. -- B. Die Bedingungen des Todes 397. 1. Aeußere und innere Todesbedingungen 397. 2. Die Frage nach der körperlichen Unsterblichkeit 401.
=Fünftes Kapitel: Von den Reizen und ihren Wirkungen= 408
I. +Das Wesen der Reizung+ 410
A. Das Verhältnis der Reize zu den Lebensbedingungen 410. 1. Der Begriff des Reizes 410. 2. Die Reizqualitäten 411. 3. Die Reizintensität 413. 4. Die sogenannten „trophischen“ Reize 415. -- B. Die Reizbarkeit der lebendigen Substanz 417. 1. Der Begriff der Reizbarkeit und die Art der Reizwirkungen 417. 2. Die Dauer der Reizwirkungen 420. 3. Die Fortleitung des Reizerfolges 424.
II. +Die Reizwirkungen an der Zelle+ 428
A. Die Wirkungen der verschiedenen Reizqualitäten 429. 1. Die Wirkungen chemischer Reize 429. a) Erregungswirkungen 429. b) Lähmungswirkungen 435. 2. Die Wirkungen osmotischer Reizung 444. a) Erregungswirkungen 445. b) Lähmungswirkungen 446. 3. Die Wirkungen mechanischer Reize 446. a) Erregungswirkungen 447. b) Lähmungswirkungen 456. 4. Die Wirkungen thermischer Reize 457. a) Erregungswirkungen 458. b) Lähmungswirkungen 463. 5. Die Wirkungen strahlender Reize 467. Die Wirkungen der Lichtstrahlen 467. a) Erregungswirkungen 470. b) Lähmungswirkungen 475. Die Wirkungen der ~Röntgen~-Strahlen 476. Die Wirkungen der ~Becquerel~-Strahlen 478. 6. Die Wirkungen elektrischer Reize 480. a) Erregungswirkungen 489. b) Lähmungswirkungen 504. -- B. Die bewegungsrichtenden Wirkungen einseitiger Reizung 506. 1. Chemotaxis 507. 2. Barotaxis 518. 3. Phototaxis 527. 4. Thermotaxis 532. 5. Galvanotaxis 535. -- C. Die Wirkungen der Ueberreizung 542. 1. Ermüdung und Erschöpfung 542. 2. Das Refraktärstadium 558. 3. Die scheinbare Erregbarkeitssteigerung durch Reize 562. 4. Tod durch Ueberreizung 565. -- D. Die spezifische Energie der lebendigen Substanz 568.
=Sechstes Kapitel: Vom Mechanismus des Lebens= 572
I. +Der Lebensvorgang+ 573
A. Der Stoffwechsel des Biogens 574. 1. Das Biogen 574. 2. Die Frage nach der Rolle des Sauerstoffs im Stoffwechsel 584. 3. Der Biotonus 586. -- B. Die Wirkung der Reize auf den Stoffwechsel des Biogens 590. 1. Die Veränderungen des Biotonus unter dem Einfluß von Reizen 590. 2. Die Selbststeuerung des Stoffwechsels und das Massenwirkungsgesetz 593. 3. Funktioneller und cytoplastischer Stoffwechsel 596. 4. Die Interferenz von Reizwirkungen 602. 5. Die polaren Veränderungen des Biotonus und der Mechanismus der Achseneinstellung bei einseitiger Reizung 608.
II. +Die Mechanik des Zelllebens+ 618
A. Die Rolle des Kerns und Protoplasmas im Leben der Zelle 619. 1. Die Theorie von der Alleinherrschaft des Kerns in der Zelle 619. 2. Kern und Protoplasma als Glieder in der Stoffwechselkette der Zelle 626. -- B. Ableitung der elementaren Lebensäußerungen aus dem Stoffwechsel der Zelle 633. 1. Die Stoffwechselmechanik der Zelle 633. a) Stoffwechselschema der Zelle 633. b) Mechanik der Aufnahme und Abgabe von Stoffen 639. 2. Die Formbildungsmechanik der Zelle 649. a) Das Wachstum als Grundvorgang der Formbildung 649. b) Entwicklungsmechanik 666. c) Struktur und Flüssigkeit 671. d) Vererbungsmechanik 677. 3. Die Mechanik des Energieumsatzes in der Zelle 679. a) Der Energiekreislauf in der organischen Welt 679. b) Das Prinzip des chemischen Energieumsatzes in der Zelle 683. c) Die Energiequelle der Muskelarbeit 686. d) Theorie der Kontraktions- und Expansionsbewegungen 692.
III. +Die Verfassungsverhältnisse des Zellstaates+ 702
A. Selbständigkeit und Abhängigkeit der Zellen 703. -- B. Differenzierung und Arbeitsteilung der Zellen 709. -- C. Zentralisation der Verwaltung 712.
+Sachverzeichnis+ 722
Erstes Kapitel.
Von den Zielen und Wegen der physiologischen Forschung.
I. +Das Problem der Physiologie.+
II. +Die Entwicklungsgeschichte der physiologischen Forschung.+
A. Die älteste Zeit.
B. Das Zeitalter ~Galens~.
C. Das Zeitalter ~Harveys~.
D. Das Zeitalter ~Hallers~.
E. Das Zeitalter ~Johannes Müllers~.
III. +Die Methode der physiologischen Forschung.+
A. Das bisherige Ergebnis der physiologischen Forschung.
B. Erkenntniskritik.
1. ~Du Bois-Reymonds~ Grenzen des Naturerkennens.
2. Erkenntnistheoretischer Konditionismus.
3. Körperwelt und Psyche.
C. Der Vitalismus.
D. Zellularphysiologie.
Was die Menschheit von jedem Einzelgebiet des gesamten Kulturlebens verlangt, ist ein von höher gelegenem Standpunkt aus gewonnener Ueberblick über seine Ziele und Erfolge, gewissermaßen eine Landkarte, die jeden Augenblick zur Orientierung dienen, die mit den Landkarten anderer Gebiete harmonisch zu einem großen Gesamtbilde, zu einer Weltanschauung, vereinigt werden kann.
Vor allem ist diese Forderung berechtigt gegenüber den Naturwissenschaften, deren enorme Entwicklung das Kulturleben unserer Zeit so mächtig beeinflußt hat.
Zwei gewaltige Bedürfnisse der Menschheit sind es, zu deren Befriedigung beizutragen Zweck der Naturforschung ist: ein +praktisches+, das Streben nach zweckmäßiger und angenehmer Ausgestaltung der äußerlichen Lebensverhältnisse -- die hohe Entwicklung der modernen Technik und Medizin legt Zeugnis ab für die Leistungsfähigkeit der Naturforschung in dieser Hinsicht --, und ein +theoretisches+, das mit der Höhe der Kultur gesteigerte Streben nach einer widerspruchslosen Welt- und harmonischen Lebensauffassung. Beide sind mächtig, wenn auch verschieden je nach der Persönlichkeit des einzelnen Menschen. Die Menschheit darf von der Naturwissenschaft verlangen, daß sie diesen Zweck nie aus dem Auge verliert und daß sie ihre Stellung zu den übrigen Seiten des menschlichen Lebens nicht verkennt, eine Gefahr, die bei der ungeheuren Ausdehnung, die auch die speziellsten Spezialgebiete innerhalb der Naturwissenschaften angenommen haben, gerade jetzt bedenklich wächst.
+Einseitige+ Spezialforschung verfällt stets in diesen Fehler. Sie führt weit ab in unfruchtbare Gefilde, verliert selbst mit den Nachbargebieten mehr und mehr die Fühlung und wird schließlich unfähig, an den allgemeinen Aufgaben der Wissenschaft mitzuarbeiten. Es bedarf wohl nicht der Erwähnung, daß es verkehrt wäre, alle Spezialforschung zu verwerfen. +Gesunde+ Spezialforschung ist gerade ein Hauptfaktor für den Fortschritt der Wissenschaft, denn ohne Spezialuntersuchungen gewinnt man keine allgemeineren Erkenntnisse. Aber es ist ein Unterschied, ob man spezielle Untersuchungen ausführt, um dadurch ein Problem lösen zu helfen, das einem praktischen oder theoretischen Bedürfnis des Lebens entgegenkommt, oder ob man Spezialarbeiten macht, die einem der Zufall oder irgend welcher äußerliche Umstand in die Hände spielt, um zu sehen, ob und was dabei herauskommen wird. Das erste ist +wissenschaftliche Forschung+, das zweite lediglich +Zeitvertreib+. +Die einseitige+ Spezialforschung trägt keinem der großen Bedürfnisse des Menschen Rechnung und bringt die Wissenschaft schließlich auf den wenig neideswerten Standpunkt des Famulus Wagner.
Es ist ein unbedingtes Erfordernis für den Fortschritt einer Wissenschaft, daß die Spezialarbeit das allgemeine Ziel, die große Aufgabe fest im Auge behält, damit eine planmäßige, methodische Forschung entsteht. Das ist nur möglich, wenn der Forscher einen Ueberblick über das Gesamtgebiet besitzt, eine Landkarte, auf der die kleinen unbedeutenden Gegenstände verschwinden, auf der in großen Zügen nur die wichtigen und bedeutungsvollen Tatsachen, Anschauungen, Probleme zu einem übersichtlichen Bilde zusammentreten.
Eine solche Uebersicht über die Ziele und Wege und Errungenschaften braucht aber nicht allein der einzelne Forscher, eine solche Uebersicht, nicht eine Summe von zusammenhangslosen Einzeltatsachen, verlangt jeder Gebildete, um für sich aus der Wissenschaft herauszufinden, was er für die praktischen oder theoretischen Bedürfnisse seines Lebens verwerten kann, denn die +Wissenschaft ist dem Leben dienstbar, nicht das Leben der Wissenschaft+.
I. Das Problem der Physiologie.
Das frühe griechische Altertum verband mit dem Worte „φύσις“ den Begriff aller lebendigen Natur, eine Bedeutung, die in reinster Form noch in den Gesängen ~Homer~s zum Ausdruck kommt. Allein der mit dem Worte verknüpfte Begriff hat seitdem mannigfache Wandlungen erfahren. Schon frühzeitig wurde die ursprüngliche Bedeutung verallgemeinert, und bereits die Blütezeit griechischer Bildung bezeichnete die jonischen Philosophen, die ältesten Naturforscher Griechenlands, als „φυσιόλογοι“, indem sie den Begriff φύσις auf die gesamte Natur übertrug. Später, mit der Lostrennung der +Physik+ als eigener Wissenschaft im jetzigen Sinne, ist der Begriff wieder enger gefaßt worden, aber in anderer Weise, indem er speziell auf die unbelebte Natur beschränkt wurde, so daß er jetzt grade die entgegengesetzte Bedeutung trägt wie ursprünglich.
Faßt man den Begriff φύσις in seiner eigentlichen ursprünglichen Bedeutung, so bringt der Name „+Physiologie+“ das Wesen der Wissenschaft, die er bezeichnet, völlig zutreffend zum Ausdruck, und es ist nicht nötig, ihn durch das neuere Wort „Biologie“ zu ersetzen, mit dem heute sehr verschiedenartige Vorstellungen verbunden werden.
Die Physiologie ist demnach die Lehre von den Vorgängen in der lebendigen Natur, und somit ist ihre Aufgabe „+die Erforschung des Lebens+“.
Trotz der scheinbaren Einfachheit dieser Aufgabe arbeitet die physiologische Forschung schon jahrhundertelang an ihrem Problem. Indessen bedarf es nur einer oberflächlichen Ueberlegung, wenn man sich die Schwierigkeiten klar machen will, die darin enthalten sind. Es ist nur nötig, die Ausdrücke „Leben“ und „Erforschen“, die in dieser Verbindung zunächst als bloße Worte erscheinen, mit Vorstellungsinhalt zu füllen.
* * *
Fassen wir zunächst das Objekt der Physiologie ins Auge, das „+Leben+“. Der Unbefangene knüpft gewöhnlich an dieses Wort eine Summe von Vorstellungen, die sich auf Aeußerungen sekundärer Natur beziehen, weil er nur an die im täglichen Leben ihm fortwährend bemerkbaren weiteren +Folgen+ der primären Lebensvorgänge denkt. Ihm ist der Begriff „Leben“ gefüllt mit verschiedenen Beschäftigungen, mit Arbeiten, mit Vergnügen, mit Gehen, Fahren, Lesen, Sprechen, Essen, Trinken etc., von denen je nach Beruf und Individualität des einzelnen die eine oder andere Tätigkeit als wesentlicher Teil seines Lebens in den Vordergrund tritt. Aber die ganze Fülle der verschiedenartigen Beschäftigungen des täglichen Lebens stellt nur Kombinationen einiger weniger einfacherer Lebensäußerungen vor. Suchen wir daher die Entwicklung des Begriffs „Leben“ bis in die graue Urzeit zurück zu verfolgen, wo der Mensch noch nichts ahnte von allen jenen Beschäftigungen, welche die hochentwickelte Kultur im Gefolge hat, wo er eben erst anfing, über sich und die ihn umgebende Welt nachzudenken, so gelangen wir zu dem Ergebnis, daß der Begriff des Lebens nur aus der Zusammenfassung einer Reihe von einfacheren Vorgängen entsprungen sein kann, die der Urmensch durch Selbstbeobachtung fand, vor allem solcher Vorgänge, die mit augenfälligen +Bewegungen+ verbunden sind, wie die Ortsbewegung, das Atmen, die Ernährung, der Herzschlag und anderes mehr. In der Tat ist es auch nicht schwer, die verwickelten Beschäftigungen unseres heutigen Lebens in ihre einfacheren Bestandteile zu zerlegen, und zu erkennen, daß die ganze Mannigfaltigkeit sich aufbaut aus der verschiedenen Zusammensetzung einer geringen Zahl von einfacheren Lebensäußerungen, wie Ernährung und Atmung, Wachstum und Fortpflanzung, Bewegung und Wärmebildung etc. Wenn wir den Begriff Leben in dieser Weise als eine Summe gewisser primärer Vorgänge fassen, würde die Physiologie also die Aufgabe haben, diese einfachen Lebensvorgänge festzustellen, zu untersuchen und zu erklären.
Wir müssen uns indessen erinnern, daß wir uns hierbei gemäß der Entwicklung des Lebensbegriffs zunächst auf die Lebensäußerungen des Menschen beschränkt haben, daß aber das Gebiet des Lebens ein weit größeres ist. Tiere und Pflanzen zeigen ebenfalls Lebensäußerungen, und es fragt sich, ob diese sich hier überall ebenso verhalten wie beim Menschen, oder ob etwa einige fehlen, andere neu hinzukommen oder abweichen. Es müssen also +alle+ lebendigen Organismen in den Kreis der physiologischen Forschung hineingezogen werden, und die Blume und der Wurm muß ebenso gut ihr Objekt sein wie der Mensch. Es ist daher die erste Pflicht der Physiologie, das Gebiet des Lebendigen abzustecken und festzustellen, was lebendig, was nicht lebendig ist. Allein dieses Unternehmen ist schwieriger als es scheint.
Der Inhalt des Begriffs „Leben“ ist nicht zu allen Zeiten derselbe gewesen. Er hat sich wesentlich im Laufe der Entwicklung des Menschengeschlechts verändert. Schon früh ist der Begriff vom Menschen, an dem er gebildet war, übertragen worden auf andere Dinge. Die Urvölker haben den Begriff viel weiter gefaßt als wir, sie nannten lebendig, was wir jetzt nicht mehr als belebt betrachten. Gestirne und Feuer, Wind und Welle waren für sie belebte und beseelte Wesen und wurden in anthropomorpher Weise personifiziert. Das zeigen uns noch die heute lebenden primitiven Volksstämme, und den Rest davon finden wir in der Mythologie der klassischen Völker und unseres eigenen Volkes. Im Laufe der Kulturentwicklung hat man zwar immer schärfer unterschieden zwischen lebendig und leblos, aber noch heute kann man beobachten, daß ein Kind eine Dampfmaschine für ein lebendiges Tier hält. Das Kind richtet sich dabei, mehr oder weniger bewußt, nach demselben Kriterium wie die Urvölker, die das flackernde Feuer und die wogende Welle für belebt hielten, nach dem Kriterium der Bewegung. Die Bewegung ist in der Tat auch für den heutigen Menschen von allen Lebensäußerungen diejenige, die am meisten den Eindruck des Lebendigen hervorruft.
Doch das sind primitive Völker und Kinder, wird man sagen. Der in der Erfahrung des Lebens geschulte Kulturmensch wird im gegebenen Fall stets mit Leichtigkeit entscheiden, ob lebendig oder ob leblos. Indessen, auch das trifft durchaus nicht überall zu. Sind trockene Samenkörner lebendig oder leblos? Ist eine Linse, die jahrelang unverändert im Küchenschrank gelegen hat, lebendig? Die Naturforscher sind selbst nicht immer in dieser Frage einig gewesen. Lebensäußerungen zeigt sie nicht, aber sie kann jeden Augenblick dazu veranlaßt werden, wenn sie in feuchte Erde gesteckt wird. Dann keimt sie und wächst und entwickelt sich zur Pflanze.
Viel schwieriger noch wird aber die Entscheidung, ob lebendig oder ob leblos, wenn es sich um Objekte handelt, die man nicht täglich im Leben zu sehen gewöhnt ist, z. B. um gewisse mikroskopische Dinge. Es bedarf häufig einer tagelangen Beobachtung und sehr eingehender Untersuchungen, um zu entscheiden, ob in einer Flüssigkeit feinste Teilchen, die man bei mikroskopischer Beobachtung findet, leben oder nicht. Entnehmen wir einer Flasche Weißbier einen Tropfen des Bodensatzes und betrachten wir ihn unter dem Mikroskop, so werden wir finden, daß in der Flüssigkeit eine Unzahl kleiner, blasser Kügelchen enthalten ist, häufig zu zweien und dreien aneinander hängend, die, so lange man sie auch beobachtet, in vollkommener Ruhe verharren und keine Spur von Bewegungen oder sonstigen Veränderungen zeigen. Ganz ähnliche kleine Kügelchen beobachten wir unter dem Mikroskop in einem Tropfen Milch. Beide Arten von Kügelchen sind nur bei stärkeren Vergrößerungen von einander zu unterscheiden. Bei der geduldigsten und andauerndsten Beobachtung unter dem Mikroskop läßt sich an beiden keine Andeutung von Lebensäußerungen erkennen, und doch sind beide Objekte so grundverschieden wie ein lebendiger Organismus von einem leblosen Körper; denn die Kügelchen aus der Bierhefe sind +Hefezellen+ (+Saccharomyces cerevisiae+), die Gärungserreger des Bieres, vollständig entwickelte, einzellige, lebendige Organismen; die Kügelchen aus der Milch dagegen sind leblose +Fetttröpfchen+, die durch ihre massenhafte Anwesenheit der Milch infolge ihrer allseitigen Reflexion des Lichtes die weiße Farbe geben. Als Gegenstück zu diesen beiden Präparaten können wir ein drittes machen. In der Leibeshöhle des Frosches liegen zu beiden Seiten der Wirbelsäule zwischen den seitlichen Fortsätzen der Wirbel kleine, weißgelb erscheinende Klümpchen. Nehmen wir mit dem Messer aus einem solchen Gebilde etwas von seinem Inhalt heraus, tun wir es mit einem Wassertropfen auf einen Objektträger und bedecken wir das Ganze mit einem Deckgläschen, so sehen wir bei starker Vergrößerung mit dem Mikroskop eine große Menge kleiner Körnchen und kurzer Stäbchen von verschiedener Größe, die sich rastlos in zitternder und tanzender Bewegung ergehen, die kleineren sehr lebhaft, die größeren langsamer. Jeder Unbefangene, der vor die drei Präparate gestellt und gefragt wird, welches von den drei Objekten er für lebendig hält und welches für leblos, bezeichnet unfehlbar die Hefezellen und Fetttröpfchen für leblos, die tanzenden Körnchen dagegen für lebendig, und doch sind letztere nichts weiter als kleine +Kriställchen+, so leicht, daß sie durch äußerst feine Bewegungen der Wasserteilchen, wie sie in jeder Flüssigkeit vorhanden sind, passiv in zitternde Bewegung versetzt werden. Das Symptom der Bewegung, die man auf eine innere „Ursache“ zurückzuführen geneigt ist, weil man keinen äußeren Anlaß sieht, verführt hier zur Annahme des Lebens, und solche Beispiele lassen sich in unbegrenzter Zahl finden.
Es ist also unter Umständen durchaus nicht leicht, Lebendiges von Leblosem zu unterscheiden, und es ist demnach klar, daß es die +erste Pflicht der Physiologie sein muß, die Kriterien für eine solche Unterscheidung aufzusuchen, und ihr Forschungsobjekt, das Leben, gegenüber den Vorgängen der leblosen Natur begrifflich zu begrenzen+.
* * *
Nicht minder groß sind die Schwierigkeiten, auf die wir stoßen, wenn wir uns den zweiten Begriff ansehen, der in der Aufgabe der Physiologie steckt, das „+Erforschen+“. Was heißt Erforschen oder Erklären?